DER AKTUELLE KINOTIPP

     

     

     

     

     

    -- ärgerlich

    - nicht zu empfehlen

    o kann man sich ansehen

    + sollte man gesehen haben

    ++ hervorragend

     

    (26.09.2019)

     

    o „Midsommar“ von Ari Aster – USA 2019 - 143 Min.

    Die amerikanischen Studenten Dani und Christian verbringen gemeinsam mit ihrer Clique die Sommersonnenwende in einem abgelegenen schwedischen Ort. Sie erwarten ein einmaliges Mittsommerfestival nach überlieferten Ritualen. Eingeladen hat eine illustre, versponnene Dorfgemeinschaft mit eigenwilligen Lebensformen und religiösem Gehabe

    Eine auf den ersten Blick nette, hilfsbereite und überaus freundliche Kommune lebensbejahender Menschen, die gerne weißgekleidet auf grünem Grund umherhüpft,

    verwandelt sich gegen Ende des Films zu einer geifernden, gaffenden, verzückt und verstört taumelnder Meute, die mit großer Begeisterung und Anteilnahme einer grotesken rituellen Opferverbrennung beiwohnt. Wer nicht in die Gemeinschaft passt, stirbt den Feuertod.

    Nur eine Person überlebt; nicht schwer zu raten, wer es ist. Regisseur Asters alptraumhaftes filmisches Märchen zeigt viel, erklärt wenig.

     

    ++ „Gelobt sei Gott“ von Francois Ozon – F/B 2019 – 137 Min.

    Aktueller und brennender geht’s nicht! Noch sind nicht alle Fragen im Umfeld des Missbrauchsskandals in Lyon beantwortet. Francois Ozon hat sie noch einmal scharfgestellt und die tatsachengetreuen Ereignisse in einem fiktionalen Film verarbeitet. Ein atemberaubender Film, dessen emotionale Wucht man sich kaum entziehen kann. Ausgangspunkt und Auslöser der Geschichte ist Alexandre; er lebt mit Frau und Kindern in Lyon. Eines Tages erfährt er per Zufall, dass der Priester, von dem er in seiner Pfadfinderzeit missbraucht wurde, immer noch mit Kindern arbeitet. Er beschließt zu handeln und bekommt bald Unterstützung von zwei weiteren Opfern. Gegenseitig geben sie sich Kraft und kämpfen gemeinsam dafür, das Schweigen, das über ihrem Martyrium liegt, zu brechen. Ihr Widerstand formiert sich und wird zu einer Lawine, die am Ende nicht mehr aufzuhalten ist.

    Der Film, der mit dem Großen Preis der Jury auf der Berlinale 2019 ausgezeichnet wurde, ist eine aufschlussreiche Bestandsaufnahme der Versäumnisse in der katholischen Kirche und zeichnet ein erschütterndes Bild von der Unverfrorenheit, mit der ihre „Würdenträger“ den Skandal vertuschen wollten.

     

    ++ „Nurejew – The White Crow“ von Ralph Fiennes – UK/F/Serbien 2018 – 122 Min.

    Der virtuose junge Tänzer Rudolf Nurejew ist der Star des Leningrader Kirow-Balletts, das im Paris in den 1960er Jahren die Zuschauer begeistert. Es ist die Zeit, in der sich der Kalte Krieg auf seinem Höhepunkt befand und die Sowjetunion ihre beste Tanzkompanie in den Westen schickte, um ihre künstlerische Stärke zu demonstrieren. Umschwärmt und vielbegehrt lässt sich der attraktive Tänzer vom kulturellen Leben der Stadt mitreißen und streift durch die Museen und Jazz-Clubs der Stadt. Den KGB-Agenten, die auf ihn aufpassen sollen, missfällt sein Verhalten. Als das Gastspiel in Paris endet und das Ensemble nach London weiterreist, will der sowjetische Geheimdienst ihn mit allen Mitteln nach Moskau zurückbringen. Doch Nurejew genießt den Geschmack der Freiheit und beschließt, in Frankreich politisches Asyl zu beantragen. Ein höchst riskantes Katz- und Mausspiel zwischen den KGB-Agenten und der französischen Polizei beginnt.

    Der Ausgang ist bekannt. Die Szenen auf dem Flughafen Le Bourget stehen im Mittelpunkt der Handlung und verdeutlichen die innere Zerrissenheit des jungen Nurejews, mit seiner alten und vertrauten Welt zu brechen und den Neuanfang zu wagen. Durch diverse Rückblenden wird sichtbar, wie eng und unwirtlich sein Zuhause war. Mit wenigen Strichen gelingt es dem Regisseur, die Kindheit und Jugendzeit von Nurejew in Leningrad und Moskau zu zeigen. Der Zuschauer bekommt einen Eindruck von den Lebensverhältnissen und der Allmacht des Staatsapparats, die Bürger zu unterdrücken und zu kontrollieren. Auch wenn sich Nurejew nur schwer von seiner Mutter und seinem Freundeskreis trennen kann, so ist sein Schritt nachvollziehbar. Seine Rolle wird eindrucksvoll von dem ukrainischen Weltklasse-Balletttänzer Oleg Ivenko interpretiert. Wer Nurejew selbst auf der Leinwand oder dem Bildschirm sehen will, der sei auf seine Rolle als „Valentino“ in den gleichnamigen Film von Ken Russel (USA 1976) hingewiesen.

     

    (19.09.2019)

     

    + „Ein Licht zwischen den Wolken“ von Robert Budina – Albanien 2018 – 84 Min.

    Gut zu wissen, dass es außerhalb des Marvel-Universum noch Filme gibt, die mit einer eigenen, unkonventionellen Handschrift kleine Geschichten erzählen, die auf größere Zusammenhänge verweisen. Schauplatz ist ein kleines, multikulturelles albanisches Bergdorf. Der Hirte Besnik ist ein frommer Muslim und dank der katholischen Mutter, dem kommunistischen Vater und den muslimischen und orthodoxen Familienangehörigen an Kompromisse gewöhnt. Als er zufällig in der Moschee hinter einem verborgenen Wandverputz eine christliche Heiligendarstellung entdeckt, erfährt er, dass die Moschee einst eine Kirche und für die Vorfahren ein gemeinsames Gotteshaus war. Was früher selbstverständlich war ist heute ein Frevel. Doch Besnik will an diese Tradition anknüpfen und löst damit heftige Diskussionen zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften und einen Aufruhr aus. Auch in seiner Familie gibt es Uneinigkeiten über die Vorgänge in der Moschee-Kirche. Besnik steht vor der Herausforderung, alle miteinander zu versöhnen.

    Der Film konzentriert sich auf den Charakter von Besnik, seine innere Welt, seine Gefühle in Bezug auf seine Gemeinschaft, Familie, Religion, Liebe, Gott und die Natur. Mit einfühlsamer Subtilität rückt er dabei divergierende Aspekte der Religiösität in den Focus; ein ungewöhnlicher Beitrag zu einer aktuellen Debatte, der mit großer Poesie und einer klar kadrierten Bildsprache von Orten des Glaubens und vom Obdach der Gemeinschaft erzählt. Ein Film, für den man sich Zeit nehmen muss

     

    (12.09.2019)

     

    + „Das Wunder im Meer von Sargasso“ von Syllas Tzoumerkas – EU 2019 – 121 Min.

    Produktionsländer sind Griechenland, Deutschland, Niederlande und Schweden. Ein Film über zwei Frauen. Elisabeth war eine vielversprechende, ehrgeizige Polizistin in Athen. Da sie sich nicht an korrupten Machenschaften beteiligen wollte, wurde sie als in das Provinznest Messolonghi versetzt. Sie ist einsam und meist verkatert. In der Lagunenstadt lebt schon immer die verschlossene Rita. Sie arbeitet in der örtlichen Fischzucht. Ihr Bruder Manolis ist eine lokale Größe im Showgeschäft und nutzt sie für seine Zwecke aus. Nach einer wilden Strandparty mit jeder Menge Drogen und Alkohol wird er am nächsten Morgen erhängt aufgefunden. Elisabeth, die ihrem Dienst nur widerwillig nachkommt, wird mit dem Fall betraut. Je weiter sie mit ihren Ermittlungen kommt, je mehr Details sie über Manolis mysteriösen Tod erfährt, desto klarer werden die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Frauen: beiden raus aus ihrem Milieu und wünschen sich einen Neuanfang in einer anderen Welt.

    Die unterschiedlichen Lebenswelten der beiden Protagonistinnen werden zunächst detailliert aufbereitet, bevor sie sich verbinden und zu einem überraschenden Ende führen. Eine bislang unterdrückte Gewalt eruptiert und zeigt die hässliche Fratze einer idyllischen Küstenstadt. Das alles wird von hervorragenden Darstellerinnen in atmosphärisch berauschen Bildern präsentiert. Syllas Tzoumerkas: „Die Landschaft im Film spiegelt die Seele seiner Figuren, es gibt da diese Kombination aus Schönheit und Hässlichkeit.“

     

    (29.08.2019)

     

    o „Paradise Hills“ von Alice Waddington – Spanien 2019 – 95 Min.

    Ort der Handlung ist ein Therapiezentrum für emotionale Heilung auf einer abgelegenen Insel. Frauen, die es sich leisten können, werden hier innerhalb kürzester Zeit perfektioniert mit den Zielsetzungen „Schönheit“, „Benehmen“, „Stimme“ und „Fitness“. Schöne Frauen in schönem Ambiente. Zu schön, um wahr zu sein. Ein Fantasy-Thriller, in dem schöne Bilder das Böse verdecken. Langeweile statt Spannung.

     

    + „Die Agentin“ von Yuval Adler – D/F/Israel 2019 – 116 Min.

    Eine Paraderolle für Diane Kruger: Sie spielt eine zwischen den Fronten balancierende israelische Agentin, die als Englischlehrerin in Teheran mit dazu beitragen soll, dem Iran fehlerhafte Bauteile für das Atomprogramm der Regierung unterzujubeln. Als Partner/Gegenspieler ist es Martin Freeman als ein in Großbritannien geborener Ex-Mossad-Agent. Gemeinsam ist beiden, dass sie keine Israelis sind, viele Sprachen aber kein Hebräisch sprechen und damit Außenseiter sind. Die Handlung ist kompliziert, mitunter verworren; sie zieht sich durch verschiedene Länder und Zeitebenen und wirkt, als sei eine Netflix-Serie zum Spielfilm-Format gekürzt worden. Auch die (wahren) Motive der Protagonisten bleiben rätselhaft. Aber spannend ist dieser Spionage-Thriller allemal. Für Atmosphäre und Authentizität sorgt die Romanvorlag, deren Autor Yiftach Reicher Atir ein ehemaliger israelischer Geheimdienstmitarbeiter war.

     

    (22.08.2019)

     

    + „Endzeit“ von Carolina Hellsgard – D 2018 – 90 Min.

    Zwei Jahre nachdem Zombies die Erde überrannt haben, sind Weimar und Jena dank eines Schutzzauns die vermutlich letzten Orte menschlicher Zivilisation. Die beiden jungen Frauen Vivi und Eva müssen, als sie sich schutzlos zwischen den beiden Städten auf freiem Feld wiederfinden, wohl oder über gemeinsam den Kampf gegen die Untoten und den Dämonen ihrer Vergangenheit aufnehmen. Ihre Reise führt sie in die Apokalypse, in der die Abwesenheit der Menschen eine berauschend schöne Natur die Oberhand zurückerobert hat, was ihr einst gehörte.

    Die Weimarer Autorin Olivia Vieweg, auf deren gleichnamiger Graphic Novel der Film basiert, gibt ihr beachtliches Drehbuchdebüt für einen Film, der von Frauen gespielt, inszeniert und produziert wurde. Thüringen mit seinen Burgen, Bergen und Wäldern ist der ideale Schauplatz für Märchen und Legenden – nicht zuletzt wegen der vielen Märchenfilme, die hier dank der Mitteldeutschen Medienförderung erfolgreich realisiert wurden. Die Produzentin Ingelore König hat sich besonders mit ihren ARD- und ZDF-Weihnachtsfilmen einen Namen gemacht. „Endzeit“ wird allerdings als „Horrorfilm“ angekündigt. Und da kann er keineswegs die Herausforderungen dieses Genres meistern. Etwas weniger Zombiemassaker und dafür mehr Psychothriller wäre angebracht. Denn „Endzeit“ ist mit seiner gruseligen Geschichte durchaus als Märchenfilm für Erwachsene annehmbar.

     

    ++ „Paranza – Der Clan der Kinder“ von Claudio Giovannesi - Italien 2019 – 105 Min.

    Da die Vorlage zu diesem Film ein Roman des italienischen Bestseller-Autors Roberto Saviani („Gomorrha“) stammt, sind Hochspannung und Authentizität verbürgt. In Neapel, wo die Mafia-Bosse der Camorra umgebracht oder verhaftet wurden, haben Nicola und die Jungs aus seiner Clique das Regiment übernommen. Die 15-jährien haben weder Angst vor dem Gefängnis noch vor dem Tod. Sie dealen mit Drogen und begehen Morde und wollen alles – und das am besten sofort.

    Der mit jungen Laiendarstellern aus Neapel besetzte, trotz seiner fiktiven Story authentisch wirkende Film erzählt die Geschichte einer Gruppe Heranwachsender, die zwar der bürgerlichen Mittelschicht entstammt, aber aufgrund ihrer Faszination für die umgebende Gewalt zu einer leichten Beute für die Mafia-Clans wird. In einer vergangenen Zeit mit anderen Bildern und Schauplätzen wäre für die Identifikationsfigur des Protagonisten Nicola der Kampfhahn James Cagney die ideale Besetzung gewesen. So bleibt nur zu hoffen, dass dieser Film trotz fehlender zugkräftiger Stars ein Publikumserfolg wird.

     

    (15.08.2019)

     

    ++ „Once Upton A Time In Hollywood“ von Quentin Tarantino USA 2019 – 160 Min.

    Kinos sind Start- und Landeplätze für filmische Zeitreisen. Zeit und Ort in Tarantinos Film sind Hollywood 1969. Es geht um einen Tag im Leben des Westernhelden Rick Dalton und seinem Kumpel und Stuntdouble Cliff Booth. Die große Zeit des Western ist vorüber und in der Traumfabrik bastelt man an neuen Formaten und Karrieren.

    Rick will nicht länger den Bösewicht vom Dienst spielen, der von aufstrebenden Jungstars regelmäßig vermöbelt wird, hat aber auch keinen Bock darauf, Spaghetti-Western zu drehen. Er besäuft sich lieber. Und bei Cliffs Bemühungen um eine neue Perspektive stehen ihm die rüden und ruppigen Zeiten aus seiner Vergangenheit im Wege.

    Kinos sind auch die Orte, in denen zeitgeschichtliche Ereignisse umgeschrieben, gefälscht oder wie auch immer variiert werden. Tarantino beispielsweise hat in seinem Film „Inglourious Basterds“ die versammelte Nazi-Elite in einem Pariser Kino durch ein spektakuläres Attentat beseitigt. In diesem Film baut er als Parallelhandlung zur Geschichte der beiden Protagonisten die Ereignisse rund um das Geschehen der bestialischen Ermordung des Hollywood-Stars Sharon Tate durch die Manson-Familie ein. Und auch diesmal geht es anders aus als bekannt. Den Gesetzen der Logik sind ja im Drehbuch bekanntlich keine Grenzen gesetzt.

    Eine mit vielen Stars des aktuellen Kinos besetzte Thriller-Groteske mit reichhaltigen, verwirrenden und überraschenden Rückkoppelungen, Rückblenden und Einschüben aus Vergangenheit und Gegenwart der Filmgeschichte. Eine souveräne. leidenschaftliche Hommage an die amerikanische Filmindustrie, die nur schwer zu überbieten ist. Eigentlich ein exemplarischer Fall für die Analyse am Schneidetisch. Aber dennoch ganz großes, rauschhaftes und leinwandsprengendes Kino!

     

    (08.08.2019)

     

    + „So wie du mich willst“ von Safy Nebbou – Frankreich 2019 - 101 Min.

    Die attraktive Literaturdozentin Claire ist 50, alleinerziehende Mutter und steckt in einer schwierigen Beziehung mit ihrem jüngeren Liebhaber Ludo. Um ihn auszuspionieren, legt sich Claire ein falsches Facebook-Profil an und wird so zu Clara, einer hübschen 24-jährigen. Alex, Ludos bester Freund, findet Clara online und verliebt sich in sie. Auch Claire findet Interesse an dem jungen Fotografen und es entwickelt sich ein intensiver Chat-Flirt. Obwohl sich alles in der virtuellen Welt abspielt, sind die Gefühle real. Claire gerät immer weiter in Bedrängnis und verliert die Kontrolle. Ihre virtuelle Identität entwickelt sich zu einer Gefahr für sie selbst. Mit atmosphärischen Bildern erzählt der Film vom Abdriften in eine unzuverlässige Zwischenwelt, in der Realität und Lüge verschwimmen. Eine großartige Juliette Binoche ist praktisch in jeder Szene des Films präsent; sie spielt nuanciert und gefühlvoll eine faszinierende Frau, die nicht nur mit ihren eigenen Verletzungen ringt, sondern auch mit universellen Themen wie Einsamkeit und der Angst vor dem Älterwerden.

     

    (01.08.2019)

     

    + „Der unverhoffte Charme des Geldes“ von Denys Arcand – Kanada 2018 – 129 Min.

    Montreal. Der etwas lebensfremde, schüchterne Paketzusteller Pierre-Paul gerät in einen blutigen Geldüberfall und kommt so an zwei riesige Säcke mit Banknoten. Aber was tun? Denn nicht nur die Mafia und das Finanzamt, sondern auch zwei hartnäckige Cops haben ein verdächtig großes Interesse an dem neuen Reichtum. Doch mithilfe eines gerade aus dem Knast entlassenen Finanzgenies, eines Offshore-Bankers und einer neuen, anspruchsvollen Freundin, einem Luxus-Callgirl, gelingt es ihm, ein System auszutricksen, in dem alles nur auf Erfolg und Geld ausgerichtet ist. Wie von Denys Arcand gewohnt, verbindet er auch in dieser überaus amüsanten, fintenreichen Krimikomödie geschickt seine Kapitalismus- und Gesellschaftskritik mit einer großen Portion Humor.

     

    (25.07.2019)

     

    ++ “Leid und Herrlichkeit“ von Pedro Almodóvar- Spanien 2019 – 114 Min.

    Der erfolgsverwöhnte Regisseur Salvador Mallo steht an einem Wendepunkt seines Lebens und blickt zurück auf eine wilde Reise voller Höhen und Tiefen. Er hat seit Jahren keinen Film gedreht, den Tod seiner Mutter hat er noch nicht verkraftet, und er leidet an einer ganzen Reihe körperlicher Beschwerden. Aufgewachsen im Valencia der 60er Jahre, aufgezogen von seiner liebevollen Mutter, die sich ein besseres Leben für ihn wünscht, entdeckt er schon früh seine Leidenschaft für die Magie des Kinos und die Geschichten, die es erzählt. In den 80er Jahren zieht es ihn nach Madrid; es sind jene Jahre, in denen er große Erfolge feierte und zu einem der innovativsten Filmschaffenden in Spanien wurde, aber auch schmerzliche Verluste hinnehmen musste. Die Wiederaufführung eines seiner berühmtesten Filme führt zu einem Treffen mit Alberto, dem Hauptdarsteller des Films, mit dem er sich zerstritten hatte. Der abgehalfterte, drogensüchtige Schauspieler befindet sich ebenfalls in einer Krise und möchte einen Text von Salvador auf die Bühne bringen. Dadurch herausgefordert scheint Salvadors Kreativität wieder zu erwachen.

    Almodóvar fügt in seinem Film Autobiografisches und Fiktion zu einer reifen Spätwerk, einer Reflexion über gelebtes und erträumtes Leben zusammen. Es ist das mosaikartige Porträt eines Mannes, dessen Leidenschaft für die Kunst noch nicht erloschen ist. Das reale Leid des alternden Mannes sublimiert sich in der Herrlichkeit der poetisch stilisierten filmischen Bilder. Antonio Banderas, mit dem Almodóvar befreundet ist und einige seiner Filme geprägt hat, spielt seinen Part mit glühender Intensität und wurde in Cannes mit dem Preis für den Besten Schauspieler ausgezeichnet.

     

    (11.07.2019)

     

    + „Photograph“ von Ritesh Batra – Indien/D/USA 2019 – 109 Min.

    Rafi ist Straßenfotograf in Mumbai und lebt überwiegend davon, Touristen zu fotografieren. Mit seinem wenigen Einkommen unterstützt er noch seine Großmutter, die ihn drängt zu heiraten. Sie lebt außerhalb der Stadt und kündigt ihren Besuch an, um ihn zu kontrollieren. Rafi muss eine Verlobte herzeigen. Da er vor einigen Tagen die Vorzeigestudentin Miloni fotografiert hat, bittet er sie um Hilfe. Die Wirtschaftsschülerin stammt aus einer aufstrebenden Mittelklasse und willigt ein. Als sich die Wege der beiden erneut kreuzen, beginnt eine unwahrscheinliche Liebesgeschichte, die sich zu einer Reise mitten in Indiens Klassengesellschaft entwickelt. Rafi und Miloni trennt nicht nur ein extrem unterschiedlicher religiöser, ökonomischer und kultureller Hintergrund, sondern auch ihre Hautfarbe, beide kämpfen aber mit den gleich existentiellen Fragen.

    Mit sympathischer Gelassenheit und Leichtigkeit erzählt der Film von einer eigentlich unmöglichen Liebe, die sich über die Grenzen von Tradition und Moderne, von sozialer Schicht und Familie hinaus entwickelt und dabei einen sensiblen Blick auf eine Gesellschaft im Wandel offenbart. Es ist auch ein Film mit ungewöhnlichen, aufschlussreichen Bildern aus Mumbai; auf spektakuläre Blicke in die Elendsviertel der Metropole wird verzichtet, dafür erfährt man (visuell) mehr aus dem Innenleben und über die Alltagsrealität unterschiedlicher Klassen.

     

    o „Kursk“ von Thomas Vinterberg – B/F/N 2018 – 118 Min.

    Es geht um das Schicksal der Besatzung des nuklear angetriebenen russischen U-Bootes K-141 „Kursk“, das im August 2000 an einem Manöver der russischen Nordflotte in der Barentssee teilnimmt. Es kommt zu einer Explosion eines Torpedos und die Kursk versinkt auf den Meeresboden. Von 118 Bordmitgliedern können sich nur 23 Männer in einen sicheren Abschnitt des Bootes retten. Die russische Marine ist marode und unterfinanziert. Trotzdem lehnen die Russen stur internationale Hilfe ab, obwohl britische Schiffe einsatzbereit vor Ort sind. Während die Zeit gegen die Überlebenden läuft, bemühen sich die Angehörigen der Besatzungsmitglieder vergeblich um Aufklärung.

    Die realen Ereignisse werden von einem paneuropäisch besetzten Thriller unter der Regie des erfahrenen Regisseurs Vinterberg in beinahe dokumentarischer Weise inszeniert, ohne auf spektakuläre klaustrophobische Zuspitzungen zu setzen, da der Ausgang dieser Katastrophe hinreichend bekannt ist. Neben den dramatischen Ereignissen an Bord stehen gleichberechtigt die überwiegend fiktiven Teile der Handlung, die sich um die Situation der Angehörigen ranken. Hier werden auch die unwirtlichen Lebens-und Arbeitsbedingungen aller Betroffenen deutlich sichtbar.

    Zu den Hauptdarstellern zählen neben Matthias Schoenaerts noch Colin Firth und auch Max von Sydow (!) – ihn zu sehen allein ist es wert, ins Kino zu gehen. Mit an Bord u.a. August Diehl, Pit Bukowski und Matthias Schweighöfer.

     

    (27.06.2019)

     

    o „Das melancholische Mädchen“ von Susanne Heinrich – D/F 2019 – 80 Min.

    Ein Film von Frauen aus dem Umfeld der DFFB. Es ist die Umsetzung bzw. Bebilderung einer Filmtheorie, die sich an Brecht orientiert. Die Protagonistin streift als melancholisches Mädchen durch die Großstadt und „erforscht in 15 komischen Begegnungen unsere postmoderne Gesellschaft zwischen Prekarisierung und Self Marketing, serieller Monogamie und Neo-Spiritualität, Ernüchterung und Glückszwang“. Nicht unbedingt ein Film für die Kino-Leinwand. Um ihn angemessen zu rezipieren ist es sinnvoll, vorab das von der Edition Salzgeber publizierte Presseheft zu lesen.

     

    (13.06.2019)

     

    - „The Dead Don’t Die“ von Jim Jarmusch – UDS 2019 – 109 Min.

    Eine typisch beschauliche amerikanische Kleinstadt wird von Zombies buchstäblich aufgefressen. Und mittendrin zwei Sherriffs allein gegen alle. Trotz eines beachtlichen Staraufgebots erweist sich hier, dass Jarmusch kein Regisseur für Zombie-Horror-Komödien ist. Die Anzahl der geköpften und erschossenen Untoten reicht mindestens für drei B-Pictures, die George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ wiederaufbereiten. Einziger Lichtblick: Tilda Swinton als Samurai-Schwert schwingende Bestattungsunternehmerin. Es ist ihr leider nicht vergönnt auch diesen Film zu beerdigen.

     

    (06.06.2019)

     

    o „Zwischen den Zeilen“ von Olivier Assayas – F 2019 – 107 Min.

    Assayas hat spannende innovative Filme gedreht, zuletzt „Carlos“ und „Die Wolken von Sils Maria“. In diesem wird zwar viel geredet, aber wenig gezeigt. Es geht um die Auseinandersetzung einer Intellektuellen-Clique im Pariser Literaturbetrieb: ein mehr oder weniger erfolgreicher Autor, der seine Stoffe seiner eigenen Lebensrealität entnimmt, ein Verleger, der vor den Herausforderungen des kulturellen und digitalen Wandels steht, eine erfolgreiche Serienschauspielerin, die aussteigt, und eine engagierte Frau, die für einen umstrittenen Politiker arbeitet. Und dazu noch diverse Beziehungen und Affären untereinander. Langatmig und langweilig, wäre da nicht die herausragende Juliette Binoche, die mit ihrem Charme den Film über alte und neue Medien und Liebschaften dennoch sehenswert macht.

     

    (30.05.2019)

     

    ++ „Rocketman“ von Dexter Fletcher – GB 2019 – 120 Min.

    Die authentischen Biographien von Weltstars, deren Karrieren vom kometenhaften Aufstieg und tragischem Fall bis hin zur Wiederauferstehung, sind x-mal verfilmt worden. Showelemente vermengen sich in idealer Weise mit melodramatischen Handlungsverläufen; manchmal aber leider auch genial daneben und voll von Kitsch und Klischees. Besonders kritisch werden die Filme beurteilt, deren Protagonisten noch leben und auf der Bühne stehen. Dies ist hier der Fall. Zu einem Zeitpunkt, in dem Elton John seine großangelegte „Abschiedstournee“ angeht, kommt ein von ihm autorisiertes Biopic in die Kinos. Vorweg: eine großartige Produktion, die ebenso unterhaltsam ist wie ein Live-Konzert des großen Entertainers, der hier als ausführender Produzent involviert ist.

    Als Rahmenhandlung dient eine Selbsthilfegruppe, der sich Elton anschließt, weil er seine Probleme wie Alkoholsucht, Drogenkonsum und exzentrischen Ausfällen nicht in den Griff bekommt und sich (erfolgreich) davon befreien will. Die einzelnen Stationen seines Lebens und seines Wirkens werden als kunterbuntes Musical in Form kongenial montierter Rückblenden miteinander verbunden; Songs wie „Don’t Go Breaking My Heart“ korrespondieren mit Stationen seiner biographisch verbürgten Lebensrealität. Dabei ist es keineswegs eine verblendete Hommage an die Kunstfigur Elton John, sondern ein überzeugendes (selbst-)kritisches Bild der Londoner Musikszene und des Popbusiness. Ein wahrer Glücksfall ist die Besetzung der Hauptrolle mit Taron Egerton, der alle Songs selber eingesungen hat und mit einer ekstatischen Performance überzeugt.

     

    (16.05.2018)

     

    o „The Silence“ von John R. Leonetti – USA 2018 – 91 Min.

    Eine archäologische Expedition entdeckt in einem unzugänglichen Höhlensystem in Nordamerika eine bislang unbekannte Parasitenart. Man nennt sie Avispa; fledermausähnliche, blutrünstige Urzeitmonster, die sich wie ein wilder Wespenschwarm gebärden. Einmal freigesetzt, mutieren und vermehren sie sich rasend schnell und greifen bald auch die Menschen an. Sie sind blind und finden ihre Opfer dank ihres feinen Gehörs. Protagonistin des Films ist die gehörlose Teenagerin Ally, deren Familie sich in die Wälder zurückzieht und ein Leben in völliger Stille führen will. Dabei geht die eigentliche Gefahr von anderen Menschen aus, deren rücksichtsloser Überlebenskampf potentielle Todesgefahr bedeutet. Von Mitmenschlichkeit oder Solidarität keine Spur.

    Ein perfekt funktionierender Genre-Film nach allen Regeln der Kino-Kunst. Der Handlung dieser bildgewaltigen Apokalypse fehlt es jedoch an einer logischen Abfolge. Aber Horror- und Fantasyfilm lassen sich davon nun einmal nicht beirren, sondern folgen den Vorgaben des Drehbuchs bzw. hier des Bestseller-Romans vom britischen Autors Tim Lebbon.

     

    + „Greta“ von Neil Jordan – Irland/USA 2018 – 98 Min.

    Frances findet eine Handtasche in der New Yorker U-Bahn und zögert nicht, sie der rechtmäßigen Besitzerin nach Hause zu bringen. Die Tasche gehört der eleganten Witwe Greta, die sich sehr über den Besuch der jungen Frau freut. Schnell freundet sich Frances mit der älteren Dame an, denn das Schicksal scheint zwei einsame Seelen zusammengeführt zu haben. Doch schon bald findet sie heraus, dass Greta ihre Handtaschen nur als Köder auslegt, um die ehrlichen Finder zu sich zu locken. Frances wird für ihre Ehrlichkeit bitter bestraft, da sie in die Fänge einer psychopathischen Stalkerin gerät.

    Neil Jordan ist ein Meister darin, Mysteriöses in entsprechende Bilder und Szenarien zu verpacken. Sein fintenreiches Katz-und-Maus-Spiel ist ein Thriller der am Schluss des Geschehens mit einem Horrortrip endet. Sieht man einmal ab von der nicht überzeugenden, eher enttäuschenden Auflösung, ist es die sehens- und bewundernswerte Leistung einer furiosen Isabelle Huppert, die den Film in allen Phasen souverän beherrscht; ist ihr Lächeln noch freundlich oder schon dämonisch?

     

    (02.05.2019)

     

    + „Der Flohmarkt von Madame Claire“ von Julie Bertuccelli – F 2018 – 95 Min.

    Mutter (Catherine Deneuve) und Tochter (Chiara Mastroianni) spielen in diesem Film Mutter und Tochter – unter der Regie von Julie Bertuccelli, die Tochter des Regisseurs Jean-Louis Bertucelli. Ein französischer Familienfilm also über eine französische Familie. Alles dreht sich um die exzentrische Madame Claire. Sie wacht an einem wunderschönen Sommertag in einem kleinen Dorf auf und ist davon überzeugt, dass es ihr letzter Tag auf Erden ist. Sie beschließt, ihr gesamtes Hab und Gut im Garten ihres großzügigen Landhauses zu verkaufen, von wertvollen Uhren, lieb gewordenen Antiquitäten bis hin zu handgefertigten Unikaten. Von einer alten Freundin alarmiert, kehrt Claires Tochter Marie zum ersten Mal nach 20 Jahren in ihr Zuhause zurück. Und damit beginnt eine aufregende und aufschlussreiche Reise ins Herz einer vergangenen Zeit, die eine versöhnliche Zukunft verspricht.

    Mit betörender Eleganz und anmutiger Sinnlichkeit erobert die legendäre Grande Dame des französischen Kinos an der Seite ihrer Tochter die Kinoleinwand souverän zurück. Als Zuschauer möchte man gerne dieser Familie zugehören, auch wenn es sich hier nur eine detailliert aufbereitete Momentaufnahme handelt.

     

    (24.04.2019)

     

    ++ „Avengers 4: Endgame“ von Joe und Anthony Russo – USA 2019 – 182 Min.

    Die Helden der Vergangenheit retten unsere Zukunft. Die Vollversammlung des Marvel-Personals bereitet auf- und anregende, höchst unterhaltsame und spannungsgeladene (drei) Kinostunden. Die Avengers sind zur Zusammenarbeit gezwungen, um den finalen Sieg des perfiden Weltzerstörers Thanos zu verhindern. Die Solisten der letzten Blockbuster – von Captain America und Iron Man bis hin zu Thor, Hulk, Captain Marcel und Black Widow – treten selbstbewusst und selbstironisch auf und bündeln ihre individuellen Fähigkeiten zu gemeinsamen Kräften. Möglicherweise aber ist „Endgame“ doch noch nicht das Endspiel. Alle Beteiligten vor und hinter der Kamera verstehen etwas von Zeitreisen und der Bedienung einer „Time Machine“. Im Marvel Universum ist ausreichend Zeit und Raum für weitere Leinwand-Spektakel mit der erfolgreichsten Heldentruppe aller Zeiten.

     

    18.04.2019)

     

    + „Der Fall Collini“ von Marco Kreuzpainter – D 2019 – 117 Min.

    Ein Justiz-Thriller nach dem gleichnamigen Roman von Ferdinand von Schirach. Im Focus stehen die Folgen des sogenannten „Verjährungsskandals“ von 1968. Mit der schleichenden Verabschiedung eines Einführungsgesetzes zum Gesetz über Ordnungswidrigkeiten wurde praktisch eine Amnestie für NS-Verbrechen beschlossen. Es ist ratsam, sich vor dem Kinobesuch bei wikipedia über die zeitgeschichtlichen Hintergründe zu informieren.

    Die Bestseller-Verfilmung bietet ein beachtliches Staraufgebot auf, das von Buch und Regie präzise und überzeugend ins Szene gesetzt wird. Im Mittelpunkt steht ein Anwalt, der als Pflichtverteidiger einen 70jährigen Italiener verteidigen muss, der offenbar grundlos einen angesehenen deutschen, 85 Jahre alten Großindustriellen getötet hat. Nach und nach kommen dabei Einzelheiten eines der größten deutschen Justizskandale ans Licht. Buchautor von Schirach und der Constantin Film Produktion ist es zu verdanken, an dieses unliebsame, hochkomplexe Kapitel deutscher Vergangenheit zu erinnern und aufzuarbeiten. „Collini“ ist eine fesselnde und bewegende Geschichte über Rache, Recht und Gerechtigkeit.

     

    ++ „Ayka“ von Sergey Dvortsevoy –Russland u.a. 2018 – 100 Min.

    Es gibt Filme mit einer so intensiven emotionalen Dichte und Nähe, die eine fast direkte, persönliche Bekanntschaft mit den Protagonisten bewirken. AYKA ist einer vor ihnen. Er zeigt einen Ausschnitt aus der Alltagsrealität einer jungen Frau aus Kirgisistan, die in Moskau als Schwarzarbeiterin lebt und dort irgendwie über die Runden kommen muss. Sie ist schwanger und weiß nicht, wie sie zusätzlich noch ein Kind ernähren kann. Kurz nach der Geburt verlässt sie panikartig das Krankenhaus und lässt das Neugeborene zurück. Sie muss innerhalb kürzester Zeit Geld auftreiben, um ihre Schulden bei brutalen Kreditgebern zu begleichen. Von allen Seiten unter Druck gesetzt entschließt sie sich zu einer letzten, verzweifelten Aktion.

    Eine dokumentarisch wirkende schonungslose Situationsbeschreibung über den Überlebenskampf einer isolierten Frau in einem unwirtlichen Ambiente; hier ist es zusätzlich noch das Chaos in einer von einem gewaltigen Schneesturm überfallenen Stadt, in der überdimensionale, lärmende Räumfahrzeuge das Straßenbild durchpflügen. Eine Welt ohne Mitleid und Wärme, rücksichtslos und ohne Moral und Solidarität. Ein Bild prägt sich da besonders ein: die Menschen werden wie Tiere behandelt, in einer Tierklinik – einer der Zufluchtsorte für Ayka - hingegen werden die Tiere wie Menschen behandelt.

     

    (11.04.2019)

     

    o „Niemandsland“ von James Kent – GB 2018 – 108 Min.

    Eine eigentlich interessante, melodramatische Geschichte, die in der Nachkriegszeit in Hamburg spielt. Der britische Colonel Lewis Morgen soll beim Wiederaufbau helfen. Als seine Frau Rachael ihm folgt werden sie in die hochherrschaftliche, nicht zerstörte Villa des Architekten Stefan Lubert untergebracht. Dieser wohnt dort allein mit seiner heranwachsenden, traumatisierten Tochter und wartet auf das Ende seines Entnazifizierungs-Verfahrens. Das Ehepaar Morgan hat bei einem deutschen Luftangriff ihren kleinen Sohn verloren, und besonders Rachael kann sich schwer an die neue Umgebung gewöhnen. Da Lewin Morgan voll durch seinen Dienst beansprucht wird und kaum zuhause ist, baut sich zwischen seiner Frau und dem Deutschen ein Kontakt auf, der zu einer Liebesbeziehung führt. Und Rachael muss sich entscheiden zwischen einem Neuanfang mit Stefan oder ihrer Ehe.

    Leider fährt der Film diese Handlung in Ausstattung und Besetzung voll gegen die Wand. Das Ambiente – die ausgebombte Stadt einerseits, die opulente Luxusvilla an der Elbe andererseits – sowie die starren, unbeweglichen Charaktere erwecken kein Interesse am Geschehen und den Protagonisten. Kaum ein Klischee wird ausgelassen, keine Figur interessiert wirklich. Vor allem aber ist es die nicht aufgeklärte Vergangenheit des deutschen Architekten, die den Vorgängen keine Glaubwürdigkeit verleiht.

    Eigentlich sollte Ridley Scott die Regie übernehmen. Doch infolge von Terminüberlastung beschränkte er sich auf die Rolle des Produzenten. Schade. Das wäre ein anderer Film geworden.

     

    ++ „Border“ von Ali Abbasi – Schweden/Dänemark 2018 – 110 Min.

    Die schwedische Grenzbeamtin Tina besitzt eine für eine Zöllnerin besonders willkommene Gabe: Sie kann besser riechen als alle anderen Menschen und so etwa Schmuggelware oder auch die Emotionen der Menschen wahrnehmen; sie verfügt über die Fähigkeit, Scham, Schuld und Wut zu wittern. Dazu kommt noch ihr besonderes Aussehen: Tinas Gesicht ist seltsam geschwollen, sie hat einen Blick, der sich förmlich in ihr gegenüber bohrt. Außerdem ist sie für eine Frau besonders kräftig. All das verleiht Tinas Ausstrahlung etwas animalisches. Ihr Geruchssinn ist nahezu unfehlbar, aber einmal versagt er doch: Vore, der von ihr an der Grenze kontrolliert wird, hat wie Tina einen Chromosomenfehler, was bei ihm zu einer Deformation im Gesicht geführt hat. Die beiden Außenseiter kommen einander näher. Vore offenbart Tina ihre gemeinsame mystische Herkunft, was für Tina nicht nur eine vollkommen neue Freiheit bedeutet, sondern auch Herausforderungen, denen sie sich stellen muss.

    „Border“ basiert auf einer Kurzgeschichte des schwedischen Horrorautors John Ajvide Lindqvist. Der in Cannes preisgekrönte Film des iranisch-schwedischen Regisseurs ist ein außergewöhnliches Meisterwerk und wurde von der FBW mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ ausgezeichnet. Der Jury-Begründung ist nichts hinzuzufügen: „Wie ein einziger Fluss bewegt sich der Film zwischen den Genres, ist Kriminalfilm, Drama und Mystery-Romanze zugleich, und bleibt doch immer ganz nah bei seiner Hauptfigur und im Realismus der Verhältnisse… In seiner Komplexität, seinen stetigen Überraschungen und Wendungen und dem Mut zu unkonventionellen Figuren ist „Border“ ein großes filmisches Wagnis. Und ein eben solcher Triumph.“

     

    (04.04.2019)

     

    + „Unheimlich perfekte Freunde“ von Marcus H. Rosenmüller – D 2019 – 92 Min.

    Hier und heute in D. Emil und Frido sind beste Freunde. Als in einem Spiegelkabinett auf dem Jahrmarkt die Spiegelbilder der beiden zum Leben erweckt werden, glauben die zehnjährigen Jungs, das große Los gezogen zu haben. Die Doppelgänger können nämlich all das, was Frido und Emil selbst nicht so gut können, ihre ambitionierten Eltern aber von ihnen erwarten. Doch als ihre Abbilder plötzlich beginnen, eigene Ziele zu verfolgen, müssen die beiden Freunde einen Weg finden, die unheimlichen Geister, die sie riefen, wieder los zu werden. Das aber gestaltet sich schwieriger als gedacht.

    Eine erfrischende und abwechslungsreiche Familienkomödie mit dem Charme eines modernen Märchens. Dank eines präzisen Drehbuchs funktioniert der Spiegel-Effekt über lange Zeit, je mehr Kinder aber dann direkt oder indirekt davon betroffen sind, desto verwirrender und kaum nachvollziehbarer wird die Handlung. Die Charaktere der Kinder sind treffend gezeichnet und von den Darstellern überzeugend umgesetzt; ideale Identifikationsfiguren fürs Publikum demnach. Ärgerlich hingegen sind einige alberne Szenen mit den Erwachsenen; sie wirken zappelig und bieten leider nur oft Anlass für aufgesetzte und unangebrachte Schadenfreude.

     

    (28.03.2019)

     

    -- „Dumbo“ von Tim Burton – USA 2019 – 114 Min.

    Eine Realverfilmung des Disney-Klassikers. Die Regie von Tim Burton erweckt hohe Erwartungen. Hinzu noch ein Staraufgebot u.a. mit Danny DeVito (als Zirkusdirektor), Colin Farrell und Michael Keaton. Doch der Charme der Vorlage erstickt in einem Überaufgebot an visuellen Effekten. Die Produktion greift tief in die Trickkiste. Man sieht viel, vielzuviel. Die Story geht unter. Insgesamt ein Zirkuserlebnis mit jeder Menge bunter Zuckerwatte. Und das verklebt bekanntlich den Magen und führt zu Hirnschäden.

     

     

    - „Captive State“ von Rupert Wyatt – USA 2018 – 109 Min.

    Seit zehn Jahren ist die Erde von außerirdischen Invasoren besetzt. Es herrscht eine perfekte Welt ohne Armut und Verbrechen. Doch dahinter steht eine totale Kontrolle. Die meisten Menschen haben sich damit arrangiert und kollaborieren. In Chicago formiert sich eine kleine Widerstands-Gruppe, die sich gegen die Eindringlinge zur Wehr setzt. Damit legen sie sich nicht nur mit den Machthabern aus der fernen Galaxie, sondern auch mit deren Handlangern an. Ein erbarmungsloser Kampf steht bevor.

    Eine SF-Story, wie sie bereits mehrfach variiert und verfilmt wurde. Doch selten so verwirrend und unverständlich. Es ist so, als sähe man die dritte Folge einer sechsteiligen Serie. Auch John Goodman als zentrale Figur zwischen Macht und Ohnmacht kann kein Interesse an dem Geschehen wecken. Und die Außerirdischen sehen aus wie überdimensionale Kakteen, die mit Glyphosat behandelt wurden.

     

    + „Ein Gauner und Gentleman“ von David Lowery – USA 2018 – 93 Min.

    Unsere legendären (Leinwand-)Helden sind wieder da: vor einigen Monaten noch Clint Eastwood in THE MULE als ein wortkarger Hochbetagter, der wider Willen in kriminelle Machenschaften verwickelt wird, und nun Robert Redford in der Rolle eines alten, coolen Gauners und Gentleman, der Banken ausraubt und aus hochgesicherten Haftanstalten flieht. Paraderollen für erfahrene, gestandene Darsteller, denen ihre Fans gerne folgen, auch wenn es sich – wie hier – nicht gerade um eine atemberaubende Kinogeschichte handelt. Für Redford als lässiger und charmanter Forrest Tucker, der bei seinen Überfällen keine Schusswaffen einsetzte, sondern seiner verbalen Überzeugungskraft vertraute, gibt es ebenfalls eine reale Figur. Das nimmt dem Geschehen zwar die Spannung, aber großartige schauspielerische Leistungen des gesamten Ensembles (u.a. Casey Affleck, Sissy Spacek, Danny Glover und Tom Waits) garantieren ungetrübte Kinostunden. Soweit mir erinnerlich, gibt es keinen gemeinsamen Film der beiden Stars. Vielleicht können sie ja in naher Zukunft ein gemeinsames Ding drehen. Das Publikum wird's ihnen danken!

     

    o „Weil Du nur einmal lebst – die Toten Hosen auf Tour“ von Cordula Kablitz-Post – D 2019 – 107 Min.

    Reisebericht über die Tour der Toten Hosen 2018; ein Zusammenschnitt aus mehreren hundert Stunden Videomaterial: Proben, Rituale, Auftritte, Hintergrundgeschichten, Interviews. Sie spielen auf Mega-Bühnen und liefern grandiose Chows in kleinen Clubs – ob im legendären Berliner SO36 oder vor ihren Fans in Buenos Aires. Konventionell gemacht. Spannend wird es nur an der Stelle, als Campino einen Hörsturz erleidet und die Tournee abgebrochen werden muss. Was das bedeutet – für die Band, die Veranstalter, die Fans – das wird erschreckend deutlich. Denn von dem Ausgang dieser plötzlichen Erkrankung hängt das Schicksal vieler Beteiligten ab. Denn abgesehen von dem gesellschaftlichen und politischen Engagement bestimmt nun mal der Kommerz die Spielregeln der Kunst.

     

    (21.03.2019)

     

    o „Wir“ von Jordan Peele – USA 2019 – 117 Min.

    Adelaide und Gabe Wilson wollen gemeinsam mit ihren Kindern Zora und Jason den Sommer in einem Strandhaus in Santa Cruz verbringen, in dem Adelaide ihre eigene Kindheit verbracht hat. Doch als die Nacht hereinbricht, verwandelt sich ihre Ferienstimmung in Anspannung und Chaos, da einige ungebetene Besucher auftauchen. Vier Gestalten, die sich an den Händen halten, stehen plötzlich stumm in ihrer Einfahrt. Sie stellen sich als die Doppelgänger der Familie heraus, wollen sie verdrängen und ihre Plätze einnehmen. Adelaide wird bei dem alptraumhaften Zusammentreffen von ihrer Vergangenheit eingeholt, da sie als junges Mädchen verstörende und nie aufgelöste Erfahrungen in einem Spiegelkabinett gemacht hat.

    Was als intelligentes Vexierspiel und Herausforderung an die Zuschauer beginnt, endet leider in einem kruden Zombie-Verschnitt. Hinzu noch eine selbst für Genrefilme wirre, unlogische und willkürlich zusammengewürfelte kryptische Auflösung, die bitter nachschmeckt und den furiosen, bildgewaltigen Auftakt verdrängt. Denn was diesen Horrorthriller trotz der Story sehenswert macht ist die Kameraarbeit von Mike Gioulakis (GLASS), der eine ästhetisch visuell atemberaubende Atmosphäre in Innen- und Außenräumen kreiert.

     

    + „Iron Sky 2: „The Coming Race“ von Timo Vuorensola – Finnland/Deutschland/Belgien 2018 – 105 Min.

    Nach der nuklearen Zerstörung der Erde ist diese unbewohnbar. Der Rest der Menschheit lebt auf dem Mond, der sich aber langsam auflöst. Eine Möglichkeit zum Überleben bietet eine verborgene Stadt im Innern der Erde. Diejenigen, die sich auf die heikle Mission begeben, treffen dort auf allerlei merkwürdige prähistorische und historische Wesen. Unter ihnen auch frühere Weltherrscher, die die totale Herrschaft anstreben. Einige der Wahnsinnigen amtieren allerdings noch aktuell und der Wettstreit beginnt.

    Eine skurrile, bitterböse Science-Fiction-Satire mit spektakulären Effekten und vorder- und hintergründigem Humor. Und inmitten des Geschehens der unverwüstliche Udo Kier in einer Nazi-Doppelrolle. Großes Kino.

     

    + „Das Haus am Meer“ von Robert Guédiguian – F 2018 – 107 Min.

    Es geht um den Fortbestand der großzügigen elterlichen Villa in einem Küstenort in der Nähe von Marseille. Das Haus ist mit einem kleinen Restaurant verbunden. Nach einem Schlaganfall des Familienoberhauptes treffen sich dort seine Angehörigen, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Das Aufeinandertreffen so unterschiedlicher Charaktere wie eine berühmte Theaterschauspielerin und ein idealistischer Gewerkschaftler verläuft nicht konfliktfrei und alle Beteiligten stehen vor schweren Herausforderungen.

    Eine unaufgeregt erzählte, sympathische Familiengeschichte – mit Charme und Witz inszeniert. Das Tempo lässt ausreichend Zeit, sich mit den Protagonisten vertraut zu machen und ihnen nahe zu kommen. Am Ende des Films hat man das Gefühl, Teil ihrer Familie und des Freundeskreises zu sein. Nicht alle Probleme werden gelöst, aber es zeichnen sich Lösungsmöglichkeiten an

     

    (14.03.2019)

     

    ++ „Destroyer“ von Karyn Kusama – USA 2019 – 123 Min.

    Superstar Nicole Kidman in der Rolle einer etwas verwahrlosten und unkonzentrierten Polizistin in Los Angeles. Auf dem ersten Blick ein Mordfall wie jeder andere. Als Erin Bell zum Tatort gerufen wird deutet alles darauf hin, dass eine verschollene Person aus ihrer Vergangenheit wieder zurück ist. Der Bankräuber und Mörder Silas ist der Grund, warum Erin heute ein Schatten ihrer selbst ist. Eine gebrochene, innerlich wie äußerlich zerstörte Frau, die durch ihr Leben stolpert wie eine Untote. 17 Jahre sind vergangen, seit Erin als verdeckt arbeitende FBI-Agentin Silas zum ersten Mal auf der Spur war. Damals endete die Ermittlung in einer Katstrophe. Jetzt sieht Erin die Gelegenheit gekommen, ihre Fehler und Sünden von einst wieder gut zu machen und Silas zur Strecke zu bringen. Koste es, was es wolle.

    Ein packender L.A. Noir Thriller im atmosphärisch düsteren Stil von „Chinatown“ und „L.A. Confidential“ mit Nicole Kidman als vielschichtige weibliche Copfigur; verletzlich und hart, gebrochen und unerbittlich zugleich liefert sie einen intimen Einblick in die Gefühlswelt der Protagonistin. Eine abgehalfterte Ermittlerin in der Stadt der Engel, die nach Jahren in der Verdammnis die Chance auf Erlösung erhält. Tolles Genre-Kino!

     

    (07.03.2019)

     

    + „The Sisters Brothers“ von Jacques Audiard – F/USA u.a. 2018 – 121 Min.

    Der klassische Western ist im aktuellen Hollywood-Kino nicht mehr präsent oder gefragt.

    Uns so bedurfte es einer gemeinsamen Kraftanstrengung europäischer Produktionsfirmen und/oder Finanzgeber, das Genre neu zu beleben. Die Handlung spielt 1851 in Oregon. Die berühmt-berüchtigten Sisters Brothers Eli und Charlie sind skrupellose Auftragskiller im Dienst eines ominösen Commodore. Und nun haben sie den Auftrag, einen gewissen Hermann Warm aufzuspüren. Dieser hat angeblich eine Wunderformel zum einfachen Goldwaschen erfunden; ein Wissen, das ein Vermögen einbringen kann. Doch auch andere sind hinter dem Chemiker her. Es geht um Leben oder Tod.

    Eine Geschichte, die sich viel Zeit nimmt zur Ausformung individueller Charaktere, eingebettet in betörenden Bildern einer atemberaubenden Landschaft. In dieser Männergesellschaft gibt es aber nicht nur Gewalt und Machtansprüche, sondern auch Träume von einer gerechteren Welt und Sehnsucht nach bürgerlichem Leben. Ein überaus unterhaltsamer und aufschlussreicher Film, der den Gründungsmythos Amerikas hinterfragt. Er wurde beim Filmfestival Venedig für die „Beste Regie“ ausgezeichnet.

     

    (26.02.2019)

     

    + „Escape Room“ von Adam Robitel – USA 2018 – 100 Min.

    Eine Handvoll Leute trifft sich nach einer mysteriösen Einladung zu einem Escape-Room-Wettbewerb. Wer gewinnt, erhält 10 000 Dollar. Es stelle sich heraus, dass es keineswegs ein harmloses Abenteuer ist. Die Story ist schnell erzählt und die Charaktere sind perfekt gestylt.

    Der Film besticht durch sein exzellentes, ausgeklügeltes Setdesign und den vielen Überraschungen in den in- und nebeneinander verschachtelten Actionräumen. Eine Orgie optischer Überfälle, die neben dem Spannungsbogen einen einzigartigen Schauwert bieten, der die Zuschauer fesselt. Unbedingt auf einer großen Leinwand sehen.

     

    (21.02.2019)

     

    o Der goldene Handschuh“ von Fatih Akin – D/F 2018 -110 Min.

    Hamburg-St.Pauli in den 1970er Jahren, die Amüsiermeile und ihre Nachtgestalten: Gewohnheitstrinker und Prostituierte, Spielsüchtige und andere einsame Seelen.

    Wer sich auf dieses Milieu einlassen und die Typen näher kennenlernen möchte, der kann sich diesen Film ansehen. Wenn nicht: erst gar nicht darauf einlassen.

    Basierend auf dem realen Fall des Serienmörders Fritz „Fiete“ Honka, der in der Kiezkaschemme „Zum goldenen Handschuh“ Stammgast war, entwirft Fatih Akin das Porträt eines sozial verkommenen Gewaltverbrechers, der von Frauenhass, sexueller Gier und Sentimentalität getrieben ist. In der Kneipe schleppt er ältere, sozial verwahrloste, allein trinkende Frauen ab, die er dann in seiner Dachgeschosswohnung erschlägt und erwürgt. Seine Opfer zerstückelt er und entsorgt ihre Überreste hinter der Wand zum Dachboden. Die Schuld an dem Verwesungsgestank schiebt er der benachbarten griechischen Familie in die Schuhe.

    Fatih denunziert das Personal seines Films und nimmt auch den Opfern ihre Würde. In anderen Filmen hat er bewiesen, dass er Klischees nutzt, um sie danach aufzulösen. Hier nicht, hier werden sie verstärkt und kommentarlos ausgestellt.

     

    o „Der verlorene Sohn“ von Joel Edgerton – USA/Australien 2018 – 115 Min.

    Ein Film nach einer wahren Begebenheit. Schauplatz ist eine Kleinstadt in Arkansas.

    Hier lebt die Familie eines Baptistenpredigers. Im Mittelpunkt des Geschehens steht der neunzehnjährige Jared. Als sein strenggläubiger Vater von der Homosexualität seines Sohnes erfährt, drängt er ihn zur Teilnahme an einer fragwürdigen Reorientierungstherapie. Vor die Wahl gestellt, entweder seine Identität oder seine Familie und seinen Glauben zu riskieren, lässt er sich notgedrungen auf die absurde Behandlung ein. Seine Mutter begleitet ihn zu der abgeschotteten Einrichtung, deren selbst ernannter Therapeut ein entwürdigendes, qualvolles und unmenschliches Umerziehungsprogramm leitet. Er ist weniger an seinen Patienten sondern mehr an dem Geld finanzkräftiger Eltern interessiert. Letztendlich ist es seine Mutter, die sich emanzipiert und ihren Sohn von allen Zwängen freisetzt.

    Es ist interessant, diese Geschichte zu verfolgen; sie verläuft allerdings eindimensional und spannungslos. Außerdem ist es kein Film für die große Leinwand, auch wenn vorzügliche Darsteller wie Russel Crowe und Nicole Kidman als Elternpaar eine glaubwürdige Leistung bieten.

     

    (07.02.2019)

    + „Frühes Versprechen“ von Eric Barbier – F 2018 - 131 Min.

    Der Film schildert das bunte, abwechslungsreiche und spannende Leben des berühmten französischen Schriftstellers, Regisseurs und Diplomaten Romain Gary. Von seiner schweren Kindheit in Polen über seine Jugend unter der Sonne von Nizza bis hin zu den Heldentaten seiner Flüge in Afrika während des Zweiten Weltkrieges und seiner Ehe mit der Schauspielerin Jean Seberg – Gary lebte ein außergewöhnliches Leben. Ein Leben, dessen Wirklichkeit das mütterliche Wunschdenken noch übertrifft. Denn es ist die unerschütterliche Zuneigung seiner liebenswerten wie exzentrischen Mutter Nina, die ihn fordert und antreibt. Von diesem einzigartigen Band zwischen Mutter und Sohn erzählt der Autor in seinem autobiografischen Buch „Frühes Versprechen“ – eine Hommage an eine anstrengende, verrückte und gleichwohl liebevolle Mutter und eine Paraderolle für die brillante, alles dominierende Charlotte Gainsbourg, die alle Zeitebenen mühelos meistert.

     

    o „The Prodigy“ von Nicholas McCarthy – USA 2018 – 90 Min.

    In den ersten Jahren sind die Eltern von Miles noch stolz auf ihr Wunderkind und dessen Auffassungsgabe, Doch mit zunehmenden Alter verändert Miles sein Verhalten auf abschreckende Weise. Sarah, seine Mutter, versucht die Ursachen herauszufinden. Ganz offensichtlich ist ihr Sohn von einer finsteren Macht besessen. Sie stößt dabei auf mysteriöse Ereignisse aus der Vergangenheit und muss sich entscheiden zwischen ihrem Mutterinstinkt und dem Kampf gegen das Böse.

    Ein typischer Genre-Film eines erfahrenen Teams, der emotional gefällig daherkommt und auf vordergründige Schockwirkungen verzichtet. Die Auflösung überzeugt und das Finale überrascht. Wer’s liebt kommt voll auf seine Kosten.

     

    + „Asi mit Niwoh – die Jürgen Zeltinger Geschichte“ von Oliver Schwabe – D 2018 – 90 Min.

    Er gehört zu Kölle wie der FC und der Dom; er war Straßenmusiker, Prolet, Spinner und Rebell: Jürgen Zeltinger, die Ikone! Der Film zeigt den Altrocker auf Tour, taucht in die Archive und befragt Weggefährten die Freunde wie Dennis Kleimann, Arno Steffen, Wolfgang Niedecken und Heiner Lauterbach zu „de Plaat“, wie Zeltinger in der Szene genannt. „Ais mit Niwoh“ ist gleichzeitig auch ein Film über das Kölner Lebensgefühl in den 80er- und 90er-Jahren in der Underground-Szene und im Milieu. Regisseur Oliver Schwabe, der in Dutzenden von Musik-Dokumentationen seine Souveränität bewiesen hat, nähert sich seinem Protagonisten respektvoll, aber nicht unkritisch an. Er streichelt seine Borsten und glättet seine Falten. Wer den Film gesehen hat verfolgt neugierig die Ankündigungen von Zeltinger Konzerten in Köln und Umgebung. Nichts wie hin!

     

    (31.01.2019)

     

     

    ++ „The Mule“ von Clint Eastwood – USA 2018 – 117 Min.

    Die Handlung des Films orientiert sich an dem New York Times Magazine-Artikel „The Sinaloa Cartels’ 90-Year-Old-Drug Mule“. Es geht um Earl Stone, einen Mann in den Achtzigern, der als Florist viel gearbeitet hat, permanent unterwegs war und darüber seine Familie vernachlässigt hat. Durch den zunehmenden Internet-Handel steht sein Unternehmen vor der Zwangsvollstreckung. In dieser Situation erhält er ein Jobangebot, bei dem er lediglich Auto fahren soll. Doch ohne es zu wissen, hat Earl als Drogenkurier für ein mexikanisches Kartell angeheuert. Er macht seinen Job so gut, dass seine Fracht immer wertvoller und er einem Aufpasser des Kartells zugeteilt wird. Aber er ist nicht der Einzige, der Earl beobachtet: Der mysteriöse neue Drogenkurier ist ebenfalls auf dem Radar des ehrgeizigen DEA-Agenten Colin Bates aufgetaucht.

    Der weit über 80 Jahre alte Eastwood autorisiert diesen Film als Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller- souverän, stilsicher, mit dem richtigen Gespür für Timing und leichter Ironie. Es ist ein Hochgenuss, ihn spielen zu sehen. Präsent wie eh und je beherrscht er seinen Part zwischen Starrsinn und Hilfslosigkeit in allen Facetten. Jede Szene ist genauesten inszeniert, jede Kameraeinstellung zeugt von dem kontrollierten Umgang mit den Bildern. Und dazu dann die passende Musik. Um ihn herum ein Ensemble ausgezeichneter Darsteller. „The Mule“ ist so spannend und überzeugend wie die „Narcos“-Serien, nur dass hier weitaus weniger Action eingesetzt wird. Braucht man auch nicht, wenn es einen so faszinierenden Protagonisten gibt.

     

    ++ „Green Book“ von Peter Farrelly – USA 2018 – 130 Min.

    Der Filmuntertitel lautet: „Eine besondere Freundschaft“! Und genau davon handelt dieser Film. Der hochgebildete und erfolgreiche afroamerikanische Pianist Dr. Don Shirley geht 1962 auf eine Konzert-Tournee von New York bis in die Südstaaten. Sein Fahrer ist der prollige Italo-Amerikaner Tony Lip, der seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsjobs und als Türsteher verdient. Der Gegensatz zwischen den beiden könnte nicht größer sein. Dennoch entwickelt sich eine enge Freundschaft. Gemeinsam erleben sie eine Zeit, die von wahrer Menschlichkeit, aber auch Gewalt und Rassentrennung geprägt ist. So müssen sie ihre Reise nach dem „Negro Motorist Green Book“ planen, einem Reiseführer für afroamerikanische Autofahrer, der die wenigen Unterkünfte und Restaurants auflistet, die auch schwarze Gäste bedienen. Und bei diesen Bedingungen sind Konflikte und handgreifliche Auseinandersetzungen vorprogrammiert.

    „Green Book“ hat reale biografische und zeitgeschichtliche Bezüge. Eine beeindruckende filmische Rekonstruktion, bei der die Leistung der beiden Hauptdarsteller jede nostalgische Klischeehaftigkeit durch überzeugende Authentizität vermeidet. Ein Film, der zu recht mit mehreren Preisen und Auszeichnungen bedacht wurde.

     

    o „Die Blüte des Einklangs“ von Naomi Kawase – Japan/Frankreich 2018 – 110 Min.

    Die Französin Jeanne reist nach Japan auf der Suche nach einer seltenen Heilpflanze. In den tiefen, undurchdringlichen Wäldern der Yoshino-Berge soll sich die geheimnisvolle Pflanze Vision befinden. Sie blüht der Legende nach nur einmal alle 997 Jahre und befreit den Menschen von seinen Ängsten und Schwächen. Während ihrer Reise trifft sie auf Tomo, der die Wälder sein Zuhause nennt und spürt, dass in den Bergen eine beunruhigende Veränderung vor sich geht. Ein Jahrtausendereignis kündigt sich an.

    Der Film ist eine Reise durch Zeit und Raum und erzählt mit einer assoziativen Montage zwischen den Bildern mehr als es die eigentliche Handlung angeht. In einer einzigartigen Atmosphäre entsteht eine unbeschreibliche Mystik, in der Natur und Leben ihren Einklang finden. Eine ideale Projektionsfläche für die Ausnahme-Schauspielerin Juliette Binoche!

     

    (24.01.2019)

     

    o „Creed 2“ von Steven Caple Jr. – USA 2018 – 130 Min.

    Das Treffen der Generation nach “Rocky”. Es kämpfen gegeneinander die von Ivan Drago (Dolph Lundgren) zwischen tristen Plattenbauten trainierte Kampfmaschine aus der ehemaligen Sowjetunion und der von Rocky Balboa (Sylvester Stallone) mit modernen Trainingsmethoden gestylte Adonis Creed. Und zwischen den Treffen im Ring noch etwas zähe, sparsame Dialoge, an denen sich auch Brigitte Nielsen (die Ex-Frau von Stallone) als Ex-Frau von Ivan Drago beteiligt. Minimale schauspielerische Leistungen gegen maximale Actionszenen – insgesamt die ideale Mixtur um die „Rocky“-Vermarktungsmaschine anzuwerfen.

     

    (17.01.2019)

     

    + „Maria Stuart, Königin von Schottland“ von Josie Rourke – GB 2018 – 125 Min.

    Maria, Königin von Schottland, wurde am 8. Dezember 1542 geboren. Den größten Teil ihrer Kindheit verbrachte sie in Frankreich, dem Geburtsland ihrer Mutter. Nach dem Tod ihres jungen Ehemannes kehrt sie im Alter von 18 Jahren nach Schottland zurück, um rechtmäßig den Thron zu beanspruchen. Dadurch tritt sie in einen Machtkampf mit Königin Elisabeth I., die bis dahin Alleinherrscherin über das englische Königreich ist und sich herausgefordert fühlt. Der Ausgang der erbitterten Rivalität inmitten einer männerdominierten Welt ist bekannt und Geschichte.

    Der Film der erfolgreichen Theaterregisseurin Josie Rourke konzentriert sich auf die beiden Protagonisten, die mit Saoirse Ronan und Margot Robbie hervorragend besetzt sind. Es gibt ausreichend Hauen und Stechen und wunderbare Landschaftsaufnahmen. Großes Kino! In dem Bemühen um eine Rekonstruktion des historisch verbürgen Geschehens aus heutiger Sicht sind bei der Zeichnung einzelner Charaktere aus dem Umfeld der Regentinnen allerdings einige leichtfertige Fehler unterlaufen.

     

    o „Glass“ von M. Night Shyamalan - USA 2018 – 129 Min.

    Hier treffen sie noch einmal aufeinander und gegeneinander: Die Super-Helden als Protagonisten der Psycho-Horrorthriller „Unbreakable“ und „Split“. Um diesen Film zu entschlüsseln sollte man die beiden voraufgegangenen noch einmal sehen. „Glass“ ist so bekömmlich wie ein Teebeutel nach dem dritten Aufguss: fade und fadenscheinig.

    Mein Vorschlag: die drei Filme neu montieren und zu einer Mini-Serie formatieren.

     

    (10.01.2019)

     

    + „Das Mädchen, das lesen konnte“ von Marine Francen – F 2017 – 98 Min.

    Schauplatz des Films ist ein abgelegenes Bergdorf in der Provence in den Jahren 1851 bis 1855. Protagonistin ist die südfranzösische Bäuerin Violette Ailhaud. Wie ihre Freundinnen, ist sie im heiratsfähigen Alter, als plötzlich die Auswirkungen der großen Politik unmittelbar Einzug im Dorf halten. Alle Männer des Ortes werden von Louis Napoléons Soldaten verschleppt, als dieser die Zweite Republik stürzt, um sich als Napoléon III. zum Kaiser der Franzosen zu krönen.

    Mit vereinten Kräften gelingt es den zurückgebliebenen Frauen, die Arbeiten des Jahreslaufs zu bewältigen. Trotz der Sorge um die verlorenen Männer, sind die Frauen stolz auf ihre Unabhängigkeit. Nach einem Jahr vergeblichen Wartens auf ein Lebenszeichen der Männer fassen Violette und ihre Freundinnen einen Entschluss: Wenn eines Tages ein Mann ins Dorf kommt, soll er für alle Frauen da sein, damit das Dorf weiter existieren kann. Als der umherreisende, heimatlose Schmied Jean zufällig auftaucht, verliert das Gefüge seine Balance, denn er und Violette verlieben sich ineinander. Und dann tauchen auch einige der verschwundenen Männer auf, die überlebt haben…

    Der Debütfilm von Marine Francen nach der autobiographischen Erzählung von Violette Ailhaud ist eine einfache und klare filmische Umsetzung ihrer Lebensgeschichte, die sich überwiegend durch Bilder und weniger durch Dialoge vermittelt. Die „fein geschnittene Miniatur mit sich leise aufbauendem emotionalem Höhepunkt“ (Hollywood Reporter) wurde auf internationalen Festivals mit Preisen und Auszeichnungen bedacht.

     

    (27.12.2018)

     

    + „Sibel“ von Cagla Zenciri und Guillaume Giovanetti – Türkei u.a. 2018 – 95 Min.

    Die 25-jährige Sibel lebt mit ihrem Vater, dem Bürgermeister, und ihrer jüngeren Schwester Fatma in einem kleinen Dorf in einer ländlichen Gegend der Türkei. Weil sie nicht sprechen kann, sondern sich nur durch Pfeiflaute verständigt, und kein Kopftuch trägt, sondern stattdessen mit einem Gewehr über die Schultern ihre Besorgungen erledigt, sieht sie sich tagtäglich Anfeindungen ausgesetzt. Als sie im nahegelegenen Wald einen Deserteur der türkischen Armee trifft und sich um ihn kümmert, verschlimmert sich ihre Situation. Den Mann halten die Dorfbewohner für einen Terroristen. Sibel wird bedroht und angegriffen, selbst ihr Vater wendet sich von ihr ab. Doch Sibel beugt sich nicht länger den traditionellen Konventionen und wächst über sich hinaus.

    Immer wieder gelingt es dem Kino jenseits des Mainstreams außergewöhnliche und eindringliche Geschichten zu erzählen. Hier geht es um eine Selbstbehauptung in einer konservativen, nahezu archaischen Gesellschaft der heutigen Türkei. Ein Film mit großen, wunderschönen Kinobildern und betörend schönen Landschaften. Auf internationalen Festivals mit Preisen und Auszeichnungen bedacht.

     

    + „Shoplifters – Familienbande“ von Hirokazu Kore-Eda – Japan 2018 – 121 Min.

    Mit diesem Film gelingt es dem japanischen Regisseur erneut das einfühlsame Porträt einer Familie am Rande der japanischen Gesellschaft. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen Osamu Shibata und sein Sohn Shota. Nach einer Diebestour in einer kalten Winternacht treffen sie das verwahrloste Mädchen Yuri und nehmen es mit zu sich nach Hause in die Enge ihrer nrühigen Behausung. Die anfänglichen Bedenken der anderen Familienmitglieder sind schnell verflogen. Umgeben von anonymen Wohnblöcken lebt die bunte Truppe mithilfe von kleinen Betrügereien, Ladendiebstählen und trotz widriger Umstände glücklich zusammen. Doch ein unvorhergesehener Vorfall enthüllt bisher gut geschützte Familiengeheimnisse und nun muss sich beweisen, ob diese Menschen mehr verbindet als ihr Dasein als Kleingauner und Lebenskünstler.

    Das brüchige Glück der Familie Shibata zeichnet der Film mit fast fröhlicher Leichtigkeit. Statt dem düsteren Pathos sozialer Außenseiter stehen einprägsame Charaktere mit einfühlsamer Menschlichkeit voller Würde und Poesie im Vordergrund. In Cannes 2018 erhielt SHOPLIFTERS die „Goldene Palme“!

     

    (26.12.2018)

     

    ++ „Drei Gesichter“ von Jafar Panahi – Iran 2018 – 100 Min.

    Nach seinem Kinoerfolg TAXI TEHERAN ist es dem iranischen Regisseur Jafar Panahi trotz Berufsverbot erneut gelungen, einen Spielfilm zu drehen und außer Landes zu schmuggeln. In DREI GESICHTER reist Panahi in die Heimat seiner Eltern und Großeltern und lernt dabei einfache Dorfbewohner kennen. In humorvollen Episoden zeigt er die Widersprüche zwischen Stadt- und Landbevölkerung, zwischen Tradition und Aufbruch und porträtiert starke Frauen, die längst viel fortschrittlicher und mutiger denken als die Männer in ihrem Land.

    Ausgangspunkt des Geschehens ist die Videobotschaft eines weiblichen Fans an eine bekannte iranische Schauspielerin. Gemeinsam mit ihrem Freund, dem Regisseur Jafar Pananhi, macht sie sich auf die Suche nach dem Mädchen. Die Reise in den Norden des Landes birgt überraschende Begegnungen. Im Bergdorf angekommen, versuchen die beiden das Geheimnis um das Video endlich zu lösen.

    Für sein Plädoyer für Freiheit und Menschlichkeit nimmt sich der Regisseur alle Zeit dieser Welt. Umso mehr eine Gelegenheit für die Zuschauer, sich intensiv auf Land und Leute einzulassen.

     

     

    (25.12.2018)

     

    + „Der Junge muss an die frische Luft“ von Caroline Link – D 2018 – 105 (?) Min.

    Das Ruhrgebiet Anfang der 1970er-Jahre. Der pummelige neunjährige Hans-Peter beobachtet seine Familie und Nachbarn sehr genau, studiert, imitiert, improvisiert und unterhält sie mit immer perfekteren kleinen Shows. Sein großes Talent, andere zum Lachen zu bringen, trainiert er täglich im Krämerladen seiner Oma. Aber leider ist nicht alles rosig. Dunkle Schatten legen sich auf den Alltag des Jungen, als seine Mutter nach einer Operation immer bedrückter wird. Für Hans-Peter ein Ansporn, seine komödiantische Begabung immer weiter auszuleben.

    Das Bild, das dieser Film von einer Ruhrgebiets-Familie zeigt, ist das einer immer fröhlichen, gut gelaunten Verwandtschaft, die gerne feiert und so gut wie keine Sorgen kennt. Die tragische Krankheit der Mutter des Jungen gehört in diesem Zusammenhang zu den wenigen Schicksalsschlägen, denen die Kerkelings ausgesetzt sind. Der Film basiert auf der gleichnamigen Autobiographie von Hape Kerkeling. Routiniert verfilmt von Caroline Link und treffend besetzt. Ein Glücksgriff ist die Besetzung des jungen Hans-Peter mit Julius Weckauf, dessen Ähnlichkeit mit dem erwachsenen Hape erstaunlich ist. Der richtige Film zur Weihnachtszeit. Er macht gute Laune und kann von Groß und Klein besucht werden. Für Kinder ist der Protagonist eine ideale Identifikationsfigur; für Erwachsene ist der Film eine nostalgische Zeitreise in ein gut rekonstruiertes Ambiente.

     

    (06.12.2018)

     

    o „Astrid“ von Pernille Fischer Christensen – Schweden u.a. 2018 – 123 Min.

    Anfang des 20. Jahrhunderts im ländlichen Schweden. Die junge Astrid wächst in einer streng religiösen Familie auf und wird Volontärin bei einem kleinen Lokalblatt in Smaland. Ihr Chefredakteur, der vom Alter her ihr Vater sein könnte, erkennt ihr Talent fürs Schreiben und fördert sie. Doch dabei bleibt es nicht. Die beiden verlieben sich und Astrid wird ungewollt schwanger. Ein Problem für den Mann, da er noch verheiratet ist, aber getrennt lebt. Um den sich anbahnenden Konflikten und Skandalen zu entkommen, bringt Astrid ihr Kind in Dänemark zur Welt, wo es bei einer Pflegemutter in Kopenhagen bleibt. Da dem Erzeuger ein Strafverfahren wegen Ehebruch und Unzucht mit einer Abhängigen droht, muss Astrid in den kommenden Jahren einen eigenen Weg finden, ihr Leben zu meistern. Hilfreich ist dabei ihr Talent fürs Geschichtenerzählen.

    Eigentlich eine kleine, nachvollziehbare Geschichte, eher für den Bildschirm als für die große Leinwand. Da die Kamera dicht bei der Hauptdarstellerin bleibt und deren Gefühlswelten dem Publikum hautnah vermittelt, ist ASTRID ein aufschlussreicher, emotional ergreifender Film: Die Protagonistin wird später unter dem Namen Astrid Lindgren (1907 – 2002) eine weltberühmte Kinderbuchautorin. Klassisches Biopic demnach; der schwedische Originaltitel „Unga Astrid“ („Astrid werden“) trifft es genauer.

     

    (06.12.2018)

     

    + „Climax“ von Gaspar Noé – F 2018 – 95 Min.

    21 junge Tänzer bereiten sich auf eine Tournee durch Frankreich und in den USA vor. Vor der Abreise haben sie sich versammelt, um zusammen zu tanzen, sich näher zu kommen. Reden und Feiern. Unablässig pumpt die Musik Beats in den Raum. Die Stimmung ist bestens. Sangria fließt in Strömen, doch jemand hat Drogen in die Drinks gemischt. Nach und nach beginnen sie zu wirken. Panik macht sich breit. Aus Angst wird Paranoia. Chaos und Anarchie brechen aus. Die Tänzer taumeln, stolpern und tanzen weiter in höchster Ekstase bis zum Morgengrauen als die Polizei eintrifft und das ganze Ausmaß entdeckt.

    Ein Filmerlebnis mit körperlich spürbaren Erfahrungen. Kompromisslos, berauschend und faszinierend. Ein totaler Bruch mit allen gesellschaftlichen Konventionen, traditioneller Dramaturgie und den Regeln der stilgeschichtlichen und filmsprachlichen Mittel.

     

    (29.11.2018)

     

    o „The House That Jack Built“ – von Lars von Trier – Dänemark 2018 – 155 Min.

    Lars von Trier erzählt bildreich die Geschichte eines hochintelligenten Serienkillers namens Jack im Zeitraum von zwölf Jahren aus seiner Perspektive. Jack betrachtet jeden einzelnen seiner Morde als Kunstwerk und tauscht sich mit seinen Gedanken regelmäßig mit einem mysteriösen Gesprächspartner namens Verge aus. Während die Polizei dem Killer über die Jahre immer dichtet auf den Fersen ist, geht Jack immer größere Risiken ein, denn er ist noch nicht zufrieden mit seinem Werk. Sein Ziel ist das ultimative Kunstwerk: eine Kollektion all seiner Morde, manifestiert in einem von ihm selbst gebauten Haus.

    Wie immer, so spaltet Lars von Trier auch diesmal das Publikum, von der Kritik sogar als „halb psychologische Quatsch, halb philosophischer Kitsch“ (Zeit) abgetan. In den Gesprächen mit Verge spielen die eigenwilligen Reflexionen des Protagonisten zu verschiedenen Bereichen der Kultur- und Kunstgeschichte eine zentrale Rolle. Jack sieht sich als „Künstler“ und der Regisseur liefert dazu grelle passende Bilder und Filmausschnitte. U.a. zeigt er einen historischen Filmmitschnitt, der den jungen Glenn Gould zeigt, der virtuos am Klavier Bach interpretiert. Die Diskussionen zwischen Jack und Verge über den Mord als Kunstform sind als Gleichsetzung des Massenmörders mit einem großartigen Künstler einfach geschmacklos. Und davon hat der Film einiges zu bieten.

     

    (22.11.2018)

     

    o „Verschwörung“ von Fede Alvarez – USA 2018 – 117 Min.

    „Verschwörung“ ist der vierte Titel der Roman-Reihe um die Hackerin Lisbeth Salander und den Journalisten Mikael Blomkvist. Die Bestseller haben auch schon einige Verfilmungs-Versuche überstanden, von denen aber nur die ersten gelungen sind.

    Lisbeth hackt den US-Abhördienst und findet Beweise für eine Verschwörung innerhalb des Auslandsgeheimdienstes. Blomkvist, dessen investigatives Gespür nachgelassen hat, recherchiert den Tod eines Experten für KI, der kurz zuvor versuchte, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Bei dem weiteren Vorgehen entdeckt er eine Verbindung zu Lisbeth – und nun haben sie wieder ein gemeinsames Ziel.

    Horror-Spezialist Fede Alvarez, ein Fan von David Fincher, reichert diesen Polit-Krimi um einige Elemente der ihm geläufigen Psycho-Thriller an. Herausgekommen ist ein hochexplosives Genre-Kino, das sich leider immer weiter von der Intelligenz und den Ansprüchen der Romanvorlagen entfernt.

     

    (15.11.2018)

     

    + „Suspiria“ von Luca Guadagnino – I/USA 2918 – 152 Min.

    Susie, eine junge, ehrgeizige amerikanische Tänzerin zieht nach Berlin der 1970er-Jahre, um dort bei der renommierten Marcos Dance Academy eine Ausbildung zu absolvieren. Unter der Anleitung der künstlerischen Aufsicht Madame Blanc macht sie schnell erstaunliche Fortschritte. Doch Susie merkt, dass in der Tanzschule seltsame Dinge vor sich gehen. Mädchen verschwinden. Dr. Klemperer, der hochbetagte Psychotherapeut der jungen Tanzschüler, kommt bald einem dunklen Geheimnis auf die Spur: Hinter der Fassade verbergen sich drei grausame Hexen!

    Vor dem Hintergrund aktuellen politischen Zeitgeschehens der Nazivergangenheit, des Kalten Krieges und der RAF-Aktionen in der geteilten Stadt entfaltet sich ein verwirrendes, anstrengendes Panorama; ein mysteriöses Labyrinth verstörender Bilder und rätselhafter Charaktere. Was als choreografiertes Tanzritual beginnt, findet ein blutiges Ende; insgesamt aber eine grandiose Bühne für Damen (nur Frauen spielen mit) und Diven, u.a. Angela Winkler, Sylvie Testud, Renée Soutendijk und Ingrid Caven. Allen voran: die großartige Tilda Swinton in der Doppelrolle als zeitlose Madame Blanc und dem 82 Jahre alten Dr. Klemperer.

    „Suspira“ ist ein Remake des gleichnamigen Films vom Horror-Regisseurs Daria Argento (I 1976). Doch bei Guadagnino wird dem Original nicht nachempfunden, sondern ins Gegenteil verkehrt.

     

    (06.11.2018)

     

    o „Aufbruch zum Mond“ von Damien Chazelle – USA 2918 – 143 Min.

    Rekonstruktion der hochdramatischen Ereignisse des amerikanischen Raumfahrtprogramms zwischen 1961 und 1969. Im Mittelpunkt steht Neil Armstrong, dessen Biografie auch die Vorlage für diesen Film liefert. Im Focus allerdings nicht atemberaubende Raumfahrt-Sequenzen, sondern die technischen Bedingungen sowie die psychischen und physischen Herausforderungen auf engstem Raum in den Kapseln. Hinzu dann die Ensemble-Leistung der Station Huston, die solche Einzelleistungen erst ermöglicht.

    Die körperlichen Anstrengungen des „Helden“ werden den Kino-Zuschauern durch Bild- und Toneffekte direkt vermittelt: Wie in den Hollywood-Katastrophenfilmen von einst ruckelt und zuckelt es im Zuschauerraum, was Schauergefühlt auslösen soll – aber nur langweilt.

    Für Ryan Gosling keine Chance, seiner eingeengten Rolle Tiefe zu verleihen.

     

    (01.11.2018)

     

    --„Der Nussknacker und die vier Reiche“ von Lasse Hallström und Joe Johnston – USA 2018 -105 Min.

    Fantasyfilm auf den Grundlagen der Erzählung von E.T.A. Hoffmann und der Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowski. Die junge Clara erhält eine Kiste als Geschenk. Doch den dazu passenden Schlüssel muss sie noch finden. Sie gerät dabei in eine mysteriöse Parallelwelt mit allerlei seltsamen Bewohnern.

    Wo Disney draufsteht ist auch Disney drin. Hier ist es jedoch ein Film, der einer überzuckerten Sahnetorte gleichkommt. Die überquellenden Schauwerte unterstützen nicht die Handlung, sondern sind eigenständige Zutaten, die selbst einem profilierten Darstellerensemble (u.a. mit Keira Knightley, Helen Mirren und Morgan Freeman) keinen Raum lassen. Von der Regie eines Lasse Hallström, dessen Filme sich bislang durch eine persönliche Handschrift auszeichneten, diesmal keine Spur.

     

    (25.10.2018)

     

    + „Halloween“ von David Gordon Green – USA 2018 – 109 Min.

    „Halloween“ von John Carpenter aus dem Jahre 1978 ist exemplarisches Genre-Kino, das zu vielen mehr oder weniger gelungenen Horrorfilmen inspirierte. Der geisteskranke Psychopath Michael Myers, der in der Halloween-Nacht sein Unwesen treibt und junge Menschen ermordet, überlebte bislang sieben Sequels. Zwanzig Jahre nach dem ersten Film begegnete Jungstar Jamie Lee Curtis als mittlerweile erwachsene Laurie in „Halloween H20“ (USA 1998, R: Steve Miner) erneut ihrem Erzfeind. Und nun sind wieder zwanzig Jahre vergangen und erneut treffen sie aufeinander. Myers ist nicht tot, sondern lebt in einer psychiatrischen Anstalt in Haft. Als die Insassen verlegt werden sollen, verunglückt der Gefangentransporter und der blutrünstige Psychopath kann fliehen. Er macht sich auf den Weg nach Haddonfield und der entsetzliche Alptraum beginnt für die Bewohner aufs Neue. Nur Laurie ist vorbereitet, sich dem personifizierten Bösen entgegenzustellen.

    Da in dieser Handlungskonstruktion bereits Raum ist für neue Charaktere wie Lauries Tochter Karen und Enkelin Allyson ist es durchaus denkbar, dass in zwanzig Jahren ein (schein-)toter Myers erneute Haddonfield heimsucht. Diesmal aber ist es ein Wiedersehen mit der großartigen Jamie Lee Curtis, die alle und alles an die Wand spielt und spektakuäre Auftritte hat.

     

    (03.10.2018)

     

    o „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmarck – D 2018 – 189 Min.

    Florian Henckel von Donnersmarck ist ein überschätzter Regisseur. Den Oscar für sein Debütwerk „Das Leben der Anderen“ erhielt er m. E. nicht wegen seiner Regiekünste, sondern weil es ein verdammt gutes Drehbuch gab, das er mit hervorragenden Darstellern umsetzen konnte.

    Der Film „Werk ohne Autir“ über einen ostdeutschen Künstler, der sich nach seiner Flucht in die BRD mit seinen Kindheits- und Jugenderlebnissen aus NS- und SED-Zeit herumschlagen muss, orientiert sich an der Biographie Gerhard Richters. Die gesamte Handlung wirkt hüftsteif; immer muss irgendwas bewiesen werden. So beispielsweise die Hintergrundinformationen zu einzelnen Werken von Richter. Besonders schade: die quirlige, mitunter chaotisch-kreative Szene der Düsseldorfer Kunstakademie gleicht einem Panoptikum mit den sprechenden Köpfen von Beuys, Uecker etc. Das hätte weitaus authentischer und interessanter vermittelt werden können – und unterhaltsamer! Aber das war und ist wahrscheinlich auch nicht die Welt des selbstgefälligen Regisseurs.

     

    (27.09.2018)

     

    + „The Man Who Killed Don Quixote“ von Terry Gilliam – Spanien u.a. 2018 – 133 Min.

    Eine sehr eigenwillige Adaption der klassischen fantastischen Abenteuergeschichte von Miguel de Cervantes’ Roman “Don Quijote de la Mancha”.

    Der zynische Werbefilmer Toby triff während der Dreharbeiten in Spanien auf einen alten spanischen Schuhmacher, der sich für Don Quixote hält. Die beiden erleben eine Reihe absurder Abenteuer, in deren Verlauf Toby sich den tragischen Auswirkungen eines Films stellen muss, den er in seiner Jugend gedreht hat – Ein Film, der die Hoffnungen und Träume eines kleinen spanischen Dorfes für immer verändert hat.

    Ein surrealer, vielschichtiger Film – mitunter aber eine Geschichte und/oder eine Schicht zuviel. Von der Realitätsebene der Dreharbeiten aus zurück in die Vergangenheit und danach gleich in die nahe Zukunft. Erinnerungen, Visionen und Träume vermischen sich kontinuierlich. Ein opulentes, üppiges Visualisierungskonzept mit schrägem Humor, leichter Ironie, derber Komik und Albernheit irritiert, ist aber gleichzeitig auch äußerst unterhaltsam.

    Der hyperaktive, überdrehte Film blickt auf eine der längsten und kompliziertesten Entstehungsgeschichten der Filmhistorie zurück. Dass diese Produktion fast 30 Jahre nach ihren Anfängen im zehnten Anlauf letztendlich fertiggestellt wurde, ist eine bemerkenswerte Leistung, die man sich auf der großen Leinwand im Kino nicht entgehen lassen sollte. Allein schon das Spiel des Star-Ensembles ist eine Kinokarte wert. So unbeirrt, wie Don Quixote sich den Herausforderungen stellte, kämpfte Terry Gilliam trotz seiner katastrophalen Produktionsgeschichte für diesen Film. Im wahrsten Sinne des Wortes ein „Wahnsinns-Unternehmen“. Der „Edle Ritter“ war bekanntlich im Kopf etwas verwirrt. Und das war auch der Ausgangspunkt für Chronologie und Dramaturgie des Films.

     

    + „Ballon“ von Michael Bully Herbig – D 2018 – 120 Min.

    Aus einer wahren, weltweit bekannten Abenteuergeschichte einen Thriller für die große Leinwand zu machen, ist kein einfaches Unternehmen. Der Story über die beiden Familien, die 1979 mit einem selbstgefertigten Heißluftballon die Flucht aus der DDR in die Freiheit gewagt haben, sind keine neuen Aspekte abzugewinnen. Trotzdem hat sich der Komödienerfolgsverwöhnte Regisseur Michael Bully Herbig an diesen Stoff und an dieses Genre gewagt. Das verdient Anerkennung und ist macht den Film auch interessant. Da die Flucht bekanntlich gelingt, sind die Spannungseffekte nicht beeindruckend. Sie wirken aufgesetzt und mitunter auch ärgerlich. Die konzentrierte Leistung der ausgezeichneten Darsteller sowie die sorgfältige Rekonstruktion des DDR-Alltags machen den Film dennoch sehenswert.

     

     

    (20.09.2018)

     

    ++ „Wackersdorf“ von Gernot Krää und Oliver Haffner – D 2018 – 123 Min.

    Ja, es gibt sie wirklich: Die Helden des Alltags! Der Landrat Hans Schuierer ist einer von ihnen. Leider haben die großen Ereignisse in der Oberpfalz in den 1980er-Jahren die Erinnerung an seinen Namen verdrängt. In seinem Wirkungskreis stiegen die Arbeitslosenzahlen und der SPD-Politiker bemühte sich, Perspektiven für die Bevölkerung zu schaffen. Da erschienen ihm die Pläne der Bayerischen Staatsregierung wie ein Geschenk: In der beschaulichen Gemeinde Wackersdorf soll eine atomare Wiederaufbereitungsanlage (WAA) gebaut werden, die wirtschaftlichen Aufschwung für die ganze Region verspricht. Doch als der Freistaat ohne rechtliche Grundlagen mit Gewalt gegen Proteste einer Bürgerinitiative vorgeht, die sich für den Erhalt der Natur in ihrer Heimat einsetzt, steigen in Schuierer Zweifel auf, die seine Karriere und seine Zukunft auf Spiel setzen, weil er kompromisslos für Recht und Gerechtigkeit kämpfte.

    Ein Film über eine Epoche deutscher Zeitgeschichte, die für den Einsatz für demokratische Werte und Bürgerengagement seht. Wer diesen filmisch hervorragend gestalteten und emotional aufwühlenden „Unterrichtsfilm“ sieht, der spürt angesichts der aktuellen CSU-Politik, dass das „Lehrstück Wackersdorf“ ein Film zur rechten Zeit.

     

    (13.09.2018)

     

    o „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ von Joachim A. Lang – D/B 2018 – 130 Min.

    Es beginnt mit der Generalprobe und der Uraufführung der „Dreigroschenoper am 31. August 1928 im Berliner Schiffbauerdamm-Theater und den Turbulenzen und Auseinandersetzung zwischen den Machern (Brecht, Weill, Schauspieler, Dramaturgen etc.) und der Theaterleitung. Doch das ist schnell vergessen, denn das Stück wird ein großer Erfolg. Das veranlasst Brecht, sein Werk für eine Filmadaption vorzubereiten. Da die Absichten des Autors bei der Produktionsfirma Nero-Film AG nicht durchzusetzen sind, kommt es zu dem historischen „Dreigroschenprozess“. Brecht wollte einen radikalen, politisch pointierten Film; die Firma war aber nur an einem Kassenerfolg interessiert.

    Regie bei dem Film „Machie Messer“ führte der Brecht-Experte Prof. Dr. Joachim A. Lang, der sich in seiner Dissertation mit der Verfilmung von Brechts epischem Theater beschäftigte. In seinem Kinofilmdebüt lässt er Realität und Fiktion verschmelzen – das aber nicht mit den brechtschen Verfremdungseffekten, sondern mit bunten Bilder, Revue- und Showeinlagen. Das wirkt aufgesetzt und nicht schlüssig. Hinzu kommt, dass alles, was Brecht im Film sagt, auf Zitaten aus dessen gesamten Werk und Leben beruht. Und so ist der Protagonist seine eigene Karikatur, die in jeder Einstellung durch die halbangerauchte Zigarre beweisen will, dass man sich hier an einschlägige Fotos orientiert.

    Der Regisseur ist an seinen eigenen, ambitionierten Ansprüchen gescheitert; u.a. will er (fast) das gesamte Theaterstück zeigen, die Auseinandersetzungen zwischen Generalprobe und Premiere, die Konflikte um die Verfilmung des Stoffes, parallel dazu einen Ausschnitt aus der Biographie Brechts und ein zeitgeschichtliches Porträt Ende der 20er- Anfang der 30er-Jahre.

    Die Nebenrollen wie Mitarbeiterinnen, Freundinnen, Freunde und Kollegen sind mit Ausnahme der des Komponisten Kurt Weill nicht konturiert. Man muss schon sehr viel über Brecht wissen, um die Zusammenhänge zu verstehen. Der Versuch, mit einer eigenen Film-Dramaturgie der Chronologie des Theaterstückes gerecht zu werden, wirkt hüftsteif und angestrengt. Daran ändert auch nicht das Prädikat „besonders wertvoll“. Ein imposantes Darsteller-Ensemble hat sich umsonst zu Höchstleistungen aufgeschwungen.

    Nein: Dieser Film würde dem großen Meister wahrscheinlich nicht gefallen.

     

    (30.08.2018)

     

    o „Asphaltgorillas“ von Detlef Buck – D 2018 – 103 Min.

    Zwei Typen aus dem (klein)kriminellen, rauen Berliner Straßenmilieu versuchen den großen Coup, um ihr Schicksal zu drehen und legen sich mit der Mafia an. Dabei übernehmen sie sich und die Sache eskaliert. Ein Genrefilm mit einem zuvieldesguten Stilmittelmix, deren Zutaten nicht aufeinander abgestimmt sind. Schrill, laut, überdreht, mitunter auch absurd und verworren. Kein Klischee wird ausgelassen – weder bei den Schauplätzen wie schummrige Nachtclubs, Luxusappartements, Chinaviertel oder kriminelle Autowerkstätten, noch bei den zwielichtigen Charakteren: Türken, Asiaten, Osteuropäer. Nichts mehr von dem Charme und Witz der frühen Buck-Filme. Aus einer Kurzgeschichte von Ferdinand von Schirach wurde leider keine stimmige Gangstergroteske für die große Leinwand.

     

    (23.08.2018)

     

    ++ „BLACKkKLANSMAN“ von Spike Lee – USA 2018 – 135 Min.

    Eine irre Geschichte – unglaublich aber wahr! In den frühen 1970er-Jahren tritt der junge Polizist Ron Stallworth als erster Afroafrikaner seinen Posten als Kriminalbeamter im Colorado Springs Police Department an. Entschlossen, sich einen Namen zu machen, startet er eine aberwitzige und gefährliche Mission: den Ku-Klux-Klan zu infiltrieren und bloßzustellen. Stallworth gibt vor, ein eingefleischter Extremist zu sein, nimmt telefonisch Kontakt zu der Vereinigung auf und kann schnell in den inneren Kreis vordringen. Als die Undercover-Mission zunehmend komplexer und brisanter wird, übernimmt ein Kollege seine Rolle in den persönlichen Treffen. Gemeinsam machen sie sich daran, die Organisation zu Fall zu bringen.

    Der von Spike Lee souverän inszenierte Film basiert auf einer Bestandsaufnahme der ethischen Beziehungen im Amerika der 1970er-Jahre, die gerade in der turbulenten Gegenwart von mitreißender Aktualität ist. In den letzten Bildern ist es der amtierende amerikanische Präsident, der die aufkommenden Rassenunruhen arrogant herunterspielt.

     

    + „Don’t Worry, weglaufen geht nicht“ von Gus Van Sant – USA 2018 – 115 Min.

    Ein Film nach der Autobiographie von John Callahan, der durch seine bissigen, urkomischen mit oft auch umstrittenen Cartoons bekannt wurde. Nach einem schweren Autounfall, der sein gesamtes Leben ändert, macht er sich auf den steinigen Weg, seine Alkoholsucht zu überwinden und lässt sich auf eine Entzugstherapie ein. Dabei entdeckt er sei Zeichentalent und wendet es für die respektlosen Cartoons an, die ihm ein neues Leben schenken und ihm Fans in vielen Ländern einbringen.

    Gus Van Sant, dessen Filme sich durch emotionale schauspielerische Höchstleitungen auszeichnen, hat hier mit Joaquin Phoenix den idealen Protagonisten gefunden, der jede Sequenz des Films beherrscht und das Publikum fesselt. Van Sant erzählt die Geschichte des 2010 im Alter von 59 Jahren verstorbenen John Callahan nicht geradlinig und folgerichtig; er zerschmettert seine Biographie und setzt sie wie in einem zerbrochenen Spiegel neu zusammen. Und so baut er Spannung auf und zwingt er die Zuschauer dazu, sich auf die Nuancen und Facetten des Geschehens zu konzentrieren.

     

    (09.08.2018)

     

    ++ „Aus nächster Distanz“ von Eran Riklis – D/F/Israel 2017 – 93 Min.

    Mit Hilfe des israelischen Geheimdienstes Mossad flieht die Informantin Mona vor der Hisbollah aus dem Libanon nach Hamburg. Dort bekommt sie eine neue Identität und im wahrsten Sinne des Wortes ein neues Gesicht verpasst. Nach der Operation wird sie in einer gesicherten Wohnung untergebracht. Gesellschaft bekommt sich dabei von der Agentin Naomi, die der Geheimdienst als Beschützerin schickt. Dabei wird bald klar, dass die beiden Frauen weit mehr teilen, als nur das vermeintlich sichere Versteck – sie verbindet auch das Gefühl eines großen Verlustes. Ein Verwirrspiel aus Verrat, Freundschaft, Loyalität und Versprechen nimmt seinen Lauf, das die eigentlich nur zwei Wochen währende Unterkunft zu einer Belastungsprobe für beide Frauen und ihre Überzeugungen macht: Wofür lohnt es sich zu leben, und wem kann man am Ende noch trauen?

    Buch und Regie bauen mittels eines komplexen, multidimensionalen Labyrinths einen Spannungsbogen auf, der zu Verwirrungen und überraschenden Wendungen führt. Dank bei beiden hervorragenden Hauptdarstellerinnen trotz des fast kammerspielähnlichen Ambientes des Films ein starkes Stück „großes Kino“ geworden.

     

    (02.08.2018)

     

    + „Mission: Impossible – Fallout“ von Christopher McQuarrie – USA 2018 - 148 Min.

    Tom Cruise als Agent Ethan Hunt ist immer noch aktiv. Seine Gegenspieler sind diesmal die Weltuntergangsterroristen „Die Apostel“, die drei Plutonium-Kapseln in ihren Besitz bringen. Da ist Rettung in buchstäblich „letzter Sekunde“ angesagt.

    Ein grandioser Genrefilm mit allen (bewährten) Zutaten; die üblichen Verfolgungsjagten incl. Eine davon in Paris mit alten und neuen Schauplätzen wie z.B. bei Gegenverkehr rund um den Arc de Triomphe. Atemberaubend dann auch das Finale: das Duell des Agenten gegen den Bösewicht. Ausgetragen in irrwitzigen Hubschrauberflügen in den zerklüfteten Himalaja-Bergregionen Kaschmirs. Großes Blockbuster-Kino! Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

     

    (26.07.2018)

     

    o „Hotel Artemis“ von Drew Peace – USA 2017 – 104 Min.

    Jodie Foster spielt eine couragierte High-Tech-Ärztin, die im Los Angeles von 2028 ein geheimes Krankenhaus namens „Hotel Artemis“ für Schwerverbrecher managt. In den Straßen der Stadt tobt ein außer Kontrolle geratener Bürgeraufstand. Eine Bande nutzt die Gelegenheit, eine Bank zu überfallen. Als ihr Raubzug vom Kugelhagel der Polizei unterbrochen wird, bleibt der schwer angeschlagenen Gang nur noch die rettende Flucht ins Hotel Artemis. Doch eine weitere Gefahr droht nicht nur durch die Cops, sondern auch von anderen Outlaws, die ins Hotel eindringen. Für die Chefin ist es schwer, in diesem Chaos den Überblick zu behalten und die Kräfte zu bändigen.

    Eine krude Mischung auf Action, Sci-Fi und Noir mit den bekannten Versatzstücken des Genres. Leider nicht inspiriert und spannend zusammengefügt, sondern langatmig und vorhersehbar. Schade, nach längerer Leinwand-Abstinenz hätte man Jodie Foster eine überzeugendere Rolle gegönnt.

     

    (19.07.2018)

     

    + „Sicario 2“ von Stefano Solima – USA 2017 – 122 Min.

    Zwei Jahre nach ihrem letzten Einsatz sind FBI-Agent Matt Graver und Auftragskiller Alejandro Gillick erneut an der amerikanisch-mexikanischen Grenze unterwegs. Dort herrscht mittlerweile vollkommener Ausnahmezustand. IS-Terroristen schleusen ihre Leute massenweise unbemerkt in die USA, wo sie blutige Anschläge verüben. Das Geschäft erweist sich als einträglicher als der Drogenschmuggel und löst einen Krieg verfeindeter Drogenkartelle aus, den Matt anheizen soll. Um sein Ziel zu erreichen, will er Isabella, die Tochter des Kartellbosses und Terroristenschleusers Carlos Reyes, entführen. Außerdem hat Alejandro noch eine private Rechnung mit Reyes offen, die er in der Gunst der Stunde begleichen soll. In dem komplexen Kampf zwischen Macht und Gier verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse. Der passende Film zu den aktuell von Trump ausgelösten Diskussionen.

    Perfekt konstruiertes und mit viel Action umgesetztes Genrekino mit bewährten, routiniert aufspielenden Protagonisten.

     

    o „Mamma Mia! Here We Go Again“ – von Ol Parker – USA/GB 2017 – 114 Min.

    Zehn Jahre nach dem großen Erfolg des Filmes “Mamma Mia!” ist es an der Zeit, das Erfolgsrezept neu aufzulegen. Doch diesmal stimmt die Zubereitung nicht so ganz. Aus den ABBA-Erfolgstiteln, die wie auf einer Perlenschnur aneinander aufgereiht sind, lässt sich nur mühsam eine überzeugende Rahmenhandlung entwickeln. Einerseits eine Fortschreibung des ersten Films, andererseits verzwickte Rückblenden auf dessen Vorgeschichte. Mit alten und neuen Gesichtern. Ansonsten nichts Neues unter griechischer Sonne. Nur das Finale, in dem alle Beteiligten gemeinsam agieren, singen und tanzen, versprüht so etwas die Gute Laune. Und einigen Altstars ist deutlich anzusehen, wie sehr es ihnen gefällt, gegen ihre Klischee-Rollen zu spielen. Man sagt umgangssprachlich auch dazu: Die Sau rauszulassen!

    Aber dafür muss man sich den Rest des Films nicht antun.

     

    ++ „Foxtrot“ von Samuel Madz – Israel u.a. 2018 – 13 Min.

    Ein Film wie eine klassische griechische Tragödie in drei Akten. Im Mittelpunkt stehen der wohlsituierte Tel Aviver Architekt Michael Feldman, seine Ehefrau Dafna, ihre Tochter Alma und ihr Sohn Jonathan, der an einem abgelegenen Grenzposten seinen Wehrdient ableistet. Das Ehepaar bekommt unerwartet Besuch von zwei Soldaten: ihr Sohn sei im Einsatz gefallen. Diese Nachricht wirft Leben, Psyche und Ehe des Paares aus der Bahn. Getrieben von tiefer Trauer und Verständnislosigkeit entwickelt sich in Michael ein Sturm aus rasender Wut, geprägt von Unsicherheiten und Traumata. Doch dann nimmt die Geschichte eine unvorhersehbare Wendung, die das Schicksal der ganzen Familie in eine neue Richtung lenkt: Es handelt sich um eine Verwechslung – und das ist erst das Ende des ersten Aktes.

    „Foxtrot“ ist eine radikale, schmerzhafte und emotional berührende Anti-Kriegs-Parabel, die auf den palästinensisch-israelischen Konflikt zielt, der die Seelen der Menschen beschädigt ihren Alltag bestimmt und wenig Hoffnung auf Frieden lässt. Es handelt sich um eine israelisch-deutsch-französische Koproduktion, die international mit Preisen und Auszeichnungen bedacht wurde.

     

    (21.06.2018)

     

    - „Halaleljua - Iren sind menschlich“ von Conor McDermottroe – I/D 2017 – 95 Min.

    Ein Inder in Irland – der junge Ragdan hat schon vor einigen Jahren Reißaus genommen vor den traditionellen Heiratsplänen, die sich sein Vater für ihn ausgedacht hat. In Sligo hat er bei seinem Onkel ein neues Leben gefunden, neue Freunde, riesige Wellen zum Surfen und: Maeve, seine große Liebe. Als sein Vater ihn mit einem völlig absurden Geburtstagsgeschenk überrascht, steht seine ganze Welt auf dem Kopf: Es handelt sich um einen abgewrackten Schlachthof, den Radgan mit Vaters Hilfe in einen Halal-Betrieb verwandeln soll.

    Eine Geschichte, die keine Klischees auslässt, um ein multikulturelles Wohlgefühl zu erreichen. Eine synthetische Dorfgemeinschaft mit strapazierenden Komplikationen, die sich in bunten Schlussbildern auflösen. Unverzeihlich: Ein Film aus Irland, der in Irland spielt und in dem nicht ein einziges Glas Guinness getrunken wird. Und das ausgerechnet mit einem so erfahrenen und präsenten Schauspieler wie Colm Meaney! Slainte!

     

    o „The Strangers 2: Opfernacht“ von Johannes Roberts – USA 2017 - 85 Min.

    Die „Strangers“ haben – nach zehn Jahren - wieder mal zugeschlagen. In einem abgelegenen Wohnwagenpark nach Ende der Saison haben sie es auf eine Familie (Vater, Mutter, Tochter, Sohn) abgesehen, die auf der Durchfahrt dort einen Zwischenstopp einlegt. Die Handlungsmuster sind bekannt; überraschungsarm plätschert der Film vor sich hin. Gut getroffen ist nur die düstere, nebelige Atmosphäre, die für interessante, genreübliche Bilder sorgt. Die fantastische Christina Hendricks spielt die Mutter, sie könnte aber auch die Rolle ihrer Tochter übernehmen. Hier sorgt allerdings Bailee Madison als rebellische, unangepasste Punkerin für einen scharfen Kontrast. Die Darsteller von Vater und Sohn haben keine große Chance sich gegen diese Damen zu profilieren.

     

    (14.06.2018)

     

    o „Hereditary – Das Vermächtnis“ von Ari Aster – USA 2018 – 123 Min.

    Eine Familie muss sich nach dem Tod des Oberhauptes mit mysteriösen und grauenhaften Ereignissen auseinandersetzen, bei denen auch furchterregende Geheimnisse ihrer Vorfahren ans Licht kommen. Stilsicherer Genrefilm im Stil von „Rosemaries Baby“ – ohne Mehrwert.

     

    - „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ von Wim Wenders – D/ua 2018 – 96 Min.

    Zwei Visionäre erklären die Welt: der eine mit Worten, der andere mit Bildern. Wenders Porträt des Papstes ist eine sehr persönliche, demutsvolle Annäherung mit ungewohnten Perspektiven. Verblüffend die Offenheit seines Protagonisten und seine schlichte Art, die Dinge beim Namen zu nennen. Ein Film zur rechten Zeit, in der das Misstrauen gegenüber den Herrschenden groß ist und in der Lügen, Korruption und ‚alternative Fakten’ den öffentlichen Diskurs bestimmen. Franziskus beweist sich als ein Mann, der lebt, was er predigt, und dem die Menschen aller Glaubensrichtungen, aus aller Welt und aus unterschiedlichen Kulturen ihr Vertrauen schenken.

    Wenders Film ist das Ergebnis einer außergewöhnlichen Zusammenarbeit zwischen dem Vatikan und diversen Produktionsfirmen. Früher hielten sich die Päpste ihre Maler, heute muss ein Filmemacher dran glauben. Der Heilige Wim hat sich damit ein Fleißkärtchen verdient. Die SZ schrieb am 15.05.018 von einer „hemmungslosen Verehrung“. Stimmt! Hätte man so allerdings nicht erwartet.

     

    - „Die brillante Mademoiselle Neila“ von Yvan Attal – F 2018 – 95 Min.

