Porträt Horst Schäfer

Der aktuelle Streaming- und Kinotipp

Filmkritiken, Serien- und Kinotipps von Horst Schäfer – über 900 Besprechungen seit 2009.

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Netflix

Schlafende Hunde

von Christoph Darnstädt – D 2023 – 6 x 50 Min. – netflix

Der Ex-Polizist Mike Atlas, der nach einem Nervenzusammenbruch als Obdachloser in einem abgelegenen Wohnwagen auf der Straße wohnt, wird von einem Clan-Mitglied überfallen und zusammengeschlagen. Dieser gibt Atlas die Schuld am Suizid des Bruders, den Atlas durch eine Zeugenaussage im Zusammenhang mit dem Mord an einem Richter ins Gefängnis gebracht hat. Atlas kann sich an die Ereignisse, die damals zur Verhaftung geführt haben nicht erinnern und beginnt, erneut Recherchen in dem Fall zu unternehmen. Gleichzeitig bekommt die beruflich noch unerfahreneAssessorin der Staatsanwältin, Jule Andergast, den Auftrag eben diesen Selbstmord zu untersuchen und stößt dabei ebenfalls auf Ungereimtheiten. Nach und nach finden beide unabhängig voneinander heraus, dass das Clan-Mitglied unschuldig im Gefängnis saß, Es verdichten sich die Hinweise, das Atlas und seine damaligen Kollegen in den Fall involviert waren. Das weitere Geschehen führt in einen Irrgarten mit diversen Spuren, die bis nach Russland zu reichen scheinen.

„Schlafende Hunde“ sollte man besser nicht wecken. Die nach der israelischen Vorlage „The Exchange Principle“ produzierte Serie folgt den Mustern des klassischen Krimis und konzentriert sich dabei auf die Vermeidung der üblichen Polizisten-Klischees zugunsten vielschichtiger, desillusionierter Charaktere mit individuellen Erfahrungen und Motivationen. Korruption in Polizei- und Justizkreisen spielen in der präzisen Narration eine gleichwertige Rolle wie Clankriminalität und Terrorismus. Die Entwicklung der Protagonisten ist dabei ebenso spannend wie die eigentlichen Handlungsstränge. Die Auflösung ist nicht nur überraschend, sondern auch emotional wirkungsvoll erzählt. Hervorzuheben ist die überragende Darstellung von Max Riemelt als nicht nur als äußerlich verwahrloster, sondern auch innerlich total aus der Spur geratener Ex-Cop.

Wertung: kann man sich ansehen

Netflix

Fubar

von Phil Abraham - USA 2023 – 8 x 55 Min. –netflix

Arnold Schwarzenegger als CIA-Agent Luke, der kurz vor dem Ruhestand steht. Der nach vielen erfolgreichen Auslandseinsätzen

bewährte Problemlöser führt ein Doppelleben als Fitnessladen-Betreiber. Seine Frau Tally wusste davon nichts und hat sich von ihm getrennt. Tochter Emma ist ebenfalls als Agentin für die CIA tätig, ohne dass dies die beiden vom jeweils anderen wussten. Nachdem Luke und Emma herausfinden, dass sie beide für den CIA aktiv sind und ihre bisherige Beziehung auf einer Lüge basierte führt sie eine Mission zusammen.

Arnie is back! Für den Hauptdarsteller besteht die Herausforderung dieser Rolle diesmal darin, seine zerknautschte Visage über eine Anhäufung alter Genreklischees hinweg zu bewahren: Mimik statt Muskeln.

Wertung: kann man sich ansehen

Netflix

Blood & Gold

von Peter Thorwarth – D 2023 – 100 Min. – netflix

In einem kleinen Ort in Ostdeutschland begeht ein Soldat in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs Fahnenflucht und soll dafür hingerichtet werden. Er glaubt nicht mehr an den Endsieg und will nur noch sein eigenes Leben retten.

