Porträt Horst Schäfer

Bericht

FANTASY FILM FEST 2014

10. – 21. 09. 2014 Cinedom Köln

Der Eröffnungsfilm „The Rover“ (Australien 2014; Regie: David Michöd) hat es in sich. Er spielt irgendwo in Australien nach dem großen Gau. Nach welchem, wird nicht gesagt. Ein paar finstere Gestalten vermasseln einen Coup und müssen fliehen. Auf der Flucht klauen sie einem coolen, wortkargen Typen sein Auto. Er will es unbedingt wiederhaben und eine rasante Verfolgungsjagd durch ein unwirtliches Niemandsland beginnt. Der Protagonist verkrallt sich in seine kalte Wut; Leichen pflastern seinen Weg. „The Rover“ ist genau der Film, den vor X-Jahren Sam Peckinpah mit Warren Oates gedreht hätte. Und das ist das höchste Kompliment, das man dem Film machen kann. Und ganz nebenbei: Robert Pattinson in einer Nebenrolle als geistig etwas langsamer Junge ist Klasse. Er lässt seine Vampir-Vergangenheit schnell vergessen und man ist überrascht, wie er sich in neuen Rollen einfindet.

„Wer“ (USA 2013; Regie: William Brent Bell) ist da einfacher gestrickt. Ein wüster Unhold meuchelt Menschen und eine smarte, blonde und attraktive Anwältin will wissen, warum er so böse ist. Der Werwolf lebt, auch in Zeiten globaler Informations- und Nachrichtentechnik. Muss man nicht unbedingt sehen.

Das gilt nicht für „Under the Skin“ (GB 2013; Regie: Jonathan Glazer) mit Scarlett Johansson. Sie spielt ein Alien, das irgendwie in Schottland auf unsere Welt gerät. Woher und warum erfährt man nicht. Auch ist nicht klar, was genau sie vorhat, nachdem sie in den Körper einer toten Frau geschlüpft ist. Sie hat nur begrenzte Kenntnisse von dem, was sie erwartet und worauf sie trifft. Sie muss sich immer neu orientieren und dabei versuchen, die Menschen zu studieren und zu verstehen. Das hindert sie aber nicht daran, Männer zu verzehren. Der Film erklärt nichts, sondern zeigt nur, was passiert. Die Landschaft in Schottland, die nebelige Melancholie, das raue Ambiente, die harte Sprache und die typischen Sonderlinge machen den Reiz des Films aus, der nur von den hervorragenden Bildern und einer ebenso hervorragenden Protagonistin lebt.

„The Divine Move“ (Südkorea 2014; Regie: Beom-gu Cho) ist ein für dieses Land typisches Genre. Ein Rachethriller mit allen Zutaten. Viel Action, viel Blut, viel Aufwand. Neu und gewöhnungsbedürftig für uns ist lediglich das Ambiente. Hier geht es um das Milieu der Salons und Spielhallen, in denen Go gespielt wird. Wenn man nicht versteht, warum und wohin die schwarzen und weißen Steine gesetzt werden, der soll sich dabei ausmalen, es ginge um eine Poker-Partie oder um Billard-Kämpfe. Ach so: auch die Guten überleben. Wie immer.

„Suburban Gothic“ (USA 2014, Regie: Richard Bates jr.) ist eine erfrischende Gothic-Comedy, in der ein Student in seine alte, spießerische Kleinstadt zurückkehrt und es dort mit Spuk und einem jahrhundertealten Flucht zu tun hat. Die Story ist nicht der Rede wert, aber die Besetzung ist erstklassig.

Zombies auf Goa – das ist mal was Neues. Sonst aber nicht. Ein paar ausgeflippte Typen müssen sich gegen die Untoten wehren – und schaffen es auch. Interessant an „Go Goa Gone“ (Indien 2013) ist der schräge Humor. Einige gelungene Gags garantieren den Unterhaltungswert.

„The Strange Colour Of Your Body’s Tears“ aus Belgien/Frankreich/ Luxemburg ist ein verquastes Vexierspiel in einem düsteren Jugendstil-Gebäude in Brüssel. Kamera und Montage haben den Auftrag, keinen erkennbaren Handlungzusammenhang zuzulassen. Und so bleibt es nach wie vor ein Rätsel, warum ein Geschäftsmann, der von einer Reise nach Hause zurückkehrt, seine Frau nicht mehr findet. Verlorene Zeit.

Das gilt nicht für „The Treatment“ von Hans Herbots, der auch in Belgien spielt. In einer heruntergekommenen, unwirtlichen Gegend. Mit Typen, die am Rande der Gesellschaft leben und von denen einige auch noch einen beachtlichen Dachschaden haben. Ein Kriminalinspektor mit komplizierter Vergangenheit soll den „Beißer“ stellen, der es auf Kinder abgesehen hat, sie entführt, misshandelt und tötet. Ein Genre-Film der wieder einmal zeigt, warum ausgerechnet solche Geschichten in Belgien nicht ungewöhnlich sind.