    Wieder einer von den weichgespülten, wohlmeinenden und warmherzigen Komödien, die seit einigen Jahren in unserem Nachbarland gedreht werden. Diesmal ist es ein griesgrämiger Professor, der seine in der Vorstadt lebende Studentin für einen Rhetorikwettbewerb gegen seinen Willen trainieren muss. Alles verläuft nach Plan – vorhersehbar und langweilig.

     

    (31.05.2018)

     

    + „Feinde – Hostiles“ von Scott Cooper – USA 2017 – 134 Min.

    Es ist sehr schön, dass im Kino heute auch noch Geschichten erzählt werden, die aus der Zeit gefallen sind. Hier handelt es sich um einen Film, der zwar im „wilden Westen“ spielt, aber nicht eindeutig dem Western-Genre zugeordnet werden kann. Es ist das Jahr 1892 in New Mexico. Der verdiente Offizier Joseph Blocker erhält den Auftrag, den kranken Cheyenne-Häuptling Yellow Hawk, der die vergangenen sieben Jahre im Gefängnis verbrachte, in dessen Stammesland nach Montana zu begleiten. Der letzte Wunsch des als unerbittlich bekannten Indianer ist es, zu Hause zu sterben. Blocker und Yellow Hawk haben eine gemeinsame Vergangenheit, weswegen Blocker den Auftrag nur äußerst widerwillig annimmt. Gemeinsam mit einigen Soldaten und der Familie des Häuptlings bricht die Truppe auf. Unterwegs stoßen sie auf die junge Witwe Rosalie Quaid, deren Familie kaltblütig von Komantschen umgebracht wurde. Die traumatisierte Frau schließt sich ihnen an und die Gruppe setzt ihren gefährlichen Weg quer durch das unwegsame Land und eine extrem feindliche Umgebung fort. Nur als Gemeinschaft haben sie eine Chance, zu überleben. Der Film verzichtet auf die genreüblichen Klischees und besticht durch seine ausbalancierte Narration. Sehr genau beobachtet er die Zeitabläufe der Auflösungserscheinungen und Orientierungslosigkeit. Entstanden ist ein bildgewaltiges und intensives Epos über Liebe und Hass, Gnade und Vergebung, bei die Grenzen zwischen Feind und Verbündetem, Sieger und Besiegtem verschwimmen.

     

    (24.05.2018)

     

    - „Solo – A Star Wars Story“ von Ron Howard – USA 2018 -125 Min.

    Nicht viel Neues unter den Sonnen. Daher zurück zu den Anfängen. Hier der Beginn der Freundschaft zwischen Han Solo und seinem späteren Co-Piloten Chewbacca. Die Kampfszenen und Raumflüge sind wie gewohnt visuell eindrucksvoll – ermüden aber mit der Zeit. Und mit Alden Ehrenreich als Han Solo hat man einen Protagonisten gefunden, dessen Ausdrucksfähigkeit von seinem Partner mühelos übertroffen wird.

     

    (10.05.2018)

     

    + „Isle of Dogs – Ataris Reise“ von Wes Anderson – USA 2017 – 101 Min.

    Als in der Metropole Megasaki City eine Hundeseuche ausbricht, nutzt der korrupte, katzenliebende Bürgermeister die Chance, um alle Hunde der Stadt auf eine naheliegende Müllinsel zu verbannen. Nur sein Pflegesohn, der 12-jährige Atari, nimmt das nicht einfach so hin und fliegt nach Trash Island, um seinen geliebten Bodyguard-Hund Spots zurückzuholen. Dort freundet er sich mit einem Rudel streunender Mischlingshunde an und bricht gemeinsam mit seinen neugewonnenen, zotteligen Freunden zu einer epischen Abenteuerreise auf, die das Schicksal und die Zukunft der ganzen Präfektur entscheiden wird.

    Wes Anderson erhielt bei der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären für die Beste Regie.

    Sein Film ist eine “düster-dystopische Satire mit Anleihen beim Film noir, Samurai-Epen und klassischen Monsterfilmen, gespickt mit dem für Anderson typischen staubtrockenen Humor.“ (Fantasy Film Fest 2018).

     

    (03.05.2018)

     

    o „Rewind“ von Johannes F. Sievert – D 2018 – 106 Min.

    Tatort Köln. Kommissar Richard Lenders ermittelt in einer mysteriösen Mordsache und stößt auf eine Möglichkeit, durch Aktionen mittels Zeitreisen weitere Morde zu verhindern und auch seine eigene Vergangenheit zu ändern. Ein verquaster quantentheoretischer Zeitreisen-Thriller der mit der Möglichkeit einer Zeitumkehrung spielt. Dem Zuschauer wird ein Filmerlebnis geboten, dass dem Versuch gleicht, eine zerstörte Festplatte zu rekonstruieren. Der Regisseur Johannes F. Sievert hat im vergangenen Jahr gemeinsam mit Dominik Graf für Arte/WDR die sehenswerte, aufschlusseiche Dokumentation „Offene Wunde deutscher Film“ produziert. Die Wunde bleibt offen.

     

    + „7 Tage in Entebbe“ von José Padiha – USA/UK 107 Min.

    27. Juni 1976 – eine Gruppe palästinensischer und deutscher Terroristen kapert die Air France Maschine 139 auf ihrem Flug von Tel Aviv nach Paris und erzwingt eine Landung in Entebbe, Uganda. An Bord sind über 250 Menschen, die in eine leerstehende Wartehalle untergebracht werden. Die israelischen Geiseln an Bord sollen gegen palästinensische Gefangene ausgetauscht werden. Mit einem Ultimatum von nur einer Woche muss die Regierung in Israel eine schwerwiegende Entscheidung treffen – durchbricht sie ihre bisherige Maxime, mit Terroristen nicht zu verhandeln? Es folgen 7 Tage in Entebbe, die sowohl die Politiker als auch die Kidnapper ans Äußerste bringen.

    Obwohl das Ende dieses Dramas bekannt ist, gelingt es dem fesselnden, authentischen und intelligenten Film die Spannung zu halten. Er rekonstruiert die bedrückende Atmosphäre ohne genreübliche Klischees zu bedienen. „7 Tage in Entebbe“ ist ein überparteiliches, klares Plädoyer für das Verhandeln, das Reden und das Miteinander – und damit neben spannender Geschichtsaufarbeitung auch ein hochaktueller Film.

     

    + „Ein Leben“ von Stéphane Brizé - F/B 2016 – 119 Min.

    Nach einem Roman von Guy de Maupassant. Die Handlung spielt 1819 in der Normandie. Die junge Landadelige Jeanne kehrt nach ihrer Ausbildung in einem Convent auf das Landgut ihrer Eltern an der Küste der Normandie zurück. Die wohlbehütete Jeanne träumt von einer Liebe, die sie nur aus Büchern kennt. Voller romantischer Ideen willigt sie ein, den verarmten Viscount Julien de Lamare zu heiraten. Nach der Trauung überlassen die Eltern Jeannes Ehemann das Landgut der Familie. Jeanne muss schon bald erkennen, wie naiv sie die Welt bisher gesehen hat. Julien ist alles andere als ein treuer, fürsorglicher Gatte. Er betrügt sie nach Strich und Faden. Jeanne ist unfähig, sich mit einer Welt der Lüge und des Betrugs zu arrangieren. Die Beharrlichkeit, mit der sie sich wider alle Vernunft ihre Vorstellung von ihrer Welt zu bewahren versucht, macht sie zu einer faszinierenden wie verstörenden Heldin.

    Die emotional ergreifende, intensiv erzählte Geschichte verzichtet in der filmischen Konzeption auf die überbordende Ausstattung herkömmlicher Kostümfilme. Dafür rückt die Kamera ausdrucksstarke Nahaufnahmen der Protagonisten in den Focus und schafft so eine zeitlos gültige Begegnung mit Charakteren, die der Vorlage des Romas entsprechen.

     

    + „The Happy Prince“ von Rupert Everett – D/B/I 2017 – 105 Min.

    Filme über bekannte und berühmte Künstler folgen oft der Vorgabe von Aufstieg und Fall des Protagonisten. Das ist hier nicht der Fall. Ende des 19. Jahrhunderts ist Oscar Wilde noch Dandy und Darling der Londoner Gesellschaft – geistreich, humorvoll und skandalumwittert. Doch seine für die Zeit zu offen gelebten Liebesbeziehungen mit Männern bringen ihn ins Zuchthaus. Bei seiner Entlassung ist er verarmt und gesundheitlich angegriffen; ergeht ins Exil nach Paris.

    Im Zentrum der Filmbiografie stehen seine letzten Jahre, der Verfall, der Ruin und das Ende. Rückblenden und assoziative Traumbilder zeigen ihn als exzentrischen Lebemann, der er zeitlebens war, und das Porträt öffnet sich zu einem Panorama der beginnenden Moderne. Rupert Everett ist Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller des Films. Als Schauspieler hat er auf der Bühne und im Film oft in Werken von Oscar Wilde mitgewirkt, was sein Interesse an dem Dichter erklärt. Sein melodramatischer Film bemüht sich um eine realitätsgetreue Rekonstruktion der Zeit und des Personals – mit dem Witz und der Ironie, die dem Protagonisten gebührt.

     

    ++ „Euphoria“ von Lisa Langseth – S/D/GB 2017 – 104 Min.

    Seit Jahren hatten die Schwestern Ines und Emilie keinen Kontakt mehr zueinander. Jetzt aber erhält Ines eine dringliche Einladung Emilies, sie auf einer mysteriösen Europareise zu begleiten. Sie willigt ein, wenn auch widerstrebend. Erst als sie ihr Ziel erreichen, ein geheimnisvolles Schloss inmitten einer abgelegenen Waldlichtung, begreift Ines, warum Emilie sie an genau diesen Ort geführt hat – hier kann man sich so von seinem Leben verabschieden, wie man es wünscht. Sechs Tage bleiben den Schwestern sich mit ihrer bewegten Vergangenheit, die sie auf völlig unterschiedliche Lebenswege geführt hat, mal temperamentvoll, mal melancholisch auseinanderzusetzen. Marina, die Leiterin des außergewöhnlichen Anwesens, wird dabei für die Schwestern zu einer vermittelnden Instanz.

    EUPHORIA ist ein atmosphärisch dichter, emotionaler und spannender Film, in dem dunkle Geheimnisse, Lügen und Verrat dreier starker Frauen eine wichtige Rolle spielen. Ein feinnervig komponiertes Drama über Familie, Leben und Vergänglichkeit. Die Geschichte ist von zeitloser Qualität. Ort und Zeit spielen keine Rolle; die Protagonisten sind austauschbar. Wäre der Film in Schwarzweiß gedreht, so könnte man ihn für einen Ingmar Bergman-Klassiker aus den 1960er-Jahren halten.

     

    (26.04.2018)

     

    - „Grain – Weizen“ von Semih Kaplanoglu – EUR 2017 – 128 Min.

    In einer dystopischen Zukunft hat ein drastischer Klimawandel die Erde nahezu unbewohnbar gemacht. Die Menschen leben entweder in verfallenen Ruinenstädten oder als Flüchtlinge in von unsichtbaren Elektrobarrieren abgetrennten ländlichen Gebieten. Ein Professor begibt sich auf die Suche nach einem berühmten Genetiker, der die Lösung für die Missernten bereithalten könnte, die die Menschheit in dieses Chaos gestürzt haben – aber dazu muss er sich in die verbotenen Zonen vorkämpfen.

    Die Geschichte ich schnell erzählt: Ein anstrengender Road-Trip durch unwirtliche Landschaften. Verfilmt dauert es aber unendlich lange. Viel zu lang. Da kann man sich besser zwischenzeitlich einen Film von Tarkowski ansehen. „Stalker“ vielleicht.

     

    + „A Beautiful Day“ von Lynne Ramsey –USA 2017 – 90 Min.

    Joaquin Phoenix spielt einen brutalen, am Alltagsleben gescheiterten Ex-Militär, der sich für heikle und oft mit Gewalt verbundene Aufträge engagieren lässt. Der Kriegsveteran ist ein emotionales und psychisches Wrack. Als er sich verpflichtet, ein junges Mädchen aufzuspüren, das entführt oder vermisst wird, ahnt er nicht, in welches Dickicht von Korruption, Macht und Vergeltung er gerät: in die skrupellosen Machenschaften eines Kinderhändlerrings. Die Grenzen zwischen den Kriminellen, den Politikern und den Cops, zwischen Freund und Feind, sind fließend. Es wird nicht lange und umständlich diskutiert, sondern gleich (mit dem Hammer) geschlagen oder geschossen.

    Ein starkes und nur schwer zu ertragendes Stück ultrabrutales Kino. Wir lernen einen Typen kennen, den wir eigentlich nicht kennenlernen möchten. Der Actionheld rückt uns so nah auf die Pelle, dass man unwillkürlich zurückweicht, wenn er uns in Nahaufnahme näherkommt. Besonders intensiv und verstörend sind jene Momente, in denen der Film nicht nur die brutale und unwirtliche Alltagsrealität des Killers abbildet, sondern sie vermischt mit alptraumartigen Erinnerungen oder surrealem Wunschdenken.

     

    (19.04.2018)

     

    ++ „PAWO“ von Marvin Litwak – D/Indien 2016 – 117 Min.

    Eine in der aktuellen Filmlandschaft außergewöhnliche Produktion. Das Spielfilmdebüt des Dortmunder Regisseurs ist eine deutsch-indische Koproduktion und wurde in Indien gedreht, bei der nicht nur die Finanzierung abenteuerlich war. PAWO bedeutet auf Tibetisch „Held“ und basiert auf einer wahren Geschichte. Der Film zeichnet das Leben des jungen Tibeters Jamphel Yeshi nach, der sich 2012 aus Protest gegen die andauernde Besatzung Tibets durch China selbst anzündete. Die Dramaturgie räumt dem beschwerlichen, risikoreichen und gefährlichen Fluchtweg durch das Himalaya-Gebirge einen zentralen Part ein. Den Kontrast dazu bilden dann die engen, unüberschaubaren Gassen der tibetanischen Enklave in Delhi.

    Martin Litwak wurde 2012 durch einen SPIEGEL-Artikel auf die erschütternde Geschichte seines Protagonisten aufmerksam. Zwei Jahre später begann er mit den Dreharbeiten auf der Grundlage einer Crowdfunding-Kampagne. Alle mitwirkenden Darsteller sind Laien. PAWO hat es international zu Festivalerfolgen gebracht. Dem Film ist zu wünschen, dass er im gängigen Mainstream-Kino den Platz findet, der ihm gebührt: Eine in jeder Hinsicht bemerkenswerte, herausragende Ensemble-Leistung von Buch und Regie, Darsteller und Kamera.

     

    ++ „Lady Bird“ von Greta Gerwig – USA 2017 – 94 Min.

    Eine in jeder Hinsicht gelungene und überzeugende Coming-of-Age-Geschichte. Im Mittelpunkt steht die 17-jährige Christine „Lady Bird“ McPherson aus Sacramento. Ihr Alltag im sonnigen Kalifornien besteht aus High-School-Routine, Familientrouble und ersten ernüchternden Erfahrungen mit Jungs. Kein Wunder also, dass sie davon träumt, flügge zu werden. In der Schule legt sie sich gerne mit den Autoritäten an und rebelliert mit Leidenschaft und Dickköpfigkeit gegen die Enge in ihrem Elternhaus. Doch allzu leicht macht ihre Mutter dem ebenso eigenwilligen wie aufgeweckten Teenager die Abnabelung nicht, und so ziehen alle beide zwischen Trotz, Wut und Resignation immer wieder sämtliche Gefühlsregister.

    „Lady Bird“ streift die gesamte Klaviatur dieses Genres: das nicht ungetrübte Familienleben, der Stress in der Schule, die verzweifelte Suche nach dem idealen Studienplatz, die Bindungen an die ‚engste Freundin’ und die Erfahrungen mit dem ‚ersten mal’ bei den Jungs. Im Focus des Geschehens steht allerdings die emotional ergreifende, ungewöhnlich intensive Mutter-Tochter-Beziehung, die eine nachfühlbare Alltagsrealität widerspiegelt. Die umwerfende Leistung der Hauptdarstellerin und der persönliche und originelle Blick der Drehbuchautorin und Regisseurin wurden international mit mehreren Preisen und Anerkennungen bedacht.

     

    o „Ghost Stories“ von Andy Nyman und Jeremy Dyson – GB 2017 – 98 Min.

    Professor Philip Goodman glaubt nicht an übernatürliche Phänomene. Als der bekannte Skeptiker die Gelegenheit erhält, drei verblüffende paranormale Fälle zu untersuchen, sagt er deshalb zu, sie als Schwindel zu entlarven. Doch stattdessen kommt er Geheimnissen auf die Spur, die jenseits seiner Vorstellungskraft liegen und geradewegs in einen persönlichen Alptraum führen. Vorlage des Horror-Schockers des britischen Regie- und Autoren-Duos Nyman und Dyson ist ihr gleichnamiges Theaterstück, das weltweit erfolgreich aufgeführt wurde. Doch genau das ist die Schwäche des Films: Tricks, die auf der Bühne verblüffen, verblassen im Kino, da auf der Leinwand durch ausgereifter Spezialeffekte ahnungslose Zuschauer nicht mehr zu überraschen sind. Die medialen Voraussetzungen stimmten einfach nicht. Mit Geisterbahn- und Poltergeist-Effekten muss man heute im Mainstream-Kino psychologisch ausgeklügelt und pointiert umgehen, um nicht lächerlich zu wirken.

     

    (05.04.2018)

     

    ++ „Transit“ von Christian Petzold – D/F 2018 – 102 Min.

    Eine in die aktuelle Gegenwart adaptierte Geschichte von Anna Seghers aus dem Jahre 1940.

    Die deutschen Truppen stehen vor Paris. Georg, ein deutscher Flüchtling, entkommt im letzten Moment nach Marseille. Im Gepäck hat er die Hinterlassenschaft des Schriftstellers Weidel, der sich aus Angst vor seinen Verfolgern das Leben genommen hat: Ein Manuskript, Briefe, die Zusicherung eines Visums durch die mexikanische Botschaft.

    In Marseille darf nur bleiben, wer beweisen kann, dass er gehen wird. Georg braucht Visa für möglich Aufnahmeländer, um an ein Ticket für die Schiffspassage zu kommen. Er nimmt die Identität Weidels an und taucht ein in die unsichere Existenz des Transits. Er lernt unterschiedliche Leute kennen und richtet es sich ein. Wozu weiterreisen, wenn er hier ein neues Leben beginnen kann? Alles verändert sich, als Georg die geheimnisvolle Marie trifft, deren Schicksal sich mit seinem kreuzt.

    In einer atemberaubenden, fast schwebenden Begegnung des historischen Stoffs mit der Gegenwart des heutigen Marseille erzählt Christian Petzold (Buch und Regie) die Geschichte einer Liebe zwischen Flucht, Exil und der Sehnsucht nach einem Ort, der ein Zuhause ist. Ein intensiver, komplexer Film mit starken Charakteren und emotional bewegenden Bildern aus Erinnerung und Gegenwart.

     

    o „Film Stars Don’t Die in Liverpool“ von Paul McGuigan – GB 2017 – 105 Min.

    Ein Ausschnitt aus dem Leben der US-amerikanischen Filmschauspielerin und Musicaldarstellerin Gloria Grahame (1923 – 1981). Bei einem Gastspiel in Liverpool 1978 verliebt sich der junge britische Schauspieler Peter Turner in die deutlich ältere Leinwanddiva und Oscarpreisträgerin. Aus einer leidenschaftlichen Affäre wird eine ernsthafte Beziehung. Ihre Liebe wird auf eine besonders harte Probe gestellt, als Gloria schwer erkrankt und sich nicht in ein Krankenhaus einweisen lässt.

    Ein Melodram, das vor allem in der sorgfältigen und milieugerechten Rekonstruktion der Zeit und der Orte des Geschehens überzeugt. Die insgesamt viermal verheiratete und überaus freizügige Gloria Grahame starb 1981 an den Folgen einer Krebserkrankung. Die Hauptdarstellerin Annette Bening hat die Herausforderung, sie in den diversen Facetten ihres Lebens authentisch wirken zu lassen, überzeugend gelöst. Der Film, der auf den Memoiren von Peter Turner beruht, wurde international mit Preisen und Auszeichnungen bedacht.

     

    (29.03.2018)

     

    o „Vor uns das Meer“ von James Marsh – GB 2017 – 112 Min.

    Erzählt wird die außergewöhnliche Geschichte von Donald Crowhurst, einem Amateursegler, der 1968 beim Sunday Times Golden Globe Race angetreten ist, um der schnellste Mensch zu werden, der allein und ohne Zwischenstopp die Welt umsegelt. Mit seinem unfertigen, selbst entworfenen Boot und mit der Hoffnung durch das Preisgeld seine Firma zu retten um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen, sticht Crowhurst schließlich in See. Er lässt seine Frau und die gemeinsamen Kinder zurück und begibt sich Hals über Kopf in ein Abenteuer, das Geschichte geschrieben hat. Sein Vorhaben scheiterte. Um sich nicht lächerlich zu machen, beschließt er, zu betrügen und gibt eine falsche Position an. Das Boot kehrte ohne ihn in den Heimathafen Teignmouth zurück.

    Es ist die Geschichte eines ehrgeizigen Mannes, der sich übernommen hat und mit dieser Schande nicht leben kann. Zu groß sind die Enttäuschungen, die auf seine Familie, Freunde und Geschäftspartner zukommen. Obwohl es eine lange einsame Reise einmal um die Welt ist, kommt in der Filmhandlung keine Langeweile auf, da immer wieder Zwischenschnitte zu den örtlichen Ereignissen und Rückblenden mit Filmaufnahmen von der Familie eingefügt werden. Colin Firth meistert diese Rolle ebenso autark wie vor wenigen Jahre seine meisterhafte Leistung in „The King’s Speech“. Als Donald Crowhurst verwandet er sich von einem smarten Business-Mann mit typisch englischer Haltung in einen Abenteurer, der nach und nach verwahrlost und sich absondert.

     

    (22.03.2018)

     

    + „Zwei Herren im Anzug“ von Josef Bierbichler – D 2018 – 139 Min.

    Wo Bierbichler draufsteht ist auch Bierbichler drin. Hier als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller in einer Geschichte, die sehr viel mit ihm und seiner Familie zu tun hat.

    Mehr geht nicht! Die Handlung setzt ein im Jahr 1984, am Ende des Sommers. Im ausgedienten Tanzsaal eines ehemals traditionsreichen Gasthauses am See, haben der Wirt und Bauer Pankraz und sein 35-jährier Sohn gerade die letzten Gäste verabschiedet, die zum Leichenschmaus zu Ehren der verstorbenen Frau und Mutter Theres erschienen waren. Nun sitzen Vater und Sohn in erzwungener Gemeinschaft beisammen und unterhalten sich nach Jahren des Schweigens über die Vergangenheit: 1. und 2. Weltkrieg, alliierte Besatzung, der erste Traktor, Kalter Krieg, Wirtschaftswunder, Flüchtlinge, Studentenunruhen, die Familie. Alles kommt stockend und sehr persönlich zur Sprache und (für den Zuschauer) ins Bild. Es sind Selfies dreier Generationen. Aufschlussreich, streitbar und von einer unglaublichen Offenheit. Vorlage des epischen Familiendramas ist die gestraffte Version von Bierbichlers Romandebüt, der Heimat- und Familiensaga „Mittelreich“, ein heimatverbundenes bodenständiges Werk. Großes, gewaltiges, vitales Kinos! Genau: ein Bierbichler-Film.

     

    o „Die Schi’tis in Paris“ von Dany Boon – F 2017 – 107 Min.

    Ein erfolgreicher, selbstgefälliger Pariser Architekt wird mit einer großen Retrospektive geehrt. Da er sich seiner Herkunft schämt – seine Sch’ti-Herkunft aus dem Arbeitermilieu – hat er seine Biografie gefälscht. Nun ist es aber so, dass seine ahnungslose Familie aus Nordfrankreich – sie leben auf einem Schrottplatz und in einem Wohnwagen - von der Ehrung erfährt, sich nach Paris aufmacht und die Veranstaltung sprengt. Die unterschiedlichen Welten treffen aufeinander und die Situation droht zu explodieren.

    Die Charaktere und der eigenwillige Humor der Sch’tis sorgten vor zehn Jahren für einen Millionenerfolg in Frankreich und auch in Deutschland. Es war klar, dass dieses Konzept kommerziell ausgereizt wird. Nun ist es hier aber so wie bei einem Teebeutel, der nach erneutem Gebrauch seinen Geschmack und seine Farbe verliert. Die Story und auch die aus der Sprache abzuleitenden Witzchen funktionieren nicht so recht. Amüsant einzelne Sequenzen, in denen sich Dany Boon als Hauptdarsteller und Regisseur wie einst Jaques Tati bravourös in Szene setzt.

     

    (15.03.2018)

     

    o „Maria Magdalena“ von Garth Davis – GB 2017 – 130 Min.

    Das mit den Bibelverfilmungen ist so eine Sache: früher waren es einfach Monumentalfilme mit reichlich Action und üppigen Schauwerten. Gespannt verfolgte man, wie sich in der ersten CInemascope-Produktion der Filmgeschichte, in THE ROBE (1953), Stars wie Richard Burton, Jean Simmons und Victor Mature auf der Kolossal-Film-Leinwand präsentierten. Und später gab es dann den Skandal um einen Film, in dem die biblische Geschichte von Scorsese in THE LAST TEMPTATION OF CHRIST als provozierende Liebesgeschichte inszeniert wurde. Die hier bereits angedeutete intensive Beziehung – oder aber eine Vision davon - zwischen Jesus (Willem Dafoe) und Maria Magdalena (Barbara Hershey) wird in dem aktuellen Film neu interpretiert und zu einer (unerfüllten) Liebesromanze. Rooney Mara spielt Maria als schmachtende, hingebungsvolle junge Frau, die sich zu einem attraktiven Mann (Joaquin Phoenix als Jesus) hingezogen fühlt, mit der patriarchalischen Enge ihrer Familie bricht und nicht mehr von seiner Seite weicht. Es gibt keine imposanten Massenszenen mehr wie früher in den Fünfzigern, sondern eine Kamera-Bild-Komposition wie in dem Stummfilm-Klassiker LA PASSION DE JEANNE D’ARC (1928): emotional ergreifende Großaufnahmen und sparsame, mathematisch kalkulierte Kamerabewegungen. Da der Vatikan uns alle Jahrhunderte mit neuen Wahrheiten überrascht (aus der Hure Maria wurde jetzt eine Heilige) bleibt abzuwarten, was demnächst noch auf uns zukommt – eine TV-Serie vielleicht.

     

    ++ „Loveless“ von Andrej Zvyagintsev – SU/F/B/D 2017 – 127 Min.

    Schauplatz ist eines der unwirtlichen Hochhaus-Viertel am Rande von einer Großstadt. Die Handlung spielt überwiegend in den dunklen Monaten des Jahres, was das Ambiente umso trostloser aussehen lässt. Es geht um den 12-jährigen Jungen Alyosha, der von seinen sich im hasserfüllten Scheidungsstreit befindenden Eltern nicht beachtet wird. Beide haben eine neue Beziehung und das Schicksal des Jungen ist ihren egal. Unbemerkt verschwindet er eines Tages auf dem Heimweg von der Schule. Erst einen Tag später werden die Behörden, Jugendamt und Polizei, eingeschaltet. Denen ist offensichtlich mehr an der Suche des Jungen gelegen als den Eltern. Eine großangelegte, öffentliche Aktion eines Freiwilligentrupps bringt keinen Erfolg. Der Junge bleibt verschwunden.

    Eine kleine, dichte Geschichte, die emotional aufrührt und bewegt. Die verstörende Handlung führt in das Innere der modernen russischen Mittelschicht, die sich angepasst hat und auf eigene Vorteile bedacht ist. Die stellvertretend ausgesuchten Charaktere versinnbildlichen dabei ein eindrucksvolles, universelles Bild von Isolation, Lieblosigkeit, Gleichgültigkeit und Hoffnungslosigkeit. Die Lebensenttäuschungen und der oberflächliche Materialismus, dem die Protagonisten verfallen sind, machen den Film über das Familienporträt hinaus zu einem intensiven Dokument emotionalen Rückzugs, dem vor allem Unbeteiligte zum Opfer fallen. Der Film wurde mit internationalen Preisen und Auszeichnungen bedacht.

     

    - „Winchester“ von Michael und Peter Spierig – USA 2017 – 95 Min.

    Nach einer wahren Geschichte: Die Witwe und Erbin des Waffen-Imperiums von William Winchester lässt in jahrzehntelanger, ununterbrochener Bautätigkeit ein gigantisches und unübersichtliches Anwesen in einer verlassenen Gegend von San Jose, 50 Meilen von San Francisco entfernt, errichten. Das Gebäude wirkt wie das exzentrische Denkmal einer wahnsinnigen Frau. Daher wird ein bekannter Psychologe damit beauftragt, den Geisteszustand der Millionenerbin zu untersuchen. Er stellt fest, dass es in der Villa nicht mit rechten Dingen zugeht und sucht nach einem Weg, das Haus von den Verdammten zu erlösen – es sind rachsüchtige Geister und gequälte Seelen, die durch Winchester-Waffen zu Tode kamen und nun Vergeltung suchen.

    Der Stoff bietet eine Steilvorlage für einen Psychothriller und hätte mit Helen Mirren als exzentrische, undurchschaubare Herrin der Gruselkammern ihres Anwesens die ideale Interpretin. Doch leider kam die Regie nicht aus dem Baukasten für Poltergeist- und/oder Geisterbahnfilme hinaus. Alle Effekte sind bekannt und vorhersehbar. Die Handlung erregt nicht die Nerven, sondern nervt. Ein Film wie aus den Anfängen des Genres. Schade für die Hauptdarstellerin. Sehenswert allein nur die Kamerafahrten durch das Labyrinth der verwirrenden Gänge und über die Treppen, die im Nichts enden – so wie der Film auch.

     

    o „Der Hauptmann“ von Robert Schwentke – D/F/P 2017 – 119 Min.

    Es sind die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs. Der Gefreite Willi Herold – abgehetzt und halb verhungert – findet einen verlassenen Wagen. Er entwendet die Uniform eines Offiziers. Als er in dieser Aufmachung auf weitere Gefreite stößt, bitten diese, sich dem „Hauptmann“ anschließen zu dürfen. Am 1. April 1945 betreten Herold und seine Gefolgsleute das Strafgefangenenlager Aschendorfermoor. Mit der Behauptung, der Führer hätte ihm persönlich die Verantwortung übergeben, übernimmt er die Leitung des Lagers und beginnt, die Gefangenen mittels Massenhinrichtungen, willkürliche und sadistiche Gewaltakte auf brutale Art zu töten. Als das Lager von britischen Bomben zerstört wird, ziehen Herold und seine Leute weiter und hinterlassen eine blutige Spur.

    Ein streitbarer, irritierender Film, der auf einer wahren Begebenheit basiert. Es ist die Geschichte des 19-jährigen Gefreiten Willi Herold, der als „Henker vom Emsland“ bekannt wurde. Er wurde im Mai 1945 von der Royal Navy verhaftet, wegen Kriegsverbrechen angeklagt und im November 1946 hingerichtet. In den Hauptrollen ist der Film hervorragend besetzt. Die Regie übernahm Robert Schwentke, 1968 in Stuttgart geboren. Es hat in Hollywood durch einige aufwendige, starträchtige Actionfilme von sich Reden gemacht, muss hier allerdings mit reduzierten Mitteln Vorlieb nehmen. Die Verfilmung der abgründigen Geschichte um einen einfachen Soldaten, der dem Rausch der Macht verfällt, was ihm ein besonderes Anliegen. Was zu sehen ist, überzeugt nicht immer, da die Handlung unterschiedliche, sich widersprechende Akzente setzt und rasch aufeinander folgende Sequenzen aufgesetzt und unglaubwürdig bleiben. Es sind Assoziationen, Zitate und Anspielungen, die einer dokumentarischen Rekonstruktion eines authentischen Vorfalls im Wege stehen.

     

    o „Tomb Raider“ von Roar Uthaug – USA 2018 – 118 Min.

    Lara Croft muss man gar nicht erst vorstellen, wer kennt sie nicht? Hier erlebt man eine Neuauflage mit rasanten Abenteuern der Jägerin des verschollenen Vaters. Letzte Station ist ein legendäres Grabmal auf einer mythischen Insel irgendwo vor der japanischen Küste. Die Versatzstücke des Films sind bekannt, die Actionelemente ebenso beliebig wie austauschbar. Dennoch ist Lara immer wieder sehens- und bewundernswert. Sie könnte an allen olympischen Disziplinen teilnehmen und würde auch alle Gold-Medaillen gewinnen. Bildgewaltiges Kino mit überwältigenden Effekten für die große Leinwand mit entsprechendem Soundsystem.

     

    (08.03.2018)

     

    o „Death Wish“ von Eli Roth – USA 2017 -108 Min.

    Der Chirurg Dr. Paul Kersey erlebt die Folgen der Gewalt auf den Straßen Chicagos jeden Tag in der Notaufnahme – bis seine Frau und seine Tochter in den eigenen vier Wänden brutal attackiert werden. Die Frau stirb, die Tochter liegt im Koma. Da die örtliche Polizei der Ermittlungen nicht vorantreibt und generell von der Verbrechensflut in der Stadt überfordert scheint, beschließt Paul das Gesetz kurzerhand selbst in die Hand zu nehmen. Er begibt sich auf nächtliche Streifzüge und bringt gnadenlos einen Kriminellen nach dem anderen zur Strecke. Bald schon gerät er dadurch in den Fokus der Medien und die Öffentlichkeit beginnt sich zu fragen, wer eigentlich hinter dem unbekannten Rächer steckt.

    Ein Film als Kommentar zu einem hochbrisanten politisch-gesellschaftlichen Thema. Die USA-Waffenlobby hätte ihr Wohlgefallen. Zeigt er doch, wie wichtig die Wahl der richtigen Waffen ist. In der ersten Verfilmung (USA 1974; Regie: Michael Winner) war Charles Bronson ein erfolgreicher und gutsituierter Architekt; hier ist es ein Unfallchirurg, was Bruce Willis einige Vorteile beschert: er kann mit Schussverletzungen umgehen, er weiß, wie man bewusst Schmerzen zufügen kann und verfügt über auseichendes Wissen, seine eigenen Wunden zu versorgen. Außerdem kann er mit den Waffen ebenso passgenau und zielführend umgehen wie mit dem Operationsbesteck.

     

    o „Operation: 12 Strong“ von Nicolai Fuglsig – USA 2017 – 130 Min.

    Unter dem Eindruck des Terroranschlags vom 11. September 2001 bildet sich eine nur ein Dutzend starke Elitetruppe als erste US-Aufklärungsmission in Afghanistan. Ihr Auftrag: die das Hindukusch-Gebirge kontrollierende afghanische Nordallianz zu einem Bündnis gegen die gemeinsamen Gegner aus Taliban- und Al-Kaida-Kämpfern zu bewegen. Die ungewohnten, archaischen Kampfstrategien der zahlenmäßig weit überlegenen afghanischen Reiterkrieger stellen die hochtechnisiert ausgebildeten US-Eliteeinheiten vor gefährliche Herausforderungen. Der Vormarsch durch das Bergland ist nur mit Pferden möglich. Die zwölf Green Berets besinnen sich auf die Cowboy-Tradition ihrer Heimat und kämpfen zu Pferd gegen Selbstmordattentäter, Panzer und Raketenwerfer…

    Die Geschichte basiert auf Berichten amerikanischer Eliteeinheiten, die in den USA unter dem (passenderen) Titel „Horse Soldiers“ veröffentlicht wurden. Der Film ist in erster Linie ein heroisch aufgebauschter, materialverschlingender Kriegsfilm – produziert vom einschlägigen Blockbustergaranten Jerry Bruckheimer - , könnte sich aber auch als Western behaupten. Und hier gewinnen ja auch (fast) immer die Cowboys.

     

    ++ „Lucky“ von John Carroll Lynch – USA 2017 – 88 Min.

    Lucky ist ein 90-jähriger, wortkarger Eigenbrötler, Atheist und Freigeist. Er lebt in einem verschlafenen Wüstenstädtchen im amerikanischen Nirgendwo und verbringt seine Tage mit bewährten Ritualen – Yoga und Eiskaffee am Morgen, philosophische Gespräche bei Bloody Mary am Abend. Er liebt Kreuzworträtsel und Game Shows und ist stolz darauf, für sich selbst zu sorgen. Bis er sich nach einem leichten Schwächeanfall seiner Vergänglichkeit bewusst wird. Zeit, dem Leben noch einmal auf den Zahn zu fühlen.

    Ein Film über Leben und Tod, Alter und Einsamkeit – und ein Film mit und über den unvergleichlichen, hervorragenden Harry Dean Stanton. Er ist Kult, steht im Focus und die Kamera ist dicht bei ihm. Man könnte stundenlang mit ihm zusammen sein, aber das wäre das Letzte, was er wollte. Als Protagonist verkörpert er einen Charakter, der sich ohne Umwege zur Identifikation anbietet. So oder so. Ein Leben voller Country-Song-Melancholie mit lakonischem Humor und von einer direkten Lebensqualität: „Es besteht ein Unterschied zwischen allein sein und einsam sein.“

    In einer Nebenrolle glänzt David Lynch (nicht verwandt mit dem Regisseur) als Barkumpel, der verzweifelt seine hundertjährige Schildkröte Präsident Roosevelt sucht, die durch ein geöffnetes Gartentor entwischen konnte. In der Eingangssequenz ist die Flucht zu sehen, am Ende des Films kehrt sie zurück.

    Harry Dean Stanton ist im September 2017 im Alter von 91 Jahren verstorben. „Lucky“ ist sein letzter Film und fasst noch einmal alles zusammen, was ihn seine gesamte Karriere über geprägt und ausgezeichnet hat. Den Film zu sehen, ist ihm eine letzte Ehre zu erweisen!

     

     

    o „Arthur & Claire“ von Miguel Alexandre – D/A/NL 2017 – 99 Min.

    In einem Hotel in Amsterdam begegnen sich zwei Menschen, von denen jeder für sich bereits mit dem Leben abgeschlossen hatte. Doch dann vereitelt Arthur, der nur ein letztes stilvolles und vor allem einsames Dinner im Sinn hatte, durch Zufall den Plan der jungen Claire. Aus den beiden Lebensmüden wird eine unerwartete Schicksalsgemeinschaft, die gemeinsam in die Amsterdamer Nacht aufbricht und zwischen Grachten, Coffee Shops, bestem Whiskey und vorsichtiger neuer Freundschaft beginnt, die Pläne des Anderen gehörig zu durchkreuzen. Eine vorhersehbare Geschichte. Sie endet so, wie man es sich als Zuschauer wünscht, da die Protagonisten eigentlich sehr sympathisch sind. Aber das alles zieht sich hin – so wie die lange Nacht in Amsterdam mit viel Leerlauf und leichten Ermüdungserscheinungen. Der Story merkt man an, dass die Vorlage ein gleichnamiges Theaterstück ist, da der (eigentlich visuell aufregende) Schauplatz Amsterdam von der Kamera so gut wie völlig ignoriert wird. Und nicht überall wo Hader draufsteht ist auch Hader drin. Sein schwarzer Humor und sein Gespür für Selbstironie und Lakonie sind in die Grachten gefallen.

     

    (01.03.2018)

     

    - „Game Night“ von John Francis Daley und Jonathan Goldstein – USA 2017 -95 Min.

    Eine Gruppe von Pärchen unterschiedlicher Art trifft sich regelmäßig zu Spieleabenden, um der Eintönigkeit und Langeweile ihres Alltags zu entgehen. Irgendwann wird ein ganz besonderer Abend versprochen: sie sollen einen Entführungsfall aufklären. Und der ereignet sich dann tatsächlich vor ihren Augen. Aber was ist dabei noch Spiel und was ist Realität? Aus scheinbar harmlosem Spiel wird blutiger Ernst. Oder doch nicht? Von dieser Doppeldeutigkeit, vom Spiel im Spiel, leben Spannung und Tempo des Films. Eine unterhaltsame Action-Komödie ohne Ansprüche oder Tiefgang.

     

    + „Red Sparrow“ von Francis Lawrence – USA 2018 – 141 Min.

    Alle Jahre wieder: die Russen gegen die Amerikaner; Politiker und Agenten aus Ost und West spielen hochkomplexes Spionage-Schach auf bewährtem Spielfeld. Wie immer in Moskau, in Budapest, in Wien und London. Auf dem Brett bewegt sich die ebenso attraktive wie mutige Dominika Egorowa hin und her. Mal so, mal anders. Nennenswerte Gegenspieler hat sie dabei nicht, obwohl diese an Skrupellosigkeit, Grausamkeit und Brutalität nicht zu überbieten sind. Jennifer Lawrence als Protagonistin spielt eine ehemalige Primaballerina, die nach einer ihr mutwillig zugefügten Verletzung nicht mehr auftreten kann. Um ihre Privilegien nicht zu verlieren, lässt sie sich als Geheimagentin ausbilden und wird auf einen amerikanischen CIA-Agenten angesetzt. Es gibt herauszufinden, zu welchem Maulwurf in der russischen Politik er Kontakt hat. Ein facettenreicher Film für das große Kino! Jennifer Lawrence zeigt eine beeindruckende Leistung. Die Logik des Geschehens sollte man dabei nicht kritisch hinterfragen. Nicht die Realitätsbezüge sind entscheidend. Es kommt darauf an, wie sich Jennifer Lawrence in Szene setzt bzw. effektvoll gesetzt wird. Fazit: Zu schön, um wahr zu sein.

     

    ++ „Call My by Your Name“ von Luca Guadagnino – I/F/USA 2017 – 133 Min.

    Norditalien im Jahr 1983: Der 17-jährige Elio, jüdisch-amerikanischer Abstammung, verbringt den Sommer auf dem in der Nähe des Gardasees gelegenen Landsitz seiner Eltern. Sein Vater ist Archäologieprofessor und forscht vor Ort über antike Skulpturen, während sich seine südländische Mutter für deutsche Literatur begeistert. Nach außen hin wirkt Elio wie ein Erwachsener, doch besonders in Herzensangelegenheiten ist er noch sehr unerfahren.

    Eines Tages trifft der attraktive 24-jährige amerikanische Doktorand Olivier als neuer Sommerpraktikant seines Vaters auf der Villa ein. Inmitten jener prächtigen, sonnengetränkten Szenerie entdecken Elio und Olivier die berauschende Schönheit aufblühenden Verlangens im Verlauf eines Sommers, der ihre Leben für immer verändern wird.

    Eine berührende, sinnlich-transzendentale Liebesgeschichte in visuell berauschendem Ambiente – von der Kamera eindrucksvoll in Szene gesetzt. Guadagnio: „Es ist ein Film über die unerbittliche Kraft des Verlangens und der Liebe, und auf welchen Wegen er oder sie diese finden können.“ Ein herausragender Film mit zwei beeindruckenden Protagonisten, deren Intensität im emotionalem Zusammenspiel sich der Zuschauer nicht entziehen kann. Weltweit mit Festival-Anerkennungen und Auszeichnungen bedacht.

     

    (22.02.201)

     

    - „Docteur Knock“ von Lorraine Lévy – F 2017 – 113 Min.

    Superstar Omar Sy als betrügerischer Arzt in der Provinz, wo er, um Geld zu verdienen, die Dorfbewohner davon überzeugt, imaginäre Krankheiten zu haben. Vorlage ist das Bühnenstück von Jules Domains, das im Dezember 1923 in Paris uraufgeführt wurde. Es wurde in der Vergangenheit bereits mehrfach verfilmt. Der Charakter des Protagonisten wandelt sich in dem aktuellen Film vom zynischen Karrieristen (Theater) zu einem sympathischen Schwindler. Leider ist vom Charme der französischen Komödie hier nichts zu spüren. Die Witze sind platt, die Figuren sind Klischees und werden der Lächerlichkeit preisgegeben.

    Vor zwanzig Jahren inszenierte Dominik Graf für die ARD eine gelungenere Version des Stückes. Die Handlung verlegte er in ein beschauliches bayerisches Dorf; und der unvergessene Gert Voss spielte einen Preußen, der die Bewohner aufmischt. Die Produktion wurde 1998 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Parallel zum Filmstart wäre eine Wiederholung in irgendeinem Dritten äußerst sinnvoll und wünschenswert.

     

    (15.02.2018)

     

    ++ „Shape of Water“ von Guillermo del Toro – USA 2017 – 123 Min.

    Für Filme wie dieser wurde das Kino erfunden! Es geht um die ungewöhnliche, poetische und romantische Liebesbeziehung zwischen einer einsamen, stummen Frau (gespielt von der großartigen Sally Hawkins) und einem Wesen, das aus den Sümpfen kommt und in einem versteckten Hochsicherheitslabor der US-Regierung für Experimente gefangen gehalten wird. Und da die Geschichte vor dem Hintergrund des Kalten Krieges spielt, ist neben Witz und Ironie auch für Spannung und Action gesorgt. Der Regisseur ist einer der kreativsten, visionärsten Geschichtenerzählerde gegenwärtigen Hollywood; sein Film – ein faszinierender Genre- und Stilmix - wurde international mit zahlreichen Preisen und Anerkennungen bedacht. „Wasser kann jede erdenkliche Form annehmen, je nachdem, welches Gefäß es hält. Für die Liebe gilt das auch, oder?“ (Guillermo del Toro)

     

    ++ „Alles Geld der Welt“ von Ridley Scott – USA 2017 – 132 Min.

    Es geht um einen der aufsehenerregendsten Fälle der Kriminalgeschichte: 1973 wird der 16-jährige Paul, Enkel des milliardenschweren Öl-Magnaten J. Paul Getty, in Rom entführt. Die Kidnapper verlangen 17 Millionen Dollar Lösegeld, doch der reichste Mann der Welt denkt gar nichts ans Bezahlen. Gemeinsam mit dem Sicherheitsberater des Alten kämpft die Mutter des Jungen um seine Freilassung. Obwohl der Ausgang des Entführungsfalles bekannt ist, baut der Film einen fesselnden Spannungsbogen auf. Getragen wird er von einem hervorragenden Darsteller-Ensemble, das in einem detail- und designverliebten Ambiente agiert. Dem Regisseur Ridley Scott gelingt es meisterhaft, das Zeitgefühl der frühen 1970er Jahre zu evozieren. Großes Ausstattungskino.

     

    (08.02.2018)

     

    + „Freiheit“ von Jan Speckenbach – D 2017 – 102 Min.

    Eine Frau steigt aus. Ohne weitere Erklärung verläßt Nora ihren Mann Philip und die beiden gemeinsamen Kinder. Ein konkretes Ziel hat sie nicht. Irgendwie/irgendwo will sie dem Familienstress entkommen und neu anfangen. Zuerst landet sie in Wien, dann in Bratislava. Nora lernt neue Menschen kennen und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Ihre Gedanken umkreisen immer noch ihre Familie, die sich nur langsam mit einem veränderten Alltagsleben abfinden kann. Nora merkt, dass sie zwar äußerlich, aber nicht innerlich „Freiheit“ finden kann.

    Eine kleine Geschichte, die sich aber weit vom beliebigen Durchschnitt entfernt. Da ist einmal die großartige Hauptdarstellerin Johanna Wokalek, die ihre Figur mit den sich wandelnden Identitäten und Namen bedingungslos intensiv verkörpert und dabei die Balance zwischen mitfühlender Empathie und entfremdender Distanz souverän meistert. Und dann ist da noch die hervorragende Kamera von Tilo Hauke, die die Protagonistin auf ihrem Weg mit gebührender Distanz und Nähe begleitet.

    Ko-Produzent des Films ist das ZDF – Das kleine Fernsehspiel. Und das ist auch das entsprechende Format für „Freiheit“, das der großen Kinoleinwand nicht bedarf.

     

    (01.02.2018)

     

    ++ „Das Leben ist ein Fest“ von Eric Toledano und Oliviers Nakache – F 2017 – 116 Min.

    Seit Jahrzehnten richtet Max luxuriöse Hochzeiten aus – routiniert und professionell. Doch sein aktuelles Projekt, eine Traumhochzeit in einem herrschaftlichen Landschloss vor den Toren Paris, droht zum Fiasko zu werden. Und das, obwohl es eigentlich ein ganz normaler Auftrag werden sollte. Doch dann läuft es nicht mehr so wie erwartet: Das Buffet ist verdorben, die Hochzeitsgesellschaft steht im Stau, der Fotograf benimmt sich daneben, die vorgesehene Band sagt kurzfristig ab und das Team reduziert sich durch eine Lebensmittelvergiftung. Wie man aus dem Schlamassel raus kommt und sich alles zu Guten wendet, zeigt der Film mit Herz und Humor. Keine Figur wird der Lächerlichkeit preisgegeben. Eine französische Gesellschaftskomödie mit Eleganz und Charme, mit der die Regisseure an ihren großen Erfolg „Ziemlich beste Freunde“ nahtlos anknüpfen.

     

    (25.01.2018)

     

    ++ „Three Billboards Autside Ebbing, Missouri“ von Martin McDonagh – USA /GB 2017 –

    116 Min.

    Schauplatz ist ein Provinznest in Missouri. Die Tochter von Mildred Hayes wurde vor Monaten ganz in der Nähe ihres Zuhauses vergewaltigt und ermordet, aber noch immer tut sich in dem Fall nichts. Mildred ist der Ansicht, dass die örtliche Polizei ihre Arbeit nicht richtig macht. Darum lässt sie eines Tages an der Straße, die in den Ort führen, drei Werbetafeln mit provokanten Sprüchen aufstellen die sich gegen den Polizeichef richten. Und damit wirbelt sie alles und alle in dem Kaff tüchtig durcheinander.

    Wer nach den ersten Szenen meint, dass es sich um eine der üblichen Rache- und Selbstjustizfilme handelt, irrt sich gewaltig. Immerhin hat sich der Regisseur mit dem schwarzhumorigen Thriller „Brügge sehen … und sterben“ einen Namen gemacht. Hier ist er für Drehbuch und Regie verantwortlich und mit Fances McDormand, Woody Harrelson und Sam Rockwell hat er die idealen Protagonisten für eine außergewöhnliche, ruhig und konzentriert inszenierte Geschichte gefunden, die alle traditionellen Muster und Erwartungen sprengt. Ein vielschichtiger Film mit vielen Überraschungen, bei dem man jedes Bild genießen kann.

     

    o „Nur Gott kann mich richten“ von Özgür Yildirim – D 2017 – 100 Min.

    Ein Actionkrimi, der im Drogenmilieu in Frankfurt am Main spielt. Ricky wird aus dem Knast entlassen. Bei einem misslungenen Coup hat er seine Freunde nicht verraten. Dafür soll er nun entschädigt werden. Auf ein Neues. Doch das Ding läuft nicht so, wie vorgesehen.

    Der Versuch eines Genrefilms scheitert an der Anhäufung von Klischees. Alle Typen sind so besetzt, wie sie den Erwartungs- und Verhaltensmustern entsprechen. Aus irgendwelchen Gründen brauchen alle Geld – sogar eine Polizistin, weil sie für ihr sterbenskrankes Kind eine illegale Organspende finanzieren muss. Erwähnungswert ist eigentlich nur die Kameraführung, die für einen deutschen Kinokrimi außergewöhnliche Bilder bietet. Dahinter aber ist nichts Nennenswertes zu entdecken.

     

    (18.01.2018)

     

    + „Das Milan Protokoll“ von Peter Ott – D 2017 – 100 Min.

    Die deutsche Ärztin Martina arbeitet für eine deutsche Hilfsorganisation in der kurdischen Region im Norden Iraks an der Grenze zum „Islamischen Staat“. Bei einer Grenzfahrt wird sie von einer mit dem IS verbundenen sunnitischen Gruppe gekidnappt, weil diese einen Waffentransport vermutet. Die Geiselnahme entwickelt sich zu einem packenden, verwirrenden Wechselspiel, in dem alle Akteure – IS, PKK, die sunnitischen Stämme und die deutschen und die türkischen Geheimdienste – ihre eigenen politischen Interessen verfolgen und versuchen irgendwie durchzusetzen. Unklar bleibt dabei die Rolle des BND und der deutschen Geheimdienstmitarbeiter – aber wen wunderts?

    Der Handlungsverlauf ist unvorhersehbar und unübersichtlich – und entspricht somit den realen Bedingungen. Der Entführungsfall – hier konzentriert auf eine deutsche Ärztin, die von Catrin Striebeck emotional überzeigend und beklemmend dicht gespielt wird – ist nur eine von den vielen Nachrichten, die uns täglich erreichen. Und so gesehen ist es sinnvoll, sich einmal die Zeit für einen Kinobesuch zu nehmen. Nicht zuletzt ist dafür ein Grund die Kamera des großartigen Jürgen Jürges, der für seine distanzierte, semidokumentarische Darstellungstechnik mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde.

     

    (11.01.2018)

     

    + „Your Name“ von Makoto Shinkai – Japan 2016 – 107 Min.

    Dieser Animefilm hat sich in den vergangenen zwei Jahren zu einem der national und international erfolgreichsten Produktionen entwickelt. Der deutsche Ergänzungstitel „Gestern, heute und für immer“ deutet schon auf die Vielschichtigkeit des Geschehens hin. Es geht um den Geschlechtertausch zwischen einem japanischen Schulmädchen vom Lande, das sich nach einem aufregenden Leben in Tokio sehnt, und um einen Jungen aus Tokio, der seinen hektischen Alltag gegen ein beschauliches Leben auf dem Land eintauschen möchte. Das klingt zunächst noch sehr geradlinig und überschaubar. Doch kompliziert werden die Zusammenhänge durch diverse Nebenstränge, die sich mit einem Kometen verbindet, dessen Erdlandung eine Katastrophe auslöste. Dem sorgfältig und liebevoll gestalteten Film

    kann man besser folgen, wenn man sich zuvor mit der Handlung vertraut gemacht hat. Die Manga-Vorlage des Regisseurs ist hierfür besonders geeignet. Seine emotional anrührenden Protagonisten – es ist natürlich auch eine Liebesgeschichte – sind typische Charaktere, aber leider nicht so originell und faszinierend wie die von Hayao Miyazaki.

     

    (04.01.2018)

     

    o „Das Leuchten der Erinnerung“ von Paolo Virzi – I/USA 2017 – 113 Min.

    Ella und John, seit vielen Jahren verheiratet, machen ihr altes Oldtimer-Wohnmobil flott und verlassen stillschweigend ihr Zuhause in Wellesley, Massachusetts. Beide sind krank und wollen ein letztes richtiges Abenteuer erleben. Ihre Kinder informieren sie nicht. Ihre Tour führt sie über die Route 66 die US-Ostküste hinunter, bis zum Hemingway-Haus in Key West. Unterwegs begegnen sie dem amerikanischen Alltag in amüsanten oder riskanten Situationen.

    Der italienische Regisseur bereichert das amerikanische Roadmovie-Genre mit der ihm eigenen Poesie, mit Ironie und Gefühl, wie man das nur aus seinen italienische Filmen wie „Die süße Gier“ (2013) oder „Die Überglücklichen“ (2016). Etliche Schwächen der Dramaturgie und Brüche im Handlungsverlauf gleichen sich aus durch die emotional bewegende Präsenz oder beiden Hauptdarsteller Helen Mirren und Donald Sutherland als ältliches Ehepaar, das sich in eine gemeinsame Flucht stürzt, statt den Umzug ins Pflegeheim anzutreten. Tragödie und Komödie zugleich.

     

    (28.12.2017)

     

    o „The Killing of a Sacred Deer“ von Yorgos Lanthimos – GB/Irl 2917 – 121 Min,

    Eine zunächst belanglose, beliebige Familiengeschichte, die sich zu einem Psychothriller steigert. Das überschaubare Gefüge einer perfekten Familie (Ehepaar und zwei Kinder aus einem Wohlstandsvorort von Cincinnati) gerät aus der Ordnung , als sich ein 16-Jähriger einmischt und den Mann um jeden Preis mit seiner Mutter verkuppeln will. Als der Plan misslingt, belegt er die Familie mit einem Fluch. Regisseur und Co-Drehbuchautor stammen beide aus Griechenland, was das Besondere dieses Films ausmacht. Entstanden ist eine Rachesaga, die den griechischen Mythos der Iphigenie aufnimmt und in Cannes mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet wurde.

     

    o „Oper. L’Opéra de Paris“ von Jean-Stéphane Bron – F 2017 – 110 Min.

    Szenen aus dem Innenleben der Pariser Oper. Detaillierte Beobachtungen, die sich mosaikartig zusammenfügen. Den nicht fachkundigen Kinobesuchern wird vieles rätselhaft und verstörend vorkommen, da auf einen Off-Kommentar verzichtet wird. Wer jedoch die Protagonisten – Direktor, Stars, Bühnenpersonal und Komparsen – kennt, erlebt hautnah das Leben hinter den Kulissen einer der berühmtesten Bühnen der Welt mit. Tanz-, Theater- und Opernfans kommen voll auf ihre Kosten.

     

    + „Loving Vincent“ von Hugh Welchman, Dorota Kobiela – GB 2017 – 95 Min.

    Ein „film noir“ – gemalt wie von Vincent van Gogh. Was wie ein Widerspruch aussieht, löst sich überzeugend und zufriedenstellend auf. Keine konventionelle Künstlerbiographie wie sie in der letzten Zeit mehrfach zu sehen waren. Hier ist es der Kriminalfall van Gogh – um die rätselhaften Hintergründe seines Todes. Mord, Selbstmord oder Unfall? Protagonist ist ein junger Mann, Armand Roulin, der von seinem Vater, ein Postmeister, den Auftrag erhält, einen Brief van Goghs an dessen Bruder Theo zu überreichen. Doch der ist zwischenzeitlich ebenfalls verstorben. Und nun begibt sich Armand auf die Suche nach der Wahrheit über das Ableben des niederländischen Malers.

    Der Film wurde vollständig als Realfilm gedreht. Anschließend wurden die Bilder per Hand in Öl übermalt, so dass der Film komplett im Stile von van Goghs Werken gehalten ist. Das ist anfangs noch gewöhnungsbedürftig. Doch schon nach kurzer Zeit kann man sich dem faszinierenden Sog der Bilder nicht entziehen. Ein großartiges und spannendes Kinoerlebnis!

     

    (21.12.2017)

     

    o „La Mélodie – Der Klang von Paris“ von Rachid Hami – F 2017 – 102 Min.

    Ein auf dem freien Markt nicht sonderlich erfolgreicher Geiger tritt in einem trostlosen Pariser Vorort eine neue Arbeitsstelle an. Er soll den Kindern der 6. Klasse das Geigenspielen beibringen. Es ist ein Integrationsprogramm für Familien mit Migrationshintergrund. Die Kinder sind davon wenig begeistert, doch dann schaffen alle gemeinsam – die Lehrer, die Schüler, die Eltern usw. – den Erfolg in der Philharmonie.

    Alles löst sich am Ende in Wohlgefallen auf. Eine weichgestreichelte, schön geglättete Story ohne Ecken und Kanten. Eines von den vielen Feel-Good-Movies, die in den letzten Jahren aus Frankeich in unsere Kinos kommen. Ein dreimal aufgewärmtes Echo von „Die Kinder des Monsieur Mathieu“. Keinerlei Brüche – auch nicht in den Charakteren, die Modellfiguren gleichen und weder über Witz nach Charme verfügen. Die Frage ist, warum überhaupt die Kinder zu Spitzenleistungen in der Philharmonie herangezüchtet werden müssen. Wäre es nicht sinnvoller – ggf. auch mit Hilfe der Musik – ihnen ein Mehr an sozialer Kompetenz zu vermitteln und sie in ihrem kulturellen Selbstwertgefühl zu steigern?

     

    (14.12.2017)

     

    + „Die kanadische Reise“ von Philippe Lioret – F/Can 2017 – 98 Min.

    Mathieu ist 33 Jahre alt und lebt in Frankreich. Von seiner Frau lebt er getrennt; beide kümmern sich um ihr gemeinsames Kind. Unerwartet erhält er aus Montreal eine Nachricht, dass sein dort lebender leiblicher Vater Jean verstorben ist und ihm ein Päckchen hinterlassen hat. Mathieu reist nach Kanada, um seine ihm bis dahin unbekannte Familie, zu der auch zwei Halbbrüder gehören, zu besuchen. Das gestaltet sich als schwierig, denn Pierre, der beste Freund seines Vaters und Überbringer der Nachricht, will geheim halten, dass es ihn gibt. Doch Mathieu will um jeden Preis das Familiengeheimnis lüften und erfährt nach und nach die ganze Wahrheit.

    Eine subtile Familiengeschichte, konzentriert und atmosphärisch dicht inszeniert. Dem sich langsam entwickelnden Spannungsbogen kann man sich nicht entziehen

     

    o „Meine schöne innere Sonne“ von Claire Denis – F/B 2017 – 94 Min.

    Die atemberaubende Juliette Binoche spielt eine in Paris lebende alleinstehende Künstlerin, die ihr Privatleben nicht in den Griff bekommt. Ihre Suche nach der wahren Liebe scheitert immer wieder an der Diskrepanz zwischen ihren Ansprüchen und den Kompromissen, die sie eingehen müsste. Die zentrale Frage ist: gibt es die Liebe fürs Leben oder ist sie nur eine Utopie?

    Im Alleingang sucht sie darauf eine Antwort; die sie umgebenden Männer bleiben Statisten oder Stichwortgeber. Eigentlich kommt sehr schnell Langeweile auf. Da sich aber die Regisseurin langer Einstellungen bedient, hat Juliette Binoche ausreichend Gelegenheit zu zeigen, welch großartige Darstellerin sie ist. Und nur deswegen lohnt es sich, den Film anzuschauen. Muss aber nicht unbedingt auf der Leinwand sein.

    Ach so: Am Ende des Films taucht noch Gérard Depardieu auf. Er spielt einen Wahrsager, bei dem die Binoche Rat und Hilfe sucht. Geschickt vermeidet es die Regie, ihn in voller Körpergröße zu zeigen. Daher nur Großaufnahmen des Gesichts. Auch eine Lösung.

     

    (07.12.2017)

     

    - „Zwischen zwei Leben“ von Hany Ubu-Assad – USA 2017 – 107 Min.

    Eine Fotojournalistin und ein Neurochirurg sitzen in einem Flughafen fest und mieten ein kleines Charterflugzeug, um ihre Ziele rechtzeitig zu erreichen. Unterwegs erleidet der Pilot einen Herzschlag, sie stürzen in einem abgelegenen Bergmassiv ab – weitab von jeglicher Zivilisation – und müssen fortan um ihr Leben kämpfen. Der Rest des Geschehens ist vorhersehbar. Ein Survival-Drama mit romantischen und sentimentalen Momenten. Die dünne, überraschungsarme Handlung wird durch eindrucksvolle Landschafts-Bilder kaschiert, die die Protagonisten – immerhin Kate Winslet und Idris Elba - als Nebendarsteller deklassiert.

     

     

    (16.11.2017)

     

    + „Das Kongo Tribunal“ von Milo Rau – D 2017 – 100 Min.

    Nach der beispielhaften und international erfolgreichen Produktion eines politisch-engagierten Films „Die Moskauer Prozesse“ (2014) hat sich Milo Rau wieder eines brisanten und hochaktuellen Themas angenommen. In mehr als zwanzig Jahren hat der Kongo-Krieg bereits über 6 Millionen Tote gefordert. Die Bevölkerung leidet, die Verbrechen des Krieges wurden nie juristisch verfolgt. Viele sehen in dem Konflikt eine der entscheidenden wirtschaftlichen Verteilungsschlachten im Zeitalter der Globalisierung, liegen hier doch die wichtigsten Vorkommen vieler High-Tech-Rohstoffe.

    Für diesen Film gelang dem Film- und Theaterregisseur, die Opfer, Täter, Zeugen und Analytiker des Kongokrieges zu einem einzigartigen zivilen Volkstribunal im Ostkongo zu versammeln. Er lässt erstmals in der Geschichte des Krieges drei Fälle exemplarisch verhandeln und entwirft ein unverschleiertes Porträt des größten und blutigsten Wirtschaftskriegs der Menschheitsgeschichte. Besonders bemerkenswert ist die szenische und filmische Umsetzung des Themas: Keine trockene, belehrende Dokumentation, sondern ein packender und aufschlussreicher Film, dessen Sog sich die Zuschauer nicht entziehen können.

     

    (09.11.2017)

     

    o „Mord im Orient-Express“ von Kenneth Branagh – USA 2017 – 109 Min.

    Einer der spektakulärsten Krimis der Filmgeschichte – nach dem Klassiker von Agatha Christie. Vor über vierzig Jahren bereits erfolgreich mit einem internationalen Staraufgebot verfilmt. Es ist schon mutig, den Stoff heute noch einmal anzugehen. Denn der Plot ist bekannt und kann nicht wesentlich variiert werden. Branagh – der auch die Hauptrolle des berühmten Meisterdetektivs Hercule Poirot übernahm - vertraut seiner Inszenierungs-Routine, seinem Gespür für Kino-Bilder und seinem Team werbewirksamer Darsteller, u.a. Penelope Cruz und Michelle Pfeiffer, Johnny Depp und Willem Dafoe.

     

    (02.11.2017)

     

    o „Mathilde“ von Aleksey Uchitel – Russland 2017- 109 Min.

    Prächtig ausgestattetes Historien-Spiel um den Thronerben Nikolaus, der die weltberühmte Primaballerina Mathilde leidenschaftlich liebt, aber zu einer Vernunftehe mit Prinzessin Alix von Hessen gezwungen wird.

    Ein konventionell ins Bild gesetztes Liebesdrama mit beachtlichen Schauwerten. Freunde des opulenten Kostümfilms kommen voll auf ihre Kosten. Den Nikolaus spielt Lars Erdinger ohne größere Anstrengungen. Da der Film nach seiner Fertigstellung von konservativ-orthodoxen Kreisen stürmisch attackiert wurde, verzichtete er darauf, an der Premiere in Russland teilzunehmen. Die Proteste gegen den Film hatten eine größere Medienwirkung als seine künstlerische Qualität.

     

    (26.10.2017)

     

    + „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“ von Claus Räfle – D 2017 – 110 Min.

    Berlin 1943. Das Nazi-Regime hat die Reichshauptstadt offiziell für „judenrein“ erklärt. Doch einigen Juden gelingt tatsächlich das Undenkbare. Sie werden unsichtbar für die Behörden. Oft ist es pures Glück und ihre jugendliche Unbekümmertheit, die sie vor dem gefürchteten Zugriff der Gestapo bewahrt. Der Film schildert ein weitgehend unbekanntes Kapitel des jüdischen Widerstands während der Zeit des Nationalsozialismus. Es sind authentische Personen und Begebenheiten. Das Drehbuch basiert auf Interviews, die mit Zeitzeugen geführt wurden. Einfühlsam, beklemmend und mitunter humorvoll verweben der Regisseur und seine Co-Autorin die Spielfilmhandlungen mit Interviewausschnitten und Archivaufnahmen zu einem dichten, emotional bewegenden Ensembledrama.

    Es geht aber nicht nur um das Schicksal der Juden, sondern auch um den erstaunlichen Mut einiger Deutscher, die ihnen geholfen und sie versteckt haben. Der richtige Film zur richtigen Zeit also. Eine Geschichte von „Helden des Alltags“. Auch wenn es sich hier um eine historische Begebenheit handelt, so verweist sie doch schmerzlich treffend direkt in unsere Gegenwart. Angesichts der aktuellen Situation sind solche „Helden“ mehr denn je gefragt.

     

    (19.10.2017)

     

    ++ „The Square“ von Ruben Östlund – Schweden, Deutschland, Frankreich, Dänemark 2017 – 145 Min.

    Es geht um Christian, den smarten Kurator eines der größten Museen in Stockholm. Die nächste spektakuläre Ausstellung, die er vorbereitet, ist „The Square“. Es handelt sich um einen Platz, der als moralische Schutzzone fungieren und das schwindende Vertrauen in die Gemeinschaft hinterfragen soll. Als Christian durch Trickdiebe ausgeraubt wird und ihm kurz darauf die provokante und spektakuläre Mediakampagne zu der neuen Ausstellung um die Ohren fliegt, geraten sein Selbstverständnis wie auch sein Gesellschaftsbild schwer ins Wanken. Nichts ist mehr wie früher.

    Eine bissige Satire über individuelle und gesellschaftliche Ängste. Es geht um die Widersprüche zwischen eigenem Selbst- und Gesellschaftsbild und den realen Verhältnissen. Mit feinem, ironisch-entlarvendem Humor sowie durch eine subtile Bildsprache wirft der Film brisante Fragen zum Zustand der heutigen Gesellschaft auf, wobei seine Protagonisten und deren Umfeld – die schillernde Welt der Kunstszene - als Mikromodell dienen. Nicht geradlinig erzählt, sondern mit Gespür für Details und Nebensächlichkeiten, die irgendwann, irgendwo bedeutsam werden – oder auch nicht.

    „The Square“ wurde mit der Goldenen Palme der Filmfestspiele in Cannes 2017 ausgezeichnet.

     

    (12.10.2017)

     

    ++ „Happy End“ von Michael Haneke – F/D/A 2017 – 110 Min.

    Die Familie Laurent betreibt in Calais eine boomende Baufirma. Doch es läuft nicht mehr ganz so wie gewünscht. Die resolute Chefin Anne hat ihren Sohn Pierre zum Managing Director gemacht, doch er erweist sich als nicht kompetent genug für unternehmerische Entscheidungen. Ein verheerendes Unglück auf einer Baustelle wird zu einer folgenreichen Belastung. In der großbürgerlichen Mehrgenerationen-Villa leben außerdem noch Georges, der grantige und illusionslose alte Vater von Anne, sowie ihr Bruder Thomas, dessen Frau Anais und ein kleines Kind. Versorgt werden alle von einem marokkanischen Haushälterehepaar. Als Eve, die 12-jährige Tochter von Thomas aus erster Ehe, hinzukommt, gerät das ausbalancierte Zusammenleben aus den Fugen. Eves Mutter hat versucht, sich umzubringen. Neben den Sorgen um die Firma treten nun immer häufiger die innerfamiliären Konflikte in den Vordergrund. Bei einer Familienfeier mit vielen Gästen eskaliert die Situation. Eve hat ein besonderes Verhältnis zu Georges. Aus anfänglichen Feindseligkeiten entwickelte sich eine enge Beziehung. Eve versteht Georges immer besser, doch sie kann ihn nicht davon abhalten, einen Selbstmordversuch zu unternehmen.

    Alle in dieser dysfunktionalen Familie haben in der Vergangenheit Schuld auf sich geladen. Das wird nach und nach offensichtlich. Hanekes Spezialität für messerscharfe Beobachtungen zeichnet auch diesen, einer Momentaufnahme gleichenden Film aus. Wie auf dem Seziertisch präsentiert er unterkühlt und ohne Empathie seine Charaktere und ihr Umfeld. Die Motive des Handelns sowie die Hintergründe werden nicht erklärt. Haneke: Mein Ziel ist, so wenig wie möglich zu sagen, damit die Imagination der Zuschauer absolute Freiheit hat.“ Er versucht zwar, Hinweise zu geben, aber die Zuschauer werden mit den Tatsachen konfrontiert und müssen die Antworten selbst finden.

     

     

    ++ „What happened to Monday?“ von Tommy Wirkola – USA 2017 – 100 Min.

    Ein spannender, bildgewaltiger Thriller über unsere nahe Zukunft. Überbevölkerung und Mangel an Nahrungsmitteln haben zu einer drastischen Ein-Kind-Politik geführt, die von einem an Orwell erinnernden Regime brutal kontrolliert wird. Nur einer schlüpfte durch die Maschen und ermöglichte seinen Nachkommen das Überleben in einer gut gesicherten Wohnung. Es sind sieben Frauen, die nach den Wochentagen benannt wurden, jeweils an diesem Tag die Adresse verlassen können und die Identität einer fiktiven Person annehmen. Sie sind Geschwister im gleichen Alter, aber unterschiedlichen Charakters. Und als eine von ihnen – Monday – abends nicht mehr zu ihnen zurückkehrt, gerät der ausbalancierte Alltag tüchtig durcheinander und löst eine blutige Kettenreaktion aus. Die hervorragende Noomi Rapace ist gleich in sieben Rollen zu sehen; mit dabei auch Willem Dafoe und Glenn Close.

    Faszinierend gespielt und intelligent. Großes Kino!

     

    (05.10.2017)

     

    ++ „Die Nile Hilton Affäre“ von Tarik Saleh – Schweden/Deutschland/Dänemark 2016 – 110 Min.

    Es gelingt immer wieder mal einem Film, die Genre-Musters des Thrillers/Kriminalfilms zu erweitern. Es sind Filme, die außergewöhnliche Geschichten, Charaktere und Schauplätze bieten und deren Handlungen nicht so verlaufen wie erwartet. Dies hier ist es solcher Film. Zeit und Ort: Kairo 2011; eine Stadt voller Widersprüche. Es herrschen die Reichen und Mächtigen. Korruption, Dekadenz und die Gier nach Geld bestimmen den Alltag. Protagonist des Films ist der ganz gewöhnliche Polizist Noredin. Seit dessen Frau bei einem Autounfall ums Leben kam, sucht er Zuflucht in der Routine seines Jobs. Als in einer Luxussuite des Hotels Nile Hilton eine berühmte Sängerin tot aufgefunden wird, soll er ermitteln. Was auf den ersten Blick nach einem Verbrechen aus Leidenschaft aussieht, wandelt sich schnell in einen Fall, der die führende Elite Ägyptens bedroht. Der Tod des Stars soll als Selbstmord zu den Akten gelegt werden. Doch Noredin ermittelt auf eigene Faust weiter. Während die Unruhen am Tahir-Platz immer lauter werden, verfängt er sich zusehends in einem gefährlichen, engmaschigen Netz aus Macht, Leidenschaft und Korruption. Eine stimmungsvolle Kriminalgeschichte in der besonderen Atmosphäre des gesellschaftlichen Umbruchs.

     

    (28.09.2017)

     

    + „Es“ von Andrés Muschietti – USA 2017 – 135 Min.

    Da gibt es den klassischen Horrorthriller „Es“, der vor über 25 Jahren gedreht wurde. Es war allerdings kein Kinofilm, sondern ein zweiteiliger Fernsehfilm, der mittlerweile einen Kult-Status erworben hat. Der Bestseller von Stephen King kommt nun als Neuverfilmung auf den Markt. Die Geschichte des Clubs der Loser, die gegen den Monster-Clown Pennywise antreten, ist nahezu unverändert geblieben. Die Charaktere haben an Profil verloren, alles ist glatter und beliebiger geworden. Herausgekommen ist ein Film, den man nicht empfehlen kann. Eigentlich sollte man nicht dazu raten, vom Kinobesuch abzusehen und sich dafür eine DVD mit dem Original aus dem Jahre 1990 anzusehen. Doch das ist hier weitaus sinnvoller, als sich über zwei Stunden lang zu ärgern.

     

    (21.09.2017)

     

    ++ „Schloss aus Glas“ von Destin Daniel Cretton – USA 2017 – 120 Min.

    Jeanette Walls, die Autorin der autobiographischen Romanvorlage und gleichzeitig die Protagonistin des Films, blickt auf eine außergewöhnliche, glückliche Kindheit zurück. Das Familienleben bestimmt ihr extrovertierter Vater Rex, der ihr die Sterne vom Himmel verspricht – als Ausgleich dafür, dass mitunter Hunger herrscht und oft der Wohnort gewechselt wird. Auf der einen Seite bekommt Rex seine Alkoholabhängigkeit nicht in den Griff, andererseits ist er rührend um seine Frau und seine Kinder besorgt. Doch mit der Zeit können auch die hoffnungsvollsten Geschichten nicht länger von der bitteren Armut ablenken, in der die Familie lebt. Mit zunehmenden Alter von Janette erweis sich das Lügengebäude der Eltern als ebenso zerbrechlich wie das Schloss aus Glass, das Rex seiner Tochter jahrelang verspricht zu brauen. Walls beschreibt in ihrem Roman ohne Larmoyanz von einer ungewöhnlichen Kindheit, die man sich verrückter nicht vorstellen kann. Der Focus des Films richtet sich ganz auf ihren Vater Rex, der trotz seines gewöhnungsbedürftigen Verhaltens dank der hervorragenden darstellerischen Leistung von Woody Harrelson zum Sympathieträger wird.

     

    (14.09.2017)

     

    ++ „Logan Lucky“ von Steven Soderbergh – USA 2017 – 118 Min.

    Seit über 100 Jahren ist in der Geschichte des Films der Traum vom großen Coup ein beliebtes Sujet. Erinnert sei nur an „The Great Train Robbery“ von Edwin S. Porter aus dem Jahre 1903, oder an „The Killing“ von Stanley Kubrick (1956). Mit seiner international erfolgreichen, hochspannenden und cleveren „Ocean’s Trilogie“ hat Soderbergh für das Genre Maßstäbe gesetzt, die eigentlich nicht zu toppen sind. Er selbst hat es mit diesem Film geschafft. Im Mittelpunkt stehen die Brüder Jimmy und Clyde Logan (Channing Tatum und Adam Driver),die sich im Alltag nicht zurechtfinden und unter Geldsorgen leiden. Was liegt näher als die brillante Idee, als einen Raubüberfall auf den Geldspeicher bei dem legendären NASCAR-Rennen. Die Brüder haben einen Plan, doch die brauchen Helfer und Verbündete. Und einer von denen, ein platinblonder Safeknacker (gespielt von Daniel Craig) sitzt allerdings noch im Gefängnis. Wie und ob der Plan aufgeht, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Soderbergh schafft es, mit wenigen, ausgewählten Kamerabildern in Zeit und Ort des Geschehens einzuführen. Mit wenigen Strichen zeichnet er seine unverwechselbaren Charaktere – von den Haupt- bis zu den Nebenrollen. Eine Actionkomödie zum Reinknien.

     

    + „Mr. Long“ von SABU – Japan u.a. 2017 – 128 Min

    Ein taiwanesischer Auftragskiller strandet mittellos und angeschlagen in einer japanischen Vorstadt. Seine Mission ist missglückt und es bleiben ihm nur fünf Tage, um Geld für die geplante Rückreise aufzutreiben. Unvermittelt erhält er dabei Hilfe: der kleine Jun, Sohn einer Drogenabhängigen, weicht nicht von seiner Seite und ahnungslose Anwohner zeigen sich von seinen Kochkünsten so begeistert, dass sie ihm ein berufliches Standbein schaffen wollen. Eifrig organisieren sie dem schweigsamen „Mr. Long“, wie sie den Killer nennen, eine fahrbare Garküche, mit der er gemeinsam mit Jun seine chinesischen Spezialitäten unter die Leute bringen kann. Unheil droht, als Juns Mutter, die unter dem Einfluss des Fremden ein neues Leben versucht, von ihrem ehemaligen Dealer aufgesucht wird und dieser Mr. Longs Fährte aufnimmt. Er wird nun von allen Seiten gejagt und eingekreist …

    Der japanische Regisseur SABU (Hiroyuki Tanaka) ist Routinier für das Aufeinandertreffen von Abwegigem und Normalem. Mit leichter Ironie schickt er seine Helden in fremde Gefilde, die deren Horizont erweitern. Auch hier muss sich der Protagonist in einem Labyrinth von Chancen und Gefahren bewegen, blitzschnell handeln und dabei cool bleiben. Ein interessanter Aspekt des Films sind dabei die geographischen, historischen und politischen Besonderheiten zwischen Japan und China.

    Der Filmbesucher wird – so ganz nebenbei - über eine taiwanesische Spezialität ausführlich informiert: die Rindfleischnudelsuppe, mit deren Zubereitung Mr. Long so schnell Karriere machen konnte. Vor dem Kinoabend sollte man sich informieren, zu welchem Restaurant man anschließend gehen kann.

     

    (07.09.2017)

     

    + „The Circle“ von James Ponsoldt – USA 2017 – 110 Min.

    Mae, eine junge, couragierte Frau (Emma Watson), bekommt einen Traumjob in einer der angesagtesten Firmen der Welt. Der Internetkonzern Circle hat das Ziel, alle Kunden mit einer einzigen Identität auszustatten, über die alles abgewickelt werden kann. Sie genießt das schrille Leben zwischen lichtdurchfluteten Büros und coolen Partys. Der charismatische Firmenchef Eamon (Tom Hanks) überredet sie, an einem bahnbrechenden Experiment teilzunehmen. Diese Entscheidung beeinflusst zunehmend das Leben und die Zukunft ihrer Freunde und Familie. Es droht die totale Kontrolle in allen Bereichen.

    Adaption des Bestsellers von Dave Eggers. Ein packender Thriller über eine bestürzend nahe Zukunft, in der jeder ohne Privatsphäre ist, vollständig durchleuchtet und überwacht, und einen Konzern, dem keiner entkommen kann.

    Welchen Preis sind wir bereit, für Wissen und Information zu bezahlen? Der Große Bruder lässt grüßen!

     

    + „Barry Seal – Only in America“ von Doug Liman – USA 2017 – 114 Min.

    In den 1980er-Jahren im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der wagemutige TWA-Pilot Barry Seal pendelt als Schmuggler zwischen Nord- und Südamerika hin und her. Gleichzeitig verdingt er sich für die CIA zur Aufdeckung von politisch-militärischen Operationen. Schon bald verstrickt er sich immer tiefer in dubiose Machenschaften zwischen CIA, FBI, Guerilla-Kämpfern in Nicaragua und dem kolumbianischen Kartell und Pablo Escobar. Ein irrwitziges Abenteuer als Waffenschmuggler, Drogenhändler und verdeckter CIA-Agent beginnt, das Barry zu einem der reichsten Männer der USA macht. Als er das haufenweise einkassierte Geld verstecken muss und er zusätzlich noch zu einer Schlüsselfigur in der Iran-Contra-Affäre wird beginnen die Probleme.

    Nach einer authentischen Vorlage. Eine Paraderolle für Tom Cruise. Actiongeladen, rasant und witzig. Schnelle Schnitte, wechselnde Schauplätze usw. – mit allen Genre-Zutaten für ein unterhaltsames, virtuell-erregendes Erlebnis auf der großen Leinwand.

     

    + „On the Milky Road“ von Emir Kusturica – Serbien/GB/USA – 125 Min.

    Emir Kusturica ist bekannt für überdrehte und skurrile Filme. Sein Einfallsreichtum beweist sich in der Vorliebe für schräge Typen im bizarren Ambiente; jedes neue Bild bietet auch neue Überraschungen und unvorhergesehene Entwicklungen. Die nicht immer folgerichtig verlaufenden Handlungen sind schwer zu beschreiben da sich immer wieder neue Facetten auftun. Und so ist es auch in diesem Film. Kusturica spielt einen Milchmann, der auch in Kriegszeiten seinem Geschäft nachgeht und mit seinem Esel die feindlichen Linien der beiden Bürgerkriegsparteien durchkreuzt. Eigentlich soll er die hübsche Dorfbewohnerin Milena heiraten, doch dann lernt er eine mysteriöse, attraktive Italienerin kennen. Das ist der Beginn einer leidenschaftlichen Liebe – wäre da nicht ein extrem eifersüchtiger General, der mit allen Mitteln alte Ansprüche gelten machen will. Und aus der Liebesromanze wird ein kriegsähnlicher Schauplatz mit im wahrsten Sinne des Wortes ‚fabelhaftem’ Geschehen.

     

    (31.08.2017)

     

    o „Jugend ohne Gott“ von Alain Gsponer – D 2017 – 114 Min.

    Eine Geschichte über Anpassung und Widerstand, Eliten und Außenseiter. Der Jugendliche Zach verweigert sich dem Regelwerk und dem Druck, dem er in einem Hochleistungscamp seiner Abschlussklasse ausgesetzt ist. Im Gegensatz zu seinen Kommilitonen hat er kein Interesse daran, auf die renommierte Rowald Universität zu kommen. Er lernt ein geheimnisvolles Mädchen kennen, das im Wald lebt und sich mit Diebstählen über Wasser hält. Im Camp ereignen sich daraufhin rätselhafte Dinge. Und als dann ein Mord geschieht, gerät die Ordnung tüchtig durcheinander.

    Vorlage des Films ist der gleichnamige Roman von Ödön von Horwárth, der 1937 veröffentlicht wurde. Der dystopische Ansatz schwimmt in Machart und Absicht auf der Welle vergleichbarer Filme, die in den letzten Jahren ins Kino kamen und unterscheidet sich so von den anderen Verfilmungen des Romans, die dicht am Original blieben; so z.B. die Version von Roland Gall „Wie ich ein Neger wurde“. Hier werden die Jugendlichen ein Opfer der nationalsozialistischen Verführung. Die aktuelle Verfilmung führt zu keinen neuen Erkenntnissen, ist jedoch akzeptable Unterhaltungs-Ware.

     

    o „Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt – D 2017 – 111 Min.

    „Frank Lehmann“, der Protagonist des Kult-Autors Sven Regner, hat auch die Leinwand erobert. Doch diesmal warten seine Fans vergebens auf ihn. Im Mittelpunkt des Films steht dafür der seit Jahren verschwundene Karl Schmidt. Seine Freunde entdecken ihn in einer drogentherapeutischen Einrichtung in Hamburg und überreden ihn, sie bei einer Rave-Tour durch Deutschland zu begleiten. Bei den zu erwartenden Gelagen können sie einen nüchternen Fahrer gut gebrauchen. Und Karl kommt es gelegen, seine Adresse zu verlassen. Die Handlung spielt Mitte der Neunziger Jahre in einer noch ungeordneten Musik- und Clubszene. Insgesamt ist alles sehr wenig reizvoll, denn Filme, in denen Bands touren, hat es immer schon gegeben. Allerdings weitaus witziger und unterhaltsamer. Hier zieht es sich hin und langweilt. Überraschungsarm trotz der routinierten Darsteller. Eine konzentriertere Regie hätte dem Projekt gutgetan.

     

    + „Auguste Rodin“ von Jacques Doillon – F 2017 – 119 Min.

    Porträt des eigenwilligen, weltkannten Künstlers: sein Leben, seine Arbeiten, seine Erfolge, seine Zweifel und Niederlagen. Dabei geht es weniger um seine Werke, sondern in erster Linie um die Frauen, die ihn umgeben und deren Beziehung zu ihnen sich immer auch in seinen Arbeiten widerspiegeln. Ausgangspunkt ist das Jahr 1880 in Paris. Im Alter von 40 Jahren erhält er den Staatsauftrag: „Das Höllentor“ soll als gigantisches Bronzeportal den Eingang des neuen Kunstgewerbemuseums im Pariser Louvre schmücken – eine alles verschlingende Herausforderung, die zu Rodins Lebenswerk wird. Eine Phase manischen Schaffens beginnt, die durch Rodins Begegnung mit der hochbegabten, weitaus jüngeren Camillie Claudel noch intensiver wird; eine Beziehung, die ebenso leidenschaftlich wie turbulent verläuft. Doillons Film ist kein Biopic im klassischen Sinne, er widmet dem rastlosen Schaffen des genialen Bildhauers ebenso viel Raum wie seinem von dramatischen Widersprüchen geprägten Privatleben. In interessanter Aspekt des Films ist Rodins Begegnung mit Zeitgenossen wie Victor Hugo, Rainer Maria Rilke, Claude Monet und Paul Cézanne.

     

    (24.08.2017)

     

    ++ „Das ist unser Land“ von Lucas Belvaux – F/B 2017 – 128 Min.

    Pauline arbeitet als Krankenschwester in einer Kleinstadt im strukturschwachen Norden Frankreichs. Sie kümmert sich um ihren Vater und zieht ihre beiden Kinder allein groß. Sympathisch und aufopferungsvoll wie sie ist, wird sie von allen gemocht. Ihre Glaubwürdigkeit will sich eine aufstrebende nationalistische Partei zu Nutze machen und wirbt sie als Kandidatin für die kommenden Bürgermeisterwahlen an. Der charismatische Arzt und Politiker Dr. Berthier umschmeichelt Pauline und überredet sie zu kandidieren. In ihrem Beruf täglich mit sozialen Missständen konfrontiert, lässt sie sich von seinen populistischen Ansichten mitreißen, in der Hoffnung, in der Lokalpolitik etwas bewirken zu können. Ihr sozialistisch geprägter Vater ist bestürzt über den Gesinnungswandel seiner Tochter. Und diese muss bald erkennen, dass sie nur als hübsches Gesicht und Sympathieträgerin der landesweiten Wahlkampagne der rechtsgerichteten Parteichefin dienen soll.

    Aufgrund seiner deutlichen Anspielungen auf den rechtsextremen Front National und seine Vorsitzende Marine Le Pen hat der Film in Frankreich Furore gemacht und wird dort stark diskutiert. Das spannend inszenierte polemische Politdrama zeigt, wie sich aufrechte, engagierte Menschen allzu leicht vom Populismus einnehmen lassen. Belvaux legt die Arbeitsmethoden und Mechanismen rechtsextremer Parteien offen und liefert damit auch zum deutschen Wahlkampf einen aufschlussreichen Diskussionsbeitrag.

     

    ++ „Atomic Blonde“ von David Leitch – USA 2017 – 115 Min.

    Kurz vor dem Fall der Berliner Mauer wird die MI6-Agentin Lorraine Broughton nach Berlin geschickt. Zusammen mit David Percival, ihrem örtlichen Kontaktmann des britischen Geheimdienstes, soll sie den Tod eines Geheimagenten aufklären. Es geht um eine hochbrisante Liste mit Namen von Agenten, Doppelagenten, Überläufern und Verrätern, an der gleich mehrere Dienste ein Interesse haben. Die politischen Bezüge dienen nur der Dekoration und spielen eine Nebenrolle; interessanter sind der Schauplatz und die aktuelle Situation, in der sich alles auflöst, die Orientierung verlorengeht, alte Grenzen verschwinden und sich neue auftun.

    Ein mit reichlich Action gepfeffertes Spionage-Thriller-Ragout; gekocht in Ost- und Westberlin in den wirren Zeiten des Mauerfalls und mit landestypischen Zutaten aus der russischen-amerikanischen-deutschen-englischen-französischen Genreküche angerichtet. Also mit vielen Köchen, die diesmal aber nicht den Brei verderben, sondern daraus ein schmackhaftes und sattes Kinoerlebnis bereiten. Dazu dann noch der Soundtrack mit den Klassikern der 1980er-Jahre. Eine (Sex-)Bombenrolle für Charlize Theron: allein gegen alle; cool und emotionslos. Vorlage des Films ist die Graphic Novel „The Coldest City“ von Anthony Johnson und Sam Hart.

     

    o „Hampstead Park – Aussicht auf Liebe“ von Joel Hopkins – GB 2016 – 103 Min.

    Die eigenwillige Amerikanerin Emily passt nicht so recht in die hochnäsige Nachbarschaft Hampsteads. Durch Zufall macht sie die Bekanntschaft des kauzigen Donald, der seit Jahren in einer selbstgezimmerten, schäbigen Hütte im weitläufigen Park lebt. Er soll daraus vertrieben werden und einem Luxusbauprojekt weichen. Entschlossen und zum großen Entsetzen ihrer Freunde stellt Emily sich im Kampf um sein Zuhause auf die Seite des Außenseiters. Für alle überraschend entwickelt sich daraus eine ungewöhnliche Liebesgeschichte fern aller gesellschaftlichen Konventionen, die den beiden den Weg in eine neue Welt eröffnet. Inspiriert wurde der Film von einer realen Figur: Dem im Februar 2016 verstorbenen Iren Henry Hallowes, der von 1987 bis zu seinem Tod in einer abgeschiedenen Ecke des Hampstead Parks lebte. Daraus wurde nun eine sozialromantische Komödie mit viel Zuckerguss überzogen. Diane Keaton führt die große Hollywood-Gefühlsskala vor; Brendan Gleeson kann sich glücklicherweise hinter einem großen struppigen Bart verstecken. Die anderen Rollen, wie die der zickigen, neureichen Nachbarinnen, die sich als Freundinnen ausgeben solange es ihrem Vorteil dient, bedienen alle Klischees. Was hätte Ken Loach aus so einer Geschichte gemacht?

     

    (17.08.2017)

     

    ++ „Ein Sack voll Murmeln“ von Christian Dugay – FR/CAN 2017 – 113 Min.

    Paris 1941. Weil es in der besetzten Hauptstadt zu gefährlich geworden ist, plant die jüdische Familie Joffo die Flucht nach Südfrankeich, das noch nicht in deutscher Hand ist. Eine gemeinsame Reise wäre zu gefährlich, daher schicken die Eltern den zehnjährigen Joseph und seinen älteren Bruder Maurice allein auf den Weg. Ein gefährliches Abenteuer erwartet die Jungen, denn niemand darf erfahren, dass sie Juden sind. Doch dank ihres Mutes und Einfallsreichtums schaffen sie es immer wieder, den Besatzern zu entkommen.

    „Kinder auf der Flucht“ ist leider nicht nur ein aktuelles Thema. Zu allen Zeiten und an allen Orten zählten oder zählen sie zu den Opfern der Kriege oder kriegsähnlicher Konflikte. Daran erinnert dieser Film in treffender Weise, hervorragend besetzt und inszeniert. Ausgangspunkt ist die authentische Lebensgeschichte und der Bestseller von Joseph Joffo; eine inspirierende Geschichte aus der Sicht von Kindern und ihre Art, die Welt wahrzunehmen, bis die Realität sie einholt. Vor gut vierzig Jahren wurde das Buch unter der Regie von Jacques Doillon erstmals verfilmt. Diese Version ist aber in Deutschland nicht in die Kinos gekommen.

     

    (10.08.2017)

     

    o „Der dunkle Turm“ von Nikolaj Arcel – USA 2017 – 95 Min.

    Ein Versuch, die umfangreiche und ambitionierte Roman-Reihe von Stephen King filmisch in den Griff zu kriegen, muss zwangsläufig scheitern. Der Regisseur bezeichnete das Werk als „Inspiration“. Die Geschichte des Revolvermanns gegen den Mann in Schwarz, der mit der gebündelten Kraft von Kindergedanken den Dunklen Turm zu Fall bringen will, beschränkt sich auf Anspielungen und Verweise, demonstriert dafür die genreüblichen Effekte und Schauwerte. Entstanden ist ein kinotaugliches Fantasy-Abenteuer als Werbefilm für die Bestseller-Serie

     

    ++ „Der Stern von Indien“ von Gurinder Chadha – GB/Indien 2017 – 106 Min.

    1947 kommen Lord Mountbatten und seine Frau Edwina nach Delhi. Als Vizekönig soll Mountbatten die britische Kronkolonie in die Unabhängigkeit entlassen. In seinem Palast arbeiten nicht weniger als 500 indische Bedienstete, darunter der junge Hindu Jeet, der hier unverhofft seine einstige Flamme wiedertrifft, die schöne Muslima Aalia. Es ist eine verbotene Liebe, denn eine Verbindung zwischen Angehörigen der verfeindeten Religionen kommt nicht in Frage. Als Mountbatten die neuen Staaten Indien und Pakistan gründet, brechen schwere Unruhen aus.

    Mit opulenter Ausstattung und mit großformatigen, leinwandfüllenden Bildern erzählt der Film die Geschichte einer (fast) unmöglichen Liebe vor dem Hintergrund der dramatischen und blutigen Umstände der Teilung Indien nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Handlung balanciert geschickt zwischen den emotionalen und kognitiven Ebenen. Die Protagonisten des Films – das britische und das indische Paar – dienen dabei als Identifikationsfiguren eines Films, der angesichts aktueller Ereignisse auf die Teilung des Landes hinweisen will, die eine der größten Fluchtbewegungen der Geschichte auslöste. Zehn Millionen Hindus und Sikhs wurden aus Pakistan vertrieben, etwa sieben Millionen aus Indien. Rund eine Million Menschen kamen dabei ums Leben.

     

    ++ „Der Wein und der Wind“ von Cedric Klapisch – F 2016 -114 Min.

    Es ist Spätsommer im Burgund und die Weinernte steht bevor. Die dreißigjährige Jean kehrt nach vielen Jahren der Funkstille auf das idyllische Familienweingut zurück. Sein Vater liegt im Sterben und seine Geschwister Juliette und Jérémie, die das Gut in der Zwischenzeit aufrechterhalten haben, können jede Unterstützung gebrauchen. So wie sich jedes Erntejahr nach den Jahreszeiten richtet, erkennen die Geschwister, dass manch offene Wunden auch über die Jahre hinweg nicht heilen. Gemeinsam müssen sie entscheiden, ob die Familientradition weitergeführt werden soll oder jeder seinen eigenen Weg geht.

    Ein „Familienfilm“ wie ihn nur das französische Kino kennt: Anspruchsvoll, charmant, hervorragend besetzt und mit visueller Kraft umgesetzt. Er animiert zu einer Rundreise durch Burgund – Route des Grands Crus de Bourgogne - zu Zeiten der Weinlese incl. diversen Verkostungen. Aber auch ein Film, der zu allen Jahreszeiten gute Laune und Lust auf einen kleinen Weißen oder Roten verbreitet. Mein privater Einkaufs-Tipp: Die Winzergenossenschaft in Buxy.

     

     

    (03.08.2017)

     

    o „Planet der Affen: Survival“ von Matt Reeves – USA 2017 – 133 Min.

    Das dritte Kapitel der Blockbuster-Story. Die graugewordene und altersmilde Caesar und seine Affen werden von einer Menschenarmee unter der Leitung eines skrupellosen Colonels in einen tödlichen Konflikt gezwungen. Nach schweren Verlusten auf Seiten der Affen ringt Caesar mit seinen dunkleren Instinkten und beginnt seinen eigenen mystischen Kampf um Rache für die Seinen. Schließlich kommt es zwischen Caesar und dem Colonel zur epischen Entscheidung, die das Schicksal beider Spezies und die Zukunft des gesamten Planeten bestimmen wird.

    Eine beachtliche Weiterentwicklung aufwändiger Spezialeffekte. Die Story ist als dystopischer Anti-Kriegsfilm angelegt, hat aber kein dynamisches Eigengewicht.

     

     

    + „Das Gesetz der Familie“ von Adam Smith – GB 2016 – 99 Min.

    Seit Generationen leben die Familienmitglieder des berüchtigten Cutler-Clans als Outlaws in

    Gloucestershire in England. Was sie zum Leben brauchen, stehlen sie von den reichen Bewohnern der Gegend und haben einen Mordsspaß dabei, die lokale Polizei an der Nase herumzuführen und fordern sie zu rasanten Verfolgungsjagden heraus. Chad bewundert seinen Vater, Clan-Oberhaupt Colby, dafür ein Freigeist zu sein und sein Leben in absoluter Unabhängigkeit verbracht zu haben. Doch ihre Unabhängigkeit hat ihren Preis. Chads Frau besteht darauf, die Kinder zur Schule zu schicken; Colby ist dagegen. Chad hängt dazwischen. Die Polizei liegt stets auf der Lauer, in der Gruppe herrscht Chaos und das Geld ist immer knapp. Als ein vielversprechender Einbruch ansteht, muss Chad sich entscheiden, ob er sein vorbestimmtes Erbe antritt oder ein eigenes Leben beginnt.

    Adam Smith möchte mit seinem Film auf eine Familie von Outlaws aufmerksam machen, die sich jenseits jeglicher Gesellschaft befinden. Sympathieträger und Identifikationsfiguren für die emotionale Bindung sind dabei Michael Fassbender als Chad und Brendan Gleeson als Colby.

    Der vitale Gleeson hat dabei als Vaterfigur den zentralen Part, wobei hingegen Fassbender vielleicht etwas zu smart für den aufbegehrenden Sohn ist.

     

     

    + „Final Portrait“ von Stanley Tucci – GB 2017 – 90 Min.

    Wer Alberto Giacomettis Arbeiten mag, der mag auch diesen Film. Die Handlung spielt 1964 in seinem Atelier in Paris. Die junge Schriftsteller und Kunstliebhaber James Lord will eigentlich zurück nach Amerika, doch er willigt ein, dem Künstler für ein Porträt Modell zu sitzen. Doch er hat keine Ahnung, worauf er sich da eingelassen hat. Schon bald erhält er Einblicke in den faszinierenden, intensiven und stellenweise völlig chaotischen und irritierenden Schaffensprozess des Künstlers. Das Bild will nicht fertig werden, und aus Tagen werden Wochen. Immer wieder werden Termine verschoben oder sie enden ohne konkretes Ergebnis, weil Giacometti gerade nicht in Stimmung ist oder lieber bei Rotwein im Bistro sitzt oder sich mit Frauen vergnügt.

    Atmosphärisch dicht und äußerst unterhaltsam präsentiert der Film das Bild eines der wichtigsten Künstler der Moderne; so realistisch wie ein Dokumentarfilm und so komödiantisch wie ein Film von René Clair. Vor allem ein großes Kompliment an Geoffrey Rush für seine darstellerische Leistung. Nach „The King’s Speech“ ein weiterer Höhepunkt.

     

    + „Die göttliche Ordnung“ von Petra Volpe – Schweiz 2016 – 97 Min.

    Die Schweiz im Jahr 1971. Die junge Hausfrau Nora lebt mit ihrem Mann Hans und ihren zwei Söhnen in einem friedlichen kleinen Dorf im Appenzell. Seit dem Mai 1968 ist ein Ruck durch die Gesellschaft gegangen, das soziale Gefüge ist im Wandel oder abseits der großen Städte ist davon noch nicht viel zu spüren. Das ruhige und harmonische Leben ändert sich, als Nora sich leidenschaftliche und in aller Öffentlichkeit für das Frauenwahlrecht einsetzt. Sie eckt damit im Dorf an, doch sie ist entschlossen, das Wahlrecht durchzusetzen. Doch dazu bedarf es der Zustimmung der Männer, denn nur sie können darüber abstimmen. Von Noras Engagement und ihren politischen Ambitionen werden auch die anderen Frauen angesteckt und proben gemeinsam den Aufstand. Beherzt kämpfen die züchtigen Dorfdamen bald nicht nur für ihre gesellschaftliche Gleichberechtigung, sondern auch gegen eine verstaubte Sexualmoral.

    Als eines der letzten europäischen Länder führte die Schweiz erst 1971 das Wahlrecht für Frauen ein. Große Politik auf engstem Raum. Eine sorgfältig und detaillierte Beobachtung der Emanzipation einer Frau in der Schweiz der 70er Jahre; in eine Situation, in der chauvinistische Vorurteile und echte Frauen-Solidarität aufeinander treffen. Der Film wurde mit mehreren Preisen und Auszeichnungen bedacht.

     

    (13.07.2017)

     

    ++ „Spider-Man: Homecoming“ von Jon Watts – USA 2017 – 133 Min.

    Immer noch euphorisch von dem packenden Kampf mit den Avengers auf dem Leipziger Flughafen kehrt Peter Parker in seine Heimatstadt New York zurück, wo er mit seiner Tante May und unter den wachsamen Augen seines neuen Mentors Tony Stark lebt. Es fällt ihm jedoch nicht leicht, sich im Alltag zurechtzufinden. Die Highschool langweilt ihn; er will beweisen, dass mehr in ihm steckt als nur der sympathische, hilfsbereite Spider-Man aus der Nachbarschaft, der kleine Kriminelle für böse Taten bestraft.

    Als ernsthafter Gegner kreuzt der größenwahnsinnige Entsorgungsunternehmer Adrian Toomes/The Vulture seine Wege. Aus den Trümmern, die bei einem Alien-Angriff auf New York zurückgeblieben sind, hat er sich die dazu erforderlichen Superwaffen gebaut. Sein Zerstörungswahn macht vor nichts halt; das Washington-Monument und die Fähre von Staten Island sind die nächsten Ziele. Peter macht sich auf eigene Faust auf die Jagd nach Superschurken.

    Der Film geht zurück in die Flegeljahre Spider-Mans. Action und Humor sind gleichermaßen verteilt. Tom Holland, der schon den kurzer Part Spider-Mans in „The First Avenger: Civil War“ spielte, ist die ideale Identifikationsfigur für Jugendliche, die erstmals in Marvel Cinematic Universe eintauchen und (nach Ansicht der Produzenten) dort hoffentlich lange verweilen. Zwei weitere Filme sind geplant.

     

    (27.06.2017)

     

    + „Paradies“ von Andrei Konchalovsky – Russland/ D 2016 – 131 Min.

    In Frankreich während des Zweiten Weltkriegs kreuzen sich die Wege von Olga, Jules und Helmut. Olga, eine aristokratische Immigrantin, arbeitet als Redakteurin für eine Modezeitschrift, gehört aber auch zur Résistance. Sie fliegt auf, als bei einer Razzia der Deutschen in ihrer Wohnung zwei jüdische Kinder entdeckt werden. Im Gefängnis trifft sie auf den Franzosen Jules, der mit den Nazis kollaboriert und ihr ein milderes Strafmaß im Austausch für sexuelle Gefälligkeiten anbietet. Doch eines Tages verschwindet Jules wegen Korruption und Olga landet in einem Konzentrationslager. Hier trifft sie ausgerechnet auf den SS-Offizier Helmut, der sich vor Beginn des Krieges in sie verliebt hatte…

    Eine schwer zu beschreibende, intensive Handlung mit einer emotionalen Dichte, wie sie das filmische Oeuvre von Konchalowsky geprägt hat. Ein kraftvoller Film über den Raum zwischen der unstillbaren Sehnsucht nach Erlösung und den grausamen Realitäten des 20. Jahrhunderts, eine zeitlose Parabel aufs Menschsein im Holocaust. Er wurde mit mehreren Preisen und Auszeichnungen bedacht; leider nicht für die überragende Darstellerin Julia Vysotskaya (Olga), die dem Film im wahrsten Sinne des Wortes ihr ‚Gesicht’ verleiht.

     

    (20.07.2016)

     

    + „Die Geschichte der Liebe“ von Radu Mihaileanu – F/Can 2016 – 135 Min.

    Bevor der Zweite Weltkrieg in Europa ausbricht, verliebt sich der junge polnische Jude Léo in seine Nachbarin Alma und widmet ihr sogar ein Buch, das er „Die Geschichte der Liebe“ nennt. Doch in den Wirren des Krieges werden die Liebenden voneinander getrennt. Von Polen aus geht das Manuskript auf eine lange Reise, bis es im New York von heute einem jungen Mädchen in die Hände fällt. Auch sie trägt den Namen Alma. Mit Léo scheint sie auf den ersten Blick nichts zu verbinden, doch „Die Geschichte der Liebe“ führt ihre Schicksale zusammen. Nach einem Roman von Nicole Krauss. Der Regisseur hat sich bereits mit Filmen wie „Zug des Lebens“ „Geh und lebe“ und „Das Konzert“ als hervorragender Experte in der Umsetzung komplizierter, facettenreicher Lebens- und Liebesgeschichten erwiesen.

     

     

    (13.07.2016)

     

    -- „Paris kann warten“ von Eleanor Coppola – USA 2017 – 92 Min.

    Die Ehefrau eines gestressten Hollywood-Produzenten und dessen französischer Geschäftspartner fahren mit dem Auto gemeinsam von Cannes nach Paris. Der Bonvivant hat es alles andere als eilig und lässt keine Gelegenheit aus, der attraktiven Amerikanerin die Vorzüge Südfrankreichs nahe zu bringen und sie mit feinsten kulinarischen Köstlichkeiten zu beeindrucken. Und folgerichtig lässt auch dieser Filme keine Gelegenheit aus, von einem Klischee ins andere zu verfallen. Das französische Kino hätte aus diesem Stoff ein charmantes Roadmovie gemachr; hier ist daraus nur eine die Fotokopie eines oberflächlichen amerikanischen Reiseführers geworden.

     

     

    (06.07.2017)

     

    + „Ein Chanson für dich“ von Bavo Defurne – B/LUX/F 2016 – 90 Min.

    Ein tolle, altersgerechte Rolle für die Leinwand-Ikone Isabelle Huppert. Sie spielt eine ehemals erfolgreiche französische Sängerin, die in einer Lebensmittel-Fabrik am Fließband arbeitet. Ihr Alltag ist öde und lethargisch; nach der Arbeit die Ratesendungen im TV und die obligatorische Flasche Wein. Ihr Leben ändert sich, als ein junger Hobby-Boxer für einige Zeit ihr Kollege wird. Er erkennt sie, da sein Vater früher ein glühender Verehrer der Künstlerin ‚Liliane’ war. Mit einer verwegenen Charme-Offensive gelingt es ihm, sie zu einem einmaligen Auftritt im Rahmen eines Club-Festes zu überreden. Doch die Medien sind informiert und weitere Auftritte folgen; ihr Kollege wird ihr Manager und Liebhaber. Doch das Comeback erweist sich als gewagtes, risikoreiches Unternehmen.

    Ein Film, der sich Zeit nimmt, die unterschiedlichen Charaktere seiner Protagonisten glaubwürdig aufeinander abzustimmen und das Ambiente sorgfältig ins Bild zu setzen. Dank der schauspielerischen Souveränität ist der Film eine lockere, entspannte Komödie, obwohl sich die Story hart am Rand einer Seifenoper bewegt.

     

    (06.07.2017)

     

    + „Ihre beste Stunde“ von Lone Scherfig – GB 2017 – 117 Min.