Eine junge Kriegerwitwe befreit ihn in letzter Sekunde und bringt ihn bei sich unter. Bei ihr lebt der jüngerer Bruder, den sie wegen seines Down-Syndroms vor den Nazis versteckt. Diese haben das Dorf besetzt, weil sie nach einem Goldschatz suchen, den ein geflüchteter Jude dort vergraben hat. Da dem Deserteur und der Bäuerin die Flucht nicht gelingt, werden sie zu einem Kampf gegen die marodierenden SS-Truppe gezwungen, was zu einem bildgewaltigen Exzess führt. Denn an dem Goldschatz sind mehrere Personen interessiert. Dazu gehört u.a. auch der Bürgermeister, der sich auf eine Kapitulation der Deutschen und dem Raub der Goldbarren vorbereitet hatte. Und am bitteren Ende kämpft jeder gegen jeden.

Eine Kriegsfilm-Komödie aus dem Genrebaukasten “Wie bastele ich einen Film aus bewährten Zutaten?“ „Blood & Gold“ ist der Versuch einer Nazi-Satire mit viel Slapstick, rasanten Actionszenen und lässigen Dialogen, die ihre vielen filmgeschichtlichen Vorgänger nicht verleugnen, sondern sogar genüsslich zitieren; selbstverständlich Quentin Tarantino an erster Stelle. Danach dann Kriegsfilme, Western und vor allem Italo-Western. Aber nicht Morricone spielt auf, sondern bekannte deutsche Schlager aus den 40er/50er-Jahren geben den Ton an. Als Film ist er nicht innovativ; für einen gemütlichen Rätsel-Abend unter aufnahmebereite Filmfans allenfalls geeignet.

Wertung: hervorragend

Netflix

Transatlantic

von Anna Winger und Daniel Hendler – D 2023 - 7 x 50 Min. – netflix

Eine Serie über Krieg, Vertreibung, Flucht und Hilfe. Die Handlung spielt in Marseille in den Jahren 1940 und 1941; der letzte freie Hafen in Frankreich, den die Nazis noch nicht besetzt haben. Tausende Menschen sind hierher geflüchtet, um weiter in Richtung Spanien, Portugal und dann nach Amerika zu kommen. Im Mittelpunkt steht die authentische Geschichte des amerikanischen Journalisten Varian Fry, einem der Gründer des Emergency Resue Committee; ein Rmehr als zweitausend Menschen bei der Flucht vor den Nationalsozialist unter anderem von den Nazis gesuchte Literatur- und Kunstschaffende wie André Breton, Marc Cagall, Walter Benjamin, Max Ernst, Walter Mehring und Hanna Arendt. Gemeinsam halten sich Fluchthelfer und Flüchtende in einer Villa am Rande von Marseille versteckt, wo die drohende Lebensgefahr zu unerwarteten Allianzen und auch Liebesbeziehungen führte.

Die mit einem international besetzten Star-Ensemble und optisch aufwändig gestalteter Serie vermischt das historische Geschehen mit einigen fiktiven Personen; genregemäße Elemente des klassischen Geschichtsdramas wechseln sich mit Aspekten universell gültiger Flüchtlingsschicksale ab und verweisen somit unmittelbar auf die heutige Situation in Europa. Zum Unterhaltungswert tragen Anspielungen auf Filmklassiker wie beispielsweise „Casablanca“ und „Sein oder Nichtsein“ bei.

Sehenswert ist auch das Making-of-Special über die Vorlagen und Hintergründe des Projektes sowie über historische Charaktere und Ereignisse. Eine Hommage an die vielen furchtlosen Helden, die unter Einsatz ihres Lebens anderen Menschen das Leben retten.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Beef

von Lee Sung Jin – USA 2023 – 10 x 30 Min. – netflix

Auf einem Parkplatz eines Supermarkts in Los Angeles crashen nicht nur zwei PKWs, sondern gleich zwei Welten aufeinander, wie sie unterschiedlicher kaum sein können: Amy Lau und Danny Cho. Amy ist eine erfolgreiche Unternehmerin und ist dabei, ihre ertragreiche Lifestyle-Pflanzenkette für zehn Millionen Dollar zu verkaufen, um mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können. Danny ist freiberuflicher Handwerker mit notorischen Geldsorgen. Er will seine mittellosen Eltern aus Südkorea in die USA holen und träumt davon, irgendwann selbst einmal eine eigene Familie zu gründen. Beide stehen unter dem hohen Erwartungsdruck, sich ständig beweisen zu müssen, um anerkannt zu werden oder zu bleiben.