„The Voices“ von Marjane Satrapi („Persepolis“) ist eine Psycho-Horror-Thriller-Komödie mit einem Serienkiller als Protagonisten, der Frauen zerkleinert und am Ende sogar den Himmel rockt. Bunt und schrill gemischt. Kurzweilig und amüsant. Der richtige Umgang mit einem düsteren Thema, auch wenn die abgeschnittenen Köpfe der Frauen im Kühlschrank ein bedauernswertes Schicksal erleiden. Dafür gibt es einen Hund und einen Kater, die sprechen können und aus ihrer Sicht das Geschehen kommentieren.

Der größte Fehlgriff des FantasyFilmFestivals ist die Aufführung der rekonstruierten Fassung von „The Fall of the House of Usher“ von Jean Epstein aus dem Jahr 1928. Es ist eigentlich eine gute Entscheidung, solchen Filmen in diesem Programm einen Platz zu gewähren. Filmgeschichtliche Bildungsarbeit ist immer willkommen. Hier aber hat man eine neue Musikfassung präsentiert, die einfach eine Zumutung ist. Ein Disco-Sound, der nur sich selbst verpflichtet ist und auf den Film keine Rücksicht nimmt. Er könnte zu jedem x-beliebigen Film abgespielt werden – oder besser auch nicht. Das nervt so, dass man aus dem Kino laufen möchte, da man als Zuschauer in dem Saal den Ton leider nicht abdrehen kann. Filmvorführungen diese Art machen verständlich, warum illegale Nutzungen mitunter als ein Akt der Notwehr begreiflich sind. Was hat man sich nur dabei gedacht?

Eine ausgesprochen schräge Geschichte, die wiederum gut in das Festival-Programm passt, erzählt der koreanische Film „Man on High Heels“. Protagonist ist ein Seouler Cop, der alles platt macht, was ihm in die Quere kommt. Er schreckt auch nicht davor zurück, sich mit den Großen der Unterwelt aufzunehmen. Sein größter Kampf findet jedoch in seinem Innern statt: Er sehnt sich danach, eine Frau zu sein. Und immer wieder gerät er in Rollenkonflikte, die dem Film überraschende Facetten ermöglichen. Ein genresprengendes Spektakel, das zudem auch noch mit einer hervorragenden Kamera eingefangen wurde.

Vergleichsweise düster und morbide ist „The Canal“, ein irischer Film von Ivan Kavanagh. Im Mittelpunkt steht ein Film-Archivar, der sich mit frühen Spuk-Geschichten beschäftigt. Als er mit Frau und Kind in ein düsteres Haus einzieht, das an einem Kanal liegt, vermischen sich für ihn die Ebenen. Er selbst wird das Opfer seiner eigenen Schauergeschichten. Interessant und subtil erzählt, mit unverbrauchten Charakteren und außergewöhnlichen Schauplätzen. Dem Protagonisten wird noch nicht einmal die Zeit gegönnt, sich bei einem Guinness im Pup den finsteren Mächten auszuweichen.

„White Bird in a Blizzard“ ist eigentlich kein Fantasy-Film, sondern mehr ein konventioneller Krimi mit einer verblüffenden Auflösung. Er geht zurück in die bunte, saubere Welt der 80er und zeigt die Doppelbödigkeit der gesellschaftlichen Moral jener Jahre. Ein 18-jähriger Teenager muss mit das plötzliche Verschwinden ihrer Mutter aufarbeiten und deckt nach und nach die verborgenen Schichten ihrer Familie auf. Die Mutter wird von der grandiosen Evan Green gespielt! Allein schon ein Grund, ins Kino zu gehen.

Die (film-)klassische Geschichte des psychopathischen Kannibalisten erzählt „Cannibal“ von Manuel Martin Cuenca aus Spanien/Rumänien/Russland/Frankreich 2013. Ein vornehmer, zurückgezogen lebender Herrenschneider in einer beschaulichen Altstadt von Granada ist der Protagonist eines ruhig, unspektakulär erzählen Genrefilms, in dem es mehr um innere Vorgänge als um äußeren Nervenkitzel geht. Antonio de la Torres pointierte Charakterdarstellung kommt ohne große Gestik und viel Worte aus; er ist ein Opfer seiner eigenen Triebe. Es ist mit Sicherheit kein Sympathieträger, aber ein Mensch, mit dem man sich gerne auseinandersetzen möchte. Nicht zuletzt, weil er wie ein typischer Normalbürger aussieht, mit dem wir es jeden Tag zu tun haben. Und was ist mit den Abgründen in uns? Und das ist es, was den Film nachhaltig macht.

Da es noch ein Leben außerhalb des FantasyFilmFestivals gibt, war es mir leider nicht möglich, alle Filme zu sehen. Aber das, was ich sehen konnte, hat mich überzeugt und ich werde mir auch im kommenden Jahr den Termin rechtzeitig vormerken.