    London 1940. Die couragierte Werbetexterin Catrin Cole heuert beim Informationsministerium an. Hier soll ein Film gedreht werden, der der Nation in Kriegszeiten wieder Mut und Hoffnung gibt. Ihre Aufgabe ist es, dem Skript eine ‚weiblichere’ Note zu verleihen. Catrin landet in einem wild zusammengewürfeltem Team, das unter schwierigen Bedingungen arbeiten muss. Draußen fallen die Bomben und innerhalb der Produktion kommt es zu Reibereien und Kompetenzstreitigkeiten. Die Außenseiterin entwickelt sich zu einer zentralen Figur; sie erkennt, dass sich hinter der Kamera mindestens genauso viel an Komödie, Drama und Leidenschaft abspielt wie davor.

    Ein Film, der das Zeitgeschehen mit einer Liebesgeschichte verknüpft – mit der typisch britischen Art, gekonnt Drama, Komödie und Romantik mit feinem Humor und einem Sinn für hintergründige Dramatik in Szene zu setzen.

     

    (29.06.2017)

     

    + „Die Verführten“ von Sofia Coppola – USA 2017 – 94 Min.

    Sofia Coppolas Adaption des Romans „The Beguiled“ von Thomas Cullinan spielt 1864 im amerikanischen Bürgerkrieg. Ort des Geschehens ist eine Mädchenschule, die während des tosenden Krieges eine sichere Zuflucht vor den Schrecken der Außenwelt bietet. Als in unmittelbarer Nähe ein verletzter Soldat entdeckt und zur Pflege in die Schule gebracht wird, gerät das geregelte Leben der Mädchen und Frauen durch seine Anwesenheit aus den Fugen. Schon nach kurzer Zeit erliegen die dem Charme des Soldaten. Eifersucht und Intrigen vergiften zunehmend das Zusammenleben. Es beginnt ein erotisch aufgeladenes Spiel mit unerwarteten Wendungen, das Opfer auf beiden Seiten fordert. War bei der aus maskuliner Perspektive heraus gedrehte Film „Betrogen“ (USA 1970, Regie: Don Siegel) der „Held“ noch der ambivalente Held (Clint Eastwood), so dominieren bei Coppolas gruppendynamischen Prozess eindeutig die Frauen. Das macht einen direkten Vergleich beider Filme zu einem reizvollen Unternehmen, denn die Machtspielchen zwischen Männern und Frauen sind zeitlos.

     

     

    (22.06.2017)

     

    -- „Transformers: The Last Knight“ von Michael Bay – USA 2016 – 151 Min.

    Eine endlos lange quälende Materialschlacht, die nun schon in die fünfte Runde geht. Inmitten der sich verselbständigten Monstermaschinen ein paar werbeträchtige Darsteller, denen aber nicht viel abverlangt wird. Schade um die Zeit. Sich im Internet ein Trailer anzusehen reicht völlig aus. Mehr ist nicht drin und hat der Film auch nicht zu bieten.

     

    (08.06.2017)

     

    + „Born To Be Blue“ von Robert Budreau – Canada/GB 2015 – 97 Min.

    Ein biographisch verankerter Film über die Jazz-Legende Chet Baker – über Aufstieg und Fall. Anders als etwa wie in dem Charlie ‚Bird’ Parker-Film von Clint Eastwood (USA 1988) werden hier weniger die Jazz- und Club-Szene und die zeitgeschichtlichen Hintergründe mit einbezogen. Die Bebilderung des „King of Cool“ konzentriert sich auf die Beziehung zwischen dem Protagonisten und seiner Frau sowie auf wenige Personen aus dem Umfeld. Ethan Hawke liefert ein intensives und überzeugendes Porträt des Charakters. Geschickt montierte Rückblenden, die einen Eindruck von einzelnen Stationen seines Lebens vermitteln, und eine gehörige Portion Jazz garantieren einen aufschlussreichen und unterhaltsamen Film, den man aber nicht unbedingt im Kino sehen muss.

     

    (01.06.2017)

     

    + „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Matti Geschonneck – D 2017 – 101 Min.

    Vorlage des Films ist der gleichnamige, mit dem Deutschen Buchpreis 2011 ausgezeichnete Roman von Eugen Ruge; das Drehbuch schrieb Wolfgang Kohlhaase. Es geht um das Schicksal einer Familie in vier Generationen, die in den letzten Tagen der DDR zusammenkommt, um den 90. Geburtstag eines hochdekorierten SED-Funktionärs (Bruno Ganz) zu feiern. Das Treffen führt zum Zerfall der Familie.

    Vergleichbar ist der Film mit dem Psychodrama „Das Fest“ von Thomas Winterberg (Dänemark 1998), der den Zusammenbruch einer Familien-Idylle nach den DOGMA 95-Regeln zeigt. In dem Film von Geschonneck zerfällt nicht nur eine Familie, sondern auch ein System und ein ganzer Staat. Neben den überzeugenden darstellerischen Leistungen des gesamten Ensembles ist es auch die minutiöse und detaillierte Rekonstruktion des DDR-Alltags, die den Gehalt des Films ausmachen.

     

    (25.05.2016)

     

    o „Churchill“ von Jonathan Teplitzky – GB 2016 – 94 Min.

    Ein Ausschnitt aus dem Leben eines großen Staatsmannes. Der Film konzentriert sich auf die Zeitspanne, in der die alliierten Streitkräfte sich auf die D-Day-Operation vorbereiteten. Aufgearbeitet werden die unterschiedlichen, teilweise kontroversen Positionen der politischen und militärischen Führungskräfte. Ein Nebenschauplatz ist das Privatleben des Protagonisten; in erster Linie die Beziehung zu seiner Ehefrau Clementine, die als wichtige Ratgeberin fungierte.

    Eigentlich ein Film, den die Welt nicht braucht. Die Beschränkung auf wenige Personen und Schauplätze kann auch auf dem Bildschirm bestehen. Da die Vorgänge um die Invasion hinreichend aufgearbeitet und dokumentiert sind, ist es mehr ein bebilderter Geschichtsunterricht als ein emotional ansprechendes Kinoporträt.

    Eine andere Zeit, eine andere Gelegenheit: Mit „Young Winston“ gelang Richard Attenborough 1972 eine spannende Verfilmung der Autobiographie Churchills. Aber hier geht es in erster Linie um dessen Jugendabenteuer. Vielleicht an der Zeit, diesen Film mal wieder zu sehen.

     

    o „Berlin-Syndrom“ von Cate Shortland – Australien 2017 – 116 Min.

    Der Begriff „Stockholm-Syndrom“ ist auf eine Geiselnahme im August 1973 in Schweden zurückzuführen. Hier kam es zu einer außergewöhnlichen emotionalen Beziehung zwischen den Geiselnehmern und ihren Opfern. Den Filmtitel „Berlin-Syndrom“ kann man als eine Anspielung auf dieses Ereignis deuten. Hier gerät eine junge, australische Backpackerin, die Berlin erkundet, in die Gewalt eines zunächst harmlos und sympathisch auftretenden Englischlehrers, der sie in einem verlassenen Haus gefangen hält. Die Handlung orientiert sich mehr an den Gesetzen eines Genre-Drehbuchs als an einer möglichen Realität. Dafür aber wird die Geschichte von zwei intensiv präsenten Hauptdarstellern und einer berauschenden Kameraführung erzählt – die Außenwelt aus einer touristischen Perspektive heraus und das Innere mit den klaustrophobischen Stimmungen eines Thrillers.

     

    (18.05.2016)

     

    o „Alien: Covenant“ von Ridley Scott – USA/GB 2016 – 122 Min.

    Die Crew des Kolonisationsraumschiffs Covenant ist unterwegs zu einem abgelegenen Planeten am Rand der Galaxie. Durch einen unvorhergesehenen Zwischenfall ändern sie ihr Vorhaben und landen auf einem Planeten, der auf den ersten Blick einem unerforschten Paradies gleicht. Doch dann werden sie mit einer Gefahr konfrontiert. Blitzschnelle und hochintelligente Aliens überfallen die Crew und töten ein Mitglied nach dem anderen…

    Futuristic-Horror ist aktuell angesagt, auch wenn die visuellen Reize kaum noch Überraschungen bieten. Dieser Film bietet daher nichts Neues fern der Sonne. Lediglich Michael Fassbender als Doppel-Androit ist ein interessanter Charakter. Es deutet sich an, dass mit ihm weitere Zukunftsreisen zu erwarten sind.

     

    ++ „You’ll Never Walk Alone“ von André Schäfer – D 2017 – 99 Min.

    Der exzellent aufbereitete Film geht den Spuren der weltbekannten Fußballhymne nach. Auch für den harten Kern der Fans bietet er Neuigkeiten: Es ist eine lange und spannende Geschichte, deren Wurzeln auf das Jahr 1909 zurückgehen. Der Weg führt von Ferenc Molnár und „Liliom“ über „Carousel“ von Rodgers und Hammerstein bis hinein in die Stadien von Liverpool und Dortmund. Entstanden ist ein überaus unterhaltsamer und aufschlussreicher Film nicht nur über den Song, sondern ein auch ein kulturgeschichtliches Porträt des 20. Jahrhunderts. Der BVB-Fan und Dauerkartenbesitzer Joachim Król hat die Rolle des Reiseleiters und Interviewpartners übernommen. Das überzeugt: er tritt nicht als VIP auf, sondern er ist einer von denen, die sich mitten unter die Stehplatz-Fans einreihen und möchte nicht mehr sein als einer von ihnen – weder Schauspieler noch Star. Weitere interessante Personen sind u.a. Jürgen Klopp, Campiono und Mavie Hörbiger.

    Wer diesen Film im Kino sieht, der sollte seinen BVB-Schal nicht vergessen.

     

     

    + „Nocturama“ von Bertrand Bonello – F 2016 – 130 Min.

    Eine Handvoll Jugendlicher aus unterschiedlichen sozialen Schichten hält Paris in Atem. An verschiedenen Schauplätzen legen sie Bomben, die zeitgleich explodieren. Anschließend ziehen sich die Attentäter in ein Kaufhaus zurück und sehen der finalen Konfrontation mit der Staatsgewalt entgegen. Ihre Motive werden nicht hinterfragt oder moralisch bewertet; es geht dem Regisseur um die Aktion als solche. Die Protagonisten sind austauschbar. Minutiös und präzise werden dabei die Abläufe ins Bild gesetzt, ohne sie zu kommentieren. Auf der einen Seite gibt es den genreüblichen Spannungsbogen, auf der anderen den Verlauf eines gruppendynamischen Prozesses. Der klassische französische Kriminalfilm hat hier eine neue Qualitätsstufe erreicht.

     

    (04.05.2016)

     

    ++ Einsamkeit und Sex und Mitleid“ von Lars Montag – D 2017 -119 Min.

    Ein Ensemble-Film im Stil einer Robert Altman-Komödie. Hervorragend besetzt, perfekt getimt und rasant montiert. Schauplatz der doppelbödigen, ironischen Story ist eine deutsche Großstadt. Zu den Protagonisten zählen u.a. ein frustrierter Ex-Lehrer, ein selbstgefälliger Supermarktleiter und eine extravagante Künstlerin; insgesamt ein wildes Kaleidoskop von Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen unterschiedlichen Großstadtmenschen, die hier lustvoll und spielfreudig wie in einem Spinnennetz zappeln. Vorlage ist der gleichnamige Roman von Helmut Krausser, der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat. Ein Film für die große Leinwand; das Kino-Langfilmdebüt von Lars Montag, der sich bislang durch starke Fernseh-Krimis ausgezeichnet hat.

     

    (13.04.2017)

     

    + „Abgang mit Stil“ von Zach Braff – USA 2016 – 96 Min.

    Morgan Freeman, Michael Caine und Alan Arkin spielen drei lebenslang befreundete ehemalige Stahlarbeiter, die durch den Konkurs ihrer Firma vor dem finanziellen Ruin stehen. Sie setzen alles auf eine Karte und planen ein halsbrecherischen Coup um die Bank abzuzocken, die sich ihr Altenteil unter den Nagel gerissen hat.

    Die Handlung ist voraussehbar und demnach nicht sonderlich spannend. Aber wer die drei

    Protagonisten liebt und sie in Hochform erleben möchte, der ist hier gut bedient. Außerdem gibt es noch ein erfreuliches Wiedersehen mit Ann-Margret, Joey King, Matt Dillon und Christopher Lloyd.

    Bei dem Film handelt sich um ein Remake der gleichnamigen Komödie aus dem Jahre 1979.

    („Die Rentnergang“; R: Martin Brest). Ein Vergleich der aktuellen Kinoversion mit dem Vorläufer (auf DVD) als authentische Belege der Film- und Zeitgeschichte ist äußerst reizvoll.

     

    (06.04.2017)

     

    -- „Free Fire“ von Ben Wheatley – GB 2016 – 90 Min.

    In einer verlassenen Lagerhalle in der Nähe von Boston treffen Waffenhändler, Dealer und andere zwielichtige Gestalten aufeinander. Eine große Ladung Waffen soll den Besitzer wechseln. Eigentlich ein simpler Deal. Doch dann geraten die Parteien in einen Streit, bei dem die verhandelten Knarren einem blutigen Härtetest unterzogen werden. Die Halle verwandelt sich in eine Kampfarena und ein gnadenloser Shootout (insgesamt 6000 Schuss Munition) um Leben und Tod beginnt – und der erstreckt sich über ca. 80 Minuten der Laufzeit des Films.

     

    o „Es war einmal in Deutschland ...“ von Sam Garbarski – D/B/L 2016 – 102 Min.

    Frankfurt am Main 1946. David Bermann und seine jüdischen Freunde sind dem Naziregime knapp entkommen und träumen von einer Ausreise nach Amerika. Um an das nötige Geld zu kommen, ziehen sie von Haus zu Haus und preisen mit viel Geschick und Chuzpe den Hausfrauen Wäschepakete an. Parallel dazu muss sich Bermann vor den amerikanischen Besatzern für seine Vergangenheit verantworten, in der es einige Unklarheiten gibt. War er ein Kollaborateur oder nicht? Und stimmen seine Geschichten, die er mit Charme und Witz der attraktiven US Special Agentin vorträgt?

    Es ist in diesem Film um den berühmten jiddischen Witz, der bei den Lebenskünstlern und Überlebenskünstlern eine zentrale Rolle spielt. Leider ist die Inszenierung an dieser Vorlage gescheitert. Er gleicht mehr den Geschichts-Doku-Dramen, wie man sie aus diversen Fernsehfilmen kennt. Kein Vergleich mit dem hervorragenden, atmosphärisch-stimmungsvollen und pointensicheren Film „Alles auf Zucker!“ von Dani Levy (D 2004)

     

    (30.03.2017)

     

    + „United Kingdom“ von Amma Asante – UK/Tschechien 2016 – 111 Min.

    Die außergewöhnlichsten Geschichten stammen nicht immer aus dem Drehbuch – viele davon haben einen realen Hintergrund. So auch dieser Film, der auf wahren Begebenheiten beruht. Im Jahr 1947 verliebte sich Sereste Khama, König von Bechuanaland (dem heutigen Botswana), in die Londoner Büroangesellte Ruth Williams. Ihre Heirat wurde nicht nur von ihren beiden Familien, sondern auch von den Regierungen Großbritanniens und Südafrika abgelehnt. Doch Sereste und Ruth trotzten ihren Familien, der Apartheid und dem Britischen Empire – ihre Liebe war stärker als jedes Hindernis, das sich ihnen in den Weg stellte. Sie veränderten die Geschichte einer Nation.

    Ein unaufgeregter, sorgfältig inszenierter Film, der ein interessantes Kapitel Zeitgeschichte auffächert und den arroganten Herrschaftsanspruch der Briten kritisch hinterfragt. Der Regie von Amma Asante gelingt eine perfekte Balance zwischen Politik und Emotionen, zwischen historischen Fakten und einer großen, mitreißenden Lovestory.

     

     

    (23.03.2017)

     

    + „Life“ von Daniel Espinosa – USA 2017 – 103 Min.

    Eine international zusammengesetzte, sechsköpfige Gruppe Wissenschaftler forscht auf einer Raumstation nach Spuren außerirdischen Lebens auf dem Mars. Sie haben eine Kapsel abgefangen, die von einer langjährigen Marsexpedition zurückkehrt und stoßen auf eine Sensation: In ihr befindet sich ein fremder Organismus, ein Tentakel-Alien, das rasend schnell heranwächst und sich schon bald gegen die Crewmitglieder wendet. Diese müssen nun ihr eigenes Überleben sichern, denn die hochintelligente Kreatur hat vor Millionen von Jahren bereits den gesamten Mars ausgelöscht und bedroht nun die Erde.

    Ein klaustrophobischer SF-Thriller mit Horror-Sequenzen. Die Story ist nicht umwerfend neu, aber aufregend visualisiert mit Bildern, die eine große Leinwand fordern, um sich zu entfalten. Ein Film, der sich nur im Kino erleben lässt.

     

     

    + „Storm und der verbotene Brief“ von Dennis Bots – NL 2017 – 105 Min.

    Ein historischer Kinderkrimi – rechtzeitig auf der Leinwand zum Lutherjahr. Die Handlung spielt im Antwerpen des 16. Jahrhunderts; in einer Zeit, in der die Katholische Kirche mit brutalen Mitteln und brachialen Methoden gegen die Verbreitung der Schriften des Reformators Martin Luther vorgeht. Im Mittelpunkt steht der 12-jährige Junge Storm, dessen Vater in seiner Druckerei einen Brief Luthers drucken und verbreiten will. Doch die Obrigkeit erfährt davon; der Vater kommt ins Gefängnis, wo ihm der Scheiterhaufen droht. Sein Sohn kann mit der Druckplatte fliehen und will seinen Vater retten. In dem in den Katakomben lebenden Waisenmädchen Marieke findet er eine Verbündete. Was als abenteuerliche Flucht beginnt, wird zu einem riskanten Kampf um die Freiheit. „Storm“ ist ein spannender, aufwändig inszenierter Bilderbogen; eine Zeitreise in die europäische Vergangenheit. „500 Jahre Reformation“ ist ein willkommener Anlass, diesen Film auch als Familienfilm zu betrachten – im wahrsten Sinne des Wortes.

     

     

    + „Der Himmel wird warten“ von Marie-Castille Mention-Schaar – F 2016 – 105 Min,

    Ein Film zur aktuellen Diskussion. Es geht um junge Mädchen, die in wohlbehütetem Familienumfeld aufwachsen und sich dem Dschihad anschließen. Die 17-jährige Sonia ist bereit für einen Anschlag; ihre Eltern ahnen nichts und werden davon überrascht, als ihr Haus von der Polizei gestürmt wird und ihre Tochter unter Arrest gestellt wird. Aber sie wird nicht verhaftet, sondern bleibt bei der Familie, die sie kontrollieren muss. Die gleichaltrige Melanie lebt bei ihrer Mutter Sylvie. Die beiden verbringen viel Zeit miteinander. Sylvie ist stolz auf das enge Verhältnis, das sie zu ihrer Tochter hat. Aber sie ahnt nicht, dass Melanie im Internet eine Beziehung zu einem jungen Mann eingeht, der sie umschmeichelt, letztendlich aber als Kriegerin aktivieren und sie nach Syrien schicken will.

    Der Film erzählt eindringlich und emotional ergreifend von den Gräben, die zwischen den Generationen liegen und von den Chancen, in das Schicksal der Mädchen einzugreifen. Eindrucksvoll und authentisch überzeugend zeichnet die Regisseurin das Porträt junger Mädchen, sie sich zur Selbstzerstörung entschieden haben.

     

     

    (16.03.2017)

     

    + „Mit Siebzehn“ von André Téchiné – F 2016 – 116 Min.

    Damien und Thomas gehen in eine Klasse. Sie mögen sich nicht, streiten und raufen. Marianne, die Mutter von Damien, ist Landärztin. Sie wird zu einer Frau gerufen, die auf einem abgelegenen Berghof in den Pyrenäen lebt. Thomas ist ihr Adoptivsohn. Marianne kümmert sich um die Frau (sie ist schwanger) und auch um Thomas, den sie in ihre Familie aufnimmt. Die Konflikte zwischen Damien und Thomas eskalieren. Und es dauert eine Weile, bis die beiden Jungen herausfinden, was sie trennt und was sie verbindet.

    Lange waren keine Filme von Téchiné in unseren Kinos mehr zu sehen – auch nicht seine Klassiker aus den 1970er-Jahren. Doch hier legt der mittlerweile 73 Jahre alt gewordene Regisseur einen frischen Jugendfilm vor, der Authentizität und Charme besitzt. Zur emotionalen Wirkung tragen in erster Linie die schauspielerischen Leistungen der beiden Hauptdarsteller Kacey Mottet Klein und Corotin Fila sowie die von Sandrine Kiberlain als Marianne bei. Eine Coming-of-age- Geschichte der besonderen Art.

     

    + „Die Schöne und das Biest“ von Bill Condon – USA 2017 – 130 Min.

    Neuauflage des Disney-Klassikers als eine Mischung aus Real- und Animationsfilm mit viel Musik und Gesang. Trotz variierter Handlung und Schauplätze bleibt der Charme der Geschichte erhalten, wobei es die animierten Figuren wie beispielsweise der Kerzenleuchter, die Kaminuhr, die Teekanne, der Staubwedel oder das Cembalo weitaus spielfreudiger inszeniert werden als die realen Charaktere, die ihre Rollenklischees nicht verlassen können (dürfen?). Über alle Unebenheiten hinweg besticht die Präsenz der glänzend aufgelegten Emma Watson, mit der man begeistert mitfiebert. Unterhaltungskino pur für Jung und Alt. Dort, wie Disney draufsteht, ist auch Disney drin.

     

    (09.03.2017)

     

    + „Wilde Maus“ von Josef Hader – Österreich 2016 – 103 Min.

    Josef Hader spielt den Musikkritiker Georg, der von dem selbstgefälligen Chefradakteur einer Wiener Zeitung gekündigt wird. Seiner jüngeren Frau, deren Gedanken nur um das Kinderkriegen kreisen, verheimlicht er den Rausschmiss und sinnt auf Rache. Dabei steht ihm sein ehemaliger Mitschüler Erich zur Seite, dem Georg in seiner neu gewonnenen Freizeit hilft, eine marode Achterbahn („Wilde Maus“) im Wiener Prater wieder in Gang zu setzen. Georgs nächtliche Rachefeldzüge gegen seinen ehemaligen Chef beginnen als kleine Sachbeschädigungen und steigern sich zu immer größer werdendem Terror. Schnell gerät sein bürgerliches Leben völlig aus dem Ruder. Josef Hader (Buch, Regie und Hauptrolle) in einer Rolle als sympathischer Verlierertyp – nicht ganz so abgründig und bitterböse wie der Simon Brenner aus den Haas-Verfilmungen. Eine amüsante gesellschaftskritische Tragikomödie mit dem Hader eigenen Witz und Humor.

     

     

    + „Kong: Skull Island“ von Jordan Vogt-Roberts – USA 2017 – 118 Min.

    Der Mythos um den Riesenaffen Kong hält an. Im Auftrag der Regierung erhält in den 1970er-Jahren ein Team aus Soldaten, Wissenschaftlern und Abenteurern den Auftrag, eine unerforschte Pazifikinsel zu erforschen. Ohne es zu ahnen, dringen sie in das Revier des gewalttätigen Kong ein. Von einem Amerikaner, der bereits vor längerer Zeit auf der Insel strandete, erfahren sie, dass dort neben dem Affen Kong noch viele weitere Monster leben. Weitab von der Zivilisation kommt es dort zur ultimativen Konfrontation zwischen Mensch und Natur.

    Mit jeder neuen Filmtechnik kann „Kong“ als Fantasy-Abenteuer immer wieder neu erzählt und inszeniert werden. Die Geschichten variieren, das Ensemble neben dem „Star“ ist austauschbar. Dieser Film setzt wie seine Vorgänger ebenfalls auf die visuellen Schauwerte, die hier zu Höchstleitungen auflaufen und Kinounterhaltung pur servieren. Eine Wirkung, die sich nur in gut ausgestatteten Kinos entfaltet. Wer das mag, kommt auf seine Kosten.

     

     

    (02.03.2017)

     

    + „Silence“ von Martin Scorsese – USA 2016 – 161 Min.

    Ein historisches Bilderbuch. Die Handlung beginnt 1638. Pater Sebastiao und Pater Francisco brechen von Portugal in das für die westliche Welt völlig abgeschottete Japan auf. Sie gehen den Spuren ihres Lehrers nach, der in Japan verschollen ist und seinem Glauben abgeschworen hat. Inn Japan treffen sie auf eine Gesellschaft, in der die Christen verfolgt und mit Foltermethoden dazu gezwungen werden, ihren Glauben zu verleugnen. Sebastiao und Francisco erleben ein von Gewalt und Terror zerrissenes Land, in dem sie sich ihrer persönlichen Glaubensfrage stellen müssen. Scorsese schreckt wie immer nicht vor brutalen Bildern nicht zurück. Die Frage aber ist, welche Bedeutung solch ein Rückblick auf vergangene Geschehnisse heute bewirken kann. Identifikationsfiguren sind die Protagonisten nicht und Parallelen zu aktuellen Situationen bieten sich nicht an. Was bleibt ist Kino für die große Leinwand.

     

    o „Der junge Karl Marx“ von Raoul Peck – D/D/B 2016 – 118 Min.

    Ein Film über die bewegte Jugendzeit zweier Männer, die man als historische Figuren kennt. Die Handlung beginnt in Paris im Jahre 1844, am Vorabend der industriellen Revolution, und endet mit dem Kommunistischen Manifest. Die Zeit danach und die Folgen werden nicht thematisiert. Hier steht die Freundschaft zwischen Marx und Engels im Mittelpunkt, ergänzt um den Einfluss von Jenny Marx auf das Denken und Handeln der beiden Geistesgrößen. Ein Porträt der Zeit und der Menschen wie in TV-Geschichtsserien. Von dem revolutionärem Atem ist nichts zu spüren. Der Film, bleibt auf Distanz, verheddert sich in wechselnden Schauplätzen und dem Arrangement von Protagonisten, die schemenhaft skizziert werden.

     

     

    - „Tour de France“ von Rachid Djaidani – F 2016 – 95 Min.

    Ein Rap-Star, der sich wegen eines Streits mit einer rivalisierenden Gang aus Paris absetzen muss, verdingt sich als Chauffeur bei einem schlechtgelaunten Hobbykünstler. Es geht darum, den Spuren eines Landschaftsmalers zu folgen, um von dessen Hafen-Gemälden eigene Versionen anzufertigen. Die beiden unterschiedlichen Charaktere nähern sich einander an – wie auch nicht anders zu erwarten. Aber diese Partnerschaft ist ohne Charme und Witz arrangiert und überzeugt nicht. Müde Scherze und verbrauchte Klischees über aufgeschlossene Muslim und reaktionäre Franzosen. Ein mehr als übergewichtiger Depardieu schleppt sich durch die Handlung. „Tour de Qual“ wäre der passende Titel.

     

    (23.02.2016)

     

    ++ „Lion“ von Garth Davis – USA/Aus/GB 2016 – 120 Min.

    Unglaublich, aber wahr! Eine authentische Lebensgeschichte wie aus einem perfekten Drehbuch. Der fünfjährige Saroo aus einer indischen Kleinstadt ist mit seinem Bruder unterwegs. In einer Bahnstation suchen sie in den leeren Wagons nach Münzen und Essensresten. Die beiden werden getrennt und Saroo wacht nach einer traumatischen Zugfahrt am anderen Ende des Kontinents in Kalkutta auf. Auf sich allein gestellt und ohne sich verständigen zu können irrt er wochenlang durch die gefährlichen Straßen der Stadt, bis er in einem Waisenhaus landet. Von dort aus wird er von einem australischen Ehepaar adoptiert. Seine Kindheit und Jugend verbringt er in der sicheren Obhut der Familie.

    Zwanzig Jahre später macht er sich energisch auf die Suche nach seiner Herkunft. Nacht für Nacht fährt er mit Google Earth auf seinem Laptop das Zugnetz Indien ab und sucht nach Hinweisen auf seinen früheren Wohnort und seine leibliche Familie. Er hat die Hoffnung schon fast aufgegeben, als das Unglaubliche passiert und er im Internet auf ein Dorf stößt, das seiner Erinnerung entspricht.

    Eine emotional tief bewegende Handlung über die Suche nach den eigenen Wurzeln, getragen von einem hervorragenden Darsteller-Ensemble und umrahmt von den wirkungsvollen Bildern des renommierten australischen Kameramannes Greig Fraser. Mitunter hat der Film mit einer Laufzeit von zwei Stunden einige Längen, aber eine so außergewöhnliche Geschichte lässt sich nicht im Zeitraffer erzählen.

     

     

    + „Neruda“ von Pablo Larrain – Chile u.a. 2016 – 108 Min.

    Ein Ausschnitt aus dem Leben des berühmten chilenischen Dichters Pablo Neruda. Der Film konzentriert sich auf die Phase Ende der 1940er Jahre, in der sich Neruda als Senator und Kommunist mit der Regierung von Präsident Videla anlegte und er des Amtes enthoben wurde. Fortan befand er sich auf der Flucht. Besonders hartnäckig verfolgte ihn ein Polizist, der verhindern wollte, dass Neruda unbemerkt das Land verlassen wollte.

    Die Handlung des Films fokussiert das Duell zwischen dem Flüchtenden und seinem Verfolger. Das wird auf eine literarische Ebene gehoben, die der bilderreichen Lyrik des späteren Nobelpreisträgers entspricht; erzählt mit einer unkonventionellen, außergewöhnlichen und eigenwilligen Bildsprache. Auch wenn man weder den Dichter noch seine Werke kennt, lässt sich der Film wie ein spannendes Road-Movie genießen.

     

    o „Hitlers Hollywood“ von Rüdiger Suchsland – D 2017 – 105 Min.

    „Hitlers Hollywood – Das deutsche Kino im Zeitalter der Propaganda 1933 – 1945“ – so der vollständige Titel dieses Kompilationsfilm über den NS-Film. Der Autor hat sich (zu) viel vorgenommen; über etliche der angeschnittenen Themen wie z.B. die Propagandafilme, die Revue- und Unterhaltungsfilme, die Dokumentarfilme von Riefenstahl, die Rolle der willigen und unwilligen Stars etc. hätte man eigene Filme machen können. Hier rauscht es schnell vorbei und dazu aus dem Off noch zugetextet.

    Also nicht unbedingt ein Film fürs Kino, sondern eher für eine DVD, mir der man beliebig verfahren kann. Immerhin macht „Hitlers Hollywood“ Lust auf einige Filme, die man wieder man in Ruhe sehen möchte. „Große Freiheit Nr. 7“ beispielsweise gehört dazu.

     

    (16.02.2017)

     

    + „Fences“ von Denzel Washington – USA 2016 – 138 Min.

    Ein Familiendrama. Die Handlung spielt in den 1950er Jahren in Pittsburgh, Pennsylvania.

    Im Mittelpunkt steht der Afroamerikaner Troy Maxson, der einen schlechtbezahlten Job bei der Städtischen Müllabfuhr hat. Er ist launisch und mit seinem Leben nicht zufrieden, auch wenn er das nicht wahrhaben will. Oft flüchtet er sich in Vergangenheits-Lügen, um sein überschaubares Dasein zu rechtfertigen. Zu seiner Familie zählen seine Ehefrau Rose, ihr gemeinsamer Sohn Cory und Lyons, ein Sohn aus Troys erster Ehe. Troys Bruder Gabriel leidet unter einer Kriegsverletzung am Kopf und ist psychisch schwer angeschlagen. Troy kümmert sich um ihn; nicht zuletzt deswegen, weil Gabriel als Kriegsveteran eine Entschädigung bekommt, von der sich Troy ein kleines Häuschen leisten kann. So gut wie zur Familie zählt noch Jim Bono, Troys alter Kumpel, den er bereits seit seiner Jugendzeit kennt und mit dem er einige gemeinsame Jahre im Knast verbracht hat.

    Cory ist ein talentierter Baseballspieler und träumt von einer Profi-Karriere. Troy ist strikt dagegen und die beiden geraten öfters aneinander. Lyons möchte gerne in einer Jazzband spielen, doch entsprechende Engagements bleiben aus. Und Rose ist diejenige, die alles zusammenhält und sich für ihre Familie aufopfert.

    Das Familien- und Nachbarschaftsgefüge gerät durcheinander, als Troy ein Verhältnis mit einer anderen Frau eingeht und aus dieser Beziehung ein Baby unterwegs ist. Da die Mutter bei der Geburt stirbt, muss Rose sich auch noch um das kleine Mädchen kümmern.

    Vorlage des Films ist das erfolgreiche, gleichnamige Theaterstück von August Wilson. Die Rolle von Troy spielte Denzel Washington bereits am Broadway; hier hat er die Regie und Hauptrolle übernommen. Dem Film merkt man deutlich seine Bühnen-Herkunft an; eigene filmische Akzente – wie etwa die Ausdehnung der Handlung auf andere Spielräume – wurden nicht gesetzt. Eine emotionale Beziehung zwischen Schauspielern und Publikum im Theater ist das eine – sie mittels Nahaufnahmen im Kino zu suchen, das andere. Trotz faszinierender Leistungen aller Beteiligten bleibt der Zuschauer nur Zuschauer und nicht Teilnehmer an dem dramatischen Geschehen.

     

    ++ „Elle“ von Paul Verhoeven – F/D/B 2016 – 130 Min.

    Isabelle Huppert spielt die coole und resolute Chefin einer erfolgreichen Firma für Videospiele. Ihre Kindheit und Jugend standen unter keinem guten Stern, trotzdem hat sie es geschafft, sich zu behaupten und Karriere zu machen. Sie kann einstecken, aber auch knallhart austeilen. Als sie eines Tages in ihrem Haus von einem Unbekannten angegriffen und vergewaltigt wird, ändert sie ihr Leben. Resolut spürt sie den Angreifer auf und verstrickt sich mit ihm in ein gefährliches Spiel ...

    Ein Verhoeven Film – wie immer einer über Grenzen und Abgründe. Wäre da nicht eine souveräne Hauptdarstellerin, so könnte der Film leicht ins Klischee-Fahrwasser abgleiten. Aber so ist es faszinierend, Isabelle Huppert dabei zu beobachten, wie sie ihrer Rolle eine absolute Glaubwürdigkeit verleiht. Dafür wurde sie für mehrere Preise nominiert.

     

    (09.02.2017)

     

    ++ „Sieben Minuten nach Mitternacht“ von Juan Antonio Bayona – USA/E 2016 – 108 Min.

    Es ist die Geschichte einer sterbenskranken Mutter und ihrem 13-jährigen Sohn Conor. In der Schule ist er ein Außenseiter, und in der Familie – es gibt noch eine Großmutter und einen Vater, der die Familie verlassen hat – hat er noch nicht seinen rechten Platz gefunden. In der Nacht wird er von Albträumen geplagt. Doch dann ändert sich sein Leben, seine Isolation. Punkt sieben Minuten nach Mitternacht hat sich der große, alte Baum vor seinem Fenster in ein riesiges Monster verwandelt uns spricht mit ihm. Das weise Monster beginnt, ihm Geschichten zu erzählen. Fortan kommt sein ungewöhnlicher Freund jede Nacht und hilft ihm, seine Situation zu bewältigen und sich neuen Erkenntnissen zu stellen.

    Emotional bewegendes Gefühlskino über einen Jungen, der zu alt ist, um ein Kind und zu jung, um erwachsen zu sein. Die Gratwanderung der Handlung zwischen Realität und Phantasie gelingt dank behutsamer Regie, hervorragenden Darstellern und atmosphärischen, traumhaften Bildern. Die Spezialeffekte werden hier behutsam im Dienst des Geschehens und nicht als demonstrative Selbstdarstellung eingesetzt.

    Ein Film für Erwachsene über die Tumulte der Kindheit; auch ein Film für Kinder ab ca. 12 Jahren.

     

     

    (26.01.2017)

     

    o „Split“ von M. Night Shyamalan – USA 2016 – 115 Min.

    Shyamalan: Der Name bürgt für Qualität, für thrill und suspense. In The Sixth Sense ging es um Hellseherei, in Unbreakable um übermenschliche Kräfte, und in The Visit um krankhafte Verwirrtheit. Hier hat er sich allerdings übernommen. Ein Mann entführt drei Mädchen und verschleppt sie in ein unterirdisches Kellersystem. Er entpuppt sich als ein gefährlicher Psychotiker mit multipler Persönlichkeitsstörung. 23 verschiedene Wesen lauern im Innern des Wahnsinnigen, bestimmen wechselseitig sein Verhalten und sorgen mit Psychoterror für blankes Entsetzen unter den geschockten Teenagern. Während die hilflosen Mädchen verzweifelt nach einer Möglichkeit zur Flucht suchen, ringt der Besessene mit seinen inneren Dämonen...

    DREIUNDZWANZIG! Das blicken weder er selbst, noch seine Opfer, noch die Zuschauer durch. Wesentlich weniger wäre weitaus mehr gewesen.

     

     

    ++ „Suburra“ von Stefano Sollima – It/F 2016 – 135 Min.

    Andere Länder – andere (Un-)Sitten! HOUSE OF CARD zeigt, wie Politik in den USA funktioniert. SUBURRA zeigt, wie Politik in Italien funktioniert. Hier geht es um ein millionenschweres Bauvorhaben, das den Einfluss der Mafia in Rom endgültig zementieren könnte. Doch die ehrenwerte Gesellschaft hat nicht als einzige Organisation ihre schmutzigen Hände im Spiel. Hinter dem Projekt steht eine mächtige Allianz aus korrupten Staatsvertretern, überzeugten Neo-Faschisten und Würdenträgern des Vatikans. Im Mittelpunkt ein ehrgeiziger, rücksichtsloser Politiker, der wegen eines Vorfalls – nach einer ausschweifenden Partynacht stirbt eine minderjährige Prostituierte nach einer Überdosis – erpressbar ist. Eine gefährliche Spirale aus Erpressung, Korruption, Gewalt und Mord beginnt sich immer schneller zu drehen. Ein Film mit majestätischem Epos und gewaltigen Bildern; ein kompromissloser, atmosphärisch rasanter Thriller mit scharfer Gesellschaftskritik in der Tradition der italienischen Polit-Thriller aus den 70er-Jahren. Stefano Sollima beleuchtet virtuos die Verflechtungen der italienischen Gesellschaft im Schatten von organisiertem Verbrechen, marodem Staat und skrupellosen Politikern.

     

     

    -- „Die feine Gesellschaft“ von Bruno Dumont – F/D 2016 – 122 Min.

    Sommer 1910 an der französischen Normandieküste. Alljährlich findet sich hier der Landadel ein und trifft auf arme Fischer und verlumpte Muschelsammler. Was den Plot zu einer charmanten, amüsanten Filmkomödie liefern könnte, gerät hier zu einer nervenden Ansammlung platter, uninspirierter Witze. Der Film will mit allen Mitteln besonders originell sein – und erreicht das genaue Gegenteil. Nicht auszuhalten!

     

    (19.01.2017)

     

    + „Manchester by the Sea“ von Kenneth Lonergan – USA 2016 – 137 Min.

    Casey Affleck in der Rolle eines schweigsamen Einzelgängers, der als Handwerker eines Wohnblocks in Boston arbeitet. Als er erfährt, dass sein Bruder plötzlich gestorben ist, verändert das sein Leben auf einen Schlag. Nun soll er die Verantwortung für seinen 16-jährigen Neffen übernehmen. Äußerst widerwillig kehrt er in seine Heimat, die Hafenstadt Manchester-by-the-Sea, zurück und gerät dabei in eine Situation, die ihn vor neue Herausforderungen stellt. Damit nicht genug: die alten Wunden einer bewegten Vergangenheit sind noch nicht verheilt und die wüsten Geschichten, von denen er Abstand nehmen wollte, holen ihn wieder ein.

    Ein stimmungsvoller Film mit elegischen und spektakulären Bildern einer unwirtlichen, winterlichen Hafenstadt. So tiefgründig und aufbrausend wie der alles dominierende Ozean sind mitunter auch die Menschen, die dort leben. Und inmitten dieser Wirren entsteht aus einer nicht gewollten familiären Beziehung so etwas wie eine Freundschaft zwischen zwei äußerst unterschiedlichen Charakteren.

     

     

    o „Die Hölle – Inferno“ von Stefan Ruziwitzky – A / D 2016 – 100 Min.

    Ein Wien-Krimi mit allen Zutaten. Man nehme einen international agierenden Serienmörder, eine selbstbewußte, nahkampferfahrene Taxifahrerin mit Migrationshintergrund und kinderschändendem Vater, einen Kommissar, der seinen dahinvegetierenden Vater pflegt, das Rotlichtmilieu, schlechtgelaunte Polizisten, klischeegeprägte Gauner, Actionszenen, Verfolgungsfahrten durch Wien etc. Diese Wiener Melange ist fad und überraschungsarm. Zugegeben: Es ist auch schwer, nach „Kottan“ einen Nachfolger zu kreieren.

     

     

    + „Personal Shopper“ von Olivier Assayas – F 2016 – 105 Min.

    Maureen verdient ihren Lebensunterhalt als persönliche Shoppping-Assistentin der international gefragten Modedesignerin Kyra. Gleichzeitig ist sie ein Medium, das mit dem Reich der Toten in Kontakt treten kann. Sie wartet auf ein Zeichen ihres Zwillingsbruders, der unerwartet an einer Herzkrankheit gestorben ist. Sie erhält Botschaften, aber es ist nicht eindeutig klar, von wem. Es wird kompliziert, als Kyra das Opfer eines Gewaltverbrechens wird und Maureen in Verdacht gerät.

    Eine Schauer- und Kriminalgeschichte, die in der Fashionwelt angesiedelt ist. Es ist nicht die Handlung, die diesen Film sehenswert macht, sondern die schauspielerische Leistung von Kristen Stewart, die hier überzeugend gegen ihr „Twilight“-Image anspielt, die ganze Gefühlsskala beherrscht und in allen Phasen präsent ist.

     

     

    + „Diamond Island“ von Davy Chou – Frankreich, Kambodscha, Deutschland, Katar, Thailand – 99 Min.

    Eigentlich ein Jugendfilm wie so viele andere auch: Die Alltagsrealität in einer großen Stadt, Herumhängen in Cliquen, Jungs interessieren sich für Girls, Girls interessieren sich für Jungs. Abends wohin? Wer etwas Geld hat, kann sich auch was leisten. Wonach sich alle sehnen: Mit dem Roller unterwegs, die Schöne hinten drauf, sichtbar und genüsslich langsam durch die Strassen fahren. Sehen und gesehen werden. Und dazu der Traum von einem besseren Leben, von einem guten Job, von der eigenen Familie.

    Was diesen Film jedoch von anderen unterscheidet ist sein Schauplatz: Diamond Island, eine Insel an der Küste von Phnom Penh, die früher Fischereifamilien und Bauern beheimatete und heute ein luxuriöses Neubauprojekt ist für die, die sich den kambodschanischen Traum von Wachstum und Modernität erfüllen wollen. Die Insel – eine permanente Baustelle – zieht die Massen an; vor allem die Jugend von Phnom Penh hat die Insel zu einem ihrer Lieblingstreffpunkt erklärt. Der 18-jährige Bora, der Protagonist des Films, hat sein Dort verlassen, um hier Arbeit zu finden und eine Existenz aufzubauen. Um ihn herum zeichnet der Regisseur das Mosaik eines Landes im Wandel und das einer Generation, die lernen muss, sich neu zu verorten in einer unberechenbaren, veränderten Umwelt. Der Film besticht durch die Leistungen seiner (Laien-)Darsteller und den Kamerafahrten und -perspektiven, die immer wieder neue Facetten eines außergewöhnlichen Ambientes bieten. Davy Chou: „Diamond Island“ ist ein Ort, der mehr als jeder andere die leidenschaftliche und grausame Beziehung der Jugend und dem Mythos der Moderne in Kambodscha verkörpert.“

     

    (12.01.2017)

     

    o „Hacksaw Ridge – Die Entscheidung“ von Mel Gibson – USA 2016 – 131 Min.

    Die Handlung des Films beruht auf authentischen Ereignissen und spielt gegen Ende des Zweiten Weltkrieges im Frühling 1945. Desmond Doss ist Kriegsdienstverweigerer, da sich der Einsatz von Waffen sich mit seinen religiösen und moralischen Überzeugungen nicht vereinbaren lässt. Er wurde vor Gericht gestellt und musste zurück an die Front. Weil er von seinen Überzeugungen auch während seines Dienstes nicht abließ, war er permanenter Repressalien und massiven Verfolgungen ausgesetzt. Weder bei seinen Kameraden noch bei den Vorgesetzten fand er Verständnis. Während des Kampfes um die japanische Insel Okinawa sticht er jedoch als einziger Mann aus der Masse der US-Soldaten heraus. Er riskiert alles und kämpft unbewaffnet und unter starkem Beschuss bis zur völligen Erschöpfung für das Leben seiner verwundeten Kameraden; er rettete etwa 75 Schwerverwundeten das Leben.

    Im Oktober 1945 wurde Doss von US-Präsident Harry Truman die Tapferkeitsmedaille Medal of Honor verliehen. Mel Gibson, der nach zehn Jahren wieder einmal als Regisseur wirkt, hat einen Kriegsfilm über einen außergewöhnlichen Soldaten gedreht. Dabei gerät das Porträt seines Protagonisten etwas in den Hintergrund gegenüber den lautmalerischen, spektakulären Bildern vom Kampf um Okinawa. Die emotionale Nähe zum Helden des Films geht unter in den endlos wirkenden Kriegsszenen, die mit Hilfe der Kamera und den Spezialeffekten ausführlich und detailliert zelebriert werden.

     

    (05.01.2017)

     

    o „Verborgene Schönheit“ von David Frankel – USA 2016 – 94 Min.

    Der deutsche Starttermin kommt zu spät für diesen Weihnachtsfilm. Ein New Yorker (Will Smith) gerät in eine Lebens- und Sinnkrise. Und dann kommen Freunde und Kollegen auf die Idee, ihn seiner Trauer zu überlassen. Sie lassen sich ein Spiel einfallen, um ihm zu helfen. U.a. kreieren sie Figuren wie den Tod (Helen Mirren) und die Liebe (Keira Kneightley). Das ist hohe Schauspielkunst auf engstem Raum. Aber die Handlung reicht über ein gutgemeintes Krippenspiel nicht hinaus.

     

    + „Passengers“ von Morten Tyldum – USA 2016 – 116 Min.

    Jim und Aurora sind zwei Passagiere an Bord eines Raumschiffs, da sie zu einem neuen Leben in der Kolonie Homestead II auf einem weit entfernten Planeten bringen soll. Doch ihre Reise nimmt plötzlich eine lebensbedrohende Wendung. Denn die Schlafkammern, in denen sie liegen, wecken sie auf unerklärliche Weise viel zu früh auf – 90 Jahre bevor sie ihr Ziel erreicht haben. Und nun müssen sie herausfinden, was das Geheimnis der Fehlfunktion ist, denn es steht der endgültige Zusammenbruch des Raumschiffs unmittelbar bevor.

    Eine romantische Science-Fiction-Lovestory. Kein Weltraum-Spektakel mit Kampfrobotern, Sternenkriegern, Aliens etc. Eher ein üppig ausgestattetes Kammerspiel in luxuriösem Ambiente mit viel Raum und wenigen Akteuren. Aber mit berauschend schönen Bildern und zwei Hauptdarstellern (Chris Pratt und Jennifer Lawrence), denen man bei der Bewältigung innerer und äußerer Konflikte gebannt und gespannt zusieht.

     

     

    (27.12.2016)

     

    o „Assassin’s Creed“ von Justin Kurzel – USA/F 2016 – 115 Min.

    Kurz bevor er hingerichtet werden soll, wird Callum Lynch in ein Labor, wo unter Aufsicht von Wissenschaftlern Menschen mit hohem Gewaltpotential geheilt werden sollen. Dahinter steckt kein gemeinnütziges Ziel, sondern eine moderne Inkarnation des Templerordens. Und so werden die alten Schlachten aus der Zeit der spanischen Inquisition neu belebt. Die Waffen und technischen Möglichkeiten haben sich zwar geändert, aber nicht die dramaturgischen, vorhersehbaren Handlungsabläufe. Ein technisch-hocheffizientes Computerspiel das mit den Namen bekannter Schauspieler hochgejazzt wird, um Leute ins Kino zu locken. Dabei wird ihnen nicht viel Raum zugestanden, ihre darstellerischen Qualitäten unter Beweis zu stellen. Schade um die Namen von Fassbender, Cotillard oder Irons.

     

     

    (22.12.2016)

     

    ++ „Allied – Vertraute Fremde“ von Robert Zemeckis – USA 2016 – 121 Min.

    Inmitten der lauten und lärmenden Actionfilme einer, der konventionell daherkommt und sich angenehm zurückhält. Er setzt auf eine spannende Story und nicht auf aufgeregte Bilder. Ein Film, der in seiner Ästhetik einer anderen Zeit – den 40er-Jahren – gleicht. Und hier ist auch die Handlung eingebettet. Sie beginnt 1942 in Casablanca. Der frankoamerikanische Geheimdienstoffizier Max begegnet hier der französischen Résistance-Kämpferin Marianne. Beide wurden von den Alliierten darauf angesetzt, auf den deutschen Botschafter ein Attentat zu verüben. Zur Tarnung treten sie als Paar auf. Das Vorhaben gelingt. Aus der inszenierten Beziehung erwächst bald echte Zuneigung. Marianne folgt Max nach London, wo sie eine Familie gründen. Trotz der Kriegsjahre verbringen sie eine glückliche Zeit. Doch dann wird Marianne der Spionage bezichtigt. Max erhält den Auftrag, sie zu töten. Angeblich ist seine Frau und die Mutter seines Kindes eine Doppelagentin und arbeitet für die Deutschen...

    Ein klassischer Spionage-Plot – eine klassische Liebesgeschichte. Brad Pitt und Marion Cotillard spielen alle und alles an die Wand. Ein Film für die große Leinwand! Mainstreamkino vom Feinsten.

     

    o „Gemeinsam wohnt man besser“ von Francois Desagnat – F 2015 – 97 Min.

    Eigentlich wollte der pensionierte Witwer Hubert Jacquin (André Dussollier) nur eine Putzfrau einstellen, doch durch ein Missverständnis nistet sich in seiner, für ihn viel zu großen Parier Altbauwohnung eine quirlige Studentin ein. Der Alltag des Alten wird tüchtig auf den Kopf gestellt, denn bald muss er seine Räume mit einer Wohngemeinschaft teilen. Wie die schrägen WG-Bewohner dann mit viel Einfallsreichtum das Zusammenleben meistern, zeigt der Film mit einem gut aufeinander eingespielten Schauspieler-Ensemble. Mitunter geht es zu wie auf der Bühne eines Volkstheaters – wirkungsvoll und unterhaltend, doch leider ohne Charme und Esprit.

     

    (15.12.2016)

     

    o „Rogue One: A Star Wars Story“ von Gareth Edwards – USA 2016 – 133 Min.

    Sozusagen der Urknall der Star Wars Galaxie. Es geht um Unterdrückung, Rebellion und Freiheit – Anlass für diverse Materialschlachten zwischen ausgestanzten Kriegern und schablonenhaften Charakteren. Bilder, die sich nicht abheben von den sattsam bekannten Teilen, und die von nun ab alle Jahre wieder künstlich beatmet werden. Auch mit neuen Namen als Darstellern ist keinerlei Wirkung verbunden, da ihnen kein Raum zur Profilierung zugestanden wird. Wie gut, dass Dank DVD und ständigem TV-Angebot ein Zugriff auf die frühen Filme möglich ist.

     

    (24.11.2016)

     

    + „Deepwater Horizon“ von Peter Berg – USA 2016 – 107 Min. d

    Deepwater Horizon – seit dem 20. April 2010 steht dieser Name für eine Tragödie in der menschliches Versagen das Schicksal von elf Männern besiegelte: der Blowout der Ölbohrplattform im Golf von Mexiko. Der Film rekonstruiert die letzten, folgenschweren Stunden auf der Ölplattform und erzählt mit den Mitteln des Actionkinos die authentische Geschichte jener Männer, die bei dem Versuch, das Unvermeidliche abzuwenden, ihr Leben riskierten. Dabei werden auch ausführlich die komplizierten Zusammenhänge gezeigt, die diese Katastrophe verursacht haben. Dadurch unterscheidet sich dieser Film angenehm von anderen Filmen dieses Genres, die sich dafür nicht die Zeit nehmen.

     

     

    + „Arrival“ von Denis Villeneuve – USA 2016 – 116 Min.

    Die Begegnung zwischen Außerirdischen und Irdischen ist der Plot vieler Sci-Fi-Filme. Das erste Aufeinandertreffen endet meistens mit einer kriegerischen Auseinandersetzung. Doch wie ist es, wenn nicht sofort Waffen eingesetzt werden, sondern der Weg um Annäherung und Verständigung gesucht wird? Das ist der zentrale Punkt dieses unaufgeregten SF-Thrillers, der auf selbstgefällige Spezialeffekte verzichtet. Zwölf mysteriöse Raumschiffe landen zeitlich in unterschiedlichen Regionen der Welt. Ihre Besatzung und deren Intentionen stellen ein großes Rätsel dar. Um globale Paranoia und einen potentiellen Krieg zu verhindern, soll ein Elite um die Linguistin und Kommunikationsexpertin Louise Banks im Auftrag des Militärs Kontakt herstellen. Doch das unermüdliche Streben nach Antworten gerät bald zum Rennen gegen die Zeit, da die Regierungen anderer Staaten die außerirdischen Flugobjekte zunehmend als direkte Bedrohung sehen und militärische Maßnahmen erwägen.

    „Arrival“ ist ein herausfordernder Film mit vielen Schauwerten, präzise kalkuliert und durch eine kraftvolle Bildsprache kongenial umgesetzt.

     

     

    ++ „Ich, Daniel Blake“ von Ken Loach – GB/F/B 2016 – 100 Min.

    Daniel Blake ist ein geradliniger und anständiger, zeitlebens Steuern zahlender Durchschnittsengländer – bis seine Gesundheit ihm einen Strich durch die Rechnung macht. Jetzt, im gesetzteren Alter, will ihm die willkürliche Staatsbürokratie den Bezug von Sozialhilfe verweigern. Ein sinnentleertes Punktesystem weist ihn als arbeitsfähig aus. Blake will dagegen angehen. Schnell gerät er dabei in einen Teufelskreis von Zuständigkeiten, Bestimmungen und Antragsformularen. Seine Wege kreuzen sich mit der ebenfalls arbeitslosen Katie und ihren beiden Kindern Daisy und Dylan. Sie raufen sich zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen und erfahren neben den ständigen Seitenhieben der Behörden auch viel Solidarität. Doch die bürokratischen Klippen des sogenannten Sozialstaates sind tückisch. Da wird Ohnmacht zur Wut.

    Lakonisch und mit einer Prise Humor nimmt Ken Loach hier den selbstgefälligen Sozialstaat ins Visier und erzählt unaufgeregt und hochemotional von den Ungerechtigkeiten im System.

    Sein langjähriger Drehbuchautor Paul Laverty wurde für diesen Film angeregt durch die in der britischen Boulevardpresse angefachte Hetze gegen sozial Schwache als Schmarotzer. Der Kampf gegen staatliche Willkür ist auch ein Kampf um die Würde des Einzelnen und dabei nicht nur auf die Insel beschränkt.

     

     

    (10.11.2016)

     

    o „Jack Reacher: Kein Weg zurück“ von Edward Zwick – USA 2016 – 118 Min.

    Schon einmal war Tom Cruise als Alleinreisender – als ehemaliger Militärpolizist – unterwegs. Der weltweite Erfolg des ‚Vaters’, des Autors Lee Child, hat wohl dazu beigetragen, ihn für ein Sequel zu reaktivieren. Reachers vermeintliche Tochter ist in Gefahr – und das ist Grund genug, gegen eine weltweite Verschwörung anzukämpfen. Die Handlung gleicht dem bekannten und bewährten Muster eines Schachspiels; hier werden aber innerhalb des Geschehens die weißen gegen die schwarzen Figuren munter ausgetauscht. Und da alles Action und Spezialeffekten eingebettet ist, ist für Freunde des Genres für ausreichend Unterhaltung gesorgt.

     

     

    + „Soy Nero“ von Rafi Pits – D,F,Mexiko 2016 – 118 Min.

    Es geht um den jungen Mexikaner Nero, der in Kalifornien aufwuchs, dann aber nach Mexiko angeschoben wurde, da er keine Aufenthaltsgenehmigung bekam. Seine einzige Chance, in den USA zu leben, besteht in dem sogenannten Dream Act. Dazu muss der es schaffen, die schwerbewachte Grenze zu überwinden, um als ein Green-Card-Soldat für die USA in den Krieg zu ziehen. Nero wagt die lebensgefährliche Aktion und erreicht sein Ziel. Dann steht er nun als vollausgerüsteter G.I. irgendwo in der arabischen Wüste an einem Grenzposten und muss nun seinerseits verhindern, dass dieser illegal überschritten wird. Es kommt zu einem Gefecht und Nero bleibt allein und orientierungslos in der Wüste zurück.

    Der Film beschränkt sich auf das Wesentliche und verzichtet auf überflüssiges Beiwerk. Er konzentriert sich auf die Emotionen seines Protagonisten, der alles über sich ergehen lässt, um ein Ziel zu erreichen, das er mittlerweile aus den Augen verloren hat.

    Die grandiosen Kamerabilder, die aus der kleinen Story einen großen Kino-Film machen, entschädigen für einige Schwachstellen des Drehbuches, die der Logik des Geschehens entgegenstehen.

     

     

    + „Die Florence Foster Jenkins Story“ von Ralf Pleger – D 2016 – 93 Min.

    Florence Foster Jenkins – das ist die berühmte amerikanische Salon-Dame, die als „die schlechteste Sängerin aller Zeiten“ in die Geschichte eingegangen ist. Der Film über die selbsternannte Operndiva im New York der 1920er Jahre steht zu seiner Protagonistin; peinlich sind nur die selbsternannten Kritiker, die sich über sie lustig machten. Über eine Sängerin, die nicht singen kann, einen Film zu machen, ist zunächst mal ein Problem. Doch Ralf Pleger, ein renommierter Regisseur innovativer Musikfilme, schafft hier einen filmisch-attraktiven Rahmen, der optisch fasziniert. Bemerkenswert auch, dass er für die Titelrolle mit dem US-amerikanischen Opernstar Joyce DiDonata eine der besten Sängerinnen der Welt verpflichten konnte. So hört man und erlebt mit, wie sich Florence Foster Jenkins selbst wahrnahm.

     

     

    (27.10.2016)

     

    ++ „Doctor Strange“ von Scott Derrickson – USA 2016 – 115 Min.

    Adaption des gleichnamigen Marvel-Comics. Benedict Cumberbatch spielt den arroganten Neurochirurgen, der seiner Tätigkeit nach einem schweren Autounfall nicht mehr nachgehen kann. Da die klassische Medizin ihm nicht hilft, sucht er Heilung an einem ungewöhnlichen Ort – dem geheimnisvollen Kamar-Taj in Tibet. Schnell merkt er, dass es sich dabei nicht nur um ein Heilungszentrum handelt, sondern von hier der Kampf gegen unsichtbare dunkle Mächte gefochten wird, die unsere Realität zerstören wollen. Und so wird Doctor Stange zu einem mächtigen Magier, um die Welt (im Marvel Cinematic Universe) vor dem Untergang zu bewahren.

    Der Film brennt ein berauschendes Feuerwerk an Visual Effetcs ab. Hinter der Kamera steht Regisseur Scott Derrickson ein Marvel-erfahrenes Kreativteam zur Seite. Inmitten dieser Schauwerte können sich die Protagonisten durchaus behaupten; zu dem bemerkenswerten Ensemble hervorragender Darsteller zählen u.a. Chiwetel Ejiofor, Rachel McAdams, Mads Mikkelsen und Tilda Swinton.

     

     

    + „Girl on the Train“ von Tate Taylor – USA 2016 – 105 Min.

    Nach ihrer Scheidung ist Rachel am Boden zerstört. Obwohl sie ihren Job verloren hat, fährt sie jeden Tag mit dem Zug zur Arbeit und jedes Mal hält der Pendlerzug am selben Streckenabschnitt. In einem Haus an dieser Bahnstrecke beobachtet Rachel ein Pärchen. Die beiden, Megan und Scott, scheinen ein perfektes Leben zu führen, das sich Rachel detailreich in ihren Tagträumen ausmalt. Bis sie eines Tages eine schockierende Beobachtung macht und sich bald darauf immer tiefer in ein gefährliches Netz aus Lügen und Fantasien verstrickt. Denn ein paar Häuser weiter lebt ihr Ex-Ehemann mit seiner neuen Lebensgefährtin. Und als Megan plötzlich vermisst wird und von einem Verbrechen ausgegangen werden muss, will Rachel dem Mörder auf die Spur kommen.

    Mit perfektem Timing und der hervorragenden Hauptdarstellerin Emily Blunt ist hier die perfekte Adaption eines international erfolgreichen Thriller-Bestellers gelungen. Früher wäre das ein Filmklassiker von Hitchcock nach einer Vorlage von Highsmith gewesen. Allerdings in Schwarzweiß und ohne verwuselte Rückblenden und irritierende Schnitte.

     

    (20.10.2016)

     

    o „The Accountant“ von Gavin O’Connor – USA 2016 – 128 Min.

    Ben Affleck spielt ein autistisches Mathematik-Genie. Nach Außen hin ein unscheinbarer kleinstädtischer Steuerberater, in Wirklichkeit jedoch ein Buchhalter für rücksichtslose und gefährliche Unterweltorganisationen; auch im Nahkampf und Waffengebrauch perfekt ausgebildet. Als ihm eine hartnäckige Steuerbehörde auf die Schliche kommt – grade als er für einen zwielichtigen Firmenchef, der Pionierarbeit im Bereich der Robotik leistet – bestimmt nicht mehr die Logik den weiteren Verlauf des Geschehens sondern der Einsatz von Schusswaffen jeglichen Kalibers. Die Handlung ist etwas verworren und es nicht immer ganz klar, wer auf welcher Seite steht und worum es – außer Steuerhinterziehung – eigentlich geht. Ein paar Stränge weniger und der Film wäre unterhaltsames, geschmeidiges Genre-Kino mit einem hervorragenden Darsteller-Ensemble und einer beeindruckenden Kamera.

     

     

     

    (13.10.2016)

     

    + „Weiße Ritter“ von Markus Mischkowski und Kai Maria Steinkühler – D 2015 – 81 Min.

    Die 8. Episode des Kölner Westend-Zyklus hält was sie verspricht: Direkte Kommunikation zwischen Akteuren und Publikum, keine überflüssigen Bilder oder Spezialeffekte, lakonische Dialoge und (selbst-)ironischer Umgang der Protagonisten untereinander. Diesmal handelt es sich um ein Road-Movie, in dem die beiden langzeitlosen Freunde Mike und Alfred als Mitarbeiter eines Kurierdienstes einen Koffer diskret nach Luxemburg bringen sollen. ‚Diskret’ sagt alles zum Geschehen aus, denn die Aktion verläuft eben genau so nicht – und daraus entwickelt der Film seinen Witz und Charme. Man muss sie einfach mögen, diese beiden Typen.

     

     

    (06.10.2016)

     

    + „Auf einmal“ von Asli Özge – D/NL/F 2016 – 112 Min,

    Nach einer Party in seiner Wohnung und ohne seine abwesende Freundin bleiben der junge, karriereorientierte Banker Karsten und eine junge Frau alleine zurück. Plötzlich stirbt sie und Karsten gerät in den Verdacht, daran schuld zu sein. Es stellt sich heraus, dass niemand die Frau eingeladen hatte. Das alles ereignet sich in einer kleinen deutschen Stadt, die an diesem Ereignet lebhaft Anteil nimmt.

    Der Plot ist wie in einem Hitchcock-Krimi: ein Unschuldiger wird plötzlich ein Verdächtiger und muss ohne Hilfe Dritter seine Unschuld beweisen. Das ist auch der gekonnte Spannungsbogen dieses Films, bei dem sich die Regisseurin voll auf das darstellerische Können ihres Protagonisten verlassen kann. Die Auflösung allerdings ist nicht übererzeugend: „Wie im Leben müssen wir auch im Kino nicht alles zu Ende erzählen“ – so die Regisseurin. Also bleibt das Ende offen.

     

    (29.09.2016)

     

    + „Frantz“ von Francois Ozon – D/F 2016 – 113 Min.

    Buch und Regie: Francois Ozon, frei nach „Broken Lullaby“ von Ernst Lubitsch. Ein Film wie aus der Zeit gefallen; es bedurfte das Zusammenwirken von einem Dutzend Firmen und Förder-Institutionen aus Frankreich und Deutschland, um ihn zu ermöglichen.

    Kurzinhalt: Kurz nach dem Ersten Weltkrieg in einer deutschen Kleinstadt geht Anna jeden Tag zum Grab ihres Verlobten Frantz, der in Frankreich gefallen ist. Eines Tages legt Adrien, ein junger Franzose, ebenfalls Blumen auf das Grab von Fratz. Das Geheimnis um Adriens Anwesenheit im Ort nach der deutschen Niederlage entfacht unvorhergesehene Reaktionen.

    Im Presseheft: „Eine herzliche Bitte des Regisseurs an alle Journalisten: Verraten Sie nicht Adriens Geheimnis!“. Dieser Bitte werde ich folgen – mit dem Empfehlung, sich den Film anzusehen.

     

     

    + „The Infiltrator“ von Brad Fuman – USA 2016 – 127 Min.

    Ein Film über einen authentischen Fall. Es geht um einen Agenten der US-Drogenvollzugsbehörde, der in den 1980er-Jahren fünf Jahre lang als Undercover arbeitete und auf ein Drogenkartell angesetzt wurde. Dabei hat er es mit brutalen, rücksichtslosen Verbrechern, kriminellen Bankern und skrupellosen Geschäftsleuten zu tun. Durch persönliche Freundschaften will er in die Nähe des berühmt-berüchtigten Drogenbaron Pablo Escobar gelangen. Dafür muss er eine Schein-Verbindung mit einer attraktiven Agentin eingehen und sie als seine Verlobte ausgeben.

    Der Film setzt in der Vielzahl der Drogen-Krimis einen eigenen, besonderen Akzent: Die emotionale Nähe zwischen den Undercover-Agenten und den Personen, auf die sie angesetzt werden. Es werden Verbindungen eingegangen und Freundschaften geschlossen, die nicht ohne Wirkung bleiben. Und das ist die Qualität des Films, der mit Bryan Cranston, Diane Kruger und Benjamin Bratt hochkarätig besetzt ist.

     

    ++ „Nebel im August“ von Kai Wessel – D/A 2016 – 126 Min.

     

    Der Film entstand nach dem wahren Schicksal des 13-jährigen Jungen Ernst Lossa, das in dem gleichnamigen Tatsachenroman von Robert Dolmes (2008) dokumentiert ist. Die Handlung setzt ein Anfang der 1940er-Jahre in Süddeutschland. Ernst ist der Sohn eines fahrenden Händlers und Halbwaise – aufgeweckt, aber unangepasst. Die Kinder- und Erziehungsheime, in denen er bisher lebte, haben ihn als ‚nicht erziehbar’ eingestuft und schieben ihn schließlich wegen seiner rebellischen Art in eine Nervenheilanstalt ab. Nach kurzer Zeit bemerkt er, dass unter der Klinikleitung von Dr. Veithausen Insassen getötet werden. Er setzt sich zur Wehr und versucht, den behinderten Patienten und Mitgefangenen zu helfen. Schließlich plant er die Flucht, doch er befindet sich in großer Gefahr, denn Klinikleitung und Personal entscheiden über Leben und Tod der Insassen.

    Ein gewagtes und gelungenes Unterfangen, einen Spielfilm über das „Euthanasie“-Programm der nationalsozialistischen Rassenideologie zu realisieren. Ein bewegendes Drama, das seine Zuschauer nicht unterhalten, sondern fordern will – die wohl bislang stärkste Kino-Regie von Kai Wessel. Er nimmt sich ausreichend Zeit bei der Charakterisierung seiner Protagonisten und verzichtet dabei auf die stereotypischen Nazi-Klischees. Überzeugend wirkt auch die visuelle Präsentation des Handlungsortes mitsamt den Details, die eine Klinik wie den Schauplatz eines Horrorfilms aussehen lässt.

    Wessels Regie ist nah dran an seinen Figuren, für deren Glaubwürdigkeit und Überzeugung ein Darsteller-Ensemble steht – nahtlos zusammengefügt aus Profis und Laien. Dem Geschehen kann man sich nicht entziehen; zur emotionalen Betroffenheit trägt bei, dass Wessel schnelle Schnitte vermeidet, die Vorgänge und Abläufe verwischen oder verzerren.

    Der Produzent Ulrich Wimmer hat mit seinen Kino-Erfolgs-Komödien (zum Beispiel die „Sams“-Filme) viel Geld verdient; es ist ihm hoch anzurechnen, es in diesen Film zu investieren: „Ich wusste, dass es ein steiniger Weg werden würde, diesen Film zu machen –aber ich wollte und musste diese Herausforderung annehmen.“ Hut ab! DER deutsche Film des Jahres!

     

    (22.09.2016)

     

    + „Snowden“ von Oliver Stone – USA 2016 – 139 Min.

    Filme über aktuell reale Personen oder Ereignisse müssen sich an den Kassen durchsetzen, obwohl sie eigentlich nichts Neues zeigen oder erzählen können. Um solche Stoffe attraktiv umzusetzen und wirkungsvoll zu inszenieren, bedarf es eines Könners wie den routinierten Oliver Stone, der hier das Leben des kontrovers diskutierten Whistleblowers Edward Snowden auf die große Leinwand bringt. Nah dran ein seinem Protagonisten zeigt er den Menschen hinter dem Mythos, der mit seinen Enthüllungen der Welt die Augen öffnete; die Geschichte eines Mannes, der es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, zu schweigen. Ein Name, der Vorbild sein sollte für alle, die gegen die wütenden Ausmaße der Überwachung und Manipulation unserer Gesellschaft aufmerksam machen können und wollen. Der Film „Snowden“ ist eine hervorragende, bildgewaltige Visualisierung eines politisch brisanten Stoffes – mit einem offenen Ende.

     

    (15.09.2016)

     

    - „Tschick“ von Fatih Akin – D 2016 – 93 Min.

    Während die Mutter in der Entzugsklinik und der Vater mit seiner Geliebten unterwegs ist, verbringt der 14-jährige Außenseiter Maik die großen Ferien allein am Pool der elterlichen Villa. Doch dann kreuzt Tschick auf. Er stammt aus dem tiefsten Russland, kommt aus einem der Hochhäuser in Berlin-Marzahn und hat einen geklauten Lada dabei. Damit beginnt eine Reise ohne Karte und Kompass durch die sommerglühende ostdeutsche Provinz. Reiseziel ist der in der Walachei lebende Großvater von Tschick.

    Der Film basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Wolfgang Herrndorf – aber Fatih Akin ist – bei allem Respekt – nicht der richtige Regisseur für diesen Jugend-Abenteuerfilm, der ein rasantes Road-Movie hätte werden können. Aber die spannungsarme Handlung ist ohne Witz und Drive. Würde man den Film in Schwarzweiss sehen und ohne die nervende Musik (u.a. Richard Clyderman!) so erinnert er an skandinavische Kinderfilme der 50er-Jahre.

    Man merkt dem Film an, dass er kein ausgereiftes Konzept hat, obwohl Hark Bohm als Berater hinzugezogen wurde. Jedenfalls ist es kein Stoff für Akin, dem das Lebensgefühl der Jugend von heute ganz offensichtlich fremd ist. Buck wäre wohl die bessere Wahl gewesen.

     

     

    (08.09.2016)

     

    o „Dügün – Hochzeit auf Türkisch“ von Marcel Kolvenbach & Ayse Kalmaz

    D 2015 – 89 Min.

    Ein Film über die türkische Gesellschaft in Duisburg-Marxloh, konzentriert auf die Szene der türkischen Hochzeiten. Hier bieten Geschäftsleute alles an, was zu einer Hochzeit dazugehört. Der Film gibt einen intimen Einblick in die Gefühlswelten junger Paare und ihrer Familien. Er versteht sich als ein „filmisches Manifest für einen weltoffenen, toleranten, europäischen Islam“. Aber er bleibt mit seinen Glanzbildern an der Oberfläche des Themas. Vorteilhaft ist, dass er sich auf das Umfeld der Hochzeiten – von den Vorbereitungen bis zur Feier - konzentriert und alle anderen Aspekte, die sich mit Duisburg-Marxloh verbinden - ausblendet. Nachteilig ist, dass den Protagonisten als Charaktere nicht ausreichend Raum bleibt. So ist „Dügün“ nicht mehr als ein focussierter Ausschnitt aus der Lebensrealität der türkischen Gemeinschaft in einer türkischen Diaspora.

     

     

    (25.08.2016)

     

    o „The Mechanic 2 – Resurrection“ von Dennis Gansel – USA 2016 – 95 Min.

    Der Elite-Auftragskiller Arthur Bishop muss ein riskanten Job erledigen: Seine Freundin wurde von seinem Erzfeind entführt. Dafür soll Bishop innerhalb kürzester Zeit einmal um die Welt reisen, drei Auftragsmorde begehen und sie dabei wie Unfälle aussehen lassen. Da sind Einfallsreichtum, Rücksichtslosigkeit und brutale Härte gefragt. Die Bilder voller leerer Action und endloser Verfolgungsjagden sind so schnell, dass nicht einmal die Zeit bleibt, die Leichen zu zählen.

     

     

    o „Die Unfassbaren 2“ von Jon M. Chu – USA 2016 – 129 Min,

    Ein Jahr nachdem die Unfassbaren das FBI überlistet haben sind sie zurück und beherrschen erneut die Szene; in leicht veränderter Formation allerdings, denn diesmal ist Serienstar Lizzy Caplan (Masters of Sex) als temperamentvolle und vorlaute Mitstreiterin der Vier Reiter mit dabei. Gegenspieler ist hier neben dem bekannten Personal auch ein zwielichtiger Unternehmer und Hobby-Zauberer: kongenial verkörpert durch Daniel Radcliffe, der sich als Ziehsohn des rachelüsternden Arthur Tressler erweist. Hinter der glitzernden Fassade eines hochkarätigen Ensembles verbirgt sich allerdings auch eine Menge fauler Zauber, denn es nervt mitunter mitanzusehen, wie die Illusionsmaschine Kino die Illusionisten entzaubern will. Dennoch ein attraktives, nie langweiliges Stück Kino.

     

     

    (18.08.2016)

     

    + „Krieg und Spiele“ von Karin Jurschick – D 2016 – 90 Min.

    Die Filmemacherin spürt der technologischen Entwicklung nach, die mit den Drohnen beginnt und mit unbemannten Kriegsrobotern, futuristischen Waffen und künstlicher Intelligenz endet. Sie bewegt sich dabei in unterschiedlichen Parallelwelten: den Laboren der Forscher und Militärs, den Think Tanks, in denen Philosophen, Ethiker, Historiker und Militärwissenschaftler über Möglichkeiten und Moral der neuen Kriegswaffen nachdenken. Das Material ist ungeachtet der aufschlussreichen Interview-Sequenzen visuell anschaulich aufbereitet. Der Film klärt auf bewirkt Nachhaltigkeit.

     

     

    + „Captain Fantastic“ von Matt Ross – USA 2016 – 120 Min.

    Der hochgebildete Ben lebt aus Überzeugung mit seinen sechs Kindern in der Einsamkeit der Berge im Nordwesten Amerikas. Er unterrichtet sie selbst und bringt ihnen mit eigenwilligen, unkonventionellen Methoden nicht nur ein überdurchschnittliches Wissen bei, sondern auch wie man jagt und in der Wildnis überlebt. Als seine Frau stirbt, ist er gezwungen mitsamt seinen Sprösslingen seine selbst geschaffene Aussteigeridylle zu verlassen und der realen Welt entgegenzutreten. In einem alten, klapprigen Bus macht sich die Familie auf den Weg quer durch die USA zur Beerdigung, die bei den Großeltern stattfinden soll. Diese sind konservativ und leben in einem gutbürgerlichen Ambiente. Ben und seine Kinder sehen sich nach jahrelanger, selbstgewählter Zurückgezogenheit mit der Zivilisation konfrontiert, was für alle Beteiligten nicht ohne Folgen bleibt.

    Natur trifft auf Kultur! Das ist der mit leisem Humor erzählte Spannungsbogen. Eine interessante Versuchsanordnung, wobei die Struktur der Konfrontation wichtiger ist als die Logik des Drehbuches. Hinterfragen sollte man die Geschichte nicht – allenfalls das eigene Verhalten, sich einer solchen Situation ausgesetzt zu sehen.

     

     

    (11.08.2016)

     

     

    + „Jason Bourne“ von Paul Greengrass – USA 2016 – 124 Min.

    Bourne ist wieder unterwegs. Verfolgungsjagden von einem internationalen Schauplatz zum andern. Durch Hektik, Action und Stress lässt sich verdrängen, was Cyber-Kriminalität optisch unattraktiv macht. Hier geht es – wie so oft in Filmen dieses Genres – um Überwachungs- und Kommandozentralen, von denen aus Ereignisse und Orte in aller Welt betroffen sind. Natürlich ist die CIA beteiligt am Spiel mit dem doppelten Boden und Bourne hat es hier nicht nur mit den üblichen Gegenspielern zu tun sondern will nebenbei auch wieder einmal mehr herausfinden, woher er kommt und was er ist.

    Die Story ist so fad wie ein mehrfach ausgekochter Teebeutel, aber das atemberaubende Tempo des Films und die Kamera von Barry Ackroyd garantieren beeindruckende Schauwerte. Und irgendwann wird die nächste Folge starten.

     

    + „Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft“ von Michael Grandage – USA/GB 2015 – 105 Min.

    Es gibt unzählige Filme über erfolgreiche Schriftstellerinnen und Schriftsteller; einige wenige davon auch über bekannte Verleger oder Verlagshäuser. Aber einen Film über einen Lektor auf den Markt zu bringen, ist demgegenüber schon ein riskantes Vorgehen. Hier geht um den Lektor Maxwell Perkins, der seinerzeit noch unbekannte aber höchst talentierte Autoren wie Ernest Hemingway oder F. Scott Fitzgerald unter Vertrag nahm und ihre Bücher herausbrachte. Und so auch Thomas Wolfe, dessen „Schau heimwärts, Engel“ ein Riesenerfolg wurde. Das Aufeinandertreffen des strengen, buchhalterischen Lektors mit dem chaotischen und exzentrischen Künstler ist eine Zeitreise in das New York der Roaring Twenties mit den entsprechenden Bildern. Als FILM aber nur auszuhalten, weil hier auch zwei hervorragende Schauspieler agieren: Colin Firth als instinktsicherer Lektor und Jude Law als literarisches Genie!

     

    (04.08.2016)

     

    -- „Collide“ von Eran Creevy“ – GB/D/USA 2016 – 100 Min.

    Ein in Köln lebender vom rechten Weg abgekommener junger Amerikaner lässt sich zu einem finalen Coup überreden, um seiner heißgeliebten Freundin eine lebensnotwendige Operation zu finanzieren. Dabei gerät er zwischen die Fronten eines Schmugglerkrieges, der überwiegend auf den Autobahnen ausgetragen wird. Immerhin geht es um fünf Millionen Euro Drogengeld.

    Was wie ein dünner Plot eines x-beliebigen TV-Actionfilms klingt, ist auch schon der gesamte Inhalt dieses Films. Der größte Teil der Handlung besteht aus Crashs und Stunts. Auch die Besetzung mit Ben Kingsley und Anthony Hopkins als konkurrierende Drogendealer kann den Film nicht retten, da von ihnen nicht mehr als die routiniert gespielten Klischee-Charaktere eingefordert wurde.

    Der Film ist eine Fördergeld-Vernichtungsmaschine. Er wurde in NRW gedreht und u.a. auch von der Film- und Medienstiftung des Landes gefördert. Deren Aufgabe ist es nicht in erster Linie, zur Filmkunst beizutragen. Hier hat sie sich dafür entschieden, in Schrottplätze und Autofriedhöfe zu investieren.

     

     

    ++ „Julieta“ von Pedro Almodóvar – Spanien 2016 – 100 Min.

    Der 20. Film von Almodóvar spielt erneut in der Welt der Frauen, von denen niemand so feinfühlig zu erzählen vermag wie er. Auf dem Höhepunkt seiner Kunst kommt er bei seiner bewegenden Geschichte über die Suche einer Mutter nach ihrer verschwundenen Tochter ganz ohne die üblichen grelle Zwischentöne oder überzeichnete Charaktere aus. Vielmehr ist das lose von drei Erzählungen der kanadischen Nobelpreisträgerin Alice Mjunro inspirierte und raffiniert komponierte Drama die sensible und feinnervige Auseinandersetzung um familiäre Geheimnisse und das Schweigen über Vergangenes und uneingestandene Schuld, die einer Aussöhnung entgegensteht. Die inneren und äußeren Gefühls- und Beziehungswelten zwischen (allen) Frauen verweben sich mit visuell berauschenden Bildern zu einem engmaschigen Netz, mit dem die Zuschauer eingefangen werden – und nicht entkommen möchten. Ein großartiges Kinoerlebnis!

     

    (28.07.2016)

     

    ++ „Zeit für Legenden“ von Stephen Kopkins – USA 2016 – 118 Min.

    Es ist ein riskantes Vorgehen, einen Film über den weltbekannten Sportler Jesse Owens und ein historisches Ereignis wie die Olympiade 1936 in Berlin zu drehen. Schließlich – so meint man – ist alles hinreichend bekannt, beschrieben und gewürdigt. Dass „Zeit für Legenden“ dennoch nicht nur unterhaltsam, sondern sogar spannend und aufschlussreich ist, liegt an der Konzeption, sich nicht ausschließlich auf die Wettkämpfe zu konzentrieren. Hier nimmt der zeitgeschichtliche Hintergrund – die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen in den USA und im Nazi-Deutschland – einen ebenso gewichtigen Part ein wie das Aufeinandertreffen der Sportgrößen wie Jesse Owens und Luz Long.

    Der ideale Film zum Olympia-Jahr 2016 und zum 80. Jubiläum der „Owens-Spiele“. Die Darsteller sind fast ausnahmslos in olympischer Bestform: Stephan James als Jesse Owens, Jason Sudeikis als eigenwillig-ehrgeiziger Coach Larry Snder und Jeremy Irons als windiger Sportfunktionär Avery Brundage. Blass hingegen die Nazi-Charaktere wie Joseph Goebbels oder Leni Riefenstahl, an deren Ausformung die amerikanischen Macher offensichtlich uninteressiert waren.

     

    (14.07.2016)

     

    o „Independence Day 2: Wiederkehr“ von Roland Emmerich – USA 2016 – 120 Min.

    20 Jahre nach der Alien-Invasion im Jahr 1996, bei der drei Milliarden Menschen ums Leben gekommen waren, bereiten sich die überlebenden Bewohner einer postapokalyptischen Erde auf einen neuen Kampf gegen die Außerirdischen vor. 2016 starten sie eine zweite Angriffswelle und wieder einmal müssen die Menschen – Wissenschaftler, Politiker und Militärs - die Erde verteidigen. Alte und neue Gesichter sind die Stars dieser Geldvernichtungs- und Vermehrungsmaschine: eine augen- und ohrenbetäubende Demonstration neuester Kinotechniken. Je mehr man sich auf die Handlung einlässt, desto auffälliger wird allerdings die glitzernde Hülle, die mehr verspricht als der Inhalt enthält. Hauptsache, am Ende stimmt die Kasse. Möglicherweise wird es dann eine Independence-Day-Trilogie geben.

     

     

    ++ „Toni Erdmann“ von Maren Ade – D/A 2016 – 162 Min.

    Der 65-jährige Winfried, ein sozialromantischer Alt-68er mit einem Hang zu gewöhnungsbedürftigen Scherzen, lebt allein mit seinem Hund. Seine Tochter Ines arbeitet weltweit als ehrgeizige Unternehmensberaterin. Als sein Hund stirbt reist Winfried spontan nach Bukarest, um den Kontakt zu Ines wieder aufzunehmen. Doch zwischen Meetings, Empfängen und Hotelbars bleibt wenig Raum für Persönliches. Da verwandelt sich Winfried in sein Alter Ego Toni Erdmann – mit schlechtsitzendem Anzug, Perücke und schiefem Gebiss mischt er die Szene auf und bringt seine Tochter in peinliche Situationen. Doch im weiteren Verlauf des Geschehens kommen Vater und Tochter sich einander näher.

    Ein präzise beobachtender Film, der in erster Linie durch die herausragenden Leistungen der beiden Hauptdarsteller Peter Simonischek und Sandrfa Hüller besticht. Dazu noch ein Drehbuch, das auf Überflüssiges und Nebensächliches verzichtet. Über zweieinhalb Stunden lang ein großartiger, faszinierender Film, der leider irgendwann enden muss. Selten ist man im Kino den Protagonisten so nahe wie hier.

     

     

    (23.06.2016)

     

    - „The Neon Demon“ von Nicolas Winding Refn – USA/F/DK 2016 – 117 Min.

    Durch seinen furiosen Action-Thriller „Drive“ wurde der dänische Regisseur NWR – so will er genannt werden – international bekannt. Da hat er es verstanden, eine rasante Handlung mit atemberaubenden Bildern zu erzählen. Auch diesmal setzt er auf die Wirkung der Bilder – allerdings unter Verzicht auf eine Handlung. Schauplatz ist Los Angeles. Hier will ein junges Model (16 J.) Karriere machen und gerät in die Fänge dreier schönheitsfanatischer Frauen. Der Aufstieg ist gleichzeitig ein Abstieg – ein kruder Horrortrip mit coolen, visionären Bildern.

    Sehenswert macht diesen Film allerdings die beeindruckende schauspielerische Leistung von Jena Malone, die eine rätselhafte, undurchschaubare Makeup-Stylistin spielt. Seit „Donnie Darko“ (2001) wird sie von Film zu Film besser und wurde zu recht mit einer ganzen Reihe von internationalen Preisen und Anerkennungen ausgezeichnet. Beeindruckend hier, wie sie eine nekrophile Sexszene meistert.

     

     

    o „Die Frau mit der Kamera“ von Claudia von Alemann D 2015 – 92 Min.

    Das sehr persönliche Porträt der Fotografin Abisag Tüllmann (1935-1996), die zu den großen Fotografinnen Deutschlands zählt. Der Film ist das Dokument einer außergewöhnlichen Freundschaft und ein nuancenreiches Zeitporträt. Die eindrucksvolle Hommage dokumentiert in mehr als 500 schwarz-weiß Fotografien Leben, Werk und den Zeitkontext der 1960er bis 1990er Jahre. Ergänzt wird das Material durch Filmausschnitte, Briefe und Erinnerungen von Freundinnen und Kolleginnen.

     

     

    o „Bastille Day“ von James Watkins – USA/F 2016 – 92 Min.

    Der in Paris lebende junge amerikanische Taschendieb Michael klaut der Aktivistin Zoe eine Tasche, in der sich eine Bombe befindet. Sie explodiert am falschen Ort und tötet mehrere Menschen. Michael gerät nun ins Visier des Geheimdienstes. Doch zwischen dem CIA-Agenten Sean Briar und seinen französischen Kollegen herrscht Misstrauen. Sean will wissen, von wem die Bombe kommt und erfährt, dass ein zweiter, noch größerer Anschlag geplant ist. Gemeinsam mit Michael will er herausfinden, wer die Hintermänner sind und was sie planen.

    Ein Film mit einem Spannungsbogen, der sich wie ein Hitchcock-Thriller gibt: der falsche Mann zur falschen Zeit am falschen Platz. Doch die Kombination des französischen Kriminalfilms mit einem amerikanischen Action-Thriller geht völlig daneben. Von dem Charme des Schauplatzes und seiner Charaktere bleibt nicht viel übrig; immer wieder verdrängen vordergründige Action-Szenen, die üblichen Auto-Verfolgungsfahrten und endlose Schießereien den Plot des eigentlichen Geschehens. Schade, denn die so gegensätzliche und aufgezwungene Partnerschaft zwischen dem jungen, fintenreichen Amerikaner (Richard Madden) und dem coolen, abgebrühten Agenten (Idris Elba) ist überaus unterhaltsam; es sind zwei sympathische Protagonisten, die man gerne wiedersehen möchte. Doch dann unter einer Regie, die mehr Wert auf Suspense als auf atemloses Tempo legt.

     

     

    (09.06.2016)

     

    - „Himmelskind“ von Patricia Riggen – USA 2015 – 109 Min.

    Ein 10-jähriges Mädchen, das an einer seltenen, unheilbaren Krankheit leidet,

    wird durch den Sturz in einen hohlen Baum geheilt. Bei dieser Geschichte über „ihre Reise in den Himmel und die unglaubliche Heilung“ soll es sich um einen authentischen Vorfall handeln. Wer’s glaubt, wird selig.

     

     

    o „Stolz und Vorurteil & Zombies“ von Burr Steers – USA/GB 2016 – 108 Min.

    Nach Buchvorlagen von Seth Grahame-Smith und Jane Austen. Englang 1811. Mrs. Bennet will ihre fünf heiratsfähigen Töchter unter die Haube bringen. Und das in einer Zeit, in der das Land im Begriff ist, von einer neuen Zombie-Welle überrannt zu werden. Schöne Frauen in erlesenen Räumen und Gewändern treffen auf stumpfe, ausgehungerte Zombies. Den Rest kann man sich denken. Zwei Filme – Verfilmung eines Literatur-Klassikers und Darbietung von Martial-Arts-Action – zum Preis von einem.

     

     

    o „Hannas schlafende Hunde“ von Andreas Gruber – D/A 2016 – 120 Min.

    Verfilmung des gleichnamigen Romans von Elisabeth Escher. Ort der Handlung ist das naziverseuchte Wels in Oberösterreich 1967. Die neunjährige Johanna erfährt erst nach und nach von ihrer jüdischen Abstammung, die ihre Mutter Katharina nicht ansprechen will. Ihr Schicksal ist verknüpft mit einigen Nachbarn und die Erinnerungen an eine demütigende Zeit sind noch frisch. Sie will keine schlafenden Hunde wecken. Erst Johannas resolute Großmutter (Hannelore Elsner) durchbricht die Mauern des Schweigens und hilft ihrer Enkelin bei der Identitätsfindung.

    Drei Generationen, drei Schicksale. Konventionell in Szene gesetzt und in den Rollen treffend besetzt. Leider nicht ganz frei von Klischees, wenn es um die „alten Nazis“ geht. Kein Film für die große Leinwand; eher ein Kammerspiel für den Bildschirm, was sich durch die Produktionsgelder deutscher und österreichischer Fernsehanstalten erklärt.

     

    (02.06.2016)

     

    o „Der Moment der Wahrheit“ von James Vanderbilt – USA 2015 -125 Min.

    Mary Mapes ist die renommierte Produzentin des TV-Nachrichtenmagazins „60 Minutes“. Mitten im Präsidentschaftswahlkampf „Bush vs. Kerry“ wird ihr Material zugespielt, das George W. Bush belastet: Er soll sich mit Hilfe seiner Familie vor einem Militäreinsatz in Vietnam gedrückt haben. Mapes und der angesehene CBS-Anchorman Dan Rather recherchieren gründlich und enthüllen die Informationen im Rahmen eines investigativen Beitrags in „60 Minutes“. Doch die Gegenseite schlägt zurück. Mapes, Rather und ihr Team sehen sich schärfsten Attacken von Medien und Öffentlichkeit gegenüber. Es beginnt ein Kampf um persönliche und journalistische Integrität und politische Unabhängigkeit.

    Auf wahren Ereignissen beruhend erzählt der Film vom hochaktuellen Kampf um Wahrheit und vom Einfluss politischer Seilschaften auf die Pressefreiheit. Das ist nicht immer besonders spannend umgesetzt – kein Polit-Thriller, aber ein klassisches Journalistendrama mit zwei bestechenden Identifikationsfiguren in den Hauptrollen: Cate Blanchett und (der unverzichtbare) Robert Redford.

     

     

    (26.05.2016)

     

    o „Mein Praktikum in Kanada“ von Philippe Falardeau – Kanada 2015 – 108 Min.

    Im Mittelpunkt dieser Politsatire steht ein unanhängiger Abgeordneter, der einen großen Wahlkreis im Norden Québecs vertritt. Bei einer nationalen Abstimmung darüber, ob sich Kanada an einem Kriegseinsatz im Nahen Osten beteiligen soll oder nicht, kommt es auf seine entscheidende Stimme an. Er unternimmt eine Tour durch seinen Bezirk, um sich mit seinen Wählern zu beratschlagen. Begleitet wird er dabei von einem Praktikanten aus Haiti, aus dessen Sicht das Geschehen erzählt und kommentiert wird.

    Locker und leicht erzählt, mit amüsanten Seitenhieben auf Politiker, Lobbyisten und Wähler. Polit-Rummel als Unterhaltung ohne Tiefgang.

     

     

    o „Erlösung“ von Hans Peter Moland – DK 2016 – 112 Min.

    Nach „Erbarmen“ (2013) und „Schändung“ (2014) nun die dritte Folge mit den Ermittlern des dänischen Sonderdezernats, das sich mit unaufgeklärten Verbrechen beschäftigt. Die Kriminalromane des Vielschreibers Jussi Adler Olsen verkaufen sich weltweit ausgezeichnet; die bisherigen Verfilmungen konnten da nicht ganz mithalten.

    Diesmal startet die Handlung mit einer Flaschenpost, die offensichtlich die letzten Lebenszeichen zweier Jungen enthält, die vor Jahren entführt wurden. Eine besondere Rolle kommt dabei einem in seiner Kindheit traumatisierten Soziopathen zu, der sich zwischen religiösen Motiven und krimineller Erpressung austobt.

    Diese Schwedenkrimis laufen sich wund. „Erlösung“ hat vor allem nicht das Format für die Kinoleinwand, da man deutlich erkennt, welche Handlungslücken, Anschlußfehler und Ungereimtheiten der Film enthält. Eher etwas für den nachmitternächtlichen TV-Konsum für die Kenner des Romans, die sich ein paar (überflüssige) Bilder gönnen möchten.

     

    (19.05.2016)

     

    o „Nur Fliegen ist schöner“ von Bruno Podalydès - F 2015 – 104 Min.

    In ein täglicher Routine verstrickter Mittfünfziger, Designer von Beruf, erfüllt sich seinen Traum: eine Auszeit zu nehmen und mit einem selbstgebauten Kajak entspannt auf einem Fluss zu paddeln bis vor die Tore von Paris. Die Tour verläuft anders als geplant, da er schon bei der ersten Rast im Ausfluglokal einer attraktiven Wirtin landet. Gefangen von der Romanik einer idyllischen Provinz bleibt er einfach dort. Seiner Ehefrau gaukelt er eine Flussfahrt vor, doch sie hat sein Geheimnis längst entdeckt.

    Eine Anti-Stress-Komödie über die Leichtigkeit des Seins; die beste Einstimmung für den Sommer und eine Einladung an die Zuschauer, im reizvollen Burgund Ferien zu machen – Mit Kajak, Fahrrad oder Wanderschuhen.

     

     

    (12.05.2016)

     

    ++ „Junges Licht“ von Adolf Winkelmann – D 2016 – 122 Min.

    Im Mittelpunkt des Films steht der 12-jährige Julian, der Ende der 50er-/Anfang der 60er in einer Dortmunder Bergbausiedlung aufwächst; es sind die Jahre des Wirtschaftwunders, in denen das Ruhrgebiet noch eine entscheidende Rolle spielte. Sein Vater schuftet unter Tage. Das Umfeld ist geprägt von Dreck, Enge, Armut und Brutalität. Als Julians kranke Mutter mit der kleinen Schwester ans Meer fährt, verbringen Julian und sein Vater die Sommerwochen allein zu hause. Und in dieser Zeit passiert so einiges, u.a. fühlt er sich stark zu der 15-jährigen Nachbarin Marusha hingezogen, ahnt aber nicht, dass sie auch seinem Vater den Kopf verdreht hat.

    In diesem Film stimmt einfach alles: Winkelmann beschwört mit intensiven, authentisch wirkenden Bildern vom kohleschwarzen Himmel bis zum faszinierenden Hochofenabstich den Ruhrpott wie es ihn einmal gab. Das detailverliebt-rekonstruierte Bergbau-Milieu spielt dabei ebenso eine tragende Rolle wie das Spiel der Hauptdarsteller: Oscar Brose, Charly Hübner, Lina Beckmann, Greta Sophie Schmidt, Peter Lohmeyer und Ludger Pistor. Adolf Winkelmann sieht sich selbst wohl in der Rolle des Jungen, der seine Welt erkundet: vom Spielen auf Schlackebergen bis hin zu ersten zaghaften, erotischen Begegnungen mit einem frühreifen Mädchen.

    In den ersten Bildern beschwört der Regisseur in großformatigen Bildern die Wucht und Kraft der Maschinen, die in einer Zeche den Betrieb ausmachen. Aber anders als etwa in METROPOLIS werden sie nicht von einer stumpfen, entpersönlichten Arbeitermasse bedient, sondern von Arbeitern, die auch unter den harten Bedingungen der Arbeit und des nicht immer komfortablen Alltaglebens in den Familien individuelle Freiräume suchen und finden. Ein Kino-Film!

     

    o „Happy Hour“ von Franz Müller - D 2015 – 95 Min.

    Drei Freunde – Mitte 40 - verbringen ein paar Tage in einem Cottage in Irland. Einer von ihnen wurde von seiner Frau betrogen und die anderen versuchen ihn darüber hinwegzubringen. Doch aus einem kurzweiligen Tripp wird nichts, da eine in fester Rollenverteilung erstarrte Freundschaft zu zerreißen droht. Was als Entspannung angedacht war wird Stress.

    Der Film konzentriert auf engstem Raum alle gängigen Irland-Klischees – ohne sie zu brechen: Saufen & Singen. Und die Frauen (Typ alleinerziehende Mütter) warten nur darauf, nach „Last Order“ von den Männern abgeschleppt zu werden. So einfach geht das. Ärgerlich ist, dass drei hochkarätige Schauspieler (Alexander Hörbe, Simon Licht und Mehdi Nebbou) in den Hauptrollen platte, unglaubwürdige Charaktere spielen müssen. Das ist weit unter ihrem Niveau. Die Fördergelder, die in den Film eingeflossen sind, reichten zumindest wohl für einen Urlaub des Teams auf der Grünen Insel. Darauf ein Guinness. Slainte!

     

     

     

    + „Die Poesie des Unendlichen“ von Matthew Brown – USA/GB 2015 – 114 Min.

    Es geht um die historisch verbürgte Freundschaft zwischen zwei Mathematikern: dem Inder Srinivasa Ramanujan (1887-2920) und dem Briten Godfrey Harold Hardy (1877-1947). Ramanujans einzigartige Theorien brachten das Zahlengenie aus Südindien kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs von einfachsten Verhältnissen zu höchsten akademischen Ehren der Universität von Cambridge. Der Film beschreibt den schwierigen Weg eines brillanten jungen Mannes in eine Kultur, die ohne Beweise nicht zu glauben bereit ist. Mathematik ist für Außenstehende nicht sonderlich spannend – und das darf man von diesem Film auch nicht erwarten. Er ist ein Zeit- und Personenporträt mit ruhigen, konzentrierten Bildern und zwei Hauptdarstellern, denen man gerne zuschaut, auch wenn die endlosen Zahlenreihen auf den Kreidetafeln unverständlich bleiben. Ein wenig Fachkenntnisse beim Publikum wären nicht schlecht.

     

    (28.04.2016)

     

    o „Ein Hologramm für den König“ von Tom Tykwer – D/USA 2016 – 98 Min.

    Tom Hanks als gescheiterter Geschäftsmann hat eine letzte Chance. Er erhält den Auftrag, dem König von Saudi-Arabien innovative Hologramm-Kommunikationstechnologie verkaufen. Inmitten der arabischen Wüste soll eine strahlende Wirtschaftsmetropole errichtet werden. Also macht er sich auf, um den Deal einzufädeln. Dabei gerät er in eine bizarre Welt, in der alles anders ist als erwartet. Die Kulturen prallen aufeinander, und der Salesman muss eine eigene Überlebensstrategie entwickeln.

    Anstatt leiser Ironie wird hier mit den traditionellen Mitteln des deutschen Filmlustspiels eine Handlung vorangetrieben, die sich nicht zwischen Realität und Fiktion entscheiden kann. Hanks ist der ideale Protagonist für die Hauptrolle, doch der Rest bleibt verzerrt oder verwaschen. Klischees und Vorurteile sollen für Lacher sorgen. Besonders peinlich ist es, wenn Besonderheiten des Landes wie Alkoholverbot oder öffentliche Hinrichtungen den Anlass für billige Witzchen sind.

     

    (18.04.2016)

     

    - „Visions“ von Kevin Greutert – USA 2015 – 88 Min.

    Ein Jahr nach einem Autounfall, bei dem eine andere Frau ihr Baby verloren hat, zieht die schwangere Eveleigh mit ihrem Ehemann David in ein romantisches Weingut in Agoura Hills, Kalifornien. Sie will dem hektischen Stadtleben entkommen. Doch schon bald wird sie von schrecklichen Geräuschen und Visionen geplagt. Niemand sonst kann ihre Halluzinationen wahrnehmen. Verzweifelt sucht sie zu beweisen, dass sie nicht wahnsinnig ist. Sie stellt auf eigene Faust Nachforschungen an, ob das neu erworbene Weingut mit einem Fluch belastet ist.

    Poltergeist-Kino – diesmal allerdings in einer Weingut-Idylle, was immerhin den Schauplatz interessant macht. Ansonsten ist „Visions“ keine Bereicherung des Psychothriller-Genres. Eine matte, sich dahinschleppende Handlung gepaart mit – bis auf Isla Fisher in der Hauptrolle - lustlosen Schauspielern.

     

     

    (14.4.2016)

     

    -- „Hardcore“ von Ilya Naishuller – SU/USA 1016 – 90 Min.

    Kybernetisch aufgemotzte Kampfmaschinen gegen biotechnisch aufgerüstete Soldaten. Schon in den ersten Bildern bleiben viele auf der Strecke, leider auch die Logik und die Handlung.

     

    + „Beti und Amare“ von Andy Siege – D 2014 – 94 Min.

    Ein deutscher Film, der eine historisch-surreale Geschichte erzählt, die im Äthiopien des Jahres 1936 spielt. Aus einer von Mussolinis Okkupationstruppen eingenommenen Stadt flieht eine junge, traumatisierte Frau (Beti) in die Abgeschiedenheit der Wüste zu ihrem Großvater. Als dieser abwesend ist, droht sie in die Fänge marodierender Milizionäre zu geraten. Im letzten Moment wird Beti von einem fremden Wesen gerettet, das scheinbar aus einer anderen Welt kommt. Amare erinnert an denn „Wolfsjungen“ – und verhält sich manchmal auch so – allerdings wie ein „Werwolfsjunge“.

    Mit den Stilmitteln des europäischen Films und der Erzählweise des afrikanischen Kinos ist hier eine überaus eigenwillige visuelle Komposition entstanden, auf die sich einzulassen lohnt. Die Handlung entzieht sich traditionellen Sehgewohnheiten und ist mit einem Fantasy-Film und einem Manga vergleichbar. Und versteht man den Film so, dann ist es keineswegs ungewöhnlich, wenn auch in einem deutschen Spielfilm die Normalsterblichen mit Göttern, Dämonen und Geistern zusammenleben.

    „Beti und Amare“ ist ein Film, der auf internationalen Festivals anerkannt und ausgezeichnet wurde, der aber wohl auf der deutschen Kinoleinwand (leider) nicht viel Chancen hat.

     

    (03.04.2016)

     

    o „The Jungle Book“ von Jon Favreau – USA 2015 – 106 Min.

    Neuauflage des Disney-. Ein Stoff, der sich hervorragend für die fotorealistische CGI-Technik (Disney Digital 3D) eignet. Bis auf Mogli (Neel Sethi aus New York) sind alle Bewohner des Dschungels bis ins kleinste Detail naturgetreu animiert. Um den Verkaufswert des Films zu erhöhen, sind in der OV die Namen der Hollywood-Stars (Bill Murray, Ben Kingsley, Christopher Walken und Scarlett Johansson) als Tier-Stimmen groß herausgestellt.

    Kinder, die andere Verfilmungen nicht kennen, werden mit Sicherheit großen Spaß an einem Kinobesuch haben. Für Cineasten ist nur interessant, mit welcher Lässigkeit Disney Disney zitiert und Szenen und Charaktere aus früheren Filmen schamlos übernimmt.

    „The Jungle Book“ aus dem Jahr 2016 animiert immerhin dazu, sich den (bis heute unerreichten) Klassiker von Zoltan Korda (GB 1942) noch einmal anzusehen. Eine neue Stufe der Qualität könnte möglicherweise nach der Konzeption von „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger" erreicht werden.

     

     

    (24.03.2016)

     

    o „Batman v Superman: Dawn of Justice“ von Zack Snyder – USA 2016 – 151 Min.

    Aus dem mit Spannung erwartetem – und von der Branche entsprechend aufbereitetes - Gipfeltreffen zweier Superhelden wurde nicht mehr als ein spektakuläres, dröhnenden Hauen & Stechen von zwei seelenlosen Kampfrobotern – so, wie man solche Plots aus zahlreichen Actionfilmen und Comicverfilmungen kennt: Der eine will die Welt beherrschen, der andere will das verhindern. Nicht mehr und nicht weniger. Da sich die Werbung für diesen Film auf die visuelle Kraft pompöser Schauwerte konzentriert, dürfte ein Kinoerfolg programmiert sein.

     

     

    - „Sex & Crime“ von Paul Florian Müller – D 2016 – 82 Min.

    Vier Personen – ein Schriftsteller, seine Ehefrau, sein Freund und eine Kellnerin – verwickeln sich gegenseitig in ein Mordkomplott mit falschen und echten Leichen. Eine Handlungskonstruktion, der es an Witz und Charme fehlt. Wer sich an einen solchen Stoff herantraut, der muss etwas von Timing verstehen und sich auf ein dialogsicheres Drehbuch verlassen können. In dieser „blutigen Beziehungskomödie“ fehlten alle Voraussetzungen. Schade um die Qualität der Hauptdarsteller, die völlig unter Wert verramscht werden.

    Die Weydemann Bros-Produktion hat sich der „Vision eines gleichermaßen politischen und unterhaltsamen Kinos“ verschrieben. Hier bewegt sie sich völlig außerhalb der Spur – und KINO ist das auf gar keinen Fall. Es fehlen auch die Bilder für eine Leinwand!

     

    (17.03.2016)

     

    ++ „Herbert“ von Thomas Stuber – D 2015 – 109 Min.

    Einst war der Boxer Herbert der „Stolz von Leipzig“; heute schlägt er sich durch als Trainer in einem Club, als Türsteher oder Geldeintreiber. Sein Privatleben ist völlig daneben. Seine längst erwachsene Tochter hat er nicht mehr gesehen, seitdem sie sechs Jahre alt war und er eine längere Gefängnisstrafe absitzen musste. Herberts Freundin Marlene hält Abstand zu ihm, da der Umgang mit dem sperrigen und eigenwilligen Typen kompliziert ist. Kurz: Herbert steht vor den Trümmern seines Lebens. Und dann stellt die Diagnose ALS sein bisheriges Leben völlig auf den Kopf. Er muss sich auf den letzten Kampf seines Lebens einstellen...

    „Herbert“ ist keiner der genreüblichen Boxerfilm über Aufstieg und Niederlage, sondern ein feinfühliges Porträt eines Mannes, der sich seinem Schicksal stellen muss und die Herausforderung (unfreiwilllig) annimmt. Das ist bei einem so schwerfälligen Menschen nicht ganz einfach.

    Der Film verbindet Realismus und persönliches Drama mit Versatzstücken des Genres und vermeidet dabei die Charakter- und Milieuklischees. Die herausragende Leistung des Schauspielers Peter Kurth verleiht dem Titelhelden eine Präsenz, der der Verfall des Körpers nichts anhaben kann. Allein seine Leistung ist es wert, ins KINO zu gehen!

     

    (10.03.2016)

     

    ++ „Son of Saul“ von László Nemes – Ungardn 2015 – 107 Min.

    Ort der Handlung ist das Vernichtungslager Auschwitz im Oktober 1944; angesichts der herannahenden sowjetrussischen Einheiten herrschen Chaos und Auflösung. Protagonist des Geschehens ist der Jude Saul Ausländer. Er arbeitet in einem Sonderkommando, das die Verbrennung der Toten vollzieht. Eines Tages entdeckt den Leichnam eines Jungen, in dem er seinen Sohn zu erkennen glaubt. Da es die Religion untersagt, die Toten einzuäschern, versucht Saul, ihn zu verstecken und gemeinem mit einem Rabbiner eine heimliche Bestattung zu ermöglichen. Für seinen Plan, dem Jungen die letzte Ehre zu erweisen, riskiert er sein eigenes Leben und das seiner Schicksalsgenossen.