Aus einem geringfügigen Anlass – wer hat wem die Vorfahrt genommen? – entsteht zunächst eine wilde Verfolgungsjagd durch die kalifornischen Straßen und Vorgärten, die zu einem atemberaubenden Rachefeldzug führt. Aus harmlosen Intrigen entwächst eine echte, sich immer mehr hochschaukelnde Katastrophe mit schicksalhaften Verpflechtungen,

„Beef“ ist eine vorurteilsfreie Comedy-Serie, die die Asiatische Community nicht voyeuristisch oder stereotyp zeichnet, sondern mit schwarzem Humor, pointierten Dialogen und bissiger Ironie stilistisch treffend darstellt. Das furiose Geschehen ist bis in die zahlreichen Nebenrollen hinein hervorragend besetzt. Die Protagonisten vermeiden melodramatisches Spiel, sondern setzen mehr auf die absurden Momente der gesellschaftlichen Gepflogenheiten und Konventionen.

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Netflix

Luther: The Fallen Sun

von Jamie Payne – GB 2023 – 129 Mi. – netflix

Idris Elba, der als vitaler, kraftstrotzender Londoner Detective Chief Inspector John Luther aus der gleichnamigen Thrillerserie bekannt ist, stelle sich in diesem Film einer besonderen Herausforderung. Sein Gegenspieler ist der skrupellose, perfide Serienkiller David Robey; ein stinkreicher Psychopath der seine Opfer durch das Hacken von Smartphones und Computer in die Enge treibt. Er sammelt Informationen über sie, erpresst sie lässt sie schreckliche Taten ausführen, bevor er sie auf grauenhafte und sehr schmerzhafte Weise tötet. Um der Verfolgung Luthers zu entgehen sorgt er dafür, dass dieser ins Gefängnis kommt, um ihn zu verspotten und zu quälen Doch Luther kann flüchten und die Jagd auf Robey aufnehmen. Dieser plant von Norwegen aus ein weltweites Mordspektakel.

Ein temporeicher Actionfilm mit außergewöhnlichen Schauplätzen in der Londoner Unterwelt und einem routinierten, genrebewährten Protagonisten. Ein bildschirmsprengendes Spektakel gerade richtig für die große Leinwand – auch wenn es nur über Streaming verfügbar ist.

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Prime Video

The Consultant

von Tony Basagallop – USA 2023 – 8 x 35 Min. – Amazon Prime

CompWare ist eine erfolgreiche Firma für mobile Spiele, die ihren Mitarbeitern viel Freiheit gewährt, um von ihrer Kreativität zu profitieren. Doch dann passiert etwas Außergewöhnliches. Der Firmenchef wird erschossen. Der Täter ist ein Jugendlicher, der einer Besuchergruppe angehörte. Kurz darauf erscheint ein mysteriöser Berater und übernimmt die Leitung des Unternehmens. Die Angestellten gehen davon aus, dass die Firma abgewickelt wird. Mr. Regus Patoff erweist sich als Fiesling mit bedrohlichem Charme, der mit unorthodoxen Methoden arbeitet und seine Mitarbeiter dazu bringt, sich gegenseitig auszuspielen. Zu seiner Person ist nichts bekannt. Auffällig nur seine Treppenphobie, wenn er sein höhergelegenes Büro erreichen will.