    Spielfilme über Auschwitz oder andere Vernichtungslager sind eine große Herausforderung für Macher und Publikum. Wie kann man das Unvorstellbare durch Kinobilder darstellen? Diesen Film gelingt es durch eine klare, stringent durchgezogene Konzeption: Nicht das Grauen (Lager, Verbrennungsöfen etc.) ist vordergründig zu sehen, sondern ein Mann, der das mit ansehen (und handeln) muss. Die Kamera bleibt dicht an seiner Person; es wird nicht viel erklärt und mit Worten schon gar nicht. Vieles bleibt unausgesprochen und unverständlich. Emotionen sind mehr zu erahnen als zu spüren. Der Film fordert die Zuschauer heraus, Saul zu folgen und seinen Weg mit ihm zu gehen. Und mehr kann ein Film über den Holocaust nicht leisten.

    Der Film wurde 2015 auf führenden internationalen Filmfestivals (Cannes, Toronto, New York) mit Preisen ausgezeichnet; weitere Anerkennungen werden in diesem Jahr wohl folgen. Kein Mainstream-Kino, sondern ein aufschlussreicher und nachhaltiger Film, für den die Kinematographie erfunden wurde.

     

    (18.02.2016)

     

    O „Midnight Special“ von Jeff Nichols – USA 215 – 112 Min

    Ein Vater und sein achtjähriger Sohn unterwegs auf der Flucht vor religiösen Fanatikern, der Polizei und dem FBI – und vielleicht auch noch ein paar Außerirdischen. Der Junge verfügt über außergewöhnliche Fähigkeiten – aber nichts Genaues weiß man nicht. Behauptet wird viel, erklärt so gut wie nichts. Abgesehen von einigen eindrucksvollen Kinobildern hat man das alles schon oft gesehen. Keine Bereicherung des Science-Fiction-Genres. Schade um die Leistung der Darsteller, auch wenn Michael Shannon den väterlich-besorgten Part so gewohnt wie immer spielt.

     

     

    ++ „Hail, Caesar!“ von Joel & Ethan Coen – USA/GB 2015 – 105 Min.

    Hollywood, frühe Fünfzigerjahre. In einem der großen Filmstudios ist Eddie Mannix der Mann fürs Grobe. Auch als der Star des Monumentalschinkens „Hail, Caesar!“ entführt wird, behält er die Nerven, obwohl die Dreharbeiten unterbrochen werden und ihm zwei sensationshungrige Klatschreporterinnen auf den Fersen sind.

    Eine bitterböse und gleichzeitig charmant-liebevolle Satire auf Stars und Macher – eine Hommage an das Goldene Zeitalter der Studio-Ära mit zahlreichen Szenen aus Musicals, Western und Krimis der Schwarzen Serie. Auch ohne detaillierte Kenntnisse der Branche und Filmgeschichte eine vergnügliche Unterhaltung. Joel & Ethan Cohen (Buch und Regie) und das Darsteller-Ensemble mit Josh Brolin, Alden Ehrenreich, George Clooney, Ralph Fiennes und Tilda Swinton haben alles fest im Griff.

     

     

    (04.02.2016)

     

    ++ „Suffragette“ von Sarah Gavron – GB 2015 – 105 Min.

    Ein Film über die Anfänge der Frauenrechtsbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Großbritannien. Im Mittelpunkt steht das Schicksal einer jungen Arbeiterin, die sich erst zögernd, danach vehement den „Suffragetten“ anschließt. Beeindruckend die Atmosphäre und das Ambiente um sie herum: die Arbeitskolleginnen, die Nachbarn und ihr Ehemann. Sie wird zur Außenseiterin, die von den anderen gemieden wird. Im Kreis der gleichgesinnten Frauen, die mit abenteuerlichen und spektakulären Aktionen für die Gleichstellung der Frauen kämpfen, findet sie ein neues Zuhause, auch wenn viele von ihnen im Untergrund leben. Es ist der Vorteil des Films, die Geschichte einer ganz normalen Arbeiterfrau im Jahr 1912 zu erzählen und nicht die von Emmeline Pankhurst, der Gründerin der bürgerlichen Frauenbewegung. Ihr kommt hier nur eine Nebenrolle zu.

     

     

    (28.01.2016)

     

    (o) „Dope“ von Rick Famuyiwa – USA 2015 – 103 Min.

    Jugendliche aus einem Vorort von L.A. geraten unbeabsichtigt in eine Auseinandersetzung zwischen rivalisierenden Drogenhändlern und den Cops. Hip Hop und Punk-Rock können über die uninspirierte Handlung nicht hinwegtäuschen. Die Handlung läuft ins Leere und die Protagonisten sind so gestrickt, wie sie in vielen vergleichbaren Campus-Filmen anzutreffen sind.

     

     

    (21.01.2016)

     

    + „Alaaf You“ von Baris Aladag – D 2015 – 90 Min.

    Karneval von Innen! Kein gewöhnlicher (herkömmlicher) Dokumentarfilm über den Kölner Karneval. Keine Abarbeitung bekannter Versatzstücke, Vorurteile oder Klischees, sondern emotional miterlebt und nah dran. Das filmisch überzeugende Ergebnis eines Projektes, an dem sich viele bekannte und noch mehr unbekannte Kölner mittels Smartphone-Filmchen beteiligt haben. Der erste user-generated Kinofilm; ein Puzzle, das sich aus vielen unterschiedlichen Teilen zu einem eindruckvollen Gesamtbild zusammenfügt und die Leinwand-Zuschauer in den Bann schlägt. Ein gelungenes, innovatives Experiment. Rechtzeitig fertig geworden für die fünfte Jahreszeit 2015/16.

     

    ++ „Der Bunker“ von Nikias Shryssos – D 2015 – 85 Min.

    Der kleine Klaus wird von seinen Eltern zuhause in einem unterirdischen Bunker unterrichtet, der im tiefsten Wald gelegen ist. Der Vater fungiert als Hauslehrer und verteilt Strafen, die Mutter die Belohnungen. In diese etwas bizarre Idylle quartiert sich ein junger Student als Untermieter ein, um sich in Ruhe und Abgeschiedenscheit auf eine höchst wichtige wissenschaftliche Arbeit zu konzentrieren. Nach einer Weile spannen die Eltern von Klaus den Studenten mehr und mehr als Hauslehrer ein. Wie zu erwarten kommt es zu Konflikten und Auseinandersetzungen, die zu einer Katastrophe eskalieren.

    Surreale, phantastische und absurde Geschichten sind nicht unbedingt eine Domäne des deutschen Kinos. Doch was der griechisch-deutsche Filmemacher Chryssos hier vorlegt, ist bewundernswert mutig und überzeugend in jedem Detail. Es ist ein verstörend-witziger Film mit überbordenden Einfällen, der vom Zuschauer allerhöchste Konzentration verlangt. Man muss ihn unbedingt im Kino sehen. Einfach große Klasse! Der Film wurde auf internationalen Festivals mehrfach ausgezeichnet.

     

    (14.01.2016)

     

    ++ „The Revenant“ von Alejandro Gonzáles Inárritu – USA 2015 – 151 Min.

    Ein in jeder Hinsicht großformatiges Survival-Abenteuer aus einem unerforschten Gebiet, wo Menschen aus verschiedenen Kulturen, die Natur und alle Geschöpfe sich gegeneinander im Kampf ums Überleben befinden. Die Geschichte ist inspiriert von wahren Begebenheiten um den Ex-Soldaten, Jäger und Fallensteller Hugh Glass, der von seinen eigenen Leuten verraten und im Stich gelassen wurde. Leonardo DiCaprio hier in der Oscar reifen Rolle eines Mannes, der das Unvorstellbare überlebt und sich auf die lange Reise nach der Suche auf Rache begibt. Der Film wurde mitten in dem felsigen Terrain der abgelegenen kanadischen Wildnis gedreht. Ein Schauplatz, der die Zuschauer fasziniert und mit Handlungssequenzen, die im wahrsten Sinne des Wortes nahtnah miterlebt werden. Hier stimmt einfach alles: Darsteller, Buch und Regie, Kamera und Musik. Ein hervorragender Start des Filmjahres 2016.

     

    (31.12.2015)

     

    ++ „Die Vorsehung“ von Alfonso Poyart – USA 2015 – 101 Min.

    Eine Serie von bizarren Morden hält den FBI-Veteranen Joe Marriwether (Jeffrey Dean Morgen) und seine ambitionierte Partnerin Kaherine Cowles (Abbie Cornish) auf Trab. Am Ende ihrer Weisheit angekommen, bitten sie den einsiedlerischen Psychoanalytiker Dr. Clancy (Anthony Hopkins) um Hilfe und hoffen, dessen intuitive Kräfte für sich nutzen zu können. Clancys aufrüttelnde Visionen führen zwar auf die Spur des Serienkillers (Colin Farrell), doch er muss einsehen, dass all seine übernatürlichen Begabungen nicht ausreichen, um ihn zu stoppen.

    Ein Film, der nicht den vorgegebenen Mustern des Genres folgt, sondern immer wieder mit neuen Auflösungen überrascht. Es ist nicht leicht, mit Anthony Hopkins einen Psychothriller zu drehen, der von der routinierten Darstellung abweicht, doch Buch und Regie schaffen es, auch ihn zu neuen Leistungen zu fordern. Und das allein ist kein Grund, ins Kino (!) zu gehen, denn allein die visuell berauschende Kamera von Brendan Galvin ist das Eintrittsgeld wert.

     

     

    (26.11.2015)

     

    ++ „Ewige Jugend“ von Paolo Sorrentino – I/F/CH/GB 2015 – 118 Min.

    In einem noblen Wellnesshotel hoch oben in den Alpen, treffen sich zwei alte Freunde. Der eine (Michael Caine) ist ein berühmter Komponist und Dirigent, der sich dem süßen Nichtstun hingibt, der andere ist ein geschäftiger Regisseur, der ein neues Filmprojekt angeht, das aber durch das Eintreffen seiner launigen Muse (Jane Fonda) zu platzen droht. Schauspielkunst auf allerhöchstem Niveau – in erlesenem Ambiente und von Kameramann Luca Bigazzi atemberaubend ästhetisch zelebriert. Der deutsche Titel wird dem Original „Youth“ leider nicht gerecht. Es geht nicht um die ewige Jugend, sondern um das Altern.

    Ein entschleunigter Film, den man manchmal etwas anschubsen möchte.

     

     

    ++ „Bridge of Spies“ von Steven Spielberg – USA 2015 – 141 Min.

    Eine Geschichte die das Leben schrieb. Der Unterhändler – so der deutsche Titel des Films – ist der (Versicherungs-)Anwalt James Donovan, der in den 1950er-Jahren zunächst als Pflichtverteidiger des Sowjetagenten Rudolf Abel auftritt und zu einem späteren Zeitpunkt den Austausch seines Mandanten gegen den US-Piloten Gary Powers – der mit seinem Spionage-Flugzeug über der UdSSR abgeschossen wurde – arrangiert. Donovan gerät mehrfach zwischen die Fronten des Kalten Krieges, ist Vorurteilen und Mißverständnissen ausgesetzt, gerät in lebensbedrohende Situation und ist letztendlich auf sein eigenes Selbstbewusstsein und seine Cleverneß angewiesen. Schauplatz des spannenden Finales ist Ost-Berlin zur Zeit des Mauerbaus.

    Eine Paraderolle für Tom Hanks. Am Drehbuch waren Ethan Coen und Joel Coen beteiligt. Die Regie führte Steven Spielberg (auch Co-Produzent). Insgesamt also: Großes Kino!

     

     

    (12.11.2015)

     

    o „Eisenstein in Guanajuato“ von Peter Greenaway – NL/B u.a. 2015 – 105 Min.

    Ein Film über Sergej Eisenstein und seinen Aufenthalt in Mexiko 1931, wo er „Que viva Mexico“ drehte. Hier geht es aber in erster Linie nicht um den Film, sondern um Leben und Tod, Liebe und Homosexualität. Prominente Figuren wie Diego Rivera und Frida Kahlo haben nur kurze Auftritte. Ein Film voller Zitate und Bilder, direkt aus dem Kopf (und Schneidetisch) des Machers; wer sie gesehen hat, braucht für ca. eine Woche keine weiteren mehr. Ca. ein Dutzend Finanz- und Förderquellen haben sich daran beteiligt. Das ist immer ein Zeichen dafür, dass niemand so richtig dem Projekt und dem Film vertraute.

     

    (22.10.2015)

     

    o „The Last Witch Hunter“ von Breck Eisner – USA 2015 – 107 Min.

    Seit über 800 Jahren ist der Hexenjäger Kaulder (Vin Diesel) damit beschäftigt, einer niederträchtigen Hexenkönigin (Julie Engelbrecht) das Handwerk zu legen. Diesmal ist New York der Schauplatz des finalen Geschehens. Mit dabei u.a. Elijah Wood und Michael Caine, die auch ohne Masken und Kostüme ihre Genre-Routine bedienen. Hauen und Stechen mit üppiger Fantasy-Garnierung. Die FSK hat den Film ab 12 J. freigegeben; d.h., Angst und Schrecken halten sich in Grenzen.

     

     

    (15.10.2015)

     

    + „Black Mass“ von Scott Cooper – USA 2015 – 123 Min.

    South Boston in den 1970er-Jahren. FBI Agent John Connolly überredet den irischstämmigen Gangster Jimmy „Whitey“ Bulger, mit dem FBI zusammenzuarbeiten, um einen gemeinsamen Feind zu eliminieren: die italienische Mafia. Diese unselige Partnerschaft gerät schnell außer Kontrolle, sodass Whitey sich einer Verurteilung entziehen und seine Macht sogar stärken kann. Es gelingt ihm, sich als einer der skrupellosesten und einflussreichsten Gangster in der Geschichte von Boston behaupten. Bei seinen Morden und Erpressungen kann er sich auf die Loyalität seines Bruders Bill verlassen, der zum Senator aufgestiegen ist. Am Ende fliegt die Kumpanei zwischen Politik und Kriminalität auf und Whiteys Männer sagen gegen ihn aus.

    Die Story vom Aufstieg und Fall eines Gangsterbosses wurde im amerikanischen Kino schon oft erzählt. Johnny Depp kann der Hauptrolle (leider) keine neuen, überraschenden Facetten verleihen – auch wenn er hier wieder einmal mehr seiner Lust zur Maske nachkommen kann.

     

     

    (08.10.2015)

     

    o „Er ist wieder da“ von David Wnendt – D 2015 – 110 Min.

    Verfilmung des Bestsellers von Timur Vermes; erweitert um eine Mediensatire mit fiktiven, dokumentarischen und semi-dokumentarischen Szenen. Das wirkt mitunter zu verkopft und verkrampft. Immerhin regt der Film zu einer aktuellen Auseinandersetzung mit der Frage „Was wäre, wenn?„ an. Eine Crew ausgezeichneter Darsteller kann das Durcheinander des Geschehens (Zu viele Köche?) nicht bändigen. Schade.

     

    (02.10.2015)

     

    o „Pan“ von Joe Wright – USA 2015 – 110 Min.

    Erzählt wird die Geschichte des Waisenjungen Peter, der entführt, auf die Insel Nimmerland gebracht wird und aus dem dann der legendäre Peter Pan wurde. Also: die Einstimmung in die dann folgenden Verfilmungen; mal real, mal animiert, mal geglückt, mal daneben.

    Von der Vorlage der klassischen Erzählung und von den Inspirationen des Autors ist hier nicht viel geblieben. Dafür setzen die Produzenten auf die Möglichkeiten des 3D-Films und der Effekte. Die Karibik-Piraten sind dabei wohl des Vorbild.

     

     

    (1.10.2015)

     

    ++ „Der Staat gegen Fritz Bauer“ von Lars Kraume – D 2015 – 105 Min.

    Der Film über Fritz Bauer konzentriert sich auf seine enormen Anstrengungen um die Ergreifung von Adolf Eichmann, den Bauer unbedingt in Deutschland vor Gericht bringen wollte, um damit auch die Helfer und Helfershelfer anzuklagen oder anzuprangern. Die historischen Abläufe sind bekannt, auch die Verdienste von Fritz Bauer. Daraus einen spannenden KINO-Film zu machen ist das Verdienst von Buch, Regie und Kamera – aber in erster Linie auch das von Burghart Klaußner; er verkörpert kongenial den Titelcharakter bis in die feinsten Details von Mimik und Gestik. Es war allerhöchste Zeit, Fritz Bauer ein filmisches Denkmal zu setzen. Entstanden ist ein kraftvolles und fesselndes Porträt eines mutigen Mannes und dessen Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit. Ein Vorbild für alle Zeiten und Generationen.

     

    o „Regression“ von Alejandro Amenábar – Spanien/Kanada 2015 – 106 Min.

    Eine Kleinstadt in Minnesota im Jahr 1990. Ein Detektiv ermittelt im Fall einer jungen Frau, die ihren Vater des sexuellen Missbrauchs bezichtigt. Unterstützt wird er dabei von einem renommierten Psychologen, der mit Hilfe einer Regressionstherapie verdrängte Erinnerungen hervorholen will. Es stellt sich heraus, dass hinter den Vorfällen das Treiben einer satanischen Sekte steckt. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit.

    Poltergeistkino; ein Film, der sich nicht entscheiden kann, eine angeblich wahre Geschichte zu rekonstruieren, oder mit den Mitteln des Horror-Films die Zuschauer beeindrucken will.

    Was bleibt, sind die Leistungen der Hauptdarsteller und eine gefällige Kamera-Arbeit. Ein verwaschener Handlungsstrang bietet keine Antwort auf die vielen Fragen, die im Film angesprochen werden. Fazit: Zum Teufel damit!

     

     

    + „Sicario“ von Denis Villeneuve – USA 2015 – 121 Min.

    Sicario ist das spanische Wort für Auftragsmörder. Der Titel steht hier für einen hochemotionalen Thriller über die von Intrigen, Korruption und moralischem Chaos geprägten Abgründe der Drogenkriege im amerikanisch-mexikanischen Granzgebiet. Das hochkarätige Starensemble Emily Blunt, Benicio Del Toro und Josh Brolin garantiert Spannung und Action pur – so wie man es bislang nur aus den Romanen/Filmen von Don Winslow kannte.

     

     

    ++ „The Look of Silence“ von Joshua Oppenheimer – GB u.a. 2014 – 103 Min.

    Ein Dokumentarfilm des Regisseurs, der durch „The Act of Killing“ international berühmt wurde. Hier geht es um die Aufarbeitung der blutigen jüngeren Geschichte Indonesiens. Durch seine Recherchen mit den Verantwortlichen des Genozids 1965/66 erfährt eine Familie, unter welchen Umständen ihr Sohn getötet wurde und wer die Mörder waren. Der jüngste Bruder beschließt, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen. Er überwindet die Angst, unter der die Angehörigen und Nachfahren der Opfer bis heute leiden, und tritt den Männern gegenüber, die seinen Bruder auf dem Gewissen haben. Den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen dabei jene Gesprächssequenzen, in denen nicht gesprochen wird, sondern sich die Beteiligten wortlos gegenübersitzen und der Zuschauer nur ihre Regungen wahrnimmt. „The Look of Silence“ wurde international mit mehr als 40 Preisen und Auszeichnungen bedacht.

     

    (17.09.2015)

     

    o „Everest“ von Baltasar Kormákur – GB/USA 2015 – 122 Min.

    Der Film zeigt das tragische Ende der Everest-Expedition im Mai 1996, die acht Bergsteigern das Leben kostete. Die Ursachen sind in dem risikoreichen Vorgehen zweier konkurrierenden Gruppen und in einem katastrophalen Unwetter begründet. Die Vorlage dieses Überlebenskampfes bildete ein dokumentarischer Roman.

    Für einen Film ist es nicht leicht, aus der Melange von atemberaubender Natur und diversen Menschen-Ensembles eine dramaturgisch nachvollziehbare Handlungslinie zu finden. Aus den meist vermummten Darstellern ragt keine Identifikationsfigur hervor, die zum emotionalen Nachempfinden einlädt. Die Männer (Jake Gyllenhaal Jason Clarke, Josh Brolin und die anderen sind die Helden, die Frauen (Keira Kneightley, Robin Wright und die anderen) dienen als ihre Telefonpartnerinnen. Das Ganze wird im 3-D-Format präsentiert, was dem Geschehen aber keine zusätzliche Dimension ermöglicht.

     

    o „Ich und Kaminski“ von Wolfgang Becker – D 2015 – 120 Min.

    Es ist der Versuch des Regisseurs, gemeinsam mit seinem Hauptdarsteller Daniel Brühl an den Erfolg von „Good Bye, Lenin!“ anzuknüpfen. Doch die Vorlage, das gleichnamige Buch von Daniel Kehlmann, eignet sich nicht für eine scharfzüngige komödiantische Satire über einen windigen Kulturjournalisten, der es mit einem Großmeister der Malerei aufnehmen will. Einige Stargäste wie Josef Hader und Geraldine Chaplin wirken leider so, als hätten sie sich in einen falschen Film verirrt. Herausgekommen ist ein sehr anstrengender Film – für die Macher und für das Publikum.

     

     

    o „Sinister II“ von Ciarán Foy – USA 2015 – 90 Min.

    In einem abgeschiedenen Haus, weit entfernt von jeglicher Zivilisation, wähnt sich eine Frau mit ihren beiden Söhnen in Sicherheit. Sie versteckt sich dort vor ihrem gewalttätigen Ehemann, der seiner Familie dicht auf den Fersen ist. Von der wahren Bedrohung ahnt sie jedoch nichts: Auf dem alten Haus liegt ein mysteriöser Flucht des Dämons Bughuul, dem ein Ex-Polizist bereits seit Jahren auf der Spur ist. Und Bughuul hält die beiden alptraumatisierten Jungen bereits fest in seinen Klausen.

    Die Kinder- die toten und die lebenden – sind Ursache und Opfer des Horrors zugleich. In diesem Horrorfilm werden alle Ingredienzien des Genres verwurstet, wobei die Gardinen vor dem offenen Fenster nachts besonders tüchtig wehen. Nur die Katze im Schrank wird ausgelassen.

     

     

    (10.09.2015)

     

    ++ „45 Years“ von Andrew Haigh – UK 2014 – 93 Min.

    Kate (Charlotte Rampling) und Geoff (Tom Courteney) stecken mitten in den turbulenten Vorbereitungen zur Feier ihres 45. Hochzeitstages, als ein Brief aus der Schweiz eintrifft. Man hat die Leiche von Geoffs Jugendliebe Katya in den Alpen entdeckt, 50 Jahre nach ihrem Unfalltod, im Gletschereis konserviert...

    Andrew Haigh (Buch und Regie) hat einen Film gedreht, in dem es um unaufdringliche Alltagsbeobachten geht, um die seit Jahren gewachsenen Gewohnheiten und Verrichtungen, die nun auf die Probe gestellt werden. Es ist ein Film der Gesten und Blicke, ein wahres Fest der Schauspielkunst; beide Hauptdarsteller wurden dafür bei der 65. Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Das spricht für sich und macht den Film unbedingt sehenswert. Hinzu kommt dann noch die Kamera von Lol Crawley mit einer Farb-Ästhetik, die das Licht der weiten, flachen Landschaften Norfolks in langen und wunderschönen Einstellungen einfängt.

     

    (03.09.2015)

     

    o „The Transporter Refueled“ von Camille Delamare – F/China 2015 – 97 Min.

    Die beschaulichen Zeiten von Kommissar Maigret sind endgültig vorbei. Die von einer russischen Bande zur Prostitution gezwungene Frauen rächen sich an die brutalen Gangster mit ebensolchen brutalen Mitteln. Mit dabei eine Femme Fatale, die den Vater des Transporter als Geisel nimmt, um dessen Sohn zu Kooperation zu zwingen. Viel Action, hammerharte Szenen mit wunderschönen Frauen und furiose Verfolgungsjagden reihen sich aneinander. Interessant ist das Gespann von Ed Skrein und Ray Stevensohn, die als Sohn und Vater gemeinsam agieren und dabei zur Hochform auflaufen. Unverkennbar sind das Design und die Hochgeschwindigkeit von Schauplatz und Geschehen unter der Mitverantwortung von Luc Besson als Produzent.

     

     

    - „French Women“ von Audrey Dana – Frankreich 2014 – 116 Min.

    Französische Filmkomödien mit schönen Frauen als Protagonistinnen sind hinreichend bekannt durch ihren Charme und Esprit. Und wenn es dann gleich elf Frauen sind – von Asabelle Adjani bis Sylvie Tesdud – sind die Erwartungen besonders hoch. Das hier aber ist ein Film zum Fremdschämen: Es soll darum gehen, sie bei der (gemeinsamen) Jagd nach Liebe, Glück und Freundschaft zu zeigen. Herausgekommen ist ein Handlungsniveau auf unterstem Niveau. Platte Witze, Schadenfreude, sexistische Dialoge etc. Das kann nicht nur an der bescheuerten deutschen Synchronisation liegen. Wenn dieser Film im Kino ihrer Wahl läuft, dann genießen sie den freien Abend – oder schauen sie sich den gleichzeitig anlaufenden Film von Werner Herzog „Königin der Wüste“ an.

     

    + „Königin der Wüste“ von Werner Herzog – USA/Marokko 2015 – 128 Min.

    Ein Abenteuer- und Liebesdrama über eine der außergewöhnlichsten Frauen der Weltgeschichte: Gertrude Bell (1868-1926), die durch ihre wagemutigen Reisen durch den Nahen Osten als „Königin der Wüste“ berühmt wurde und durch ihr Engagement Geschichte schrieb. Eine Figur, die sich ideal in das Panorama der Protagonisten einfügt, um die herum Werner Herzog gerne seine Filme formt. Wie immer, so kommt es ihm in erster Linie auch diesmal darauf an, sein Publikum an möglichst alle Orte dieser Welt zu führen, das fing bereits vor einigen Jahrzehnten mit LEBENSZEICHEN, AGUIRRE und FITZCARRALDO an. Und so ist hier die Wüste (genauer: die Kamera von Peter Zeitlinger, mit dem Herzog seit zwanzig Jahren eng zuammenarbeitet) die eigentliche Hauptdarstellerin des Films. Nachteilig. Nicole Kidman in der Titelrolle ist zu schön, um wahr zu sein: Sie geht frisch geschminkt und tadellos aussehend durch alle Stationen des Films. Etwas mehr sichtbare Anstrengungen und Strapazen wären glaubhafter. Aber da alles sowie nur Film und Kino ist spielt das keine große Rolle.

     

    (27.08.2015)

     

    - „Hitman: Agent 47“ von Aleksander Bach – USA 2015 – 85 Min.

    Ein Super-Agent und Profikiller, geklont, unschlagbar und unbarmherzig, erweist sich auch als eine perfekte Tötungsmaschine. Der Zuschauer darf froh sein, dass das Kino nicht auch noch zerstört wird. Wer das Plakat mit dem beidhändig schiessenden Strahlemann genau studiert, der kann getrost auf den Besuch des Films verzichten. Mehr ist nicht, wirklich!

    Ratespiele: Wieviel Menschen werden auf unterschiedliche Weise gekillt und womit? Und in welcher klitzekleinen Nebenrolle versteckt sich ein bekanntes deutsches Raubein?

     

     

    (20.08.2015)

     

    + „Self/Less – Der Fremde in mir“ von Tarsem Singh – USA 2015 – 117 Min.

    Ein milliardenschwerer Unternehmer erfährt, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Um seine Lebenszeit zu verlängern, lässt er sein Bewusstsein in einen anderen, jüngeren Körper übertragen. „Shedding“ nennt sich das geheime und teure Verfahren, das von einer undurchschaubaren Organisation praktiziert und kontrolliert wird. Die Aktion verläuft erfolgreich. Doch dann wird der „neue Mensch“ von wirren Alpträumen geplagt, da sich die Erinnerungen des „alten Menschen“ mehr und mehr ausbreiten und für brisante und gefährliche Momente sorgen. Und da die Organisation nicht bereit ist, ihr lukratives Wissen kampflos aufzugeben, muss der „neue Mensch“ um sein Leben fürchten. Was folgt ist eine atemberaubende Tour des Force durch sich überschneidende, jagende Bilderwelten, die den Verstand auf den Kopf stellt.

    Ein visuell beeindruckender und packender Sci-Fi-Thriller mit atemberaubenden Bildern des Kameramannes Brendan Galvin, der seine erfolgreiche Karriere mit Arbeiten für Neil Jordan und Alan Parker begann. Uns sonst: Den alternden Körper von Ben Kingley gegen den des Strahlemannes Ryan Reynolds auszutauschen – ist auch nicht schlecht; auf jeden Fall aber sehenswert.

     

    o „Southpaw“ von Antoine Fuqua – USA 2015 – 123 Min.

    Ein erfolgreicher Boxer gerät durch den tragischen Tod seiner Ehefrau in eine Krise, die ihn von Alkohol und Drogen abhängig macht. Kurz vor dem endgültigen Absturz kümmert sich ein ehemaliger Boxer um ihn und richtet ihn wieder auf. Allmählich führt er ihn zu alter Stärke zurück... Die Geschichte ist wahrlich nicht neu, wird alle Jahre wieder variiert. Jake Gyllenhaal spielt den aktiven Boxer und Forest Whitaker den alten. Und wenn er diese Rolle übernimmt, dann weiß man auch, wer am Ende gewinnt.

     

     

    (23.07.2015)

     

    + „Ant-Man“ von Peyton Reed – USA 2015 – 117 Min.

    Ein exzellent gestalteter Film aus der Marvel-Familie. Paul Rudd spielt den Trickbetrüger Scott Lang, der die unglaubliche Fähigkeit besitzt, auf winzige Körpergröße zu schrumpfen und gleichzeitig seine Kräfte zu vervielfachen. Fulminante Comic-Verfilmung mit beeindruckenden Schauwerten, stimmigen Dialogen und witzigen Sequenzen. Ideal für das Sommerkino im Freien.

     

     

    (16.07.2015)

     

    o „Senor Kaplan“ von Alvaro Brechner – Uruguay/Deutschland 2014 – 98 Min.

    Der 76-jährige Jacob Kaplan verbringt einen unaufgeregten Lebensabend in Montevideo inmitten seiner Familie in der jüdischen Gemeinde. Als das Gerücht kursiert, ein deutscher Nazi halte sich seit Jahren an der Küste Uruguays versteckt, sieht er eine Gelegenheit, eine große Tat zu vollbringen: der Deutsche soll nach Israel ausgeliefert werden. Ein chaotischer Ex-Polizist wird ihm bei der Nazijagd helfen. Aber als der Entführungsplan realisiert werden soll, kommt das Opfer ihnen auf die Schliche...

    Eigentlich ein guter Plot, der sich sowohl für ein Drama wie auch für eine Komödie eignet. Doch die Auflösung der Geschichte ist derart konfus und lächerlich, dass es beinahe einer Selbstverstümmelung gleicht. Schade um Rolf Becker, den man nach längerer Leinwandpause gerne in einen ihm angemessenen Film gesehen hätte.

     

     

    (9.7.2015)

     

    + „Escobar – Paradise Lost“ von Andrea di Stefano – F/B/S/Panama 2014 – 114 Min.

    Der junge Kanadier Nick will gemeinsam mit seinem Bruder an der kolumbianischen Küste eine eigene Surfschule aufbauen. Er verliebt sich in Maria; doch die ist ausgerechnet eine Nichte des berüchtigten kolumbianischen Drogenbarons Pablo Escobar. Ohne es richtig zu wollen, wird Nick zu einem Familienmitglied – mit allen Rechten und Pflichten. Mehr und mehr lässt sich Nick n die schmutzigen Machenschaften des Medellin-Kartells verstricken. Escobar führt einen blutigen Kampf gegen die kolumbianische Regierung und verlangt von Nick eine folgenschwere, tödliche Entscheidung.

    Der Film verknüpft die Geschichte des jungen Aussteigers geschickt mit teilweise fiktiven Elementen aus dem Leben von Pablo Escobar – der einerseits alles für seine Familie tut, andererseits aber auch ein rücksichtsloser, brutaler Killer ist. Eine hervorragende Rolle für Benicio del Toro in einem packenden Thriller, der mit einem hervorragenden Darsteller-Ensemble, außergewöhnlichen Schauplätzen und mit einer elektrisierenden Atmosphäre aufwartet.

     

     

    (18.06.2015)

     

    + „Big Game“ von Jalmari Helander – Finnland/GB/D – 91 Min.

    Der schüchterne 13-jährige Oskari muss gemäß der Tradition seines finnischen Dorfes eine Nacht allein und nur mit Pfeil und Bogen bewaffnet in den Wäldern verbringen. Während er aufbricht, greifen Terroristen die Air Force One im finnischen Luftraum mit einer Rakete an. Der US-Präsident (Samuel L. Jackson) wird in eine Rettungskapsel gesteckt und aus dem Flugzeug geschossen. Oskari findet den angeschlagenen Präsidenten und hilft ihm aus seiner misslichen Situation. Doch bald haben die beiden es mit rücksichtslosen Terroristen zu tun, die ihnen auf der Spur sind. Die Jagd ist eröffnet....

    Eine unglaubliche Geschichte, aber aufwändig und spannend inszeniert mit immer neuen Variationen. Es ist ein KINDERFILM – und so muss man ihn auch bewerten. Die Logik folgt nicht der Wahrscheinlichkeit, sondern den Gesetzen des Drehbuchs – diesmal überaus unterhaltsam und vergnüglich.

     

     

    - „Die Lügen der Sieger“ von Christoph Hochhäusler – D 2014 – 112 Min.

    Ein renommierter Journalist in der Hauptstadtredaktion eines politischen Nachrichtenmagazins recherchiert gemeinsam mit einer ihm zugeteilten Praktikantin eine brisante Story über die zweifelhafte Invalidenpolitik der Bundeswehr. Als sie ihm wegbricht, weil sein Informant abspringt, tut sich ein Giftmüllskandal als neuer Schauplatz aus. Es mehren sich die Anzeichen, dass beide Geschichten zusammengehören...

    Hochhäuslers Film (Regie und Drehbuch) handelt von dem Zusammenspiel von Macht, Lobbyismus und Medien-Manipulation. Daraus wurde aber kein Polit-Thriller, sondern ein enttäuschend spannungsarmer Fernsehfilm, der kein Klischee auslässt und dessen Bilder für die Kino-Leinwand aufgeblasen wurden. Der Versuch, aus dem Team Enthüllungsjournalist und Hackerin (Praktikantin) die Protagonisten für mögliche Fortsetzungen nach dem Vorbild von Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander zu formen, ist gescheitert. Sich an Stieg Larsson zu orientieren ist zu hoch gegriffen.

     

    (11.06.2015)

     

    o „Jurassic World“ von Colin Trevorrow – USA 2015 – 124 Min.

    22 Jahre nachdem Steven Spielberg mit seinem spektakulären JURASSIC PARK eine neue Ära des Großbild-Kinos einleitete, produzierte er nun mit JURASSIC WORLD einen weiteren Blockbuster. Schauplatz ist der größte Themenpark der Welt, der die Wunder der Wissenschaft und Geschichte mit dem Luxus, den Schauwerten und den leiblichen Genüssen verbindet, die heute von internationalen Touristen erwartet werden. Durch Genmanipulationen wurde der riesige Indominus Rex erschaffen, der sich als unberechenbar und äußerst gefährlich erweist. Doch als er ausbricht, alle Tiere und Menschen bedroht sind, folgt das in diesen Filmen übliche Katastrophen-Schema. Die Besonderheit hier ist, dass nach dem Motto „Die Guten in Tröpfchen – die Schlechten ins Kröpfen“ die Lebewesen je nach Drehbuch und Charakter gefressen oder verschont werden. Zu den in Gefahr geratenen Protagonisten gehören auch zwei Kinder. Und wer Spielberg-Filme kennt, der weiss, dass ihnen nichts passiert. So gesehen, ist JURASSIC WORLD mehr ein Film für Kinder als für Erwachsene.

     

     

    (04.06.2015)

     

    + „Kind 44“ von Daniel Espinosa – USA 2015 – 136 Min.

    Eine Mischung aus Krimi und Polit-Thriller nach einem Bestseller des britischen Autors Tom Rob Smith. Die Handlung spielt in der UdSSR in den Fünfziger Jahren – also zur Stalinzeit, in der des offiziell keine Verbrechen gab. Hier geht es um einen couragierten Offizier, der mehr oder weniger aus persönlichem Engagement heraus einem Serienmörder auf der Spur ist. Die Orte der Handlung und die Charaktere heben sich angenehm ab von den gestanzten Figuren des herkömmlichen britisch-amerikanischen Krimis. Insofern hat der Film einen hohen Unterhaltungswert, der den Anforderungen an einen perfekten Genre-Krimi gerecht wird.

    Allerdings sagt er sehr wenig aus über die zeitgeschichtlichen, realen Hintergründe und die Kriminalgeschichte hinter dem Eisernen Vorhang. Wer dazu mehr erfahren möchte, der ist mit den Krimis des russischen Kriminalschriftsteller Arkadi Adamow bestens bedient. Sie sind in den 1960- und 1970er Jahren im Verlag Volk und Welt erschienen und genießen bei Kennern und Sammlern hohes Ansehen – „Der verschwundene Hotelgast“ und „Die Tote in der Baugrube“ sind Klassiker, die man auch heute noch lesen kann.

     

     

    (28.05.2015)

     

    ++ „Ein Jungenamens Titli“ von Kanu Behl – Indien 2014 – 124 Min.

    Titli hat den brutalen Alltag in den Slums von Delhi satt: Er plant die Flucht vor seiner kriminellen Familie und spart eisern für ein neues Leben. Doch Korruption, kriminelle Machenschaften der Polizei und die raue familiäre Bürge erlauben keine Träume und zwingen ihn dazu, sich weiterhin als Handlanger seiner Brüder zu verdingen. Als diese ihn verheiraten, damit die Familie davon profitiert, macht er seine Frau Neelu zu seiner Verbündeten wieder Willen. Dabei folgt Neelu ihrem ganz eigenen Plan. Sie hat einen Geliebten, der sich aber später als Betrüger erweist. Auf dem Weg in die Freiheit wird Titli allmählich seinen Brüdern und dem System, dem er zu entfliehen versucht, immer ähnlicher.

    Es gibt immer wieder Filme die sich den herkömmlichen Erzählmustern entziehen, mit ungewohnten Schauplätzen und sperrigen Charakteren überraschen. Dieser Film ist ein ungewöhnlicher Debütfilm und ein Musterbeispiel des erstarkenden Noir-Realismus der indischen Filmszene. Er zeigt mit voller Wucht den Verzweiflungsschlag eines chancenlosen Slumbewohners gegen patriarchalische Strukturen und soziale und politische Gewaltmechanismen. Von seiner vitalen, visuellen Kraft her ist dieser Film durchaus mit „Rocco und seine Brüder“ von Visconti vergleichbar. Es besseres Kompliment kann man einem Debütfilm nicht machen.

     

    (14.5.2015)

     

    ++ „Mad Max: Fury Road“ von George Miller – USA 2015 – 100 Min.

    Mad Max kann seine wilde Vergangenheit nicht vergessen und beschließt, dass er allein die besten Überlebenschancen hat. Dennoch gerät er in der Wüste an eine Gruppe Flüchtlinge in einem Kampfwagen – am Steuer sitzt die elitäre Herrscherin Furiosa. Die Gruppe ist aus der Zitadelle des Tyrannen Immortan Joe entkommen, dem etwas Unersetzliches gestohlen wurde. Also setzt der wütende Warlord seine Banden in Marsch, um die Rebellen zu verfolgen. Ein temporeicher Straßenkrieg beginnt.

    George Miller hat das postapokalyptische Genre erneut in eine neue Dimension des Action- und Abenteuerkinos gehoben. Die Handlung des Films kann man schlecht beschreiben, es kommt auf die virtuosen Schauwerte und den perfekten Umgang mit den technischen Mitteln an. Ein Film, den man SEHEN muss.

     

     

    (07.05.2015)

     

    + „Das Versprechen eines Lebens“ von Russell Crowe – Australien 2014 – 112 Min.

    Ausgangspunkt ist die Teilnahme der ANZAC-Legende (ANZAC = Australian and New Zealand Army Corps) an der Schlacht von 1915 auf der türkischen Halbinsel Gallipoli, die mehr als 100.000 Menschen das Leben kostete und weitere 200.000 Soldaten auf beiden Seiten verletzt wurden. Dieser Film geht jedoch dem eigentlichen Kriegsgeschehen aus dem Weg, sondern konzentriert sich dafür auf die Geschichte eines australischen Farmers, der seine drei Söhne auf dem Schlachtfeld verloren hat und sich Jahre später auf den Weg macht, trotz aller Schwierigkeiten und Hindernissen ihren Spuren zu folgen. Er kann mit ihrem Verlust nicht abschließen und riskiert sogar sein eigenes Lebens, um Gewissheit zu erlangen.

    Russell Crowe als Hauptdarsteller und Regisseur des Kriegs-Abenteuerfilms überzeugt in allen Belangen, wobei ihm ein erfahrenes und routiniertes Autoren- und Produktionsteam zur Seite steht.

     

     

    (30.04.2015)

     

    o „Kein Ort ohne Dich“ von George Tillman jr. – USA 2014 – 139 Min.

    Für Sophia, Studentin im letzten Studienjahr an der University of Wake Forest, geht ein Traum in Erfüllung. Kurz vor dem Abschluss hat sie eine Praktikantenstelle bei einer namhaften Kunst-Galerie in New York ergattert. Damit sind alle Voraussetzungen für ihre Karriere in der Welt der Kunst und des Kunsthandels gegeben. Doch dann verliebt sie sich in den Bullenreiter Luke, der einen schweren Unfall überwunden hat und nun einen Neustart angeht, der ihn wieder an die Spitze der Rodeoreiter führen soll. Es ist nicht so einfach, die Lebensplanung der beiden Liebenden miteinander zu verknüpfen. Doch dann lernen sie den betagten, verwitweten Kunstsammler Ira kennen. Nach einem Autounfall rettet ihm Luke sein Leben und Sophia hilft ihm beim Überleben. Sie erfahren von der leidenschaftlichen Liebe zwischen Ira und Ruth; beide haben sich den Herausforderungen ihres Lebens gestellt und eine überaus glückliche Zeit miteinander verbracht. Und diese Begegnung und die damit verbundenen Erfahrungen tragen dazu bei, dass auch Sophia und Luke die richtigen Entscheidungen treffen. Am Ende des Films sind alle glücklich: Sophie bekommt ihren Traumprinzen und wird Kuratorin der Galerie mit der Kunstsammlung von Ira und Ruth, und Luke gewinnt alle Kämpfe, dazu noch sehr sehr viel Geld und die heiß ersehnte Lebensgefährtin.

    Schöne Menschen, schöne Bilder und schönes Ambiente. Eine emotional bewegende Lovestory nach einem Roman von Nicholas Sparks. Erwähnenswert von das Ensemble ausgezeichneter Darsteller in den führenden Rollen. Wer’s mag ...

     

     

    - „Fassbinder“ von Annekatrin Hendel – D 2015 – 92 Min.

    Eine TV-Produktion über R.W.F. Wie kein anderer hat er in der kurzen Schaffensphase seines Lebens die deutsche Gesellschaft wahrhaftiger porträtiert und polarisiert. Als er 1982 mit nur 37 Jahren stirbt, hat er das Theater revolutioniert und sein Gesamtwerk von 44 Filmen und Fernsehserien hinterlassen. Dieser Film ist das unbefriedigende Porträt des enfant terrible des deutschen Kinos; einerseits will der das Binnenleben des Protagonisten mit seiner Crew entschlüsseln, andererseits soll jede Produktion einmal kurz erwähnt werden. Und dazu noch wenig aussagende Statements von Weggefährten etc. Insgesamt eine bebilderte Bio-Filmographie, die zu keinen neuen Erkenntnissen führt. Ein wirklich interessanterer und aufschlussreicherer Film wie „Ein Mann wie EVA“ (D 1983/84), in dem Eva Mattes den legendären Regisseur verkörpert, wird hier noch nicht einmal erwähnt. Und die filmische Analyse des „Schlüsselfilms“ des Fassbinder-Teams „Warnung vor einer heiligen Nutte“ (D 1970/71, mit Lou Castel als Regisseur und Eddie Constantine als Star) wäre eine wirklich innovative Leistung.

     

     

    o „Die Gärtnerinnen von Versailles“ von Alan Rickman– UK 2014 – 116 Min.

    Frankreich, Ende des 17. Jahrhunderts. Die Landschaftsgärtnerin Sabine De Barra (Kate Winslet) erhält von dem obersten Gartenarchitekten Ludwig XIV den Auftrag, einen Barockgarten zu bauen. Und schon geht es los mit den höfischen Intrigen, diversen Liebschaften, Verschwörungen und leidenschaftlichen Konfrontationen. Und über allen Dingen schwebt ein Sonnenkönig, dessen Rolle sich der Drehbuchautor und Regisseur Alan Rickman auf den Leib geschrieben hat. Muss das eine schöne Zeit gewesen sein: elegante Menschen in schönen Kostümen im schönen Ambiente etc. Am Ende geht alles gut aus. Wer’s mag, wird mit diesem opulenten Historienspiel bestens bedient. Neue Erkenntnisse sind nicht zu gewinnen.

     

     

    o „The Gunman“ von Pierre Morel – F/S/GB 2015 – 115 Min.

    Die Geschichte ist einfach: Ein Ex-Söldner muss um sein Über-Leben kämpfen. Er hatte vor einigen Jahren im Auftrag eines Wirtschaftskonzerns einen tödlichen Anschlag auf einen hochrangigen Minister im Kongo ausgeführt und sich dabei als NGO-Mitarbeiter getarnt. Und nun gerät er ins Visier seines ehemaligen Auftraggebers und eine tödliche Verfolgungsjagd von Afrika über London quer durch Europa beginnt...

    Alle Zutaten dieses Genre-Films gut gemischt: Ein Star wie Sean Penn, ein Gegenspieler wie Javier Bardem“, ein Regisseur wie Pierre Morel („96 Hours“) und internationale Schauplätze!

    Das ist perfekt, sehr unterhaltsam. Großes Kino. Aber kein Drehbuch! Sogar im Presseheft wird kein Verantwortlicher genannt. Und das will was heißen.

     

     

    (23.04.2015)

     

    + „Ex Machina“ von Alex Garland – GB 2015 – 108 Min.

    Ein junger Programmierer erhält unerwartet die Chance, eine Woche in einem privaten Refugium in den Bergen zu verbringen, das dem charismatischen Chef der größten Internetfirma der Welt gehört. Dort soll er an einem merkwürdigen und faszinierenden Experiment mitwirken: mit der ersten wirklichen künstlichen Intelligenz der Welt interagieren, die im Körper eines bildschönen Robotermädchens untergebracht ist. Das Unternehmen nimmt schnell eine unerwartete Wendung und entwickelt sich zu einem düsteren psychologischen Schlagabtausch, in dem Loyalitäten zwischen Mensch und Maschine getestet werden. Und wer kann es einem sexy Robotergirl verübeln, mit neu gewonnenen Erkenntnissen einen eigenen Weg zu gehen?

    Ein packender psychologischer Thriller, cool inszeniert und ästhetisch herausfordernd verpackt. Ein Science-Fiction-Film mit leisen Tönen und schleichend ansteigender Spannung.

     

     

    + „Hubert von Goisern – Brenna tuat’s schon lang“ von Marcus H. Rosenmüller – A/D 2015 – 95 MIN.

    Um Hubert von Goisern zu beschreiben, muss man ihn live erlebt haben: auf großen und auf kleinen Bühnen. Immer präsent, immer vital, immer animierend. Ein Volksmusikerneuerer, der sich in keine Schublade stecken lässt. Der Film von Marcus H. Rosenmüller klärt auf über die Zeiträume zwischen den großen Tourneen bzw. Projekten; er bringt uns den Menschen Goisern ungewöhnlich nahe. Er überzeugt durch die gut getimte Mischung von Musik, Interviews, Archivmaterial und Musik, Musik ...

    Ein Film für Fans, selbstverständlich. Aber auch für solche, die ihn bislang noch nicht kennen und mit Sicherheit seinen nächsten Auftritt nicht versäumen werden.

    Es sei noch erwähnt, dass der Regisseur ein ausgesprochenes Händchen für pralle Kino-Filme hat. Und das tut diesem Film gut: ein Heimatfilm mit Volksmusik auf großer Leinwand!

     

     

    ++ „Big Eyes“ von Tim Burton – USA/Kanada 2014 – 106 Min.

    In hochinteressanter Film über einen „Kunstskandal“ in den 1960er Jahren, der in seinen Ursachen und Folgen bis in die heutige Zeit hineinreicht – denken wir nur an die Bilderfälscher- Händlerbetrugs- und Urheberrechtsprozesse. Hier geht es um die Künstlerin Margret Amy, die es mit ihren „Big Eyes“, den Bildern von Kindern mit besonders großen, traurigen Augen, zu Weltruhm brachte. Anfangs war es jedoch so, dass ihr erfolgssüchtiger Ehemann die Bilder unter seinem Namen auf den Markt brachte und es bedurfte eines spektakulären Gerichtsprozesses, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

    Tim Burton, der Meister des skurrilen, visionären Kinos mit einem Faible für ungewöhnliche Stoffe und Charaktere, nimmt sich hier sehr stark zurück. Er verzichtet ganz auf exentrische Ausflüge sondern konzentriert sich ganz auf die Rekonstruktion einer realen Geschichte, wobei das Porträt der Protagonisten (u.a. Christop Walz als eloquenter, doppelbödiger Businessman) sowie die Visualisierung der 1960er-Ästhetik die herausragenden und beeindruckenden Erlebnisse sind.

     

     

    + „A Girl Walks Home Alone At Night“ von Ana Lily Amirpour – USA 2014 – 99 Min.

    Eine iranische Vampirfilm-Romanze – das ist eine außergewöhnliche Produktion, die in einer fiktiven iranischen Geisterstadt spielt und in der Wüste Kaliforniens gedreht wurde. Ein film noir in Schwarzweiß (so, wie es sich gehört). Ein Gruselfilm, der auch ein Comic sein könnte. Es geht um einen weiblichen Vampir, der verhüllt in einen Tschador (!) nachts durch die Straßen streift und sich mit einem jungen Außenseiter anfreundet. Daraus wurde ein doppelbödiges und sinnliches Traumspiel voll visueller Kraft und abgründiger Provokationslust. Der Film wurde mehrfach auf Internationalen Festivals ausgezeichnet. „Es ist, als hätten Sergio Leone und David Lynch ein gemeinsames Baby und dafür Nosferatu als Babysitter bestellt.“ (Ana Lily Amirpour)

     

     

    (02.04.2015)

     

    o „Every Thing Will Be Fine“ von Wim Wenders – D 2014 – 115 Min.

    Es geht um einen Schriftsteller, der unverschuldet einen Autounfall versucht, bei dem ein kleines Kind stirbt. In den nächsten zehn Jahren geht es um die Bewältigung dieses tragischen Zwischenfalls und darum, wieder schreiben zu können und eine Beziehungskrise zu bewältigen. Das braucht sehr viel Zeit. Und es geht um die inneren Vorgänge des Protagonisten, die auch durch den Einsatz der 3D-Technik visuell nicht attraktiver werden. An der Produktion des Films sind ca. fünfzehn Förderinstitutionen beteiligt. Das deutet darauf hin, dass niemand den Film zu seiner Sache machen wollte.

     

     

    ++ „Elser“ von Oliver Hirschbiegel – D 2014 – 110 Min.

    Seine Tat – das missglückte Attentat auf Adolf Hitler am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller – ist bekannt, über seine Person und die Beweggründe zu dieser Aktion weiß man nicht so viel. Umso verdienstvoller ist es, mit diesem Film einem couragierten Mann posthum Ehre zu erweisen. „Elser“ ist keine TV-Geschichtsstunde, deren Design die (Hy-)Stories einebnet, sondern pralles Kino; voll von emotionalen Momenten und überzeugenden Darstellern wie Christian Friedel, Katharina Schüttler und Burghart Klaußner. Die Qualität dieser Produktion garantiert der mit solchen Stoffen und Themen vertraute Drehbuchautor Fred Breinersdorfer (er hat es gemeinsam mit seiner Tochter Léonie-Claire geschrieben). Mit „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ erzielte er einen international anerkannten und erfolgreichen Film, dessen Nachhaltigkeit wohl auch eine Produktion wie „Elser“ ermöglicht hat.

     

     

    (19.03.2015)

     

    o „Die Räuber“ von Frank Hoffmann und Pol Cruchten – Lux/Bel/D 2014 – 84 Min.

    „Sehr frei nach Schiller“ ist der den Titel begleitende Text eines Films, der die Vorlage in die korrupte Finanzwelt in Luxemburg verlegt. Herausgekommen ist eine wenig überzeugende Mischung aus Krimi und Polit-Thriller, die einerseits sich bewusst von Schillers Drama trennt, andererseits aber immer wieder bemüht ist, sich damit zu vergleichen. Das ist anstrengend und alles andere als ein Film für die Leinwand. Allenfalls verfilmtes Theater als (sehr) kleines Fernsehspiel. Euro-Pudding, an dem sich mehrere Länder und Fördergremien mit diversen Zutaten beteiligten. Das ist leider oft der Fall, wenn keiner dem Stoff so richtig traut. „Viele Köche ... “!

     

     

    + „Das ewige Leben“ von Wolfgang Murnberger – A 2015 – 120 Min.

    Jetzt ist schon wieder was passiert: Ein neuer Film mit Josef Hader als Brenner nach dem gleichnamigen Roman von Wolf Haas. Brenner steht kurz vor dem Nichts und bekommt immer noch zusätzlich einen auf die Mütze. Es zieht ihn nach Graz, zurück in das heruntergekommene, nicht mehr bewohnte Elternhaus. Der Kontakt zu ehemaligen Weggefährten verläuft anders als erwartet. Da es mehr als nur einen dunklen Punkt in ihrer Vergangenheit gibt, bleiben tödliche Konsequenzen nicht aus. Am Anfang war Brenner am Ende doch am Ende könnte es für ihn einen neuen Anfang geben. Als Fan von Hader/Brenner/Haas wünsche ich ihm das, was der Titel verspricht: ein ewiges Leben!

     

    (12.03.2015)

     

    + „Cinderella“ von Kenneth Branagh – USA 2014 – 105 Min.

    Kenneth Branagh, als Regisseur bekannt durch seine fulminanten Shakespeare-Verfilmungen, kreiert ein bekanntes Märchen in Hochglanzbild-Version. Alles noch üppiger und bunter als in den bisherigen Filmen, alles noch greller und kitschiger. Dahinter – wenn man genau hinschaut – weichen einige Figuren jedoch vom überkommenen Klischee ab; beispielsweise wird das Handeln der Stiefmutter durch einen Argumentationszusammenhang verständlich, der ansonsten ausgespart wurde. Cate Blanchett liefert eine auf- und anregende Interpretation des Charakters einer ehrgeizigen, hochverschuldeten Frau, die um die Absicherung für sich und ihre Töchter kämpft. Aber ein Sozial-Drama ist es nicht geworden. Denn wo Disney drauf steht, ist auch Disney drin. Wer’s mag, wird glänzend unterhalten.

     

     

    (26.02.2015)

     

    + „American Sniper“ von Clint Eastwood – USA 2015 – 132 Min.

    Es geht um den US-Navy-SEAL und Scharfschützen Chris Kyle, der über 150 Tötungen auf seinem Konto hat, in die Militärgeschichte eingegangen und zu einer Legende geworden ist. Der Film beruht auf wahre Begebenheiten; Grundlage ist die Autobiographie des Schützen, der im Februar 2013 auf einem Schießstand in Texas von einem Irak-Krieg-Veteranen erschossen wurde und nicht mehr am Film beteiligt war. Der Regisseur konzentriert sich ganz auf seinen gottesfürchtigen Protagonisten und dessen Psyche; er versucht, die inneren Vorgänge von außen her sichtbar zu machen, um ihn zu verstehen. Dabei muss man nicht auf der Seite des „Helden“ stehen, der sein Land gegen die bösen Araber verteidigt. Seine Person steht allerdings für viele amerikanische Soldaten, die mit patriotischer Haltung in den Krieg gezogen sind und dabei zerbrachen. Man kann Eastwood vorwerfen, den Irak-Krieg nicht angemessen oder sogar verfälscht darzustellen. Aber das war ja auch nicht sein Thema. Es geht um die Annäherung an eine für uns fremde, vielleicht sogar unsympathische Figur, die am Ende wie ein Alien wirkt. „American Sniper“ kann man auch als eine Variation des Westerns verstehen. So gesehen bekommt der Handlungsverlauf eine andere, neue Qualität, die in der Kontinuität der Eastwood-Filme (egal ob Regie oder Hauptdarsteller) steht.

    Clint Eastwoods Film spaltete die USA. Der Film wurde nicht zuletzt im Rahmen seiner (nicht erfolgreichen) Oscar-Nominierung kontrovers beurteilt. Aber zuvor schon hatte er mehr Geld eingespielt als seine Konkurrenten. Besonders im Süden standen die Leute in Schlangen vor den Kinokassen; im Norden zeigte man sich eher zurückhaltend.

     

     

    + „Als wir träumten“ von Andreas Dresen – D 2015 – 117 Min.

    Es geht um die Geschichte von fünf Jungen aus Leipzig, die in besonderen, außergewöhnlichen Zeiten herangewachsen sind. Es sind die Jahre der deutschen Wende, in denen Gesellschaften und Systeme aufeinander prallten und alles möglich schien. Die Jungs sind dreizehn, als die Geschichte in der DDR beginnt, siebzehn, als sie im neuen Deutschland endet – und u.a. damit auch der Traum, mit einer alternativen Disco mithalten zu können.

    Das Drehbuch zu diesem Film schrieb Wolfgang Kohlhaase. Und somit kann man den Film auch als eine Trilogie betrachten, die mit „Berlin – Ecke Schönhauser..“ (1957, Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase) beginnt und mit „Raus aus der Haut“ (1997, Buch und Regie: Andreas Dresen) endet. Drei für die Geschichte der DDR/BRD ungeheuer wichtige und aufschlussreiche Jugendfilme, die als Stationen der deutschen Zeitgeschichte somit in einen neuen Kontext gestellt werden müssen.

     

     

    + „Kingsman: The Secret Service“ von Matthew Vaughn – GB 2014 – 128 Min.

    Colin Firth als britischer Geheimagent der alten Schule in einer ironisch-unterhaltsamen Parodie auf das Genre. Vorlage ist eine britische Comic-Serie, die mit allen Zutaten des Genres aufwartet und sie so geschickt mischt, dass am Ende niemand weiß, worum es letztendlich ging – abgesehen davon, dass wieder einmal mehr die Welt gerettet werden muß. Aber das stört nicht, denn die Zitate aus Bond, Bourne & Co und die spritzigen Gags bereiten großes Vergnügen. Eine der Logik folgende Handlung kann da nur stören.

     

     

    (19.02.2015)

     

    ++ „Into The Woods“ von Rob Marshall – USA 2014 – 124 Min.

    Eine Walt Disney Studios Produktion. Und wo Disney draufsteht, ist auch Disney drin. Diesmal ist es die überhaus unterhaltsame und vergnügliche Adaption eines Broadway-Musicals. Der Film ist eine schwungvolle, miteinander und ineinander verwobene Verfilmung einiger der beliebtesten und bekanntesten Märchen. Hochkarätig besetzt, sowie komisch und gefühlvoll zugleich, verknüpft der Film die klassischen Erzählungen von Aschenputtel, Rotkäppchen, Rapunzel und Hans und die Bohnenranke zu einer ganz neuen Geschichte rund um einen Bäcker und seine Frau, ihren Wunsch nach Kindern und den Fluch, den eine Hexe auf sie gelegt hat. Die Handlung des Films wirft einen ganz neuen, amüsanten Blick auf vertraute Märchenfiguren. Wer Meryl Streep als Hexe und Johnny Depp als bösen Wolf sehen möchte, muss sich diesen Film unbedingt ansehen.

     

    ++ „Selma“ von Ava DuVernay – USA 2014 – 128 Min.

    Ein Film über Martin Luther King und die Bürgerrechtsbewegung. Die Handlung beginnt im Sommer 1965. Das formal bestehende Wahlrecht für Afroamerikaner in den USA wird in der Realität des rassistischen Südens ad absurdum geführt; Schwarze sind Bürger zweiter Klasse und täglich Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt. Die Stadt Selma, Alabama, ist einer der Orte, in denen sich der Widerstand formt. Dr. Martin King, jüngst mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, schließt sich den lokalen Aktivisten an. Ein mühsamer Weg, der aber schon bald das ganze Land in Aufruhr versetzten wird und in dem langen Marsch nach Montgomery seinen Höhepunkt findet.

    Ein hervorragendes Schauspieler-Ensemble und eine emotional bewegende Inszenierung sorgen dafür, dass dieser Film kein langatmiger Geschichtsunterricht wird. Pulsierendes Kino mit starken Bildern und die Erinnerung an den Kampf eines Mannes, der mit dazu beigetragen hat, Amerika für immer zu verändern.

     

     

     

    (05.02.2015)

     

    + „Blackhat“ von Michael Mann – USA 2014 – 133 Min.

    Wenn es darum geht, internationale Cyber-Terroristen zu jagen, arbeiten Chinesen und Amerikaner erstaunlicherweise unkonventionell und unbürokratisch zusammen, ungeachtet der jeweiligen politischen Vorgaben und unter Umgehung der jeweiligen Geheimdienst-Instanzen. Hier ist es ein chinesischer Polizist und Computerexperte, der nach einem Angriff auf ein chinesisches Atomkraftwerk auf die Hilfe eines früheren Studienkollegen aus den USA angewiesen ist. Das ist aber nur ein Testlauf für die Manipulation der New Yorker Börse...

    Da sich die Vorgänge im Netz nur sehr schwer verständnisvoll und nachvollziehbar visualisieren lassen, muss drumherum eine Actionhandlung mit den üblichen Zutaten erzählt werden. Michael Mann, erfahren in der Produktion ästhetischer und opulenter Bilder, jagt in diesem Thriller die Kamera und die Protagonisten in einem atemberaubenden Tempo von einem internationalen Schauplatz zum anderen. Unterhaltsam, aber schnelle Bilder sind auch schnell vergessen.

     

    (29.01.2015)

     

    o „Black Sea“ von Kevin MacDonald – GB 2014 – 115 Min.

    Im Auftrag eines mysteriösen Geldgebers ist eine abenteuerlich zusammengestellte Crew – Briten, Russen und Amerikaner - in einem alten russischen U-Boot vor Georgien im Schwarzen Meer auf der Suche nach einem versunkenen deutschen U-Boot, in dem sich ein Nazi-Goldschatz befinden soll. Während der Tauchfahrt kippt die Stimmung zusehends und in der beklemmenden Enge braut sich ein gefährliches Gemisch aus Habgier, Hoffnungslosigkeit und Verrat zusammen. Im Mittelpunkt des Geschehens Jude Law als Boss der Mission, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Die Handlung ist vorhersehbar, aber geschickt mit Action- und Thrillerelementen aufgepeppt.

     

     

     

    (22.01.2015)

     

    ++ „The Imitation Game“ von Morten Tyldum – USA/GB 2014 – 115 Min.

    Es geht um den genialen Mathematiker Alan Turing, der den Enigma-Code der deutschen Ehrmacht geknackt hat. Turing war ein Denksport-Freak mit einem sturen Kopf, der sich in der hierarchischen Welt des englischen Geheimdienstes nicht einfügen konnte bzw. wollte. Wenn es stimmt, dass seine Entdeckung lange Zeit verschwiegen wurde – die Nazis durften es nicht erfahren – und sehr kontrolliert mit den authentischen Nachrichten umgegangen wurde, so ist es allerhöchste Zeit, diesen Mann entsprechend zu würdigen. Da er homosexuell war, wurde er von der Gesellschaft geächtet und 1952 sogar angeklagt und verurteilt. Zwei Jahre später nahm er sich im Alter von 42 Jahren das Leben.

    Es ist das Verdienst dieses außergewöhnlichen, spannenden und aufschlussreichen Films, Turings Schicksal jetzt öffentlich zu machen. Und niemand könnte seine Rolle so perfekt und spektakulär spielen wie Benedict Cumberbatch, der wieder einmal mehr beweist, dass er der richtige Protagonist für solche faszinierende und umstrittene Charaktere ist.

     

     

    + „Missverstanden“ von Asia Argento – I/F 2014 – 110 Min.

    Es geht um das Schicksal des neunjährigen Mädchens Aria aus Rom in den 1980er-Jahren. Ihre Eltern führen eine heillos zerstrittene Ehe. Sie leben getrennt und Aria wird wie ein ungeliebtes Möbelstück hin und her geschoben. Die Mutter ist eine Frau, die auf der Jagd nach wechselnden Liebhabern und extrovertierten Lebensstilen nichts auslässt. Der Vater ist ein eitler, sich selbst überschätzender Filmschauspieler, der nur auf seine nächste große Rolle aus ist und dabei eine Enttäuschung nach der anderen erlebt. Da er sich finanziell übernommen hat, ist er immer auf der Flucht vor irgendwelchen Gläubigern. Aria muss ihren eigenen Weg finden. Zurückgewiesen und abgeschoben streunt sie durch die Stadt und schenkt ihre Liebe einer schwarzen Straßenkatze. Doch auch die liebt mehr die Ungebundenheit als die Zuwendungen Arias, die selbst der Liebe und Aufmerksamkeit bedarf.

    „Missverstanden“ schildert diese brüchige, unstrukturierte Welt der Erwachsenen ausschließlich aus der Perspektive und der Sichtweise des Mädchens. Und so sind auch die Verzerrungen, Übertreibungen und Ungereimtheiten zu erklären, die den Film so spannend und attraktiv machen. Ein hochinteressanter Kinderfilm für Erwachsene.

     

    (08.01.2015)

     

    o "96 Hours - Taken 3" von Olivier Megaton - USA 2014 - 103 Min.

    Liam Neeson ist ein toller Schauspieler, der zunehmend aber mit Action-Rollen zugeschüttet wird. In der dritten "Taken"-Folge wiederholen sich leider die Muster er voraufgegangenen: Action an Action. Immer inhaltsleerer und daher uninteressanter. Der Verleih kündigt sie als "furioses Finale" an: "Ex-CIA-Agent Mills kehrt ein letztes Mal zurück!" - und das ist auch gut so.

     

    (25.12.2014)

     

    + „Exodus – Götter und Könige“- von Ridley Scott – GB/USA 2014 – 150 Min.

    Moses gegen Ramses: eine Klassiker des Actionkinos. Kommt gerade richtig zur Weihnachtszeit in 3D, mit spektakulären Bildern und visuellen Effekten, die Ridley Scott wie kaum ein anderer beherrscht. Die Bibel in Bildern zu lesen ist immer noch reizvoller als sie zu lesen. Da sich das Kino seit einhundert Jahren darin übt, ist auch diese Visualisierung zumindest interessant. Nicht zuletzt auch im Hinblick darauf, wie und von wem Moses seine Botschaften von Gott erhält. Da es ja keine konkreten Beschreibungen gibt, ist jede Form der Darstellung möglich. Und hier wird eine durchaus interessante, filmische Lösung präsentiert.

    Aus dem Presseheft: „Das visuelle und dramaturgische Spektrum umfasst die gewaltige Schlacht, in der zu Beginn des Films ein Heer von 15.000 ägyptischen Soldaten ein Feldlager der Hethiter angreift, außerdem monumentale, alles überragende Bauten, eine Katastrophenkette von furchterregenden Plagen und schließlich die Teilung des Roten Meeres.“ Was will man mehr für eine Kinokarte?

     

     

     

    (18.12.2014)

     

    ++ „The Homesman“ von Tommy Lee Jones – USA 2014 – 122 Min.

    Tommy Lee Jones ist Regisseur, Hauptdarsteller, Co-Autor und Produzent. Ein Film, der zu ihm passt wie ein Paar alter, abgetragener Stiefel. Die Handlung spielt in Nebraska, Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine resolute, gottesfürchtige und selbstbewusste Frau übernimmt von ihrer Gemeinde den Auftrag, drei Farmersfrauen, die aus unterschiedlichen Gründen ihren Verstand verloren haben, in den Osten zu geleiten, wo sich eine Methodistengemeinde um sie kümmern soll. Begleitet wird sie dabei von einem verschlossenen Gesetzlosen, dem sie das Leben rettet und der ihr verpflichtet ist. Und dann beginnt ein entbehrungsreicher Treck gen Osten. Sie müssen sich gegen hartes Wetter, gefährlichen Stürmen und lebensgefährlichen Begegnungen mit Indianern und Siedlern behaupten.

    Tommy Lee Jones und Hilary Swank: ein Paar, wie man es nicht oft sieht. Ein genregetreuer Western ist dieser Film nicht; eher eine universelle Parabel über menschliche Grenzerfahrungen.

     

     

    + „Clouds of Sils Maria“ von Olivier Assayas – F/BRD 2013 – 124 Min.

    Juliette Binoche ist eine Schauspielerin der Extraklasse. Es gibt Filme, in denen sie alle(s) überragt: „Die Liebenden von Pont-Neuf“ beispielsweise oder „Drei Farben: Blau“. In dem Film von Assayas spielt sie eine Schauspielerin, die sich auf eine Rolle vorbereitet. Es ist die Wiederaufführung eines Theaterstücks, mit dem sie zwanzig Jahre zuvor ihren Durchbruch feierte. Sie spielte eine verführerische junge Frau, die auf ihre wesentlich ältere Vorgesetzte eine ganz besondere Faszination ausübt und schließlich in den Selbstmord treibt. Und nun soll sie die Rolle der Älteren übernehmen; ihr früherer Part wird von einem skandalträchtigen jungen Starlet aus Hollywood gespielt. Und damit sind die Konflikte vorgeprägt.

    Nun: die Handlung ist vorhersehbar und auch nicht besonders prickelnd. Aber der Schauspielerin Juliette Binoche dabei zuzusehen, wie sie eine Schauspielerin spielt, das ist Kino pur! Fehlt nur noch ein Making Off, um das alles abzurunden.

     

     

    (11.12.2014)

     

    ++ „Timbuktu“ von Abderrahmane Sissako – F/Mauretanien 2014 – 97 Min.

    Ausgelöst wurde die Geschichte dieses Films durch ein Ereignis aus dem Jahre 2012 in Aguelhok, einer kleinen Stadt im nördlichen Mali, das zu einem großen Teil besetzt ist. Ein Paar in den Dreißigern, Eltern zweier Kinder, wurden zu Tode gesteinigt, weil sie nicht verheiratet waren.

    „Timbuktu“ spielt in den Dünen nicht weit von Timbuktu, das in die Hände religiöser Fundamentalisten gefallen ist. Kidane lebt friedlich mit seiner Frau Satima, seiner Tochter Toya und Issan, einem kleinen 12-jährigen Hirtenjungen in den Dünen. In der Stadt erdulden die Einwohner ohnmächtig das Terrorregime, das von den Dschihadisten eingesetzt wurde, um ihren Glauben zu überwachen. Musik, Gelächter, Zigaretten und sogar das Fußballspielen sind verboten. Die Frauen sind zu Schatten geworden, die versuchen, würdevoll Widersand zu leisten. Jeden Tag werden von auf die Schnelle eingesetzten Tribunalen tragische und absurde Strafen ausgesprochen. Kidane und seine Familie bleiben von dem Chaos in Timbuktu verschont. Aber ihr Schicksal ändert sich, als Kidane in einem Streit Amadou tötet, einen Fischer, der eine Kuh aus Kidanes Herde getötet hat. Und nun muss sich auch Kidane den neuen Gesetzten der ausländischen Besatzer stellen.

    Ein Film, der seine Geschichte in ruhigen, ausbalancierten Bildern erzählt. Es bedarf keiner Worte, um die Grausamkeit und die Selbstgefälligkeit der Fundamentalisten anzuprangern. Man muss nur genau auf aufmerksam zusehen. „Timbuktu“ ist ein hochaktueller Film, der mit leisen Tönen aufschreit. Ein Pflichtfilm für alle Deutschen, die wahlberechtigt sind und Druck auf unsere Politiker ausüben können. Gegenüber diesem Film ist ihr Geschwurbel in der Tagespresse unerträglich.

     

     

    (27.11.2014)

     

    + „Trash“ von Stephen Daldry – Brasilien/GB 2014 – 120 Min.

    Eine Mülldeponie in Brasilien ist für die drei Jungen Raphael, Gardo und Rato der Lebensmittelpunkt. Ihre Tage verbringen sie damit, durch Berge von dampfendem Müll zu waten. Sie sichten, sortieren, atmen und leben den Abfall. Doch eines Tages verändert sich die Welt schlagartig für sie. Raphael findet eine Brieftasche. Ihr Besitzer wurde ermordet. Die Tasche enthält Hinweise auf korrupte Politiker, die mit aller Macht an das Material kommen wollen. Sie schrecken dabei auch nicht vor Erpressungen und Morden zurück. Die drei Jungen befinden sich in einem atemberaubenden Wettlauf gegen einen schier übermächtigen Feind. In der Haltung, das Richtige zu tun, geraten sie in ein lebensgefährliches Abenteuer.

    Die Verfilmung des Jugendbuches von Andy Mulligan ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Reißer! Perfekt gemacht, grandios in Szene gesetzt und mit faszinierenden Bildern visualisiert. Darunter leidet etwas die Glaubwürdigkeit des Geschehens. Drei Jungen, die den Mächtigen die Stirn bieten und dabei als Gewinner davonkommen - das ist eine Story, die eher zu den drei Fragezeichen passt und weniger mit der Alltags- und Lebensrealität Jugendlicher in Brasilien zu tun hat.

     

    ++ „Ruhet in Frieden“ von Scott Frank – USA 2014 – 115 Min.

    Es geht um den ehemaligen, gescheiterten Cop Matthew Scudder, der seinen Lebensunterhalt als Privatermittler verdient, dem Alkohol entsagt hat und zurückgezogen lebt. Als er den Auftrag annimmt, die Männer ausfindig zu machen, die die Frau eines Drogenhändlers brutal gekidnappt und ermordet haben, führt ihn der Fall tief in die Unterwelt von New York. Langsam offenbar sich, dass die Entführung nicht die einzige war, sondern Teil einer ganzen Serie äußerst gewalttätiger Straftaten, die meistens tödlich endeten. Auf der Suche nach Gerechtigkeit ist Scudder gezwungen, selbst die Grenzen des Gesetzes zu überschreiten.

    Der Film steht ganz in der Tradition der „schwarzen Serie“ und kann sich mit den besten dieses Genres messen. Hervorragend der Hauptdarsteller Liam Neeson, der wie ein Protagonist als alten Zeiten wirkt, den es in die Gegenwart verschlagen hat. Beeindruckend sind darüber hinaus die subtile Inszenierung von Scott Frank (auch Drehbuch) und die atemberaubend Kamera von Mihai Malaimare Jr., die auch den heruntergekommendsten Gegenden faszinierende Bilder abgewinnt.

     

    (20.11.2014)

     

    o „Keine gute Tat“ von Sam Miller – USA 2014 – 84 Min.

    Ein brutaler, sich auf der Flucht befindender Gewalttäter, dringt in ein Haus ein und drangsaliert eine Frau mit zwei kleinen Kindern. Es dauert etwas, bevor der Film sein Thema gefunden hat. Schließt man die Augen, so kann man an den Geräuschen und der aufdringlichen Musik den weiteren Verlauf des Geschehens problemlos verfolgen. Ein paar Leichen später kann es nur eine Überlebende geben.

     

     

    (13.11.2014)

     

    o „Nightcrawler“ von Dan Gilroy – USA 2013 – 117 Min.

    Co-Produzent und Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal in der Rolle windigen, karrieregeilen Kamera-Journalisten, der nächstens durch Los Angeles Unterwelt zieht und darauf hofft, spektakuläre Action einzufangen. In Rene Russo als ehrgeizige TV-Nachrichtenchefin findet er die richtige Partnerin, die keine Skrupel kennt, um ihre lokalen News mit spektakulären Bildern ins Gespräch zu bringen. Keine Frage: der Protagonist des Geschehens geht dabei im wahrsten Sinne des Wortes sogar über Leichen.

    Ein medienkritischer Thriller, der alle Klischees bedient und ohne neue, verblüffende Erkenntnisse endet. Was den Film dennoch auszeichnet: er ist perfekt gestylt, rasant gefilmt und mitunter auch spannend. In dem Film geht es (meistens) um kleinformatige Bilder aus Nahaufnahmen. In diesem Zusammenhang muss unbedingt die hervorragende Kamera von Robert Elswit genannt werden. Der mehrfach mit Preisen und Auszeichnungen bedachte Kalifornier gewinnt der oft in Szene gesetzten Stadt Los Angeles visuelle Reize ab, die so konzentriert bislang nicht oft zu sehen waren: die Stadt als Insel in der Wildnis, in der die Menschen nur Außenseiter sind – aus einer Weitwinkel-Perspektive mit eindringlichen Farb-Kompositionen.

     

     

    (06.11.2014)

     

     

    + „Interstellar“ von Christopher Nolan – USA 2014 – 170 Min.

    Ein akzeptabler Versuch, nach „2001“ eine neue Dimension zu visualisieren. In den SF-Romanen lassen sich ungeahnte Räume und Zeiten gut beschreiben, da sie nicht überprüft werden können. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Wer so etwas allerdings auf der Leinwand zeigt, legt sich fest. Und das ist hier durchaus gelungen: Räume, Zeiten und Zeitreisen miteinander zu verbinden: Da auf der Erde alle Vorräte bald aufgebraucht sind, müssen neue Lebensräume jenseits unserer Galaxie gesucht werden. Ein Film mit viel Atmosphäre, gut besetzt und anspannend inszeniert. Mehr sollte man vor dem Kinobesuch nicht verraten. Es lohnt sich, drei Stunden im Kino zu verbringen. Vorausgesetzt ist allerdings eine hervorragende technische Präsentation in Wort, Bild und Ton.

     

     

    + „Mr. Turner – Meister des Lichts“ von Mike Leigh – GB 2014 – 150 Min.

    Biopic über den renommierten und exzentrischen englischen Maler William Turner. Er wird als sperriger, schwer zugänglicher Charakter gezeichnet, zu dem der Zuschauer nicht so ohne weiteres eine Beziehung aufbauen kann. Aber indem Mike Leigh darauf verzichtet, ihn als eine schillernde, faszinierende Künstlerpersönlichkeit zu präsentieren, umso mehr zieht das Geschehen in einen Bann, weil sich hinter der Oberfläche des Mitgliedes der Royal Academy ein ruheloser und anarchistischer Künstler verbirgt, der spaltet statt versöhnt. Kompromisslos, wie Turners Lebensweg sich gestaltet, ist auch die Umsetzung in diesem Film. Er erzählt von den Spannungen und Gegensätzen im England des 19. Jahrhunderts und zeichnet so ein einzigartiges Gesellschaftsporträt dieser turbulenten Epoche, die durch die dramatischen Veränderungen der industriellen Revolution geprägt wurde.

     

     

    + „Plötzlich Gigolo“ von John Turturro – USA 2013 – 98 Min.

    New York. Ein Buchladenbesitzer, dessen Geschäfte nicht mehr so laufen wie früher, kommt auf eine schräge Idee, seine Kasse und die seines Freundes aufzubessern; dessen Blumenladen verzeichnet ebenfalls Verluste. Und so verkauft er den sanften Floristen kurzerhand für eine Ménage à trois als professionellen Don Juan an seine Hautärztin, die das gemeinsam mit einer Bekannten gerne einmal ausprobieren möchte. Weitere Aufträge folgen. Und schon sind sie im Geschäft: Der Gigolo und sein „Zuhälter“.

    Eine Bombenrolle für Woody Allen – in einem Film wie von Woody Allen. Und ein größeres Kompliment könnte man John Turturro nicht machen, der für Buch und Regie verantwortlich ist und auch noch den Gigolo spielt. Die vielen schönen und attraktiven Frauen, von denen sie umgeben sind, spielen sie mühelos an die Wand. Alles ist sehr amüsant und mit großem Vergnügen anzusehen.

     

     

    (30.10.2014)

     

    ++ „Pride“ von Matthew Warchus – UK 2014 – 120 Min.

    Ein neuer britischer Feel Good-Film! Bronski Beat trifft Gaelic Folk. Der Story liegt eine wahre Begebenheit zugrunde. Es geht um die außergewöhnliche Liaison zweier Gruppen, die sich im Sommer 1984 in England gefunden haben. Eine schrille Schwulen- und Lesbentruppe aus London zeigt sich mit streikenden Waliser Bergarbeitern solidarisch – was für beide Parteien nicht immer ganz einfach ist. Irritationen sind vorprogrammiert. Aber da Lady Thatcher das gemeinsame Feindbild verkörpert entwickelt sich eine besondere Freundschaft mit bis heute historischen Folgen. Eine ernste Sache mit viel Humor inszeniert. Der Film feierte seine Premiere bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes und wurde dort mit der Queer Palm ausgezeichnet.

     

    (23.10.2014)

     

     

    o „Northman – A Viking Saga“ von Claudio Fäh – D / Schweiz / Südafrika 2014 – 97 Min.

    873 nach Christus. Vom eigenen König verbannt, nimmt eine Horde furchtloser Wikinger Kurs auf Britannien. Sie wollen ein mit Goldschätzen bestücktes Kloster plündern. Von einem schweren Sturm überrascht, standen sie vor der feindlichen, schottischen Küste. Auf ihrem beschwerlichen Weg durch die Highlands müssen sie noch eine Königstochter retten und sich gegen die berüchtigte Söldnertruppe „Wolfsrudel“ wehren. Ein geheimnisvoller Mönch unterstützt die Wikinger bei den nun anstehenden Verfolgungen und Kämpfen.

    Ein schier endloses Hauen und Stechen wie in alten Zeiten. Die Kameras sind schneller und näher dran, die Ausformung der Charaktere dafür umso weiter. Nichts Neues unter der Sonne bzw. in den schottischen, regenverhangenen Highlands.

     

     

    + „Am Sonntag bist du tot“ von John Michael McDonagh – Irl./GB 2014 – 100 Min.

    Einem Dorfpriester in einem Provinznest an der irischen Küste wird bei der Beichte angedroht: „Am Sonntag bist du tot!“ Er soll stellvertretend für einen anderen katholischen Geistlichen sterben, der dem Gläubigen früher schlimmes angetan hat, aber nicht mehr lebt. Da das Beichtgeheimnis den Priester daran hindert, die Polizei einzuschalten, muss er sich selbst auf die Suche nach seinem zukünftigen Mörder machen. Eine dramatische und turbulente Woche führt ihn in bislang unbekannte oder verschwiegene Abgründe der Gesellschaft und der Kirchenhierarchie. Der Zuschauer leidet mit – so emotional bewegend ist die Geschichte des Protagonisten, der sich seinem Schicksal stellen muss. Hauptdarsteller in dieser vielschichtigen, rabenschwarzen Schuld-und-Sühne-Komödie ist Brendan Gleeson, der es meisterhaft versteht, innere Konflikte äußerlich sichtbar zu machen.

     

     

    (16.10.2014)

     

    o „The Cut“ von Fatih Akin – D 2014 – 138 Min.

    Die Erwartungen bei der Premiere des Films in Venedig waren hoch; die Enttäuschung groß. Fatihs Film über das Schicksal eines Armeniers, der 1915 von seiner Familie getrennt und vertrieben wird, und dessen Wege auf der Suche nach seinen Kindern von den Wüsten Mesopotamiens über Havanna bis in die kargen, einsamen Prärien North Dakotas führen, ist irgendwie langatmig. Und das bei einem Regisseur, der sich bislang durch vitale und emotional bewegende Geschichten ausgezeichnet hat. Der große Aufwand bei der Produktion schafft zwar wechselnde Schauplätze, aber keine neuen Erkenntnisse. Und politisch brisant, weil er angeblich an Tabus der türkisch-armenischen Vergangenheit rüttelt, ist „The Cut“ nicht, weil hier Klischees aufeinandertreffen und keine glaubwürdigen Charaktere. Schade!

     

     

    + „Das grosse Museum“ – von Johannes Holzhausen – Österreich 2014 – 94 Min.

    Ein hochinteressanter Film für alle Museums-Gänger, Kunst-Gewerbler und Kunst-Arbeiter. Das Porträt eines der bedeutendsten Museen Europas: das Kunsthistorische Museum in Wien (KHM). Die Dokumentation unternimmt eine ausgedehnte Reise hinter die Kulissen dieser faszinierenden Institution und zeigt anhand des vielfältigen Museumsalltags und einer Fülle von charismatischen Protagonisten den einzigartigen Kosmos des KHM. Sorgfältig beobachtet und spannend umgesetzt: Immer dann, wenn eine große Kiste ausgepackt wird wartet man ungeduldig darauf, was wohl darin sein mag. Viele ironisch gebrochene Anspielungen und ein informativ-witziger Blick garantieren den Unterhaltungswert des Films. Man hat sofort wieder Lust, in ein Museum zu gehen.

     

    (09.10.2014)

     

    + „The Equalizier“ von Antoine Fuqua – USA 2014 – 128 Min.

    Denzel Washington spielt einen ehemals verdeckt operierenden Agenten eines Spezialkommandos, der seinen Tod vorgetäuscht hat, um in Boston in Ruhe leben zu können. Als er eines Tages aus seinem selbstgewählten Ruhestand zurückkehrt, um ein junges Mädchen zu retten, steht er plötzlich ultrabrutalen russischen Gangstern gegenüber. Keine Frage, wie das Ding ausgeht. Eine ideale Rolle für den Hauptdarsteller, der sich vielfach betätigen und beweisen muss. Nur wenn er am Ende über die gebündelten Kräfte der Superhalden verfügt, wird der Film leider uninteressant und langweilig, da vorhersehbar. Und das sollte bei einem hochexplosiven Actionfilm nicht der Fall sein.

     

     

    + „The Riot Club“ von Lone Scherfig – GB 2014 – 106 Min.

    Im exklusiven „Riot Club“ in Oxford trifft sich die künftige Elite der englischen Gesellschaft. Hier geht es darum, dass neue Mitglieder gesucht werden und Studienanfänger sich entsprechend als würdig erweisen, indem sie eine Reihe von Demütigungen erdulden müssen. Höhepunkt ist ein traditionelles Dinner in einem abgelegenen Pub, ein Exzess, der wie immer schlimm endet. Die Sau wird rausgelassen, das Lokal wird verwüstet, die Lage gerät außer Kontrolle und es fließt Blut.

    Der Stoff geht zurück auf ein erfolgreiches Bühnenstück, das seit Jahren erfolgreich im Londoner West End aufgeführt wird. Die Kino-Adaption führt in die geheime, abgehobene Welt der Dining Societies, der in der sich die junge arrogante britische Elite selbst feiert und gegenseitig fördert. Der Film überzeugt durch die exzellente Spielfreudigkeit einiger angesagter männlichen Jungstars des Königsreichs. „The Riot Club“ ist nicht gerade ein Bewerbungsvideo für den Beitritt der Briten zu den Euro-Ländern. Wenn das auf uns zukommt, sollen sie lieber unter sich bleiben. Herzlichen Dank an die dänische Regisseurin Lone Scherfig („Italienisch für Anfänger“).

     

     

    + „The Salvation – Spur der Vergeltung“ von Kristian Levring – Dänemark, GB, Südafrika – 92 Min.

    Ein Western! 1891: Der dänische Auswanderer Jon freut sich darauf, dass seine Frau und sein Sohn zu ihm und seinem Bruder Peter nachziehen. Doch schon kurz nach ihrer Ankunft werden sie von Banditen getötet, die daraufhin von Jon getötet werden. Da einer der Toten allerdings der kleine Bruder eines brutalen Bandenchefs ist, der das Gebiet unter seiner Kontrolle bringen will, sind die sich daraus ergebenden Konflikte vorgegeben. Weder der korrupte Bürgermeister noch der feige Sheriff wagen sich, ihn aufzuhalten. Die Situation eskaliert. Jon und Peter bleibt nichts anderes übrig, als auf eigene Faust gegen die Bande von Gesetzlosen vorzugehen.

    Eine klassische Western-Story, die sparsam mit den genreüblichen, oft klischeebeladenen Ingredienzen umgeht, dafür aber die Protagonisten und Charaktere ausdifferenziert profiliert. Die beiden Brüder werden mit physischer und psychischer Präsenz von Mads Mikkelsen und Mikael Persbrandt intensiv und beeindruckend gespielt; man fragt sich, warum der Western so lange ohne sie auskommen konnte.

     

    (02.10.2014)

     

    - „Dracula Untold“ von Gary Shore – USA 2014 – 92 Min.

    In spektakulären, aber inhaltsleeren Bildern führt uns der Film die Lebensgeschichte des blutrünstigen Transsylvanien-Despoten vor Augen und will erklären, wie er wurde und was er ist. Da seine Geschichte schon mehrfach ausgebeutet wurde, geht es weniger im Vampire, sondern um viel Hauen und Stechen, die wegen der überbordenden Special Effects auf Dauer ermüden und langweilen. Ob nun 10, 100 oder 1000 Tote – was soll’s?

    Das Presseheft zitiert einen Satz aus „Dracula“ VON 1931: „Es gibt viel schlimmere Dinge, die der Mensch erleben kann, als den Tod.“ Stimmt. Treffer!

     

     

    (25.09.2014)

     

    + „Ein Sommer in der Provence“ von Rose Bosch – F 2014 – 103 Min.

    Drei Geschwister aus Paris, 7,15 und 17 Jahre alt, deren Eltern auseinanderdriften, müssen gegen ihren Willen den Sommer bei ihren Großeltern in der Provence verbringen. Die verständnisvolle und liebevolle Art der Großmutter kann nicht ausgleichen, dass der Opa ein grantiger Eigenbrötler ist, der mit seinen Enkeln nicht viel anfangen an. Generationen und Welten prallen aufeinander. Am Ende der Ferien ist aus dem „sturen Esel“ ein sympathischer, runderneuerter Typ geworden. Eine Paraderolle für Jean Reno!

    Den Plot: Großstadtkinder müssen ungewollt die Ferien bei den Großeltern auf dem Lande verbringen, kennt man aus vielen skandinavischen Filmen. Hier ist die Geschichte über Vorurteile und kulturelle Unterschiede eingebettet in traumhaft schöne Bilder der weitläufigen Alpen-Landschaft im Herzen der Provence. Wer diesen Film gesehen hat, weiß, wo er seinen nächsten Urlaub verbringen wird. Und in der Hoffnung, dort auf ein paar solcher Typen zu treffen, die sie uns der Film von Rose Bosch („Die Kinder von Paris“) serviert.

     

     

    FANTASY FILM FEST 2014

    10. – 21. 09. 2014 Cinedom Köln

     

    Der Eröffnungsfilm „The Rover“ (Australien 2014; Regie: David Michöd) hat es in sich. Er spielt irgendwo in Australien nach dem großen Gau. Nach welchem, wird nicht gesagt. Ein paar finstere Gestalten vermasseln einen Coup und müssen fliehen. Auf der Flucht klauen sie einem coolen, wortkargen Typen sein Auto. Er will es unbedingt wiederhaben und eine rasante Verfolgungsjagd durch ein unwirtliches Niemandsland beginnt. Der Protagonist verkrallt sich in seine kalte Wut; Leichen pflastern seinen Weg. „The Rover“ ist genau der Film, den vor X-Jahren Sam Peckinpah mit Warren Oates gedreht hätte. Und das ist das höchste Kompliment, das man dem Film machen kann. Und ganz nebenbei: Robert Pattinson in einer Nebenrolle als geistig etwas langsamer Junge ist Klasse. Er lässt seine Vampir-Vergangenheit schnell vergessen und man ist überrascht, wie er sich in neuen Rollen einfindet.

    „Wer“ (USA 2013; Regie: William Brent Bell) ist da einfacher gestrickt. Ein wüster Unhold meuchelt Menschen und eine smarte, blonde und attraktive Anwältin will wissen, warum er so böse ist. Der Werwolf lebt, auch in Zeiten globaler Informations- und Nachrichtentechnik. Muss man nicht unbedingt sehen.

    Das gilt nicht für „Under the Skin“ (GB 2013; Regie: Jonathan Glazer) mit Scarlett Johansson. Sie spielt ein Alien, das irgendwie in Schottland auf unsere Welt gerät. Woher und warum erfährt man nicht. Auch ist nicht klar, was genau sie vorhat, nachdem sie in den Körper einer toten Frau geschlüpft ist. Sie hat nur begrenzte Kenntnisse von dem, was sie erwartet und worauf sie trifft. Sie muss sich immer neu orientieren und dabei versuchen, die Menschen zu studieren und zu verstehen. Das hindert sie aber nicht daran, Männer zu verzehren. Der Film erklärt nichts, sondern zeigt nur, was passiert. Die Landschaft in Schottland, die nebelige Melancholie, das raue Ambiente, die harte Sprache und die typischen Sonderlinge machen den Reiz des Films aus, der nur von den hervorragenden Bildern und einer ebenso hervorragenden Protagonistin lebt.

    „The Divine Move“ (Südkorea 2014; Regie: Beom-gu Cho) ist ein für dieses Land typisches Genre. Ein Rachethriller mit allen Zutaten. Viel Action, viel Blut, viel Aufwand. Neu und gewöhnungsbedürftig für uns ist lediglich das Ambiente. Hier geht es um das Milieu der Salons und Spielhallen, in denen Go gespielt wird. Wenn man nicht versteht, warum und wohin die schwarzen und weißen Steine gesetzt werden, der soll sich dabei ausmalen, es ginge um eine Poker-Partie oder um Billard-Kämpfe. Ach so: auch die Guten überleben. Wie immer.

    „Suburban Gothic“ (USA 2014, Regie: Richard Bates jr.) ist eine erfrischende Gothic-Comedy, in der ein Student in seine alte, spießerische Kleinstadt zurückkehrt und es dort mit Spuk und einem jahrhundertealten Flucht zu tun hat. Die Story ist nicht der Rede wert, aber die Besetzung ist erstklassig.

    Zombies auf Goa – das ist mal was Neues. Sonst aber nicht. Ein paar ausgeflippte Typen müssen sich gegen die Untoten wehren – und schaffen es auch. Interessant an „Go Goa Gone“ (Indien 2013) ist der schräge Humor. Einige gelungene Gags garantieren den Unterhaltungswert.

    „The Strange Colour Of Your Body’s Tears“ aus Belgien/Frankreich/ Luxemburg ist ein verquastes Vexierspiel in einem düsteren Jugendstil-Gebäude in Brüssel. Kamera und Montage haben den Auftrag, keinen erkennbaren Handlungzusammenhang zuzulassen. Und so bleibt es nach wie vor ein Rätsel, warum ein Geschäftsmann, der von einer Reise nach Hause zurückkehrt, seine Frau nicht mehr findet. Verlorene Zeit.

    Das gilt nicht für „The Treatment“ von Hans Herbots, der auch in Belgien spielt. In einer heruntergekommenen, unwirtlichen Gegend. Mit Typen, die am Rande der Gesellschaft leben und von denen einige auch noch einen beachtlichen Dachschaden haben. Ein Kriminalinspektor mit komplizierter Vergangenheit soll den „Beißer“ stellen, der es auf Kinder abgesehen hat, sie entführt, misshandelt und tötet. Ein Genre-Film der wieder einmal zeigt, warum ausgerechnet solche Geschichten in Belgien nicht ungewöhnlich sind.

    „The Voices“ von Marjane Satrapi („Persepolis“) ist eine Psycho-Horror-Thriller-Komödie mit einem Serienkiller als Protagonisten, der Frauen zerkleinert und am Ende sogar den Himmel rockt. Bunt und schrill gemischt. Kurzweilig und amüsant. Der richtige Umgang mit einem düsteren Thema, auch wenn die abgeschnittenen Köpfe der Frauen im Kühlschrank ein bedauernswertes Schicksal erleiden. Dafür gibt es einen Hund und einen Kater, die sprechen können und aus ihrer Sicht das Geschehen kommentieren.

    Der größte Fehlgriff des FantasyFilmFestivals ist die Aufführung der rekonstruierten Fassung von „The Fall of the House of Usher“ von Jean Epstein aus dem Jahr 1928. Es ist eigentlich eine gute Entscheidung, solchen Filmen in diesem Programm einen Platz zu gewähren. Filmgeschichtliche Bildungsarbeit ist immer willkommen. Hier aber hat man eine neue Musikfassung präsentiert, die einfach eine Zumutung ist. Ein Disco-Sound, der nur sich selbst verpflichtet ist und auf den Film keine Rücksicht nimmt. Er könnte zu jedem x-beliebigen Film abgespielt werden – oder besser auch nicht. Das nervt so, dass man aus dem Kino laufen möchte, da man als Zuschauer in dem Saal den Ton leider nicht abdrehen kann. Filmvorführungen diese Art machen verständlich, warum illegale Nutzungen mitunter als ein Akt der Notwehr begreiflich sind. Was hat man sich nur dabei gedacht?

    Eine ausgesprochen schräge Geschichte, die wiederum gut in das Festival-Programm passt, erzählt der koreanische Film „Man on High Heels“. Protagonist ist ein Seouler Cop, der alles platt macht, was ihm in die Quere kommt. Er schreckt auch nicht davor zurück, sich mit den Großen der Unterwelt aufzunehmen. Sein größter Kampf findet jedoch in seinem Innern statt: Er sehnt sich danach, eine Frau zu sein. Und immer wieder gerät er in Rollenkonflikte, die dem Film überraschende Facetten ermöglichen. Ein genresprengendes Spektakel, das zudem auch noch mit einer hervorragenden Kamera eingefangen wurde.

    Vergleichsweise düster und morbide ist „The Canal“, ein irischer Film von Ivan Kavanagh. Im Mittelpunkt steht ein Film-Archivar, der sich mit frühen Spuk-Geschichten beschäftigt. Als er mit Frau und Kind in ein düsteres Haus einzieht, das an einem Kanal liegt, vermischen sich für ihn die Ebenen. Er selbst wird das Opfer seiner eigenen Schauergeschichten. Interessant und subtil erzählt, mit unverbrauchten Charakteren und außergewöhnlichen Schauplätzen. Dem Protagonisten wird noch nicht einmal die Zeit gegönnt, sich bei einem Guinness im Pup den finsteren Mächten auszuweichen.

    „White Bird in a Blizzard“ ist eigentlich kein Fantasy-Film, sondern mehr ein konventioneller Krimi mit einer verblüffenden Auflösung. Er geht zurück in die bunte, saubere Welt der 80er und zeigt die Doppelbödigkeit der gesellschaftlichen Moral jener Jahre. Ein 18-jähriger Teenager muss mit das plötzliche Verschwinden ihrer Mutter aufarbeiten und deckt nach und nach die verborgenen Schichten ihrer Familie auf. Die Mutter wird von der grandiosen Evan Green gespielt! Allein schon ein Grund, ins Kino zu gehen.

    Die (film-)klassische Geschichte des psychopathischen Kannibalisten erzählt „Cannibal“ von Manuel Martin Cuenca aus Spanien/Rumänien/Russland/Frankreich 2013. Ein vornehmer, zurückgezogen lebender Herrenschneider in einer beschaulichen Altstadt von Granada ist der Protagonist eines ruhig, unspektakulär erzählen Genrefilms, in dem es mehr um innere Vorgänge als um äußeren Nervenkitzel geht. Antonio de la Torres pointierte Charakterdarstellung kommt ohne große Gestik und viel Worte aus; er ist ein Opfer seiner eigenen Triebe. Es ist mit Sicherheit kein Sympathieträger, aber ein Mensch, mit dem man sich gerne auseinandersetzen möchte. Nicht zuletzt, weil er wie ein typischer Normalbürger aussieht, mit dem wir es jeden Tag zu tun haben. Und was ist mit den Abgründen in uns? Und das ist es, was den Film nachhaltig macht.

    Da es noch ein Leben außerhalb des FantasyFilmFestivals gibt, war es mir leider nicht möglich, alle Filme zu sehen. Aber das, was ich sehen konnte, hat mich überzeugt und ich werde mir auch im kommenden Jahr den Termin rechtzeitig vormerken.

     

     

     

    (18.09.2014)

     

    o „Sin City 2: A Dame TO Kill For“ von Frank Miller und Robert Rodriguez – USA 2014 – 102 Min.

    Sin City ist der einzige Ort dieser Welt, den man nur auf der Leinwand besichtigen möchte. Das Personal ist bekannt und auch diesmal sind es bewährte Dunkelmänner wie Mickey Rourke, Josh Brolin und Dennis Haysbert die zum Personal gehören – garniert von den attraktiven Frauen Jessica Alba und Eva Green. Unter den genretypischen Masken einzelner Charaktere sind u. a. Bruce Willis und Stacy Keach zu entdecken. Die Handlung konzentriert sich im wesentlichen darauf, auf welch artistisch-virtuose Weise Menschen zerschnitten, zerlegt oder sonst wie umgenietet werden können. „Sin City“ mixt meisterhaft Graphic Novel mit Film noir. Und der Umgang mit den Bildern ist das, was den visuellen Reiz des Films ausmacht.

     

     

    o „Istanbul United“ von Olli Waldhauer & Farid Eslam – D 2014 – 87 Min.

    Eine Koproduktion Deutschland, Tschechien, Türkei und Schweiz. Es ist den Autoren gelungen, die Geschichte einer außergewöhnlichen Allianz von rivalisierenden Fußball-Fans während der Gezi-Proteste in Istanbul zu dokumentieren. Seit Jahren sind die Ultra-Fans der drei wichtigsten Fußballclubs in Istanbul (Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas) weltweit bekannt für die bedingungslose, oft gewaltgeladene Unterstützung ihrer Teams. Im Sommer

    2013 geschieht etwas, was nicht für möglich gehalten wurde: während der Proteste gegen die türkische Regierung im Gezi-Park vereinigen sich die konkurrierenden Fanclubs zum ersten Mal für eine gemeinsame Sache und kämpfen unter dem Namen „Istanbul United“ gegen das herrschende System in der Türkei. Da der Film unter extrem schwierigen Bedingungen entstanden ist, kann er nicht alle Anforderungen erfüllen und alle Fragen beantworten. Er ist eine Momentaufnahme, die zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit der Politik des Premierministers/Präsidenten Erdogan auffordert.

     

     

    o „Shirley – Visionen der Realität“ von Gustav Deutsch – Österreich 2013 – 93 Min.

    In 13 durch den Film zum Leben erweckten Gemälden von Edward Hopper wird die Geschichte einer Frau erzählt, die den Zuschauer durch ihre Gefühle, Gedanken und Reflexionen eine Epoche der amerikanischen Geschichte betrachten lässt. Von Anfang der 30er bis Mitte der 60er Jahre. Das Arrangement von Bild und Ton ist sehr gewöhnungsbedürftig. Wer die Bilder von Hopper schätzt, wird sich dennoch unterhalten, da sie im wahrsten Sinne des Wortes belebt werden und sich mit Inhalten füllen, die keineswegs aufgesetzt wirken.

     

    (04.09.2014)

     

    + „Erlöse uns von dem Bösen“ von Scott Derrickson – USA 2014 – 119 Min.

    Man geht ins Kino und ahnt nichts Böses. Doch dann wird man erwischt von einem perfekten Thriller, der Cop-Aktion mit Exorzismus mischt. Im Mittelpunkt stehen der New Yorker Polizist Ralph Sarchie (den es wirklich gibt) und ein Priester, die es gemeinsam mit dämonischen Kräften und einer Reihe von verstörenden und unerklärlichen Verbrechen zu tun haben. Der Name des Produzenten (Jerry Bruckheimer) und der des Regisseurs (Scott Derrickson) garantieren die hohe Qualität dieses Genre-Films. Ab ins Kino. Fürchtet euch nicht!

     

     

     

    (28.08.2014)

     

    + „Diplomatie“ von Volker Schlöndorff – D/F 2014 – 84 Min.

    Die historische Vorlage ist bekannt. Es geht um den Befehl Hitlers, Paris zu zerstören, und um die Verhinderung dieses Irrsinns. Der Film zeigt die letzte Nacht der deutschen Besetzung. Zwei Männer, ein deutscher General und ein schwedischer Diplomat, treffen aufeinander und ihr verbales Kräftemessen wird zu einer emotional mitreißenden Auseinandersetzung. Der Ausgang dieses Wort-Gefechtes ist vorhersehbar. Dennoch hat der Film alle Qualitäten eines Psychothrillers. Er lässt sich vergleichen mit dem Nachstellen einer Schachpartie, wobei es darauf ankommt, jeden einzelnen Zug zu gewichten und zu bewerten. Vorlage des Films ist das gleichnamige Bühnenstück von Cyril Gély; mit Niels Arestrup und André Dussollier treffen zwei hochkarätige Darsteller aufeinander, die das dramatische und hochspannende Geschehen mühelos über die Zeit bringen.

     

    (21.08.2014)

     

    o „Storm Hunters“ von Steven Quale – USA 2014 – 97 Min.

    Ein Spielfilm, der sich als Dokumentation ausgibt und über den Einsatz von Sturmjägern berichtet. Überall dort, wo tödliche Wirbelstürme auftauchen, sind sie zu finden: professionelle Sturmjäger, erlebnishungrige Amateure und mutige, selbstlose Einwohner. Die Rollen in diesem Film sind gut verteilt. Am Ende überleben (fast) alle Protagonisten und auf den Trümmern der verwüsteten Straßen werden die Nationalflaggen als Zeichen des Überlebenswillens aufgerichtet.

    Sehenswert allein der beeindruckenden Naturaufnahmen wegen, die den Besucher in den Bann ziehen. Die Handlung und ihre Protagonisten sind schnell vergessen.

     

     

    o „The Expendables 3“ von Patrick Hughes – USA 2014 – 127 Min.

    Ein Söldnerteam kämpft gegen ein anderes: mit Fäusten, Messern, Gewehren und Kanonen. Viel Panzer, wenig Hirn. In den wenigen Kampfpausen hat der Zuschauer die Gelegenheit, einzelne Stars aus dem Angebot des Haudegen-Supermarkts zu identifizieren. Das war’s.

     

     

    + „Madame Mallory und der Duft von Curry“ von Lasse Hallström – USA 2014 – 122 Min.

    Angeführt vom Familienoberhaupt verlässt die Familie Kadam Indien, um sich in Europa eine neue Existenz als Betreiber eines Restaurants aufzubauen. Über Umwege landen sie in einem idyllischen Dörfchen im Süden Frankreichs. Genau der richtige Ort, hier ein indisches Restaurant zu eröffnen. Das wiederum gefällt Madame Mallory gar nicht. Die unnahbare Dame ist Chefin eines französischen Restaurants, das mit einem Michelin Stern ausgezeichnet wurde. Und dieses Edel-Restaurant ist nur wenige Schritte entfernt von dem neuen, lebhaften indischen Restaurant der Familie Kadam. Die Konflikte sind vorprogrammiert, die Konkurrenz der Küchen beginnt.

    Der Film von Lasse Hallström ist ein Clash-of-Cultures, das nur so sprüht vor Lebensfreunde und dem Spaß an Genuss und Aromen, die auf der Zunge zergehen. Angerichtet von einem Regisseur, der seine Geschmackssinne u.a. mit „Chocolat“ bewiesen hat und mit den Zutaten von zwei hervorragenden Darstellern – Helen Mirren als Restaurant-Chefin und Om Puri als umtriebiger Gegenspieler – serviert der Film einen inspirierenden kulinarischen Genuss köstlicher Gerichte, die dem Zuschauer förmlich das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt.

     

     

    ++ „Die langen hellen Tage“ von Nana Ekvtimishvili und Simon Groß – Deutschland/Frankreich/Georgien 2013 – 102 Min.

    Ein Ausschnitt aus der Lebensrealität Jugendlicher in Georgien der 1990er Jahre. Im Mittelpunkt stehen die beiden Freundinnen Eka und Natia. Inmitten einer vom Bürgerkrieg gebeutelten patriarchalischen Gesellschaft, in der selbst die eigenen Eltern als Vorbild kläglich versagen, wissen sie sich zu behaupten und schließlich die Kette der Gewalt ganz ohne fremde Hilfe zu durchbrechen. Der Film beruht auf den Erinnerungen der Regisseurin an ihre eigene Jugend in Tiflis und stellt in ihrem fesselnd erzählten Film weibliche Identität und den Bruch mit veralteten Werten in den Mittelpunkt, wobei sie zusammen mit ihrem Ko-Regisseur einen klaren Blick für fein nuancierten Witz und selbstbewusste Darstellungen behält. Er wurde auf internationalen Festivals mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen bedacht.

     

     

    - „When Animals Dream“ von Jonas Alexander Arnby – Dänemark 2014 – 84 Min.

    Ort des Geschehens ist ein kleines Fischerdorf vor der Westküste Dänemarks. Im Mittelpunkt der Handlung steht die 19jährige Marie, die als Außenseiterin nur mit sehr viel Kraft ihren Alltag bewältigen kann. Als sie merkt, dass ihr Körper sich verändert, sucht sie in der totgeschwiegenen Vergangenheit ihrer Eltern nach Antworten. Einige mysteriöse Todesfälle führten zu einer Situation, die zunehmend eskaliert. Dem als Werwolf-Thriller angedachten Film fehlen die Zähne, um Schauer zu erregen. Nicht überall, wo „nordischer Thriller“ drauf steht, ist auch Thrill drin.

     

     

    (14.08.2014)

     

    + „Lucy“ von Luc Besson – USA 2014 – 89 Min.

    Die US-Studentin Lucy macht Party in Taipeh. Sie wird von einem Zufallsbekannten dazu gedrängt, einem mysteriösen koreanischen Bandenchef einen Koffer zu übergeben. Bei der Übergabe geht einiges schief und es gibt die ersten Toten. Lucy wird brutal zusammengeschlagen und soll eine neuartige Superdroge nach Europa schmuggeln. Das Päckchen wird ihr gegen ihren Willen in ihrem Bauch implantiert. Bei einem Kampf gegen einen ihrer Gegner löst sich das Päckchen auf und setzt ungeahnte Kräfte frei. Lucy entwickelt übermenschliche Fähigkeiten und fortan gleicht die Handlung des Films einem einzigartigen Drogentrip: ein Farbenrausch, eine Montage aus Bildern von Zeit und Raum, schnelle Schnitte, hektischer Sound etc. Besson und seine Protagonistin Scarlett Johansson fahren alles auf, was technisch machbar ist. Nur Morgan Freeman als besonnener Hirnforscher sorgt für einige ruhige Momente. Wem so etwas gefällt und dafür auf logische Abfolgen des Geschehens verzichtet, der ist hier bestens bedient.

     

     

    + „Jimmy’s Hall“ von Ken Loach – Irland 2014 – 109 Min.

    Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit. Er spielt In Irland der 1930er Jahre. Im Mittelpunkt steht Jimmy, der in einer abgelegenen Gegend eine Gemeindehalle aufgebaut hat, die sich zum Mittelpunkt des Ortes entwickelte, was weder der Obrigkeit noch der Kirche in den Kram passte. Jimmy muss sich ins amerikanische Exil flüchten und kehrt zehn Jahre später wieder zurück. Auf Drängen seiner alten Freunde und Bekannten baut er erneut ein Zentrum auf. U.a. hat er Platten aus den Staaten mitgebracht und bringt den Leuten neue Musik und neue Tänze bei. Schon bald schreiten seine alten Feinde ein und machen ihm das Leben schwer. Dabei scheuen sie auch vor Gewaltakten nicht zurück. Und Jimmy muss erneut das Land verlassen. Loach entwirft ein beklemmend dichtes Porträt eines Ortes, der stellvertretend für viele vergleichbare Vorkommnisse in Irland seht. Vergleichbar mit den Filmen von John Ford entwickelt sich Loach zu einem Chronisten der Geschichte seines Landes.

     

     

    + „Night Moves“ von Kelly Reichardt – USA 2013 – 112 Min.

    Die Umweltaktivisten Josh, Dena und Harmon wollen einen Staudamm in die Luft sprengen, um die Öffentlichkeit zum Umdenken zu bewegen. Sie erhoffen sich durch ihre Aktion eine Signalwirkung, die auf die Fragwürdigkeit solcher Bauten hinweist. Bei der Vorbereitung des Unternehmens zeigt sich, dass ihre Charaktere sehr unterschiedlich sind und sie sich keineswegs als Team oder sogar als Freunde verstehen. Die eigentliche Sprengwirkung liegt in dem Beziehungsgeflecht, denn die Folgen ihrer Aktion verlaufen anders als geplant. Die Regisseurin verzichtet auf vordergründige Spannungselemente. Detailliert zeichnet sie die akribischen Vorbereitungen auf und legt dabei ebensoviel Wert auf die damit verbundenen Veränderungen, die sie bei den Protagonisten hervorruft. „Night Moves“ ist ein intelligenter Psychothriller mit der Qualität der Geschichten von Patricia Highsmith.

     

    (07.08.2014)

     

    o „Planet der Affen – Revolution“ von Matt Reeves – USA 2014 – 127 Min.

    Affen sind auch nur Menschen. Und sie reagieren nervös, wenn jemand ungebeten in ihr Revier eindringt und die Ruhe stört. Die Ausgangssituation ist, dass ein Virus den größten Teil der Menschheit ausgerottet hat und die wenigen Überlebenden in städtischen Ruinen leben. Um ihre Stromversorgung wieder herzustellen, müssen sie in die Enklave der Affen eindringen. Der intelligente und verständnisvolle Anführer ist an einem friedlichen Miteinander gelegen, andere sind dagegen. Die Fronen verlaufen quer durch die Affen- und Menschenkolonien. Die Konflikte sind vorprogrammiert und schon bald kommt es zu einem Kampf, der die Vorherrschaft über die Erde endgültig entscheiden soll.

    Eine solche Story ist nicht gerade besonders originell – in 3D verpackt sorgt sie immerhin für ein visuell auf- und anregendes Spektakel. Die Fans des Genres (Planet of the Apes) werden auch hier ihrer Bezugsgruppe treu bleiben. Grandios die Performance von Andy Serkis als Affenoberhaupt Caesar!

     

     

     

    (31.07.2014)

     

     

    o „Die innere Zone“ von Fosco Dubini – Schweiz/Deutschland 2013 – 89 Min.

    Im Jahre 2023 erhält eine Psychologin den Auftrag, eine Tunnelbaustelle aufzusuchen, aus der ein unbekanntes Luftgemisch austritt, das bereits das Binnenklima des evakuierten Tales verändert hat. Sie soll die drei noch vor Ort verbliebenen Ingenieure kontaktieren, die Symptome von Verwirrung und Paranoia zeigen.

    Der Film hat ein reales Ereignis am 21. Januar 1969 zum Ausgangspunkt. An diesem Tag ereignete sich in einem atomaren Testreaktor tief in einem Tunnel in den Schweizer Alpen ein Unfall, der bis heute geheim gehalten wurde. Die Drehbuchautoren bastelten sich daraus eine SF-Story. Da es sich um einen Schweizer Film handelt braucht es eine lange Zeit, bis die Spannung beim Zuschauer angekommen ist.

     

     

    (26.06.2014)

     

    + „Violette“ von Martin Provost – F 2013 – 139 Min.

    Ein Film über Violette Leduc (1907 – 1972), die heute als „Pionierin der Frauenliteratur“ gilt.

    Violette Leduc war bisexuell und ging bei ihren Affären aufs Ganze. Sie nahm beim Schreiben kein Blatt vor den Mund, erfand ihre eigene Sprache für weibliche Sexualität und verschwieg nichts in ihren autobiografischen Werken. Im Mittelpunkt der Handlung stehen dabei die 1940- bis 1960er-Jahre und ihr Kampf um einen Platz im Leben und um Anerkennung als Schriftstellerin. Entscheidend dabei war ihre Freundschaft mit Simone de Beauvoir, die ihre Karriere förderte.

    Martin Provost erzählt ihre Geschichte übergangslos von einer Zeit in die andere, von einer Szene zur nächsten. Es ist sinnvoll, sich die

    (Zeit-)Geschichte Frankreichs vor Augen zu halten, da es ihm Regisseur mehr um die inneren Konflikte als um die äußeren Umstände geht. Aber man sollte schon sein Wissen über die Szene um Sartre, de Beauvoir, Camus, Genet und die anderen vor dem Besuch des Films auffrischen. Vielleicht ist es aber auch mehr ein Film fürs Fernsehen, da wohl aus Kostengründen bei der Ausstattung auf authentisches, zeitgenössisches Paris-Ambiente verzichtet wurde und die bekannten Straßen und Plätze merkwürdig menschenleer sind.

     

    (05.06.2014

     

    o „Maman und ich“ von Guillaume Gallienne – F 2013 – 85 Min.

    Alles dreht sich um den Mann, der diesen Film drehte: Guillaume Gallienne! Es ist die filmische Umsetzung seines autobiographisch inspirierten Bühnenerfolgs und es geht um die Geschichte eines Mannes, der als „homosexuell“ erzogen wurde und erst mit Dreißig merkt, dass er anders ist als die anderen Schwulen. Der Film ist eine für den filmischen Raum ausgedehnte Theater-Spielfläche, die der Macher und Hauptdarsteller (auch in seinen Doppelrollen) unterhaltsam füllt. Aber er ist gewöhnungsbedürftig. Wer ihn und sein aufgesetztes Spiel nicht mag, der wird ihm auch nicht folgen. In Frankreich allerdings hat „Maman und ich“ eine beachtliche Resonanz und Auszeichnungs-Erfolge erzielt.

     

     

     

    (29.05.2014)

     

    o „Angélique“ von Ariel Zeitoun – F 2013 – 113 Min.

    Die Bestseller von Anne Golon in Neuauflage. In den 1960er-Jahren als „pseudo-historisches Bilderbuch“ mit „fast stupide wirkendem Ernst“ (publikumswirksam) verfilmt, ist es diesmal eine „werkgetreue und zeitgemäße Verfilmung“. Ein Star-Ensemble inmitten bekannter Postkartenbilder. Auch dieser Film wird seine Produktionskosten einspielen. In Deutschland wurden die Romane über 150 Millionen Mal verkauft. Und Millionen von Lesern und Kinogängern können sich nicht irren. Dieser Film mit dem Untertitel „Eine grosse Liebe in Gefahr“ ist – so das Ende – auf Fortsetzung angelegt.

     

     

    (22.05.2014)

     

    + „Paris um jeden Preis“ von Reem Kherici – Frankreich 2013 – 93 Min.

    Die aus Marokko stammende Maya lebt seit 20 Jahren in Paris und hat die Chance, in der von ihr vergötterten Haute-Couture-Welt als Designerin Karriere zu machen. In der entscheidenden Phase gerät ihr Leben aus den Fugen, weil ihre Aufenthaltserlaubnis abgelaufen ist und sie nach Marokko ausgewiesen wird. Dort muss sie sich mit ihrer Familie arrangieren. Aber sie will auf jeden Fall so schnell wie möglich nach Paris zurück...

    Eine charmante, liebevoll ironische Komödie nach einem Drehbuch der Schauspielerin Reem Kherice, die hier auch zum ersten Mal Regie führt. Obwohl einige Gags ins Leere laufen und den Rhythmus der Geschichte aufhalten, ist der Film in erster Linie sehenswert für diejenigen, die sich über die Modeszene amüsieren können. „Paris um jeden Preis???“

     

    (15.05.2014)

     

    o „Stereo“ von Maximilian Erlenwein – D 2014 – 95 Min.

    Jürgen Vogel spielt einen Typ, der er sich auf dem Lande in einer Motorradwerkstatt eingerichtet hat und es genießt, seine freie Zeit mit seiner Freundin (Petra-Schmidt-Schaller) und deren Tochter zu verbringen. Doch dann taucht ein Fremder (Moritz Bleibtreu) auf, der in sein Leben eindringt, das daraufhin völlig aus den Fugen gerät. Es entwickelt sich ein Zweikampf, bei dem es eigentlich nur einen Überlebenden geben darf. Doch die Geschichte entwickelt sich anders als voraussehbar.

    Zwei deutsche Stars in Höchstform als Gegenspieler. Das hat schon was. Und der Regisseur beweist, dass er einen Psychothriller inszenieren kann, der sich SEHEN lassen kann. Ein perfekter Genrefilm, hochkarätig besetzt und mit Ngo The Chau als Bildgestalter, der bereits mit einem Deutschen Kameramann ausgezeichnet wurde. Einziger Nachteil: Die Story stimmt hinten und vorne nicht, Klischees werden nicht gebrochen, sondern verstärkt. Schade.

     

     

    (08.05.2014)

     

    + „Good Vibration“ von Lisa Barros D’Sa und Glenn Leyburn – GB/Irl. 2012 – 102 Min.

    Der Film erzählt die wahre Geschichte von Terri Hopoley, der Bomben mit Musik bekämpfte. Es bedarf schon sehr viel Mut und Selbstvertrauen, in den 1970er Jahren in Belfast mitten auf einer umkämpften Straßenmeile eine Plattenladen aufzumachen. Mit nicht viel mehr in der Hand als ein paar Scheiben aus der eigenen Sammlung. Es war schwer, aber die Zeit war günstig für „Good Vibration“, denn die aufkommende Underground-Szene mit Punks, Nerds, Rebellen und Teenies war fortan der Treffpunkt und ein Ort des Widerstands. Terri Hooley wird zum geliebten und gehassten Labelgründer und Konzertveranstalter und bringt einige Bands groß heraus. Wichtiger als die finanzielle Sicherheit sind ihm die ideelle Freiheit und die Gestaltungsmöglichkeit für musikalische Exzesse. Der Film ist ein liebevolles Plädoyer für die Kraft der Musik und den geistigen Widerstand – euphorisierend wie ein Partyrausch und ernüchternd wie der Morgen danach. Eine Zeitreise in eine musikalische Bewegung, die inmitten politischer Unruhen unbequem blühte.

     

    (01.05.2014)

     

    ++ „Zulu“ von Jéromé Salle – F/Südafrika – 100 Min.

    Ein Film, der nicht einfach zu bewerten ist. Der wie immer souveräne Forest Whitacker spielt den Chef der Mordkommission in Kapstadt. Er ist ein psychisches und physisches Opfer des Apartheid-Regimes, der auf Verwöhnung und nicht auf Vergeltung setzt. Er und sein Kollege (Orlando Bloom) müssen sich mit der Aufklärung mehrerer Verbrechen befassen, von denen vor allem Kinder und Heranwachsende in den Townships betroffen sind. Sie stoßen dabei auf kriminelle Machenschaften, die bis in die Zeiten des Apartheid-Regimes zurückreichen. Zunächst sieht es aus, als seien sie das Opfer einer neuen Designerdroge, doch dahinter steht ein rassistischer Plan von ultrabrutalen Rädelsführern aus der finsteren Vergangenheit. Es geht um Produkte des „Project Coast“, das rücksichtslos gegen Schwarze eingesetzt wurde. Das Ziel ist, die Männer zu sterilisieren oder zu töten. Je mehr die Cops in das Netzwerk vordringen, desto gefährlicher werden die Konsequenzen für sie selbst, ihre Kollegen und ihre Angehörigen. Und nun ist nicht mehr Versöhnung, sondern RACHE angesagt. Zwei hervorragende Darsteller in einem dichten Plot zwischen Action-Thriller und Polit-Thriller. Und der Regisseur beweist, dass er dieses Genre beherrscht und für Story und Protagonisten das passende Tempo und die richtigen Bilder gefunden hat.

     

     

    + „Die Schöne und das Bist“ von Christophe Gans – F/D 2013 – 112 Min.

    Alte Märchen müssen immer wieder mal neu erzählt werden. Warum auch nicht? Hier ist es sinnvoll, weil neue (Kino-)Techniken auch neue Bilder erlauben und für die Handlung ein faszinierendes Ambiente schaffen. Hinzu kommt dann die hervorragende Besetzung mit den französischen Kinostars Léa Seydoux, Vincent Cassel und André Dussollier. In einer Nebenrolle dann auch noch Yvonne Catterfeld. Ein Film für’s Kino! Auch wenn Story und Happy End bekannt sind.

     

    ++ „Nächster Halt Fruitvale Station“ von Ryan Coogler – USA 2013 – 90 Min.

    Der Film erzählt die authentische Geschichte des 22-jährigen schwarzen Oscar Grant, der in der Silversternacht des 31. Dezember 2008/09 in der U-Bahn-Station Fruitvale von einem weißen Polizisten erschossen wurde. Der Fall von rassistisch motivierter Polizeigewalt hat die USA erschüttert und wirkt bis heute nach.

    „Nächster Halt Fruitvale Station“ zeigt die Rückseite der Schlagzeilen. Er zeigt die drei Leben eines Zweiundzwanzigjährigen, der versucht, seinen Platz im Leben zu finden und für seine Familie da zu sein. Es ist zunächst die Alltagsrealität zwischen Arbeitslosigkeit, Kleinkriminalität und Familienleben. Dann sind es die guten Vorsätze für das neue Jahr. Und letztendlich ist es auch das Leben, das ihm durch die sinnlose Aktion eines Polizisten verwehrt wird.

    Der emotional ergreifende, subtil und bewegende Film ist dicht dran am Geschehen und an den Protagonisten. Näher geht es nicht. Ermöglicht und produziert wurde er von Forest Whitaker. Es ist das Regiedebüt von Ryan Coogler, der auch das Drehbuch schrieb: ein Name, den man sich merken muss. Nicht zuletzt deswegen, weil der Film beim Festival in Sundance mit dem Großen Preis der Jury und dem begehrten Publikumspreis ausgezeichnet wurde.

     

    + „Der letzte Mentsch“ von Pierre-Henry Salfati – F/CH/D 2013 – 93 Min,

    Als alter Mann wird Marcus Schwartz von seiner jahrzehntelang verdrängten Vergangenheit eingeholt. Mit der jungen Deutschtürkin Gül macht er sich auf die Reise nach Ungarn, um nach Beweisen für seine jüdische Identität zu suchen.

    Ein tragikomisches Roadmovie mit einer Paraderolle für Mario Adorf. Als ihm ebenbürtig erweist sich Katharina Derr, die als rumänisches Straßenkind in „Beautiful Bitch“ (2007) erstmals überzeugte. Der WDR und das SFR sind an der Produktion beteiligt – und dort gehört der Film auch hin.

     

    (24.04.2014)

     

    o „The Invisible Woman“ von Ralph Fiennes – GB 2013 – 110 Min.

    Postkarten-Bilder über die (skandalöse?) Affäre zwischen Charles Dickens und der Schauspielerin Nelly Ternan. Der Regisseur spielt auch den berühmten Autor. Der Film so ist erhaben getragen, dass demgegenüber die voluminösen Romane von Dickens wie Thriller wirken.

     

    + „Sabotage“ von David Ayer – USA 2014 – 109 Min.

    Wir haben ihn lange vermisst, nun ist er zurück. In diesem Film ist Arnold Schwarzenegger Anführer einer Elite-Einsatztruppe der Anti-Drogen-Behörde DEA, die den gefährlichen Kartellen der Welt den Kampf angesagt hat. Alle Mittel sind erlaubt. Erst schießen, dann fragen! Spannend wird es nur, weil sich das Team nach und nach reduziert und die Loyalität eines jeden unter Verdacht steht. Aber Arnold Schwarzenegger ist allen Freunden und Feinden steht eine Zigarrenlänge voraus...

    Ein Film, der sich auf bewährte Muster verlässt und deshalb nicht enttäuscht. Regisseur und Autor David Ayer ist ein ausgesprochener Spezialist für dieses Genre und sein Star ist wieder einmal einen Kinobesuch wert. Erst hingegen, dann fragen.

     

     

    (03.04.2014)

     

    +„Noah“ von Darren Aronofsky – USA 2014 – 138 Min.

    Eine eigenwillige Interpretation der Schöpfungsgeschichte und der alttestamentarischen Figur des Erbauers der Arche. Der Regisseur von „Pi“ greift auch hier tief in die Kiste der Computereffekte. Als Bibelverfilmung umstritten und in islamischen Ländern verboten. Immerhin ein Actionfilm mit Staraufgebot. Das Untergangs-Szenario ist hier mehr auf die Gegenwart als auf die Vergangenheit zugeschnitten. Und sollte es einmal ernst werden und niemand da ist, der „nur noch kurz die Welt rettet“, so ist diese bei dem Kraftpaket Russel + Crowe in besten Händen.

     

     

    + „Molière auf dem Fahrrad“ von Philippe Le Guay – F 2013 – 104 Min.

    Ein einst gefeierter Schauspielstar, der zurückgezogen in einem maroden Haus auf der Ile de Ré lebt, bekommt Besuch von einem alten Weggefährten, der aus seiner Karriere als beliebter TV-Arzt ausbrechen möchte. Er will seinen Freund dazu überreden, bei seiner Bühnen-Produktion von Molières „Menschenfeind“ mitzuwirken. Bei den Proben – im Haus, im Garten, auf dem Fahrrad etc. – vermischt sich alsbald das wahre Leben mit dem des Theaters. Und als noch eine attraktive Italienerin die Balance stört, wird die Freundschaft durch Eitelkeiten, Liebe und Verrat auf eine harte Probe gestellt. Zwei angesehene Schauspieler, Fabrice Luchini und Lambert Wilson – liefern sich pointierte Wortgefechte auf hohem Niveau und machen diesen Film zu einem Leckerbissen für die Freunde des französischen Films. Leider muss man die französische Sprache perfekt beherrschen, um ihn uneingeschränkt genießen zu können. Bei dem Duell zwischen den Texte Molières und der Alltagssprache kommt es auf Nuancen an. Synchronisieren kann man den Film nicht, und die Untertitel wirken irritierend bis lächerlich.

     

    ++ „Auge um Auge“ von Scott Cooper – USA 2013 – 116 Min.

    Der Irak-Heimkehrer Rodney Baze ist es leid, wie sein älterer Bruder Russell für den Lebensunterhalt im Stahlwerk zu schuften. Lieber kämpft er bei illegalen und risikoreichen Street-Fights. Dabei gerät er in Kreise, die er besser gemieden hätte. Als er sich mit einem brutalen und skrupellosen Bandenchef anlegt, hat das schlimme Folgen für alle Beteiligten. „Auge um Auge“ ist ein Film, der eine Story erzählt, die nicht geradlinig verläuft, sondern ihre eigenen, mitunter unvorhersehbaren Wege geht. Ein hervorragendes Buch, das von einem hochkarätigen Ensemble (Christian Bale und Casey Afffleck als ungleiche Brüder, Woody Harrelson als Bandenchef, Willem Dafoe als Gangster und Dealer, Forest Whitacker als Sheriff und Sam Shepard in einer Nebenrolle) atmosphärisch stimmig umgesetzt wird. Als einzige Frau hat Zoe Saldana zuwenig Szenen und somit auch wenig Chancen, um da mithalten zu können. Zu den Produzenten zählen u.a. Leonardo DiCaprio und Ridley Scott – insgesamt also alles Namen, die Qualität versprechen – und halten! Auch das Ambiente – ein heruntergewirtschaftetes, von der Stilllegung bedrohtes Stahlwerk als Lebensmittelpunkt der Protagonisten – stimmt.

     

     

    ++ „Snowpiercer“ von Bong Joon-ho – Südkorea/USA/Frankreich 2013 – 126 Min.

    Die Erde in naher Zukunft. Ewiges Eis und Schnee bedecken den einst so grünen Planeten. Kein Leben rührt sich. Nur ein Zug, der einsam durch die verlassene Schneelandschaft fährt, bietet den Überlebenden Menschen noch Schutz vor der tödlichen Kälte. Hier haben sie ihre letzte Zuflucht gefunden. Doch die Masse der verbliebenen Menschheit fristet im hinteren Teil des Zuges ein Leben in ewiger Dunkelheit, während vorne die wenigen reichen Passagiere im Luxus schwelgen. Aber die Zeichen stehen auf Veränderung. Eine Revolution bahnt sich an. John Hurt (der geistige Anführer der Revolution) und Ed Harris (der Herrscher über Zug und Personal) als Gegenspieler, die sich ein spannendes Duell mit einem überraschenden, nichtvorhersehbaren Ausgang liefern. Und dazwischen Tilda Swinton als fiese Agentin. Ein anspruchsvolles, bildgewaltiges und in jeder Hinsicht überzeugendes futuristisches Epos, das auf der gleichnamigen Graphic Novel beruht. Science-Fiction-Kino auf allerhöchstem Niveau: spannend, mitreißend und visuelle überwältigend.

     

     

    (30.03.2014)

     

    + „Die Moskauer Prozesse“ von Milo Rau – D 2013 – 86 Min.

    Der Film zeichnet mit den Mitteln des politischen Theaters die Geschichte einer staatlich und kirchlich betriebenen Kampagne gegen unbequeme Künstler nach. Im Sacharow-Zentrum in Moskau, wo die im Jahr 2003 zerstörte Ausstellung „Vorsicht, Religion“ stattfand, wurde ein Gerichtssaal aufgebaut. Im einen inszenierten Schauprozess mit den wichtigsten Exponenten des russischen Kulturkampfes tritt die Kunst gegen die Religion an, das dissidente gegen das wahre Russland. Im Stil eines Gerichtsdramas und unter Mitwirkung von authentischen Akteuren entsteht ein verstörendes und widersprüchliches Bild vom heutigen Russland. Die Bilder des realen Schauprozesses gegen „Pussy Riot“ gingen weltweit durch alle Medien. In diesem Film wird erstmals auch an die Vorgeschichte dieser Aktion erinnert, deren Motive und Ergebnisse sind so bekannt sind. Dazu wäre mehr Original-Material und Zusatzinformationen wünschenswert, aber angesichts der Herausforderung, einen dreitägigen Prozessverlauf auf 90 Minuten zu konzentrieren, ist dieser Mangel marginal. Eine DVD könnte mit entsprechendem Bonus-Material sinnvolle Ergänzungen liefern.

     

    (27.03.2014)

     

    + „Her“ von Spike Jonze – USA 2013 – 125 Min.

    In naher Zukunft in Los Angeles. Ein Single, dessen langjährige Beziehung scheiterte, durchlebt ziel- und orientierungslos einen Alltag, der rund um die Uhr von Mails, Screens und Games gesteuert und gestaltet wird. Die Abhängigkeit von System führt ihn in eine Situation, in der er sich in die weibliche Stimme und künstliche Intelligenz eines neuen Computerbetriebssystems verliebt. Die körperlose Frau mit der sexy Stimme nennt sich Samantha (in der OF von Scarlett Johansson gesprochen) und ist von nun an der Mittelpunkt seines Lebens. Samantha erwidert seine Liebe ... und damit sind die Konflikte vorprogrammiert.

    Eine romantische, ausweglose Lovestory – und gleichzeitig eine Denksportaufgabe, die uns zwingt, unsere von Smartphones und Tablets programmierte Mitmenschen genauer und vorurteilsfreier wahrzunehmen. Es geht dabei um weitaus mehr als nur um die skeptische Bewertung der Risiken der Intimität in der modernen Welt. Die darstellerische Leistung von Joaquin Phoenix ist emotional so intensiv, dicht und nah, dass seine Gefühlsskala – mit eigentlich wenig leinwandtauglichen Bildern für das Kino – auf die Zuschauer beinahe wie ein 3D-Film wirkt.

     

     

    (20.03.2014)

     

    o „Lone Survivor“ von Peter Berg – USA 2013 – 121 Min.

    Afghanistan 2004. Vier Soldaten der US-Spezialeinheit Navy SEALs müssen sich gegen eine Übermacht von Tabiban-Kämpfern behaupten. Um Taliban zu töten braucht es keine besondere Legitimation. Verdächtiges Aussehen genügt, aolle Mittel sind recht. Früher waren es mal die Indianer, dann die Kommunisten, dann die Vietnamesen, dann die Iraker, dann die Drogenbarone etc... Der Besucher ist immer auf der richtigen Seite und feiert die echten Helden – hier in einem Film, der das Prinzip „Wir holen Euch da raus!“ mit den Mittel des Action-Thrillers variiert.

     

     

     

    (13.03.2014)

     

    + „Pettersson und Findus“ von Ali Samadi Ahadi – D/Österreich 2014 – 80 Min.

    Die bereits als Animationsfilm adaptierten Bestseller des schwedischen Autors Sven Nordquist hier als Realfilm mit Animationselementen. Aus der Vielzahl der Geschichten werden vier ausgesucht und so miteinander verbunden, dass sich daraus eine Spielfilmhandlung ableiten lässt. Im Mittelpunkt die von der Oscar- und Emma-prämierten VFX-FIRMA PIXOMONDO („HUGO CABRET“) kreierte Figur des kleinen Katers, dem Roxana Samadi, die Tochter des Regisseurs, eine charmante und liebenswerte Stimme verleiht. Dagegen haben Schauspieler wie Ulrich Noethen und Marianne Sägebrecht so gut wie keine Chance.

     

     

    (06.03.2014)

     

    ++ „Grand Budapest Hotel“ von Wes Anderson – USA 2014 – 100 Min.

    Der Eröffnungsfilm der Berlinale – nach Ansicht einiger Kritiker der beste seit Jahren. Stimmt. Wes Andersen erzählt in seinem unverwechselbaren Stil die Lebensgeschichte des legendären Concierge eines berühmten osteuropäischen Hotels und seinem Hotelpagen und Protegé. Zur Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, als Europa sich im dramatischen Umbruch befindet, schweißen die Turbulenzen und Abenteuer um den Diebstahl eines wertvollen Renaissance-Gemäldes und der Streit um ein großes Familienvermögen die beiden unweigerlich zusammen. Wie bei den Puppen in der Puppe hält hier jede Geschichte noch eine neue bereit. Glänzend erzählt und ideenreich umgesetzt. Und dazu noch ein Starensemble ungeahnten Formats. Man hat den Eindruck, die Hollywood-Größen haben gemeinsam einen Europa-Trip unternommen und sich dabei glänzend amüsiert.

     

    + „Saving Mr. Banks“ von John Lee Hancock – USA 2013 – 125 Min.

    Ein Film über die (noch) großen Zeiten Hollywoods und des Disney-Studios. Anfang der 1960er Jahre. Walt Disney (Tom Hanks) bemühte sich lange Zeit vergeblich um die Rechte an „Mary Poppins“, doch die australisch-britische Autorin P. L. Travers (Emma Thompson) sträubte sich hartnäckig. Als die finanziellen Mittel ihres Bestsellers langsam zur Neige gehen, willigt die Schriftstellerin ein, Walt Disneys Einladung nach Los Angeles anzunehmen. Und hier treffen zwei Welten aufeinander und es dauert lange, bis die Autorin den Vertrag unterzeichnet.

    Der Film ist eine Hommage an Disney und Travers. Mit totaler Charme-Offensive gelingt des dem Erfolgsproduzenten, die sperrige und zickige Britin für sich und das Filmprojekt einzunehmen. Und da es sich hier um eine Produktion der Walt Disney Company handelt, wird dem großen Meister devot alle Ehre und Respekt erwiesen. Im Mittelpunkt des Films steht jedoch Emma Thompson, der die Wandlung der spröden Britin zu einem Mitglied der Disney-Familie emotional überzeugend gelingt. Sehr schön anzuschauen ist auch die Zeitreise zurück ins Innere der Traumfabrik.

     

    (27.02.2014)

     

    + „Pompeii“ von Paul W.S. Anderson – D/Canada 2013 – 104 Min.

    79 n. Chr. in Pompeii. Ein Sklave kämpft in Pompeii gegen andere Gladiatoren und um die Gunst einer jungen Frau aus den Kreisen der Wohlhabenden. Leider hat auch ein skrupelloser Senator aus Rom Interesse an der schönen Bürgertochter. Und damit sind die Konflikte so vorprogrammiert, dass nur eine Naturkatastrophe die Actionszenen übertreffen kann.

    Schlachten, Gladiatorenkämpfe, ein ausbrechender Vulkan und eine untergehende Stadt – für solche Stoffe wurde das 3 D-Kino erfunden. Zurück in die Zukunft!

     

     

    + „Jack Ryan: Shadow Recruit“ von Kenneth Branagh – USA 2013 – 105 Min.

    Die Russen sind auch nicht mehr das, was sie früher mal waren. Aber groß verändert haben sie sich auch nicht. Wollten sie vor x-Jahren den Westen mittels atomarer Bedrohung in die Knie zwingen und den Kapitalismus durch den Kommunismus ablösen, so geht es jetzt darum, dass russische Oligarchen die wichtigsten Finanzplätze in den USA und dann überall auf der Welt lahmlegen wollen. Da die CIA das nicht billigen kann, schickt sie ihren Superagenten Jack Ryan nach Moskau, um die Quelle der Bedrohung unschädlich zu machen. Das alte Schema „Westen: gut, Osten: böse!“ gilt nach wie vor, auch wenn sich der Regisseur Kenneth Branagh die Rolle des Bösewichtes selbst auf den Leib geschrieben hat. Er fordert sich hier aber kein differenziertes (Schau-)Spiel ab, sondern begnügt sich mit der handwerklichen Bedienung der Klaviatur des konfektionierten Spionage-Thrillers.

     

    (13.02.2014)

     

    ++ „Charlie Mariano – Last Visits“ von Axel Engstfeld – D 2013 – 99 Min.

    Er war einer der Großen des Jazz: der Saxophonist Charlie Mariano. In Boston als Kind italienischer Einwanderer geboren, spielte er noch mit Charlie Parker und Dizzy Gillespie zusammen. In den 1970er-Jahren kommt er nach Europa. Im Gegensatz zu Amerika kann er in Deutschland seinen Lebensunterhalt als Jazzmusiker verdienen. Er hat den europäischen Jazz beeinflusst und Generationen von Musikern inspiriert.

    Im Juni 2009 starb er im Alter von 85 Jahren. Die letzten 20 Jahre seines Lebens lebte er in Köln. Der Film von Axel Engstfeld begleitet ihn in seinem letzten Jahr zu seinen Konzerten, wobei neben dem Kölner Stadtgarten sein letztes großes Konzert im Theaterhaus Stuttgart zu seinem 85. Geburtstag im Mittelpunkt steht. Engstfeld gehört zu den renommierten Dokumentarfilmern der internationalen Szene. Für diesen Film hat er die richtige Mischung aus Musik (Schwerpunkt) und Statements seiner Musiker (u.a. Mike Herting und Matthias Schriefl) gefunden. Wohltuend ist, dass er sich dabei nur auf wenige Personen konzentriert, was sich als aufschlussreicher erweist als eine Vielzahl von Interviewten mit knappen Sätzen.

    „Charlie Mariano – Last Visit“ ist eine Hommage an einen Weltmusiker; der Film zeigt ihn so, wie er bei seinen Freunden und Fans in Erinnerung ist. Eine schwere Krankheit hat ihn in den letzten Jahren zu schaffen gemacht, dennoch bleibt er durch und durch positiv, nimmt seine Kraft zusammen, um immer wieder Konzerte zu geben. Etliche, von seinen Freunden und Kollegen organisierte Benefitz-Konzerte trugen mit dazu bei, seinen Lebensunterhalt in dieser schwierigen Zeit zu sichern. Das war der selbstverständliche und wohlverdiente Dank dafür, dass Mariano sich zeitlebens auch für andere Musiker aufgeschlossen und hilfsbereit war. In diesem Sinne ist „Charlie Mariano“ ein emotional ergreifender Film über Anerkennung und Respekt, Freundschaft und Solidarität.

     

    + „American Hustle“ von David O. Russell – USA 2013 138 Min.

    Ende der 1970er Jahre in New York. Der Besitzer mehrerer Waschsalons verdient sein Geld hauptsächlich mit dubiosen Geldgeschäften. Unterstützt von seiner Geschäftspartnerin und Lebensgefährtin bringt er es zu Ansehen und gesellschaftlicher Anerkennung. Als ein FBI-Agent ihnen auf die Schliche kommt, läst sich das Gaunerpaar auf einen riskanten Deal ein: sie sollen als Lockvögel auf die Politprominenz New Jerseys dienen und dabei helfen, Korruption und Mafiaverbindungen aufzudecken....

    Die Handlung ist geschickt montiert nach dem Motto „Wer trickst wen aus?“ und „Wer hat am Ende noch ein As im Ärmel?“ Das irrwitzige, chaotisch endende FBI-Verwirrspiel beruht auf einem wahren Fall. In dem hochkarätig besetztem Ensemble fällt vor allem Jennifer Lawrence auf, die als „naives Blondchen“ doch „nicht so dumm ist, wie sie aussieht.“

     

    (06.02.2014)

     

    + „Robocop“ von José Padilha – USA 2013 – 120 Min.

    Im Jahr 2018 soll der engagierte Polizist Alex Murphy die steigende Kriminalität und Korruption in Detroit mit allen verfügbaren Mitteln bekämpfen. Gleichzeitig produziert ein multinationaler Konzern für Robotertechnologie Drohnen, die weltweit vermarktet werden. Als Murphy im Dienst schwer verletzt wird, ist das für die Firma eine willkommene Gelegenheit, die umstrittene Technologie zu erproben und einzusetzen. Der Plan ist, den perfekten Polizisten zu schaffen, der halb Mensch und halb Roboter ist. Doch der Konzern hat nicht damit gerechnet, dass das neue Produkt in Teilen aus einem menschlichen Wesen besteht, das sich nicht vollständig kontrollieren lässt.

    Die Rebocop-Story ist nicht neu. Hier wird noch einmal alles an Specialeffects aufgeboten, was der Markt aktuell anbietet. Hinzu kommen aber als eine neue Dimension die heftigen Auseinandersetzungen zwischen den machtbesessenen Firmenchefs und den Wissenschaftlern und Technikern. Erstaunlicherweise nimmt sich dieser typische Genrefilm sehr viel Zeit dafür, moralische und philosophische Aspekte anzusprechen. Michael Keaton, Gary Oldman und Samuel L. Jackson ist hier die überzeugenden Gesprächspartner und Gegenspieler.

     

     

    -- „... und Äktschn!“ von Frederich Baker – D/A 2014 – 98 Min.

    Gerhard Polt in der Rolle eines Amateurfilmers aus einem bayerischen Provinznest, der mit seinen sehr bescheidenen Mitteln einen Film über Hitlers Privatleben dreht und dabei auf die Hilfe von mehr oder weniger talentierter Laien angewiesen ist. Eigentlich eine zündende Idee, die sich allerdings recht bald verwässert und langweilt. Noch nicht einmal Gerhard Polt kann seinen eigenen Film (als Co-Autor beteiligt) retten. Schon jetzt der ärgerlichste Film des Jahres! Sinnvoller als ein Kinobesuch ist die amüsante und vergnügliche Lektüre von „Circus Maximus“: das gesammelte Werk von Gerhard Polt auf 800 Seiten.

     

     

    (30.01.2014)

     

    + „47 Ronin“ von Carl Rinsch – USA 2013 – 119 Min.

    Die historisch verbürgte, legendäre Geschichte der entehrten „47 Ronin“ (= herrenlose Samurai) hat ihren Ursprung im frühen 18. Jahrhundert, als 47 ehrenhafte Samurai den frühen Tod ihres Herrn rächten. Ein verräterischer Lehnsherr hatte sie in die Verbannung getrieben und die Ronin/Samurai wollten ihre Ehre und die ihres Volkes wieder herstellen. Das ist der Ausgangspunkt von etlichen Filmen und TV-Bearbeitungen. Und nun eine Produktion als Summe aller opulent ausgestatteten Breitwand-Epen, in der monumentales Hollywood-Kino mit fernöstlicher Kampfästhetik kombiniert wird. Keanu Reeves und eine ausgewählte Besetzung japanischer Superstars garantieren die erforderliche Aufmerksamkeit für einen 3D-Film mit atemberaubenden Landschaften und gewaltigen Schlachten. Auch wenn man schon einige vergleichbare Samurai-Filme gesehen hat, wird hier die Neugier auf faszinierende visuelle Effekte voll befriedigt.

     

     

    ++ „Le Passé – Das Vergangene“ von Asghar Farhadi – Fr/It 2013 – 130 Min.

    Auf Bitten seiner französischen Noch-Ehefrau Marie kehrt Ahmad vier Jahre nach der Trennung der beiden aus Teheran zurück nach Paris, um die Scheidung abzuschließen. Ahmad spürt, dass die Beziehung zwischen Marie und ihren rebellischen Teenager-Tochter Lucie (aus Maries erster Ehe) äußerst angespannt ist. Die Situation ist zusätzlich belastet durch die Präsenz von Maries aktuellem Lover Samir, den Lucie nicht ausstehen kann. (Samirs Frau hat wegen der Affäre ihres Mannes mit Marie einen Selbstmordversuch unternommen und liegt als hoffnungsloser Fall im Koma.) Alle leben auf engstem Raum miteinander und geraten in einen Konflikt, den niemand wollte und den auch niemand mehr lösen kann.

    Ein hervorragendes Buch, eine präzise Regie und außergewöhnlich starke Darsteller für alle Rollen: Haupt- und Nebenrollen, Erwachsene und Kinder. Ein meisterhaftes Lehrstück über unseren Umgang mit der Vergangenheit!

     

    o „Kill Your Darlings“ von John Krokidas – USA 2013 – 104 Min.

    Ein Film, der die aufkommende Freundschaft zwischen Allen Ginsberg, Lucien Carr, Jack Kerouac und William S. Burroughs (New Yorker Columbia-Universität Mitte der 1940er Jahre) zeigt. Ein interessantes Zeitporträt. Leider nicht besonders aufschlussreich, was die Protagonisten angeht. Wer die Werke von Ginsberg, Kerouac und Burroughs nicht kennt, wird aus diesem Film nicht viel mitnehmen.

    Dies ist nun innerhalb kürzester Zeit schon der dritte Film zu diesem Thema. Denn 2012 kam Kerouacs „On the Road“ (USA 2012, Regie: Walter Salles) ins Kino. Und 2010 gab es schon den Film über Allen Ginsbergs „Howl“ (Regie: Rob Epstein und Jeffrey Friedman). „Kill your Darlings – Junge Wilde“ liegt also voll im Retro-Trend. Und dann gibt es ja auch noch das rororo Taschenbuch „Und die Nilpferde kochten in ihren Becken“ von Burroughs und Kerouac – ein Roman, der in den USA jahrzehntelang unveröffentlicht blieb. Bei uns ab September 2011 auf dem Markt.

     

    (16.01.2014)

     

    + „The Wolf of Wall Street“ von Martin Scorsese – USA 2013 – 179 Min.

    Biopicture über den aufstrebenden, unerfahrenen Börsenmakler Jordan Belford, der im New York der frühen 1990er Jahren mit Anfang Zwanzig die Firma „Stratton Oakmont“ gründete, es schon bald zum Multimillionär brachte und zum Shootingstar der Wall Strett aufstieg.

    Und dann sorgte er mit seiner Drogensucht, Geld- und Sexgier für den jähen Abstieg seiner „Wolfsbande“, begleitet von einer langjährigen Observierung von der Justiz. Doch Belford wäre nicht Belford, wenn er (sich) deswegen aufgeben würde.

    Scorsese schöpft aus der Fülle seiner Inszenierungs-Visionen und hat mit Leonardo DiCaprio einen Star, der hier so spielt wie Orson Welles in „Citizen Kane“ und sich mit dieser Rolle lautstark und vehement für einen Oscar wirbt.

     

    (09.01.2014)

     

    + „Zwei vom alten Schlag“ von Peter Segal – USA 2013 – 90 Min.

    In den 1980er Jahren lieferten sich Henry „Razor“ Sharp (Sylvester Stallone) und Billy „The Kid“ McDonnen (Robert De Niro) im Boxring zwei heiße Duelle. Doch ohne nähere Begründung erklärte Razor vor dem entscheidenden dritten Kampf seine Karriere für beendet, was auch das K.O. für McDonnens Laufbahn bedeutete. Dreißig Jahre später bekommt er eine zweite Chance. Ein Box-Promoter bietet ihnen die Gelegenheit, wieder in den Ring zu steigen und endgültig abzurechnen. Begleitet von einem riesigen Medien-Rummel treten sie noch einmal gegeneinander an...

    Stallone und De Niro, die in ihren vorherigen Filmen immer gegen andere Gegner angetreten sind, treffen hier als alternde Boxrivalen erstmals aufeinander. Ein amüsantes, vergnügliches Spiel zweier Filmlegenden, die mit einer gehörigen Portion Selbstironie zu unterhalten wissen. Und zwischen diesen beiden dann auch noch Kim Basinger.

    Die Kinobesucher sind gut beraten, nicht gleich nach den ersten Bildern des Abspanns den Saal zu verlassen! Es kommt noch eine kleine Szene, die es in sich hat.

     

     

    - „All Is Lost“ von J. C. Chandor – USA 2013 – 106 Min.

    Ein Mann allein auf einer Segelyacht mitten auf dem Indischen Ozean. Über Nacht kollidiert das Schiff mit einem im offenen Meer treibenden Schiffscontainer. Ein Leck kann notdürftig abgedichtet werden, aber einige der wichtigen Navigationsgeräte sind unbrauchbar. Und nun geht es ums Überleben – lange(weilige) 106 Min. Interessant ist allerdings die Konzeption des Films, nur mit einem Darsteller und ohne weiteres Personal einen Kinofilm machen zu wollen. Die Kamera rückt den Protagonisten dafür immer wieder direkt auf die Pelle. Und da die Rolle von Robert Redfort gespielt wird, sieht man einen kampf- und lebenserfahrenen Helden bei seiner Arbeit zu. Und man ahnt schon in den ersten Minuten, wie’s am Ende ausgeht. Das ist zu wenig. Diesen Film kann man sich bequem im Kopf zurechtlegen und sich dabei an Redfords große Rollen erinnern.

    Tom Hanks hatte in dem vergleichbaren Film „Cast Away“ (USA 2000) weitaus mehr Möglichkeiten, die Skala seines Könnens voll auszuspielen. Aber er hatte auch einen viel größeren Schauplatz und dazu einige Utensilien, mit denen er im wahrsten Sinne des Wortes ‚spielen’ durfte.

     

    (25.12.2013)

     

    + „Der Medicus“ von Philipp Stölzl – D/USA 2013 – 150 Min.

    Die (unvermeidliche) Verfilmung des Welt-Bestsellers von Noah Gordon mit einem internationalen Star-Aufgebot. Der Medicus erzählt die Geschichte des Waisen Rob Cole, der aus dem mittelalterlichen England ins persische Isfahan reist, um dort bei dem ‚Arzt aller Ärzte’ Medizin zu studieren. Unterwegs begegnet er zahllosen Gefahren und Herausforderungen, muss Oper erbringen und sich seinen Weg bedingungslos erkämpfen. Für die darstellerischen Qualitäten sorgen Namen wie Tom Payne, Stellan Skarsgard, Olovier Martinez, Emma Rigby und Ben Kingsley. Gegenüber dieses geballten Kraft-Potentials wirkt der deutsche Regisseur Philipp Stölzl („Nordwand“, „Goethe!“) leider etwas überfordert. Immerhin präsentiert der Film eine spannende und interessante Geschichte, wechselnde Schauplätze und viele Attraktionen – Schauwerte über Schauwerte. Für solche Stoffe wurde das Kino gemacht.

     

     

     

    (19.12.2013)

     

    o „Machete Kills“ von Robert Rodriguez – USA 2013 – 107 Min.

    Man muss ihn schön mögen, um seine Filme zu ertragen: Danny Trejo, der stoische Kraftprotz mit der Hack-Fresse. Die Handlung ist nebensächlich. Hier geht es wieder einmal mehr darum, die Welt (oder einzelne Teile davon) zu retten, da ein mexikanischer Kartellboss die US-Hauptstadt mit einer Nuklearrakete bedroht. Und dann gibt es noch einen exzentrischen Waffendealer mit Allmachtsphantasien. Rodriguez und sein Team spielfreudiger Superstars machen daraus eine Story mit atemberaubendem Tempo und überbordenden Einfällen. Die Geschichte der B-Pictures wird gnadenlos geplündert und selbstironisch verwurstet. Wer diesen Film gesehen hat, der hat einen ausreichenden Vorrat an Action, Gags, Sex und Explosionen, die für ein Jahr reichen – bis zum nächsten Auftritt von Machete: „Machete in Space“. Versprochen!?

     

     

    + „Belle und Sebastian“ von Nicolas Vanier – Frankreich 2013 – 94 Min.

    Die Geschichte einer Freundschaft zwischen einem kleinen Jungen und einem großen Hund ist nicht neu in der Literatur (und in den Filmen) für Kinder. Beruhend auf einem Jugendbuch-Bestseller von Cécile Aubry und einer französischen Fernsehserie aus den 1960er Jahren (sie wurde auch in der BRD und in der DDR ausgestrahlt) ist der Schauplatz hier ein idyllisches Bergdorf in den französischen Alpen nahe der Schweiz. Zwei Spannungsbögen kreuzen und verweben sich. Das ist zunächst einmal die Freundschaft zwischen dem Waisenjungen Sebastian und dem riesigen Hund, den die Bewohner des Dorfes für eine Bestie halten. Hinzu kommt noch die zeitgeschichtliche Ebene des Jahres 1943. Deutsche Soldaten besetzen das Dorf in der Absicht, diejenigen aufzufinden, die den Flüchtlingen über die Grenze helfen. Eine Treibjagd in doppeltem Sinne. Die Handlung spielt überwiegend in den schneebedeckten Bergen, was die ideale Kulisse für atemberaubende Szenen bildet. Ein emotional berührender Familien-Film, aber kein vordergründiges Family-Entertainment.

     

    (12.12.2013)

     

    o „Der Hobbit – Smaugs Einöde“ von Peter Jackson – USA/NZ 2013 – 161 Min.

    Der zweite Teil der Tolkien-Jackson-Fantasy-Odyssee. In allen Medien ausreichend beschrieben; die Fans wissen eh, worum es geht. Der Film dauert ca. 160 Min. Zieht man davon die endlos-langen Kampf- und Verfolgungsszenen ab, so bleiben nur noch gefühlte 10 Minuten, um das inhaltlich fortschreitende Geschehen zu verfolgen bzw. zu beschreiben. Gegenüber dem ersten Teil fehlen auch so originelle und eindrucksvoll-nachhaltige Charaktere wie beispielsweise „Gollum“. Orlando Bloom und Evangeline Lilly wirken demgegenüber blass und uninteressant. Gut nur, das in aller technischen Perfektion, die Jacksons Team wie kein anderes beherrscht, hin und wieder etwas Humor erkennbar ist.

     

     

    (05.12.2013)

     

    + „Oldboy“ von Spike Lee – USA 2013 – 104 Min.

    OLDBOY ist Kult – bei den Lesern der Graphic Novel von Garon Tsuchiya/Nobuaki Minegishi und den Fans des Films von Park Chan Wook, der in Cannes und in aller Welt Preise abräumte. Und nun eine Neuverfilmung bei der man sich fragt: Muss das sein?

    Aber siehe, es geht. Spike Lee hat den Stoff aufgefrischt und ihn unbeeindruckt von dem koreanischen Films neu und anders erzählt. Josh Brolin ist hervorragend; seine Gegenspieler haben kaum Chancen, dagegen zu halten.

    In den freien, beschaulichen Tagen zum Jahreswechsel ist ausreichend Zeit, sich bei der Lektüre des vierbändigen Original-Mangas (Carlsen Comics) zu entspannen und den Rachefeldzug von Goto in den Straßen Tokios genüsslich zu verfolgen.

     

     

    + „Venezianische Freundschaft“ von Andrea Segre – Italien 2011 – 98 Min.

    In der Lagune von Venedig wird ein Café von Chinesen übernommen und nun soll die zarte Chinesin Chun Li die Fischer bedienen, für die das Café schon lange ein zweites Zuhause ist. Bepi ist einer dieser Fischer und selbst vor vielen Jahren als Migrant in die Lagune gekommen. Im Gegensatz zu seinen Kollegen zeigt er Verständnis und Einfühlungsvermögen für die Neue hinter dem Tresen. Ausgehend von einem beidseitigen Interesse an der Poesie entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen zwei außergewöhnlichen Menschen. Doch weder die chinesischen Arbeitgeber von Shun Li noch die italienischen Stammgäste sind von dieser Beziehung angetan. Vorurteile bauen sich schneller auf als gedacht. Und so bleibt diese „venezianische Freundschaft“ nur ein Traum. Und dafür ist die Kinoleinwand schon immer der geeignete Ort gewesen. Ausgehend von den Filmfestspielen in Venedig wurde dieser Film weltweit mit Preisen bedacht; u.a. 2012 den LUX-Preis des Europäischen Parlaments.

     

    (28.11.2013)

     

    + „The Counselor“ von Ridley Scott – USA,GB, Spanien 2013 – 124 Min.

    Die Stoffe von Cormac McCarthy („No Country for Old Man“) bieten außergewöhnliches Personal, überraschende Handlungsverläufe, Witz, Sex, Action und viel Landschaft – diesmal das unwirtliche Grenzgelände zwischen Mexiko und den USA, aber auch Amsterdam, London etc. Der Protagonist ist es ein eloquenter, geld- und machtgeiler Anwalt, der sich auf einen lukrativen Drogenhandel einlässt und dabei nicht nur seine Existenz aufs Spiel setzt. Das hochkarätige Quartett im Bett besteht aus Michael Fassbender und Penélope Cruz, Javier Bardem und Cameron Diaz. Um sie herum schleicht noch Brad Pitt – wer will mehr? Und die visionären und magischen Bilderwelten von Ridley Scott garantieren den luxuriösen Hintergrund eines turbulenten Geschehens.

     

     

    + „Blancanieves – Ein Märchen von Schwarz und Weiss“ von Pablo Berger – Spanien/Frankreich 2012 – 104 Min.

    Es war einmal vor langer Zeit ein kleines Mädchen im Süden Spaniens, das hatte seine Mutter bei der Geburt verloren. Sie lernte die Kunst ihres geliebten Vaters, einem einst berühmten Matators, der infolge eines Unfalls gelähmt ist. Sie sah ihn nur selten, weil ihre Stiefmutter sie mit tiefstem Hass verfolgte. Diese beseitigt den Vater und gab auch den Befehl, die Tochter zu ermorden, doch dem Mädchen gelingt die Flucht. Sie fand Zuflucht bei einer Truppe kleinwüchsiger Toreros, mit denen sie durch Andalusien zog. Sie wurde zur Königin der Stierkampfarena, bis ihr Ruhm die Stiefmutter wieder erreicht...

    Eine in der Tat ‚märchenhafte’ Verfilmung in Schwarz-Weiß und mit Zwischentiteln. Stumm jedoch nicht, weil man hier exemplarisch studieren kann, welch wichtige Funktion für diese Erzählung die Filmmusik einnimmt. Auch an Kameraführung, Bildauswahl und Montage lassen sich beispielhaft die filmsprachlichen Mittel studieren, die sich hier zu einem Gesamtkunstwerk formen, wie man es selten sieht. Der Film findet auch eine ungewöhnliche Auflösung für die Geschichte: „Solange sie noch nicht gestorben ist, lebt sie noch heute“. Eine willkommene Erholung für die durch das SFX-Kino strapazierten Augen und Ohren. Äußerst empfehlenswert!

     

     

     

    (31.10.2013)

     

    + „Inside Wikileaks“ von Bill Condon – USA /Belgien 2013 – 128 Min.

    Es geht um die weltweit bekannten Vorgänge in und um Wikileaks. Der Film über die Enthüllungs-Plattform ist aber keine dokumentarische Rekonstruktion im Stile eines Polit-Thrillers, sondern zeichnet in Nahaufnahme die Freundschaft/Feindschaft zweier unterschiedlicher Charaktere: Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg. In einer anderen Zeit und in einer anderen Welt wären es Fidel Castro und Che Guevara gewesen. Inhaltlich: Nichts Neues unter der Sonne. Aber sehenswert allein wegen der schauspielerischen Leistungen von Benedict Cumberbatch und Daniel Brühl. Interessant auch, mit welchen visuellen Metaphern der Film versucht, die nicht-sichtbaren Vorgänge im Netz mit Film- Bildern sichtbar zu machen.

     

    - „Der Teufelsgeiger“ von Bernard Rose – D/Österreich 2012 – 122 Min.

    Eine deutsch-österreichische Koproduktion in bewährter Ufa-Tradition. Künstlerverehrung wie gehabt. Erzählt wird das Leben des von zahlreichen Skandalen und dunklen Geheimnissen umwitterten Teufelsgeigers Paganini auf der Höhe seiner Kunst.

    Ca. 15 Beteiligte an der Erstellung eines Euro-Puddings; div. Fördergremien eingeschlossen. Zur besseren Vermarktung ihres Namens sind auch David Garrett (Hauptrolle) und Veronica Ferres (Nebenrolle) daran beteiligt. Viele Köche verderben den Brei bzw. die ästhetische und dramaturgische Qualität des Films über einen Abschnitt der Biografie des Teufelsgeigers Niccolò Paganini – gespielt von dem Geigenvirtuosen David Garrett. Ein Film über einen Pop-Star der ersten Stunde. Der Geigenspieler Garrett kann spielen, der Schauspieler Garrett leider nicht. Und so ist es wohl sinnvoller, das Geld für die Kinokarte zu sparen und es dafür als nachhaltiges Erlebnis in die CD „Stargeiger trifft Teufelsgeiger“ zu investieren. Oder aber sich Ken Russel-Filme auf DVD anzusehen.

     

    + „Die Nonne“ von Guillaume Nicloux – F/D/B 2013 – 114 Min.

    Eine mit großem europäischen Filmförderungsaufwand entstandene Verfilmung des Romans „La Religieuse“ von Denis Diderot. Frankreich 1765. Ein bürgerliches Mädchen wird von der Familie gezwungen, gegen ihren Willen ein klösterliches Gelübde abzulegen. Hinter den Klostermauern beginnt für die Novizin ein leidenschaftlicher Kampf für ihre Freiheit, gegen vorherrschende Konventionen und religiösen Fanatismus. Zuerst wird sie von der Mutter Oberin im Kloster Sainte Marie mit aller Strenge und sadistischer Härte erbarmungslos daran gehindert, dem Klosterleben zu entsagen; in einem zweiten Anlauf ist es zuviel Liebe: die obsessiven Zuneigungen der Mutter Oberin von St. Eutrope. Der Film ist ein eindringliches Plädoyer für ein unabhängiges Leben, für die Courage, einen eigenen Weg gehen zu wollen. Das Thema hat bis heute nicht an Aktualität verloren. In den Hauptrollen treffend besetzt; in einer Nebenrolle gibt es ein Wiedersehen mit der Ikone des wilden europäischen Kinos aus den 68er-Zeiten: Lou Castel.

     

    (24.10.2013)

     

    o „Ender’s Game“ von Gavin Hood – USA 2013 – 113 Min.

    In einer Welt der Zukunft, in der die Erde von Aliens bedroht wird, sucht das Militär verzweifelt nach einem Genie, dem es gelingen kann, die überlegene Flotte des Gegners zu besiegen. Dazu rekrutieren sie potentielle Kandidaten bereits im Kindesalter, um sie auf den Kampf vorzubereiten. Darunter auch Andrew „Ender“ Wiggin, der großes strategisches Geschick beweist und ... dann die Welt rettet.

    Hochkarätig besetzte Verfilmung einer Science Fiction-Vorlage von Orson Scott Card. Vergleiche mit „Full Metal Jacket“ drängen sich auf – nur sind es hier schon die Kinder, die von den Militärs missbraucht werden. „Ender’s Game“ ist ein großaufgeblasenes Ballerspiel mit spekuliertem kommerziellem Erfolg. Inhaltlich und dramaturgisch aber leer und äußerst fragwürdig.

     

     

    (17.10.2013)

     

    ++ „Das große Heft“ von Janos Szasz – Ungarn/Deutschland/Frankreich/Österreich 2012 – 100 Min.

    Immer wieder überrascht das Kino mit außergewöhnlichen Geschichten; mit Filmen, die entgegen den Mainstream-Erwartungen verlaufen und sich nachhaltig als großartiges Kinoerlebnis einprägen. Der nach einem weltweit erfolgreichen Roman der ungarisch-schweizerischen Autorin Agota Kristof gedrehte Film spielt inmitten des Zweiten Weltkrieges in einer unwirtlichen Gegend in Ungarn nahe der streng bewachten Grenze. Zwei dreizehnjährige Zwillingsbrüder werden von ihrer Mutter zu ihrer verschrobenen Großmutter gebracht, zu der es bislang so gut wie keinen Kontakt gab. Widerwillig nimmt die Alte, im Dorf als Hexe verschrieen, die Jungen bei sich auf. Sie müssen hart arbeiten, um sich Brot und Obdach zu verdienen. Draußen behandelt man sie nicht besser. Schläge und Ungerechtigkeit sind an der Tagesordnung. Um zu überleben, beschließen die Jungen, sich in immer neuen Übungen abzuhärten: Gegen Schmerzen, gegen Beleidigungen, gegen Hunger, gegen die eigenen Skrupel nach Sehnsucht und Liebe. Sie lernen zu betteln, zu stehlen, zu schlagen, zu lügen und zu töten. Nur eines können sie nicht ertragen: getrennt zu werden. Doch auch dieser Prüfung müssen sie sich stellen.

    Ein kraftvoller Film über eine bzw. zwei Kindheiten in allerhärtesten Zeiten; eine wütende Anklage gegen Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Unmenschlichkeit. In den Hauptrollen hervorragend besetzt, emotional einfühlsam inszeniert und mit der großartigen Kamera von Christian Berger („Das weiße Band“). „Bester Film“ beim diesjährigen Karlovy Vary International Film Festival.

     

    (10.10.2013)

     

    + „Stein der Geduld“ von Atiq Rahimi – F/D/Afghanistan 2012 – 102 Min.

    Ein ausdrucksstarker, emotional ergreifender Film über das Innenleben in einer Burka. Hier wird für die Öffentlichkeit visualisiert, was ansonsten verborgen bleibt. Es herrscht ein kriegsähnlicher Zustand. Eine junge Frau pflegt ihren schwerverletzten Mann, der im Koma liegt. Sie erzählt ihm, was sie vorher nie sagen konnte, von dem Drama, das ihre Ehe für sie bedeutet, ihren Wünschen und Geheimnissen. Er wird zu ihrem „Stein der Geduld“, der ohne zu urteilen wie ein Schwamm alles in sich aufnimmt. Sie beschützt ihn vor den Einwirkungen von draußen. Und entdeckt dabei sich selbst. Dabei kommt heraus, dass Prostitution durchaus eine Möglichkeit zur Emanzipation sein kann.

    Mit „Stein der Geduld“ verfilmte der Autor Atip Rahimi seinen gleichnamigen internationalen Besteller. Ihm ist ein ergreifender und visuell atemberaubender Film über Unterdrückung und Selbstbefreiung, die Liebe und den Krieg gelungen. Der Film liefert gleichzeitig auch ein außergewöhnlich dichtes Stimmungsbild über ein Afghanistan, das man so nur selten zu sehen bekommt.

     

    (03.10.2013)

     

    - „Gravity“ von Alfonso Cuarón – USA/GB 2013 – 90 Min.

    Eine Shuttle-Mission wird von einer Medizintechnikerin (Sandra Bullock) und einem Astronauten (Geoerge Clooney) geleitet. Während eines scheinbar ganz normalen Weltraumspaziergangs kommt es zur Katastrophe: Der Shuttle wird zerstört – völlig haltlos bis auf das Band zwischen ihren trudeln die beiden mutterseelenallein in die Finsternis...

    So wie die Spannung verliert sich auch das Interesse des Zuschauers an diesem Zwei-Personen-Drama schon bald in der Unendlichkeit des Alls – es sei denn, man bewundert ausschließlich die special effects. Kaum verständlich, dass dieser langatmige Film zur Eröffnung der Filmfestspiele Venedig eingeladen wurde.

     

    + „Die andere Heimat“ von Edgar Reitz – D 2013 – 230 Min.

    Der Untertitel lautet „Chronik einer Sehnsucht“ und der Film erzählt in großen epischen Zeitbildern vom beginnenden Exodus deutscher Bauern und Handwerkern in die Neue Welt. Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts Hungersnöte, Armut und Willkür die Menschen niederdrückten, sind Hunderttausende aus Deutschland ins ferne Südamerika ausgewandert. Davon handelt der neue Kinofilm von Edgar Reitz: Die Geschichte zweier Brüder, die in ihrem Hunsrückdorf erkennen, dass nur ihre Träume sie retten können. Der Film wurde an Originalschauplätzen im Hunsrück und mit Unterstützung der regionalen Bevölkerung zwischen Rhein, Mosel und Nahe gedreht und folgt dem Geist der weltberühmt gewordenen HEIMAT TRILOGIE. Reitz und sein Kameramann Gernot Roll eröffnen ein filmisch überwältigendes Panorama, das dem Leben der einfachen Menschen und ihrer Sehnsucht nach einem besseren Leben gewidmet ist. Der Film dauert annähernd vier Stunden. Und Reitz nimmt sich genau die Zeit die er braucht, um seine Geschichte zu erzählen.

     

     

     

    (26.09.2013)

     

    + „Not Fade Away“ von David Chase – USA 2012 – 103 Min.

    Ein Coming-of-Age-Drama mit viel Musik. Zurück in die 60er/70er Jahre. In einem kleinen Vorort von New Yersey wollen ein paar Jungs, angespornt durch den Erfolg der Beatles und der Stones, eine Band gründen. Dieser Film weicht angenehm von dem üblichen Schema der Karriere/Erfolgsstorys ab; ihnen bleibt der Durchbruch verwehrt. Hier geht es in erster Linie um die Protagonisten und ihr Umfeld, um den Zeitgeist und um den Lebensstil dieser Zeit. Jugendkultur-Archäologie im stimmigen Ambiente. Für diejenigen, die diese Ära miterlebt haben, eine amüsante, nostalgische Zeitreise; für die anderen ein aufschlussreiches Porträt dieser Generation und einer Szene, in der noch geraucht wurde wie der Teufel.

    Und als feste Größe in all dem Durcheinander der politisch und gesellschaftlich bewegten Zeiten: James Gandolfino als dominierender Familien-Klotz in bester Soprano-Tration. Schon seinetwegen ist dieser Film ein MUSS. Regisseur Daivd Chase ist auch der kreative Kopf der „Sopranos“.

     

     

     

    (19.09.2013

     

    - „Lost Place“ von Thorsten Klein – D 2013 – 101 Min.

    Vier Jugendliche bei einer Geocache-Schatzsuche in Pfälzer Wald. Sie finden einen gespenstisch verlassenen Campingplatz. Merkwürdige Dinge geschehen. Sie stoßen auf die Überreste einer Militär-Anlage, deren Zutritt streng verboten ist. Und schon bald gibt es die ersten Opfer...

    Ein Film wie ein gutfinanzierter, ambitionierter Filmhochschul-Abschluss. Handwerklich überzeugend, genregetreu und auf Wirkung kalkuliert. Eine Beweisführung des Gelernten im Hinblick auf Regie, Kameraführung, Musik, Ausstattung und Visual Effects bis hin zu 3D. Leider hat man dabei vergessen, dass ein Film auch eine Story, eine Handlung, braucht. Hier wird nur behauptet und nichts bewiesen. Die Logik hat sich irgendwie in den tiefen Wäldern und im Labyrinth einer Militäranlage verirrt und verwirrt. Spannung kommt nicht auf. Der Versuch, einen Treffer zu landen, wie es seinerzeit mit „The Blair Witch Project“ gelungen ist, ist missglückt. Nun; Schwamm drüber und auf den nächsten Film warten. Immerhin: aus Fehlern kann man lernen.

     

     

    (12.09.2013)

     

    + „The Congress“ von Ari Folman – IL/D/PL/L/F/B 2013 – 122 Min.

    Für diesen außergewöhnlichen Animationsfilm nach einer Vorlage von Stanislaw Lem („Der futurologische Kongress“) wählt Ari Folman („Waltz with Bashir“) einen eigenwilligen Weg. In einer Realfilmhandlung geht es um neue Produktionsverfahren der Filmindustrie. Bevor die Hollywood-Stars den Scheidepunkt ihrer Karriere überschreiten, wird von ihnen im Studio mittels „Scan“ ein digitalisiertes Duplikat erstellt, das fortan – nach vorhergehender detaillierter Vertragsverhandlung – in der medialen Welt ein Eigenleben führt. Parallel dazu geht es in dem animierten Teil der Geschichte um eine Lebensform in einer digitalen Zukunftswelt, in der beispielsweise die Gefühle und Wahrnehmungen beliebig manipuliert werden. Die permanente Show als Opium fürs Volk. Das muss man sehen, um es zu verstehen!

    Neben dem psychedelischen Bilderrausch des animierten Films (gut die Hälfte) gibt es noch die schauspielerischen Leistungen von Robin Wright, Harvey Keitel, Jon Hamm u.a. zu bewundern. Diesen, in Cannes mit viel Jubel aufgenommenen Film sollte man sich nicht für den Monitor aufheben, sondern unmittelbar im Kino erleben.

     

     

    + „R.E.D. 2“ von Dean Parisot – USA 2013 – 116 Min.

    Die Fortsetzung des Publikums-Hit von 2010. Schauplätze sind u.a. Montreal, Paris und London. Bruce Willis spielt erneut Frank Moses, einen CIA-Agenten im Ruhestand, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Seine Kenntnisse von einer geheimen Superbombe, deren Besitzer das Gleichgewicht der politischen Kräfte auf der Welt empfindlich stören könnte, macht ihn zur Zielscheibe machthungriger Schurken...

    Bei dem Staraufgebot mit John Malkovich, Mary-Louise Parker, Helen Mirren, Anthony Hopkins und Catherine Zeta-Jones bedarf es eigentlich keiner Handlung mehr, denn diese spielwütigen Darsteller sind allein schon ein Grund, ins Kino zu gehen. Zwischendurch Action, Verfolgungsjagden und Zerstörungsorgien. Unverzeihlich allerdings, das dabei auch ein stilvolles französisches Restaurant zersägt und einige Bücherstände am Ufer der Seine zertrümmert werden.

     

    o „Choral des Todes“ von Sylvain White – F/B/D 2013 – 106 Min.

    Der sich zunehmend rundende Gérard Depardieu spielt einen pensionierten Polizeikommissar, der in seiner örtlichen Pfarre mit einem Kriminalfall konfrontiert wird. Die Todesursache ist rätselhaft. Noch rätselhafter ist das plötzliche Auftauchen eines vom Dienst suspendierten Interpol-Agenten, der in einem internationalen Fall von Kinderhandel ermittelt. Gespielt wird er von dem kratzbürstigen Star-Rapper Joey Starr. Die Spuren führen bis in höchste Kreise europäischer Politiker und in die tiefsten Abgründe deutscher Vergangenheit. Rüdiger Vogler ist der Böse! Das alles ist an den Haaren herbeigezogener Blödsinn, dem man sich nicht aussetzen sollte. Wäre da nicht das prickelnde Aufeinandertreffen zweier außergewöhnlicher Protagonisten. Das schreit förmlich nach Fortsetzungen. Ein glaubwürdigerer Plot und ein entschlacktes Drehbuch wären wünschenswert.

     

     

    + „Michael Kohlhaas“ von Arnaud des Pallières – FR/D 2013 – 122 Min.

    Heinrich von Kleists Novelle aus dem Jahr 1810 erzählt eine universelle Geschichte vom Widerstand gegen Willkür und vom Kampf des Individuums gegen Obrigkeit und Ungerechtigkeit. Arnaud von Pallières verlegt die Handlung aus dem 16. Jahrhundert von Brandenburg und Sachsen in die Cévennen. Ein wortkarger Film, der von den faszinierenden Bildern einer kargen Landschaft (geprägt von wechselnden Jahreszeiten) und von den Charakteren und Typen (geprägt vom Oben und Unten) lebt, die hier um ihre Existenz und ums Überleben kämpfen. Viel wird nicht erklärt. Den Zuschauern bleibt ausreichend Zeit, sich einzusehen und einzufühlen. Und dann noch die hervorragende Leistung von Mads Mikkelsen als Michael Kohlhaas – nicht nur als Held und Vorbild vergangener Zeiten, sondern auch als Identifikationsfigur für heute und diejenigen, die sich nicht mehr drangsalieren und reglementieren lassen wollen.

     

     

    (05.09.2013)

     

    o „Wir die Wand“ von Klaus Martens – D 2013 – 90 Min.

    Ein WDR-Dokumentarfilm der zeigt, was während eines Heimspiels auf Europas größter Stehplatztribüne (für 25.000 Fußballfans) im Stadion von Borussia Dortmund abgeht. Klaus Martens und sein Team haben elf BVB-Fans begleitet: Von dem Zeitpunkt an, an dem sie ihren Platz in der ‚gelben Wand’ einnehmen bis kurz nach dem Schlusspfiff. Entstanden sind filmische Impressionen mit einer ungewöhnlichen Dichte zum Geschehen und der Dramatik auf der Tribüne, wie sie bisher noch nie in einem Fussballstadion gedreht wurden. Vom Spielgeschehen selbst (Dortmund gegen Mainz am 20.April 2013, 2:0) ist dabei nichts zu sehen. Ganz bewusst hat sich Martens für ein ‚ganz normales’ Spiel entschieden, da hier die Atmosphäre stimmig ist und nicht durch Begriffe wie „Ruhr-Derby“ oder „Spitzenspiel“ hochgejazzt wird. Ein Glücksgriff – nicht zuletzt auch durch die Dramaturgie und Spannung des Spiels, das lange Zeit nur 1:0 für die Borussia stand. „Wir die Wand“ ist aufschlussreich über den Stellenwert des Fußballs in der Region und in seiner Bedeutung für die Lebensstile und Lebensziele der Fans. Neben dem Mut des Regisseurs, ein solches Projekt beim WDR zu realisieren, der fantastischen Bilder-Konzeption (16 Kameras) ist vor allem die Leistung des Cutters zu würdigen, dessen Name im Presseheft leider nicht erwähnt wird. Der Name der Redakteurin dafür 6 x.

     

     

    o „König von Deutschland“ von David Dietl – D 2012 – 97 Min.

    Olli Dittrich in einer ganz auf ihn zugeschnittenen Rolle. Er spielt den „Durchschnittsbürger“ schlechthin. Er ist das perfekte, personifizierte Mittelmaß – so sehr der typische Stellvertreter für die breite Masse, dass eine Markt- und Meinungsforschungsagentur auf ihn aufmerksam wird, ihn engagiert und zunächst ohne sein Wissen zum Maßstabe aller Dinge macht. Es dauert ein wenig, bis ihm seine Funktion bewusst wird und er daraus seine Vorteile zieht. U.a. schafft er es, sich von seiner nervenden Ehefrau Veronica Ferres zu trennen und fortan sein Glück mit der reizenden und charmanten Kollegin Katrin Bauerfeind zu teilen.

    Da u.a. die Parolen und Wahlkampf-Strategien politischer Parteien nicht unwesentlich sein, ist es genau der richtige Film zu den Bundestags-Wahlen im September. Es wird deutlich, wie sehr die Parteien auf eine alle Wünsche erfüllende Scheinwelt bedacht sind. Aber die gibt es nun einmal nicht in der Realität.

    Ein Film? Nein, eher eine amüsante TV-Unterhaltung formatgerecht für den kleinen Bildschirm. Aber Dittrich beherrscht dieses Format und er ist auch diesmal richtig gut.

     

     

    - „Der Fall Wilhelm Reich“ von Antonin Svoboda – Österreich 2012 – 110 Min.

    Thematischer Schwerpunkt sind die 40er- und 50er-Jahre, die Reich in den USA verbrachte, und die Hetzjagd der amerikanischen Behörden auf den unbequemen Psychiater und Marxisten. Eigentlich eine interessante und spannende Geschichte – und dazu noch mit

    Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle. Doch der begnügt sich damit, mit getragener Stimme die Dialoge vorzulesen, die das Drehbuch für Wilhelm Reich vorgesehen hat. KMB spricht, aber er spielt ihn nicht. Ein stocksteifer, staubtrockener und stinklangweiliger Film.

    „Der Fall Wilhelm Reich“ wäre sogar von Guido Knopp unterhaltsamer aufbereitet worden. Da ist es sinnvoller, sich stattdessen auf DVD den provokanten und explodierenden Film „WR – Mysterien des Organismus“ von Dusan Makavejev (Jugoslawien 1971) anzusehen.

     

    (29.08.2013)

     

    + „Portugal, mon amour“ von Ruben Alves, Frankreich 2013 – 91 Min.

    Die Concierge Maria, ihr Mann, der Vorarbeiter José, und ihre beiden fast erwachsenen Kinder Paula und Pedro führen in Paris ein angenehmes, beschauliches Leben. Die Ribeiros lieben es mit den anderen Exil-Portugiesen des Viertels ausgiebige Feste zu feiern, und sie sind bei ihren Arbeitgebern, Nachbarn und Freunden immer zur Stelle, sobald sie gebraucht werden. Maria und José sind vollkommen integriert. Doch irgendwie besteht bei ihnen immer noch ein kleiner Rest Sehnsucht nach der alten Heimat. Eines Tages werden sie von der Nachricht überrascht, in Portugal ein Haus mit dazugehörendem Weingut geerbt zu haben. Und das müssen sie nun den anderen beibringen...

    „Portugal, mon amour“ ist eine sympathische und warmherzige Culture-Clash-Komödie über eine Familie auf der Suche nach dem großen Glück; ein emotional ansprechendes und überzeugendes Plädoyer für Freundschaft und Zusammenhalt.

     

    (22.08.2013)

     

    0 „Feuchtgebiete“ von David Wnendt – D 2013 – 109 Min.

    Die unvermeidbare Verfilmung des „Skandal-Bestsellers“ von Charlotte Roche.

    Gleich die ersten Bilder konfrontieren das Publikum mit dem Test, inwieweit es gewillt ist, Ekel erregende Szenen auszuhalten, die Ekelschwelle zu überwinden: In einem öffentlichen, versifften Pissoir, mit bis an die Knöchel reichendem Schmutzwasser, setzt sich die Protagonisten auf eine verdreckte Klobrille, um diese mit ihrem Hintern zu säubern. Wer das interessant und anschauenswert findet, wird im weiteren Verlauf der Filmlänge – von einer Handlung kann nicht die Rede sein – immer wieder mit solchen Sequenzen belohnt. Erregend oder provozierend - wie beabsichtigt - ist das nicht. Eher langweilig.

    „Feuchtgebiete“ ist ein Film zum blättern - auf den Örtlichkeiten, die hier als Schauplätze besonders herausgestellt werden. Kein Film für das Kino, sondern für die TV-Kanäle, die nachts solche Spezialprogramme anbieten. Nicht verständlich, dass so eine Produktion mit den Mitteln der Kulturellen Filmförderung (BKM) subventioniert wurde.

    Erwähnenswert allerdings die schauspielerische (mutige) Leistung der Hauptdarstellerin Carla Juri, die sich zwischen naivem und selbstironischem Spiel bewegt. Bei der diesjährigen Berlinale wurde sie mit dem European Shooting Star Award ausgezeichnet. Auf ihre weiteren Filme darf man gespannt sein.

     

    (15.08.2013)

     

    + „Elysium“ von Neill Blomkamp – USA 2013 – 100 Min.

    Ein atemberaubender SF-Film mit unmittelbaren Bezügen und direkten Verweisen auf unsere aktuelle Gegenwart: Die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Masse und Elite, die Abtrennung von Wohnräumen für die Privilegierten und Anti-Immigrationsgesetze für den Rest der Bevölkerung. Auf der Erde sterben die Menschen wie die Fliegen, in einer Raumstation ist die Medizin soweit fortgeschritten, dass jede Krankheit sofort geheilt werden kann.

    Die Handlung spielt im Jahr 2154. Die Menschheit ist in zwei Klassen aufgeteilt: Die wenigen Reichen, die in einer gigantischen, luxuriösen Raumstation namens Elysium leben, und den Rest, der auf der vollkommen ruinierten, überbevölkerten Erde dahinvegetiert. Bis sich der vorbestrafte, von radioaktiver Strahlung betroffene Arbeiter Max (Matt Damon) gezwungen sieht, sein Leben zu retten und in den Krieg gegen die anhaltende soziale Ungerechtigkeit zu ziehen. Seine Gegenspielerin ist die Verteidigungsministerin Rhodes; eine politische Hardlinerin, die von Jodie Foster gespielt wird und die hier ausnahmsweise einmal die „Böse“ ist.

    Ein Film mit vielen Schauwerten (Design, Action etc.), aber auch von einer gewissen Nachhaltigkeit.

     

     

    (08.08.2013)

     

    + „Lone Ranger“ von Gore Verbinski – USA 2013 – 149 Min.

    Für diesen Film haben sich die Schöpfer der „Pirates of the Caribbean“-Abenteuer, der Produzent Jerry Bruckheimer und der Regisseur Gore Verbinski, zusammengetan, um ihr bewährtes Erzähl- und Erfolgsmuster auf das Western-Genre zu übertragen. Entstanden ist wieder ’mal ein Kino-Spektakel mit Action, Humor und atemberaubenden Effekten. Als Vorlage dienen die klassischen Figuren von Lone Ranger und Tonto, die seit den 1930er-Jahren zu den Ikonen der amerikanischen Kulturlandschaft gehören. Der maskierte Texas-Ranger wird gespielt von dem Newcomer und aufstrebenden Hollywood-Star Armie Hamer.

    Den gewitzten Indianer Tonto spielt Johnny Deep – und er allein macht den Besuch dieses Films zu einem grandiosen Vergnügen. Seine Spielfreude, sein Spaß an Kostümen und außergewöhnlichen Charakteren trägt die Handlung des Films über viele dramaturgisch bedingte Schwächen hinweg. „Lone Ranger“ bringt den Western auf den aktuellen Stand. Auf weitere Folgen sollte allerdings verzichtet werden, um Ermüdungserscheinungen und langatmige Wiederholungen zu vermeiden.

     

    o „Trance – Gefährliche Erinnerung“ von Danny Boyle – GB 2012 – 101 Min.

    Es geht wieder einmal mehr um den großen Coup; genauer: ein wertvolles Gemälde zu stehlen. Das sind willkommene Filmstoffe, da die Kunstdiebe fast immer sympathische Typen sind und streng darauf achten, dass sich niemand verletzt oder irgendwas Wertvolles beschädigt wird. Sie setzen den Kopf ein und keine Schusswaffen. Hier geht es um ein millionenschweres Goya-Gemälde. Das geht zunächst auch gut. Doch als der Auktionator und Komplize nach einem Schlag auf den Kopf sein Gedächtnis und damit auch seine Erinnerung an das Versteck des gestohlenen Goyas verliert, dreht sich die Geschichte hin zu einem Psycho-Krimi. Es entwickelt sich eine prickelnde Dreiecks-Beziehung, bestehend aus dem unter Gedächtnisverlust leidenden Dieb, seinem Partner und Bandenchef und einer verführerischen Hypnose-Therapeutin.

    Eine bildgewaltige, visuell hochkarätige Reise in die verführerische und trügerische Sphäre des Unbewussten – zu schön, um wahr zu sein.

     

    (01.08.2013)

     

    - „Die Möbius Affäre“ von Eric Rochant – Frankeich 2013 – 103 Min.

    Ein Film nach dem Rezept: Wie bastelte ich mir einen Spionage-, Krimi- und Actionfilm, der gleichzeitig auch ein Politthriller sein will und zusätzlich noch eine aufgehitzte Lovestory bietet? Dazu gehören schöne Frauen, echte Kerle, exotische Kulissen und charismatische Bösewichte. Es geht um die internationale Bankenkrise, Ost-West-Konflikte und innerstaatliche Machtkämpfe; Schauplätze sind u.a. Monaco, Moskau und Brüssel. Tim Roth ist der machtbesessene und skrupellose russische Oligarch, und Jean Dujardin spielt einen russischen Agenten, der einer CIA-Undercover-Agentin (Cécile de France) zu einem doppelten Orgasmus verhilft. Kruder geht’s nicht!

    An der Produktion und Finanzierung sind über zehn europäische Firmen und Förderprogramme beteiligt. Das zeigt, dass niemand so recht an den Erfolg dieses Films glaubte und ihn zu seiner Sache gemacht hat. Herausgekommen ist ein ungenießbarer EuroPuddding.

     

     

    (18.07.2013)

     

    o „Pacific Rim“ von Guillermo del Toro – USA 2013 – 130 Min.

    In den Fünfziger Jahren tauchten sie in Japan aus dem Wasser auf: Monster, die Städte zertrampeln und die Zivilisation zerstören. Oft werden sie von Kampfrobotern gesellt. Diese Mecha-Monster sind eigentlich eine Domäne der Anime-Manga-Kultur. Ihre Geschichten sind einfach gestrickt; die Schauwerte überwiegen.

    Die ersten Godzilla-Filme haben heute noch ihren Charme. Danach gibt es nur die fortschreitenden technischen Möglichkeiten des Films und des Kinos zu bestaunen. „Pacific Rim“ bringt das Genre auf den aktuellen Stand des 3-D-Kinos. Hier kämpfen ein heruntergekommener Ex-Pilot und eine junge Rekrutin als Roboter-Piloten gemeinsam gegen gigantische Ungeheuer, die aus dem Meer auftauchen und Millionen Menschen töten. Raten sie ’mal, wie dieses apokalyptische Inferno ausgeht! Hat man als Zuschauer die Bilderflut und den tosenden Lärm überstanden, so wundert man sich, das Abenteuer ohne Verletzungen überstanden zu haben.

     

     

    (11.07.2013)

     

    + „Die Unfassbaren“ von Louis Leterrier – USA 2013 – 116 Min.

    Die Illusionsmaschine Kino präsentiert die Illusionsmaschine einer Magier-Show in Las Vegas. Wieder einmal geht es um den großen Coup. Hier sind es vier abgebrühte Illusionisten, die mit einer virtuosen Zaubershow in fremde und ferne Tresore eindringen und an das Geld anderer Leute kommen wollen. Verfolgt von FBI und Interpol jagt eine Finte die andere. Hochkarätig besetzt und mit Witz umgesetzt. Und so kann der Zuschauer diesen Kunststücken fasziniert zuschauen und sich glänzend unterhalten. In der Welt der Magier und Illusionisten ist nichts so, wie es scheint.

     

     

    (04.07.2013)

     

    o „Layla Fourie“ von Pia Marais – D/Südafrika/F/NL 2013 – 105 Min.

    Layla Fourie ist eine schwarze Südafrikanerin, die ihren kleinen Sohn Kane in Johannesburg alleine groß zieht. Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, nimmt sie einen neuen Job an, der sie in ein fernes Casino führt. Kane begleitet sie. Auf dem Weg dorthin überfährt Layla nachts versehentlich einen weißen Mann. Aus Angst vor den Folgen, entscheidet sie sich dafür, den Unfall zu vertuschen. Das führt zu verhängnisvollen Konsequenzen. Bald hat sich ein dichtes Netz aus Lügen und Täuschungen um Layla und Kane gesponnen und es ist nur eine Frage der Zeit, bis es reißt.

    Was den Film sehenswert macht, ist in erster Linie das Ambiente, die Atmosphäre und das Personal. Rayna Campbell und Rapula Hendricks als Layla und Kane sind die alles überragenden Protagonisten in einem Handlungsgestrüpp, da wie an einem Reißbrett konstruiert wirkt und die Protagonisten erdrückt. Filmhandlungen folgen nicht der Logik der Wahrscheinlichkeit, sondern dem Drehbuch. Bei den vielen Fördergremien, die den Film finanziert haben, hätte trotzdem mal jemand genauer hinschauen müssen. Schade.

     

    (27.06.2013)

     

    o „The Grandmaster“ von Wong Kar Wai – Hongkong, China 2012 – 120 Min.

    Der Eröffnungsfilms der diesjährigen Berlinale erzählt die Karriere zweier Kung-Fu Meister: Er (Tony Leung) kommt aus dem Süden, sie (Zhang Ziyi) aus dem Norden. Sein Name ist IP Man, ihrer Gong Er. Ihre Wege kreuzen sich. Daraus entwickelt sich eine Geschichte um Herausforderung und Verrat, Ehre und Liebe, die vor dem Hintergrund von Kriegswirren und Besatzung spielt. Die äußere Action (unterschiedliche Kampfstile und Traditionen als Konflikte) ist nicht von den inneren Kämpfen der Protagonisten zu trennen. Gefühl wird zu Bewegung, motion zu emotion! Man erfährt sehr viel über den von Legenden umrankten Lebensweg des Kampfkunst-Meisters IP Man (1893-1972), der Bruce Lee Kung Fu beibrachte. Zu kurz und fragmentarisch gerät dabei der zeitgeschichtliche Hintergrund historischer Ereignisse in China während der kriegerischen Übergangszeit vom Kaiserreich zur Volksrepublik. Ein MUSS für die Fans des Martial-Arts-Genre; für andere Kinobesucher zu stark stilisiert, zu langatmig und daher wenig aufschlussreich. Die ursprüngliche Version soll über vier Stunden gedauert haben. Vielleicht wird sie alsbald als DVD nachgereicht. Dann wäre eine Neubewertung des Films von Wong Kar Wai wünschenswert; immerhin hat er dem internationalen Kino einige Meisterwerke geschenkt.

     

    (20.06.2013)

     

    o „Man of Steel“ von Zack Snyder – USA 2013 – 140 Min.

    So wie Superman hin und her fliegt, so pendelt auch die Handlung des Films zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her, um den Charakter des Superhelden zu erklären und zu verdeutlichen. Die Vorgeschichte auf dem Planeten Krypton nimmt einen breiten Raum ein. Danach geht es dann um einen Jungen, der zu einem Helden heranwächst, um die Welt vor der Vernichtung zu bewahren. Am Ende des Films hat er seine Identität gefunden und beginnt als Zeitungsreporter Clark Kent einen ordentlichen Beruf. Doch wir wissen, wie es dann weitergeht.

    Charme und Charisma der Figur sind leider nicht gerettet worden. Alles geht in einem mordsmäßigen Getöse unter und die Brocken prasseln in 3D auf die Zuschauer ein. Immerhin regt der Film dazu an, wieder einmal zu einem der DC Comics zu greifen und sich in aller Ruhe entspannt auf den Kosmos von Superman und Batman einzulassen.

     

    + „Gambit“ von Michael Hoffman – USA 2012 – 89 Min.

    Unter Gambit versteht man einen überraschenden Eröffnungszug, bei dem ein Spieler seinem Gegner einen Punkt überlässt, um sich einen strategischen Vorteil zu verschaffen, den er später im Spiel nutzen kann. Hier spielen mit: Colin Firth, Cameron Diaz, Alan Rickman und Tom Courtenay. Es geht um ein gefälschtes Meisterwerk von Claude Monet und um den großen Coup, der sich mit diesem Sujet verbindet. Da die Gebrüder Joel und Ethan Coen das Drehbuch schrieben, darf man auf überraschende Finten und witzige Dialogszenen gespannt sein. Cameron Diaz ist eine texanische Rodeokönigin, die die snobistische Kunstszene in London gehörig durcheinanderwirbelt. Eine exzellente Show, die man nicht versäumen darf. Mit dem gleichnamigen Film „Gambit“ (USA 1966) mit Shirley MacLaine und Michael Caine hat dieser Filme nichts zu tun.

     

     

    (13.06.2013)

     

     

    ++ „The Place Beyond the Pines“ von Derek Cianfrance – USA 2013 – 140 Min.

    Eingefleischte Kinofans beklagen sich seit einigen Jahren, dass die Blockbuster-Produktionen immer austauschbarer und uninteressanter werden und die aufregenden und spannenden Erzählungen nur noch in den – überwiegend amerikanischen – TV-Serien zu finden sind. Das stimmt, aber es gibt auch hin und wieder Filme, die das Gegenteil beweisen und das Kino mit Geschichten beleben, die man sehen und hören muss. „The Place Beyond the Pines“ gehört mit dazu.

    Als Leitmotiv durchzieht ein zerrissenes und dann zusammengeklebtes Familienfoto den Film. Die drei Personen sehen glücklich aus: der Vater, die Mutter und das ein Jahr alte Kind. Doch nichts an dieser Augenblicks-Idylle stimmt. Der Vater, der mit einer Motorradshow von Rummelplatz zu Rummelplatz zieht, hat die Mutter mit dem Kind vor einem Jahr sitzengelassen und diese lebt seit einiger Zeit mit einem anderen Mann zusammen. Der spontane Versuch der Mannes, daraus (s)eine Familie zu basteln, scheitert in jeder und in allen Beziehungen. Doch das ist erst der Anfang des Films, der wie ein Triptychon angelegt ist. Danach geht es um seinen Gegenspieler und fünfzehn Jahre später rückt die Generation der Herangewachsenen in den Focus des Geschehens.

    Das alles hier wiederzugeben, führt zu weit. Ab ins Kino, um großartige Schauspielern wie Ryan Gosling, Eva Mendes und Bradley Cooper zu treffen und sich auf einen visuell erregenden Film von epischem Ausmaß einzulassen.

     

     

    o „Seelen“ von Andrew Niccol – USA 2013 – 125 Min.

    Eine nicht alltägliche SF-Love-Story nach dem Roman der Autorin der Twilight Saga. Und wo Stephenie Meyer drauf steht, ist auch Stephenie Meyer drin. In nicht allzu weit entfernter Zukunft gibt es nur noch eine schöne und heile Welt mit willenlosen, gefügigen Menschen. Sogenannte Seelen haben sich in den Körpern der Menschen eingenistet und kontrollieren sie. Nur noch wenige haben ein eignes Bewusstsein. Irgendwo haben sich Rebellen versteckt und leisten Widerstand. Im Mittelpunkt steht. eine junge Frau (Melanie), die von einer Außerirdischen (Wanda) in Besitz genommen wird und sich im gleichen Körper aufhält. Melanie hat einen Freund und Wanda verliebt sich in einen anderen Mann...

    Eine ungewöhnliche Dreiecksgeschichte mit nur zwei Körpern, die hohe Anforderungen an die Hauptdarstellerin Saoirse Ronan stellt, die schon einige herausfordernde Rollen gemeistert hat und von der noch viel zu erwarten ist.

     

     

    -- „Berberian Sound Studio“ von Peter Strickland – GB/D 2012 – 92 Min.

    Das Berberian Sound Studio ist eines der billigsten und schäbigsten Post-Production-Studios im Italien der 1970er Jahre. Hier werden die miserabelsten Horrorfilme vertont und gemischt. Ein naiver und introvertierter englischer Tonmeister wird von einem selbstdarstellerischen, arroganten Regisseur engagiert und wird alsbald das Opfer seiner eigenen Arbeit: der alptraumhaften Klangwelt bizarrer Horrorstreifen voll von Gewalt und Erotik. Eigentlich könnte dieser Film eine Liebeserklärung an eine nur sparsam ausgeleuchtete Ecke der Filmgeschichte sein. Vom Plot her ist sogar an einen Kultfilm für die Fans des B-Pictures zu demlem. Aber Buch und Regie gehen schludrig mit der Vorlage um. Trash lässt sich durch Trash nicht überbieten. Schade.

     

     

    (30.05.2013)

     

    + „Haus Tugendhat“ von Dieter Reifarth – D 2013 – 116 Min.

    Das Haus Tugendhat (1928/30) im tschechischen Brno ist ein Solitär moderner Architektur. Es verkörpert den sozialutopischen Anspruch des Architekten Mies van der Rohe und den weltoffenen großbürgerlichen Lebensentewurf seiner Auftraggeber Grete und Fritz Tugendhat. Der Film ist ein aufschlussreiches Dokument europäischer Familien-, Zeit- und Kulturgeschichte und erzählt die wechselvolle Geschichte(n) des Bauwerks, seiner Bewohner, Nutzer und Bewunderer. Dabei spielt neben den persönlichen Erfahrungen auch die Schönheit dieses einzigartigen Hauses und seine Ausstrahlung eine wesentlichen Rolle, da es bei Generationen von Menschen tiefe Spuren hinterlassen hat.

     

    (23.05.2013)

     

    ++ „Mutter und Sohn“ von Calin Peter Netzer – Rumänien 2012 – 112 Min.

    Cornelia will für ihren erwachsenen Sohn Barbu immer nur das Beste, doch der entzieht sich vehement der erdrückenden Liebe seiner Mutter. Als er einen Verkehrsunfall verschuldet – ein Junge wird überfahren und getötet - unternimmt die erfolgreiche Architektin alles in ihrer Macht stehende, ihn vor den Konsequenzen und einer Haftstrafe zu schützen. Denn in ihrer Welt ist vermeintlich alles und jeder zu kaufen, auch die Unschuld, Freiheit und Liebe ihres Sohnes.

    Das Spielfilmdebüt des in Deutschland aufgewachsenen Rumänen Calin Peter Netzer zeigt eine von Eigenliebe besessene Mutter beim Kampf um ihren verlorenen Sohn und die eigene, längst zerrissene Familie. Der mit semidokumentarischen Mitteln minutiös rekonstruierte Ablauf einer Nacht und der folgenden Tage eröffnet nicht nur Einblicke in die moralische Verfassung der rumänischen Bourgeoisie, sondern wirft auch Schlaglichter auf den Zustand gesellschaftlicher Institutionen wie Polizei und Justiz.

    Die beeindruckende Leistung der Hauptdarstellerin Luminita Gheorghiu gehört zu den Sternstunden europäischen Kinos; sie ist beinahe in allen Szenen präsent. Der Film erhielt in diesem Jahr in Berlin den Goldenen Bären!

     

    (16.05.2013)

     

    ++ „Der grosse Gatsby“ von Baz Luhrmann – USA 2013 – 142 Min.

    Aus heutiger Sicht ist nicht so recht nachvollziehbar, warum der 1925 geschriebene Roman von Francis Scott Fitzgerald seinerzeit so viel Aufsehen erregt hat. Die Story über die Reichen und die Schönen, vom amerikanischen Traum schlechthin – im Mittelpunkt der mysteriöse Aufsteiger Gatsby – wurde mehrfach verfilmt. Zuletzt ein heute noch berauschendes Melodram mit Robert Redford als Gatsby und Mia Farrow als seine Jugendliebe Daisy. Aktuell spielen Leonardo DiCaprio und Carey Mulligan die Hauptrollen, wobei sich hier ein Dritter (in einer erweiterten Rahmenhandlung Tobey Maguire als Erzähler und Beteiligter) deutlich in den Vordergrund geschoben hat. Wie nicht anders zu erwarten beeindruckt die irritierende 3D-Verfilmung von Baz Luhrmann, dem Meister des Overkills, in erster Linie durch die opulenten, überbordenden Party-Szenen und durch weitschweifige und weitstreifige Kamerafahrten durch das Anwesen (innen und außen), die Umgebung und die City von New York Anfang der 1920er-Jahre. Dieses ästhetische Konzept der Bildgestaltung lehnt sich sehr stark an seinen Film „Moulin Rouge“ an. Die Grundkonstruktion der Handlung wurde beibehalten; einige Charaktere wie beispielsweise Myrtle und George Wilson sind etwas verblasst. Deutlicher herausgearbeitet wurde dafür das Nebeneinander von Reichtum/Verschwendung und Armut/Not und Elend. Dafür findet die Kamera von Simon Duggan eindrucksvolle, turbo-getunte Bilder. Reichtum hin, Verschwendung her. Wer diesen Film sieht, verspürt unwillkürlich die Lust, bei einer der offenen Partys auf Long Island dabeigewesen zu sein. Interessant ist bei diesem Film neben den dekorativen Auftritten der Chorus Girls und des von Gin und Champagner geprägten Lebensstils auch die überzeugende Mischung der zeitgenössischen Jazz-Musik mit dem Hip-Hop von heute,

     

     

    - „Evil Dead“ von Fede Alvarenz – USA 2013 – 91 Min.

    Fünf Jugendliche, drei Mädchen und zwei Jungen, in einer einsamen Waldhütte – wer kennt diesen Plot nicht aus vielen Teenhorror-Filmen? Und wenn dann – wie in diesem Film – in einem morbiden Keller das in Menschenhaut gebundene „Buch des Todes“ aufgefunden wird, dauert es nicht mehr lange, bis die Dämonen freigelassen werden. „Evil Dead“ ist ein Remake von „Tanz der Teufel“ und kann sich durchaus mit seiner Vorlage messen. Wer diesen Film sieht – und nicht wegschaut, wenn die Nagelpistole eingesetzt wird – kann auf ganze Programm-Teile des „Fantasy-Filmfestes“ verzichten. Mit einem elektrischen Brotmesser kann ein ebenso spritziges Blutbad angerichtet werden wie mit der hinreichend bekannten Kettensäge.

     

    (09.05.2013)

     

    + „Stoker“ von Park Chan-wook – USA 2012 – 100 Min.

    Das ist der erste Film des südkoreanischen Regisseurs Park Chan-wook in den USA.

    War sein „Oldboy“ ein hammerhartes Action-Drama mit wahnwitzigen Szenen und atemberaubender Kameraführung, so ist „Stoker“ eher in der Tradition der Hitchock- und Lynch-Filme zu sehen. Mit dem Autor von „Dracula“ hat dieser Film allerdings keine direkten Berührungspunkte. Der Filmtitel versteht sich als eine aufschlussreiche Denkanleitung zum Einstieg in ein faszinierendes Spiel mit Bildern aus Gegenwart und Vergangenheit. Dass ausgerechnet am 18. Geburtstag von India Stoker ihr Vater bei einem Autounfall ums Leben kommt und danach sein Bruder Charlie, dessen Existenz bis dahin nicht bekannt war, unerwartet bei der Beerdigung auftaucht, ist der Plot des Films. Indias Mutter Evie fühlt sich ebenso zu ihm hingezogen wie ihre Tochter – und damit ist der bis zur Auflösung anhaltende, sich steigernde Spannungsbogen umrissen, dessen Ende wieder sehr deutlich die schnörkellose Handschrift des „Oldboy“-Regisseurs trägt.

     

    (02.05.2013)

     

    + „I, Anna“ von Barnaby Southcombe – F/GB/D – 2012 – 93 Min.

    Ein illusionsloser Kriminalbeamter ermittelt gegen eine des Mordes verdächtigte Frau. Er verliebt sich in sie und verliert zunehmend die Kontrolle über sein Leben. Die Verfilmung des Psychothrillers von Elsa Lewin war bereits die Basis des Films „Solo für Klarinette“ von Nico Hofmann, D 1997. Seinerzeit spielten Corinna Harfouch und Götz George die Hauptrollen. Diesmal sind es Charlotte Rampling und Gabriel Byrne. Dominierte seinerzeit George das Geschehen, so ist es diesmal Charlotte Rampling, die fasziniert und herausfordert. Ein Spiel auf höchstem Niveau – unter der Regie ihres Sohnes. Es ist schade, dass der Film von Nico Hofmann seinerzeit nicht die gebührende Beachtung fand. Im Zuge der aktuellen Verfilmung wäre eine vorurteilsfreie Neubewertung des deutschen Films angebracht.

     

    - „Passion“ von Brian De Palma – F/D 2012 – 97 Min.

    Drei schöne Frauen – Rachel McAdams, Noomi Rapace und Karoline Herfurth – in der Business-Branche. Sie lieben sich, sie streiten sich. Es geht um Macht, Geld und Eifersucht, um Streit und Mord. Das alles in gestyltem Ambiente. Mit viel Leerlauf und Langeweile. Das Erklärungsmuster für die Mordtat ist so schwach, dass es hier noch nicht einmal angedeutet werden kann. „Passion“ behauptet viel, beweist aber nichts! Besser ist, sich die De Palma-Klassiker aus den Jahren 1970 bis 190 auf DVD anzusehen.

     

    (01.05.2013)

     

    ++ „Iron Man 3“ von Shane Black – USA/China 2013 – 130 Min.

    Robert Downey Jr. als der zum ehernen Superhelden geläuterte Waffenhändler Tony Stark hat es diesmal mit einem Gegner (Ben Kingsley) zu tun, der die komplette Existenz des Düsenanzug-Bastlers auslöschen will. Die Marvel-Vorlage als intelligente Action-Thriller-Komödie, in der die beiden Frauen Gwyneth Paltrow und Rebecca Hall ganz besondere Akzente setzen. Eine glänzende Comic-Verfilmung, die über zwei Stunden hinweg Spannung, Humor und Staunen garantiert.

     

     

    (25.04.2013)

     

    + „Side Effects“ von Steven Soderbergh – USA 2013 – 105 Min.

    Ein effektvoller Psychopharma-Thriller vom großen Suspense-Meister. Schauplatz ist New York. Es geht um ein erfolgreiches Ehepaar, dessen Leben aus der Spur gerät, als der Mann für einige Jahre wegen Insiderhandel hinter Gitter muss. Nach seiner Entlassung bedarf seine Frau wegen tiefer Depressionen der Betreuung durch einen renommierten Psychiater. Er verschreibt ihr ein neu entwickeltes Antidepressivum. Und das ist diesmal wortwörtlich ein Mittel „mit allen Risiken und Nebenwirkungen.“ Mehr sollte hier nicht aufgedeckt werden.

    Für die emotionale Qualität des Films sorgen die hervorragenden Hauptdarsteller und eine pointierte Regie, die eine millimetergenaue Spannungskurve zeichnet.

     

    (18.04.2013)

     

    + „Mama“ von Andres Muschietti – Spanien/Canada 2013 – 100 Min.

    Eine sichere Empfehlung für Horror-Thriller-Fans. Produziert von Guillermo Del Toro. Und wo Del Toro draufsteht, ist auch Del Toro drin. Erzählt wird die Geschichte zweier kleiner Mädchen, die an dem Tag, als ihre Eltern ermordet wurden, in den Tiefen des Waldes verschwanden. Als sie fünf Jahre später gerettet werden und ein neues Leben beginnen, muss ihre Umwelt erfahren, dass sie von einer bösartigen, tödlichen Macht begleitet werden. „Mama“ ist ein cooler, atmosphärisch-dichter Genrefilm, der mit archetypischen Urängsten jongliert und mit Jessica Chastain („Zero Dark Thirty“) eine herausragende Hauptdarstellerin hat.

     

    (04.04.2013)

     

    "Der unglaubliche Burt Wonderstone" von Don Scardino - USA 2014 - 100 Min. (Pressesperre bis 31. März 2013)

     

    - „Beautiful Creatures“ von Richard LaGravenese – USA 2013 – 124 Min.

    Fantasy-Love-Story im High-School-Milieu einer amerikanischen Kleinstadt. Junge liebt Mädchen – Mädchen liebt Jungen. Doch sie entstammt einer Hexenfamilie. Und da wundert es nicht, dass ihr Onkel (Jeremy Irons) darüber nicht sehr erfreut ist.

    Ein von allen guten Geistern verlassenes Gespenster-Gedöns, das sehr schnell ins Leere läuft. Eine Geschichte, der man alljährlich beim Fantasy-Filmfestival in immer neuen Variationen begegnen kann – wenn man will. Schade, dass der aktuell in mehreren Filmen präsente Jeremy Irons sich hier nicht ’mal eine Pause gegönnt hat.

     

     

    (28.03.2013)

     

    ++ „Die Jagd“ von Thomas Vinterberg – Dänemark/Schweden 2012 – 111 Min.

    Eine unbedachte Äußerung eines kleinen Mädchens löst eine Katastrophe aus – nur noch vergleichbar mit dem Flügelschlag des Schmetterlings, der zu einem Erdbeben führt. Schauplatz ist eine dänische Kleinstadt mit überschaubarem Personal und gefestigtem Gefüge. Lucas (Mads Mikkelsen) arbeitet in einem Hort. Ausgerechnet Klara, die kleine Tochter seines besten Freundes, verguckt sich in ihn. Lucas weist sie zurecht, aber Klara vermischt die Zurückweisung mit willkürlich aufgeschnappten Wortfetzen aus einem anzüglichen Geschwätz ihres Bruders mit dessen Freunden. Grethe, die Leiterin des Kindergartens, geht dem merkwürdigen Verhalten der kleinen Klara nach und löst mit ihrem weiteren Vorgehen eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen aus, die zu einer Katastrophe führen. Zunächst sind es die Eltern der anderen Kinder, dann ist die gesamte Nachbarschaft involviert. Freundschaften zerbrechen. Die zunächst gutgemeinte Sorge um das Kind führt zu einer Hexenjagd unvorstellbaren Ausmaßes.

    Dänemarks Superstar Mads Mikkelsen liefert hier eine seiner besten Leistungen. Und auf die Qualitäten des Regisseurs und dessen besonderer Sinn für raffiniert konstruierte Geschichten mit heiklen Themen muss hier nicht besonders hingewiesen werden. „Die Jagd“ ist kein Film nach den Dogma-Regeln, sondern ein beklemmender, atemberaubender Psychothriller, der genau das hinterlässt, was man unter Nachhaltigkeit versteht und für jede Menge Gesprächsstoff sorgt. Auch dort, wo „Kindesmissbrauch“ drauf steht, ist nicht immer „Kindesmissbrauch“ drinn. Ein wichtiger Film, der zu einem differenzierten und vorurteilsfreien Umgang mit dieser Problematik mahnt. Die vielen Preise und Auszeichnungen für „Die Jagd“ sprechen für sich.

     

    + „Mitternachtskinder“ von Deepa Mehta – Kanada 2012 – 148 Min.

    Als ich vor etlichen Jahren den Roman von Salman Rushdie (begeistert) las, war ich der Ansicht, dass er nicht zu verfilmen sei. Das Kino im Kopf lässt sich so nicht auf der Leinwand realisieren. Und wenn es nun einen Film mit dem gleichnamigen Titel gibt, so muss ja auch nicht unbedingt ein Vergleich mit der Romanvorlage gezogen werden. Beide Werke stehen für sich und können sich sehen bzw. lesen lassen.

    Der Film von Deepa Mehta orientiert sich an dem Roman (Drehbuch: Salman Rushdie) und ist ein opulentes Geschichts- und Schicksalsdrama mit allen Zutaten des indischen Kinos. Auch wenn auf die genreüblichen Zutaten des Bollywood-Kinos wie Musik, Gesang und Tanz verzichtet wird. Trotz der Länge von 2 ½ Stunden hinterlässt das mit 127 Sprechrollen besetzte und fünf Jahrzehnte umfassende Epos einen zwiespältigen Eindruck. Irgendwie macht sich das Gefühl breit, nicht alles gesehen bzw. verstanden zu haben; vieles bleibt fragmentarisch. Leider! Bei soviel inhaltlicher Kraft wäre es besser, den Film auf vier oder fünf Stunden hin anzulegen und den einzelnen Episoden bzw. Charakteren mehr Raum zur Entwicklung zu überlassen. Bollywood geizt ja auch sonst nicht mit den Filmlängen, aber die kanadischen Produzenten gehen wohl von anderen (internationalen) Vermarktungsgesetzen aus. Ansehen sollte man sich den Film auf alle Fälle!

     

     

    (21.03.2013)

     

    - "On the Other Side of the Tracks" von David Charhon - F 2012 - 90 Min.

    Ein versnobter (weißer) Cop aus Paris und ein unkonventioneller (schwarzer) Cop aus Bobigny werden unfreiwillig zu einem Duo. Es geht darum, einen Mord an der Gattin eines zwielichtigen Industriellen aufzuklären. Die Recherchen führen bis in die höchsten Kreise.