Patoff besticht durch seine coole Eleganz und bedient sich bei der Personalführung illegaler Methoden; wenn ihm der Geruch einer Person nicht gefällt, wird diese umgehend gefeuert. Der neue Boss, der über keine Branchenkenntnisse verfügt, spannt den Programmierer Craig und die Kreativberaterin Elaine in seine teuflischen Spielchen ein. Zunehmend entwickeln sich zwischen dem Berater und den Mitarbeitern eine angespannte Beziehung. Untereinander werden bei diversen Handlungen mitunter Grenzen überschritten, bei denen es nicht nur um die Erhaltung des Arbeitsplatzes, sondern auch um das eigene Leben geht.

„The Consultant“ ist eine satirische Thriller-Serie, stimmig inszeniert und treffend besetzt. Die Rolle des Regus Patoff wurde Christoph Waltz auf den Leib geschrieben. Seine Präsenz bestimmen Tempo und Spannung der Handlung, die den Umgang der kapitalistischen Arbeitswelt und ihrem Humankapital mit scharfer Ironie zuspitzt. „Reg. Us. Pat. Off“: das ist die Abkürzung für „Registered at the United States Patent Office”. Ebenso wichtig wie das Kapital , die Marktkenntnis und das Geschäftsgebaren der Konkurrenten sind detaillierte Informationen über das Privatleben der Beschäftigten.

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Netflix

Das Gesetz nach Lidia Poet

von Guido Luculano und Davide Orsini - Italien 2023 – 6 x 60 Min. – netflix

Lidia Poet (26.8.1855 – 2.2.1949) war die erste Frau in Italien, die als Anwältin tätig war. Doch bis zu ihrer Anerkennung war es ein schwieriger Weg, obwohl sie aus einer renommierter und wohlhabenden Anwalts-Familie stammte. In Turin erklärte Ende des 19. Jahrhunderts ein Urteil des Berufungsgerichts ihre Zulassung als unrechtmäßig, weil sie eine Frau ist. Lidia fängt in der Anwaltskanzlei ihres Bruders an und bereitet sich auf die Anfechtung des Urteils vor. Zwar hat die junge Piemonteserin ihr Studium der Rechtswissenschaften erfolgreich abgeschlossen, doch die Justizorgane verwehren ihr weiterhin die selbständige Ausübung ihres Berufes.

Die Historien- und Krimiserie, die auf wahren Geschichten basiert, zeichnet ein Bild dieser Zeit, in der die Protagonistin gegen die gesellschaftlichen Konventionen angeht. Ihr Bruder Enrico teilt ihre Haltung nicht, steht aber in entscheidenden Situationen auf ihrer Seite. Unterstützt wird sie dabei von dem Reporter Jacobo Barberis, der an denselben Fällen interessiert ist und ihr mit eigenen Recherchen hilft. Jede Folge zeigt einen Whodunit- Fall, den Lidia Poet mit eigenwilligen, unkonventionellen Methoden beharrlich und clever angeht. Dabei geht es oft darum, die Wahrheit hinter den Vorurteilen und Oberflächlichkeiten zu finden.

Im Focus des Geschehens steht die faszinierende Leistung der Hauptdarstellerin Matilda De Angelis sowie die überzeugende Besetzung der Nebenrollen. Einen hohen Anteil am Schauwert der Serie haben auch das Set-Design sowie die Kameraführung.

Wertung: hervorragend

Babylon – Rausch der Ekstase

von Damien Chazelle – USA 2022 - 188 Min.

Ein klassischer „Film im Film“, der in einer spektakulären Inszenierung von Damien Chazelle die aufregenden Jahrzehnte Hollywoods in der Übergangsphase vom Stumm- zum Tonfilm zeigt. Der amerikanisch-französische Regisseur hat bereits mit „La La Land“ seine Liebe zum Kino ausreichend und überzeugend unter Beweis gestellt. „Babylon“ ist eine visuell überbordende Hommage an die frühe Ära Hollywoods, an eine mutige, freche und kompromisslose Epoche der Filmgeschichte.