    Ein Cop-Buddy-Movie - überdreht und überflüssig. Der französische Kriminalfilm leugnet hier seine Traditionen und versucht es mit lärmenden Actionfilmen, um sich an Hollywood-Klassikern dieses Genres zu erproben.

    In einer Sequenz des Films ist kurz Jean-Paul Belmondo (im TV) in einem seiner frühen Filme zu sehen - auf diesen Hinweis hätte mann besser verzichten sollen. Das Klassenunterschied wird so nur um so deutlicher.

    Omar Sy wurde durch "Ziemlich beste Freunde" zu einem internationalen Star. Hier versucht man wohl, ihn gemeinsam mit Laurent Lafitte zu

    Serien-Helden aufzubauen. Das Nachtprogramm von RTL 2 wird sich freuen.

     

    (14.03.2013)

     

    + „Hitchcock“ von Sacha Gervasi – USA 2012 – 98 Min.

    Film im Film. Es geht um den Klassiker der Filmgeschichte: „Psycho“ (1960) und die Macher des Films. Drei Stars von heute spielen drei Stars von gestern: Anthony Hopkins = Alfred Hitchcock; Helen Mirren = Alma Reville; Scarlett Johansson = Janet Leigh. Neben einigen amüsanten und ironischen Sequenzen über die komplizierte Produktion des Films und die Resonanz auf diesen Schocker geht es in erster Linie um den Einfluss, den Alma auf die Arbeit ihres Mannes Alfred hatte. Um dem Film gerecht zu werden, müsste er eigentlich „Alma“ heißen. Helen Mirren ist (wie immer) umwerfend und steht im Focus des Geschehens, und Scarlett Johansson beweist einmal aufs Neue ihre nuanchierte Vielseitigkeit. Irgendwie enttäuschend in diesem Zusammenhang allerdings das Spiel von Anthony Hopkins. Eine aufwändige Maske versucht, der voluminösen Präsenz des großen Meisters nahezukommen. Aber dadurch ist der Schauspieler Hopkins so starr und unbeweglich geworden, dass ihm kaum ein Spielraum für eine differenzierte Charakterstudie bleibt. Unter dem Strich aber ein Film, der Filmgeschichte unterhaltsam vermittelt und dem master of suspense gerecht wird.

     

    (07.03.2013)

     

    o "Nachtzug nach Lissabon" von Bille August - D 2013 - 111 Min.

    Bille August, der so vitale und bewegende Filme wie „Pelle der Eroberer“ und „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ inszeniert hat, stellt sich hier ganz in den Dienst der Literaturvorlage. Er verfilmt den Bestseller so, wie es die Leser erwarten: getragen und ehrfurchtsvoll umgesetzt, mit einer hochkarätigen internationalen Besetzung garniert. Die Recherche nach einem geheimnisumwitterten Portugiesen, der in den siebziger Jahren gegen den Diktator Salazar kämpfe, bebildert einen Roman, dessen philosophische Fragestellungen sich im Kopf und nicht auf der Leinwand bewegen. Eine uninspirierte filmische Reise ins Innere, die zur Anschaulichkeit viele touristische Bilder bietet. Den Plot des Films hätte Costa-Gavras zu einem mitreißenden Polit-Thriller entwickelt, der sich als eigenständiges Kunstwerk neben einem Millionen Mal verkauften Buch behauptet hätte. Wer einige führende europäische Filmstars bei der Arbeit sehen möchte, der ist mit diesem Film gut bedient. Immerhin mussten sich gleich mehrere Förderungsinstanzen in Europa zusammentun, um dieses Ensemble angemessen zu finanzieren. Ein Europudding mit beschränkter Haltbarkeitsdauer.

     

    (28.02.2013)

     

    o "3096 Tage" von Sherry Hormann - D 2013 - 109 Min.

    Kinofilme über spektakuläre Kriminalfälle, deren Ausgang bekannt und deren Protagonisten eine enorme Medienpopularität besitzen, müssen schon einen besonderen Kick haben, um die Leute zusätzlich zur Kasse zu bitten. „3096 Tage“ gleicht einem Fotoroman in einer zerblätterten Illustrierten, die man im Wartezimmer in die Hand nimmt und hofft, bald aufgerufen zu werden. Es war wohl ein Fehler, den Film zu dicht an die authentischen Vorgänge und an Autobiografie von Natascha K. anzudocken. Das Geschehen wird lediglich bebildert, die Charaktere und ihre Entwicklung bleiben spannungsarm; eine emotionale Betroffenheit stellt sich nicht ein. Es wäre sinnvoller gewesen, den „Fall Kampusch“ als entfernte Vorlage für einen Psychothriller zu nehmen und daraus ein eigenständiges, genregerechtes Drehbuch zu entwickeln. Der in diesen Wochen anlaufende Film „Die Jagd“ zeigt perfekt, was einen Psychothriller ausmacht. An den Hauptdarstellern von „3096 Tage“ liegt es allerdings nicht, sie bringen bemerkenswerte Leistungen in einem von der Dramaturgie vernachlässigten Umfeld. An der Produktion des Films haben sich mehrere Sender und Filmförderungsinstitutionen beteiligt. Das deutet immer darauf hin, dass eigentlich niemand so recht dem Vorhaben traute. Vor dem Start des Films gab es nur wenige Pressevorführungen, dafür aber einen Medienrummel, dem man nicht entgehen konnte. Dank dieser Vermarktungsstrategie wird die Kasse schon stimmen.

     

    - „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ von Tommy Wirkola – D/USA 2013 – 83 Min.

    Die 3D-Technik kann aus einer bekannten Uralt-Geschichte ein atemberaubendes Kinoerlebnis machen – oder auch nicht. Hier läuft sie vollends ins Leere und demonstriert nicht mehr als einen bombastisches Überfall auf die Sinne des Zuschauers. Auch die Tatsache, dass der Film in deutschen Wäldern gedreht wurde und in Augsburg spielt, kann ihm keinen besonderen Reiz verleihen. Wenn es stimmt, dass die Produktion 60 Millionen Dollar gekostet hat, so hätte man dafür besser viele, viele Pfefferhäuschen bauen sollen, die Geschmack und Nachhaltigkeit garantieren.

    Vielleicht ist es angebracht, sich wieder einmal den Klassiker anzusehen: „Der Hexenjäger“ von Michael Reeves, GB 1968, mit Vincent Price in der Titelrolle. Allein die Geschichten um diesen Film herum sind spannender als der Auftritt von Hänsel und Gretel als Hexenjäger. Ab in den Ofen!

     

     

    + "The Crime" von Nick Love - GB 2012 - 112 Min.

    Ein perfekter, hammerharter Cop-Thriller mit einem Bullen (Way Winstone), der im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Dickkopf voran durch Wände geht. Er gehört einer Eliteeinheit von Scotland Yard an, die mit unorthodoxen Methoden und oftmals außerhalb des gesetzlichen Spielraums in der Londoner Unterwelt aufräumt. Diesmal ist es eine osteuropäische Bankräuberbande, gegen die sie vorgehen.

    Das Schema: die engagierten Bullen mit nervenden Chefs samt ihren hinderlichen Vorschriften und als Gegenspieler austauschbare, profillose Gangster aus Serbien. Das ist wahrlich nicht neu. Was "The Crime" dennoch sehenswert macht ist der Schauplatz (incl. Traflgar Square) und der rustikale Protagonist mit dicken Eiern, der ebensoviel einstecken wie austeilen kann.

    Vorbild für den Film ist übrigens die englische TV-Serie aus den 70er-Jahren "The Sweeney" / "Die Füchse".

     

    (21.02.2013)

     

    + „Les Misérables“ von Tom Hooper – GB 2012 – 158 Min.

    Romanklassiker als Original-Bühnen-Musical trifft Großes Kino. Wer’s mag, warum nicht! Der hochkarätig (u.a. Hugh Jackman, Russell Crowe, Anne Hathaway) und originell (Helene Bonham Carter und Sacha Baron Cohen als Wirtspaar Thénardier) besetzte Film setzt auf Schauwerte, die nur die Leinwand bieten kann; die aufwändig inszenierten Barrikaden-Kämpfe sind dafür ein typisches Beispiel. Trotz der Länge von zweieinhalb Stunden für die Fans des Genres ein unterhaltsames Spektakel.

    Doch es gibt einen Nachteil. Bei dem in englischer Sprache gedrehten Film werden die Songs deutsch untertitelt, die (wenigen) Dialoge hingegen deutsch synchronisiert. Das ist ein unverzeihlicher, überaus ärgerlicher Stilbruch, der permanent den Fluss der Handlung stört und irritiert. Also: Nur in Originalfassung bitte oder in OmU ohne deutsche Sprachschnipsel.

     

    (21.02.2013)

     

    + „Warm Bodies“ von Jonathan Levine – USA 2013 – 97 Min.

    Liebe überwindet alle Schranken – besonders im Kino, wo seit einigen Jahren die Trennungslinie zwischen den normal Sterblichen und den nicht-normal sterbenden Vampiren erfolgreich und publikumsträchtig aufgehoben ist. In dieser postapokalyptischen Geschichte geht es um die morbide Liebesgeschichte zwischen dem sensiblen Zombie „R“ und dem hinreißenden menschlichen Teenager Julie. Eine romantische Zombie-Komödie, die ihren Parcours inmitten verwüsteter Stadtlandschaften und verfeindeter Clans souverän meistert. Die Analogie zu „Romeo und Julia“ liegt auf der Hand und wird in der bekannten Balkon-Szene genüsslich-ironisch aufbereitet. Für die Freunde des Genres ein vergnüglicher Abend.

     

    - „Der Hypnotiseur“ von Lasse Hallström – Schweden 2012 – 122 Min.

    Schweden ist bekannt für außergewöhnliche Krimis und/oder Psycho-Thriller. Also sind die Erwartungen sehr hoch, wenn sich Lasse Hallström nach längerer Abwesenheit an die Verfilmung eines bekannten Thrillers begibt und seine Titelfigur mit Mikael Persbrandt als Protagonisten besetzen kann. Diese Qualitäts-Merkmale bleiben ungenutzt, weil keine Spannung aufkommt. Es geht um einen geächteten Hypnotiseur, der einem Kriminalkommissar bei dessen Ermittlungen in einem Mordfall behilflich ist. Die Sache eskaliert, als der kleine Sohn des Hypnotiseurs entführt wird.

    Den Kinoabend kann man sich sparen. Ein Tipp als kleine Entschädigung: mal wieder die Glotze einschalten und eine der immer wiederholten Folgen von „Kommissar Beck“ ansehen. Hier erlebt man einen Mikael Persbrandt als Gunvald Larsson in Hochform – immer sehenswert!

     

    (14.02.2013)

     

    o "Stirb langsam 5" von John Moore - USA 2012 - 97 Min.

    "Ich hab' dich lieb, Jack." "Ich dich auch, John." Das ist der emotionale Höhepunkt eines ansonsten dialogarmen Spektakels. Vater (Bruce Willis) und Sohn (Jai Courtney) gemeinsam gegen korrupte Wissenschaftlicher und Politiker in Russland. Sie haben es dabei nicht nur mit einem brutalen Killerkommando, sondern auch mit Oligarchen und Schweinebacken aller Nationalitäten zu tun. Erst legen sie den Straßenverkehr in und um Moskau herum lahm, um danach Tschernobyl ein zweites Mal zu zerstören. Der finstere Gegenspieler von Vater-und Sohn ist übrigens - gut versteckt hinter seinem Bart - Sebastian Koch.

     

    (07.02.2013)

     

    - „Parker“ von Taylor Hackford – USA 2012 – 118 Min.

    Es geht um einen Überfall auf die Zentralkasse eines Vergnügungsparks in Columbis, Ohio, der nicht so verläuft wie geplant. Danach geht es um den Streit um die Beute, um Verrat etc. Im Mittelpunkt Jason Stratham als supercooler Parker, der sich auf einen Rachefeldzug begibt und es dabei mit einer betörenden und rätselhaften Immobilienmaklerin zu tun hat, die von Jennifer Lopez gespielt wird. Finaler Schauplatz ist Palm Beach, was ausgesprochen schöne Kameraeinstellungen garantiert. Nichts neues – auch nicht unter dieser Sonne. Ein Film, der die Zuschauer nicht überfordert und in den Nachprogrammzeiten der Privatsender gut placiert ist. Parker ist der Bad Boy der hardboiled-Romane von Donald E. Westlake; eine Serie, die 1962 startete, und es darf unterstellt werden, dass auch dieser Film auf Serie angelegt ist. In der bewundernswerten Filmografie des Regisseurs (u.a. „When we were Kings“ und „Ray“) ist dieser Film leider kein Highlight.

     

     

    - "Inuk" von Mike Magidson - Grönland/Frankreich 2010 - 90 Min.

    Sozialarbeiterfilm in der Machart der 80er-Jahre. Gutgemeint, aber wirkungslos - auch in filmischer Hinsicht. Der junge Inuk findet in der grönländischen Hauptstadt Nuuk keinen rechten Halt und ist ein Fall für die Jugendbehörde. Er wird zur Bewährung in den hohen Norden geschickt, wo er durch den wortkargen Eisbären-Jäger Ikuma umgemodelt wird. Inuk hat keinen Vater mehr; Ikuma hat seinen Sohn verloren. Welch gute Fügung des Schicksals. Eine schlichte, vorhersehbare Story - leider auch wenig aufschlussreich über die Lebensbedingungen und Alltagsrealität im Hohen Norden.

     

    (31.01.2013)

     

    „The Last Stand“ von Kim Jee-woon – USA 2012 – 122 Min.

    Arnie is back! Und das beeindruckend und furios. Er spielt einen ehemaligen Cop des LAPD, der nun als Sheriff in einem verschlafenen Grenzstädtchen an der mexikanischen Grenze eine beschauliche Zeit erlebt. Das ändert sich, als ein berüchtigter Drogenboss aus einem FBI-Gefängnistransport entkommen kann und mit Mitgliedern seiner schwer bewaffneten Gangstertruppe in Richtung mexikanische Grenze flieht. Und dort trifft er auf einen Sheriff, der sich – unterstützt von wenigen unausgebildeten Helfern – ihm entgegenstellt und ihn aufhalten will. Eine Paraderolle für einen abgehangenen, wortkargen Schwarzenegger, der noch einmal draufhaut wie in alten Zeiten und mit leichter Ironie seinem Job nachkommt. In diesem hochkarätig besetzten Film (u.a. noch Forest Whitaker und Peter Stormare) wird viel Material vernichtet. Die Autoindustrie in Detroit kann nachrüsten.

    Inszeniert wurde „The Last Stand“ von dem koreanischen Action-Regisseur Kim Jee-Woon wie ein klassischer Western. Die Pferde wurden Autos ausgetauscht, die Colts gegen schwere Kaliber. Ansonsten hat sich nichts verändert – auch nicht das finale Duell Mann gegen Mann. Aber sehen sollte man Arnies Rückkehr auf die Leinwand auf jeden Fall.

     

     

    ++ "Zero Dark Thirty" von Katryn Bigelow und Mark Boal - USA 2013 - 156 Min.

    Ein Polit-Thriller wie es ihn lange nicht mehr gegeben hat. Es geht um die (erfolgreiche) Jagd nach Osama bin Laden. Der Film verbindet die Mittel des Actionfilms mit investigativem Drama und wirft ein neues Licht auf die geheimen, dunklen Korridore des Krieges gegen die Terror. Die Geschichte, die aus der Sicht einer jungen CIA-Agentin erzählt wird, führt in die Schaltzentralen der Macht und an die Frontlinien einer riskanten und umstrittenen Mission. Sie handelt von außergewöhnlichem Mut sowie von Grenzsituationen, in denen übliche Moralregeln nicht mehr gelten. Wegen der ungeschönten und erbarmungslos harten Folter-Szenen wurde der Film von vielen Seiten kritisiert und angegriffen. Aber was wäre ein Polit-Thriller, wenn er KEINE Aufregung verursacht?

     

    (24.01.2013)

     

    + „Gangster Squard“ von Ruben Fleischer – USA 2012 – 110 Min.

    1949 in Los Angeles. Ein skrupelloser Gangsterboss beherrscht die Stadt und führt die illegalen Geschäfte an: Drogen, Waffenhandel und Prostitution. Eine üble Schlägertruppe schützt ihn und sein Einfluss reicht bis in Politik und Polizei hinein. Doch dann rauft sich eine kleine Einheit von Außenseitern des LAPD zusammen, um ihn zu stoppen...

    Eigentlich das klassische Muster des Gangsterfilms, der nicht von der Logik her sondern von der Dramaturgie des Genres lebt. Dieses Film hat man schon oft gesehen: „The Untouchables“ von Brian De Palma bis zu „The Blue Dahlia“ von George Marshall (1946) und „The Black Dahlia“ von Brian De Palma (2006). Das muss aber kein Nachteil sein. Es drängen sich nur jede Mange Vergleiche auf; beispielsweise ist es überaus reizvoll, den Typ und die Rollen-Charaktere von Alan Ladd und Ryan Gosling gegenüber zu stellen und zu vergleichen. Was stört ist allerdings die zu aufdringlich dröhnende Musik und die endlose Ballerei, die nur dazu dient, die technischen Möglichkeiten zu präsentieren. Der Handlung erweist die Ohrenfolter der Zuschauer jedenfalls keinen Dienst.

     

    + "Quartett" von Dustin Hoffman - US 2012 - 98 Min.

    Schauplatz und Herzstück des Films ist eine Residenz für ehemalige Opernsänger - eingebettet in einen wundervollen Park in englischer Landschaft. Einmal im Jahr findet zu Ehren von Verdis Geburtstag ein Konzert statt. Nicht zuletzt dient es dazu, von Sponsoren Geld einzusammeln zur Rettung der Seniorenresidenz. Klar, dass alle Bewohner des Hauses diesem Tag mit Eifer und großer Erwartung entgegensehen. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, als die Ankunft einer neuen Mitbewohnerin das Gefüge mächtig erschüttert: eine unnahbare Diva; gespielt von Maggie Smith. Alle Charaktere in diesem Film sind gleichgewichtig verteilt und hervorragend besetzt; bis in die kleinsten Rollen hinein überwiegend mit ehemaligen professionellen Musikern und Sängern. Ein Augen- und Ohrenschmaus. Als Vorbild für diesen Film diente die Dokumentation "Il Bacio di Tosca" von Daniel Schmid. Der eine Film fürs Kino - der andere für den DVD-Abend.

    Erwähnenswert noch, dass es die erste Regiearbeit von Dustin Hoffmann ist. Aber das war ja nun überall schon zu lesen.

     

    + "Lincoln" von Steven Spielberg - USA 2012 - 145 Min.

    Spielberg beweist mit diesem Film, daß er auch Polit-Thriller produzieren und inszenieren kann. Es geht um den DEN amerikanischen Politiker, der für die Abschaffung der Sklaverei kämpfte und einer durch den Bürgerkrieg zerrissenen Nation den Weg in eine humanere Zukunft ebnete. Der Film konzentriert sich dabei auf die politische Vorgehensweise - samt Tricks und Intrigen - , um im Repräsentantenhaus die erforderliche Mehrheit für den 13. Zusatzartikel zu bekommen. Ein zeitloses Lehrstück über Politik und Politiker, Rassisten und Lobbyisten. Es dauerte eine Zeit, bevor Spielberg Daniel Day-Lewis als Hauptdarsteller verpflichten konnte - nun eine seiner besten, eindrucksvollsten Rollen. Der Film basiert auf dem vielschichtigen Drehbuch des mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Tony Kushner, mit dem Spielberg bereits bei "München" (2005) zusammenarbeitete.

     

    o "Flight" vo Robert Zemeckis - USA 2012 - 138 Min.

    Denzel Washington spielt einen Piloten, dessen Passagierflugzeug durch schlechtes Wetter in eine Notlage gerät und abzustürzen droht. Mit einem schier unglaublichen Manöver gelingt ihm eine Notlandung, mit der er vielen Menschen das rettet. Doch dann stellt sich heraus, dass der als Held gefeierte Captain ein Alkoholproblem hat.

    "Flight" lebt von dem Hochleistungs-Darsteller Denzel Washington, der fast immer im Bild ist und die schwierige Marathon-Strecke von 2 1/2 Stunden souverän absolviert. Bereits mit "Cast Away - Verschollen" (mit Tom Hanks) hat Robert Zemeckis bewiesen, zu welchen Spitzenleistungen er seine Solisten führen kann.

     

    -- "Blank City" von Céline Danhier - USA 2009 - 94 Min.

    Eine "Dokumentation" der Film-, Musik- und Kunstszene im New York der 1970er-Jahre. Es waren die Underground-Zeiten, die spannende, spektakuläre und innovative Erlebnisse und/oder Produktionen hervorgebracht haben. Dieser Film zeigt allerdings mehr Personen und Filmfragmente, als hier aufgezählt werden kann. Es beginnt und Amos Poe und endet mit Susan Seidelmann. Noch dabei sind u.a. Beth B und Scott B, Eric Mitchell, Jim Jarmusch, John Lurie. John Waters und Steve Buscemi. Das alles regnet wie Konfetti auf die Zuschauer herunter. Der Film ist gutgemeint, leidet aber unter der Konzeption, sich als Underground-Film zu verkleiden. Das, was früher verstört, wird hier zerstört. Diejenigen, die diese Zeit miterlebt haben - zu denen ich mich auch zähle - sind ziemlich sauer; andere sind ratlos und frustriert, weil möglichst viel gezeigt, aber nichts nachvollziehbar oder erinnerlich bleibt.

    Besser sind Fachbücher über diese Jahre und diese Szene und parallel dazu eine DVD mit den Filmen. Alles problemlos zu beschaffen z.B. bei Facet Cinema in Chicago.

     

    (17.01.2013)

     

    o "Renoir" von Gilles Bourdos - F 2011 - 110 Min.

    Schöne, emotional bewegende Bilder aus dem Lebensabend des Alten Meisters. Ein junges, überaus ansehnliches Mädchen wird sein Modell und mischt mit ihrer Lebensfreude den weiblichen Hofstaat des Alten kräftig durcheinander. Als Renoirs Sohn Jean aus dem Krieg zurückkehrt, um eine Verletzung auszuheilen, wird sie dessen Geliebte und ermutigt ihn, sich von der Malerei und der Bürde seines Vaters zu verabschieden und seinen eigenen Weg beim Film zu suchen.

    Von der Handlung her nicht gerade umwerfend. Interessant ist nur die Kameraarbeit, die immer wieder einen Vergleich zu den bekannten Bildern Renoirs herausarbeiten will.

    Ein Kinobesuch lohnt nur, wenn man ausreichend Zeit für eine Postkartenlandschaft mit Akt aufbringen möchte. Ansonsten ist dieser Film besser als DVD im Museum-Shop aufgehoben.

     

    (10.01.2013)

     

    + "Der Geschmack von Rost und Knochen" von Jacques Audiard - F 2012 - 120 Min.

    Ein sehr eigenwilliger Film. Schauplatz ist die Cote d'Azur. Ali, der mit seinem Sohn Sam bei seiner Schwester Anna untergekommen ist, verdient sein Geld als Türsteher und mit illegalen Boxkämpfen. Er verliebt sich in Stéphanie, die als Trainerin von Killerwalen im Marineland arbeitet. Die sportlich durchgestylte Frau verliert bei einem Arbeitsunfall beide Beine. Doch das ist nicht das Ende einer Beziehung, sondern erst der Anfang.

    Das Kino schafft es immer wieder Geschichten zu erzählen, die sich gängiger Erwartungen und Handlungsklischees entziehen. Dieser Film ist einer davon. Es dauert ein wenig, bis man sich darin zurechtgefunden hat. Aber dann ist man nachhaltig fasziniert von zwei hervorragenden Hauptdarstellern und einer hautnahen Inszenierung knallharter Lebensrealität im ansonsten sonnigen Urlaubsambiente.

     

    (27.12.2012)

     

    ++ "Life of Pi" von Ang Lee - USA/China 2012 - 125 Min.

    Protagonist des Films ist Piscine Molitor Patel, genannt „Pi“, der in den 70er Jahren im indischen Pondicherry aufgewachsen ist. Seinem Vater gehört ein Zoo. Infolge wirtschaftlicher Probleme beschließt die Familie nach Kanada auszuwandern. An Bord des japanischen Frachters befinden sich auch einige Zoo-Tiere, die sie später verkaufen wollen. Das Schiff gerät in einen gewaltigen Sturm und sinkt. Nur der 17-jährige Pi überlebt in einem Rettungsboot – das er sich jedoch mit einem ausgewachsenen bengalischen Tiger teilen muss. Verloren in der Weite des Meeres entsteht eine erstaunliche und unerwartete Verbindung zwischen den Schiffbrüchigen. Die beiden lernen, miteinander zu leben.

    Es gibt Geschichten, die nur das Kino erzählen kann: solche, die sich über die Bilder erschließen und nicht über Dialoge bewegt werden. Das ist einer von diesen sagenhaften, unvergesslichen Filmen, die intensiv wirken und sich nachhaltig in die Netzhaut einbrennen.

    Den Bestseller von Yann Martel habe ich nicht gelesen. Für viele ist es ein Kultroman, den man nicht verfilmen kann. Das muss man so akzeptieren. Die faszinierenden, atemberaubenden Bilder des Films lassen sich demgegenüber nicht mit Worten beschreiben.

    Den Film muss man SEHEN, evtl. zwei- oder dreimal und nach Möglichkeit in 3D.

     

    ++ "Weil ich schöner bin" von Frieder Schlaich - D 2012 - 81 Min.

    Beim aktuellen Angebot an Kinder- und Jugendfilmen nerven mich vor allem die Filme, die sich an erfolgreiche Bücher ranschmeißen und auch nicht davor zurückschrecken, den dritten oder vierten faden Aufguss auf den Markt zu bringen. Originäre Filmstoffe haben es da sehr schwer, sich Raum und Resonanz zu verschaffen. "Weil ich schöner bin" gehört zu den Filmen, die man unbedingt sehen muss - allein schon, um zu erfahren, wie es auch anders geht. Die Geschichte eines 13-jährigen Mädchens aus Kolumbien, dass sich illegal in Berlin aufhält und darum kämpft, ein Leben wie andere Teenager führen zu können, ist realitätsnah und altersgerecht aus der Perspektive der Protagonistin erzählt. Im Gegensatz zu vergleichbaren Filmen wird auf Klischeefiguren und verzuckerte Problemlösungen verzichtet. Respekt und Anerkennung für alle Beteiligten.

     

     

    + Die Vampir Schwestern" von Wolfgang Gross - D 2012 - 97 Min.

    Nach den gleichnamigen Kinderbuch-Bestsellern von Franziska Gehm.

    Die 12-jährigen Mädchen Silvania und Dakaria sind Halbvampir-Schwestern. Die lebensfrohe Mutter ist Deutsche; der geheimnisvolle Vater stammt aus Transsilvanien. Der Umzug der Familie von dort in eine deutsche Kleinstadt setzt die Handlung in Gang, die sich locker und amüsant präsentiert. Hervorragend besetzt in denn Titelrollen mit Marta Martin und Laura Roge; auch die Erwachsenen sind treffsicher ausgesucht: Christiane Paul und Stipe Erceg. Wäre der Vampir-Film ein bei unseren Produktionen ein gängiges Genre, so dürften dem letztgenannten Darsteller auf Jahrzehnte hinaus Rollenangebote sicher sein.

    Leider kommt auch dieser Film bei der Zeichnung der Figuren (Nachbarn, Lehrerin, Hausmeister etc.) nicht ohne die gängigen Klischees aus. Ich mag es nun mal nicht, wenn Filmfiguren einfach so der Schadenfreude preisgegeben werden. Hier in diesem Film hätte man gut und gerne darauf verzichten können.

     

    - "Red Dawn" von Dan Bradley - USA 2012 - 93 Min.

    So etwas passiert, wenn die starken und stolzen Amerikaner von einem Weichei wie Obama regiert werden: Die Nordkoreaner beherrschen die Welt. Sie greifen sogar die USA an und besetzen Teile des Landes. Genauer: Spokane, eine normale Kleinstadt im US-Bundesstaat Washington. Eine Handvoll Jugendlicher Heldinnen und Helden nimmt den Kampf gegen die scheinbar übermächtigen Invasoren auf und rettet die Staaten und die Welt. Der Film ist ein zeitgemäßes Remake von John Milius' streitbarem Werk "Die rote Flut" von 1984. Damals gab es noch öffentliche Proteste gegen so eine Hasspredigt auf der Kinoleinwand. Heute regt sich wahrscheinlich niemand mehr darüber auf. Gut so!

     

    (13.12.2012)

     

    + "Der Hobbit" von Peter Jackson - USA 2012 - 166 Min.

    Zugegeben: Tolkins Fantasy-Romane habe ich nicht gelesen. Auch die Verfilmungen von "Der Herr der Ringe" hat mich nicht sonderlich beeindruckt. Überbordende Technik setzt bei mir nicht Phantasie frei, sondern blockiert sie - und das mag ich nicht. Wer sich aber vom aktuellen Leistungsstandard der Film- und Kinotechnik überzeugen möchte, sollte sich hiervon ein persönliches "Bild" machen. Jackson drehte die drei "Hobbit"-Filme in 3D und mit 48 Einzelbildern pro Sekunde - das ist so, wie die HD-Erweiterung beim TV. Teil 2 folgt am 12.12.2013; Teil 3 am 17.07.2014. Vielleicht ausreichend Zeit für mich, die Bücher zu lesen.

     

     

    (06.12.2012)

     

    + "Anna Karenina" von Joe Wright - GB/F 2012 - 130 Min.

    Der Klassiker von Tolstoi ist immer wieder neu zu entdecken bzw. zu erleben. Drehbuch (Tom Stoppard) Regie, Ausstattung, Musik und ein Starensemble schaffen hier einen theatralischen "Kunstraum", in dem sich die russische High Society in Tanz und Taumel so selbstsicher bewegt, dass immer neue Schichten des Historiendramas erkennbar werden. Der Hauptdarstellerin Keira Knightley gelingt es, den fortschreitenden Verfall ihres Charakters hautnah-spürbar zu vermitteln. Über das reine Geschehen hinaus sind es aber immer wieder die faszinierenden Bild- und Szenenwechsel, mit denen der Film die Zuschauer in Atem hält. Ein zeitloser Film - bis zur nächsten eigenwilligen Adaption zumindest.

     

    - "7Psychos" von Martin McDonagh - USA/GB 2011 - 109 Min.

    Hier wollte jemand mit aller Gewalt einen "durchgeknallten" Film drehen, der sich an einschlägigen Kultfilmen orientiert und sich zur Absicherung eines hochkarätigen Ensembles bedient. Herausgekommen ist ein wirres Durcheinander, das ermüdet und langweilt.

    Schade, denn die Erwartungen waren nach "Brügge sehen ..." entsprechend hoch.

     

     

    (29.11.2012)

     

    ++ "Parked - Gestandet" von Darragh Byrne - Irland/Finnland 2011 - 95 Min.

    Fred lebt in seinem Auto auf einem Parkplatz an der Dubliner Küste. Er ist aus dem sozialen Netz gefallen: ohne feste Adresse keine Arbeit, ohne Arbeit keine feste Adresse. Irgendwie hat er sich damit arrangiert. In dem jungen Junkie Cathal hat er plötzlich einen neuen, zunächst nicht willkommenen Nachbarn, der ihm neue Perspektiven bietet. Aus der Nachbarschaftshilfe der beiden Gestrandeten entwickelt sich eine ungewöhnliche Männerfreundschaft. Fred fühlt sich ermutigt, den Kontakt zu einer verwitweten Musiklehrerin aufzunehmen, aber Cathal bekommt seine Probleme mit den Drogen und dem damit verbundenen kriminellen Milieu nicht in den Griff.

    Colm Maney spielt Fred - und das allein ist ein Grund, den Klasse-Schauspieler bei der Ausformung seines Charakters zu beobachten. Dazu bedarf es nicht vieler Worte. Dialoglastigkeit kann man dem Film nicht nachsagen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Regie führt der Ire Darragh Byrne, der seit gut zwanzig Jahren Dokumentarfilme für das Fernsehen drehte. Das verschafft dem Film eine Nähe und Authentizität, wie man es sonst nur in en Filmen von Ken Loach findet. "Parked" erhielt mehrere Auszeichnungen und Preise, darunter auch den der Internationalen Jury beim Filmfestival Mannheim-Heidelberg 2011.

     

    (20.12.2012)

     

    - "Huck Finn" von Hermine Huntgeburth - D 2012 - 99 Min.

    Die Stoffe von Mark Twain sind so gut, dass mann sich verdammt anstrengen muss, um sie zu vergeigen. Hier ist es beispielhaft gelungen. August Diehl, Henry Hübchen, Andreas Schmidt, Michael Gwisdek, Peter Lohmeyer & Co sind hervorragende Komödianten im besten Sinne. Hier chargieren sie abaer wie auf der Anfängerbühne einer fahrenden Truppe aus dem Mittelalter. Knüppel aus dem Sack und draufhauen - ausgenommen Leon Seidel und Jacke Ido als Huck und Jim. Sie können nichts dafür, dass sie sich in einem Rahmen bewegen müssen, der aber auch alle Figuren und Charaktere der Lächerlichkeit preis gibt. Wer mehr mehr als ein halbes Dutzend Förderungsgremien benötigt und dazu noch die Hilfe einiger öffentlich-rechtlicher Fernsehsender, der weiß, dass niemand dem Drehbuch so richtig vertraut. Der Film startet zur Weihnachtswochen. Weitaus sinnvoller und entspannender sind da die vertrauten Wiederholungen im Nachmittagsprogramm des Fernsehens.

     

    (15.11.2012)

     

    o "Dredd" von Pete Travis - USA 2012 - 105 (?) Min.

    Comic in 3D. Der Held - ein Judge, der richtet und vollstreckt - kämpft in einem gigantischem Wohnturm einer Mega City gegen eine brutale Drogenbaronin. An seiner Seite eine Azubi, die sich bewährt. Ein endloses Geballere, das auch in 3D nicht an zusätzlichem Gehalt gewinnt.

    Da hatte doch "Die Hard" (USA 1987) mit Bruce Willis weitaus mehr Witz, Kreativität und Spannung. "Dredd" wird auch für die Fans der Comic-Vorlage enttäuschend bleiben, da erstaunlicherweise der Held in zusätzlichen Dimensionen immer flacher wird.

     

    (08.11.2012)

     

    ++ "Argo" von Ben Affleck - USA 2012 - 120 Min.

    Ein Polit-Thriller und ein Film im Film. Es geht um die Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran im November 1979 und um die Flucht von sechs Amerikanern in die kanadische Botschaft. Dort bleiben sie zunächst unbemerkt. Als es immer brisanter wird, können sie durch eine fingierte Filmproduktion und als Filmteam getarnt das Land verlassen. Obwohl der Ausgang der Geschichte bekannt ist, macht Affleck daraus einen hochprozentigen Thriller mit allen Schauwerten des Genres. Gekonnt ist die in dieser Version bislang einzigartige Verknüpfung mit der selbstironischen Darstellung Hollywoods. Das sorgt für eine amüsante Balance, die großes Vergnügen bereitet. "Argo" ist ein Film, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

     

    o "Sister" von Ursula Meier - FR/Schweiz 2012 - 97 Min.

    In einem Skigebiet lebt der 12jährige Simon vom Diebstahl. Er klaut den Touristen die Ausrüstung und verscherbelt sie im Dorf. Von den mühsam erzielten Erlösen versorgt er sich und seine aus der Bahn geratene ältere Schwester - oder ist e seine Mutter? Ein ungewöhnliche Pärchen, das sich hier bietet. Eine interessante Story, die leider einen Fehler hat: Der Film steigt irgendwo, irgendwann ein und hat somit keine Vorgeschichte.

    In einer etwas größeren Nebenrolle Martin Compston, der in diesem Jahr auch die bemerkenswerte Hauptrolle in dem Gangsterdrama THE WEE MAN (siehe Fantasy Filmfest 2012) spielt.

     

    (01.11.2012)

     

    - "Der deutsche Freund" von Jeanine Meerapfel - D/Ar 2011 - 104 Min.

    Ein Film über die Freundschaft zwischen einem deutsch-jüdischen Mädchen, deren Familie 1936 nach Argentinien geflohen ist, und einem deutschen Jungen, dem Sohn geflohener Nazis. Die Geschichte zieht sich über ein Jahrzehnt hinweg und streift die deutsche-jüdischen Besonderheiten ebenso wie die Militärdiktatur in Argentinien. Hinzu kommen dann noch die Jahre der Studentenbewegung in Deutschland. Die Story wirkt wie auf einem Reißbrett konstruiert und die Personen müssen sich so entwickeln, damit sie möglichst viele der zeitgeschichtlichen Ereignisse in ihrer Biografie vereinen können. Eigentlich ein interessantes Thema - vom Plot ausgehend -, das aber durch die vorhersehbaren Abfolgen des Handlungsverlauf eher ermüdet als interessiert. Vielleicht war es für die Regisseurin wichtig, diesen Film gemacht zu haben. Die deutschen Schauplatze des Films wurden wahrscheinlich so gewählt, um möglichst viele regionale Filmförderungstöpfe anzuzapfen. Man merkst die Absicht und ist verstimmt!

     

    + "Oh Boy!" von Jan Ole Gerster -D 2012 - 83 Min.

    Niko lebt in Berlin - und in den Tag hinein. Er sucht nach seinem Platz in dieser Welt, streift durch die Stadt und erlebt einen Tag und eine Nacht (in einem Schwarz-weiß-Film), was dem Kaleidoskop der Stadt entspricht. Eine melancholische, selbstironische Tragikomödie, die dem schauspielerischen Potential des Hauptdarstellers Tom Schilling entspricht und ihn als Identifikationsfigur authentisch macht. Schilling ist im wahrsten Sinne des Wortes seit Jahren schon ein "Jung-Star"; gleich in der ersten Szene des Films sieht man ihn zusammen mit der überragenden Film-, TV- und Bühnenschauspielerin Katharina Schütter, die ebenso wie er schon als Jugendliche vor der Kamera stand.

    "Oh Boy!" ist nicht vergleichbar mit den Schwabing-Filmen aus den 60er-Jahren wie "zur Sache,Schätzchen"; gemeinsam ist ihnen aber, jeweils ein originäres und zeittypisches Porträt eines Lebensgefühls zu vermitteln, das unaufdringlich daherkommt, aber nachhaltig wirkt. Jan Ole Gerster (Buch und Regie) hat nach einigen bemerkenswerten Kurzfilmen hier sein Spielfilmdebüt geliefert und zählt zu den Hoffnungsträgern eines neuen deutschen Films,der angenehm von dem Schema der Betroffenheits- oder Beziehungskisten-Filme abweicht.

     

    (25.10.2012)

     

    + "Die Vermessung der Welt" von Detlev Buck - D 2012 - 110 Min. (?) 3D

    Wahrscheinlich gehöre ich zu den wenigen Menschen, die den Bestseller von Daniel Kehlmann nicht gelesen haben. Daher ist ein Vergleich zwischen Buch und Film nicht möglich - muss aber auch nicht immer sein. Von dem Film jedenfalls war ich sehr angetan, obwohl er mit der chronologisch ineinandergreifenden Parallelgeschichte von dem in der Heimat verbliebenen Mathematiker Gauß und dem weitgereisten Naturforscher von Humboldt dem Zuschauer viel abverlangt. Für einzelne Charaktere neben den beiden Protagonisten bleibt nicht viel Spielraum und ein irritierender Zeitsprung zum Ende des Films hin lässt einige Fragen offen. Neben der bestechenden Bildgestaltung von Slawomir Idziak sind es vor allem die Hauptdarsteller Florian David Fitz und Albrecht Abraham Schuch, die nachhaltig erinnerlich bleiben.

     

    (11.10.2012)

     

    o "96 Hours - Taken 2" von Olivier Megaton - USA 2012 - 91 Min.

    Liam Neeson als pensionierter CIA-Agent hat seine Tochter aus den Fängen brutaler Mädchenhändler befreit. Dabei wurde ein Albaner getötet und der Vater sinnt auf Rache. Die Familie trifft sich in Istanbul zu einem gemeinsamen Kurzurlaub. Dann werden Frau und Tochter des Agenten entführt und die genreübliche Hatz folgt. Diesmal zur Freude des Zuschauers mehr auf den Dächern als in den engen Gassen. Der Schauplatz ist der Star - die Handlung ist vorhersehbar. Liam Neesen wird nicht sonderlich gefordert.

     

    (03.10.2012)

     

    + "Looper" von Rian Johnson - USA 2012 - 118 Min.

    Joseph Gordon-Levitt und Bruce Willis teilen sich die Titelrolle des Looper. Der variationsreiche Actionthriller spielt in nicht mehr allzu ferner Zukunft des 21. Jahrhunderts. Die Mafia regiert die Welt. Wenn sie jemanden loswerden wollen, schicken sie ihn kurzerhand 30 Jahre zurück in die Vergangenheit, wo ein Looper - ein Auftragskiller - auf ihn wartet und das Problem mit einer Schusswaffe löst. Doch irgendwann trifft der Looper von heute den von morgen - so wie der flugbegeisterte Genscher, der sich selbst in der Luft begegnete. Der Film bietet ein rasantes Hin und Her, Vor und zurück. Das Publikum muss sich schon konzentrieren, um der Widergänger-Logik folgen zu können. Aber diese Anstrengungen werden durch das intelligente Spiel der beiden Hauptdarsteller belohnt.

     

    (06.-13.09.2012)

     

    + "Fantasy Filmfest Fear Good Movies" im Cinedom Köln

    Alle Jahre wieder! Auch diesmal ein Grund, die Tage im Kalender vorzumerken und freizuhalten. Leider war ich am Anfang verreist und konnte diesmal nur einige Filme aus dem Angebot der letzten Tage sehen.

    KILLER JOE (USA 2011, Regie: William Friedkin) hat einen außergewöhnlichen Titelhelden: Ein Cop, der sich als Killer verdingt; ein zwiespältiger Charakter mit undurchschaubaren, rätselhaften Verhaltensmustern. Er wird engagiert, um durch den Auftragsmord an eine Frau deren Restfamilie eine Erbschaft zu sichern. Das alles spielt im Milieu der Kleinkriminellen und Drogendealern. Messerscharfe Dialoge und aufreizende sexuelle Szenen machen diesen Film besonders bemerkenswert.

    BRAKE (USA 2012, Regie: Gabe Torres) ist demgegenüber vergleichsweise konventionell. Es geht - ähnlich wie in "Buried" um einen Mann, der in der klaustrophobischen Enge einer Plastiktruhe ums Überleben kämpft. Aber diese befindet sich nicht unter der Erde, sondern in einem Auto mit merkwürdigem Fahrverhalten. Die Auflösung ist nicht der Rede wert, aber Stephen Dorff beweist hier wieder einmal mehr seine Eignung für herausfordernde Rollen.

    LES LYONNAIS / A GANG STORY (F/B 2011, Regie: Oliver Marchal). Ein Film in allerbester französischer Krimi-Tradition. Es geht um zwei Jugendfreunde und deren Aufstieg von Kleinkriminellen zu erfolgreichen Gangsterbossen. Es geht auch um Freundschaft und Verrat und um die Balance zwischen zwei Blutsbrüdern, die durch undurchschaubare und unvorhersehbare Vorkommnisse empfindlich gestört wird. Inspiriert wurde der Film durch die Memoiren des französischen Gangsters Edmond Vidal. Hautnaher und realistischer geht es nicht. Früher hätten Jean Gabin und Lino Ventura die Hauptrollen gespielt.

    THE WEE MAN (GB 2012, Regie: Ray Burdis). Es geht um die Geschichte von Paul Ferris, der in den 60ern im berüchtigten Arbeiterviertel Black Hill aufwächst und zum gefürchtetsten Mann Glasgow wird. Ein hammerharter Film mit Martin Compston in der Hauptrolle. Damit spielt er sich in die erste Liga der europäischen Filmschauspieler. Es gibt, keinen weiteren Film mit ihm zu versäumen.

    THE CAT (Südkorea 2011, Regie: Seung-wook Byen). Ein Horrorfilm, in dem sich die Katzen nicht mehr länger alles gefallen lassen. Sie schlagen zurück - so wie einst die Vögel bei Hitchcock. Egal, ob man Katzen liebt oder sie hasst: jeder wird in seinen Vorurteilen bestätigt.

    THE AWAKENING (GB 2011, Regie: Nick Murphy). GB 1921. In einem abgelegenen Knabeninternat spukt es. Genau das richtige Ambiente für wohldosierten Grusel und der richtige Ort für den Auftritt einer Geisterjägerin, die von allen guten Geistern verlassen und von bösen gejagt wird. Mit Rebecca Hal und Dominic West in den Hauptrollen hervorragend besetzt.

    GRABBERS (GB/IR 2012, Regie: Jon Wright). Ausgerechnet eine traumhaft schöne irische Insel ist der Landeplatz für riesige, krankenähnliche Aliens, die gerne Menschen verzehren und Dinge zerstören. Doch die Iren wissen, wie man diese blutsaugenden Wesen bekämpft und vernichtet: mit Whiskey, Guinness und selbstgebrautem Schnaps - je hochprozentiger, desto wirkungsvoller. "Slainte! Auf die Sieger!" Nicht versäumen, ins Kino zu gehen und anschließend in den Pub.

    A CHINESE GHOST STOY (China/Hongkong 2011, Regie: Wilson Vip. Dort, wo "A Chinese Ghost Story" drauf steht, ich auch eine drin. Hier sind die Dämonen weiblich und wieder einmal mehr beweist es sich, dass Männer sich nicht in Dämonen verlieben sollen. Ein Upgrade des Filme aus den 80ern.

    Muss man aber nicht unbedingt sehen - es sei, die Augen brauchen Bewegung.

    THE BAYTOWN OUTLAWS (USA 2012, Regie: Barry Battles). Nichts verraten! Hineingehen! Alle Voraussetzungen für einen Kultfilm.

     

     

     

    (13.09.2012)

     

    + "Wir wollten aufs Meer" von Toke Constantin Hebbeln - D 2012 - 116 Min.

    Dieser Film beweist, dass das aktuelle deutsche Kino weitaus mehr zu bieten hat als belanglose Komödien oder uninteressante Beziehungsgeschichten. Es geht um das Schicksal von zwei befreundeten Männern. Die Handlung setzt ein in Rostock 1982. Das große Ziel ist: hinaus aufs Meer und von da aus raus aus der DDR. Doch irgendwie bekommt die Stasi die Fluchtpläne mit und es drängt sich der Verdacht auf, dass der Fluchtplan verraten wurde. Das repressive System schafft es, dass aus Freunden Feinde werden. Die Geschichte des Films erstreckt sich über einen Zeitraum von beinahe zwanzig Jahren und leistet einen beachtlichen Beitrag zu zeitgeschichtlichen Produktionen. Eine Bereicherung in vielfacher Hinsicht.

     

    (18.10.2012)

     

    ++ "Angel's Share" von Ken Loach - UK u.a. - 101 Min.

    Kaum ein anderer Regisseur versteht es so wie Ken Loach, aus kleinen Geschichten, besetzt mit unbekannten Darstellern, große emotional fesselnde Filme zu machen. Bereits vor über 40 Jahren waren Filme wie "Kes" und "Family Life" stilbildend für die nachfolgenden Generationen der Filmemacher.

    "Angel's Share": das ist der bei der Lagerung von Whisky zu verzeichnende Schwund - ein prozentual geringer Anteil - , der liebevoll als "Schluck für die Engel" bezeichnet wird. In diesem Film profitieren aber nicht die Engel von verschwundenem Whisky, sondern eine kleine Gruppe von Outsidern, die wegen kleiner Vergehen zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt wurden und sich dabei kennenlernten. Und da die Story nun einmal in Schottland und nicht in Monaco spielt, kann der große Coup nur darin bestehen, in den Highlands das Fässchen mit dem teuersten Malt Whisky der Welt aufzuspüren, denn ein paar Flaschen davon könnte ihnen allen eine sorgenfreie Zukunft bescheren.

    Ken Loach hat eine wunderbare, geistreiche und beschwingte Hommage an die schottischen Highlands, das schottische Volk und dessen Nationalgetränk geschaffen, der zu recht in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Den Film genießt man wie einen lange gelagerten Malt Whisky. Die Rolle des Whisky-Experten in dem Film spielt einer vom Fach: Charlie MacLean, Master der "Keepers of the Quaich". Im Presseheft des Verleihs PROKINO gibt es ein aufschlussreiches Interview, dass so endet: "Welches ist ihr liebster Whisky? "Immer der, der mir ausgegeben wird!" Ein echter Schotte haltl.

     

    (04.10.2012)

     

    - "On The Road - Unterwegs" von Walter Salles - F/Bras. 2012 - 137 Min.

    Wer das Buch von Jack Kerouac (immer wieder mal) gelesen hat, dem haben sich Bilder eingeprägt, die sich in seinem Kopf zu einem Film zusammengefügt haben. Der Kultroman gilt als unverfilmbar - und daran hat auch jetzt nichts geändert. Walter Salles setzt in erster Linie auf Typen und weniger auf Ausstattung und Atmosphäre. Die Weite des Landes- die langen Strecken - überträgt sich nicht auf die Spielfilmlänge, da zuviel Stationen und Begegnungen abzuarbeiten sind. Die Handlung bleibt fragmentarisch. Ein "On The Road"-Gefühl stellt sich nicht ein. Das hat Salles mit seinem Film "Die Reise des jungen Che" überzeugender geschafft. Aber dort kannte er sich ja auch gut aus.

     

    (20.09.2012)

     

    ++ "Liebe" von Michael Haneke - F/D/A 2012 - 125 Min.

    Zu den Filmen von Michael Haneke muss man nicht viel sagen bzw. schreiben. Die Inhaltsangabe zu "Liebe" ist - wie immer bei ihm - kurz und knapp: "Georg und Anna sind um die 80. kultivierte Musikprofessoren im Ruhestand. Die Tochter, ebenfalls Musikerin, lebt mit ihrer Familie im Ausland. Eines Tages hat Anna einen Anfall - Beginn einer Bewährungsprobe für die Liebe der Beiden."

    Es ist ein Film über die Liebe und auch über das Sterben, über Alter und Tod. Haneke seziert seine Figuren wie unter einem Brennglas - gnadenlos und distanziert, aber nicht ohne emotionale Wirkung. Der Zuschauer hat keine Chance, dem Geschehen zu entgehen. "Liebe", der in Cannes mit dem Großen Preis ausgezeichnet wurde, hinterlässt das, was man unter 'Nachhaltigkeit' versteht. Mit den von Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva und Isabelle Huppert verkörperten Charakteren wird man fortan leben (müssen).

     

    (13. 09.2012)

     

    - "Das Bourne-Vermächtnis" von Tony Gilroy - USA 2012 - 135 Min.

    Ein Filme ohne den Star Matt Damon und seinen Regisseur Paul Grengrass. Das muss noch nicht viel heißen, aber hier ist das Ergebnis negativ zu bewerten, da die Filme der Bourne-Trilogie in vielfacher Hinsicht äußerst erfolgreich waren. Die nach Vorlagen von Robert Ludlum entstandenen Filme setzten Maßstäbe, mit denen sich der Film von Tony Gilroy messen muss. Leider ist es so wie bei dem altbekannten Vergleich mit dem Teebeutel, dessen Inhalt nach mehrfachem Aufguss jeglichen Geschmack verloren hat und nur noch ein fades Gefühl hinterlässt. Auf die Story dieser endlos quälenden Verfolgungsjagd muss man nicht weiter eingehen.

     

    (06.09.2012)

     

    ++ "Was bleibt" von Hans-Christian Schmid - D 2012 - 85 Min.

    Hans-Christian Schmid hat in seinen bisherigen Filmen bewiesen, wie konzentriert er mit seinen Darstellern umgehen kann, damit zwischen ihnen auf der Leinwand und den Zuschauern im Kino kein Blatt Papier passt. Auch hier ist es ein großartiges, hochkarätiges Ensemble - angeführt von Corianna Harfouch und Ernst Stötzner - , das eine eigentlich kleine, überschaubare Story zu einem aufregenden Erlebnis werden lässt. Es geht darum, dass eine 'typische' Familie innerhalb weniger Tage auseinander bricht und dann wieder neu zueinander findet. Ein Familiendrama, das zu einem außergewöhnlichen Ereignis wird - präzise inszeniert und nuanciert gespielt.

     

    + The Cabin in the Woods" von Drew Goddard - USA 2012 - 95 Min.

    Fünf Freunde - drei Jungs und zwei Mädchen - wollen in einer entlegenen Hütte ein entspanntes Wochenende erleben. Doch dann kommt es so, wie es in einem Horrorfilm erwartungsgemäß verläuft. Ein geheimnisvoller Keller führt hinab in Untergründe, die das Geschehen mehrfach auf den Kopf stellt... Ein genresicheres Stück Kino - uneingeschränkt zu empfehlen für die Fans und regelmäßigen Besucher des Fantasy-Filmfestes. Als Überraschung für das Publikum kommt es am Ende des Films zu einer unerwarteten Begegnung der Dritten Art.

     

    o "The Watch - Nachbarn der 3. Art" von Akiva Schaffer - USA 2012 - 102 Min.

    In Glenview, Ohio, ist die Welt noch in Ordnung. Saubere Reihenhäuschen mit gepflegten Vorgärten und ebensolcher Langeweile. Das Alltagsleben ist ebenso überschaubar wie die Charaktere. Doch als eines Tages ein Einkaufszentrum verwüstet und der Wachmann getötet wird, gerät das beschauliche Zusammensein aus den Fugen. Eine grüne Schleimspur mit Tentakel-Resten deutet auf Aliens hin. Die Ordnungskräfte wollen davon nichts wissen. Der Supermarkt-Chef Even (Ben Stiller) gründet daraufhin eine Nachbarschaftshilfe. Es melden sich Typen, denen man als Kinobesucher keinen Gebrauchtwagen abkaufen würde.

    Was nun folgt, ist der Kampf von vier Männern gegen die Außerirdischen, die sich bereits in einigen Körpern von Mitbewohnern eingerichtet haben... Was nun passiert, ist vorhersehbar. Filme wie "Die Invasion der Körperfresser", "Ghostbusters" oder "Man in Black" lassen grüßen. Diese bieten allerdings nicht den platten, mit Zoten durchtränkten Humor auf, wie er hier angeboten wird. Nur die schauspielerischen Fähigkeiten von Comedy-Größen wie Ben Stiller & Co entschädigen den Kauf einer Eintrittskarte. Wer soetwas mag, kommt voll auf seine Kosten.

     

    (30.08.2012)

     

    + "Holy Motors" von Leos Carax - F 2012 - 115 Min.

    Ein Mann (Oscar) wird mit einer riesigen Stretchlimousine durch Paris gefahren. Am Steuer sitzt eine große Blonde, die ihn von Termin zu Termin fährt. Die einzelnen Stationen sind sehr unterschiedlich und Oscar muss sich in verschieden Identitäten und Charakteren bewähren. Mal ist er eine bettelnde, alte Frau, dann ein Killer, dann ein Monster und dann ein liebevoller Familienvater. Aber das ist nur eine kleine Auswahl.

    Filme mit nichtnormativer Ästhetik sind eine willkommene Herausforderung für Publikum und Presse. Niemand kann vorhersagen, was geschieht und wie es ausgeht. Oh, welche Wohltat.

    Wer die Filme von Bunuel liebt, sich bei den Stücken von Ionesco amüsiert und sich in den Bildwelten von Leos Carfax verlieren kann, kommt bei diesem assoziativen Trip voll auf seine Kosten. Und anschließend setzt dann das Vergnügen ein, den Film zu interpretieren.

     

    + "Chico & Rita" von Fernando Trueba und Javier Mariscal - Spanien/UK 2010 - 93 Min.

    Ein Animationsfilm, der zurück führt nach Havanna 1948. Der junge Jazzpianist Chico begegnet in einem Nachtclub der wunderschönen Sängerin Rita. Und dann beginnt die Lovestory mit den genretypischen Zutaten: Eifersucht, Erfolg, Karriere, Trennung, Wiedersehen usw. Der mit sanften Strichen und unaufgeregten Charakteren aufwartende Film führt dann in die Jazzszene New Yorks und ermöglicht ein Wiedersehen u.a. mit Dizzy Gillespie, Charlie Parker, Chano Pozo, Nat King Cole und Ben Webster. "Chico & Rita" ist nicht unbedingt ein Film für die große Leinwand. Der intime Rahmen eines Heimkinos mit hochwertigen Boxen bietet den besseren Einstieg in einen Abend/eine Nacht, in der die alten Platten wieder einmal aufgelegt werden. Dazu noch das passende Getränk, die richtige Stimmung. "Chico & Rita" ist ein Animationsfilm im wahrsten Sinne des Worten.

     

    ++ "To Rome with Love" von Woody Allen - USA/Italien 2012 - 110 Min.

    Woody Allens Europa-Reisen führen diesmal durch ROM. Der Blickwinkel ist ein touristischer; die Story ist typisch Woody Allen. Er wirbelt ein Dutzend Menschen - Amerikaner und Italiener, unterschiedliche Charaktere und Schicksale - tüchtig durcheinander. Treffsicher in der Auswahl seiner Protagonisten hat er dazu das passende Drehbuch geschrieben, das mit Gags und Pointen aufwartet, wie wir es aus seinen besten Zeiten kennen. Das Personal reicht von einem Durchschnittstypen, der unversehens und grundlos zu einem umjubelten und gefragten Medienstar wird, über einen Bestattungsunternehmer, dessen Gesangstalent sich aber nur unter der Dusche entfaltet, bis hin zu einem Callgirl (Penélope Cruz), das gegen ihren Willen die Rolle einer wohlanständigen jungen Ehefrau spielen muss. Allein die Auftritte von Penélope Cruz sind das Eintrittsgeld wer. Versprochen!

     

    (23.08.2012

     

    - "Total Recall" von Len Wiseman - USA 2012 -118 Min.

    Ein Actionthriller über Traum und Realität, Erinnerung und Vergessen. Colin Farrell spielt einen an sich harmlosen Fabrikarbeiter, der sich auf ein Abenteuer-Angebot der Firma Recall einlässt. Hier können sich Träume in echte Erinnerungen verwandeln lassen. Und wie es nun mal so kommt: Die Programmierung läuft schief und aus dem Arbeiter wird ein Superspion, der zwischen die Fronten des diktatorischen Regimes und den Untergrund-Widerstandskämpfern gerät. Das alles spielt gegen Ende des 21. Jahrhunderts. Die Städte sehen immer noch so aus, wie es in "Blade Runner" kreiert wurde. Ein riesiges Chinatown und ständiges Regenwetter. Und es ist rührend anzusehen, wie Farrell gegen die Blechmänner (Roboter-Soldaten als Kampfmaschinen) kämpft und ihnen mit der Faust einen Kinnhaken versetzen kann. Dazu noch eine unerträgliche, nervige Musik. Ein aufgeblasenes Computerspiel. Leider nicht interaktiv und ein daher nicht abschaltbares Verwirrspiel.

    Wir wollen unseren guten alten Arnold Schwarzenegger wiederhaben! Das Geld für den Kinobesuch dieses Films ist besser in dem Erwerb einer DVD mit dem trendsetzenden Film von Paul Verhoeven angelegt.

     

    -- "Frisch gepresst" von Christine Hartmann - D 2012 -90 Min.

    Es gibt Filme, die die Welt nicht baucht! Dieser gehört dazu. Eine kinderlose Single-Frau steigt innerhalb kürzester Zeit mit zwei extrem unterschiedlichen Typen in die Kiste und wird schwanger. Aus so einem Stoff - Wer ist der Vater? - hat das deutsche Filmlustspiel immer schon fade Geschichten entwickelt. Überraschungen bleiben aus.

    Produziert wurde der Film von Ziegler-Film; finanziert wurde er u.a. von der FFA und dem DFFF. Purer Kommerz ist dort auch gut aufgehoben. Was aber hat anspruchsvolle Gremien wie das Medienboard Berlin-Brandenburg und die Film- und Medienstiftung NRW dazu bewogen, hier Förderungsgelder zu investieren? Der Name "Ziegler" ist vielleicht der Freibrief zu all diesen Töpfen.

     

    (09.08.2012)

     

    + "Prometheus" von Ridley Scott - USA 2012 - 124 Min. 3D

    Ridley Scott knüpft an ALIEN an, bzw. er geht weiter zurück. Ein Team von Wissenschaftlern geht Hinweisen auf den Ursprung der Menschheit nach. Sie reisen mit dem Raumschiff "Prometheus" und geraten auf einen Planeten, der etliche Überraschungen - und Gefahren - bietet. Die SF-Story des Films ist nicht sonderlich beeindruckend und auch die 3D-Effekte halten sich im Rahmen. Aber es wieder einmal die Ausstattung eines Ridley Scott-Films (Produktionsdesign: Arthur Max), die atemberaubende Eindrücke hinterlässt. Darüber hinaus ist der Film mit Noomi Repace, Michael Faasbender, Idris Elba und Charlize Theron hervorragend besetzt.

     

    o "Red Lights" von Rodrigo Cortés - USA 2012 - 119 Min.

    Das Aufeinandertreffen zweier hochkarätiger Schauspieler - Sigourney Weaver als knochentrockene Wissenschaftlerin und Robert de Niro als legendärer und umstrittener Parapsychologe - setzt leider keine übernatürlichen Kräfte hinsichtlich der Begeisterung für diesen Film frei. Wie eine Flipperkugel klickert die Handlung hin und her und erschwert die Beweisführung, ob es sich bei den Vorkommnissen um Wahrhaftiges oder Übersinnliches handelt. Immerhin hat Frau Weaver eine Rolle, die sie ausspielen kann. Robert de Niro hingegen versteckt sich hinter einer Maske, die die Skala seines Ausdrucksvermögens auf ein Minimum reduziert. Schade!

     

    (02.08.2012)

     

    o "Who killed Marilyn?" von Gérald Hustache-Mathieu - Frankreich 2010 -

    102 Min.

    Ein unter einer Schreibblockade leidender Krimiautor findet eine neue Herausforderung. In einem Provinznest wird die Leiche einer Dorfschönheit gefunden, die nicht nur äußerlich an Marilyn Monroe erinnert. Er geht den Spuren nach und entdeckt merkwürdige Parallelen zwischen dem Leben des Stars und dem Mädchen, das ihn immer stärker in ihren Bann zieht.

    Eine unterhaltsame Krimi-Komödie; luftige und leichte Sommerkost. Gleichzeitig auch ein kleines Rätselspiel für Filmkundige, deren Wissen über die Schönheiten und Schattenseiten Hollywoods abgefragt wird.

     

    + "Rum Diary" von Bruce Robinson - USA 2011 -120 Min.

    Das ist einer von den Filmen, die einmal eine Geschichte erzählen (und einen Schauplatz präsentieren), die sich angenehm abhebt von dem Standard des Mainstream-Kinos. Johnny Depp, der in seinen Rollen gerne neue Herausforderungen sucht - und sie gewöhnlich auch meistert - spielt hier einen aufstrebenden Journalisten, der im Jahre 1960 in Puerto Rico aufschlägt und dessen Rum-durchtränkte Tage und Nächte ein Scheitern seiner Ambitionen vorhersehbar machen. Und da es sich um einen Stoff von Hunter S. Thompson handelt, liefern neben dem Hochprozentigen auch halluzinogene Drogen und atemberaubende Frauen den erforderlichen Treibstoff für einen Action- und Abenteuerfilm, der sich nur auf der Leinwand mit entsprechend großem Bild richtig in Szene setzen kann.

     

    (19.07.2012)

     

    + "Guilty of Romance" von Sion Sono - Japan 2011 - 144 Min.

    Sex and Crime im Rotlichtbezirk in Tokyo aus der Hand des Meisters Sion Sono. Die schüchterne Ehefrau eines pedantischen Schriftstellers (mit einer dunklen Seite) entdeckt über ein Model-Shooting die Welt sexueller Abenteuer und führt fortan ein Doppelleben. Dort lernt sie eine Literatur-Agentin kennen, die ebenfalls als Prostituierte arbeitet. Hinzu kommt noch eine Kommissarin, die den Mord an einer grausam zugerichteten Leiche einer jungen Frau aufklären muss und ebenfalls ein Doppelleben führt.

    Mehr Doppelleben in einem Film geht nicht. Das ist aber so raffiniert und aufreizend als Thriller, Psychodrama und Erotik-Film inszeniert, dass die Zuschauer fesselt und in die Sitze presst. Großes Kino!

     

    o "Allein die Wüste" von Dietrich Schubert - D 2011 - 85 Min.

    Dietrich Schubert zählt zu den Filmemachern, die sich in ihren Dokumentationen auch persönlich einbringen - wenn es sich anbietet oder es erforderlich ist. "Unterwegs als sicherer Ort", "Widerstand und Verfolgung in Köln 1933-1945" oder "Nachforschungen über die Edelweißpiraten" sind dafür exemplarische Beispiele.

    In "Allein die Wüste" aber geht es ausschließlich um ihn: Dietrich Schubert. Mitten in der Wüste von Marokko baut er ein Zelt auf. Für gut zwei Monate hat er sich mit Wasser und Verpflegung eingedeckt. Eine Kamera ist dabei. In einem filmischen Tagebuch hält er seine Erfahrungen und Beobachtungen fest. Wer Schubert kennt, wird viel von dem miterleben, was ihn bewegt und wie er tickt. Er hat sich für dieses Selbstreflektion-Experiment viel Zeit gelassen. Die muss auch der Zuschauer mitbringen, um sich auf die Bilder und Stimmungen einzulassen. "Allein die Wüste" ist ein Film, der der Entschleunigung der Filmrezeption dient.

     

     

    (Juni 2012)

     

    ++ "We Need to Talk About Kevin" von Lynne Ramsey - GB 2011 - 110 Min.

    Psychologischer, in seiner Bildästhetik außergewöhnlicher Thriller über eine Mutter, deren Sohn ein Massaker verursacht hat. Erinnerungen, erste Anzeichen und verpasste Chancen verdichten sich zu einer nicht chronologisch erzählten Geschichte über Schuld und Verantwortung.

    In der Hauptrolle die hervorragende Tilda Swinton. Ihr Spiel ist so intensiv und emotional ergreifend, dass sie den Gehalt des Films auch als Einpersonen-Stück auf der Bühne rüberbringen könnte.

     

    (28.06.2012)

     

    o "Cinema Jenin" von Marcus Vetter - D 2012 - 96 Min.

    Marucs Vetter ("Das Herz von Jenin") dokumentiert hier das mühsame und nervenaufreibende Unternehmen, ein zerstörtes Kino in Jenin/Westjordanland wieder aufzubauen und in Betrieb zu nehmen. Das ist sehr aufschlussreich darüber, unter welchen Bedingungen dort solche Projekte realisiert werden können. Der Film über das Kino ist allerdings im Fernsehen besser aufgehoben als im Kino.

     

     

     

    o "Der Seidenfächer" von Wayne Wang - China/USA 2011 - 104 Min.

    Langatmige - um nicht zu sagen: langweilige - Literaturverfilmung. In einer Parallelhandlung wird die Geschichte von zwei Mädchen bzw. jungen Frauen geschildert, die im China des 19. Jahrhunderts am selben Tag geboren und zu Laotongs, Schwestern im Geiste, werden, deren Schicksale auf alle Ewigkeiten miteinander verknüpft sind. Die Parallelhandlung spielt im Shanghai von heute.

    Wayne Wang, der so eindrucksvolle Filme wie "Dim Sum", "Smoke" und "Blue in the Face" drehte, begnügt sich hier mit einer Aneinanderreihung von erlesenen Postkarten-Motiven. Durch viel zu viele Zeitsprünge gezwungen, muss sich der Betrachter wie bei einem Rösselsprung-Rätsel die Handlungselemente zu einer komplett erfahrbaren und nachzuvollziehenden Story zusammensetzen. Es ist zu empfehlen, den Roman von Lisa See zu lesen.

     

     

    (14.06.2912)

     

    o "West is West" von Andy De Emmony - GB 2010 - 102 Min.

    Der indische Superstar Om Puri (über 140 Filme) spielt das Oberhaupt der Familie Khan. Der zweite, aktuelle Zweig lebt in Salford, Nordengland. Der andere, frühere im ländlichen Pandschab. Khans heranwachsender Sohn Sajid hat es als "Pakistani" leicht und probt den Aufstand. Der Patriarch beschließt daraufhin, den Jungen mit nach Pandschab zu seiner dortigen Familie zu nehmen, damit er dort die guten, alten Werte kennenlernt. Doch hier setzt ein Lernprozess für alle Beteiligten ein...

    Eine Komödie, die englischen Humor mit den Stilmitteln Bollywoods kombiniert. Wer's mag, wird sich amüsieren.

     

    + "Ai Weiwei: Never Sorry" von Alison Klayman - USA 2012 - 91 Min.

    Ein sich aus vielfältigen Facetten und unterschiedlichen Medien zusammensetzendes Porträt des chinesischen Künstlers und Regimekritikers. Interessant und aufschlussreich. Etwas Vorwissen über die Kunstszene und die Politik Chinas ist allerdings erforderlich, da der Film nicht über ausreichend Zeit verfügt, alle Aktionen des unermüdlichen Aktivisten mit Hintergrundinformationen abzusichern.

    Während an vielen Orten dieser Welt der Name Weiwei zur Selbstdarstellung missbraucht wird - "Wir laden den Künstler ein, ein Bühnenbild zu gestalten" etc. - um auf zu selbst aufmerksam zu machen, wählt diese Dokumentation den nicht so ganz einfachen Weg einer persönlichen und direkten Annäherung. Vielleicht kein Film für die grosse Leinwand, aber zumindest als DVD ein unverzichtbarer "Kunstführer".

     

    (07.06.2012)

     

    o "Amador und Marcelas Rosen" von Fernando León de Aranoa -

    Spanien 2010 - 110 Min.

    Ein sanftes Psycho-Sozial-Drama. Marcella, eine Rosenverkäuferin, lebt mit ihrem Freund in Madrid. Da ihnen das Geld an allen Ecken und Enden fehlt, wird sie die Pflegerin eines alten Mannes namens Amador. Marcela ist schwanger. Ihrem Freund sagt sie nichts. Sie versucht, irgendwie mit dieser Situation klar zu kommen. Amador - ein passionierter Puzzle-Spieler, hilft ihr mit einfachen Lebens-Weisheiten weiter. Der plötzliche Tod des Alten stellt Marcela vor Herausforderungen, denen sie zunächst nicht gewachsen ist. Dann aber erfährt sie, dass der Tod dem Leben nicht immer eine Ende setzt.

    Der Film weicht in seiner märchenhaften Struktur von einer mitleidsvollen Sozialstudie angenehm ab und sorgt mit trockenem Humor und leiser Melancholie für die Aufmerksamkeit der Zuschauer.

     

    + "Kochen ist Chefsache" von Daniel Cohen - Frankreich 2012 - 84 Min.

    Alles andere als eine der eitlen, nervenden Koch-Shows, die in allen TV-Programmen zu allen Tages- und Nachtzeiten unaufgefordert belästigen. Jean Reno in einer Paraderolle als Frankreichs berühmtester Sternekoch, der sich den ungewollten und von oben herauf aufgezwungenen Herausforderungen der Molekularküche stellen muss. Unterstützung findet er dabei durch den Anarcho-Komiker Michael Youn. Er spielt einen Lebens- und Kochkünstler, der mit allen Gaben und Zutaten der meisterhaften französischen Komödie versehen ist. Hineingehen und sich wohlfühlen. Gut wäre ein Kinobesuch an einem Wochenende - so gegen 17/18 Uhr mit anschließender Reservierung beim "Franzosen" um die Ecke.

     

    (31.05.2012)

     

    o "Safe - Todsicher" von Boaz Yakin - USA 2012 - 94 Min.

    Ein Action-Thriller mit Jason Statham in der Hauptrolle. Er spielt einen von der Russen-Mafia gejagten Cage-Fighter, der mehr oder weniger zufällig der Beschützer einer zehn Jahre alten Chinesin wird. Sie geriet in die Fänge eines Triadenchefs in New York und wird dort wegen ihrer außergewöhnlichen mathematischen Begabung für kriminelle Machenschaften gebraucht. Und da auch noch korrupte Cops eine Rolle spielen, wird die Luft für den Fighter und das Mädchen immer enger. Doch den Regeln des Genres entsprechend, bleibt die Kleine unversehrt, auch wenn sie mehr Mord und Todschlag um sich herum ertragen muss, als zumutbar ist.

     

    o "Leb wohl, meine Königin!" von Benoit Jacquot - Fr. 2011 - 100 Min.

    Schöne Frauen in schönen Kostümen in einem schönen Schloss. Versailles im Juli 1789. Der Vorabend der Französischen Revolution aus der Sicht der Dienerschaft. Mit dabei: Die Vorleserin der Königin, die bei der Flucht das Double ihrer Herrin spielen muss. Ein Historiendrama mit bunten Hochglanzbildern. Wäre der Film eine Zeitschrift, so gehört er in das Wartezimmer einer Zahnarzt-Praxis.

     

    (24.05.2012)

     

    - "Ein ruhiges Leben" von Claudio Cupellini - D/I/F 2010 - 105 Min.

    Eigentlich eine interessante Geschichte: ein Mafia-Film, der ausschließlich in Deutschland spielt. Ein ehemaliger Mafia-Killer hat sich in Deutschland eine neue Existenz plus Ehefrau und Sohn aufgebaut. Er führt im Umland von Wiesbaden ein italienisches Hotel-Restaurant. Dann wird der angebliche Tote von seiner Vergangenheit eingeholt, als sein Sohn aus erster Ehe und dessen Freund, der Sohn eines Mafia-Bosses, bei ihm auftauchen. Und nun gerät das ausbalancierte, gutsituierte Leben völlig durcheinander...

    Auf der Strecke bleiben dann erwartunsgemäß einige Mafiosi und leider auch die Logik der ganzen Sache. In der letzten Viertelstunde häufen sich soviel Fehler, die für eine ganze TV-Serie reichen würden. Da bleibt der Kinogänger ratlos, frustriert und verärgert zurück. Wer zum Teufel hat bei dieser Produktion das Drehbuch abgenommen?

     

    (17.05.2012)

     

    + "Der Diktator" von Larry Charles - USA 2012 - 83 Min.

    Ein Film von und mit und über Sacha Baron Cohen. Was ist mehr zu bewundern? Der Film oder die weltweite, aufsehenerregende Kampagne zum Start? Jedenfalls ein Spektakel, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Es gibt ebensoviele amüsante Gags und witzige Anspielungen wie derben Humor und provozierende Geschmacklosigkeiten. Die ganze Skala wird abgerufen. Bei der Pressevorführung (mit Namensliste) wurde ich als "Medienbeobachter" mit 1,5 Mio in der Landeswährung der Republic of Wadiya bestochen, um positiv über den Film zu schreiben. Was hiermit geschehen ist.

     

    + "Lachsfischen im Jemen" von Lasse Hallström - GB 2012 - 112 Min.

    Ein arabischer Ölscheich, der sich in Schottland ein Schloss leistet, will in Jemen Lachse fangen. Es geht nun darum, diese in seinem Wüstenstaat anzusiedeln. Keiner nimmt diese Idee ernst, aber der englische Premierminister sieht darin für sich eine Chance, die Medien von den negativen Schlagzeilen aus dem Nahen Osten abzulenken. Mit der Durchführung des Projektes wird ein britischer Experte (Ewan McGregor) beauftragt, der sich an anfänglichem Sträuben auf das Unternehmen einlässt. Begleitet wird er von einer jungen Managerin (Emily Blunt) seines Auftraggeber. Als Motor des Ganzen erweist sich die PR-Beraterin und Pressesprecherin des Premierministers (Kristin Scott Thomas)...

    Ein herrlich verdrehter, fintenreicher Film zwischen Satire, Komödie und Polit-Thriller. Hervorragend Ewan McGregor als Gentleman alter englischer Schule und Kristin Scott Thomas als überdrehte, toughte Medienbeauftragte. Angerührt hat diesen Leckerbissen Lasse Hallström, der sich auf so schräge Geschichten wie GILBERT GRAPE oder GOTTES WERK UND TEUFELS BEITRAG eingelassen hat. Ein verrückter Film, ein herrlicher Spaß.

     

    (10.05.2012)

     

    ++ "Dark Shadows" von Tim Burton - USA 2012 - 112 Min.

    Vampir-Gursel-Komödie nach der klassischen Trash-Kultserie "Dark Shawods", die bereits vor einigen Jahrzehnten das TV-Piublikum in Angst und Schrecken versetzte.

    Johnny Depp, der wie kein anderer Hochleistungs-Darsteller sich immer wieder in neuen Verkleidungen und Typen beweist, hat als Barnabas Collins auch hier wieder eine Rolle gefunden, die ideal zu seinen Ansprüchen passt. Als Vampir, der unfreiwillig zweihundert Jahre im Sarg verbringen musste, wacht er zwar in einer vertrauten Welt - an der Küste Neuenglands - auf, aber um ihn herum hat sich einiges verändert. Mit Stil, Eleganz und leichter Ironie meistert der Mann des 18. Jahrhunderts alle neuzeitlichen Heraus- und Anforderungen. Auch von von Verführungskünsten einer Michelle Pfeiffer oder Helena Bonham Carter lässt er sich nicht in die Enge treiben. Nur in einer Fick-Szene mit Eva Green, die eine den Vampir liebende Hexe spielt, gerät Barnabas in Hektik und Rage. Am Ende sieht es aus wie beim Finale in einem Katastrophenfilm.

    Wenn Depp auf Burton trifft, ist wie immer totales KINO angesagt. Der Film lässt nichts aus, auch nicht wirkungsvoll placierte Auftritte von Christopher Lee und Alice Cooper - für Barnabas "das hässlichste Frauenzimmer der Welt!"

     

    - "Ausgerechnet Sibirien" von Ralf Huettner - D 2012 - 100 Min.

    Joachim Krol ist hier ein pedantischer Logistiker eines Modeversandhandels aus Leverkusen, der eine Filiale in Südsibirien aufmöbeln soll. Doch das hier die Uhren anders ticken, ist eine von den vielen Erfahrungen, die der Zuschauer nicht unbedingt mit ihm teilen möchte. EIn Klischee reiht sich ans andere. Krol, der so souverän mit einer solchen Rolle umgehen kann - siehe "Zugvögel" - wirkt hier völlig deplaciert. Der Film schmeckt wie ein mehrfach aufgebrühter Teebeutel, bei dem man nach einiger Zeit vergessen hat, was eigentlich auf der Verpackung stand.

    In Leverkusen wird man vielleicht ins Kino gehen.

     

    + "21 Jump Street" von Phil Lord & Christopher Miller - USA 2011 - 109 Min.

    Mit dieser legendären, gleichnamigen TV-Serie aus den 1980/90er Jahren startete Johnny Depp seine Karriere. Er war einer der ersten jugendlichen aussehenden Cops, die verdeckt im Highschool-Milieu ermitteln. Die einzelnen Folgen waren zugeschnitten auf aktuelle Themen, die sich aus der Alltagsrealität der Jugendlichen ableiten.

    Dieser Film konzentriert seine Geschichte auf die heutige Situation, die andere Vorgehensweisen und Auftritte verlangt. Sex and Drugs and Rock`n`Roll in aufgefrischter Version.

    "21 Jump Street" ist eine unterhaltsame Action-Komödie, die den Sprung vom Bildschirm auf die Leinwand nicht zuletzt durch das perfekte Timing der beiden Protagonisten Jonah Hill und Channing Tatum spielerisch schafft. Der Dritte im Bunde ist Ice Cube als kantiger Captain der beiden Jungs.

     

    + "Lockout" von Stephen St. Leger und James Mather - USA 2012 - 95 Min.

    SF-Action-Film. In der Zukunft werden gefährliche Verbrecher in einem ausbruchssicheren Gefängnis auf einer Raumstation untergebracht und in künstlichem Tiefschlag versetzt. Als die Tochter des US-Präsidenten in humanitärer Mission dort einen Termin hat, können die Insassen sich befreien und die Station unter ihre Kontrolle bringen. Wie gut, dass es noch einen coolen CIA-Agenten gibt, dem Unrecht angetan wurde und der nun die Chance hat, sich zu rehabilitieren. Sozusagen im Alleingang löst der das Problem. Früher hätte er dafür ein halbes Königreich und die Tochter des Königs bekommen. Knallharter Genre-Film, routiniert inszeniert. Für Produktion und Drehbuch zeichnet Luc Besson ("Leon") verantwortlich.

     

    (26.04.2012)

     

    ++ "The Avengers" von Joss Whedon - USA 2012 - 120 Min.

    "Nur noch kurz die Welt retten" - ?? - Das ist nicht immer so einfach. Wenn in einer Marvel-Story ein finsterer Bösewicht dabei ist, den Weltfrieden und die globale Sicherheit zu gefährden, dann bedarf es schon eines ganzen Ensembles erfahrener Comic-Helden, um das zu verhindern. Hier sind es Thor, der Iro Man, Black Widow, Hulk, Captain America Hawkeye und die andern, die das Schlimmste verhindern. Eine faszinierende Zerstörungs-Orgie bietet Stars wie dem sarkarstische Robert Downey jr., Samuel L. Jackson als cooler Stratege und die blonde Scarlett Johansson als rothaarige Black Widow die ideale Kulisse für ihre Auftritte. Und wenn Hulk und Thor in 3D aufeinanderhämmern, so wundert sich der normale Zuschauer, das der Kinosaal danach nicht zersägt und in Schutt und Asche gelegt ist. Die Film ist ein Hammer - nicht nur für die Fans des Genres.

     

    o "UFO in her Eyes" von Xiaolu Guo - D 2011 - 110 Min.

    Eine schräge Geschichte. Sie spielt in einem kleinen Dorf im Süden Chinas. Kwok Yun, Ende Dreißig, meint, ein UFO gesehen zu haben. Und dann liegt auch noch ein Fremder (einer aus dem Westen) plötzlich neben ihr und bedarf ihrer Hilfe. Doch dann ist er verschwunden. Was sich daraus entwickelt ist eine satirische Komödie über die chinesische Parole "Ein Land - zwei Systeme". Am Ende des Films ist nichts mehr so wie früher.

    "UFO in her Eyes" tritt den Beweis für die Behauptung an, dass, wenn irgendwo in China ein Schmetterling seine Flügel bewegt, an einem fernen Ort auf dieser Welt ein Orkan ausgelöst werden kann.

    Interessant an diesem Film ist -nebenbei bemerkt - seine Finanzierungs- und Produktionsgeschichte: www.ufoinhereyes.com.

     

    o "Bel ami" von Declan Donnellan und Nick Ormerod - GB 2011 - 102 Min.

    Neuverfilmung des Klassikers von Guy de Maupassant. Die Damen, die dem Aufsteiger zum Einstieg in die Pariser Gesellschaft verhelfen, werden von attraktiven Frauen wie Uma Thurman, Christina Ricci und Kristin Scott Thomas gespielt. Leider wird nicht sichtbar bzw. spürbar, warum sie auf einen so hölzernen und ausdruckslosen Typen wie Robert Pattinson hereinfallen. Seine Filme können sie jedenfalls nicht gesehen haben. Diesem Film - in englischer Sprache gedreht - jedenfalls fehlt das, was als "diskreter Charme der Bourgeoisie" beschrieben wird. Vielleicht will es ja ein glücklicher Zufall, dass in den kommenden Monaten an irgendeinem Sonntagnachmittag im ZDF einer der Filme mit Willi Forst oder Johannes Heesters in der Titelrolle wiederholt wird. Hier ist noch so etwas wie der witzige und satirische Gehalt des Romans erhalten.

    Sehenswert allerdings das Szenenbild von Attila F. Kovács und die Kostüme von Odile Dicks-Mireaux. Die Bilder der Kamera von Stefano Falivene sind so faszinierend wie die Gemälde des französischen Impressionisten Gustave Cailebotte.

     

    (19.04.2012)

     

    -- "Babycall" von Pal Sletaune - Nor/Schw 2011 - 96 Min.

    Noomi Rapace spielt eine psychisch angeknackste Mutter, die sich mit ihrem achtjährige Sohn Anders auf der Flucht vor dem ultrabrutalen Ehemann und Vater befindet. Sie vertraute sich der Obhut der Jugendbehörden an, die sie in einem riesigen Appartmenthaus unterbringt. Um den schlafenden Sohn zu überwachen, kauft sie sich ein Babyphone, aus dem sie beunruhigende Töne aus einer fremden Wohnung hört.

    Das ist der Anfang des Films. Das Ende hat damit überhaupt nichts mehr zu tun, da immer neue Zeit- und Wahrnehmungsebenen übereinander geschichtet werden, die nicht nur verwirren, sondern auch verärgern. Entweder hat sich der Film vorgenommen, die Intelligenz der Zuschauer einer Geduldprobe zu unterziehen oder sie schlichtweg zu verarschen.

    Was bleibt, ist ein großes Ärgernis und der Eindruck, dass Noomi Rapace hier mit allen Mitteln versucht, Mia Farrows Leistung in "Rosemaries Baby" zu übertreffen.

     

    (29.03.2012)

     

    o "Wo stehst Du?" von Bettina Braun - D 2011 - 91 Min.

    Mit ihren Dokumentationen WAS LEBST DU? (2002-2004) und WAS DU WILLST (2008) hat die Filmemacherin einen aufschlussreichen Blick in das Innenleben von vier Jugendlichen aus dem Kölner Eigelstein-Viertel ermöglicht. Direkt, hautnah und unverfälscht. Damals waren für die unterschiedlichen Lebensläufe und Erwartungen der vier Jungs noch viele Optionen denkbar. Heute, einige Jahre später, erfahren wir, was daraus wurde. Das ist interessant, wenn man die Vorgeschichte kennt. Filmisch leider aber nicht besonders ansprechend. Der Film entstand in Zusammenarbeit mit dem ZDF "Das Kleine Fernsehspiel". Dort gehört er auch hin.

     

    + "Die Frau in Schwarz" von James Watkins - GB 2011 - 95 Min.

    Um Daniel Ratcliffe herum wurde ein altes englisches Spukhaus gebaut, in dem er das Gruseln lernen soll. Dieser Horrorfilm könnte auch "Daniel allein im Eel Marsh House" heißen. Denn das sieht aus wie in einem Film von Jan Svankmajer und ist der eigentliche Hauptdarsteller des Films. Nichts wie hin - denn von Hammer drauf steht, ist auch Hammer drin!

     

    (22.03.2012)

     

    + "Die Tribute von Panem" von Gary Ross - USA 2012 - 142 Min.

    Erster Teil der aufwändigen Verfilmung von "The Hunger Games". EIn visueller Rausch, ein Erlebnis, das man sich sich nicht entgehen lassen sollte. Die Geschichte ist bekannt; ein riesiger Werbe-Feldzug hat dafür gesorgt, dass Buch und Film in allen Medien präsent sind.

    Sollte man sich davon nicht beeindrucken bzw. beeinflussen lassen, ist allein die großartige Leistung von Jennifer Lawrence in der Hauptrolle ein Grund, ins Kino zu gehen. Seit "Winter's Bone" bin ich ein Fan dieser Darstellerin.

    Bin gespannt, wie's weitergeht. Gladiatorenkämpfe, in denen sich Kinder gegenseitig metzeln, sind auch meines Erachtens ein diskussionswürdigen Thema. Positiv sei angemerkt, dass die Bilder im Film hier zurückhaltend und nicht spektakulär aufbereitet werden.

     

     

    ++ "Take Shelter" von Jeff Nichols - USA 2011 - 120 Min.

    Ein Tsunami im Kopf. Schauplatz ist eine Kleinstadt in Ohio. Ein junger Ehemann, Vater und harter Arbeiter, wird von einer Reihe apokalyptischer Visionen heimgesucht. Damit stellt sich nun für ihn die Frage, wie kann er sich und seine Familie auf einem aufkommenden Sturm in Sicherheit bringen. Nicht alles, was er unternimmt, stößt auf Verständnis und verwirrt sein Umfeld. Doch das Unheil schreitet voran...

    Im Umfeld genresicherer, mainstreamförmiger Katastrophenfilmen in 3D mutet dieser Film beinahe "klassisch" an. Aber genau das ist seine Stärke. Er setzt nicht auf Angst und Schrecken, sondern konzentriert sich auf emotional überzeugende, stetig ansteigende Spannung. Es bedarf nur weniger (überbezeugender) Effekte, um Hochspannung zu erzeugen.

    Zu recht mit vielen Festival-Preisen ausgezeichnet.

    Hervorragend die Leistung des Hauptdarstellers Michael Shannon. Er hat mich schon in BOARDWALK EMPIRE beeindruckt, wo er einen bigotten und kantigen Bundesagenten spielt. Seitdem gehöre ich zu seinen Fans.

    (29.03.2012)

     

    - "Russendisco" von Oliver Ziegenbalg - D 2012 - 90 Min.

    ALs ein begeisterter Leser des Romans von Wladimir Kaminer war ich auf diesen Film sehr gespannt. Obwohl es nicht immer angebracht ist, Buch und Film miteinander zu vergleichen, waren meine Erwartungen die, dass die Authentizität, Frische und Frechheit der Vorlage originär umgesetzt wurde. Doch statt interessanter Typen sieht man in den drei männlichen Hauptrollen nur überforderte Schauspieler, die versuchen, originelle Typen spielen. Die Protagonisten amüsieren sich dabei offensichtlich mehr als die Zuschauer. Die Chance, Vielfalt und Farbe in die Schwarzweiß-Raster der deutschen Filmkomödie zu bringen, wurde leider vertan.

    Erwähnenswert einzig und allein das Szenenbild von Christian M. Goldbeck, der den schnell wechselnden Veränderungen in Ostberlin in den ersten Wendejahren eindrucksvolle, treffende Momentaufnahmen abgewinnt. In diesen Bildern liegt mehr Witz und Ironie als in der "überdrehten" Handlung. Schade.

     

    + "King of Devil's Island" von Marius Holst - Norwegen 2010 - 115 Min.

     

    Filme, die in Internaten, Jugendstrafanstalten oder Erziehungsheimen spielen, besitzen in Skandinavien Tradition. "Evil" (Schweden 2003) nach dem autobiographischen Roman von Jan Guilou ist dafür ein gutes Beispiel. Der Film von Holst spielt in einem kalten norwegischen Winter im frühen 20. Jahrhundert auf einer Gefängnisinsel. Hier befinden sich straffällige Jungen unter der strengen Aufsicht der Anstaltsleitung. Zu den Regeln des Genres gehört der Aufstand, der durch einen unangepassten Jugendlichen ausgelöst wird. Entstanden ist ein packender Film über den Kampf um Freiheit und Freundschaft. Außerdem überzeugt die Inszenierung durch fantastische Bilder einer überwältigenden Landschaft. Genau der richtige Film zur Abkühlung an heißen Sommertagen. Auch wenn er bei uns schon jetzt startet.

     

    (15.03.2012)

     

    + "Headhunters" von Morten Tyldum - Schweden/Norwegen 2011 - 100 Min.

    Ein hervorragendes Beispiel dafür, das Krimi-Handlungen nicht immer den Gesetzes des Genres oder der Logik folgen, sondern - wie hier - der Protagonist wie eine Flipper-Kugel hin- und hergeschleudert wird.

    Und dabei fing alles so harmlos an. Ein erfolgreicher, mit einer überaus attraktiven Galeristin verheirateter Headhunter braucht dringend Kohle. Er berät nicht nur seine Klienten, sondern erkundet sie auch und raubt sie aus. Doch dann gerät er an den Falschen. Einer, der mit ihm Katz und Maus spielt und ihn solange in die Ecken treibt, bis aus dem cleveren Manager ein Häufchen Elend wird. Doch irgendwie kann er sich aus dem beinahe tödlichen Dreieck aus Betrug, Rache und Ehrgeiz befreien.

    "Headhunters" ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Jo Jesbo. Das allein ist ein Qualitätsbeweis und lohnt allemal einen Kinobesuch.

     

    0 "Contraband" von Baltasar Kormákur - USA 2011 - 109 Min.

    Der unverwundbare Mark Wahlberg in der Rolle eines ehemaligen Schmugglerkings, der auf seine (noch nicht ganz so) alten Tagen noch einmal herausgefordert wird. Es geht darum, den lebensgefährlichen Fehler seines Schwagers auszubügeln, der sich mit skrupellosen Drogendealern angelegt hat. Und wieder einmal müssen die alten Seilschaften bemüht werden, einen mit Schmuggelgut bespickten Container-Frachter durch den Panama-Kanal zu schleußen. Das ist nicht einfach, denn Schmuggler, Drogenbosse, Polizei und Auftragskiller sind ebenfalls hinter der Beute (mal Falschgeld, mal Drogen, mal ein wertvolles Gemälde) her.

     

    (08.03.2012)

     

    + "John Carter -Zwischen zwei Welten" - USA 2012 - von Andrew Stanton - 120 Min.

     

    Aufwändiger Sience-Fiction in 3D. Die Vorlage liefert der Roman "A Princess of Mars" von Edgar Rice Burrough. Hinter den Masken dieses Spektakels

    verbergen sich einige namhafte Darsteller wie beispielsweise Willem Dafoe, Mark Strong und Ciaran Hinds. Das Drehbuch schrieb Michael Chabon, den ich besonders wegen seines Romans "The Amazing Adventures of Kavalier & Clay" schätze.

    Um das Herz einer Prinzessin zu erobern - und vielleicht auch ein Königreich zu gewinnen - reichte es früher aus, drei Fragen zu beantworten, einen Bogen zu spannen und einen Drachen zu besiegen. Heute ist es so nicht mehr möglich. Da muss man schon eine Mange aufbieten. Wie hier in diesem Film.

     

    (01.03.2012)

     

    --"Devil Inside" von William Brent Bell - USA 2012 - 87 Min.

    Die Tochter einer vom Dämon besessenen Frau, die drei Menschen umgebracht hat, geht in Rom dem Exorzismus nach und findet was sie sucht. Der als "Dokumentation" aufgebauschte Film spottet jeder Beschreibung, ist einfach "lächerlich" und ärgerlich. Eine Schande für das Genre. Zum Teufel mit diesem Film.

     

    (16.02.2012)

     

    + "Gefährten" von Steven Spielberg - USA 2011 - 140 Min.

    Spielbergs Filme sind immer schon Abenteuer-Kinderfilme für Erwachsene gewesen. Also kurz gesagt: Kino! Auch aus einer kleinen Geschichte kann er einen großen Film machen. Hier geht es um die (nicht ganz so ungewöhnliche) Freundschaft zwischen einem Jugendlichen und einem Pferd, das er zähmt und trainiert hat. Als die beiden durch den Ausbruch des ersten Weltkrieges getrennt werden, folgt die Handlung der gefährlichen Reise des Pferdes auf seinem Weg durch den Krieg und zeigt, wie es die Leben zahlreicher Menschen inspiriert und verändert, denen es unterwegs begegnet -britischer Kavallerie, deutscher Soldaten und eines französischen Bauern uns seiner Enkelin - bevor sich das Finale im Niemandsland zwischen den Fronten und Schützengräben anbahnt.

    Soviel sei verraten: Da es sich um einen Spielberg-Film handelt, ist mit Sicherheit kein grausames Ende zu erwarten.

    "Gefährten" ist auch ein Film über den ersten Weltkrieg. Und daraus lassen sich auch ganz eigene, sehenswerte Geschichten ableiten.

     

    (02.02.2012)

     

    o "Moneyball - Die Kunst zu gewinnen" von Bennett Miller - USA 2011 - 133 Min.

    US-Filme über Baseball haben es in Deutschland nicht leicht. Es gibt vergleichsweise wenige Fans und/oder Regelkundige. So richtig kommt da für uns keine Spannung auf. Es sei denn, es geht um besonders spektakuläre Karrieren oder Intrigen.

    Hier bleibt es im sportlichen Rahmen. Brad Pitt spielt einen Team-Manager, der nicht ausreichend vorhandenes Kapital für zugkräftige Spieler durch Ideen ausgleicht, die ihm ein cleverer Wirtschaftswissenschaftler durch Computer-Statistiken und -Analysen liefert. Das ist so, als würde man bei uns einen Film über Rainer Calmut und Bayer Leverkusen ins Kino bringen wollen; ggf. mit Dirk Bach in der Hauptrolle.

    Vielleicht gewinnt der Film durch die Präsenz von Brat Pitt neue Fans für den Sport. Dazu muss aber ein Regelbuch her, denn diese Insider-Kenntnisse sind die Voraussetzungen zum Verständnis des "Spiels hinter den Kulissen".

    (P.S. Der Autor dieser Zeilen outet sich als Fan der WHITE SOX aus Chicago).

     

    (26.01.2012)

     

    o "Ein riskanter Plan" von Asger Leth - USA 2011 - 100 Min.

    Wieder einmal geht es um den genialen, atemberaubenden Plan, mit List und möglichst wenig Gewalt den GROSSEN COUP zu landen. Alle wollen den 30 Millionen Dollar schweren Diamanten haben und tricksen sich dabei gegenseitig aus. In diesem Film wird so haarscharf über die Bande gespielt, dass sie (die Haare) sich dabei sträuben. Das Tempo ist so schnell, dass dabei die Logik auf der Strecke bleibt. Aber unterhaltsam ist es allemal.

     

    (09.02.2012)

     

    o "Black Gold<" von Jean-Jacques Annaud - Tunesien 2011 - 130 Min.

    Ein Film über die Gründungsphase der Ölscheichtümer - Die Geschichte der arabischen Stämme und ihrer Fürsten. Was sie waren und wie sie wurden.

    Die Handlung führt zurück in die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts - in eine Zeit, in der im Nahen Osten der Machtkampf um das Schwarze Gold begann. Im Mittelpunkt das Schicksal eines jungen Prinzen, der zwischen zwei Vätern und zwei Frauen hin- und hergerissen wird, als in einem Wüstengebiet, das als neutrale Zone zwischen verfeindeten Stämmen diente, Erdöl entdeckt wurde und die Amerikaner aus Texas sich dort breit machen.

    Das alles hat viele Schauwerte und einige Darsteller von Format. EIne Geschichtsstunde mit bunten Bildern, charismatischen Charakteren und (leider wenigen) wunderschönen Frauen.

     

    (02.02.2012)

     

    o "Underworld Awakening" von Marlind/Stein - USA 2012 - 88 Min.

    Kate Beckinsale als "Vampir-Mutter einer Vierzehnjährigen, die halb Vampir und halb Lykaner ist. Der vermeindliche Vater ist ein Werwolf. Die größten Feinde der Vampire sind diesmal die Menschen. Sie erschaffen riesige Lykaner, mit denen sie den Vampiren einen erbarmungslosen Krieg erklären.

    Die Schlachtplatte ist angerichtet! Ein genresicherer Film in 3D. Das Blut spritzt bis zur Mitte des Saales.

     

    (26.01.2012)

     

    ++ "The Artist" von Michel Hazanavicius F 2011 - 100 Min.

    Der Übergang bzw. Einschnitt von Stumm- zum Tonfilm ist ein im Genre "Film im Film" seit Jahrzehnten beliebtes und bewährtes Sujet. "Singin' in the Rain" von Stanley Donen (USA 1952) beispielsweise gehört zu den Klassikern der Filmgeschichte.

    Hier in diesem Film kreuzen sich die Karrieren zwischen einem Superstar und Heldendarsteller der 20er Jahre (Douglas Fairbanks nachempfunden) und einer jungen Statistin auf dem Wege zum Tonfilm-Star. Das klingt zunächst nicht besonders originell, doch dieser Film präsentiert sich in einer atemberaubenden (neuartigen) 3-D Version:

    als Stummfilm, als Schwarzweiss-Film und im klassischen Kinoformat.

    Ein Film über Ehrgeiz und stolz, Ruhm und Angst, über Niedergang und Wahnsinn. Eine einmalige Liebeserklärung an die Magie und Größe des Kinos, die sich niemand entgehen lassen darf !!!

     

    + "Drive" von Nicolas Winding Refn - USA 2011 - 101 Min,

    Driver, ein einzelgängerischer, wortkarger Stuntman, verliebt sich in seine neue Nachbarin, deren Mann im Knast sitzt. Nach dessen Entlassung gerät Driver in den Sog krimineller Actionen....

    Ein entschleunigter Großstadtthriller über rasante Stunts und waghalsige Unternehmungen. Eine überdurchschnittliche Leistung des coolen Ryan Gosling in einer lakonischen Inszenierung von Nicolas Winding Refn. "Driver" ist perfektes Genrekino mit einer Story, die in den Siebzigerjahren von Sam Peckinpah mit Steve McQueen verfilmt worden wäre - was durchaus als Kompliment für Ryan Gosling und den Regisseur zu verstehen ist.

     

    (05.01.2012)

     

    + "Chinese zum Mitnehmen" von Sebastián Borenzstein - Argentinien 2011 - 93 Min.

    Es gibt immer wieder Filme, die überraschen. Filme, die nicht auf die neueste digitale Entwicklung setzen, sondern emotional anrührende/anregende Stories erzählen. Gelegentlich finden sich auch ausgesprochen schräge Geschichten darunter. Die Skandinavier können das besonders gut. Diesmal ist es ein Film aus Argentinien. Er beginnt damit, dass eine Kuh vom Himmel fällt - ausgerechnet auf ein chinesisches Boot, auf dem ein junger Mann seiner Geliebten ein Verlobungsgeschenk machen möchte. Schnitt. Dann geht es um einen eigenbrötlerischen Ladenbesitzer in Buenos Aires, der eine Vorliebe für kuriose Geschichten hat und eine Sammlung von Zeitungsberichten angelegt hat. Zufällig lernt er einen jungen Chinesen kennen, der kein Wort Spanisch spricht - eine Begegnung, die sein Leben total umkrempelt. Daraus entwickelt sich eine tiefgründige und mitreißende Komödie mit einer kräftigen Portion leisen, schwarzen Humors.

    Auf internationaler Ebene wurde dieser Film bereits mit mehreren Preisen und Auszeichnungen bedacht.

     

    (29.12.2011)

     

    + "Und dann der Regen" von Iciar Bollain - F/M/S 2010 - 103 Min.

    Eine spanische Filmcrew dreht in Bolivien einen Film über den Mythos Christoph Columbus und die damit verbundene Gier nach Gold, die Jagd auf Sklaven und zu bekehrende Heidenseelen. Es kommt zu einem ereignis- und folgenreichen Konflikt, weil ein Teil der einheimischen Statisten in einen Aufstand involviert sind, da die gesamten Wasservorräte der Gegend an einen internationalen Konzern verkauft wurden. Geschichte und Gegenwart, Film(kunst) und Realität treffen aufeinander. EIn Film über falsches und wahres Heldentum und das Wechselspiel von fiktiven und authentischen Vorkommnissen. Leider endet der Film überflüssigerweise mit der melodramatischen Beschwörung einer Männerfreundschaft.

    Die Rolle des Filmregisseurs spielt Gael Garciá Bernal - und das allein macht diesen "Film im Film" schon sehenswert.

     

    (22.12.2011)

     

    o "Sherlock Holmes. Spiel im Schatten" von Guy Ritchie - USA 2011 - 129 Min.

    Ein weiterer Film mit dem Anliegen, bekannte Klassiker neu zu beleben und mainstreamkonform zu vermarkten. Auch diesmal - wie in dem ersten Film mit Robert Downey Jr. und Jude Law - sind mehr die Muskeln als das Hirn gefragt. Anstatt mit seiner Pfeife im Sessel zu sitzen und die Dinge (Fälle) an sich herantragen zu lassen, muss Holmes diesmal quer durch Europa. Das setzt nun mal Tempo und Action voraus. Ist aber sehenswert, weil perfekt inszeniert, unterhaltsam und witzig.

    Ach soi: Es gehrt darum, die Welt zu retten. Nicht mehr und auch nicht weniger. Und so ganz nebenbei kann man Stephen Fry in einer sehr freizügigen Sequenz betrachten. Eine neue An-Sicht des Allroundgenies!

     

    - "Sommer der Gaukler" von Marcus H. Rosenmüller - D 2011 - 110 Min.

    Die Leidenstournee der Theatergruppe um Emanuel Schikaneder im Sommer

    1780 auf dem Weg nach Salzburg. Alles läuft schief und die Truppe löst sich auf. Sie stecken fest in einem kargen Bergdorf nahe der österreichischen Grenze und geraten unversehens in eine aufgeheizte Situation, weil ausgebeutete Bergleute sich dem geizigen Bergwerksdirektor widersetzen. Das alles soll sehr lustig sein und erinnert an einen Komödienstadl mit überforderten Laiendarstellern. Damit es bunter wird, muss auch noch eine Klischeefigur namens Wolfgang Amadeus Mozart auftauchen und die Rolle des Heilsbringers spielen.

    Kunst trifft auf Realität - anders als in "Und dann der Regen" (siehe oben) geht es hier allerdings voll daneben.

     

     

    (15.12.2011)

     

    - "Rubbeldiekatz" von Detlev Buck - D 2011 - 100 Min.

    Matthias Schweighöfer als junger Bühnenschauspieler, der, um der Rolle in einem Nazifilm wegen, sich als Frau ausgibt. Dass er sich kurz zuvor in wahrer Identität in die Hauptdarstellerin (Alexandra Maria Lara) verknallt hat, macht den eigentlichen Plot aus..

    Wenn dem "deutschen Filmlustspiel" nichts besseres einfällt, steckt er Männer in Frauenröcke, was lustig sein soll - manchmal sogar gelingt. "Charleys Tante" ist die Patin. Das ist seit den 30er-Jahren so; später dann die Verfilmungen u.a. mit Heinz Rühmann (1955) und Peter Alexander (1963). Bezeichnenderweise beginnt und endet der Film von Buck auch mit einer Sequenz aus dem Bühnenstück.

    Das alles ist weder originär, noch originell oder gar lustig. Plattheiten und Zoten statt Witz und Charme. Die Schuld liegt aber nicht bei den gutgelaunten Darstellern, sondern an dem schwachen und fahrigen Drehbuch, das alles verwurstet, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist. Kein Klischee wird ausgelassen - selbstverständlich auch nicht die "Führer"-Parodie.

     

    (15.12.2011)

     

    + "Sarahs Schlüssel" von Gilles Paquet-Brenner - F 2010 - 104 Min.

    Vergleichbar mit dem Film "Kinder von Paris" handelt auch dieser Film von der Deportation jüdischer Familien im Juli 1942 in Paris - die sogenannte "Radrennbahn-Razzia". Hier entwickelt sich die Geschichte allerdings nicht linear, sondern auf zwei Ebenen. Zunächst einmal geht es um das Schicksal der zehnjährigen Sarah, die ihren kleinen Bruder vor dem Zugriff der französischen Polizei in einem Geheimversteck hinter der Tapetentür verbirgt, und dann noch um die Recherchen der amerikanischen Journalistin Julia Jarmond gut siebzig Jahre später. Sie weiß nicht, dass ihren Schwiegervater ein dunkles Geheimnis umgibt.

    Ein nicht nur für Frankreich wichtiger Film. Zeitgeschichte als packendes Kino. Dank der Leistungen von Mélusine Mayance als Sarah und Kristin Scott Thomas als Julia Jarmond.

     

     

    (01.12.2011)

     

    - "Anduni - Fremde Heimat" von Samira Radsi - D 2010 - 88 Min.

    Belinda lebt in Köln und studiert. Als ihr Vater stirbt, wird sie mehr und mehr in die skurrile Welt ihrer armenischen Familie gesogen, mit der sie eigentlich kaum etwas zu tun hat. Doch je wohler sie sich nun dort fühlt, desto mehr entfremdet sie sich von ihrem Studentenleben und ihrem Freund Manuel. Belinda begibt sich auf die Suche nach ihrer Heimat, an der sich nicht nur ihre halbe Großfamilie beteiligt, sondern auch Manuel.

    "Anduni" ist ein Familien- und Heimatfilm, in dem Heimat nicht gezeigt, sondern gesucht wird. An dem Film ist der WDR als Produzent beteiligt. Daher also kein Film für die große Leinwand, sondern formatgerecht für den Bildschirm zurechtgestutzt. Nicht ins Kino gehen, sondern auf die TV-Ausstrahlung warten.

    Immerhin lohnt sich die Leistung der beiden Hauptdarsteller:Irina Potapenko als Belinda und Tilo Prückner als Großvater, der die armenisch-türkisch-deutsche Vergangenheit wie ein Mühlstein mit sich herumträgt. Ärgerlich ist nur die Gastrolle von Peter Millowitsch als ur-kölscher Beamter. Soetwas stört und bringt die Geschichte aus der Balance.

     

    (24.11.2011)

     

    + "Der Gott des Gemetzels" von Roman Polanski - Euro 2011 - 81 Min.

    Das erfolgreiche Bühnenstück von Yasmina Reza ist bekannt. Zwei Ehepaare treffen auf- und gegeneinander, weil der eine Sohn dem anderen zwei Zähne ausgeschlagen hat. Daraus entwickelt sich eine Zimmerschlacht bester Tradition. Eine Regieleistung von Polanski, die seinem Stil gemäß ist, ist nicht zu erkennen. dafür aber macht es ein großes Vergnügen, vier überragenden Darstellern bei ihrer Arbeit zu sehen zu dürfen: Jodie Foster (immer), Kate Winslet, Christoph Waltz und John C. Reilly!

     

    (03.11.2011)

     

    + "Die Höhle der vergessenen Träume" von Werner Herzog - F 2010 - 90 Min.

    Herzogs Film erlaubt einen exklusiven Zutritt zu der Chauvet-Höhle im Süden Frankreichs, wo er die ältesten bekannten Bildschöpfungen der Menschheit in ihrer erstaunlichen natürlichen Umgebung einfängt. Dabei lotet er die Möglichkeiten der 3D-Rechnik aus und führt die Zuschauer über 30.000 Jahre in der Zeit zurück.

    Werner Herzog ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Ihm kann man stundenlang zuhören und zusehen. Und dies ist ein Film, bei dem das 3D-Format gerechtfertigt ist und überzeugt.

     

    (27.10.2011)

     

    + "Hotel Lux" von Leander Haußmann - D 2010 - 105 Min.

    Über das Schicksal der nach Hollywood exillierten Deutschen ist viel geschrieben und gefilmt worden; demgegenüber über das Exil in Moskau vergleichsweise wenig. Da der "große FIlm" noch aussteht, gibt es jetzt jedenfalls dazu eine Komödie. Denn der Film "Hotel Lux" muss als "Komödie" und nicht als politischer Film über ein Kapitel deutscher Zeitgeschichte verstanden werden.

    Wenn sich Schauspieler mit historisch verbürgten Charakteren kreuzen, ist der Erfolg meistens Klamauk oder platter Witz zum Schenkelklopfen. Hier ist ein Film entstanden, der durchaus gelungen ist, auch wenn es einiger schauspielerischer Glanzleistungen bedarf, etliche Schwächen des Drehbuches (langer Prozeß, viel Autoren) auszugleichen. Sympathisch ist, dass sich Jürgen Vogel und Michael Bully Herbig voll auf ihre ROllen konzentrieren und diese nicht als Gelegenheit überzogener Selbstdarstellung nutzen.

    Trotzdem: ein realitätsnaher Film über die spannende Phase deutscher Geschichte am Schauplatz "Hotel Lux" steht noch aus. Vielleicht schafft dieser Film ja dazu die Voraussetzungen.

     

    o "Killer Elite" von Gary McKendry - GB 2011 - 116 Min.

    Es geht um das weltweite Interesse an arabischem Öl und um düstere SAS-Machenschaften. Und es geht um drei Männer, die in unterschiedlichen Gefechtslagen Männer töten, weil sie Männer getötet haben. Dazu ein paar spektakuläre Stunts, die üblichen Verfolgungsjagden und um das ausbalancierte Dreieck von Jason Statham, Robert De Niro und Clive Owen. Damit es nicht zu langweilig wird, kommt noch eine kleine Liebesgeschichte hinzu. Kurz: Die üblichen Zutaten zu einem Action-Thriller mit den üblichen Verdächtigen.

     

    o "I'm not a f**king Princess" von Eva Ionesco, F 2010, 104 Min.

    Paris in den 70er Jahren. Eine exzentrische Forafin (Isabelle Huppert) inszeniert ihre junge Tochter Violetta als erotisch-verführerisches Objekt vor der Kamera und verdient damit viel Geld. Doch dann lehnt sich die Tochter gegen die Mutter auf. Die Regisseurin Eva Ionesco arbeitet mit diesem Film ein autobiografisches Trauma auf. Über diesen Film und über denkbare Grenzen der künstlerischen Freiheit lässt sich gut streiten. Geboten und gezeigt wird allerdings nichts Spektakuläres, sondern ein fesselnder Mutter-Tochter-Konflikt. Um das verbindlich beurteilen zu können, fehlt mir allerdings das Insider-Wissen.

     

    (20.10.2011)

     

    + "Contagion" von Steven Soderbergh - USA 2011 - 106 Min.

    Weltweit breitet sich ein tödliches Virus aus - und wie immer gibt es Helden, die sich dem entgegenstellen. So auch in diesem Film. Allerdings ist es diesmal kein Katastrophenfilm (als Genre), sondern ein Film über eine Katastrophe - minutiös und überzeugend nachgezeichnet. Unter Verzicht auf die üblichen Schreckens- und Panikbilder wird hier gezeigt, wie Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Medien darauf reagieren. Das ist eine Zustandsbeschreibung, die direkt auf unsere Gegenwart verweist. Und ganz nebenbei: der Film ist mit hervorragenden Schauspielern besetzt, die sich nicht in den Vordergrund drängen, sondern der Story den Vorzug geben.

     

    - "Cirkus Columbia" von Danis Tanovic - 2010 - 113 Min.

    Schon die Zusammenfügung der Produktionsländer Bosnien-Herzegowina, Frankreich, England, Deutschland, Slowenien und Belgien sollte Skepsis auslösen. Es gibt immer wieder Filme bei denen man sich fragt, warum überhaupt sind sie gedreht worden. Dieses bosnische Heimkehrer-Drama gehört mit Sicherheit dazu.

     

    + "Die Haut, in der ich wohne" - von Pedro Almodovar - Spanien 2011 -

    125 Min.

    Antonio Banderas spielt einen plastischen Chirurgen, dessen Frau bei einem tragischen Autounfall grausam verbrannte. Seitdem setzt er alles daran, eine widerstandsfähige, künstliche Haut zu erschaffen. Viele Jahre später hat er sein Ziel erreicht. Doch nun fehlt ihm ein geeignetes Forschungsobjekt. Und das, was nun folgt, sei nicht verraten.

    Almodovar stellt einen Film vor, der verstört und irritiert. Er erreicht das, was man als "nachhaltige Wirkung" bezeichnet. Unbedingt ansehen.

     

     

     

    (13.10.2011)

     

    ++ "Tyrannosaur" von Paddy Considine - GB 2011 - 89 Min.

    Endlich mal wieder ein Film, der uns eine Lebensrealität fernab aller Fantasy-Stories oder Specialeffecte zeigt. Auch das ist Kino. Es geht um die Lovestory zwischen einem abgehangenen, jähzornigen Pub-Typen (Peter Mullan) und einer Mittelschichts-Frau (Olivia Colman) , die sich permanent unter den Schlägen ihres bigotten Ehemannes hinwegducken muss. Eine Geschichte, die trotz aller Tragik auch anrührend, humorvoll, zutiefst menschlich und voller Hoffnung ist. Die Lösung eines Problems bedeutet hier: es kommen neue hinzu.

    Auf dem diesjährigen Sundance Filmfestival wurde der Film mit den Preisen für die Beste Regie, den besten Hauptdarsteller und die beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Einer besseren Empfehlung bedarf es nicht.

     

     

    o "Die Liebesfälscher" von Abbas Kiarostami - F/I 2011 - 106 Min.

    Ein britischer Autor, der sich auf das Thema "Unterschied zwischen Original und Fälschung" spezialisiert hat, trifft bei einer Lesung in der Toskana auf eine Kunstexpertin. Die beiden unternehmen einen Ausflug und es bleibt offen, ob es sich um ein seit 15 Jahren verheirateten Paar oder um eine Zufallsbekanntschaft handelt. Die Wahrheit liegt in der Mitte oder im Kopf des Betrachters. Jedenfalls: Kiarostami, der früher seine Geschichten mit BILDERN erzählte, setzt hier auf Geschwätzigkeit und kaum unterbrochene Dialogketten. Wer aber die hinreißende Juliette Binoche sozusagen in einem (halben) Solo erleben möchte, der ist hier bestens bedient. Die Frau ist ganz einfach großartig und man könnte mit ihr stunden- und tagelang durch verträumte Gassen in der Toskana wandeln.

     

    (29.09.2011)

     

    - "4 Tage im Mai" von Achim von Borries - D/Russland 2011 - 97 Min.

    Eigentlich eine interessante Geschichte. Vier Tage vor Ende des Zweiten Weltkrieges wird ein Kinderheim an der deutschen Ostseeküste von einem sowjetischen Spähtrupp besetzt. In Sichtweite lagern Soldaten der Wehrmacht. Ein 13-jähriger Waisenjunge will sich als Held erweisen und gerät zwischen die Fronten. Es ist ein sowjetischer Hauptmann, der sich als wahrer Freund erweist und die Kinder sogar gegen seine eigenen Leute verteidigen muss.

    Das alles ist leider nicht emotional bewegend, sondern verkitscht und mit Klischees überhäuft. Der Hauptdarsteller Aleksei Guskov ist gleichzeitig auch der Ko-Produzent und hat sich hier eine Rolle als gebrochener Held und Sympathieträger gekapert, die so früher von Wassili Schukschin gespielt wurde.

    Einziger Lichtblick in diesem Aufguss des "grpßen vaterländischen Kinos" ist der Junge Pavel Wenzel mit roten Haaren, grünen Augen und russischen Sprachkenntnissen. Lt. Presseheft spielt er in der D-Jugend von Enerie Cottbus und will später einmal Fussballspieler werden. Viel Erfolg, Junge!

     

    (22.09.2011)

     

    o "Eine offene Rechnung" von John Madden - USA 2011 - 113 Min.

    Drei Agenten des israelischen Geheimdienstes begeben sich in den Sechziger Jahren auf eine geheime Mission nach Ostberlin, um den berüchtigten NS-Verbrecher Dieter Vogel zu kidnappen und ihn in Israel vor Gericht zu stellen. Zwar schaffen sie es, den "Chirurgen von Birkenau" in ihre Gewalt zu bringen, doch die Aktion verläuft anders als erwartet. Aus einem gefeierten Heldenstück wird die gewaltige Last einer Lebenslüge.

    Helen Mirren spielt mit. Also auf ins Kino!

     

    (15.09.2011)

     

    - "Columbiana"von Olivier Megaton - USA 2011 - 107 Min.

    Je cooler, zierlicher und hübscher die Protagonistinnen des Adrenalin-Action-Fight-Kinos sind, desto verheerender die Wirkungen ihres Handelns. Hier rächt eine junge Heldin (/Zoe Saldana) die Ermordung ihrer Eltern durch die Mafiosi.Es beginnt wie ein kleines Streichholz und endet wie eine Feuerwalze. Viel Lärm um nichts!

     

    (01.09.2011)

     

    - "Baikonur" von Veit Helmer - D/Russsland/Kasachstan 2010 - 94 Min.

    Ort des Geschehens ist der Raketenweltraumstartplatz im kasachischen Baikonur. "Was von Himmel fällt, darf man behalten" heißt es. Und so findet der etwas verschrobene junge Funker Iskander, genannt "Gagarin", eine wunderschöne französische Weltraumtouristin, die ihm vom Himmel direkt vor die Füße fällt. Der Humor, der sich aus diesem Plot ableitet, ist wohl nur den Steppenbewohnern verständlich und hierzulande mehr als gewöhnungsbedürftig.

    Der Charm und der Witz des Films "Absurdistan" ist leider irgendwo im Weltall verschollen.

     

    (24. -31.08.2011)

     

    ++ "Fantasy Filmfest 2011 - Fear Good Movies"

    Die 25. Show. Im Kalender gibt es bei mir immer einen Strich, der andere Termine blockiert. Erscheinen Pflicht. Auch diesmal ist nicht alles zu schaffen. DON'T BE AFRAID OF THE DARK (USA/Australien 2010, Regie: Troy Nixey) ist hervorragendes Poltergeist- und Geisterbahn-Kino. Die kleine Sally, die mit dem überbeschäftigten Vater und seiner gewöhnungsbedürftigen Neuen in ein riesiges viktorianisches Anwesen einzieht, stößt im Keller auf ein gruseliges Geheimnis aus vergangenen Zeiten. Der Produzent des Films ist Guillermo del Toros und dessen Name bürgt für Genresicherheit und Qualität.

    RED STATE (USA 2011, Regie: Kevin Smith) ist ein verblüffender Genre-Mix. Im Mittelpunkt steht eine mysteriöse, ultrakonservative Sekte, die, nicht mit Feuer und Schwert, sondern mit Folter und Waffenarsenal die Bibel auslegt. Das geht hin und her zwischen Okkult-Horror, Actionthriller und schwarzer Komödie.

    THE ASSAULT (F 2010, Regie: Julien Leclercq) ist eine überzeugende und fesselnde Rekonstruktion einer Geiselnahme aus dem Jahre 1994. Vier schwerbewaffnete Anhänger der Armed Islamic Group entführen ein Passagierflugzeug der Air France. Das Flugzeug wird später von einer französischen Eingreiftruppe gestürmt. Bemerkenswert vor allem die detaillierte Aufarbeitung des Falles quer durch alle Instanzen von Polizei und Politik.

    A HORRIBLE WAY TO DIE (USA 2010, Regie: Adam Wingard) führt zwei Geschichten bzw. Protagonisten zu einem finalen Schlachtfest zusammen: ein White-Trash.Serien-Killer und eine anonyme Alkoholikerin. Filmisch nicht besonders aufregend.

    THE PREY (F 2011, Regie: Eric Valette) ist hingegen äußerst empfehlenswert. Ein französischer Krimi in bester Tradition. Bankräuber Franck hat seinen Kumpanen nicht verraten, wo er die Beute versteckt hat. Im Knast wird er dafür gehörig unter Druck gesetzt. Um seiner Freundin zu verhelfen, vertraut er sich einem Zellengenossen an, der bald entlassen wird. Doch der ist ausgerechnet ein Kinderschänder und Mörder der allerübelsten Sorte. Der Hauptdarsteller Albvert Dupontel kann für Frankreich bei der kommenden Olympiade in beinahe allen Sportarten an den Start gehen: Kurstrecken- und Langlauf, Hoch- und Weitspringen, Boxen und Schießen etc. & etc. Beachtlich!

    RABIES (Israel 2010, Regie: Aharon Keshales) ist ein selbstironischer Genremix, in dem sich eine Handvoll Teenager in einem entlegenen Waldstück verzweifelt und aussichtslos gegen die vorhersehbare Dezimierung wehrt.

     

    (18.08.2011)

     

    ++ "Midnight in Paris"" von Woody Allen -USA 2010 - 94 Min.

    Woddy Allens 42. Regiearbeit war der Eröffnungsfilms in Cannes 2011 und wurde von Publikum und Presse stürmisch umjubelt. Der Film ist eine einzige Liebeserklärung an Paris und all die schönen Erinnerungen, die sich damit verbinden. Ein junger Drehbuchschreiber aus Hollywood, der gerne einmal seinen 'großen Roman' schreiben möchte, trifft im Paris von heute die Größen aus der Künstlerszene der Zwanziger Jahre. Das Ensemble der Berühmtheiten reicht von Hemingway, Fitzgerald, Gertude Stein bis hin zu Picasso, Dali und Bunuel. Allen ist ein hervorragendes Spiel mit Zeit und Raum gelungen, das leicht und locker rüberkommt, nicht verkopft, sondern elegant und spielerisch mit den Möglichkeiten einer solchen Zeitreise - wie sie nur im Film stattfinden kann - umgeht. Irgendwann erscheint plötzlich "The End" und man ist enttäuscht, das der Film schon aufhört. Spontan stellt sich der Wunsch ein, sofort nach Paris zu reisen und sich mit der entsprechenden Literatur einzudecken. Nicht zu vergessen ist eine CD mit der Filmmusik aus den Roaring Twenties , die ihre eigene Qualität besitzt.

     

    - "Sommer in Orange" von Marcus H. Rosenmüller - D 2011 - 110 Min.

    Zurück in die 80er Jahre. Einige Bhangwan-Anhänger ziehen von Berlin aus aufs Land in die bayerische Provinz. Und das die die Aufforderung, alle Klischees und Plotten zu bedienen, die sich aus dieser Konstellation ergebenb. Dieses seit der Blütezeit des deutschen Filmlustspiels in den 50er Jahren bewährte Rezept wird noch einmal nachgekocht und hinterlässt ein dünnes Ideen-Süppchen mit einem faden Geschmack.

     

     

    (11.08.2011)

     

    + "Planet der Affen" von Rupert Wyatt - USA 2011 - 105 Min.

    Sozusagen die Vorgeschichte: Logisch entwickelt sich hier wie es dazu kam, dass unser Planet nur noch von (intelligenten und sympathischen) Affen bewohnt wird. Besonders beeindruckend die Leistung des Performance Capture-Künstlers Andy Serkis als Schimpanse Caesar im Mittelpunkt überbordender visueller Effekte. Allein die Kamerafahrten des Oscar-Preisträgers Andrew Lesnie sind einen Kinobesuch wert.

     

     

    + "Shanghai" von Mikael Hafstrom - USA 2010 - 105 Min.

    Shanghai war in den 30er- und 40er- Jahren eine der aufregendsten und faszinierendsten Städte. Heute ist sie es wieder. Aber dieser Film führt noch einmal zurück in die turbulenten Zeiten der Kriegsjahre; genauer in die Zeit, die dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor vorausging. Ein amerikanischer Agent, getarnt als nazifreundlicher Journalist, wIll herausfinden, wer oder was den Tod seines Freundes und Kollegen verursacht hat. Dabei gerät er zwischen alle Fronten, zu denen auch ein chinesischer Gangsterboss, seine wunderschöne Frau (und Widerstandskämpferin) sowie ein skrupelloser japanischer Geheimdienstgeneral zählen. Die Produktion hat bei der Ausstattung des Films und der Rekonstruktion der Zeit nicht gespart. Neben den glänzenden Protagonisten John Cusack, Gong Li und Chow Yun-Fat bietet der Film mit den Bildern aus einer nervösen und quirligen Stadt Schauwerte allererster Qualität.

    Ein Vergleich mit dem FIlm "John Rabe" von FLorian Gallenberger bietet sich an und ist sinnvoll (Majestic-DVD).

     

    (28.07.2011)

     

    o "Der Albaner" von Johannes Naber - D 2010 - 104 Min.

    Immer dann, wenn das deutsche Kino über den Tellerrand beziehungsgeladener deutscher Innensichten hinaus blickt, kommen interessante Filme auf uns zu. "Schlafkrankheit" beispielsweise gehört mit zu den nennenswerten innovativen Produktionen. "Der Albaner" ist ein Film über den jungen Albaner Arben, der in Deutschland die große Kohle machen möchte, damit er seine Geliebte Etleva heiraten kann. Ansonsten wird diese von ihrer Familie gegen gutes Geld nach Amerika verscheuert.

    Auf Arden warten spannende, aufregende und gefährliche Zeiten, die ihn beinahe zwangsläufig in die Kriminalität treiben. Irgendwie kommt er an das notwendige Geld, aber am Ende steht er doch mit leeren Händen da. "Der Albaner" ist ein Film mit beeindruckenden schauspielerischen Leistungen und einer nicht alltäglichen Story.

     

     

    (30.06.2011)

     

    o "Alles koscher!"von Josh Appignanesi - GB 2010 - 105 Min.

    Mahmud ist ein nicht gerade strenggläubiger Moslem. Als sein Sohn Rashid seine Freundin Uzma heiraten will, bereitet sich die Familie auf den Besuch von Uzmas Stiefvater Arshad Al-Masri vor, der weltweit als fanatischer Prediger bekannt ist. Gerade in diesen Tagen erfährt Mahmud, dass er als kleines Kind adoptiert wurde und Jude ist. Als Mahmud Nasir wird Solly Shimshillewitz. Und damit sind alle Voraussetzungen für eine muslemisch-jüdisch-christlich-atheistisch-buddhistisch-bahaistische Komödie gegeben.

    Aktuell gibt es keinen Lösungsansatz, den Konflikt im Nahen Osten zu entschärfen. Die Worte und Taten der Politiker helfen nicht weiter. Vielleicht versuchen sie es einmal mit Witz und Ironie. EIn gemeinsamer Kinobesuch von ALLES KOSCHER wäre ein guter Start.

     

     

    (23.06.2011)

     

    o "Der Mandant" von Brad Furman - USA 2011 - 119 Min.

    Justiz-Thriller nach einer Vorlage von Michael Connelly. Ein L.A.-Anwalt mit etwas außergewöhnlichen Methoden gerät an einem Mandanten, der sich ebenfalls außergewöhnlicher Methoden bedient. Diese beiden Hauptrollen sind mit Matthew McConaughey und Ryan Phillippe glänzend besetzt. Ebenfalls William H. Macy, als Privatermittler, der für den Anwalt arbeitet und leider viel zu früh auf der Strecke bleibt. Das Schicksal teilt er mit anderen Personen und leider auch mit der Logik bei der Auflösung der Geschichte.

     

    (02.06.2011)

     

    o "Das Blaue vom Himmel" von Hans Steinbichler - D 2010 - 99 Min.

    Familiendrama. Die Tochter (Juliane Köhler) muss sich um ihre pflege- und betreuungsbedürftige Mutter (Hannelore Elsner) kümmern. Gefühlsschwankungen und irritierende, verstörende Erinnerungs-Schübe führen dazu, das es um die Familie ein Geheimnis gibt, das nun endlich zur Sprache kommen muss. Das Drama begann in den Dreißiger Jahren in Lettland und endet (heute) auch dort.

    Fernsehfilm mit vielen Nahaufnahmen, die alle Schwächen der Geschichte und ihrer Inszenierung schonungslos aufdecken. Den FIlm sollte man besser nicht im Kino sehen, sondern auch die Fernsehausstrahlung warten - immerhin sind WDR, ARD, BR und arte beteiligt. Und wenn dann der TV-Termin ist, kann man noch auf ein anderes Programm umschalten oder sich im Kino einen anderen (besseren) Film ansehen.

     

    (19.05.2011)

     

    ++ "Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten" von Rob Marshall - UDS 2011 - 140 Min,

    Ein Film mit Johnny Depp (!!!) und Penélope Cruz (!!!). Pressesperre bis 15. Mai 2011.

     

     

    (12.05.2011)

     

    ++ "Metropolis" von Fritz Land - D 1927 - 145 Min.

    Dieser Film (in neuer Fassung) ist ein unbedingtes MUSS! Aber eigentlich ist ja sowieso selbstverständlich, sich die neu rekonstruierte Version in ihrer Dolby-Digital-Mischung auf der Leinwand anzusehen. Die Musik hat sich verselbständigt: Als Studioproduktion des Rundfunk-SInfonieorchesters unter der Leitung von Frank Strobel auf CD bei Capriccio. Wer Film UND Musik erleben möchte und noch keine Reisepläne hat, hier die Termine der European Film Philharmonic: 23.Mai in Moskau, 27. Mai in Stuttgart, 29. Mai in München und 5. Juni in der Mailänder Scala!

     

    (05.05.2011)

     

    o "Scream 4" von Wes Craven - USA 2011 - 106 Min.

    "Scream" schreibt Mediengeschichte(n): Teil 1 spielte in den Videotheken, Teil 2 im Kino und Teil 3 in der Filmproduktion. In Teil 4 steht die Webcam im Mittelpunkt. Der Rest ist bekannt. Die Eingangsfrage "Was ist dein Lieblingshorrorfilm?" kann ich schnell beantworten: "Sream 4" ist es nicht! Der Film hat allerdings sehr viel hübsche Mädchen und Frauen anzubieten. Leider sterben einige von ihnen zu früh!

     

    (14.04.2011)

     

    + "Der Name der Leute" von Michel Leclerc - Frankreich 2010 - 104 Min.

    "Fasten auf italienisch" (siehe unten) in einer anderen Version. Auch hier geht es um die kulturelle/politische Integration, um Selbstwertgefühl, Anerkennung und Respekt. Er (Arthur) will seine jüdische Herkunft verbergen; sie (Bahia) betont ausdrücklich ihre arabischen Wurzeln. Die jeweiligen Eltern/Großeltern kommen von überall her.

    Der Clou des Films. Bahia schläft mit politisch rechts stehenden Männern, um sie ideologisch umzudrehen. Und als sie den bekennenden Linkswähler Arthur völlig vereinnahmt und dessen Leben durcheinander wirbelt, ist der Plot für eine charmante und irrwitzige Komödie gegeben. Wie in einem Mosaik aus bunten Gläsern setzt sich nach und nach ein Bild der Gegenwart zusammen, das den Zuschauern interessante und aufschlussreiche Perspektiven anbietet und Einblicke verschafft. Die Hauptdarstellerin Sara Forestier allein macht den Film sehenswert.

     

    (07.04.2011)

     

    o "The Fighter" von David O. Russell -USA 2010 - 117 Min.

    Obwohl der Film auf der wahren Geschichte des Boxweltmeisters Miicky Ward und seines Halbbruders Dicky basiert, ist "The Fighter" mehr ein überzeugendes, authentisch wirkendes Sozialdrama als ein Boxerfilm der handelsüblichen Sorte. Hervorragend besetzt in den Haupt- und Nebenrollen - allen voran Mark Wahlberg und Christian Bale als Protagonisten im Spannungsfeld zwischen familiärem Zusammenhalt und sportlicher Karriere.

     

    (31.03.2011)

     

    ++ "Winter's Bone" von Debra Granik - USA 2010 - 100 Min.

    Bei der Berlinale 2010 war dieser Film mein hoher Favorit, siehe unten die Berichterstattung. Nun kommt er endlich in die Kinos und kann nur dringend raten, sich ihn anzusehen. Wer Zeit hat, sollte auch da jetzt erschienenen Buch von Daniel Woodrell "Winters Knochen" lesen (Verlagsgesellschaft Liebeskind, München 2011).

     

    + "Alles, was wir geben mussten" von Mark Romanek - USA 2010 - 103 Min.

    Ein Horrorfilm ohne sattsam bekannte Genrebilder. In einer Parallelgesellschaft werden Kinder und Jugendliche herangezogen, die später einmal als "Ersatzteillager" dienen sollen. Ihre Lebenszeit ist begrenzt; älter als 30 werden sie nicht. Vorlage des Films ist der Science-Fiction-Bestseller "Never let me go" von Kazuo Ishiguro, der auch am Drehbuch beteiligt war.

    Ein sehr intensiver, hochkonzentrierter Film, der aus der Sicht der Protagonistin Kathy erzählt wird - eine überragende Leistung von Carey Mulligan, die sich in den letzten Jahren in die erste Reihe der Darstellerinnen im Film, im Fernsehen und auf der Bühne gespielt hat.

     

     

    -- "Kottan ermittelt" von Peter Patzak - Österreich 2010 - 110 Min.

    Als Fan der TV-Filme (die leider am Ende immer schwächer und beliebiger wurden) habe ich mich sehr auf dieses Wiedersehen gefreut. Inzwischen sind 27 Jahre vergangen. Nichts spricht gegen eine Neuauflage, auch wenn vieles geändert werden muss. Leider ist die Enttäuschung sehr groß: Die Dialoge greifen nicht mehr und die Gags sind mehr als aufgesetzt und überzogen. Es ist weitaus besser, Lukas Resetarits so in Erinnerung zu behalten, wie er noch in der DV-Edition zu sehen ist. Bei EuroVideo sind 19 "Fälle" bestellbar. Der missglückte Kinofilm ist ein denkbarer Anlass, die alten Filme zu genießen.

     

     

    o "Das Schmuckstück" von Francois Ozon - F 2010 - 104 Min.

    Die Gattin, das Schmuckstück, eines erfolgreichen und angesehenen Geschäftsmannes hatte früher einmal ein Verhältnis mit einem Arbeiter der nun als Politiker für die Kommunistische Partei aktiv ist. Als sie in einer Situation ist, in der sie die Leitung des streikbedrohten Familienbetriebes übernehmen muss, kreuzen sich ihre Wege wieder.

    Verfilmtes Boulevard-Theater, das von der werbewirksamen Attraktion zweier bekannter Stars lebt und die man gerne einmal wieder aus der Nähe betrachten möchte. Der Film spielt Ende der 70er Jahre. So sieht er auch aus und dort gehört er auch hin.

     

     

    (10.03.2011)

     

    + "Almanya" von Nesrin und Yasemin Samdereli - D 2011 - 97 Min.

    (Pressesperre bis 20. Febr. 2011)

    Nachtrag: Über den FIlm ist ausreichend berichtet worden. Nur positiv.

    Also: hingehen und sich wohlfühlen.

     

    o "The Rite / Das Ritual" von Mikael Hafström - USA 2010 - 113 Min.

    Ein junger, noch zweifelnder Priesterseminarist trifft in Rom auf einen vomTeufel besessenen Exorzisten. Geisterbahn-Kino ohne nennenswerte Überraschungen. Anthony Hopkins spielt den "Pater Lucas" so wie ein Kannibale, der sich selbst zerfleischt. Seine Fans werden ihre helle Freude haben.

     

     

    (03.03.2011)

     

    - "In der Welt habt ihr Angst" von Hans W. Geißendörfer - D 2010 - 110 Min.

    Von Geißendörfer schätze ich seine frühen Filme wie "Jonathan", "Sternsteinhof" oder "Der Zauberberg". In den letzten Jahren hat man von ihm keine atemberaubenden Kinofilme mehr gesehen. Die Erwartungen bei diesem Film sind entsprechend hoch - und werden leider nicht erfüllt. Die tragische Love-Story über eine Studentin und einen Musiker, die "mit aller Gewalt" versuchen, ihre Drogenabhängigkeit durch Entzug zu überwinden und in Neuseeland ein neues Leben starten wollen, ist keine Bereicherung der deutschen Filmszene. Was zum Teufel "wollte uns der Künstler damit sagen"?

     

    (24.02.2011)

     

    o "Engel des Bösen" von Michele Placido - Italien 2010 - 125 Min.

    Ein "französischer Krimi" aus Italien, der sich an der Biographie des Gangsters Renato Vallanzasca orientiert. Er übernahm in den 70er Jahren mit seiner Bande die Kontrolle über die Mailänder Unterwelt. Zur Legende wurde er durch mehrfache Gefängnisausbrüche und durch seinen Charme, mit dem er Erfolg bei Frauen hatte. Viel Action und wenig Psychologie. Der Film schafft es nicht, den Charakter dieses "Staatsfeindes" überzeugend aufzuschlüsseln. Als x-beliebiger Krimi sehenswert, da illustre Typen und schöne Frauen ausreichend Unterhaltung bieten.

     

     

    ++ "Pina" von Wim Wenders - D 2011 - 100 Min.

    (Pressesperre bis zum Start auf der Berlinale 2011)

     

     

    + "Der ganz grosse Traum" von Sebastian Grobler - D 2011 - 110 Min.

    Daniel Brühl als junger Lehrer Konrad Koch, der 1874 in einem deutschen Gymnasium Englisch unterrichtet und ihnen das Fußball-Spielen beibringt. Mit seiner unkonventionellen Art macht er sich Feinde bei seinem Kollegen und Vorgesetzten. Mit Fantasie und Entschlossenheit schafft er es, zunehmende Begeisterung für das Spiel zu wecken.

    "Der ganz grosse Traum" ist kein "Sportfilm", sondern vielmehr ein Porträt der Schule und Erziehungsmethoden im deutschen Kaiserreich. Hier wird die Geschichte so erzählt, als sei es der kleine Ball gewesen, der in Deutschland eine Revolution ausgelöst und die Gesellschaft total verändert hat. Die Obrigkeit knickte um ... usw. usf. Da hat sich der Film leider übernommen. SO groß war der Traum nun auch wieder nicht. Diese überflüssige Pointe schmälert allerdings nicht den Unterhaltungswert des Films, in dem sich ansonsten hervorragende Charakterdarsteller wie Burghard Klaußner leider hinter falschen Bärten verstecken müssen. .

     

    (10.02.2011)

     

    o "Gullivers Reisen" von Rob Letterman - USA 2010 - 90 Min.

    Eine 3D-Variante des Romanklassikers als Realverfilmung mit Jack Black in der Titelrolle. Der Stoff bietet sich geradezu für ein solches Projekt an und ist auch gelungen. Besonders überzeugend ist die Erweiterung der Handlung um einige witzige Episoden am Anfang der Handlung und während des Aufenthaltes im Lande der Riesen; beispielsweise dann, wenn sich Gulliver im Puppenkleidchen und in einer Puppenstube den Launen eines missgelaunten und nervigen Mädchens fügen muss.

     

    + "Kick Off Kirkuk" von Shawhat Amin Korki - Kurdistan/Japan 2009 - 82 Min.

    Rechtzeitig zum Start der BL-Rückrunde erreicht uns ein Fussballfilm der besonderen Art. Das Mainstream-Kino ist vollgestopft mit Filmen, die ihre technischen Möglichkeiten um und mit jedem Preis präsentieren. Und es gibt auch Filme, die noch Geschichten erzählen, die beeindrucken und nachhaltig wirken. Im Mittelpunkt dieses Films steht ein verlassenes Fussballstadion in Kirkuk, eine multiethnische Stadt im Norden Iraks. Familien, die unter Saddam Hussein geflüchtet und nun wieder zurückgekehrt sind, haben hier Zuflucht gefunden. Einige von ihnen, die ihren Lebensmut und ihren Optimismus nicht verloren haben, organisieren unter äußerst schwierigen Umständen ein Fussballspiel zwischen kurdischen und arabischen Kindern. Doch dieser Plan scheitert an der Lebensrealität einer Stadt, die nicht zuletzt auch zum Albtraum des Filmteams wurde.

    "Kick Off Kirkuk" hat keine werbeträchtigen Stars und kein hohes Budget für den Verleih des Films. Er ist daher auf die direkte Empfehlung von Zuschauern angewiesen, die mehr sehen wollen als die handelsübliche Ware wie das ärgerliche Produkt namens "The Tourist".

     

     

    ++ "Die Kinder von Paris" von Rose Bosch - Frankreich 2010 - 115 Min.

    Ein Film wie ein Hammer. Ein für die Franzosen unangenehmes und verdrängtes Thema als Plot eines Kinofilms, der sich mehr zutraut als auf Mainstream und Digitaleffekte zu setzen. Es geht um die Massenrazzia im Großraum Paris am 16. Juli 1942; 28.000 Juden wurden verhaftet und von Transitlagern aus in den Osten deportiert. Die französische Polizei erwies sich als williger Helfer der deutschen Militärbefehlshaber.

    Der Film stellt das authentische Schicksal eines kleinen Jungen in den Mittelpunkt und zeigt neben den emotional aufgeladenen und erregenden Bildern von dem Leid der Opfer auch die Hilfsbereitschaft jener Menschen, die ihren jüdischen Landsleuten zur Seite standen. Lob an Regie und Buch (Rose Bosch), an die "Stars" Jean Reno und Mélanie Laurent" und vor allem an Olivier Carbone und Agathe Hassenforder für ihr (Kinder-)Casting.

     

    o "Tucker & Dale vs. Evil" von Eli Craig - USA 2010 - 89 Min.

    Splatter-Komödie mit dem bekannten Personal: Zwei Hillibillie-Typen (Tucker & Dale) treffen in der Wildnis West Virginias eine Gruppe von Collegekids. Eigentlich wollten alle abhängen und sich eine schöne Zeit machen. Doch es kommt zu Missverständnissen, die ein Blutbad auslösen. Fast alle gehen drauf - natürlich nicht das Final Girl. Und noch ein Hinweis: Die mit der Kettensäge sind die Guten!

    Schon ein Publikumserfolg beim Fantasy-Filmfest 2010.

     

    (03.02.2011)

     

    + "Poll" von Chris Kraus - D/A/Est 2010 - 133 Min.

    Endlich mal wieder ein Film, der im Kino die vollen Möglichkeiten der Leinwand nutzt und den man nicht nur auf dem Bildschirm sehen möchte. Hinzu kommt,dass "Poll" eine sehr Genre sichere Produktion (historisches Drama) ist, und eine nicht alltägliche Geschichte aus der deutschen Vergangenheit erzählt. Es geht um ein 14-jähriges, künstlerisch hochbegabtes Mädchen, das im Sommer 1914 im deutsch geprägten, zum russischen Kaiserreich gehörenden Baltikum einem estnischen Anarchisten begegnet und ihn vor den Soldaten und ihrer eigenen Familie versteckt.

    Der Film basiert lose auf den Memoiren der Berliner Autorin Oda Schaefer (1900 - 1988) und schlägt ein fast vergessenes, faszinierendes Kapitel der europäischen Geschichte auf."Poll" ist eine der ehrgeizigsten und aufwendigsten europäischen Filmproduktionen des Jahres, deren enorme logistische Herausforderungen nur mit Hilfe von insgesamt 24 nationalen und internationalen Fernsehredaktionen und Filmförderern als Partner realisiert werden konnte.

    Unbedingt ins KINO gehen!

     

    (03.02.2011)

     

    o "I Killed My Mother" von Xavier Dolan - Kanada 2009 - 100 Min.

    Der als "kanadisches Wunderkind" bezeichnete Filmemacher Xayvier Dolan schrieb den Film im Alter von 17 Jahren und drehte ihn dann mit 19. Sein Film über die Hassliebe zu seiner Mutter wurde ein Festivalerfolg. Es ist einer dieser Filme, in denen sich Homosexuelle intensiv mit der Mutter(Rolle) auseinandersetzen. Um das nachvollziehen zu können, fehlen mir leider die Voraussetzungen. Was mich für den Film einnimmt ist seine schonungslose Offenheit - auch sich selbst gegenüber. Ein Coming-of-age-Film von überzeugender Authentizität.

     

     

    (Februar 2011)

     

    + "Das Lied in mir" von Florian Cossen - D/Argentinien 2009 - 92 Min.

    Immer dann, wenn der deutsche Film die Kanten der Beziehungskisten überspringt und seine Stoffe im Ausland sucht und findet, darf man gespant sein. Zuletzt haben Filme wie "Dr. Aleman" oder "Same Same But DIfferent""

    die Erwartungen eingelöst und überzeugt. Hier geht es um eine 31-jährige Frau aus Deutschland, die bei ihrem Flug nach Chile in Buenos Aires einen unvorhergesehenen Zwischenstopp einlegen muss und dabei mit den dunklen und nicht bekannten Seiten ihrer eigenen Biographie konfrontiert wird, die eng mit den Zeiten der argentinischen Militärdiktatur verbunden ist. Ihr Vater reist ihr nach, verstrickt sich aber in immer neue Lügen über die Herkunft seiner Tochter.

    Die schauspielerischen Leistungen von Jessica Schwarz und Michael Gewisdek werden nur noch durch das hervorragende Casting der argentinischen Darsteller übertroffen. Zu Recht wurde dieser Film mit mehreren Preisen und Auszeichnungen bedacht. Obwohl es sich hier um eine TV-Produktion handelt, ist dies auch ein Film für ein Kino-Publikum.

     

     

    (20.01.2011)

     

    o "Black Swan" von Darren Aronofsky -USA 2010 - 110 Min.

    In "The Wrestler" baute der Regisseur Darren Aronofsky den fast vergessenen Mickey Rourke zu einem brutalen Muskelpakte auf; hier formt er die vielseitige Natalie Portman zu einer Primaballerina im New York City Ballet um, deren leidvolle und selbstzerstörerische Karriere mehr und mehr mit ihrer zu meisternden Rolle des Sterbenden Schwans in "Schwanensee" übereinstimmt. Eine Geschichte voller Obsessionen bietet gepflegte, unaufgeregte Unterhaltung mit einer beachtlichen Anzahl spielfreudiger Damen: Natalie Portman, Mila Kunis, Barbara Hershey und Winona Ryder. Vincent Cassel als charismatischer Ballettdirektor hat hier die beneidenswerte Qual der Wahl.

    Natalie Portman, die hier an die Grenzen ihrer körperlichen Möglichkeiten geht, ist grandios!

     

     

    (13.01.2011)

     

    0 "Fasten auf italienisch" von Olivier Baroux - F 2010 - 102 Min.

    "L'Italien" ist eine lockere und leichte Komödie mit dem französischen Schauspieler Kad Merad, der durch seine Rollen in "Willkommen bei den Sch'tis", "Die Kinder des Monsieur Mathieu" und "Der kleine Nick" auch dem deutschen Publikum noch in bester Erinnerung ist. Hier spielt er einen lebenslustigen Italiener, der in Wirklichkeit aus einer arabischen Familie kommt, die in Marseille lebt. Weder sein Chef noch seine Freundin ahnen etwas von seinem Doppelleben. Als sein erkrankter Vater ihn bittet, den Ramadan an seiner Stelle zu begehen, beginnt die Fassade zu bröckeln. Denn für den Araber ist Fasten ja kein Problem, für einen Italiener schon.

    Ein Film mit Witz und Tempo, der geschickt mit Vorurteilen und Klischees spielt.

     

     

    (30.12.2010)

     

    + "Immer Drama um Tamara" von Stephen Frears - UK 2010 - 111 Min.

    Die aufreizende Tamara kehrt aus London in ihr beschauliches heimatliches Provinznest zurück und mischt dort die Szene auf. Aus dem hässlichen Entlein ist eine attraktive und erfolgreiche Kolumnistin geworden. Und nun startet ein frivoler Rachefeldzug, der es in sich hat.

    Schauplatz und Personal sind streckenweise identisch mit einer Folge aus meiner Lieblingsserie "Inspector Barnaby"; die Handlung jedoch nicht. Eine sehenswerte englische Grafschaft mit skurrilen Typen und originären Humor. Frears weiß, wie man damit umgehen muss.

     

     

    (23.12.2010)

     

    o "3" von Tom Tykwer- D 2010 - 119 Min.

    Die Kulturmoderatorin Hanna liebt den Kunsttechniker Simon; Simon liebt Hanna. Dann verliebt sich Hanna in den Stammzellenforscher Adam; Adam verliebt sich in Simon; Simon in Adam. Dann sind bei Hanna Zwillinge unterwegs. Aus Drei werden Fünf. Und alle lieben sich miteinander und sind glücklich. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann lieben sie sich noch heute ...

    Tykwer ist redlich bemüht, für diese melodramatische Komödie einige ausgefallene Bilder zu finden, mit denen er diese dürftige Handlung einpacken kann. Am Anfang des Films gibt es eine ein paar Minuten dauernde Tanzperformance, die den nachfolgenden Film erklärt. Mehr muss man auch nicht sehen. Es sei denn, man lässt sich von SOPIE ROIS begeistern! Sie ist unwahrscheinlich gut drauf und man könnte ihr stundenlang zusehen.

     

    (16.12.2010)

     

    o "The Tourist" von Florian Henckel von Donnersmarck - USA 2010 - 115 Min.

    Angelina Jolie ist eine betörend schöne Frau, der man stundenlang zusehen kann - falls das alleiniges Motiv für einen Kinobesuch sein kann. Johnny Depp ist ein hervorragender Schauspieler - wenn er denn gefordert wird. Hier ist das leider nicht der Fall. Das neue "Wunderwerk" des dt. Hollywood-Regisseurs ist eine 1:1-Verfilmung des Thrillers "Fluchtpunkt Nizza" von Jéromé Salle mit einer betörend schönen Sophie Marceau in der weiblichen Hauptrolle. Die "erheblichen" Unterschiede zur Neuverfllmung: Der Zur fährt von Paris aus nicht nach Nizza, sondern nach Venedig; das männliche Gegenüber ist ein Mathematiklehrer und kein Übersetzer, gesucht und observiert wird er nicht vom Franzosen, sondern von Engländern; die Russen sind nicht vom KGB, sondern gehören zur Mafia - usw. usf. Ansonsten sind sie so finster wie in allen gängigen Agentenfilmen. Venedig als Schauplatz für einen Actionthriller ist auch nicht sonderlich originell und atemberaubend; und witzige Verfolgungsjagden sind seit Philippe de Broca und Jean-Paul Belmondo nicht mehr überboten worden.

    Mit "The Tourist" wurden Millionen Dollar in Venedigs Wassern versenkt.

    "Fluchtpunkt Nizza! ist auf DVD bei Amazon erhältlich: 7,99 € neu und 4.00 € gebraucht. Mach Dir ein paar schöne Stunden vor dem Großbildschirm.

     

    + "Small World" von Bruno Chiche -F/D 2010 - 93 Min.

    Melodramatische Literaturverfilmung des Bestsellers von Martin Suter. Gérard Depardieu spielt einen verwirrten Alten, der zunehmend verschusselt.

    So mag ich ihn eigentlich nicht sehen. Für ihn als Schauspieler mit Sicherheit eine Herausforderung, doch ich schaue mir lieber seine frühen Filme ("Die Ausgebufften" u.a.) an.

     

    ++ "Von Menschen und Göttern" von Xavier Beauvois - Frankreich 2010 - 120 Min,.

    Auf realen Tatsachen basierend beschreibt der Film die letzten Monate im Leben der Trappisten-Mönche von Tibhirine, die 1996 auf brutale und nie aufgeklärte Weise u7ms Leben kamen. In ruhigen, konzentrierten Bildern, rhythmisch angepasst an das asketische Klosterleben, offenbart der Film, wie sich die Mönche in einer gewalthaltigen Situation verhalten und Nächstenliebe nicht nur predigen, sondern auch praktizieren. Dabei geraten sie zwischen die Frontzen, aber einen anderen Weg gab es für sie nicht. Der passende Filme zur Jahreswende und den Feiertagen. Aber nicht erst die DVD abwarten, sondern ab ins Kino und ihn auf der Leinwand sehen.

     

    + "Monsters" von Gareth Edwards - GB 2010 - 94 Min.

    Schon beim diesjährigen Fantasy-Filmfest ein Überraschungserfolg,. Ein Großteil Mexikos ist von der US-Regierung als "infizierte Zone" erklärt worden, weil sich dort infolge eines Raumschiffabsturzes krakenähnliche, haushohe Aliens breitgemacht haben. In etwa sehen sie so aus, wie in Stevens Spielbergs H. G. Wells-Verfilmung. Ein junges Paar als Zufallsgemeinschaft muss da durch und spontane Überlebens-Strategien erproben. Was als Roadmovie beginnt, endet als blanker Horror. Doch das Ende ist grandios; ein Hype - magisch, überraschend und faszinierend. Darf aber hier nicht

    verraten werden.

     

    (09.12.2010)

     

    o "Monga - Gangs of Taipeh" - von Doze, NIU Chen-Zer - Taiwan 2010 - 140 Min.

    Eine der bewährten Genre-Stories um Jugendfreundschaften, Gangs, Karriere, Rivalität und Todfeindschaft. Hier als nostalgisches Gangsterdrama mit spektakulären Kampfszenen erzählt. Ein bildgewaltiges Action-Drama für die Kenner und Fans der Szene.

     

    (08.12.2010)

     

    + "Nowhere Boy" von Sam Taylor-Wood - GB 2009 - 98 Min.

    Es geht um John Lennons Jugendjahre in Liverpool und darum, wie er zur Musik kam und was daraus wurde. Diesmal ist es aber nicht die übliche Genre-Verfilmung mit den bekannten Stufen Anfang, erste Erfolge, Krise, Durchbruch und Karriere. Nein. hier geht es um einen Fünfzehnjährigen und sein familiäres und freundschaftliches Umfeld. Ein Coming-of-Age-Film der viel aussagt über das Lebensgefühl von Jugendlichen in den Fünfzigern, deren Welt sich durch den Rock'n'Roll schlagartig veränderte. Stimmige Atmosphäre, ein tolles Schauspieler-Ensemble und fetziger Rock'n'Roll. Eine von den Zeitreisen, die man nicht auslassen sollte.

     

     

    (18.11.2010)

     

    + "Machete" von Robert Rodriguez und Etahn Maniquis -USA 2010 - 105 Min.

    Man nennt ihn auch die "Hackfresse". Geboren als Fake-Trailer führt er nun ein eigenständiges Leben voller Gefahren. Als ehemaliger Bundespolizist, der sich mit einem Drogenkönig anlegte und es nun mit skrupellosen Geschäftsleuten und rassistischen Politikern zu tun hat, verbündet er sich auf seinem Rachefeldzug mit mexikanischen Revolutionären, die genau diese Leute aus dem Land jagen wollen, weil sie eine Mauer zwischen Mexiko und Texas errichten wollen. Hilfe erhält Machete von zwei Superfrauen - Kampfmaschine von graziler Schönheit.

    Ein Film voller Anspielungen, Zitate und Parodien. Etwas für die Fans des Genres. Nicht jugendfrei!

     

    (11.11.2010)

     

    o "Unstoppable - Außer Kontrolle" von Tony Scott - USA 2010 - 95 Min.

    Eine Bahngesellschaft versucht mit allen Mitteln, einen unbemannten, etwa 800 Meter langen Güterzug aufzuhalten, der genug entflammbare Flüssigkeiten und Giftgas geladen hat, um eine in der Nähe gelegene Stadt auszulöschen. Ein erfahrener Ingenieur (Denzel Washington) und ein Schaffner (Chris Pine) stellen sich selbstlos der riskanten Herausforderung.

    Die Runaway-Story von durchgeknallten Zügen, U-Bahnen, Schulbussen etc. muss nicht neu erfunden und erzählt werden. Sie wird in regelmäßigen Abständen in variierter Version immer wieder verfilmt. Hier als ein Festival der Special Effects mit einer hervorragenden Kamera und mit einem Wahnsinnstempo bei Schnitt und Montage. Für schauspielerische Leistungen bleibt da nur wenig Raum und Zeit, doch die beiden Protagonisten sind Profis und wissen auch diese Chance zu nutzen.

     

    (04.11.2010)

     

    o "Takers" von John Luessenhop _ USA 1020 - 100 Min,

    Wieder einmal mehr dreht es sich um den grpßen Coup. Eine Gang abgeklärter Edelganoven ist auf einen Geldtransporter aus, den sie mitten in Los Angeles knacken wollen. Matt Dillon als kantiger Detective ist dagegen. Wer Action mag, wird bestens bedient.

     

    + "Maos letzter Tänzer" von Bruce Beresford - Australien 2009 - 117 Min.

    Der Weg und die Karriere des chinesischen Balletttänzers Li Cunxin ist filmreif. Die besten Geschichten schreibt immerhin das Leben und nicht ein fiktives Drehbuch. Die Handlung startet in den 70er-Jahren. Li Cunxin wurde als Elfjähriger in der chinesischen Provinz als Talent entdeckt und zur Ballett-Akademie in Peking geschickt. Aus ihm wurde ein herausragender Solist, der sogar an einem Kulturaustausch-Programm mit den USA teilnehmen durfte. Dort - in Houston - konnte er sich nur schwerlich an einen neuen Lebensstil gewöhnen. Durch zu Liebe zu einer Frau fand er einen festen Halt. Doch dann ereilte ihn die Aufforderung, wieder nach China zurückzukehren...

    Bruce Beresford, der sich durch sein Gespür für außergewöhnliche Geschichten und durch Herausforderung in unterschiedlichen Genres auszeichnet, bewegt sich hier stilsicher zwischen dem Pathos des chinesischen Revolutionsfilm und dem amerikanischen Melodrama. Hinzu kommen dann noch Ballett-Sequenzen von atemberaubender Qualität.

     

     

    (21.10.2010)

     

    + "Wall Street -Geld schläft nicht" von Oliver Stone - USA 2010 - 134 Min.

    Ein hochbrisanter Film über aktuell aufregende Ereignisse. Sozusagen ein Film über die Lage der Nation - über Macht, Geld, Gier, Geilheit, Betrug und dumme Sprüche. Michael Douglas ist wieder einmal mehr grandios und hat mit dem Hollywood-Youngster Shia LaBeouf den kongenialen Partner/Gegenspieler an seiner Seite. Es ist sinnvoll, sich vor dem Kinobesuch noch einmal den Film aus dem Jahre 1987 auf DVD anzusehen.

     

    (07.10.2010)

     

    0 "Max Schmeling" von Uwe Boll - Deutschland 2010 - 123 Min.

    Ein Bio-Picture, das zwischen Sport und Politik pendelt. Die Stärke liegt in den Kampfszenen; weniger überzeugend sind dabei die Versuche, das nationalsozialistische Umfeld bzw. deren Repräsentanten abzubilden. Henry Maske schlägt sich wacker und es macht Spaß, ihm dabei zuzusehen, denn auch außerhalb des Rings weiß er sich zubewegen. Das fällt besser aus als erwartet oder befürchtet. Knapper Sieg nach Punkten!

     

    + "Konferenz der Tiere" von Reinhard Klooss und Holger Tappe - D 2010 - 93 Min.

    Weil fiese Spekulanten mitten in der Savanne ein Luxushotel gebaut haben und dafür einen Staudamm errichteten, wird den Tieren das Wasser knapp. Ungeachtet unterschiedlicher Lebensformen und -bedingungen antworten die Tiere auf diese Herausforderung mit einer Konferenz, die mit einem erfolgreichen Ansturm auf das überdimensionale Bauwerk endet. Angeführt werden sie von einem selbstbewussten Erdmännchen und einem abgeklärten Löwen - CGI-Helden, die es durcfhaus mit ihren (filmtechnischen) Widersachern aufnehmen können.

    Kästners Literaturklassiker als aktueller Kommentar zu einem höchst brisanten Thema. Gekonnt umgesetzt und perfekt in 3D animiert.

     

    (14.10.2010)

     

    + "Lebanon" von Samuel Maoz -Israel 2009 - 92 Min.

    + "Buried" von Rodrigo Cortés - Spanien 2010 - 93 Min.

    An diesem Wochenende wird es eng: Erst Vier in einem Panzer und dann Einer in einem Sarg. Alptraumhafte Situationen auch für die Zuschauer. In allen Fällen geht es ums Überleben. Wie's ausgeht: bitte hingehen und anschauen. Darf vorher auch nicht verraten werden. i

     

    (30.09.2010)

     

    - "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben" von Apichatpong Weerasethalul - Thailand 2009 - 114 Min.

    Der mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnete Film des Mehrfachkünstlers erzählt in langatmiger Vortragsweise von

    dem nierenkranken Oncle Boonmee, der sich mit lebenden, toten und verwandelten Verwandten und Freunden auf den Weg durch den Dschungel macht, um in einer geheimnisvollen Berghöhle seinen früheren Leben nachzuhängen.

    Schnelle Schnitte, Wechsel der Kameraperspektiven und eine die Handlung vorantreibende Grundschnelligkeit sind nicht Sache des großen Meisters. Wer daran interessiert ist, einen nackten Mönch ausgiebig beim Duschen zuzusehen, der sollte sich diesen Film trotzdem nicht entgehen lassen.

     

    (16.09.2010)

     

    + "Ponyo - Das grosse Abenteuer am Meer" von Hayao Miyazaki - Japan 2009 - 97 Min.

    "Ponyo" ist eine moderne Version von Hans Christian Andersens Märchen "Die kleine Seejungfrau", verlegt an japanische Schauplätze. Wie in seinen anderen Filmen sind auch diesmal bei Miyazaki die enge Verbindung von Mensch und Natur sowie die Zerstörung der Umwelt die zentralen Themen. Was sich in den Filmen "Das Schloss im Himmel" und "Das wandelnde Schloss" gewöhnlich in und über den Wolken abspielt, ist hier im Unterwasser angesiedelt. Egal wo - auch mit "Ponyo" überzeugt der Grosse Meister mit einem Reichtum an Arten-Vielfalt und bizarren Geschöpfen. Und die reizenden alten, leicht verschrobenen Damen sind auch wieder dabei.

     

    (26.08.2010)

     

    - "The Expendables" von Sylvester Stallone - USA 2010 - 100 Min.

    Eine Muskelclique sechs waffenvernarrter und rauflustiger Söldner macht einen südamerikanischen Inselstaat platt, der von einem Diktator beherrscht wird. Mehr ist nicht.

     

    + "Der kleine Nick" von Laurent Tirard - Frankreich 2009 - 91 Min.

    Eigentlich unvorstellbar, aus den populären, bei Jung und Alt beliebten Comics von René Goscinny und Jean-Jacques Sempé einen Realfilm zu machen.

    Denn dort liegt der Witz in den einzelnen Bildern und sparsamen Dialogen. Für den Film über die Geschichte(n) des vorwitzigen Kleinen Nick, seine Mitschüler und seine Familie bedarf es einer überzeugenden Konzeption. Das ist hier kongenial gelungen. Das Ergebnis ist ein Film mit dem Charme und dem Zauber - und mit der Leichtigkeit - wie in "Mon Oncle" Von Jacques Tati.

    Genau der richtige Film für den Sommer. Viel Vergnügen!

     

    (19.08.2010)

     

    + "Salt"von Phillip Noyce - USA 2009 - 100 Min.

    Angelina Jolie als Doppelagentin. Fast and Furios! Die erste Frau in einem actionreichen Spionage-Thriller, die sowohl dem russischen Präsidenten als auch dem US-Präsidenten das Leben rettet - und somit die Welt vor dem nuklearen Kahlschlag bewahrt. Danke! Die Handlung ist bescheuert, aber Angelina ist top. Jolie rennt!- Sogar so schnell, dass die Logik auf der Strecke bleibt. Macht aber nichts. Folgen wir ihr; nichts wie hinterher.

     

    -- "Die Legende von Aang" von M. Night Shyamalan - USA 2010 - 103 Min.

    Neuen Filmen von M. Night Shyamalan sieht man gewöhnlich mit großen Erwartungen entgegen. Hier auch. Mit einem Produktionsaufwand von 280 Millionen Dollar (lt. Fachpresse) verfilmte er das auf Fortsetzung angelegte Fantasy-Abenteuer um den 12-jährigen "Avatar"-Krieger Aang, der das Schicksal der Welt in seinen Händen hält. Zuviel Setdesign und Computeranimation ersticken ein inhaltlich und dramaturgisch nicht gerade atemberaubendes Epos, das auf einer erfolgreichen TV-Serie basiert.

    Wasser, Luft, Erde und Feuer sind die vier Elemente, die von ihrem Meister, dem "Avatar" im Gleichgewicht gehalten werden. Hier ist die Balance gefährdet. Wasser ist ein lebenswichtiges Element; und es gibt Filme, die flüssiger sind als Wasser: nämlich überflüssig!

     

     

    (05.08.2010)

     

    0 "Zarte Parasiten" von Christian Becker & Oliver Schwabe - D 2009 - 87 Min.

    Eine interessante Studie. Jakob und Manu, Anfang/Mitte Zwanzig, steigen aus und ernähren sich von Schwachstellen in unserer Gesellschaft. Sie nisten sich irgendwo ein, machen sich breit und bleiben solange sie können. Manchmal geht es gut, manchmal nicht. Als Jakob versucht, bei Martin und Claudia die Rolle ihres verstorbenen Sohnes zu übernehmen und sich an einen gewissen wohlständigen Lebensstil angepasst hat, gibt es Probleme. Manu klammert sich an Jakob und ihre Vereinbarung, zusammen zu bleiben.

    Ein (sehr) kleines Fernsehspiel. Bemerkenswert allerdings die Leistungen der Hauptdarsteller Robert Stadlober (Jakob), Maja Schöne (Manu) und Sylvester Groth (Martin), der sich emotional getäuscht und verraten fühlt, den Dingen aber auf den Grund gehen will. Diese Personenkonstellation ist spannend in allen Details.

     

    (07.07.2010)

     

    - "Mahler auf der Couch" von Percy Adlon und Felix Adlon - D/A 2010 - 101 Min.

    Alma betrügt Gustav mit Walter Gropius und Gustav sucht Rat bei Sigmund Freud. Das ist wohl irgendwie historisch abgesichert. Die Frage ist nur, ob man daraus auch einen Film machen muss. Dieses Ergebnis hier ist jedenfalls so wirr und konstruiert, dass es fast schon an Rufmord grenzt. Nach 25 Minuten habe ich das Kino verlassen - das kommt äußerst selten vor - und beschlossen, wieder einmal "Mahler" von Ken Russell zu sehen. Und das tröstet über die Adlon-Verschwörung hinweg.

     

    (10.06.2010)

     

    0 "Marcello Marcello" von Denis Rabaglia - Schweiz/Deutschland 2008 - 97 Min.

    Marcello, Sohn eines Fischers, liebt Elena, die Tochter des Bürgermeister von Amatrello. Um dessen (!) Gunst zu erlangen, muss er dem Vater seiner Angebeteten an ihrem achtzehnten Geburtstag ein möglichst ausgefallenes, beeindruckendes Geschenk machen. Das ist gar nicht so einfach. Schon bald ist Marcello in Tauschgeschäfte mit dem ganzen Dorf verwickelt, denn jeder will etwas, was der andere hat. Eine turbulente Situation - doch da es sich um eine Komödie handelt, muss man um das glückliche Paar nicht bangen.

    Der richtige Film zum Sommeranfang. Er sorgt ganz einfach für gute Laune und macht Lust auf Urlaub auf einer malerischen Insel. So etwas kann nur das Kino leisten.

     

    0 "My Name is Khan" von Karan Johar - Indien 2010 - 126 Min.

    "Mein Name ist Khan, und ich bin kein Terrorist". Mit diesem Satz handelt sich ein gutmütiger indischer Moslem mit Asperger Syndrom in den Staaten nur Ärger ein. Ein gut-gemeinter Film; aufwändig gemacht, hervorragend besetzt und mit einer ausgezeichneten Kamera. Gegenüber der Fassung, die bei der Berlinale 2010 gezeigt wurde, hat die Kinofassung ca. 40 Min. weniger Laufzeit. Warten wir also die DVD ab!

     

     

    (03.06.2010)

     

    o "Vergebung" von Daniel Alfredson - Schweden 2009 - 146 Min.

    Es bleibt dabei: auch beim zweiten Sehen des Films kommt man zu dem Urteil, dass die erste Stieg Larsson- Verfilmung "Verdammnis" noch die gelungenste ist. Was danach kam, flacht ab. Der aufrechte, todesmutige Journalist, der rücksichtslos .- und fast immer im Alleingang - Kapitalverbrechen der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ebenen aufdeckt, ist seit Jahrzehnten eine Spezialität des skandinavischen Krimis. Also nicht neu, auch wenn es wie hier lang- und breitgewalzt wird. "Vergebung" ist eine nicht aufeinander abgestimmte Mischung aus Polit-Thriller, Justiz- und Gerichts-Krimi und Agentenfilm. Da fügt sich am Ende alles passend zusammen. Leider überraschungsarm und blutleer.

    Was bleibt als Gesamteindruck: die konzentrierte Hochleistung der Romane von Stieg Larsson und Noomi Rapace als Lisbeth Salander. Eine außergewöhnliche Figur, nachhaltig eindrucksvoll und so stark, dass sie sogar den Charakter ihres literarischen Vorbildes mühelos übertrifft.

     

    o "The Messenger" von Oren Moverman - USA 2009 - 112 Min.

    Ein ("Anti-")Kriegsfilm besonderer Art. Im Mittelpunkt stehen nicht die Schlachten und Helden, sondern die "Boten des Todes". Genauer: Zwei Offiziere, die sich täglich aufs Neue der grausamen Aufgabe stellen müssen, den Angehörigen gefallener Soldaten die schlimmste aller Nachrichten zu überbringen. Das ist eher ein Kammerspiel als ein Film für die große Leinwand. Es geht um Emotionen, Nuancen, Details. Es ist auch die Geschichte zweier Männer, die auf unterschiedliche Weise ihre Mission verkraften müssen. Dank der darstellerischen Leistung von Ben Foster und Woody Harrelson (!!) sehenswert, auch wenn die Story einen etwas zu langen Atmen besitzt.

     

    (27.05.2010)

     

    + "The Crazies" von Breck Eisner - USA 2009 - 101 Min.

    Perfektes Genrekino! Ein Remake des gleichnamigen Horror-Klassikers von George A. Romero, der bei diesem Projekt als ausführender Produzent beteiligt war und daher dem Film seinen "Segen" gab. In der 'typisch' amerikanischen Kleinstadt gerät die Welt aus den Fugen, weil nach und nach alle Einwohner durchdrehen, das Militär eingreift, der Ort sich in ein blutiges Schlachtfeld (!) verwandelt und die ganze Story konsequent mit einem großen Inferno endet.

    Wer dieses Genre kennt der weiss auch, dass man sich hier um die Protagonisten nicht bangen muss: der aufrecht, furchtlose Kleinstadt-Sheriff und seine blonde, attraktive (und schwangere) Ehefrau, die zudem auch noch Ärztin ist.

    Das ist Kino total! Spannend, dicht und fesselnd.

     

    (20.05.2010)

     

    + "Du sollst nicht lieben" von Haim Tabakman - ISR/F/D 2009 - 90 Min.

    Ein überaus mutiger Film, der eine außergewöhnliche Liebesgeschichte erzählt - die von zwei Männern in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde in Jerusalem. Der eine, Aaron, ist ein angesehener Fleischer, Ehemann und Vater von vier Kindern. Der andere, Ezri, ist ein junger Student, der ihm in seinem Geschäft aushilft. Je mehr die beiden ihrer Leidenschaft nachgeben, desto stärker wächst der Druck der Gemeine auf Aaron. Haim Tabakmans erster Spielfilm erzählt das Drama eines Mannes, der seinen Glauben mit seiner Leidenschaft zu vereinbaren sucht, und berührt dabei ein Tabu - Homosexualität im ultraorthodoxen Judentum. Der Film erlaubt einen aufschlussreichen Einblick in eine in sich geschlossene Welt; er ist von emotional überzeugender Intensität wurde international mit Preisen und Anerkennungen bedacht.

     

    + "Vertraute Fremde" von Sam Garbarski - B/Lux/F/D 2009 - 100 Min.

    Ein Comic-Zeichner kehrt versehentlich in den Ort seiner Kindheit zurück. Lange Jahre war er nicht mehr dort. WIe das Schicksal - oder Drehbuch/Romanvorlage - es will, ist er plötzlich wieder ein Junge von 14 Jahren. Und das verschafft ihm die Gelegenheit herauszufinden, warum sein Vater seinerzeit die Familie ohne Ankündigung verlassen und damit ein bis zu diesem Zeitpunkt harmonisches Familienglück zerstört hat. Es wurde nie klar, warum.

    Endlich wieder "14"! Zurück in die (für mich) schönste, spannendste und auf- und erregendste Phase im Leben eines Jungen/Jugendlichen. Eine fiebrige Zeit zwischen Fussball und Mädchen, Kino und Kneipe. Und dann noch eine Mutter, die so aussieht wie Alexandra Maria Lara. Was will man mehr?

     

    o "Der Vater meiner Kinder" von Mia Hansen-Love - F 2009 - 112 Min.

    Ein Filmproduzent hat sich übernommen. Er scheitert nicht an Markt-Spekulationen, sondern an seinen Ansprüchen. Die Lage ist aussichtslos; er nimmt sich das Leben.

    Das Thema ist aber nicht "Film im Film" oder ein 'schonungsloser Blick hinter die Kulissen der Traumfabrik' - wie so oft gehabt - , sondern das Schicksal einer Familie, die unter dieser Entscheidung leidet. Ausnahmsweise gibt es hier in diesem Umfeld keine Erklärungsmuster, denn der Mann führt eine glückliche Ehe mit drei reizenden Kindern. Und nun liegt das Wohl und Wehe der maroden Firma in den Händen seiner Frau. Eine überzeugende Studie, die keinen verklärten Blick auf die Branche wirft, sondern realitätsnahe die Erfolge und Risiken ausleuchtet und den Preis zeigt, den ein ambitionierter Produzent zahlen muss, weil er nicht nur auf den kommerziellen Erfolg setzt, sondern auch von seinen Produkten überzeugt ist.

     

    o "Die Beschissenheit der Dinge" von Felix van Groeningen - Belgien 2009 - 108 Min.

    Wer seine Vorurteile gegenüber biertrinkenden belgischen Prolls unbedingt bestätigt sehen möchte, der muss jetzt ins Kino gehen. Hier geht es um die Familie Strobbe, eine von starken, rüden Männern dominierte Clique, deren Auf und Ab aus der Sicht eines 13-jährigen geschildert wird. Später, als verkannter Schriftsteller, stellt er sich mutig und offen seiner Vergangenheit. "Die Beschissenheit der Dinge" ist ein Film über Nähe und Distanz. Je dichter man an den Figuren ist, desto mehr verlangt man nach Distanz. Tritt das ein, so möchte man doch wieder nahe bei den Protagonisten sein, die immer sympathischer werden, da Buch und Regie sie nicht zur Schau stellen, sondern auf ihrer Seite sind. Das verwundert nicht, denn wer "legt sich schon gerne mit den Strobbes an"?

     

     

    (13.05.2010)

     

     

    + "Der fantastische Mr. Fox" - USA 2009 - 88 Min.

    Animationsfilm auf der Basis eines Buches von Roald Dahl. Ein alter Fuchs, der seinem idyllischen Familienleben entkommen will, legt sich mit drei bösen Bauern aus der Nachbarschaft an. Der Kleinkrieg eskaliert zu einer finalen Auseinandersetzung, bei der alle Talente seiner Mitstreiter der Tiergemeinschaft gefordert sind.

    Das ist witzig und spritzig, originell und amüsant. Und das Besondere ist hier die klassische Stop-Motion-Animationstechnik, die sich hervorragend ausnimmt gegenüber den aktuellen 3D-Versuchen, die eben nicht die Qualität dieses Stoffes vorweisen können. Dieser Film jedenfalls ist Family-Entertainment im besten Sinne.

    In der Originalfassung werden die Figuren u.a. von George Clooney, Maryl Streep Willem Dafoe und Bill Murray gesprochen. In der deutschen Synchronisation sind es Andrea Sawatzki und Christian Berkel für die Hauptrollen. Bedauerlich nur, dass ihre Namen am Ende des Vorspanns nicht eingeblendet werden. Diese paar Untertitel sollte sich der deutsche Verleih eigentlich leisten können.

     

     

    (29.04.2010)

     

    + "Baaria" von Giuseppe Tornatore - Italien 2009 - 150 Min.

    Die Geschichte einer italienischen Familie, die in Sizilien zu Beginn der 1930er Jahre beginnt und bis heute reicht. Im Focus steht Peppino, Sohn eines Schafhirten, der trotz vieler Schwierigkeiten seinen (politischen) Weg geht. Das erinnert an Filme wie "1900" oder "Es war einmal in Amerika", hat aber leider nicht den großen Atem, da sich Buch und Regie zu oft in Details verlieren und den Zeit-Bogen der Handlung entsprechend kürzen müssen. Vieles bleibt daher fragmentarisch, aber einzelne Episoden haben den unverwechselbaren Charme des Filmemachers, der auch hier immer wieder seine Liebe zum Kino herausstellen kann. Das Besondere an dieser Erzählweise ist die Perspektive des Regisseurs: der naive, neugierige Blick eines Jungen, der versucht, die Welt zu begreifen.

    Bei der internationalen Filmkritik gab es mehr kritische Einwände als lobenden Beifall. Aber wer "Cinema Paradiso" mag, sollte sich auch diesen Film ansehen. Filme von Giuseppe Tornatore langweilen nie!

     

    ++ "Sin Nombre" von Cary Joji Fukunaga- Mexiko/US 2009 - 96 Min.

    Nur irgendwie raus aus dem Elend und ab über die Grenze in die Staaten - das ist ein oft variiertes Thema in Filmen, die überwiegend in Süd- oder Mittelamerika entstanden sind. Die meisten von ihnen sind nah dran; mitunter aber auch melodramatisch auf Hollywood gestylt. Hier, bei "Sin Nombre", stimmt alles: die Story, die Besetzung, die Regie und vor allem die Kamera des Brasilianers Adriano Goldman. Er wurde für diesen Film auf dem Sundance Film Festival 2009 mit dem Preis für die "beste Kamera" geehrt.

    Diese Fluchtgeschichte ist auch die abenteuerliche Liebesgeschichte von Sayra aus Honduras, die zu Familienangehörigen in den USA will, und Casper, der aus einer ultrabrutalen Gang ausgestiegen ist und von ihr gejagt wird. Einmal quer durch Mexiko bis hin zum großen Fluss - das hat Tempo und Spannung. Der Debütfilm von Cary Joji Fukunaga, Sohn eines japanischen Vaters und einer schwedischen Mutter, erhielt mehrere Festival-Preise, darunter auch den Regiepreis in Sundance.

     

     

     

    (22.04.2010

     

    o "Young Victoria" von Jean-Marc Vallée - GB/USA 2009 - 100 Min.

    Historien-Drama ohne Tiefgang. EIn Melodrama über die Lehrjahre einer jungen Königin, die das Viktorianische Zeitalter einleitete. Damit es nicht zu langweilig wird, wird parallel dazu noch die intrigenfördernde Beziehungskiste mit Cousin Albert von Sachsen-Coburg erzählt. Ein Film wie aus dem Geschichtsmuseum mit echtem Porzellan und schönen Gärten. Früher hätte man die Hauptrollen mit Maria Schell und Dieter Borsche besetzt. Was (oder wer) zum Teufel steckt eigentlich hinter all den Unternehmen, die Geschichte des englischen Königshauses immer wieder neu zu erzählen?

     

    + "Min Dit - Die Kinder von Diyarbakir" von Miraz Bezar - D 2009 - 102 Min.

    Wieder ein Film, der die Grenzen überschreitet und sich wenig um die Vermarktung an den Kinokassen stört. Dafür eine Geschichte, die erzählt werden muss und breite Resonanz verdient. Filme können die Welt zwar nicht verändern, aber sie können zur Sensibilisierung gegenüber bestimmten Themen und/oder Problembereichen beitragen. Hier geht es um das Schicksal zweier Kinder aus dem kurdischen Teil der Türkei. Sie sind auf sich allein gestellt und suchen einen Ausweg aus Armut und soziales Elend. Das wird mit eindrucksvollen Bildern und überzeugenden Protagonisten erzählt. EIn Film aus der Perspektive der Kinder und auf iher Augenhöhe. Kein Kinderfilm, aber auch ein Film, den man Kinder ab ca. 10/12 J. zeigen kann und sollte.

     

     

    (15.04.2010)

     

    + "Das Bildnis des Dorian Gray von Oliver Parker - GB 2009 - 118 Min.

    Es bedarf einigen Mutes, den Klassiker von Oscar Wilde heute zu verfilmen. Immerhin hat es etliche mehr oder weniger respektable Versuche gegeben; u.a. auch die sehr eigenwillige und exzentrische Interpretation mit Helmut Berger in der Titelrolle. Der Film von Oliver Parker erzählt die Geschichte nach nach, sonder neu. Und genau das ist das interessante an diesem Stoff: er ist zeitlos; eine Vorlage für Psychotriller, Horror- und Fantasyfilme. Man ist zu der Annahme geneigt, dass sich auch in irgendeinem Lustschloss des italienischen Entertainers und Politikers S.B. versteckt auf dem Dachboden sein alterndes Jugendbildnis verbirgt.

     

    o Chloe" von Atom Egoyan - Kanada 2009 - 96 Min.

    Julianne Moore ist eine eifersüchtige Gattin und setzt Amanda Seyfried als Luxus-Callgirl auf ihren attraktiven Ehemann Liam Neeson an. Der als Thriller angedachte Film verliert sich in Belanglosigkeiten und schönen Bildern.

    Gepflegte Langeweile mit uninteressanten Charakteren.

     

    + "Coco & Igor" von Jan Kounen - F 2009 - 120 Min.

    Eine aufregende Story aus dem Paris der Zwanziger: die stürmisch-bewegende Liebesaffäre zwischen dem eigenwilligen Komponisten Igor Strawinsky und der exzentrischen Modeschöpferin Coco Chanel. In den Hauptrollen der stoisch wirkende Mads Mikkelsen (ich weiss leider nicht, wie Strawinsky wirklich war) und die aufregende Anna Mouglalis. Wenn sie auftritt, sprüht die Funken - die sich leider nicht auf die Regie übertragen. Die furiosen Musikerporträts von Ken Russel ("Tschaikowsky", "Mahler" und "Lisztomania") sind stilbildend. Die Dynamik der Kompositionen bestimmten bei ihm auch den Rhythmus des Films. Hier ist es leider sehr konventionell umgesetzt, dafür aber in schönen Bildern von erlesenem Ambiente. Immerhin eine unterhaltsame und angenehme Zeitreise, die von Karl Lagerfeld und CHANEL begleitet wird.

     

    (08.04.2010)

     

    - "Kampf der Titanen" von Louis Leterrier - USA 2010 - 120 Min.

    Ein 3D-Sandalenfilm mit viel Hauen und Stechen. Alle gegen alle: Männer gegen Könige, Könige gegen Götter, Götter gegen Götter und Zuschauer gegen Langeweile. Aufgeblasenes Spektakel, dem auch eine neue Dimension keine neue Qualität verleiht. In dem von Männern dominierten düsteren Schlachten ist einzig Mads Mikkelsen als erfahrener Kämpfer eine Lichtgestalt, da er gut mithalten kann mit den Muskelmännern der Cinecittà wie Maciste und seine Freunde.

    Im Nachspann verweist der Film von Louis Leterrier auf den "Kampf der Titanen" von Desmond Davis, GB 1981. Das ist mittlerweile ein Kultfilm - nicht zuletzt wegen der (klassischen) Figuren von Ray Harryhausen. Wer den Film von heute überseht, darf anschließend in die Videothek gehen und sich den Film von gestern ausleihen. Das ist weitaus unterhaltsamer als die Begegnung mit den Dunkelmännern Ralph Fiennes und Liam Neeson.

     

    o "Gesetz der Strasse" von Antoine Fuqua - USA 2009 - 133 Min,.

    Drei Cops in Brooklyn im Kampf gegen die Drogenszene: Richard Gere als müder, abgeklärter Streifenpolizist, der kurz vor seiner Pensionierung steht, Don Cheadle als Undercover-Cop, der nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden kann, und Ethan Hawke als Mitglied eines Spezialkommandos, der seine eigenen Interessen verfolgt. Drei Cops, die an unterschiedlichen Schauplätzen agieren und ansonsten nicht viel miteinander zu tun haben. Nur einer von ihnen wird überleben...

    Ein knallharter Cop-Thriller, bei dem das "Gesetz der Strasse" stringent den Gesetzes des Genres folgt.

     

    + "Nothing Personal" von Urzula Antoniak - Irl./Nl 2009 - 85 Min.

    Eine junge Holländerin, deren Vorgeschichte unklar bleibt, landet bei der Suche nach ihrem Ich auf einer kleinen Halbinsel in Connemara. Dort trifft sie auf einen abgeschieden lebenden älteren Intellektuellen. Beide bleiben auf Distanz, gründen aber die Zweckgemeinschaft Essen gegen Arbeit. Wie zu erwarten kommt es dann doch zu einer Annäherung und zu persönlichen Kontakten; der Beginn und das Ende zugleich einer romantisch-tragischen Lovestory.

    Neben den beiden Protagonisten - Lotte Verbeek und Stephan Rea als tragende Charaktere - spielt in diesem dialogarmen Film die regenverhangene westirische Landschaft die eigentliche Hauptrolle. Wer "Nothing Personal" richtig verstehen und genießen will, muss sich diesen Film auf der Kino-Leinwand ansehen und viel Zeit mitbringen. Der Film wurde auf internationalen Festivals zu recht mit vielen Preisen und Auszeichnungen bedacht- u.a. auch in Locarno für Lotte Verbeek als Beste Darstellerin; es ist ihre erste Filmrolle. Hier trifft sie auf die Ikone des irischen Films Stephen Rea - eine reizvolle und spannende Begegnung.

     

    (01.04.2010)

     

    o "Lourdes" von Jessica Hausner - Österreich 2009 - 99 Min.

    Sylvie Testud spielt eine junge Frau. Sie ist gelähmt und wird im Wallfahrtsort Lourdes geheilt. EIn Film mit starken Bildern des Kameramannes Martin Gschlacht. Die Ereignisse setzen sich wie ein Kreuzworträtsel im Kopf des Zuschauers zusammen. Äußerst anstrengend. Erklärungen gibt er Film nicht. Das wäre wohl ein weiteres Wunder.

     

     

    (25.03.2010)

     

    ++ "Precious" von Lee Daniels - USA 2009 - 109 Min.

    Ein Film wie ein Vulkan: permanent bedrohlich, jederzeit explosiv! Protagonistin des Films ist die fettleibige, 16-jährige Schwarze "Precious" Jones, die (von ihrem eigenen Vater) ihr zweites Kind erwartet. Sie lebt mit ihrer Mutter zusammen - ein Familienalltag, der von Aggressionen und Gewalt bestimmt wird. Eine kleine Insel für "Precious" ist der Besuch einer Sonderschule. Hier lernt sie nicht nur lesen und schreiben, sondern fasst auch Vertrauen zur Lehrerin und den Mitschülerinnen. Doch die Gespenster ihrer Herkunft und Vergangenheit wird sie nicht los.

    PRESIOUS ist eine Independent-Produktion; dicht dran an den Figuren, mitunter sogar unerträglich nah. Ein Film, der sich einbrennt, schmerzt wie eine Körperverletzung. Trotz der krassen, schonungslosen Milieuschilderung lässt der Film den Protagonisten - den dahinter stehenden realen Figuren - ihre Würde und Anerkennung.

    Der Film wurde lt. Presseheft mit zehn internationalen Preisen und Auszeichnungen bedacht; außerdem noch neunzehn Kritikerpreise. Mein persönlicher kommt jetzt noch hinzu.

     

     

    (18.03.2010)

     

    o "Legion" von Scott Stewart - USA 2009 - 99 Min.

    Gott hat den Glauben an die Menschen verloren und ist aus ihrer Kirche ausgetreten. Der Himmel hat der Erde den Krieg erklärt und die beiden Flattermänner Gabriel und Michael treten gegeneinander an. Ort der Hoffnung ist diesmal nicht die ärmliche Hirtenhütte in Bethlehem, sondern eine verlorene Tank- und Raststätte in einer Wüste. Hier treffen ausreichend Menschen aufeinander, um auch nach vorgeplanter Reduzierung ein "göttliches Paar" (Vater, Mutter, uneheliches Kind) ein Überleben zu ermöglichen. Perfekter Genrefilm; Action-Horror-SF mit der Kraft der zwei Herzen.

     

    + "Green Zone" von Paul Greengrass - USA 2009 - 115 Min.

    Ein 2003 in Bagdad spielender Polit-Thriller vor dem Hintergrund des Irak-Krieges. US-Army-Offizier Roy Miller deckt auf, dass die (vergebliche) Suche nach Massenvernichtungswaffen auf einem Lügennetz beruht, um den Einsatz der US-Army zu rechtfertigen. Auf die eigentlichen Interessen der politischen Führung wird in der Schlusseinstellung verwiesen: es geht um die Ölfelder!

    Das zarte Pflänzchen der Wahrheitssuche zerdrückt der Film leider aus der vollen Pulle des Kriegs- und Actionfilms. Etwas mehr politischer Gehalt und etwas weniger Heldentum von Matt Damon wären nicht schlecht. So bleibt es beim richtigen Film zum zu späten Zeitpunkt. Zumindest Tony Blair sollte zum 10maligen Zwangsbesuch verpflichtet werden.

     

    -- "Henry 4" von Jo Baier - D 2009 - 155 Min.

    PRESSESPERRE bis zum Kinostart!

    Nun ist sie aufgehoben. Diesmal aber keine eigene Stellungnahme, sondern ein Zitat aus dem TAGESSPIEGEL; genauer, aus der täglichen Kolumne von Martenstein am 16.02.2010:

    Im Friedrichstadtpalast traf ich eine Kollegin, die in der Galapremiere von "Henri 4" gewesen ist. Zum ersten Mal, seit sie die Berlinale besuche, seien nach Ende einer Vorführung etliche Leute aufgestanden und hätten "Scheißfilm!" oder "Scheiße!" gerufen, es habe im Publikum eine ähnlich erbitterte und desillusionierte Stimmung geherrscht wie Ende 1989 in der DDR.

     

    o "Verlobung auf Umwegen" von Anand Tucker - USA 2009 - 100 Min.

    Anna, eine selbstbewusste Business-Frau aus Boston, reist ihrem langjährigen Freund Jeremy nach Dublin nach, um ihm dort (nach altem irischen Brauch am 29. Februar) einen Heiratsantrag zu machen. Doch Wetter, Schicksal und irische Besonderheiten in der Alltags-Organisation haben sich dagegen verschworen. Gut, dass sie in dem Pub-Besitzer Declan einen trifft, der ihr hilft. Den Gesetzen einer "bezaubernden Romantikkomödie" folgend wird aus ihnen dann ein Paar - endend mit den passenden Kinobildern vom Sonnenuntergang an den Klippen der Aran-Inseln. Das ist schön anzusehen, überrascht aber nicht sonderlich. Immerhin ein Roadmovie, das zu einem Irland-Urlaub anregt.

     

    (11.03.2010)

     

    o "Jerry Cotton" von Cyrill Boss & Philipp Stennert - D 2010 - 90 Min.

    Pflichtlektüre und unter den Schulbänken zu lesen; Kultfilme mit George Nader = das waren die 50er- und 60er-Jahre. Nichts gegen eine Neuauflage; Christian Tramitz in der Titelrolle ist eine gute Wahl, aber Christian Ulmen als Partner Phil Decker ist überflüssiger Klamauk, der mehr eine Heinz Erhardt-Parodie ist als ein FBI-Charakter. Schade, die Idee ist verbrannt und weitere Filme wird es bitte nicht geben.

     

    - "Agora" von Alejandro Amenábar - Spanien 2009 - 126 Min.

    Historiendrama um die "ebenso schöne wie kluge Philosophentochter Hypatia (Rachel Weisz)", die an der Bibliothek in Alexandria lehrt und in die gewalthaltigen Auseinandersetzungen zwischen Heiden, Christen und Juden gerät.

    Es gibt Filme, die die Welt nicht braucht. Dieser gehört dazu.

    Bemerkenswert: Inmitten bombastischer Kulissen und Komparsenmassen gibt es nur EINE EINZIGE FRAU - bzw. Frauenrolle. Die Kluge und Schöne hat weder Mütter, Schwester, Freundinnen oder Geliebte um sich herum. Und das über Jahre hinweg. Erstaunlich, oder?

     

    + "Die Fremde" von Feo Aladag - Deutschland 2010 - 119 Min.

    Die 25-jährige Umay lebt mit ihrem kleinen Sohn Cem in Berlin. Sie hat sich von dem bei seiner Familie in Istanbul lebenden Ehemann getrennt, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Ihre Eigenständigkeit passt auch nicht in die traditionellen Lebensformen ihrer eigenen Familie, die in Berlin lebt. Es kommt zu Streit, Auseinandersetzungen und Handgreiflichkeiten. Die Ehre der Familie steht auf dem Spiel. Umay kämpft um ihre Familie, obwohl diese sie verstoßen hat. Der Weg zu einem anderen Leben bleibt ihre versperrt; sie muss für ihre Entscheidung einen hohen Preis zahlen. Ein Happy end gibt es nicht.

    Mit wenigen, eindringlichen Skizzen illustriert die Regisseurin, Produzentin und Drehbuchautorin Feo Aladag in ihrem Kinodebüt das Innenleben türkischer Familien, die Opfer ihrer Konventionen und Zwänge sind, und lieber daran zerbrechen, als sich umzustellen. Sibel Kekilli setzt ihr ganzes Können ein, um die Situation der ausgestoßenen Frau emotional bewegend Dritten zu vermitteln. Überraschend auch die Leistung von Nizam Schiller als Cem, der hin- und hergetrieben wird, nirgendwo zu hause ist und nur die Nähe seiner Mutter hat.

     

    + "Ajami" von Scandar Copti und Yaron Shani - Israel/D 2009 - 120 Min.

    Ein Film, der die (leider) alltäglichen Schlagzeilen über die Konflikte zwischen Juden und Arabern ansatzweise erklärt. Schauplatz ist Jaffa, der arabische Stadtteil von Tel Aviv. Seit langem Verfeindete leben hier als Nachbarn auf engstem Raum. Omar, ein junger Moslem, wird wegen seiner Liebe zu Hadir - Tochter eines arabischen Christen - in einen blutigen Streit mit einer mächtigen arabischen Familie verwickelt und von ihrer grausamen Rache verfolgt, was zu einer unauflöslichen Spirale aus Schuld, Rache und Gewalt führt. Zwischen Drogenhändlern, mächtigen Rache-Kommandos und heimlichen Liebespaaren erzählt der Film eine kraftvolle menschliche Tragödie.

    Der Film von Scanda Copti (ein arabischer Christ und Bürger Israels) und Yaron Shani (ein israelischer Jude) ist ein realitätsnaher hochspannender Krimi und gleichzeitig eine kunstvolle Montage von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er wurde mit zahlreichen internationalen Preisen und Auszeichnungen bedacht.

     

    (04.03.2010)

     

    + "Alice im Wunderland" von Tim Burton - USA 2010 - 110 Min.

    Das kommt gut zusammen und passt: Die Vorlage von Lewis Carroll, die Vorliebe für skurrile, surreale Stories von Tim Burton, die Spielfreude von Johnny Depp und die 3D-Technik. Eine Hommage an die Kraft der Fantasie. Ein dreifaches Hoch auf die Grinsekatze und die Wasserpfeife rauchende Raupe Absolem. Den Film bitte nicht analysieren (im Hinblick auf die literarische Vorlage und andere Verfilmungen), sondern schlicht und einfach (!) auf sich wirken lassen. Ein cineastischer Hochgenuss für Kinder aller Altersstufen.

     

    (25.02.2010)

     

    + "Traubled Water" von Erik Poppe - Norwegen 2008 - 121 Min.

    In Schwarzweiss wäre das ein typischer Film von Ingmar Bergman aus seinen frühen Jahren. Es geht um Schuld, Sühne, Vergebung und Hoffnung. Und auch hier ist es eine Kirche als zentraler Ort des Geschehens. In ihr arbeitet der Organist Thomas, der vor einigen Jahren als Halbwüchsiger einen kleinen Jungen entführt hat und der dabei ums Leben kam. Thomas, der mit der Pastorin Anna eine Liebesbeziehung eingeht, kann auch nach der Entlassung aus der Haft seiner Vergangenheit nicht entgehen, da die Eltern des getöteten Jungen bald von seiner Anwesenheit in dem Ort erfahren. Die dramatischen Ereignisse nehmen ihren Lauf, als die Mutter des Kindes Thomas mit seiner Tat konfrontiert....

    Ein Psychothriller - genresicher inszeniert von Erik Poppe, der ein Spezialist für Jugendfilme ist. Besetzt mit Darstellern, die zur europäischen Spitzenklasse zählen, und inzwischen mit Preisen bedacht.

     

     

    0 "Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen" von Werner Herzog - USA 1009 - 122 Min.

     

    Der "Bad Lieutenant" ist eine von Harvey Keitels bekanntesten und einprägsamsten Rollen; eine Leistung, die Maßstäbe setzte. Unter der Regie von Abel Ferrara entstand 1992 ein kompromissloses Meisterwerk in der Tradition von Scorsese und Friedkin. Es gab also überhaupt keinen Grund für eine Neuverfilmung. Auch wenn ich die Filme von Werner Herzog - den ich bereits 1970 kennenlernte - schätze, so bin ich diesmal kein Fan dieses Films, auch wenn er den Schauplatz nach New Orleans verlegt hat und Nicolas Cage immer einen unterhaltsamen Abend verspricht. Ein Rückenleiden zwingt ihn als Terence McDonagh dazu, sich windschief durch die anstrengende Handlung zu schleppen. Das erinnert sehr stark an das Äußere von Klaus Kinski in "Aguirre". Das ist auch schon alles.

     

     

    (11.02.2010)

     

    - "Die zwei Leben des Daniel Shore" von Michael Dreher - D 2009 -95 Min.

    Nein, Mysteriethriller sind nicht gerade ein vom deutschen Film meisterhaft beherrschtes Genre. Hier geht es um einen Studenten, der in Marokko die Ermordung des Sohnes seiner Geliebten miterleben muss und später dann - zurück in D. - in eine vergleichbare Situation gerät. Das wirkt arg konstruiert, verliert sich in überflüssigen Bildern. Die Kamera konzentriert sich dabei auf die Nahaufnahmen eines Nicht-Schauspielers namens Nikolai Kinski, der ausdruckslos bleibt und Langeweile ausstrahlt. Leider kann auch Katharina Schüttler, die in diesem Jahr einige hervorragende Haupt- und Nebenrollen spielte, den Film nicht mehr retten.

    Das Ende eines Films sollte Antworten auf Fragen liefern. Hier ist es genau umgekehrt.

     

    (04.02.2010)

     

    o "Zeiten ändern Dich" - von Uli Edel - D 2010 - 94 Min.

    Die Texte von Bushido erklären sich aus seiner Biographie und seinen Lebenserfahrungen. Der Film versucht, das zu beweisen und die Zusammenhänge herzustellen. Das gelingt ihm mit Authentizität, dokumentarischer Rekonstruktion und Spielfilmszenen, die u.a. auch mit unfreiwilligem Humor und Selbstironie unterhalten.

    Respekt!

     

    + "Welcome" von Philippe Lioret - F 2009 - 115 Min.

    Mitunter sind es die sogenannten 'kleinen' Filme, die den stärksten Eindruck hinterlassen oder die ganz großen Geschichten erzählen. Ken Loach's Filme beispielsweise stehen für diese Qualität.

    "Welcome" ist auch einer von diesen Filmen. Bilal, ein 17-jähriger kurdischer Flüchtling, der sich illegal in Calais aufhält, will unbedingt zu seiner großen Liebe Mina, die mit ihrer Familie nach London emigriert ist. Bilal ist ein talentierter Fußballspieler und träumt von einer Karriere bei Manchester United (wer nicht?). Die einzige Chance, nach England zu kommen, sieht er darin, durch den Ärmelkanal zu schwimmen. Dazu bedarf es eines intensiven Trainings. Im Hallenbad trifft er auf den Schwimmlehrer Simon, ein ehemaliger Topsportler, der jetzt vom Unterrichten lebt. Soeben hat ihn seine Frau Marion verlassen, die sozial engagiert ist und sich für die Interessen der Illegalen einsetzt. Um ihre Zuneigung zurückzugewinnen, kümmert er sich um Bilal und baut ihn auf. Mehr und mehr aber entsteht zwischen den Beiden eine enge Beziehung, die einem Vater-Sohn-Verhältnis nahekommt. Aber Simons Kontakte zu Bilal sind verboten und werden von den Behörden unterbunden. Auf sich allein gestellt, unternimmt Bilal den Versuch, den vom starken Nordwestwind aufgewühlten Ärmelkanal zu durchschwimmen....

    Die Stärke des Films ist seine Nähe zur Alltagsrealität und zu seinen Figuren. Bilals Schicksal berührt; er ist aber nur einer von den vielen Illegalen, die in vergleichbaren Situationen alles riskieren, um einen Platz zu finden, der ein menschenwürdiges Leben erlaubt. "Welcome" hat kein Happy end. Und genau das trifft, denn es geht hier nicht nur um Kino, sondern in erster Linie um die Migranten mitten unter uns.

     

    (Februar 2010)

     

    "Verdammnis" und "Vergebung" von Daniel Alfredson nach den Romanen von Stieg Larsson

     

    Pressesperre bis zum Kinostart!!

     

     

    (28.01.2010)

     

    + "Sherlock Holmes" von Guy Ritchie - USA 209 - 120 Min.

    Sherlock Holmes-Filme sind Kult und seit Jahrzehnten immer wieder neu variiert worden. Der Darsteller Basil Rathbone gab in den 40er-Jahren dem Charakter unverwechselbares Profil - so wie es beispielsweise Jean Gabin für die Maigret-Filme tat. Waren die - oftmals bewusst betulichen - Holmes-Filme bislang eine sportliche Herausforderung für den Kopf der Zuschauer, so richtet sich dieser Film mit seinen üppigen Schauwerten direkt an die Augen; er setzt auf Special effects, Action und Slapstick. Die "Holmes"-Figur von Robert Downey Jr. ist unverwechselbar eine aus dem Kino von heute, ob wohl das zeitgenössische Ambiente beibehalten wurde. "SHerlock Holmes" ist attraktives Kino - einen neuen, interessanten Blickwinkel auf den historischen Vorläufer gibt es leider nicht.

     

    o "Die Affäre" von Catherine Corsini - F 2009 - 85 Min.

    Drei Klischee-Figuren treffen aufeinander: die gelangweilte Ehefrau, die wieder ihrem Beruf nachgehen möchte, der selbstgefällige Business-Gatte und der vitale, vorbestrafte Gelegenheitsarbeiter aus Spanien. Schauplatz ist Südfrankreich und Spanien. Die Handlung folgt dieser Konstellation: Langeweile, Leidenschaft, Liebe, Eifersucht, Streit und Mord. Das ist alles nicht zum Aushalten, wäre da nicht die schauspielerische Leistung von Kristin Scott Thomas (u.a. in "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" und "Der englische Patient"), die ihr gesamtes Spektrum abruft und einsetzt.

     

    (21.01.2010)

     

    0 "Surrogates" von Jonathan Mostrow - USA 2009 - 88 Min.

    "SURROGATES" basiert auf der Comic-Serie gleichen Namens aus den Jahren 2005/06 von Robert Venditti und Brett Weldele. Die Story dreht sich um menschengleiche Roboter, die - sozusagen als Stellvertreter des eigenen Ichs - von ihren Nutzern beispielsweise für unbequeme Arbeiten eingesetzt und gesteuert werden. Doch irgendwann geraten die Regeln für die Abgrenzung der realen von der virtuellen Welt durcheinander; die Ersatzwesen proben den Aufstand und vorbei ist es mit Ruhe und Frieden. Nun liegt es an Bruce Willis, der als FBI-Agent nicht mehr länger seinen Surrogates werkeln lassen kann und höchstpersönlich aktiv werden muss.

    Dieser Plot ist in den SiFi-Thrillern nicht neu, besonders in den japanischen Anime (OVA) ist er oft variiert und visualisiert worden. Wer sich aber an Hochglanzbildern, cooler Ästhetik und 2xBruce Willis erfreuen kann, der sollte sich diesen FIlm nicht entgehen lassen.

     

     

    (24.12.2009)

     

    - "Albert Schweitzer" von Gavin Millar - D 2009 - 114 Min.

    "Es ist Mitternacht Dr. Schweitzer" (F 1952) war über Jahrzehnte hinweg ein Pflichtfilm in Schulen u.a. diversen Bildungseinrichtungen. Handlung und Schauplätze konzentrierten sich dabei auf Lambarene. Ein neuer Film setzt andere Akzente. Hier ist es die politische Seite: die Freundschaft mit Albert Einstein und das Engagement gegen gegen Kernwaffentests. Dieser Filmförderungs-Pudding ist ideal für die Weihnachtstage; ein Film für die ganze Familie. Schöne Bilder und schöne Menschen. EIn Hoch auf Maske und Kostüm, da dem blutigen Handwerk im Dschungel immer frisch geschminkt und gut geföhnt nachgegangen wird. Soetwas Unverfängliches hat Albert Schweitzer eigentlich nicht verdient. Ideal auch für die TV-Sendetermine mit anspruchsloser, seichter Unterhaltungsware. Schade!

     

    (17.12.2009)

     

    ++ "Avatar" von James Cameron - USA 2009 - 161 Min.

     

    Mit den Spezialeffekten in SF-Filmen wurden früher die Phantasien der Zuschauer ausgelöst. AVATAR ist ein Film, der diese Phantasien einlöst. l

     

    (10.12.2009)

     

    0 "Zombieland" von Ruben Fleischer - USA 2009 - 88 Min.

    Ein rasanter Genrefilm für die harten Fans von menschen- und materialvernichtenden Horrorkomödien. Entscheidend und interessant ist allein der Unterhaltungswert; genauer: die Gags, mit denen eine vorhersehbare Handlung aufgemotzt wird. Und in diesen Film gibt es etliche davon - aber man muss es mögen. In diesem Film gibt es zusätzlich noch einen spektakulären Star mit Woody Harrelson als schießwütiger Cowboy, der Zombies jagt. Gaststar Bill Murray, als Ghostbuster eine Kultfigur, spielt sich selbst als Filmstar, der an seinen eigenen Witzen scheitert. "Mach dir ein paar schöne Stunden und geh ins Kino" ist hier nicht die richtige Empfehlung, aber der Film ist mit 88 Minuten angenehm kurz. .

     

     

    (03.12.2009)

     

    + "Tulpan" von Sergey Dvortsevoy - D 2008 - 100 Min.

    Das ist wieder so ein Film, der in den Festivals gefeiert wird, sich aber im Kino schwer tut. Die Story ist schnell erzählt und der Film kann nicht mit den Namen bekannter Stars beworben werden.

    Die Handlung spielt in der kasachischen Steppe. Der Matrose Asa kehrt zu seiner Familie zurück, die aber nur aus seiner verheirateten Schwester besteht. Asa will sich dort bewähren, ist aber für eine eigene Existenz auf eine Ehefrau angewiesen. Weit und breit bietet sich nur das heiratsfähige Mädchen Tulpan an, die aber nichts von ihm wissen will und jedem Kontakt aus dem Wege geht. Rückhalt findet Asa nur bei seiner Schwester; mit seinem Schwager versteht er sich nicht gut. Was tun? Sich durchsetzen oder die Steppe verlassen und in der Großstadt sein Glück versuchen? Diese Frage beantwortet der Film mit Einfühlungsvermögen und Humor. Die Bilder sprechen für sich. "Tulpan" ist ein Film, der auf die große Leinwand angewiesen ist. Sie bietet den Zuschauern ausreichend Zeit und Raum, sich auf das (für uns ungewohnte) Leben in unendlichen Weiten einzulassen, den Rhythmus zu erspüren und sich der Natur und den Jahreszeiten hinzugeben. "Tulpan" ist ein außergewöhnlich intensiver Film; Kino pur!

     

    (12.11.2009)

     

    + "Das Orangenmädchen" von Eva Dahl - N./D./S. 2008 - 88 Min.

    Ein Film über die Liebe und über die Erinnerungen an die Liebe. Ein Jugendfilm nach einem Buch von Jostein Gaarder, der schon erfolgreich bewiesen hat (u.a. mit "Sophies Welt"), wie ausdrucksstark er die Gefühlswelten junger Menschen darstellen kann.

    "Das Orangenmädchen" spielt auf verschiedenen Zeitebenen und ist etwas kompliziert konstruiert. Aber Gefühlswelten sind das doch auch, oder?

    Empfehlenswert nicht zuletzt wegen des spielfreudigen Ensembles.

     

     

     

    (12.11.2009)

     

    ++ "2012" von Roland Emmerich - USA 2009 - 158 Min.

    Emmerichs erster Film trug den Titel "Das Arche-Noah-Prinzip" (BRD 1983). Damals wurde er von der Kritik noch belächelt: "dilettantische Actionszenen und sentimentale Liebesgeschichte" usw. usf. Mittlerweile hat er es ihnen gezeigt. Um das Arche-Noah-Prinzip geht es denn auch jetzt in "2012" - hier allerdings treffender und ausdrucksstarker in Szene gesetzt.

    Wieder einmal mehr naht das Ende der Welt. Diesmal allerdings sind einige Supermächte (bzw. deren Repräsentanten) besser darauf vorbereitet und haben für Auserwählte Überlebens-Strategien entwickelt. Die Mehrheit der Menschheit geht in der großen Sintflut unter; nur einige bleiben übrig: eine internationale Gemeinschaft; allen voran aber die typische amerikanische Kleinfamilie (als Identifikationsfiguren für das Publikum aller Altersschichten). Das ist ein riesiger Kinospaß, den man nicht versäumen sollte. Es braucht die große Leinwand und den entsprechenden Sound.

     

     

    (12.11.2009)

     

    + "Die Tür" von Anno Saul - D 2009 - 103 Min.

    Ein Psycho-Mystery-Thriller mit einem hervorragenden Mads Mikkelsen in der Hauptrolle. Er spielt einen erfolgreichen und wohlhabenden Maler, dessen Leben sich von einer Sekunde auf die andere völlig verändert. Durch seine Verfehlung stirbt seine Tochter. In der Folge scheitern seine Ehe und seine Karriere als Künstler. Völlig am Ende, will er sich umbringen. Unerwartet entdeckt er eine verborgene Tür in die Vergangenheit. Durch sie gelangt er zurück zu dem alles entscheidenden Augenblick und erhält so die Möglichkeit, seine Tochter zu retten. Doch seine alten und neuen Lebenswege kreuzen sich, was zu dramatischen Konflikten führt, die tödlich enden.

    Vorlage des Films ist der Roman "Die Damalstür" von Akif Pirincci. Die Umsetzung ist gelungen, aber die Logik bleibt auf der Strecke, da die Auflösung nicht nachvollziehbar ist. Was bleibt ist ein beachtlicher deutscher (!) Genre-Film sowie die Begegnung mit Mads Mikkelsen, der zu den bekanntesten und erfolgreichsten Schauspielern Skandinaviens zählt. Ein Gewinn für das deutsche Kino!

     

    (05.11.2009)

     

    - "Der Informant" von Steven Soderbergh - USA 2009 - 90 Min.

    Ein Wirtschafts-Krimi mit Matt Damon in der Titelrolle. Er spielt einen Karrieristen, der seinen Arbeitgeber wegen illegaler Preisabsprachen an das FBI verrät und sich im eigenen Lügennetz verstrickt. Das ist dialoglastig und mit uninspirierten Bildern umgesetzt. Nach einer halben Stunde kommt Langeweile auf. Weder die Typen noch der Fortgang der Geschichte interessieren.

     

    ++ "Looking For Eric" von Ken Loach - GB u.a. 2009 - 116 Min.

    Bei Ken Loach habe ich immer das Gefühl, keinen Film gesehen sondern eine Geschichte erlebt zu haben. So dicht sind die Stories, die Charaktere- Und so haunah an den Figuren bin ich bei kaum einem anderen Regisseur.

    Ein in Manchester lebender und etwas aus Spur geratener Fan von Eric Cantona trifft (imaginär) sein Idol, bekommt von ihm die richtigen Lebensweisheiten und Lektionen vermittelt und meistert seine Probleme. Und wie bei Loach ist es kein individuelles Vorgehen, das zum Erfolg führt, sondern ein solidarischer Akt mit Freunden und Arbeitskollegen.

    "Looking For Eric" ist ein Kinderfilm für Erwachsene. für große und kleine Jungs. Mit großem Vergnügen ist anzusehen, wie sich ein Star wie Cantona in ein Filmteam einfügt, ohne die Balance zu gefährden. i

     

    ++ "Eine Perle Ewigkeit" von Claudia Llosa - Spanien/Peru 2009 - 94 Min.

    Es war DIE Überraschung in Berlin, dass dieser Film den Goldenen Bären bekommen hat. Ich hatte ihn nicht gesehen; viele meiner Kolleginnen und Kollegen auch nicht. Heute, nach dem Besuch der Pressevorführung, kann ich die Auszeichnung verstehen und akzeptieren. Wer die Romane von Mario Vargas Llosa liebt, der wird auch den Film seiner Nichte Claudia lieben. Die Erzählstrukturen sind identisch. Sie kümmern sich nicht um die Genre-Regeln des Hollywood-Kinos, sondern setzen die Phantasie der Zuschauer frei, zwischen den Zeilen, den Bildern, zu lesen und eigene Entdeckungen zu machen. Die Geschichte des geheimnisumwitterten Mädchens Fausta, die eine große Herausforderung meistert, handelt vom Erwachen und von der Suche nach Identität und Freizeit. Der Zuschauer sieht ihre Alltagsrealität - zu der auch Versatzstücke von Sagen und Mythen zählen. Ein großartiger Film mit unglaublichen Bildern und außergewöhnlich intensiven Darstellern.

     

    + "Der Besucher" von Jukka-Pekka Valkeapää - Fin./D. u.a. 2008 - 99 Min.

    Filme erzählen ihre Geschichten mit Bildern. Und wenn wenig geredet wird, dann gibt es eben auch keine oder nur sehr wenige Dialoge. Der Vorteil: man kann genau hinsehen, verpasst nichts und assoziiert über Ursachen und Folgen.

    Dieser Film spielt in Finnland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein zehnjähriger, stummer Junge lebt mit seiner Mutter abgeschieden auf einem kleinen Hof inmitten der wilden finnischen Wälder. Sein Vater, ein brutaler Kerl, sitzt im Knast. Der Junge besucht in hin und wieder. Als plötzlich ein Fremder mit einer Notiz des Vaters und einer Schusswunde in der Seite auf dem Hof auftaucht, gerät alles aus den Fugen. Da die Geschichte aus der Wahrnehmungs-Perspektive des Jungen erzählt wird, werden nicht alle Rätsel gelöst, die zur Eskalation von Gewalt und zu einem finsteren Ende führen. Aber so ist es nun mal im Leben. Nicht alles wird aufgeklärt. Zurück bleiben irritierende, vereinnahmende Momente und Impressionen - eine Handvoll Menschen in einer dominierenden Naturlandschaft.

    Erwähnenswert noch auf jeden Fall die schauspielerische Leistung von Vitali Bobrov, der als stummer Junge in allen Szenen gegenwärtig ist und in den Nahaufnahmen eine ungeheuere Präsenz zeigt. Inmitten der geschwätzigen Beziehungsdramen oder -komödien hat dieser Film eine Sonderstellung; ein Film für die Freunde von Kinobildern, die für sich sprechen. Kompliment an alle Förderer und Finanziers, die dieses Werk ermöglicht haben.

     

    (29.10.2009)

     

    - "The Dust of Time" von Theo Angelopoulos - Div. 2008 - 125 Min.

    Willem Dafoe, Bruno Ganz, Michel Piccolo, Irene Jacob und Christiane Paul als Wanderschauspieler im Nebel in einem fahrigen und zerfasertem Film eines einstmals großen Meisters. Hier wird demonstriert, wie diverse Fördermittel aus Deutschland, Griechenland, Russland, Italien u.a. öffentlich verbrannt werden.

    Beim besten Willen: NEIN! Dafür die DVD von "O thiasos" ansehen.

     

    (22.10.2009)

     

    o "Das Grosse Rennen" von André F. Nebe - D/Irland 2009 - 84 Min.