Es sind drei Schicksale, mit denen er die Zuschauer durch den chaotischen Studiobetrieb Hollywoods führt. Protagonist ist der junge Manny, ein Sohn mexikanischer Einwanderer, der als Botenjunge beginnt und von einer Karriere träumt. Schon sehr früh lernt er die attraktive, aufstrebende Nellie kennen, die um jeden Preis ein Filmstar werden will und es durch aufsehenerregende Auftritte bei den vielen exzessiven Studiopartys auch schafft. Dritter in dieser Konstellation ist der Leinwand-Star Jack, der die Frauen und den Alkohol liebt und meist volltrunken seine Tage und Nächte durchlebt.

Manny schafft an Jacks Seite den Aufstieg zum Studioleiter. Doch das von ihm ersehnte Zusammensein mit Nellie endet mit einer großen Enttäuschung. Ebenso tragisch ist auch das Finale von Jack.

Nicht alle Charaktere sind fiktiv. Es gibt zahlreiche Andeutungen, Anspielungen und Zitate, die auf bekannte Leinwand-Idole, Regisseure, Produzenten und deren PR-Umfeld verweisen. Prägnantes Beispiel dafür ist Brad Pitt als Jack Conrad, dessen Darstellung sich an Clark Gable und Douglas Fairbanks orientiert.

Nach einem Zeitsprung in die Nachkriegszeit sieht man Manny mit Frau und Tochter bei einem Studiobesuch, um ihnen seinen früheren Arbeitsplatz zu zeigen. Allein im Kino sitzend sieht er „Singing in the Rain“ und erinnert sich an all die großen Hollywood-Filme, die Filmgeschichte geschrieben haben und mit kurzen Ausschnitten in einer finalen Kompilation eindrucksvoll und emotional ergreifend montiert sind. Manny sah sich immer nur als „kleines Rädchen“ im Studioalltag. Das hier gewählte „The End“ veranschaulicht, dass ohne all diese „kleinen Rädchen“ die Maschinerie der Traumfabrik Hollywood nicht funktioniert hätte.

Wertung: hervorragend

Netflix

Der denkwürdige Fall des Mr Poe

von Scott Cooper – USA 2022 – 128 Min. – netflix

Im Jahr 1830. In der US-Militärakademie in West Point wird eines Tages ein Kadett namens Fry tot aufgefunden, der scheinbar Selbstmord begangen hat. Da es aber Anzeichen für ein Verbrechen gibt, beauftragt man den pensionierten New Yorker Polizisten August Landor mit der Untersuchung. Ein junger Kadett namens Edgar Allen Poe hilft ihm bei den schwierigen Ermittlungen. Die Leitung der Akademie legt Wert auf Diskretion. Doch als weitere Morde im Umfeld der Schule begangen werden, eskaliert die Situation. Bei der Aufklärung der Hintergründe und Motive kommt es zu einem unvorhergesehenen Finale.

Mit dem authentischen Edgar Allen Poe hat dieser Film nichts zu tun. Die Vorlage ist der Roman „The Pale Blue Eye“ von Louis Bayard aus dem Jahr 2006. Protagonist der Filmhandlung ist allerdings nicht die Titelfigur, sondern August Landor. Dessen Rolle wurde mit Christian Bale besetzt, der sich (leider) hinter einem üppigen und struppigen Schnauzbart versteckt. Harry Melling, bekannt aus den „Harry Potter“-Filmen, spielt den jungen, etwas sperrigen Edgar Allen Poe. In Nebenrollen sind u.a. Gillian Anderson, Charlotte Gainsbourg, Toby Jones und Robert Duvall zu sehen.

Neben den darstellerischen Leistungen besonders beeindruckend ist die visuelle Umsetzung der Story: der Kontrast zwischen der harten, winterlichen Stimmung draußen und der warmen Kerzenschein-Atmosphäre in den Innenräumen. Die kongeniale Ergänzung bietet die Filmmusik von Howard Shore, der vor allem durch seine Arbeiten für Psychothriller und Fantasyfilme bekannt ist und mehrfach mit dem Oscar ausgezeichnet wurde.