    Ein Kinderfilm, der es sich zu leicht macht. Mary, die auf einem Bauernhof in Irland lebt und nichts mehr liebt als ihre selbstgebaute Seifenkiste, nimmt trotz vieler Schwierigkeiten an einem Rennen teil und gewinnt Preisgeld und Pokal. Eine solche Story ist nicht wahnsinnig einfallsreich und schon oft variiert worden. Sieht man einmal ab von der schauspielerischen Leistung von Colm Meany, der Marys Vater spielt, so gibt es eigentlich keinen Grund, diesen Film zu empfehlen.

     

    + "Orphan - Das Waisenkind" von Jaume Collet-Serra - USA/Kanada 2009 - 123 Min.

    Nach einer Fehlgeburt entschließen sich Kate und John, ihre Familie durch die Adoption eines Mädchens zu komplettieren. Die frühreife Ester erweist sich als das Böse schlechthin---

    Eine dicht konstruierte Story mit einer überraschenden Auflösung. Ein Genre-Film über einen hinterhältigen und gemeinen Teufelsbraten, der schon beim diesjährigen Fantasy-Filmfestival den Besuchern schmeckte.

     

    (15.10.2009)

     

    ++ "Das weisse Band" von Michael Haneke - D/F/I/Österreich 2009 - 145 Min.

     

    Eine deutsche Kindergeschichte - aber kein Film für Kinder. Schauplatz ist ein Dorf im protestantischen Norden Deutschlands in den Jahren 1913/1914. Es passieren seltsame, unerklärliche Unfälle. Und fast immer sind die Kinder darin verwickelt, die dem vom Dorflehrer geleiteten Schul- und Kirchenchor angehören. Gegen Ende des Films droht die Situation zu eskalieren. Eine Frau kennt die mysteriösen Zusammenhänge und will sie der Obrigkeit melden. Doch es ist der Vorabend des Ersten Weltkrieges und niemand ist an der Auflösung interessiert. Jetzt gibt es andere Sorgen und Themen.

    Den Film habe ich 2 x gesehen, weil sich die eigentliche Geschichte hinter den Bildern - unter der Oberfläche des Gezeigten - abspielt. Faszinierend, herausfordernd. Ereignisse, die stattfinden, aber nicht zu sehen sind. Wie bei dem berühmten Eisberg, von dem auch nur 1/7 (?) ab der Oberfläche sichtbar ist.

    DAS WEISSE BAND erhielt in Cannes die Goldene Palme, wurde mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet, als deutscher Beitrag für den Oscar (bester ausländischer Beitrag) und für den Golden-Globe nominiert.

    Die Presse und Publikum sind begeistert. Ich auch.

     

     

    (08.10.2009)

     

    0 "Unter Bauern" von Ludi Boeken - D 2009 - 95 Min.

     

    Die einzig wahren Geschichten schreibt das Leben - und nicht das Drehbuch. Aber es gibt authentische Ereignisse, die auch ideale Filmstoffe sind bzw. sein könnten. Das Schicksal der Familie Spiegel aus Westfalen, die sich vor der Deportation in den Osten retten konnten und unter falschem Namen von Nachbarn und Freunden versteckt wurden, ist eine von den bewegenden Geschehnissen, die sich geradezu zu einer Verfilmung drängen.

    Hier ist die filmische Umsetzung leider nicht gelungen. Erstens stimmen Atmosphäre und Ambiente nicht. (Wie so etwas inszeniert werden kann, hat soeben Michael Haneke mit "Das weisse Band" bewiesen.) Hinzu kommt zweitens die unerträgliche Selbstdarstellung von Veronica Ferres, die in jeder Szene auf sich aufmerksam macht und darauf hinweist, wie gut sie sich doch als Charakterdarstellerin präsentiert. Das nimmt dem Film seine Seele. (Das ist nicht das erste Mal; ich erinnere mich da noch an ihre Überflieger-Rolle in "Neger, Neger, Schornsteinfeger".)

    "Unter Bauern" ist sehenswert allein der schauspielerischen Leistungen der Darsteller der Familie Aschoff wegen, die außergewöhnlichen Mut bewies und viele Risiken auf sich nahm; namentlich zu nennen Margarita Broich, Martin Horn und Lia Hoensbroech! Hier hat man es mit glaubhaften, überzeugenden Charakteren zu tun und nicht mit vermeintlichen TV-Stars, die für Quote sorgen sollen.

     

    + "Lippels Traum" von Lars Büchel - D 2009 - 101 Min.

    Das erfolgreiche Kinderbuch von Paul Maar wurde bereits 1990 von Karl-Heinz Käfer verfilmt. Die Geschichte des Jungen, der alleingelassen von einer unbeliebten Haushälterin beaufsichtigt wird und in die orientalische Phantasiewelt von "1001" ausweicht, ist eine ideale Vorlage für eine Fantasy-Film. Seinerzeit wirkte der Film hölzern und sperrig, was in erster Linie der uninspirierten technisch-visuellen Umsetzung zuzuschreiben ist. Der Film von Lars Büchel setzt die heute gängigen Möglichkeiten zielgerichtet ein, um fließende Übergänge zwischen den beiden Ebenen zu schaffen. Für den gefälligen Gesamteindruck sorgen noch die Spielfreunde der Hauptdarsteller, die Kamera und das Production Design. Für Lars Büchel, der sich in einigen seiner Filme als "Meister auf engstem Raum" erwiesen hat, waren die Dreharbeiten im marokkanischen Quarzazate sicherlich der ersehnte und verdiente Befreiungsschlag.

     

    + "Die Kinder der Seidenstrasse" von Roger Spottiswoode - D/Australien/China 2008 - 114 Min.

    Roger Spottiswoode, bekannt durch politisch-engagierte Filme wie beispielsweise "Shake Hands with the Devil" und "Noriega" hat sich für diesen Film von einem historischen Ereignis inspirieren lassen. Der britische Reporter George Hogg lernt in China 1937 unter dramatischen Umständen in der von Japanern belagerten Stadt Nanking die amerikanische Krankenschwester Lee Pearson und den chinesischen Partisanenkämpfer Jack Chen kennen. Gemeinsam retten sie 60 Waisenjungen vor den herannahenden Besatzern, indem sie nach Westen fliehen - ein abenteuerlicher, über tausend Kilometer langer Marsch entlang der Seidenstrasse, durch unwegsames Gelände, gnadenlose Wüsten und schneebedeckte Berggipfel.

    Ein verdienstvoller Film, der auf eine beinahe vergessene "Heldentat" verweist und von daher Aufmerksamkeit und breite Resonanz verdient - auch wenn der Titel etwas in die Irre führt. Im Focus des Films stehen die Erwachsenen als Protagonisten, während die Gruppe der Kinder demgegenüber anonym bleibt und nur Einzelne knapp charakterisiert werden. Neben den schauspielerischen Leistungen beeindruckt vor allem die Kamera von Zhao Xiaoding, der durch seine Zusammenarbeit mit Zhang Yimou bekannt wurde.

     

    (01.10.2009)

     

    ++ "Verblendung" von Niels Arden Oplev - Schweden/D 2009 - 152 Min.

    Die Verfilmung des ersten Buches der "Millennium Triogie" von Stieg Larsson muss man gesehen haben, auch wenn man die Romane kennt. Stilsicher, atmosphärisch stimmig, spannend und in den Hauptrollen treffend besetzt. Die Figur des investigativen Journalisten ist in den nordischen Krimis nicht neu (= Jan Guillou); hier aber ist es die kongeniale Partnerin, die dem Film Brisanz und Schärfe verleiht. Die aufzuklärende Familiengeschichte ist zwar kompliziert, aber letztendlich plausibel erzählt. Noomi Rapace als Lisbeth Salander ist so atemberaubend, dass man sich schon jetzt nach den Fortsetzungen sehnt.

     

    (24.09.2009)

     

    ++"Louise hires a Contract Killer" von Delépine & Kervern - F 2008 - 94 Min.

    Eigentlich müsste dieser Film einige Wochen VOR den Wahlen starten...

    Einmal angenommen, so eine Firma wie Opel im Ruhrpott macht dicht. Die Leute, die in einer Zulieferer-Fabrik arbeiten, werden nach Strich & Faden verarscht. Anstatt hoffnungsvoller Versprechungen erhalten sie eine lächerliche Abfindung. Das Geld reicht evtl. für eine gemeinsame Geschäfts-- bzw. Firmengründung. Doch in dieser rabenschwarzen Komödie beschließen eine frustrierte Frauengruppe: "lasst uns den Boss abknallen!".

    Doch wer ist er und wo ist er? Wer ist letztendlich der Verantwortliche? Und wie finden wir einen Profi-Killer? Von diesem Plott lebt dieser schräge und provozierende Film, dessen anarchistische Perspektive über unser Finanz- und Wirtschaftssystem, über gierige Bosse und selbstgefällige Bankster vortrefflich amüsiert und schockiert.

     

    (17.09.2009)

     

    + "Lila, Lila" - von Alain Gsponer - D 209 - 104 Min.

    Glänzte Henry Hübchen soeben noch in der Mediensatire "Whisky mit Wodka", so präsentiert er sich hier wieder in einem Film, der die Medien aufs Korn nimmt. Diesmal geht es um den Literatur-Rummel. Der Erstlingsroman eines hochgejazzten Jung-Autoren David Kern (Daniel Brühl) ist eigentlich die Arbeit eines abgehalfterten Herumtreibers (Henry Hübchen), der sich als Agent aufdrängt und David Kern in peinliche und unangenehme Situationen abringt. Das Motiv für den Jungen ist aber nicht sein Ehrgeiz, sondern die Liebe zu der schönen Marie, die ansonsten nicht auf die Anmache des Kellners David reagiert hätte. So ganz nebenbei nimmt der Film - wie auch schon der zugrunde liegende Roman von Martin Suter - sich viel Zeit für eine sanfte Satire auf das Verlags-und Messe-Business. Das ist stellenweise humorvoll, aber keineswegs so bissig und vital wie beispielsweise in dem Film über die gefälschten Hitler-Tagebücher im "stern".

     

    + "Die Frau des Zeitreisenden" von Robert Schwentke - USA 2009 - 107 Min.

    Wie schwierig (und reizvoll) es ist, sich in einen Zeitreisenden zu verlieben - und diese Liebe auch zu leben - zeigt dieser Film in unaufgeregten, atmosphärisch stimmigen Bildern. Wer den Bestseller von Audrey Niffenegger gelesen hat, erlebt hier eine gelungene Visualisierung. Die Story erhält eine neue Qualität. Der Regisseur Robert Schwentke und sein Kameramann Florian Ballhaus arbeiteten bereits bei "Flightplan" mit Jodie Foster zusammen. Ein Team mit Zukunft!

     

    + "Oben" von Pete Docter und Bon Peterson - USA 2009 - 96 Min.

    "Disney" und "Pixar" präsentieren den aktuellen Stand ihrer (film-)technischen Möglichkeiten. Die Story ist dabei nicht wahnsinnig originell: ein alter Mann und ein Pfadfinderjunge steigen mit einem Häuschen, dass von Luftballons getragen wird, in die Höhe in Richtung Amazonas-Gebiet. Damit erfüllt der Alte seinen Lebenstraum. Es ist sehr schnell klar, dass der grantige Kauz und der vorlaute Junge nach anfänglichem Missbehagen ein eingeschworenes Team werden. Ein Familienfilm im wahrsten Sinne des Wortes. Perfekt, aber mit der Ausstrahlung von Hochglanz-Bildern. Keineswegs so faszinierend wie "Das Schloss im Himmel" von Hayao Miyazaki, Japan 1986. Hier sind die Charaktere weitaus origineller und das Geschehen ist einfallsreicher und spannender.

     

    + "Liebe und andere Verbrechen" von Stefan Arsenijevic - D/Serb/Österr - 105 Min.

    Filme über soziale Probleme in Hochhaus-Zentren gehören mit zu den Spezialitäten des ehemals osteuropäischen Kinos. Egal, ob Komödien oder Dramen. Die Filme trafen den Punkt, waren spannend und aufschlussreich. Und immer waren es die Kleinen, die sich behaupten und durchsetzen mussten. Hier geht es um Anica - hervorragend charakterisiert und gespielt von der ebenfalls hervorragenden Anica Dobra - , die in Neu-Belgrad, einem tristen Stadtteil aus Hochhäusern und Beton, lebt. Sie ist gebunden an den Lokal-Ganoven Milutin, sieht aber für keine Perspektive und will das Land und ihre Freunde verlassen. Doch es ist nicht einfach, ein neues Leben anzufangen, wenn das alte noch nicht beendet ist.

    Der Film hat wenig spektakuläre Szenen, dafür aber besticht er in den detailgetreuen

    Rekonstruktion des Milieus und der Zeichnung der Protagonisten. Beispielsweise zieht ein grosser Konzern seine Kaufhausketten auf, aber die kleinen Ganoven, die ihre Bezirke verbittert behaupten, fackeln nach wie vor die "gegnerischen" kleinen Kioske ab. Ein kleines Modell für die großen Zusammenhänge in aller Welt. Anica kann dieser Szene entkommen, doch war erwartet sie?

    Anschauen, sich konzentrieren und nachdenken!. EIn Film der wach (!) macht!

     

    (10.09.2009)

     

    ++ "Sturm" von Hans-Christian Schmid - D/DEN/NL 2009 - 105 Min.

    Justizthriller haben in Deutschland leider keine Tradition. Politisch engagierte und handwerklich perfekte Regisseure wie beispielsweise André Cayatte - eine ehemaliger Rechtsanwalt und Journalist - gibt es bei uns nicht, auch wenn sich einige deutsche Regisseure wie beispielsweise Ottokar Runze und Reinhard Hauff immer wieder mal in diesem Genre bewegt haben. Um so erfreulicher ist, das sich Hans-Christian Schmid gewagt hat, das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag in den Mittelpunkt seines Thrillers zu stellen. Seiner Hauptfigur, die Anklägerin Hannah Maynard, gelingt es, die in Berlin lebende Bosnierin Mira zu überzeugen, als Zeugin gegen einen mutmaßlichen Kriegsverbrecher auszusagen. Im Spannungsfeld zwischen Wahrheitssuche, den Drohungen bosnisch-serbischer Nationalisten und den Interessen internationaler Politik beginnt Hannah zu begreifen, dass ihre Gegner nicht nur auf der Anklagebank, sondern auch in den eigenen Reihen zu finden sind. Für den Regisseur waren die Widersprüche einer Frau ausschlaggebend, für die die Pflichterfüllung innerhalb der Institutionen immer oberstes Gebot war und die nun durch ihre Unnachgiebigkeit zur Außenseiterin zu werden droht. Die mit dem Umstand konfrontiert wird, dass sich ein System gegen sie stellt, das sie immer überzeugt und mit Leidenschaft vertreten hat.

    "Sturm" ist ein Film, der von allen Europäern mehrfach gesehen und analysiert werden muss, um die Tagesaktualitäten der politischen Realität besser zu verstehen, um eigene Handlungsanleitungen daraus zu ziehen. .

     

    o "Antichrist" von Lars von Trier - Eur 2009 - 104 Min.

    In behandlungsbedürftigen Situationen gehen einige der Betroffenen zum Psychiater; andere kapitalisieren ihre Probleme und machen daraus Filme. Über "Antichrist" - der blutige Zweikampf eines angeschlagenen Paares inmitten düsterer Eifel-Landschaft - ist schon viel geschrieben worden. Trüge der Film nicht den Namen des Meisters, könnte er allenfalls noch im Fantasy-Filmfestival auf Interesse stoßen. Lässt man aus diesem Werk (bzw. der Handlung) die Luft raus, so bleibt nicht mehr viel übrig - abgesehen einmal von den wirklich beeindruckenden Leistungen der beiden Protagonisten Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg.

    Der Regisseur will schockieren, provozieren, irritieren. Dazu braucht er aber ein Publikum, dass sich darauf einlassen möchte. In Frage kommen nur solche Personen, die mit Filmgeschichte nicht vertraut sind und sich erstmals in den dunklen Kinoraum wagen.

     

    (03.09.2009)

     

    o "Taking Woodstock" von Ang Lee - USA 2009 - 120 Min.

    "Woodstock" einmal aus einer anderen Perspektive; der Film handelt von den Personen, die das Festival gemacht und erlebt haben; von den Leuten hinter der Bühne, von dem Zusammenprall ländlicher Charaktere mit ausgeflippten Gästen, die das Land überrollen.

    Ang Lees Film ist wie die B-Seite der Lieblings-Platte. Man hört sie einmal, vergisst sie sofort und kehrt gerne wieder zur A-Seite zurück. Nichts anderes ist dieser Film, der immerhin dazu animiert, sich den Klassiker von Michael Wadleigh noch einmal anzusehen.

     

    + "Whisky mit Wodka" - von Andreas Dresen - D 2009 - 104 Min.

    Die Film im Film-Handlung spielt in einem feudalem Milieu in den 20er-Jahren. Ein umschwärmter Beau geht - unwissentlich - ein Verhältnis mit einer jungen Frau ein, die die Tochter einer früheren Geliebten ist. Sie stellen fest, es geht auch zu Dritt. Kompliziert wird es dann, als der eifersüchtige Verlobte der jungen Frau eintrifft.

    Die Rolle des Mannes spielt ein alternder Leinwandstar, der ein Alkoholproblem hat. Es ist durchaus möglich, dass die Dreharbeiten platzen. Aus diesem Grunde verpflichtet die Produktion für ihn eine Zweitbesetzung mit einem jüngeren Bühnenschauspieler, der aber über keine Filmerfahrung verfügt. Man kann sich vorstellen, zu welchen Komplikationen das führen wird. Hinzu kommt, dass sich diverse Beziehungsprobleme der Filmhandlung auch mit denen des aktuellen Filmteams überkreuzen.

    Für einen Komödianten wie Henry Hübchen ist das natürlich eine Paraderolle und Andreas Dresen musste schon sehr darauf aufpassen, dass Hübchen die anderen Darsteller nicht an die Wand spielt: u.a. mit Corinna Harfouch und Sylvester Groth eine Starbesetzung. Das Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase ist einfach große Klasse. Jede Szene endet mit einer Pointe und der 104 Min. lange Film ist amüsant, kurzweilig und so unterhaltsam wie die Erinnerung an einen schönen Sommerurlaub auf Rügen, wobei nicht die gesamte Zeit, sondern einzelne Episoden im Vordergrund sehen. Es sind die komischen, tragischen und tragi-komischen Momente, die diesen Film auszeichnen.

     

    (27.08.2009)

     

    0 "Chéri" - von Stephen Frears - GB/D/F 2009 - 93 Min.

    Die Verfilmung eines Romans (und einer Fortsetzung) von Colette; geschrieben in den 20er Jahren. Eine in die Jahre gekommene Edelkurtisane verliebt sich in einen jungen Mann, den sie eigentlich nur in die Geheimnisse der Liebe einweihen sollte. Als dieser eine Geldheirat eingeht, versucht sie vergeblich, sich von dieser Beziehung zu lösen. Zentraler Schauplatz dieser Komödie der Eitelkeiten ist Paris um die Jahrhundertwende. Bemerkenswert sind Ambiente, Ausstattung und Kostüme sowie Dialogpassagen, die auf die Qualität der Vorlage verweisen. Handlungsarm ist der Film allemal, dafür unterhaltsam wie ein Schmöker in den Sommerferien. Michelle Pfeiffer ist immer für ein paar aufreizende Kinostunden gut, aber von Frears hat man schon interessantere Filme gesehen; ich erinnere mich da an "Mein wunderbarer Waschsalon", "Fish & Chips" und "Die Queen".

     

    (27.08.2009)

     

    ++ "Es kommt der Tag" von Susanne Schneider - D/F 2009 - 104 Min.

    Noch ein Film über die RAF und die Folgen? Ja, aber diesmal kein thesenlastiger Geschichtsunterricht,, sondern eine hochdramatische Kinogeschichte mit zwei ausgezeichneten Darstellerinnen in den zentralen Rollen. Ende der 70er Jahre hat eine

    politische Aktivistin ihre Tochter zur Adoption freigegeben, um in den Untergrund zu gehen. Sie lebt nun unterfalschem Namen mit ihrem Mann und zwei Kindern auf einem Weingut im Elsass . Eines Tages wird sie von ihrer Vergangenheit eingeholt, in Gestalt ihrer erwachsenen Tochter. Sie will wissen, warum ihre Mutter sie damals im Stich gelassen hat und verlangt von ihr, dass sie sich stellt. Ihr ist bewusst, dass sie damit auch die Existenz der gesamten Familie aufs Spiel setzt. Aber sie fordert vehement diesen Preis - der Tag der Wahrheit - ein. Mit allen Konsequenzen!

    Katharina Schüttler und Iris Berben liefern sich ein schauspielerisches Duell auf allerhöchstem Niveau. Hinzu kommt, dass auch die Darsteller der anderen Rollen überzeugen und das Drehbuch realitätsnah geschrieben wurde - mit Dialogen, die nicht nach Papier klingen, sondern sondern der Lebenswirklichkeit entsprechen.

     

    (20.08.2009)

     

    + "Inglourious Basterds" von Quentin Tarantino - USA/D 2009 - 140 Min.

    Wenn der "Große Meister" einen Film über den Zweiten Weltkrieg dreht, in dem eine Gruppe jüdisch-amerikanischer Soldaten die Nazi-Elite (in einem Kino!) zur Strecke bringt, so darf man nicht erwarten, dass der Film irgendwie etwas mit Realität oder zeitgeschichtlicher Nähe zu tun hat. Dafür gibt es in dem Kapitel "Hollywood und die Nazis" bessere, beklemmendere Beispiele.

    "Inglourious Basterds" ist Pulp Fiction pur! Ein Film, der sich an keine Genre-Regeln hält und mit vielen Schleifen immer wieder neue Themen findet. Das ist glänzende Unterhaltung und es ist ein Riesenvergnügen, einem Schauspiel-Ensemble zu begegnen, dem es eine Ehre war, in einem Tarantino-Film mitwirken zu dürfen. Ob die Erwartungen auf einen grossen Erfolg eingelöst werden, bleibt abzuwarten.

     

    (13.08.2009)

     

    + "Das Massaker von Katyn" - von Adrzej Waida - Polen 2007 - 120 Min.

    Wajdas sehr persönlicher Film über das von der Roten Armee verübte Massaker von Katyn im April 1940. Mehr als 22.000 Polen wurden ermordet. Die Russen schoben den Nazis das Massaker die Schuld zu und es war ein langanhaltender Kampf, die Wahrheit über diese Gräueltaten öffentlich auszusprechen. Das Verbrechen belastet das russisch-polnische Verhältnis bis heute. Ein über jede Diskussion erhabener Film, der unbedingt in das Programmangebot der Schulkino-Wochen gehört.

     

    0 "Public Enemies" von Michael Mann - USA 2009 - 143 Min.

    Von Johnny Depp als John Dillinger und der Regie von Michael Mann("Heat") hatte ich mir mehr versprochen, aber der legendären (Film-)Figur kann dieser Film leider keine neuen Facetten hinzufügen. Das alles hat man schon gesehen und der Komödiant Johnny Depp ist halt kein so cooler Gangster wie Warren Oates (in "Dillinger" von John Miius).

     

    ++ "Ein Augenblick Freiheit" - von Arash T. Riahi - A / F 2008 - 110 Min.

    Flüchtlings-Schicksale machen heute keine Schlagzeilen mehr. In den Wochen-chroniken werden lediglich die Zahlen gemeldet, die von Tag und Tag, von Woche zu Woche ansteigen. Dieser Film hält gegen diesen Trend der Anonymität. Er konzentriert sich auf drei Flüchtlingsgruppen aus dem Iran: zwei ungleiche Freunde, eine dreiköpfige Familie und zwei junge Männer, die zwei Kinder aus dem Iran zu ihren Eltern nach Wien bringen sollen. Alle treffen sich in einem Hotel in Ankara, um dort auf den positiven Bescheid ihrer Asylanträge zu warten. Das ist authentisch und überzeugend. Es mangelt nicht an bewegenden, anrührenden Szenen, aber auch nicht an Humor und Selbstironie. Elegant wird die Gratwanderung zwischen Drama und Komödie gemeistert. Ein Film, der uns über seine Protagonisten die Menschen näher bringt und uns sensibilisiert, nicht nur die Zahlen wahrzunehmen, sondern sich für eine Verbesserung der Verhältnisse bzw. für schnellere politische Lösungen zu engagieren. Unbedingt ansehen und weiterempfehlen.

     

    (06.08.2009)

     

    - "Maria, ihm schmeckt's nicht" - von Neele Leana Vollmar - D 2009 - 96 Min.

    Junger mann aus konservativem Haus verliebt sich in ein Mädchen. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater ein Italiener, der die Bundesrepublik aus der Sicht und mit den Erfahrungen eines frühen Gastarbeiters kennen gelernt hat. Obwohl die Temperamente und die Temperaturen sehr unterschiedlich sind, kommt es zu einer Hochzeit, die aber im touristisch-idyllischen Campobello, einer kleinen Stadt in Apulien, gefeiert werden soll. Falschverstandene Gastfreundschaft, die Klischees in den Köpfen und eine Reihe von Missverständnissen führen zu einem kleinen Chaos, das dann doch noch zu einem Happy end führt.

    Diese Inhaltsbeschreibung könnte einem deutschen Filmlustspiel aus den Fünfzigern dienen. Ist es aber nicht. Es ist ein Film von heute, der weder in der Struktur der Geschichte, noch in der Führung der Schauspieler überzeugt. Die Protagonisten - vor allem Christian Ulmen als Bräutigam und Lino Banfi als Schwiegervater - finden nicht zueinander. Das Buch zu lesen und sich im Kopf zu amüsieren ist schöner, als sich auf diese Klamotte einzulassen. Die Filme aus den Fünfzigern waren immerhin noch noch so gut, dass einige von ihnen KULT werden konnten. Hier aber kommt Langeweile auf.

     

    (30.07.2009)

     

    + "The God, the Bad, the Weird" - von Kim Jee-Woon - Korea 2008 - 130 Min.

    Wer noch nie einen Western gesehen hat, der sollte diesen Film unbedingt sehen. Er ersetzt ein ganzes Genre. Wer alle Western kennt, sollte sich auch diesen Film antun und danach raten, welche Filme hier zitiert, parodiert oder ironisiert werden. Da kommt einiges zusammen. Ein Italo-Eastern von Format. Hervorragend besetzt und mit einer vitalen Bildsprache umgesetzt.

     

    (23.07.2009)

     

    ++"Salami Akeikum" - von Ali Samadi Ahadi - D 2009 - 106 Min.

    Eine iranisch-deutsch-deutsche Komödie der Irrungen: witzig, überraschend, schrill und (selbst-)ironisch. Der junge Mohsen lebt und arbeitet in der Fleischerei seiner Eltern in Köln. Er hat aber nicht das richtige Talent dazu, den Beruf seines Vaters auszuüben, da er Tiere nicht töten kann. Er will stattdessen geschlachtete Schafe aus Polen besorgen, die ihm ein dubioser Dealer in Aussicht gestellt hat. Das sein Auto eine Panne hat, landet er in einem heruntergekommenen Provinznest in Ostdeutschland. Oberniederwalde hat schon viel bessere Zeiten erlebt: als gefragte Textilfabrik, die nun allerdings stillgelegt ist. Mohsen verliebt sich hier in die Kfz-Mechanikerin Anna, eine ehemalige Kugelstößerin, die von ihren DDR-Trainern "aufgebaut" wurde. Da sie Vegetarierin ist, gibt Mohsen an, die Schafe für eine Textilfabrik in Köln zu benötigen. Und nun wittert Annas Vater seine Chance, da er in ihm einen Investor für die ehemalige Fabrik sieht. Die Mißverständnisse und Komplikationen nehmen zu, als Mohsens Eltern sich auf die Suche nach dem verlorenen Sohn machen und in Oberniederwalde auftauchen...

    Da es sich um eine Komödie handelt, gibt es für alle Beteiligten ein Happy End - hier in Form eines bunten Bollywood-Finales. Das ist aber keineswegs aufgesetzt. Ali Samadi Ahadis Film spielt mit verschiedenen Genre-Formen, wobei er auf den Unterhaltungs-Wert setzt und damit beim Publikum punktet. "Salami Aleikum" erzählt eine Geschichte, der man gerne folgt. die Handlung und die Figuren stecken voller Klischees - hier aber werden sie bewusst genutzt, um sie als solche zu entlarven. Die Figuren werden nicht der Lächerlichkeit oder der Schadenfreude preissgegeben; man lacht nicht über sie, sondern mit ihnen und über seine eigenen Vorurteile.

     

    (09.07.2009)

     

    0 "Brüno" von Larry Charles - USA 2009 - 90 Min.

    Als "Borat"-Star ist er noch frisch in Erinnerung: Sascha Baron Cohen. Hier gilbt er sich als homosexueller Mode-Freak aus und fällt den Menschen aus seiner Umgebung tüchtig auf den Wecker. Das anzusehen ist amüsant und kurzweilig, obwohl einige Scherze ziemlich geschmacklos sind. Andere sind dafür urkomisch. Und nicht alle Provokationen zünden. Originell, schrill und bunt. Eine Schwulenkomödie; respektlos und selbstironisch.

     

    (16.07.200)

     

    0 "Harry Potter und der Halbblut-Prinz" - von David Yates - Gb 2009 - 153 Min.

    Ich bin kein Harry Potter-Fan! Habe nur den ersten Film gesehen und die Bücher nicht gelesen. Und nun die sechste Folge der Kinoserie. Trotz der visuellen Effekte keineswegs berauschend. Nach der Vorführung unterhalten sich die Fans über die opulente, facettenreiche Buchvorlage und darüber, was im Film davon übrig blieb.

    War wohl auch nicht so besonders.

     

    (09.07.2009)

     

    0 - "Kommissar Bellamy" - von Claude Chabrol - F 2009 - 110 Min.

    Für einen Chabrol-Film oder einen mit Depardieu in der Hauptrolle wäre ich früher nachts aufgestanden. Doch diesmal hält sich meine Begeisterung in Grenzen. Die Geschichte des Pariser Kommissars, der seinen Sommerurlaub in Nimes verbringt und dem dort ein Fall aufgedrängt wird, in dem es um Mord und Versicherungsbetrug geht, ist ohne Höhen und Tiefen. Chabrol inszeniert (als Hommage) den Film so, wie es bei den Simenon-Stoffen üblich ist. Aber Depardieu ist Kein Kommissar Maigret.

    Immerhin macht der Film Lust, wieder einmal nach Südfrankreich zu reisen und die Weine zu kosten. Und damit liegt der Filmstart zum Sommerbeginn genau richtig!

     

     

    (02.07.2009)

     

    0 "Das Mädchen aus Monaco" von Anne Fontaine -F 2008 - 95 Min.

    Ein Film wie ein Kurzurlaub. Schauplatz Monaco. Mit dabei reiche und schöne Menschen in edlem Ambiente. Ein Staranwalt aus Paris (Fabrice Luchini), der eine vornehme Dame (Stephane Audran) in einem Mordprozess verteidigen muss, bekommt einen Bodyguard (Roschdy Zem) zugeteilt. Eine seiner Pflichten ist, ihn vor der Anmache der schönen und sexy Audrey (Louise Bourgoin) zu bewahren, was ihm aber nicht gelingt. Und daraus entwickeln sich dann Beziehungsgeflechte, die tragisch enden. Das ist amüsant und kurzweilige. Und wer den Film gesehen hat und hinterher nicht von Louise Bourgoin schwärmt, dem ist nicht zu helfen. Mehr aber ist nicht.

     

    (Starttermin offen)

     

    ++ "Weltstadt" von Christian Klandt - D 2008 - 104 Min.

    Jugenddrama. Es geht um den authentischen Vorfall in einer Kleinstadt in Brandenburg. Zwei Jugendliche überfielen einen schlafenden Obdachlosen und zündeten ihn in Brand. Der Film porträtiert fünf Personen, die direkt oder indirekt mit dieser Tat in Verbindung gebracht werden können: Drei Jugendliche (Till, Karsten und Steffi) und zwei Erwachsene, die ebenfalls in einer tristen und ausweglosen Situation stecken.

    "Weltstadt" erzählt die Geschichte von Till, der seine Malerlehre schmeißt und keine Ahnung hat, was er mit seinem Leben anfangen will. Es ist die Geschichte von Karsten, der aufgehört hat zu träumen. Er wohnt im Plattenbau am Rande der Stadt. Die Schule hat er nie beendet. Respekt verschafft er sich durch Gewalt. Und es sind die Geschichten von Steffi (Freundin von TIll), Heinrich und Günther (zwei gescheiterte Ossis), die an einem Punkt in ihrem Leben angelangt sind, wo sich etwas verändern muss oder wird. Was sie alle verbindet: Angst, Resignation, Frust und Aggression.

    Der Film überzeugt durch seine Milieudichte und die Perfektion der Inszenierung; mittlerweile hat er auf vielen Festivals die verdiente Anerkennung gefunden und wurde mehrfach ausgezeichnet.

    Vergleichsfilme: "Der Kick" von Andreas Veiel (D 2006) und "Elephant" von Gus Van Sant (U 2003)

    Am 20.10.2008 lief bei "arte" eine kürzere Version des Films "Weltstadt" unter dem Titel "Heimatfilm". (70 Min.) Hier konzentriert sich die Handlung nur auf die drei Jugendlichen.

     

    (11.06.2009)

     

    + "Drag me to Hell" von Sam Raimi - USA 2009 - 100 Min. (?)

     

    Das gute alte Geisterbahn-Kino lebt noch. Der Meister hat wieder zugeschlagen. Ein nettes Mädchen, das in einer Bankfiliale arbeitet und dort gerne Karriere machen möchte, schlägt einer skurrilen Alten die Verlängerung ihres Kredits ab. Zur Strafe gerät sie dann in Teufels Küche...

    Der Film bedient alle Erwartungen, die sich an einen Horrorthriller richten. Und wie immer bei Raimi kommt auch der Humor nicht zu kurz. Innovativ ist dieser Film nicht gerade, aber das Besondere ist hier die Hauptdarstellerin Alison Lohman, die das alles aushalten muss und sich dabei überzeugend wandlungsfähig zeigt: sie wird verflucht und verhauen, angespuckt und getreten, herumgewirbelt und durchknetet. Ihr Widerstand gegen einen Höllendämon und die ewige Verdammnis ist wirklich sehenswert.

     

     

    (11.06.2009) + (23.07.2009)

     

    + "Che - Revolution" - USA 2008 - 131 Min.

    + "Che - Guerilla" USA 2008 - 131 Min.

    Steven Soderberghs Porträt ist keine leichte Kost, aber die Anstrengungen, Che über mehr als vier Stunden zu begleiten lohnen sich letztendlich doch. Der erste Teil zeigt seinen Weg während der kubanischen Revolution und seinen Aufstieg vom Arzt zum Kommandeur und schließlich zum Helden der Revolution. Dieser Part verlangt hohe Konzentration, da die Zeitebenen und Handlungsorte schnell wechseln und viel zeitgeschichtliches Wissen erfordert. Es ist sinnvoll, zuvor Ches "Kubanisches Tagebuch" zu lesen und sich eine gute Übersichtskarte von Kuba daneben zu legen. Der zweite Teil basiert auf dem "Bolivianischen Tagebuch" und geht chronologisch vor, was Aussenstehenden die Orientierung erleichtert. Dafür ist aber aber weniger fesselnd, da sehr oft nur bärtige Männer gezeigt werden, die sich irgendwo im Grünen treffen und sich umarmen. Selbstverständlich muss der Zuschauer wissen, wer Tanja ist und welche Rolle Regis Debray spielt. Das und vieles andere mehr wird vorausgesetzt und kann auch in einer solchen Langfassung nicht weiter erklärt werden.

    Aber Kino muss ja nicht nur unterhalten, sondern auch anregen. Und das leistet "Che" auf alle Fälle!

     

    (18.06.2009)

     

    --"Contact High" - Österreich 2009 - 95 Min.

    Eine Co-Produktion Österreich, Deutschland, England, Polen. Der Film von Michael Glawogger bezeichnet sich als eine "Psychedelic Road Movie Komödie". Es geht um einen "bewusstseinserweiternden Trip von Wien nach Drogomysl (Polen)". Dabei werden die untersten Schubladen eines niveaulosen Humors gezogen. Und wenn man sich mit Mitteln der deutschen Filmförderung über "polnische Polizistenschweine" lustig macht, ist für mich eine Grenze erreicht, in der ein solcher Tiefgang auch nicht mehr als gewöhnungsbedürftig bezeichnet werden kann.

    Schade. Denn die österreichischen Autoren und Regisseure haben in den letzten Jahren hervorragend bewiesen, was Sprache und Komödianten leisten können.

     

    (21.05.2009)

     

    o "My Bloody Valentine" - USA 2009 - 100 Min. FSK: ab 18!

    "My Bloody Valentinstag" / "Blutiger Valentinstag" von George Mihalka (USA 1981) gehört zu den Klassikern des Horrorfilms. Es geht um eine Tragödie in einem Bergwerk und um einen Mörder, der mit der Spitzhacke Menschen tötet. Dieses Mordwerkzeug ist ideal für die 3D-Digitaltechnik - und so glänzt dieses Remake in erster Linie durch die Effekte. Die Präsentation der Bilder ist eindrucksvoll, doch die 3D-Technik bedeutet nicht gleichermaßen, dass auch die Handlungen und die Dialoge besser werden. Immerhin kann das "Kino" hier mit einer neuen (altbewährten und oft erprobten) Jahrmarkts-Attraktion aufwarten. Ein Splatter Movie für Fans.

     

     

    (07.05.2009)

     

    - "Der Junge im gestreiften Pyjama" - GB 2009 - 90 Min.

    Der achtjährige Bruno ist der Sohn eines strammen Nazioffiziers, der befördert und von Berlin aus zu einem neuen Posten versetzt wird. Seine Familie muss mit. Das Haus, in dem sie einziehen, steht nicht weit von einem Konzentrationslager entfernt. Bruno ist es nicht erlaubt, sich dorthin zu begeben. Er vermutet einen Bauernhof mit merkwürdigen Menschen. Bruno ist phantasiereich und abenteuerlustig. Da seine Neugier stärker ist als seine Angst vor Strafe, erkundet er die Umgebung und lernt den gleichaltrigen Shmuel kennen, der sich hinter dem Stacheldrahtzaun aufhält. Die beiden Jungen nähern sich an. Auch wenn die Leben der Jungen durch den Zaun physisch voneinander getrennt sind, so verflechten sie sich doch auf unausweichliche Weise. Brunos Mutter erfährt von dem bislang geheimgehaltenen Kommando ihres Mannes. Die Familie löst sich auf. Bruno sucht die letzte Begegnung mit Shmuel und schmuggelt sich in das Lager ein - sein letztes Abenteuer.

    Dem Film zugrunde liegt das gleichnamige Buch von John Boyne. Hier wird das Geschehen aus der Perspektive des Jungen beschrieben. Der Regisseur Mark Herman war auf Authentizität bedacht, was den Film sehr konstruiert wirken lässt und die Handlung unglaubwürdig macht. Im Roman setzt sich die Erlebniswelt des Jungen im Kopf des Lesers zusammen; im Kino sieht man die (vorgegebenen) Bilder. Und das kommt einfach nicht zusammen!

     

    (30.04.2009)

     

    + "Das Neuss Testament" von Rüdiger Daniel - D 2008 - 72 Min.

    Es ist unmöglich, in so kurzer Zeit dem Protagonisten Wolfgang Neuss gerecht zu werden. Dazu ist das, was er geleistet hat, zu umfangreich: die Filme, die Texte, die Bühnenprogramme, die Aktionen usw. usf. Der Film schafft es aber, auf die vielen Aspekte seines Lebens hinzuweisen und macht neugierig, mehr von ihm zu erfahren oder sich wieder einmal mit ihm zu beschäftigen - die alten Filme sehen, die CDs hören, vor allen der Mitschnitt seines Solos in der Theater-Kantine des BE im Januar 1965. Die Begegnung mit Wolfgang Neuss in dem Film von Rüdiger Daniel - ein Fan von ihm, und nur ein solcher konnte den Films machen - macht schmerzlich klar, dass uns heute so einer wie er fehlt. Und daher ist es gut, so oft wie möglich an ihn zu erinnern. (Ich selbst kenne seine Filme, habe auch seine Programme im Domizil am Lützow-Platz besucht und hatte selbstverständlich "Neuss Deutschland" abonniert.)

     

     

    (30.04.2009)

     

    + "Die Frau des Anarchisten" von Marie Noelle/Peter Sehr - D/S/F 2009 - 115 Min.

    "Europäisches Kino" ist oft verschmäht als "Euro-Pudding", weil die Finanzierungssuche oft zu abenteuerlichen Konstruktionen hinsichtlich der Drehorte und Besetzungen führt. Es gibt aber auch Stoffe, die sich ideal für einen "europäischen" Film eignen. "Die Frau des Anarchisten" hat dieses besondere Format.

    Es geht um das Schicksal einer spanischen Familie zwischen 1937 und 1952. Der Mann, Justo, ist aktiv im Kampf gegen die Faschisten. Sein Weg führt vom Bürgerkrieg in Spanien über die Résistance in Frankreich bis ins Konzentrationslager Mauthausen und wieder nach Frankreich. Dieses Schicksal wird erzählt im Spiegelbild der Leidensjahre seiner Frau Manuela, die an ihn glaubt und die Hoffnung auf ein Wiedersehen nicht aufgibt. Der Lebensweg dieses Paares steht für eine Epoche europäischer Zeitgeschichte, deren Spuren bis heute sichtbar sind. Der Film wurde mit dem "Friedenspreis des deutschen Films" 2008 ausgezeichnet. Das allein ist schon ist ein Grund, ins Kino zu gehen!

     

    (30.04.2009)

     

    + "Duplicity - Gemeinsame Geheimsache" - USA 2009 - Regie: Tony Gilroy -

    125 Min.

    Julia Roberts und Clive Owen als rivalisierende und sich liebende Agenten. Agentenfilm-Parodie mit Witz und Tempo. Es geht um NICHTS; aber das ist sehr gut und unterhaltsam verpackt. Kino.

     

     

    (23.04.2009)

     

    o "Dorfpunks" von Lars Jessen - D 2009 - 93 Min.

    Mit seinem Kinodebüt "Am Tag, als Bobby Ewing starb" (2005) hat Lars Jessen sein Gespür für amüsante Provinzstories bewiesen. Seine Typen sind originell und originär. Man amüsiert sich über sie, aber sie werden nicht der Lächerlichkeit preisgegeben.

    "Dorfpunks" ist eine Schmalspurausgabe einer solchen Geschichte. Es geht um vier Jungs aus einer verschlafenen Kleinstadt in der Holsteinischen Schweiz, die Mitte der 80er-Jahre im Punk ihre Identität suchen und werweißwo enden. Ein Film mit der Amateurband, die ihren Weg gehen will, kurz vor dem Karrieresprung eine Krise und dann doch ein ein finales Happy end hat, ist im Kino wahrlich nicht neu oder außergewöhnlich. Doch darauf kommt es in "Dorfpunks" nicht an. Wir erleben eine Coming-of-age-story mit unverbrauchten Gesichtern, einer authentischen Milieuskizze (Rocko Schamini) und einem selbstironischen Inszenierungsstil.

    Nicht das ganz große Kino, aber locker, leicht und bekömmlich.

     

    (02.04.2009)

     

    ++ "John Rabe" von Florian Gallenberger - D 2009 - 130 Min.

    Die Geschichte des Hamburger Kaufmanns John Rabe, der 1937 in Nanking die dortige Siemens-Niederlassung leitete und bei der Einnahme der Stadt durch die Japaner die Tore seiner Fabrik für schutzsuchende Familien öffnete und sich danach für eine Sicherheitszone für Zivilisten engagiert, ist ein hervorragender Filmstoff für das deutsche Kino. Zwei Dinge machen diesen Film besonders bemerkenswert:

    Zunächst einmal ist es gelungen, ein vergessenes Stück deutscher Vergangenheit öffentlich zu machen;

    und dann ist daraus auch noch eine Produktion geworden, die sich mit internationalen Maßstäben messen kann - in Besetzung, Dramaturgie und Ausstattung. Und das ist für das deutsche Kino der Befindlichkeiten und Beziehungskrisen schon eine Seltenheit.

    So ganz nebenbei ist "John Rabe" auch ein - aus meiner Sicht willkommener - Beitrag zu der seit Jahren laufenden Debatte über das Verhalten von Deutschen während der Nazizeit. Hier lernt man einen nicht ganz unwichtigen Unterschied kennen: ob man sich 1937 - im Nachhall der Olympischen Spiele - als Nazi bekannte, oder ob man Jahre später freiwillig der Waffen-SS beitrat.

     

     

    (26.03.2009)

     

    -- "Deutschland 09" von Fatih Akin u.a. - D 2009 - 140 Min.

    Der Anspruch war "aus individuellen Blickwinkeln ein Panoramabild der gesellschaftlichen und politischen Situation der heutigen Bundesrepublik zusammenzusetzen." U.a. sollte der Film "Deutschland im Herbst" dazu als Vorbild dienen.

    Es ist vermessen, diese beiden Filme miteinander zu vergleichen. Vor 30 Jahren zeichnete sich die Produktion aus durch Betroffenheit, Engagement, Wut und Provokation. Diesmal ist nicht mehr als eine belanglose Beliebigkeit zu erkennen. Das sagt zwar auch etwas aus, interessiert aber zumindest kein Kinopublikum, das dafür auch noch Eintritt zahlen soll. Jede Kurzfilmrolle, die zum Semester-Abschluss auf den

    Veranstaltungen der Filmhochschulen präsentiert wird, ist gehaltvoller, unterhaltsamer und aufschlussreicher.

    Einzig und allein der Beitrag von Wolfgang Becker "Krankes Haus" hat das Prädikat "Film" verdient.

     

    o Die Herzogin" von Saul Dibb -GB 2009 - 110 Min.

    Genregetreue Verfilmung gepflegter Unterhaltungsliteratur, die in romantischer Landschaft und großzügigen Häusern mit eleganten Menschen in schönen Kostümen angesiedelt ist. Eine lebensbejahende junge Frau wird durch Ehevertrag zu einer Herzogin und scheitert an den Konventionen der Gesellschaft. Ihr Ehemann, ein mächtiger, steifer Aristokrat, ist ebenfalls ein Gefangener eines Systems, das permanent seine Außenfassaden putzt. Die Geschichte dieser "Herzogin" beginnt 1774. Bis heute hat sich da beim englischen Adel nicht sehr viel verändert. 

     

    (ab 19.03.2009)

     

    ++ "Slumdog Millionär" von Danny Boyle - US/USA 2008 - 120 Min.

    Danny Boyle ("Trainspotting") ist ein großer Junge, der gerne einmal einen Bollywood-Filme machen wollte. Es  ist ihm gelungen. Sein Film wurde über nacht zu einem Publikums- und Kritikererfolg. In der Geschichte geht es drarum, dass ein June aus den Slums von Mumbai bei der TV-Show "Wer wird Millionär?" alle Fragen richtig beantworten kann. Nicht die klassische Bildung (Schule, Uni etc.) hat ihm dazu verholfen, sondern die Lebenserfahrungen, die er auf der Strasse machtge. Und da es sich hier nicht um eine us-amerikanische Karriere handelt sondern um eine indische Story, geht es hier nicht um das große Geld, sondern allein um die Liebe. Für den glücklichen Jungen ist die Sendung nur ein Zweck, seine verlorene große Liebe wiederzufinden. Und das sei ihm gegönnt.

     

    (12.03.2009 / 09.04.2009)

     

    o Public Enemy No. 1 - Mordinstinkt

    o Public Enemy No. 1 - Todestrieb

    Zwei Filme um und über den französischen Gewaltverbrecher Jacques Mesrine (1936 - 1979). Seine spektakulären Aktionen sind der ideale Filmstoff; die aufsehenerregenden Fluchten aus den Gefängnismauern hielten die Öffentlichkeit lange Zeit in Atem. Mesrine suchte den Kontakt zu den Medien und wurde ein Star. Kanada und Frankreich erklärten ihn zum "Staatsfeind Nr. 1".

    Legendär: seine "Hinrichtung" durch die französische Polizei mitten am Place de Clignancourt in Paris.

    Die Filme von Jean-Francois Richet mit Vincent Cassel in der Titelrolle sind französische Kriminalfilme in bester (und bewährter) Tradition. Allerdings gibt es keinen überzeugenden Grund, daraus zwei Teile zu machen, da Filme mit Überlänge heute nicht gerade ungewöhnlich sind.

    Nebenbei bemerkt: 1983/84 gab es schon einmal einen Film "Mesrine - Staatsfeind Nr. 1" (Regie: André Génovès), den ich aber nicht in allzu guter Erinnerung habe, da er sehr vordergründig die Kriminalgeschichte erzählt und wenig zum Charakter aussagte. Darauf wird in dem Presseheft von "senator" nicht eingegangen.

    Die Autobiographie von Mesrine "Todestrieb" habe ich seinerzeit mit großem Vergnügen gelesen. Wahrscheinlich auch heute noch lesenswert.

     

     

    (05.03.2009)

     

    + "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" von Eric Brevic - USA 2008 - 92 Min.

    Die klassische Vorlage von Jules Verne mit den Mitteln des Kinos von heute aufbereitet. Ein  (sympathischer) Geologie-Professor, sein (mutiger) Neffe und eine (attraktive) Bergführerin gelangen durch einen isländischen Vulkan in das Innere der Erde. Es tut sich auf eine fantastische Welt voll menschenfressender Pflanzen, gigantischer Flug-Piranhas und grausiger Dinosaurier... Die Story ist weiter nicht weltbewegend, aber wenn man sie mit den Mitteln des digitalen 3-D-Verfahrens verfilmt, kommt es in erster Linie auf die Effekte an. Und die sind hier gelungen. Da man dazu auch keinen erfahrenen Regisseur braucht, hat Eric Brevic, mehrfach ausgezeichnet für seine innovativen Leistungen als Verantwortlicher im Bereich Visuelle Effekte, hier sein Regiedebüt abgeliefert. Herausgekommen ist ein beeindruckendes Fantasy-Abenteuer - ideal geeignet als Kinobesuch für den Kindergeburtstag. Für Kinder egal welchen Alters.  

     

     o "Defiance" von Edward Zwick - USA 2008 - 120 Min.

    Ein Kriegsfilm. 1941 in Osteuropa. Die drei Bielski-Brüder suchen Zuflucht vor den Nazis in einem Wald, den sie seit ihrer Kindheit kennen. Sie leisten Widerstand; nach und nach treffen immer mehr jüdische Landsleute ein, die sich ihnen anschließen..

    Verfilmung eines Romans von Nechama Tec, der auf authentischen Fakten beruht.

    Der Film hat mich nicht angesprochen. Wahrscheinlich, weil es sich um ein "Star"-Kino handelt und mit dem Namen des Hauptdarstellers Daniel Craig herausgebracht wird. Das sieht dann doch sehr nach Action aus. Ich musste immerzu an KOMM UND SIEHE (IDI I SMOTRI) von Elem Klimov denken. Von der beklemmenden Dichte und der brutalen Härte dieses Meisterwerks ist "Definance" meilenweit entfernt.

     

    (26.02.2009)

     

    ++ "Gran Torino" von Clint Eastwood - USA 2008 - 115 Min.

    Sein 1972er Gran Torino ist der ganze Stolz des ehemaligen Auto-Fließbandarbeiters Walt Kowalski. Beide stammen aus einer vergangenen Zeit; Ruhm und Ansehen von gestern zählt heute nicht mehr.

    Walt wohnt in einem typisch amerikanischen Vororthäuschen. Er ist verwitwet; zu den Kindern hat er kaum Kontakt. Er könnte ein angenehmes und beschauliches Leben führen, hätte sich nicht seine Umgebung total verändert. Statt netter, ordnunsliebender Nachbarschaft mit Fahnenschmuck und Grillparties wohnt er mitten unter Migranten des Hmong-Volks aus Südostasien. Während des Vietnamkriegs stand es auf Seiten der USA. Viele von Ihnen kamen nach Kriegsende als Flüchtlinge in die Staaten.

    Walt Kowalski hat am Koreakrieg teilgenommen, von dem er verbittert zurückkehrte. Sein Bild von den Asiaten ist seit dieser Zeit nachhaltig geprägt. Wider Willen gerät er jetzt in eine Situation, in der er seinen Nachbarn hilft, die von einer Jugendgang gemobbt und bedroht wird. Er überwindet seine rassistischen Vorurteile und stellt sich auf ihre Seite. Die Situation eskaliert. Es kommt zu brutalen Übergriffen. Walt sieht nur eine Möglichkeit, gegeben vorzugehen. Doch anders als etwa bei "Dirty Harry" muss er dafür einen viel zu hohen Preis bezahlen.

    Letzteres entspricht nicht mehr dem Typ und dem Image der frühen Eastwood-Charaktere. Dennoch ist es nicht nachvollziehbar, dass solche Konflikte nur durch die Aufopferung der eigenen Person gelöst werden können. Das ist der einzige Schönheitsfehler in einem Film, der allein schon durch die Präsenz seines Protagonisten besticht. Eastwood glänzt auch mit minimalen Mitteln - wie etwa dann, wenn er sich knurrend wie sein altersschwacher Hund missbilligend zu dem ihm unverständlichen Verhalten der jungen Generation äußert.

     

    (19.02.2009)

     

    + "Der Knochenmann" von Wolfgang Murnberger - A 2009 - 121 Min.

    Die Simon-Brenner-Krimis von Wolf Haas sind Bestseller. Seine Fans sind auch begeisterte Zuschauer der Filme, in denen (kongenial) der Kabarettist Josef Hader den etwas eigenwilligen, skurrilen Protagonisten spielt. Seine Person ist in "Der Knochenmann" ebenso gewöhnungsbedürftig wie die seines Antagonisten, der durch den in darstellerischer Leistung ebenbürtigen Josef Bierbichler verkörpert wird. Wenn die beiden aufeinanderprallen, - Hader als lustloser Schuldeneintreiber und Bierbichler als vitaler Gastwirt, der sich auf dunkle Machenschaften eingelassen hat und sich unkonventioneller Methoden bedient, seine Widersacher zu beseitigen - bleibt einem das Lachen fast im Halse stecken. Regie und Buch sorgen darüber hinaus für witzige

    Lichtblicke in einer rabenschwarzen Komödie, die über die volle Distanz hin fesselt und amüsiert.

     

    + "Inside Hollywood" von Barry Levinson - USA 2008 - 107 Min.

    "Film im Film" ist ein beliebtes Genre - nicht nur bei Inside. Mitunter wird es aus Frust über das System zur Abrechnung mit den Bossen benutzt; manchmal ist es auch der pure Spaß oder die Freude an der Selbstironie. "Inside Hollywood" gehört zu den Filmen, die sich durch die Spielfreude ihrer Protagonisten auszeichnen und dabei auch noch Aussenstehende glänzend unterhalten. Hier sind es Stars wie De Niro, Willis und Penn, die sich über ihre Branche amüsieren. Und das machen sie so gut, dass die Filmindustrie - die sie hier auf die auf die Schippe nehmen - auch daran gut verdienen wird. Ein Kinofilm für die Fans!

      

     + "Ein Leben für ein Leben" von Paul Schrader - D / Israel 2008 - 102 Min.

    "Adam Resurrected" - so der Originaltitel - ist ein Film, der sich nicht in wenigen Worten beschreiben läßt. Der Stoff geht zurück auf einen Roman von Yoram Kaniuk (1969 erschienen), den "man eigentlich nicht verfilmen kann." Erzählt wird die Geschichte eines Mannes (Jeff Goldblum), der im Konzentrationslager der Hund eines sadistischen Lagerkommandanten (Willem Dafoe) war und später in einem Sanatorium für Holocaust-Opfer einem Jungen (Tudor Rapiteanu) begegnet, der glaubt, ein Hund zu sein.

    Allein die Geschichte dieses Projektes vom Roman zum Film ist eine große Story. Einen verrückten KZ-Überlebenden zum Helden zu machen, den Stoff mit Prisen surrealistischen schwarzen Humors zu brechen - das ging und geht vielen zu weit.

    "Ein Leben für ein Leben" ist ein Film, der irritiert, nachhaltig wirkt und sich einer schnellen Bewertung entzieht. Es lädt zum Meinungsaustausch ein und macht neugierig auf den Roman, der hoffentlich ebenfalls Aufmerksamkeit findet.

    Also: Buch lesen und ins Kino gehen!

     

    (ab 05.02.2009)

     

    + "Glaubensfragen" von John Patrick Shanley - USA 2008 - 103 Min.

    Die Bronx Mitte der 60er-Jahre. Ein modernen Methoden aufgeschlossener Priester wird an eine katholische Schule versetzt, die von einer strengen Direktorin geleitet wird. Die Konflikte sind vorprogrammiert. Es dauert nicht lange, bis aus einem geringen Anlass und aus einem Missverständnis heraus ein Konflikt entsteht, der mit einer Tragödie endet. Großes Kino der Gefühle. Wenn zwei so herausragende Darsteller wie Meryl Streep und Philip Seymour Hoffmann - als Gegenspieler - aufeinandertreffen, bleibt dem Zuschauer der Atem stocken. Der Autor und Regisseur John Patrick Shanley adaptierte sein mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnetes Broadwaqy-Stück selbst für die Leinwand.  

     

    (ab 29.01.2009)

     

    ++ "Benjamin Button" von David Fincher - USA 2008 - 165 Min.

    ("The Curios Case of Benjamin Button") Es ist erstaunlich, dass bei all dem Schrott, den die Filmindustrie in jedem Jahr auf den Markt wirft, auch Filme entstehen, die verblüffen, beeindrucken und faszinieren. "Benjamin Button" ist eine dieser Produktionen. Die Geschichte des Mannes, der als Greis auf die Welt kommt und als Säugling stirbt, geht zurück auf eine Story von F. Scott Fitzgerald und erweist sich als ein Kinostoff von Format. Und dabei ist es noch nicht einmal die Technik von heute, die es dazu braucht. Es sind das Drehbuch und das Können zweier Stars, die geschickt getimt aufeinandertreffen und uns über mehrere Jahrzehnte hinweg begegnen. Und wenn dazu noch präzise geformte Charaktere in den Nebenrollen und eine beeindruckende Ausstattung hinzukommen, ist das große Kino ferfekt. Um diesen Film richtig genießen zu können, sollte man nicht bis zum DVD-Start warten, sondern sofort - und mindestens ein mal - ins Multiplex gehen. 

     

    + "The Spirit" - von Frank Miller - USA 2009 - 102 Min.

    Die legendäre Comic-Figur von Will Eisner aus den Vierzigern in die Jetztzeit bzw. ins Zeitlose animiert. Bei der Kino-Adaption von Comicstrips kein außergewöhnlicher Vorgang. Dafür, dass die Handlung nicht mehr im klassischen Ambiente stattfindet, sorgen Leinwand-Stars wie Scarlett Johansson, Gabriel Macht und Samuel L. Jackson als Entschädigung. Aber die Story ist ja eigentlich auch nicht so wichtig. Entscheidend sind die Bilder. Und die sind in "The Spirit" wirklich fesselnd und mitunter atemberaubend.

    Grund genug, wieder in die originale Welt der Graphic Novel einzutauchen. Den Film sollte man aber nicht später auf dem Monitor, sondern nach Möglichkeit jetzt schon auf einer sehr großen Leinwand genießen.

     

    (ab 29.01.2009)

     

    + "Stilles Chaos" - von Antonello Grimaldi - Italien 2008 - 112 Min.

    Zugegeben: ich bin ein Fan von Nanni Moretti. Auch wenn er in diesem Film (nur) die Hauptrolle spielt und am Buch mitgearbeitet hat, trägt er seine Handschrift und ich schaue ihm gut und gerne beinahe zwei Stunden lang zu.

    Es geht darum, dass das geordnete Leben eines Business-Typen plötzlich durch den Unfalltod seiner Ehefrau aus der Bahn gerät. Als es Herbst wird, muss seine kleine Tochter wieder zur Schule. Pietro, der vielbeschäftigte TV-Manager, bringt sie selbst bis zum Schultor. Er bleibt einfach da, setzt sich auf eine Bank im Park und passt auf. Tag für Tag. Damit verändert er auch das Leben einiger seiner Mitmenschen. Seine Kollegen besuchen ihn ebenso regelmäßig wie Bekannte und Verwandte.

    Es gibt auch ein Leben außerhalb des Büros. DAS ist die Botschaft! Und um das zu erkennen, bedarf es eigentlich keines tragischen Unfalls im persönlichen Umfeld. EIn Kinobesuch reicht aus.

     

    (Ab 22.01.2009)

     

    o "Operation Walküre" - von Bryan Singer - USA 2008 - 125 Min.

     

    Die Zuschauer gehen ins Kino, weil sie den Action-Star Tom Cruise lieben. Wenn er der Protagonist in "Mission Impossible" ist, so wissen sie vorher schon, wie es ausgeht. Hier auch. Seine "Operation Walküre", sein Attentat auf Hitler, geht er an wie der Stratege Ethan Hunt; diesmal überlebt er zwar nicht, aber am Ende ist er doch der Sieger. Mehr ist nicht!   

     

    o "Das Gesetz der Ehre" - von Gavin O'Connor - USA 2008 - 125 Min.

    In Nordamerika haben sich - historisch gesehen - viele eingewanderten Iren für den Polizeidienst oder zur Feuerwehr gemeldet. Zu tun hatten Sie es dabei oft mit den Italienern, die sich für die Mafia entschieden haben. Großartig und exemplarisch wird das in dem Film "Gangs of New York" von Martin Scorsese beschrieben und dargestellt.

    Auch heute noch gibt es diese "Cop"-Familien - in diesem Film mit Jon Voight, Edward Norton, Colin Farrell und Noah Emmerich vortrefflich besetzt. Für die Frauen bleibt da nicht viel "Spiel"-Raum. Die Cops gegen die Drogenhändler - und der Riss geht quer durch die eigene Familie. Das ist nicht neu, aber unterhaltsam. Streicht man aus dem Drehbuch das Buch "Fucking!", so bleiben allerdings nicht sehr viele Dialoge übrig.

     

     

     

    (Ab 15.01.2009)

     

    ++ "Die Klasse" von Laurent Cantet - F 2008 -

    (Im Original: "entre les murs = innerhalb der Mauern.) Wir lernen über ein Schuljahr lang den Lehrer Francois und seine 13- bis 14-jährigen Schüler an einer Pariser Vorort-Schule kennen. Es ist ein sozialer Brennpunkt und die meisten seiner Schüler stammen aus Einwandererfamiiien. Thematisiert wird alles das, was NICHT auf dem Stundenplan steht: Leistungsverweigerung, Frust, Aggression, kulturelle Identität, Ausgrenzung, Integration und Geduld.

    Hier wird das Wort M u l t i k u l t i in einzelne Buchstaben aufgelöst, hinterfragt und neu zusammengesetzt. Aus einer Schulklasse werden Individuen mit dem Recht auf Eigenständigkeit und Selbstdarstellung. Interessant ist dabei auch der Rollentausch in einigen Sequenzen: die Lehrer benehmen sich kindisch und die Schüler handeln wie Erwachsene.

    Nah dran, konzentriert und aufschlussreich - das wirkt authentisch, auch wenn es sich hier um einen speziellen und arrangierten Ausschnitt aus der Alltagsrealität handelt. "Die Klasse" hat die Überzeugungskraft eines Dokumentarfilms und bringt uns die Protagonisten so nahe, dass wir gespannt deren weiteres Schicksal erwarten.

    Der Film war in Cannes (Goldene Palme 2008) und beim Filmfest München zu sehen; er wurde mehrfach ausgezeichnet und es ist schon sehr viel über ihn geschrieben worden. Also: nicht mehr länger darüber lesen, sondern einfach ins Kino gehen ...

     

     

    (Ab 08.01.2009)

     

    o "The Warlords" von Peter Ho-Sun Chan - China/Hong Kong 2007 - 110 Min.

    Der Film beginnt mit Hauen & Stechen und endet mit Hauen & Stechen. Dazwischen liegen ausufernde Kampfszenen, die der Karriere des General Pang dienlich sind. Nach einer verlorenen Schlacht (1870) gibt er sich nicht geschlagen, sondern verbündet sich mit Banditen und Rebellen. Er schließt Blutsbrüderschaften als Zweckgemeinschaft und wechselt auch mal die Fronten, um seine Ziele zu verfolgen...

    Tausende von Männern - lebendig oder tot - bevölkern die Leinwand. Darunter auch eine (!) Frau, die mit einem der Blutsbrüder verheiratet ist und und ein Verhältnis mit General Pang eingeht. Keine Chance zum Überleben.

     

    + "La Zona" von Rodrigo Plá - Mexiko 2007

    Eine außergewöhnlicher Film. In Mexiko-City - so unterstellt es die Handlung - gibt es ein Villenviertel, das sich von der Stadt abgetrennt hat, streng bewacht wird und das Gemeinwesen in die eigenen Hände genommen hat. Solche Orte gibt es in der Tat sehr oft in Mittel- und Südamerkia; vornehmlich wohnen hier nicht nur die Reichen, sondern auch die gut betuchten Ausländer wie Diplomaten etc.

    Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist weniger real, sondern mehr ein Modell. Drei Jugendlichen gelingt es, über die Mauern zu kommen. Ein spontaner Einbruch geht schief, es gibt Tote...

    Die Bewohner von "La Zona" wollen aber keine Polizei auf ihrem Gelände und versuchen, in eigener Regie diese Situation zu meistern - die Besonnenen auf der einen, der Mob auf der anderen Seite. Die sich dann daraus ergebende Frage ist die, ob Menschen das Recht in die eigene Hand nehmen dürfen - besonders dann, wenn die Polizei korrupt ist und an einer Klärung des wahren Sachverhaltes niemand so richtig interessiert ist. Eine Jugendlicher, der in dem Villenviertel lebt, beschützt einen der Eindringliche und gerät dabei in Widersprüche und Gewissenskonflikte.

    Die Film wirft viele Fragen auf - und beantwortet sie nicht!

    Das muss der Zuschauer leisten.

    "La Zona" ist ein Film, der auf internationalen Festivals mit Preisen und Anerkennungen ausgezeichnet wurde.

     

    o "Die Perlmutterfarbe" von Marcus H. Rosenmüller - D 2008

    Meine Erwartungen an diesen Kinder/Jugendfilm von Rosenmüller waren nach "Wer früher stirbt, ist länger tot" sehr hoch, denn auch hier geht in erster Linie um die Milieuzeichnung bzw. -dichte und die unverfälschte und originäre Perspektive aus der Sicht der Protagonisten. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Anna Maria Jokl und spielt 1931 in einer bayerischen Kleinstadt. Zwei Schulklassen können nicht miteinander - und daraus entwickelt sich eine Geschichte um Freundschaft und Verrat, Wahrheit und Lüge.

    Vielleicht haben sich die originellen Ideen für die filmische Umsetzung seiner Stoffe zu schnell verbraucht; Rosenmüller drehte in den vergangenen zwei Jahren auch noch "Beste Zeit" und "Beste Gegend", "Beste Chance" ist in Vorbereitung. Jedenfalls ist diese Filmhandlung vergleichsweise überraschungsarm, was aber durch die darstellerischen Leistungen von Marcus Krojer und Zoe Mannhardt ausgeglichen wird. Erwähnenswert noch die Rollen der Erwachsenen, die mit Brigitte Hobmeier, Josef Hader, Gustav-Peter Wöhler und Johannes Silberschneider treffend besetzt sind.

     

    o "Warten auf Angelina" von Hans-Christoph Blumenberg - D 2008

    Nach seinen anstrengenden Projekten zur deutschen Zeitgeschichte hat sich Blumenberg mit dieser Komödie eine verdiente Auszeit genommen. Eine Low-Budget-Produktionen, die in seiner eigenen Dachgeschoss-Wohnung in Berlin-Mitte gedreht wurde. Hier treffen sich unfreiwillig ein abgeklärter Paparazzi und ein naiver Fan aus Pellworm. Beide sind auf der Jagd nach "Brangelina", dem heißesten Paar des Jahres. Es heißt, dass die Promis in unmittelbarer Nachbarschaft eine Wohnung gekauft haben und nach Berlin ziehen wollen. Obwohl die Motive, davon die ersten Fotos zu schießen, sehr unterschiedlich sind, erwächst aus der Schicksalsgemeinschaft der beiden Männer eine Freundschaft der besonderen Art. Hinzu kommt, daß das Appartement einem reichen Zahnarzt gehört, der die Schlüssel dazu an diverse Damen verteilt hat, die nach und nach eintreffen...

    Aus solchen Stoffen werden erfolgreiche Kino-Komödien gemacht. Ob es auch hier gelingt, ist abhängig von der Annahme- und Aufnahmebereitschaft des Publikums. Der Film endet mit dem (sinngemäßen) Zitat von Groucho Marx "Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie so beleidigt worden wie heute." "Warte nur ab, der Tag hat gerade erst angefangen."

    Blumenberg war früher ein Filmkritiker von Format.

     

    o "Lulu & JIM" von Oskar Roehler - D 2008

    Eine Hommage und Parodie auf die Filme der 60er-Jahre. Es ist die Zeit des Rock'n'Roll und der Ami-Sender. Lulu (Jennifer Decker) ist eine Tochter aus gutem Hause - doch leider ist die Familie bankrott und auf die Finanzen eines blasierten Snobs (Bastian Pastewska) angewiesen. Lulu aber verliebt sich in den gut aussehenden, aber mittellosen Schwarzen Jimi (Ray Fearon), der auf dem Skooter der Dorfkirmes die Attraktion aller Mädchen ist. Dieser "unmöglichen" Liebe stehen entgegen u.a. eine selbstsüchtige, bösartige Mutter (Katrin Sass) mit ihrem sehr dienstwilligen Chauffeur (Udo Kier) und ein Spritzen-Arzt wie aus den Mabuse-Filmen (Hans-Michael Rehberg). Was wie eine zuckersüße Liebesromanze in knallbunten Bildern und mit viele Musik beginnt, endet melodramatisch mit Mord und Totschlag. Lulus Vater (Rolf Zacher) - "Daddy Cool" genannt - spielt dabei zunächst gar keine, doch am Ende eine entscheidende Rolle.

    "Lulu & Jim" ist ein Trivial-Film - und das muss man können. Roehler kann es und schafft hier eine faszinierende Bilder-Komposition; angereichert durch ein spielfreudiges, genreerfahrenes Ensemble, das gut gelaunt diese Melange aus Lovestory und Gangsterfilm meistert.

     

    (Ab 25.12.2008)

     

    o "Australia" von Baz Luhrmann - Australien 2008 - 166 Min.

    Eine junge britische Aristokratin muss in Australien die Rinderfarm ihres Mannes retten. Allein gegen Alle - wären da nicht ein ruppiger, struppiger Viehtreiber und ein heimatloser Aborigine-Junge auf ihrer Seite.

    Der Film beginnt wie "Spiel mir das Lied vom Tod", geht über in "Vom Winde verweht" und endet mit "Pearl Harbor". Also: Drei Filme zu einem Preis! Und dazu dann noch kostenlos "Somewhere Over the Rainbow" gesungen von Judy Garland.

    Der Film verweist kurz auf die Rolle der Aborigines im Zweiten Weltkrieg. "Mehr als 3000 von ihnen sollen daran teilgenommen haben" schreibt das Rheinische JournalistInnenbüro in dem Buch "Unsere Opfer zählen nicht. Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg". ISBN 3-935936-26-5. Dort erfährt man mehr zu diesem Thema von kompetenter Stelle.

     

     

    (Ab 11.12.2008)

     

    o "Der Tag, an dem die Erde stillstand"

    von Scott Derrickson - USA 2008 - 103 Min.

    Der gleichnamige Film aus dem Jahre 1951 unter der Regie von Robert Wise ist ein Sci-Fi-Klassiker, der auch heute noch wegen seiner klaren Struktur und dem bewussten Einsatz seiner Spezialeffekte überzeugt. In der Zeit des Kalten Krieges, in der dieses Genre für politische Botschaften missbraucht wurde - "die Angst vor dem Kommunismus" -, setzte er neues Denken frei. Damals ging es um die Folgen der Wettrüstung. Noch vor einiger Zeit habe ich diesen Film in einem Uni-Seminar eingesetzt. Er fand in der Generation der 20-jährigen eine beachtliche Resonanz.

    In der aktuellen Verfilmung haben sich die Akzente verschoben. Technisch glänzt er durch die heute vorführbaren Effekte sowie durch den Verzicht auf überflüssige Rahmen- bzw. Nebenhandlungen. Zentrales Thema ist diesmal die globale Katastrophe, die durch den rücksichtslosen Umgang der Menschheit mit den Ressourcen der Natur droht.

    Der richtige Film zur richtigen Zeit, denn heute - am 08.12.2008, dem Tag der Pressevorführung - wird in den Tageszeitungen auf die Welt-Klimakonferenz im polnischen Posen hingewiesen. Im Kern geht es um das globale Miteinander, um den zivilisatorischen Stand der Welt. Eine Vorführung dieses Films als Rahmenprogramm wäre äußerst sinnvoll.

    Nebenbei bemerkt: Der Film von heute animiert dazu, sich noch einmal die klassische Version anzusehen, die es auf einer wirklich empfehlenswerten DVD gibt.

     

    (Ab 04.12.2008)

     

    -- "Geliebte Clara" von Helma Sanders-Brahms - D 2008 - 107 Min.

    Beziehungsdrama. Clara und Robert Schumann und Johannes Brahms in Düsseldorf. Von rheinischer Lebensart keine Spur. Verbissen werkelt der Film am Denkmal der Großen. Das ganze Ensemble erinnert an eine Muppet-Show mit Loriot als Dialogschreiber.

    Es gibt nur eine wirklich interessante Szene in diesem Film. Der mittellose Musiker Brahms verdient sein Geld in einer Hamburger Kneipe. "Der große Brahms als Kneipenmusiker!" - das wäre eine Geschichte und ein Film, der ihn uns näher bringt und sympathisch macht.

     

    (Ab 20.11.2008)

     

    -- "Die osmanische Republik" von Gani Müjde - Türkei 2008 - 94 Min.

    Die Idee ist eigentlich bestechend: Gäbe es Kemal Atatürk nicht, wie sähe dann die Türkei heute aus? Vielleicht so wie in diesem Film, in der die Türkei von den USA regiert wird und der Sultan mehr oder weniger nur ein Lakai und/oder eine Witzfigur ist . Doch was der Film großsprecherisch als "hinreißende Satire" ankündigt, gleicht einer riesigen Portion knallbunter Zuckerwatte, mit der man sich schnell den Magen verderben kann. Länger als eine Viertelstunde habe ich jedenfalls nicht ausgehalten ...

     

     

    ANSICHTS-SACHEN

     

    DAS AKTUELLE JAPANISCHE KINO - Vortrag von Dr. Kyoko Hirano im Japanischen Kulturinstitut Köln am 08.05.2012

     

    Der sehr aufschlussreiche und gehaltvolle Vortrag (mit Filmausschnitten) über die neuesten Filmentwicklungen in Japan bot die beinahe sensationelle Information, dass der Regisseur Kaneto Shindo, geboren 1912 (!!) aktuell einen - vielleicht seinen letzten - Film gedreht hat, in dem er einen Teil seiner Kriegserfahrungen aufarbeitet: "A Postcard". Shindos Meisterwerke wie beispielsweise "Onibara" haben Generationen von Filmemachern und Filminteressierten bewegt. Ich hoffe, dass dieser Film zumindest in der DVD-Version nach Deutschland kommen wird.

    Ansonsten folgen die aktuell erfolgreichen japanischen Filme dem bewährten Muster der Auswertungskette: Manga - TV-Serie - Kinofilm. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang "From Up On Poppy Hill" von Goro Miyazaki, ein Anime über den Alltag von Jugendlichen in Yokohama. Der Sohn von Hayao Miyazaki ist mit seinen Filmen kommerziell nicht ganz so erfolgreich wie sein Vater, dessen Filme immer noch zu den größten Kassenschlagern des japanischen Kinos zählen.

    Koki Mitani drehte mit "Once In A Blue Moon" ein komödiantisches Justiz- und Gerichts-Drama, in dem der einzige Zeuge ein Geist aus früheren Jahrhunderten ist. Und von Junij Sakamoto gibt es mit "Oshika Village" eine Komödie über ein dörfliches Kabuki-Theater.

    Es ist bedauerlich, dass diese Filme uns nur über Festivals, über Arte oder DVD erreichen. Aber es ist sinnvoll, sich diese Titel zu merken.

     

     

    L'INVENTION DU SAUVAGE - Im Pariser Museé du Quai Branly - noch bis zum 3. Juni 2012

     

    Allein der Besuch des Museums - nahe beim Eiffelturm - mit seinem optisch attraktiven, herausforderndem Ambiente ist ein Besuch wert - nein: mehrere Besuche sind die bessere Lösung.

    In dieser Sonderausstellung geht es um die "Zurschaustellung des Fremden", beginnend mit Gemälden von vor 500 Jahren und endend mit Filmen aus dem vergangenen Jahrhundert. Das Thema "Rassismus" bildet dabei ein durchgängiges Motiv. Die 600 (!) Exponate umfassen neben Gemälden, Filmen und Fotos auch Modelle, Kostüme und viele der aufreißerischen Plakate, die "Wildes" und "Exotisches" versprechen.

    Die sich dem Betrachter aufdrängende Frage ist die, wo hören die "Informationspflichten" - zum Beispiel über die ersten Eindrücke aus den Übersee-Expeditionen - auf und wo fängt die "Sensationslüsternheit" - beispielsweise bei den "Völkerschauen" wie bei Carl Hagenbeck oder William Cody alias Buffalo Bill auf? Was genau unterscheidet ein wissenschaftliches Objekt von einer Quelle der Unterhaltung?

    Und so ganz nebenbei spielt seit über 100 Jahren auch die Entwicklung der Filmindustrie eine nicht gerade nebensächliche Rolle. Provozierend wirken in diesem Zusammenhang auch Filmausschnitte mit der Tänzerin Josephine Baker - eine direkte, provokative Überleitung zu unserem heutigen Verhalten solchen "Sensationen" der exotischen Entertainment-Industrie gegenüber.

    Den Katalog gibt es (leider) nur in französischer Sprache.

     

    ISAAC JULIEN "Ten Thousand Waves" - Museum Brandhorst in München - ab 30.März 2011

     

    Ausgangspunkt der 9-Kanal-Video-Installation, an der Isaac Julien mehrere Jahre gearbeitet hat, ist die chinesische Legende über die Götting Mazu, deren besondere Fähigkeit darin bestand, auf hoher See in Gefahr geratene Seeleute wieder ans sichere Ufer zu geleiten. In einem seiner Erzählstränge geht es um den Tod von 23 Chinesen, die illegal nach England eingereist waren und sich als Muschelsammler verdingt hatten. Unerfahren mit den Gezeiten des atlantischen Ozeans kamen sie 2005 bei einer Springflut ums Leben. Mazu konnte hier nicht mehr helfen. Aber das ist nur ein Teil einer komplexen und faszinierenden Show, an der auch bekannte chinesische Schauspielerinnen wie Maggie Cheung mitgewirkt haben.

    Mit "Ten Thousand Waves" setzt Julien konsequent die Linie seiner Arbeiten fort, für die besonders Themen wie ästhetische, soziale und psychische Aspekte unterschiedlicher Lebenswelten charakteristisch sind. "Kunstforum" schreibt dazu in Band 210: "Die Choreografie aus Filmschnitt und zeitversetzter Projektion auf den Leinwänden widersetzt sich einer linearen Lesbarkeit. Während der Vorführung kann und sollte sich der Betrachter frei im Raum bewegen. Ein suggestiver Sound aus traditioneller chinesischer und moderner Musik, Alltagsgeräuschen und Erzählerstimme verknüpft die filmischen Sequenzen zu einem nicht versiegenden Fluss aus Bildern, aus denen man nicht mehr auftauchen möchte." (Cornelia Gockel)

     

     

    NUR PFERDEN GIBT MAN DEN GNADENSCHUSS - Düsseldorfer Schauspielhaus - Mai 2011

     

    Abschiedsvorstellung der scheidenden Intendantin Amélie Niermeyer, die in unserer Nachbarstadt wohl nicht so recht angekommen ist. Nach Insider-informationen ist die Wahl dieses Stückes programmatisch zu deuten.

    Der Abend jedenfalls ist gelungen. Im Gegensatz zu dem Film (mit der von mir hochverehrten Jane Fonda) werden hier andere Akzente gesetzt, was ja auch richtig und sinnvoll ist. Ein hochkarätiges Ensemble präsentiert sich hier in voller Besetzung mit einer respektablen Leistung. Über die Konzeption lässt sich streiten, aber sie ist so in dieser Form zu akzeptieren. Meine Empfehlung:Die Vorstellung im Central zu besuchen und ein paar Tage später sich die DVD mit dem Film ansehen. Das gibt ausreichend Diskussionsstoff für die kommenden Tage und Wochen.

     

    WEIHNACHTEN / NEUJAHR 2010/2011: CLAUDE LANZMANN

     

    Wie (fast) alle anderen Menschen auch, so schenkte ich (mir) in diesem Jahr ein Buch und eine DVD. Genauer gesagt:"Der Patagonische Hase" von Claude Lanzmann und die Gesamtausgabe aller seiner Filme, die vorzüglich zusammengestellt und kommentiert als eine arte-Edition von absolut medien auf den Markt gebracht wurde.

    Das Buch ist eine Begegnung mit einem außergewöhnlichen Menschen, dessen Namen im Zusammenhang mit dem Leben und den Arbeiten von Sartre und Simone de Beauvoir weltweit bekannt ist. Seine "ERINNERUNGEN" sind ein literarisches Meisterwerk, das so ganz nebenbei die Politik der Nachkriegszeit aufrollt und aufschlussreiche Einblicke in Szenen und Ereignisse erlaubt, die aus der individuellen Perspektive des Protagonisten offen dargelegt werden. Es ist sinnvoll, das Buch möglichst ohne längere Pausen zu lesen, da es gerade in seiner Reichhaltigkeit eine Herausforderung für die Leser darstellt. Hin und wieder ist ein Abgleich mit dem eigenen Leben angebracht.

    Direkt danach sollte man sich die Zeit für die DVD-Edition nehmen. Lanzmanns erster Film "WARUM ISRAEL" (1973) ist in seiner Fragestellung und Positionierung auch heute noch gültig.

    Und dann "SHOAH", ein Film, der mit keinem anderen zu vergleichen ist und einmal bleiben wird. Gut zehn Stunden braucht man, um ihn zu sehen. Gegenüber den Kundigen, die das Werk vor Jahren auf der Berlinale sehen konnten, hat das Film nun den Vorteil, sorgfältig mit deutschen Untertiteln bedacht zu sein. Das erleichtert die Rezeption. SHOAH ist ein Film, den mindestens jeder Deutsche gesehen haben muss. In seinen "Erinnerungen" erzählt Lanzmann auch ausführlich über die problemgeladenen Dreharbeiten und die kontroversen Reaktionen, die SHOAH erfahren hat.

    Claude Lanzmann, Buch und Filme, das sollte man sich jetzt vornehmen. Wenn nicht jetzt, wann denn?

     

     

    STEVEN SPIELBERG - JOHN WILLIAMS (01.11.2010)

     

    Ein Konzert (Meisterregisseure und ihre Komponisten) in der Kölner Philharmonie. Es spielte das London Symphony Orchestra unter der Leitung von Frank Strobel. Auf dem Programm Musik von John WIlliams zu Filmen von Steven Spielberg ("Jurassic Park", "Jaws", "Schindlers Liste", "Indiana Jones", "Hook" etc. Filmmusik ohne Bilder und Dialoge erlaubt die ungestörte Konzentration auf die Kompositionen. Das ist ein Angebot bzw. ein Erlebnis, dem man sich nicht entziehen sollte. Es war ein 'großer Abend!', der Spuren und aufschlussreiche Erkenntnisse hinterlassen wird. Veranstaltet wurde er von der Europäischen FilmPhilharmonie, die Frank Strobel mitbegründete. Die kommenden Termine darf man auf keinen Fall verpassen: am 20.11.2010 "Bernard Herrmann - Alfred Hitchcok" und am 21.01.2011 "Nino Rota - Federico Fellini". DIe Reihe wird durch das Kuratorium KölnMusik e.V. gefördert.

     

    LA BOHÈME (25.09.2010 - 09.01.2011)

     

    Eine Ausstellung im Museum Ludwig: "Die Inszenierung des Künstlers in Fotografien des 19. und 20. Jahrhunderts"".

    Fotos von und mit bekannten (oder mir) unbekanntes Künstlern. Sie dokumentieren, wie sich die Künstlers einem neuen Medium annähern, es ausprobieren und dann vereinnahmen. Dem spielerischen Umgang folgten erste Konzepte, auch wenn sie sie bewusst noch "anti" ausnahmen. In den Anfängen sieht man sehr statische Aufnahmen, die später dann mehr und mehr inszeniert und damit lebendiger wurden. Der nächste Schritt - in dieser Ausstellung folgerichtig ausgespart - war dann der FILM.

    Wer die Ausstellung verpasst hat, kann sich mit dem überaus sehenswerten und anregenden Katalog (Steidl Verlag) trösten, der in jede Filmbibliothek gehört. Noch ist er zu teuer, aber vielleicht taucht er ja irgendwann bei 2001 auf. Dann aber sofort zugreifen.

     

    CARAVAGGIO 1571 - 1610

     

    Vor 400 Jahren, am 18. Juli 1610, starb Michelangelo Merisi da Caravaggio. Spätestens als ich vor vielen Jahren bei der Berlinale (Panorama) den Film von Derek Jarman gesehen habe, bin ich ein ausgesprochener Fan des Grossen Meisters. Anfang Juni war ich in Rom, um mir dort (Scuderei del Quirinale) die Ausstellung mit Arbeiten anzusehen, die nicht immer öffentlich zugänglich waren bzw. sind. WIe bedeutend seine szenischen Darstellungen waren, wurde mir klar, als ich ergänzend zu der Gesamtschau einige seiner Bilder mit Genreszenen in den römischen Kirchen sah und dort ein direkter Vergleich mit der zeitgenössischen Malerei möglich war. Seine Darstellungen sind dynamisch, organisch und dramatisch. Demgegenüber sah ich viel Statisches, Langweiliges.

    Caravaggio hat den Ruf, ein Raufbold, Trinker und Schläger zu sein - ein Kleinkrimineller vielleicht. Was aber ist das im Vergleich zu den großen Schweinereien und Schurkereien, die in diesen Jahren im Vatikan und im Umfeld seiner Kardinäle getrieben wurde? DAS ist der eigentliche Skandal.

    Caravaggio würde ich heute sehr gerne als Filmemacher erleben - so zwischen Pasolini, Jarman und Schlingensief. Immerhin gibt es ja den Jarman-Film auf DVD - ebenso wie das Ballett von Mauro Bigonzetti, Bruno Moretti und Claudio Monteverdi; Staatsoper Unter den Linden, Berlin, Dezember 2008. Über Caravaggio wurde viel geschrieben und es gibt ausgezeichnete Bildbände. Nennenswert in diesem Zusammenhang die vergleichsweise kleine, aber aufschlussreiche Publikation von Andrea Camilleri "Die Farbe der Sonne - EIn Caravaggio-Roman" (Rowohlt 2010).

     

    PREISTRÄGER BERLINALE 2010

     

    ALs Berlinale-Dauerbesucher (seit 40 Jahren als "Forum"-Fan dabei) und einziges Mitglied der von mir berufenen Jury vergebe ich in diesem Jahr folgende Preise:

    Der "Goldene Bär" geht an den Film WINTER'S BONE (USA 2010).

    Der "Silberne Bär" für die beste Regie geht an DEBRA GRANIK für "Winter's Bone"

    Der "Silberne Bär" für die beste Darstellerin geht an JENNIFER LAWRENCE für ihre Hauptrolle in "Winter's Bone"

    Der "silberne Bär" für eine herausragende künstlerische Leistung geht an MICHAEL MCDONOUGH für die Kamera in "Winter's Bone"

    Der "Silberne Bär" für das beste Drehbuch" geht an DEBRA GRANIK und ANNE ROSELLINI für "Winter's Bone".

    Der "Ärger Bär" geht an den Film JUD SÜSS - FILM OHNE GEWISSEN - und zwar an das gesamte Ensemble incl. Produktion und Filmförderer. Ich habe in der Berlinale-Vorberichterstattung einige Filmausschnitte gesehen und hatte dann das große Glück, mich gegen den Besuch der Vorführung entschieden zu haben. Die "Scheiße!"-Resonanz auf diesen Filme bedarf keines weiteren Kommentars. Schade; hier ist wieder mal ein interessanter Film(geschichts)stoff auf Jahrzehnte hinaus verbrannt worden.

    Und nun zu anderen Themen:

    In der DEUTSCHEN REIHE war ich von MEIN KAMPF besonders enttäuscht. Tom Schilling, den ich sehr schätze, tritt hier als Hitler-Karikatur wie in einem Komödienstadl auf. Ein unerträglicher Film. Auf der Bühne ist das eine ganz andere Sache. Die Theaterfarce von George Tabori hat wohl ihren eigenen Stellenwert mit einer besonderen Qualität. Das würde ich gerne 'mal sehen. SAME SAME BUT DIFFERENT von Detlev Buck hat bei mir den stärksten Eindruck hinterlassen. Ich finde es gut, dass sich der deutsche Film nicht nur der langwierigen und langweiligen Beziehungskisten in deutschen Großstädten annimmt, sondern auch einmal über die Landesgrenzen hinaus Themen sucht und findet. Schon bei DR. ALEMAN hat mich das überzeugt. Die beiden Hauptdarsteller sind stark; Kamera und Regie ebenfalls. Die beste Kamera sah ich in WAS DU NICHT SIEHST von Wolfgang Fischer. Der Kameramann Martin Gschlacht hat nachhaltig wirkende Kino-Bilder kreiert, die zu einem tragenden Element des Films wurden. Das gilt auch für die Kamera (Ulle Hadding) in PARKOUR von Marc Rensing. Für mich die Überraschung des Jahres. Endlich mal wieder ein Film, der für frischen Wind im deutschen Kino sorgt. Eine tolle Geschichte, furios umgesetzt. Lob und Anerkennung!

    FILME AUS IRLAND gab es auch (im EFM). Der Psychotriller mit Horror-Elementen WAKE WOOD von David Keating ist Genrekino vom Feinsten; OUTCAST von Colm McCarthy bewegt sich ebenfalls sicher und gekonnt in diesem Gelände. Das sind keine 'irischen' Stories, wie man sie in den letzten Jahren oft sehen konnte; eher Filme für den Weltmarkt. Muss ja auch sein. SAVAGE von Brendan Muldowney ist hingegen realitätsnäher. EIne Art "Mann sieht rot"-Geschichte. Hier geht es um einen biederen Fotoreporter, der von Jugendlichen zusammengeschlagen wird. Langsam muss er sein Trauma überwinden. Er bringt sich - auch körperlich - in Form und schlägt zurück. Sieht man einmal von dem unausweichlich blutigen Ende ab, ist es eine interessante Studie über Gewalt in unseren Städten. Die aktuellen U-Bahn-Überfälle liefern in diesem Zusammenhang den Motivations-und Argumentationszusammenhang für solche Stoffe. Hoffentlich bald bei uns im Kino oder auf DVD!

    UND SONST:

    sah ich im FORUM den taiwanesischen Film AU REVOIR TAIPEI; eine Krimi-Actionkomödie, die in Taipei spielt, aber mit typisch französischem Charme die Geschichte erzählt. Eine Lovestory mit Spannung, Romantik und Humor; mit schrillen Figuren und originellen Schauplätzen. Eine amüsante Erholung vom stressigen Berlinale-Terminkalender.

    Im PANORAMA dann noch WELCOME TO THE RILEYS mit Soprano-Star James Gandolfini in der Hauptrolle. Eine unkonventionelle, aber liebenswerte Figur mit dem berühmten weichen Kern in der harten Schale.

    im EFM dann noch CARGO - SPACE IS COLD, ein Sience-Fiction aus der Schweiz von Ivan Engler & Ralph Etter. Der Film kann nachweisen, dass er technisch visuell mit dem Hollywood-Kino mithalten kann. Die Geschichte (Gefahr im Raumschiff mit tiefgefrorener Besatzung) aber bleibt belanglos und verliert sich schon nach kurzer Zeit in den Weiten des Alls.

    KINDERFILME sind nun im Programm "Generation Kplus" zu sehen. Zwei Filme habe ich besucht:

    IEP!, Niederlande/Belgien 2010. Es geht um ein kleines Wesen (ein Kind mit Flügeln!), dass von Pflegeeltern um- und versorgt wird, sich dann aber auf macht in den Süden...

    Die Hauptrolle wurde mit einem sechsjährigen Kind besetzt, das an Minderwuchs leidet und nur erschwert Zugang zu seiner Umgebung findet und dem die Medienwelt daher völlig fremd sein dürfte. So etwas nenne ich verantwortungslos und sollte schon gar nicht durch eine Festivalaufführung legitimiert werden. Ich verstehe nicht, wie soetwas passieren kann. Die Regisseurin des Films wollte ihren Namen nicht mit dem Film verbinden, daher bleibt es bei "Ellen Smit". Eine inkompetente Presse (Berlin-Online-Stadtmagazin) sprach in diesem Zusammenhang allerdings von einer "Idealbesetzung in der Regie"!

    Der andere Film war SUSA aus Georgien (Regie: Rusudan Pirveli). Protagonist ist der 12-jährige Susa, der bei einer illegalen Schnapsbrennerei arbeitet und der sich fast ausnahmslos in diesem Umwelt bewegt: Kleinkriminelle, Prostituierte, Alkoholiker etc. Ein düsterer Streifen, aber nicht für Kinder, sondern für diejenigen, die hier und heute oder dort und heute die gesellschaftliche und politische Verantwortung für Kinder tragen. Der Film ist in diesem Teil der Berlinale völlig falsch präsentiert, das FORUM wäre der geeignetere Ort für die erforderliche Zielgruppe.

    Die Programmgestalter des ehemaligen "Kinderfilm"-Festivals verstehe ich immer weniger. Vielleicht bin ich aber ach u anspruchsvoll oder zu altmodisch. Wer weiß?

    THEMBA von Stefanie Sycholt war leider nur auf dem EFM zu sehen. Die Handlung spielt in einem kleinen Dorf in Südafrika. Themba, der Junge, ist ein talentierter Fußballspieler, der trotz schwieriger familiärer Bedingungen seinen Weg gehen kann. Dieser führt ihn bis an die Spitze eines Junioren-Teams von nationaler Qualität. Im Gegensatz zu vergleichbaren Filmen wie BANDO geht es hier aber nicht um die Karriere des Jungen - und dem damit verbundenen Sprung zu europäischen Spitzenteams - , sondern um das Thema Aids, das auf diesem Wege - über den Fussball-Film und die sich damit verknüpfende Publizität - die Tabus aufbrechen soll, die in Südafrika immer noch vorhanden sind.

    Ein unterhaltsamer Film für unsere Kinder - ein weitaus wichtigerer für die Kinder in Afrika. Die Fussball-Euphorie schafft die notwendige Plattform für die dringend notwendige Aufklärung.

     

     

    DIE EMPFEHLUNG FÜR PARIS 2010: FORUM DES IMAGES IM FORUM DES HALLES

    Neben der weltweit bekannten Cinématheque Francaise auf der Rue de Bercy in Paris gibt es noch eine - leider weniger bekannte - zweite Anlaufstelle für Cineasten, die mehr über Filme und Filmgeschichte wissen wollen, als das Kino aktuell anbietet. Im Forum des Halles / Porte Saint-Eustache (mit einem separaten Eingang auf der Rue du Cinéma) präsentiert sich das FORUM DES IMAGES mit vier Kinosälen unterschiedlicher Größe und einem "Salle des Collections" mit Monitor-Sichtplätzen für Einzelinteressen und Gruppen. Hier kann man aus einem Angebot von 6.500 Filmen aus und über Paris auswählen - ein filmhistorischer Schatz von besonderer Qualität. Da gibt es viel zu entdecken, nachzuholen oder wiederzusehen. Beim Angebot der Spielfilme besteht wohl noch eine (lizenzrechtlich begründete?) Einschränkung, die durch das Archiv der Cinematheque und deren Angebot begründet ist.

    Für einen Eintrittspreis von 5 € kann man sich vier Stunden in den Räumen aufhalten; alternativ einen Film aus dem Tagesprogramm und zwei Stunden im Salle des collections oder vier Stunden im Salle des collections. Die Öffnungszeiten reichen von mittags bis abends um 22h00.

    www.forumdesimages.fr informiert über das aktuelle Angebot. Es sind beispielsweise neben thematischen Filmreichen auch Seminare und Sonderveranstaltungen.

    Ein Besuch der sich lohnt!

     

     

    "DAVID LYNCH - DARK SPLENDOR - Raum Bilder Klang"

    Eine Ausstellung im Max Ernst Museum Brühl. 22.11.09 - 21.03.10

    Eine seltene Gelegenheit, bislang nicht so bekannte Facetten des Kult-Regisseurs ("Zar des BIZARREN") wahrzunehmen; erstmals in einem deutschen Museum als bildender Künstler - als Regisseur, Maler, Zeichner, Drucker und Fotograf. Das Gesamtangebot hält sich in überschaubaren Grenzen, was aber nicht nachteilig sein muss.

    Georg Klein schreibt in der SZ vom 28./29.11.2009 "... Die Werke, die in Brühl gezeigt werden, sind eine heterogene Auswahl, aber gerade in ihrer schwankenden Qualität bilden sie einen trefflichen Prüfstein für das Gemüt desjenigen, der ihnen als naiver oder skeptischer Bewunderer von Lynch entgegentritt..."

    Dem ist nichts hinzuzufügen. Erwähnenswert noch, das im Museum Vorführungen mit filmischen Frühwerken von Lynch angeboten werden. Neben dem unverzichtbaren "Eraserhead" noch "Six Men Getting Sick", "The Alphabet", "The Grandmother" und "The Aputee", alle aus den Jahren zwischen 1967 und 1973.

     

     

    "Manon" - Filmdokument einer Aufführung der Staatsoper unter den Linden Berlin. Mit Anna Netrebko, Rolando Villazón und Alfredo Daza. Die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Daniel Barenboim. Inszenierung: Vincent Pasterson. D 2007 - 170 Min.

    Ostermontag nachmittags im Filmforum NRW. Als bekennender Netrebo-Fan für mich der Höhepunkt der Feiertage. Da sich der Film ganz auf die Aufführung und die Sänger konzentriert - also auf überflüssige Kamera-Mätzchen verzichtet - hat sich der Besuch gelehnt.

     

    "Der Besucher" von Eric-Emmanuel Schmitt im Grenzlandtheater Aachen

    22. April 1938 in Wien. Sigmund Freud wartet in seiner Wohnung auf seine Tochter Anna, die von der Gestapo festgenommen wurde. Sie drängt ihn, das Land zu verlassen und legte sich mit einem der Nazibonzen an. Unerwartet taucht ein Besucher auf. Eine spannende Auseinandersetzung beginnt, denn es könnte sich möglicherweise um IHN persönlich handeln.

    Das ist für den Atheisten Freud eine Herausforderung; vielleicht aber ist es auch nur ein Irrer oder ein Witzbold...

    In der Inszenierung von Paul Bäcker kommt es zu einem hochkonzentrierten Zweikampf zwischen den beiden Protagonisten, dargestellt von Volker K. Bauer und Steffen Laube. In weiteren Rollen: Lisa Adler als Freuds Tochter Anna und Eugen May als Nazi.

    Ein lohnenswerter Abend. Schauspiel live! Allen Kino- und Oscar-Müden/Frustrierten wärmstens empfohlen.

    20.02.2009)

     

    PREISTRÄGER BERLINALE 2009

    Als Berlinale-Dauerbesucher und einziges Jury-Mitglied des von mir berufenen Gremiums vergebe ich hiermit folgende Preise:

    "Der goldene Bär" für den besten Spielfilm geht an

    "Envoyes tres speciaux / Special Correspondents" von Frédéric Auburtin, F. 2008

    Gérard Jugnot und Gérard Lanvin spielen zwei Mitarbeiter eines populären Radio-Senders, die aus einer individuellen Notlage heraus von Paris(!) aus "live" aus dem Kriegsgebiet Irak berichten. Um die Sache zu beenden, beschließen sie ihre eigene Entführung. Doch damit werden sie erst recht zu nationalen Helden und die Situation gerät außer Kontrolle...

    Eine Komödie über Realität, Fiktion und Fälschung in unseren Massenmedien, die es in sich hat.

    Der silberne Bär" für die bester Darstellerin geht an

    Franziska Petri in dem Film "Schattenwelt" von Connie Walther, D. 2008.

    Ein Film, der weitaus mehr aussagt als der hochgehandelte RAF-Film von Uli Edel und Bernd Eichinger. Franziska Petri, u.a. die herausragende Protagonistin in "Memory" von Matthias Luthardt (D 2008), spielt die Tochter eines Opfers der RAF, die die Nähe zu einem aus der Haft entlassenen Terroristen (Ulrich Noethen) sucht, um sich zu rächen. Drehbuch: Connie Walther und Peter-Jürgen Boock.

    Der "silberne Bär" für den besten Darsteller geht an

    Liam Neeson in dem Film "Five Minutes Of Heaven" von Oliver Hirschbiegel, Irl 2009).

    Hier geht es um ein Attentat aus dem Jahre 1975. In einem "Versöhnungs-Programm" stehen sich 30 Jahre später der Täter (Liam Neeson) und der jüngere Bruder des Opfers (James Nesbitt) gegenüber - doch der will keine Aussöhnung, sondern Rache. Eine großartige Rolle für Neeson: Ein Mann, der als Jugendlicher einen Terror-Akt verantwortlich inszeniert hat und sich nun zu seiner Tat bekennen muss. EIne ebenso herausragende Leistung des deutschen (!) Regisseurs Oliver Hirschbiegel.

    Der "Spezialpreis" der Jury geht an

    John Hurt in "An Englishman in New York" von Richard Laxton, GB 2009

    John Hurt spielt (wieder) den gay writer Quentin Crisp - so hautnah, beklemmend und faszinierend, dass man ihm stundenlang zusehen und zuhören könnte. Eine kongeniale Erweiterung des Films "The Naked Civil Servant" von Jack Gold aus dem Jahre 1975.

    Das ist meine Auslese aus dem Berlinale-Programm 2009. Die (offiziellen) Wettbewerbs-Filme habe ich nicht gesehen.

    (15.02.2009)

     

     

    Zeitreise in den Underground

    Die sehr übersichtliche Ausstellung der "Abstrakten Bilder" von Gerhard Richter mit Museum Ludwig am Dom in Köln nimmt nicht einen ganzen Tag in Anspruch und animiert dazu, sich auch in den Nebenräumen umzusehen. Dort ist seit einigen Wochen eine Ausstellung über JONAS MEKAS zu sehen, die durch ein Filmprogramm im Filmforum ergänzt wird. Über ihn ist sehr viel geschrieben worden; seine Filme fesseln nach wie vor...

    Interessant ist in diesem Zusammenhang eine weitere Ausstellung LOOKING FOR MUSHROOMS. AUF DER SUCHE NACH... über Beat Poets, Hippies, Funk und Minimal Art in San Francisco 1955 - 1968. Das ist eine wahre Fundgrube an zeitgeschichtlichen, politischen und subkulturellen Schätzen mit unmittelbaren Bezügen zur eigenen Vergangenheit. Entsprechendes Alter vorausgesetzt.

    Auch dazu gibt es Filme; bis zum 1. März 2009 noch zu sehen und zu erleben! Das dazu erstellte Materialbuch als Katalog hat seine eigene Qualität und ist ebenfalls empfehlenswert. Dann noch zu lesen: "on the Road" von Hans-Christian Kirsch (rororo 13584) über die Beat-Poeten Burroughs, Ginsberg und Kerouac - und selbstverständlich auch "Unterwegs" von Jack Kerouac (rororo 2225) in einer neuen Übersetzung.

    (07.01.2009)

     

    "Marionetten" von John le Carré

    Wieder 'mal hat sich der Erfolgsautor das kleine Deutschland als zentralen Ort internationaler Intrigen und Spionagegeschichten ausgesucht. Wer regelmäßig die Süddeutsche Zeitung und die Beiträge von Hans Leyendecker liest, den wundert DAS nicht!

    Schlüsselfigur ist ein muslimischer Terrorverdächtiger, der sich illegal in Hamburg aufhält. Eine couragierte Anwältin, die sich im Fluchthafen Hamburg engagiert sowie ein englischer Bankier mit zweifelhaften Ruf und ein in Deutschland lebender berühmter islamischer Gelehrter sind weitere Figuren in einem Schachspiel der Geheimdienste, in dem Regelverletzungen mit zu den Gepflogenheiten zählen. Während die "Betroffenen" als Charaktere Profil besitzen und vom Autor mit überzeugenden Hintergrundinformationen und Handlungsmotivationen ausgestattet werden, bleiben die "Schlapphüte" blass, gewissenlos und austauschbar. Aber so ist es wohl auch, oder?

    (08.12.2008)

     

    Hitchcock Musik- und Filmnacht in Bonn

    Am 22.11. 2008 gastierte die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Frank Strobel im T-Mobile Forum Bonn.

    Das Programm galt dem großen Meister Alfred Hitchcock; genauer: der Musik zu seinen Filmen. Im ersten Teil gab es Auszüge aus "Psycho", "Vertigo" und "Das Fenster zum Hof". Dazu auf der Leinwand ("Europas größter Indoor LED-Wand") Stills aus den Filmen. Das war anregend; konnte man sich ohne Mühe im Kopf doch die Szenen aus den Filmen abrufen.

    Der zweite Teil hatte es in sich: "Der Mieter" aus dem Jahre 1926; ein Film, der seinerzeit als bester englischer Film gefeiert wurde. Bis heute ein Klassiker des Genres. Der Emmy Award-Gewinner und erfolgreiche Hollywood-Komponist Ashley Irwin schrieb 1999 die Filmmusik für Sinfonieorchester dazu. Ein gewaltiges Werk! Immerhin sind es 90 Minuten. Eine Menge "Arbeit" für Frank Strobel, der sich auf solche Herausforderung spezialisiert hat.

    Diese Musik- & Filmnacht war ein besonderes Erlebnis. Schade, dass solche Highlights sehr aufwändig sind und sich nicht beliebig multiplizieren lassen. Um so mehr Dank den Veranstaltern und den Mitwirkenden, dass sie sich auf diese Präsentation eingelassen haben.

    Zurück in Köln wurde dann eine DVD mit einem "Hitch" eingeschoben.

     

    Peter W. Jansen ist gestorben

    Der Filmkritiker und Kulturredakteur Peter W. Jansen (1930 geboren) ist wenige Tage nach seinem 78. Geburtstag gestorben. Er war in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für mich; er hat in seinen Beurteilungen und Einschätzungen Maßstäbe gesetzt, die für meine Generation prägend waren. Ich erinnere mich gerne an die leidenschaftlichen Jury-Diskussionen in den lebhaften Zeiten der Westdeutschen Kurzfilmtage Oberhausen - Ende der 60er- Anfang der 70er-Jahre. Seine gemeinsam mit Wolfram Schütte herausgegebene "Reihe Film" im Hanser-Verlag ist bis heute unübertroffen.

    Wer sich speziell für die Geschichte des Neuen Deutschen Films interesssiert, muss Peter W. Jansen lesen!

    (17.11.2008)

     

    Der (in-)diskrete Charme der Bourgeoisie

    - oder "Ein Prost auf die Pleite" ...

    ... so jedenfalls die Artikelüberschrift im Kölner Stadtanzeiger vom 13.10.2008. Weiter heißt es: "Zwei angeschlagene Banken haben in Monaco rauschende Bankette gefeiert... Rund 50 Manager der Finanzgruppe Fortis und 200 Manager der belgisch-französischen Finanzgruppe Dexia haben es sich nach Informationen der belgischen Zeitung De Morgen in den vergangenen Tagen im Hotel des Paris so richtig gut gehen lassen. Sie haben geprasst, während die Anleger in aller Welt litten. Getafelt wurde im Dreisternerestaurant des Hotel de Paris 'Louis XV' von Meisterkoch Alain Ducasse oder im Salle Empire, wo Ducasse-Kollege Frank Cerutti kocht. Die exakten Kosten der Fortis- und Dexia-Manager-Meetings in Monaco sind nicht bekannt. Sie dürften nach vorsichtigen Schätzungen aber um die 400 000 Euro betragen haben."

    Dazu fällt mir eine Szene aus dem Bunuel-Film DER DISKRETE CHARME DER BOURGEOISIE ein. Die dort porträtierte Clique hat auch nichts anderes im Sinn, als angesichts diverser politischer und gesellschaftlicher Krisen ausgiebig zu tafeln. Im Gegensatz zur aktuellen Realität - siehe oben - werden sie dabei allerdings immer unterbrochen - und in einer Szene des Films bereitet eine Gruppe von Terroristen der Bourgeoisie das finale Ende. Schütte nannte diese Schlüsselszene "Appetitus interruptus" - welch treffendes Wort. Doch die Frage bleibt: Wer befreit UNS von diesen Spukgestalten?

    (15.11.2008)