„Der denkwürdige Fall des Mr Poe“ ist ein geschicktes Gewebe aus Fiktion und Fakten; ein Kriminalfilm mit Mystery- und Horror-Elementen. Die Kenner der Werke von Edgar Allen Poe werden ihren besonderen Spaß an den vielen Anspielungen und Zitaten haben.

Wertung: hervorragend

Netflix

Copenhagen Cowboy

von NWR (Nicolas Winding Refn) - Dänemark 2022 – 6 x 50 Min. – netflix

Miu ist eine zierliche junge Frau, die auf geheimnisvolle Art und Weise in einem Bordell in Copenhagen auftaucht, das von einem kriminellen, albanischen Clan kontrolliert wird. Ihr wird nachgesagt, ein „Glücksbringer“ zu sein. Die Zuhälter-Familie verspricht jungen Frauen aus Osteuropa eine Modelkarriere, hält sie dann aber als Zwangsprostituierte in ihrem Anwesen gefangen. Miu freundet sich mit einem der Mädchen an. Als diese spurlos verschwindet, macht sie sich auf die Suche nach ihr und gerät dabei in ein Netzwerk des organisierten Verbrechens. Sie stößt auf eine chinesische Restaurantbesitzerin, die sie mit den Bossen verfeindeter Gangs bekannt macht. Es geht um die Vormachtstellung über den Drogenhandel. Miu lässt sich darauf ein, als Zulieferin für Kokain-Kunden zu arbeiten, verfolgt aber dabei eigene Ziele. Sie mischt die Szene auf und rächt sich unter Einsatz ihrer Superkräfte an den Männern, die die jungen Frauen tyrannisiert und missbraucht haben.

„Copenhagen Cowboys“ ist eine zwischen Neon-Noir und Fantastik angesiedelte Serie, die sich keinem Genre zuordnen lässt. Die Stilmittel des Gangster-, Drama- oder Thriller-Films werden für eine eigenwillige Dramaturgie und Ästhetik genutzt. Neben einer aufreizend entschleunigten Kameraführung auffallend auch das kontrastreiche Spiel von Licht und Schatten, das von den dröhnenden Beats eines spannungsgeladenem Synthie-Soundtrack untermalt wird. Überlappende Dialoge wie bei Howard Hawks sind sein Ding nicht. Wie schon bei seiner Serie „Too Old To Die Young“ müssen die Zuschauer viel Zeit einplanen.

Refn versteht sich auf eindrucksvoll ausgewählte Farb-Kompositionen; jedes einzelne Bild gleicht einem Gemälde der klassischen Kunst. Räume, Flure und Einrichtungen sind wahre „Schauplätze“, arrangiert und in Szene gesetzt wie bei Edward Hopper. Sie stehen eigenständig und gleichwertig neben den Protagonisten des Geschehens.

Im Mittelpunkt der Handlung stehe jedoch die von Angela Bundalovic gespielte kleine und zierliche Miu, die allein in einer Welt von kräftigen und großen Männern agieren muss. Viele davon sind ausgemachte ‚Schweine’, die sich auch entsprechend benehmen und dafür von ihr bestraft werden. Dabei zeigt die mysteriöse, rätselhafte Miu mitunter auch stoische und autistische Wesenszüge; es wird nicht ersichtlich, woher ihre übernatürlichen Fähigkeiten kommen. Möglicherweise erfahren es wir ja in einer Folge-Staffel.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Rebellion

von Colin Teevan – IRL 2016 – 5 x 50 Min. – netflix

Die zum Gedenken an den 100. Jahrestag des Osteraufstandes 1916 produzierte Serie handelt von einer Gruppe fiktiver Personen, die in Dublin die politischen Ereignisse miterleben. Im Mittelpunkt stehen dabei drei junge Frauen: Elizabeth, eine Sanitäterin der irischen Rebellion, Frances, eine hochrangige Soldatin, sowie Sarah, Sekretärin und Geliebte von Charles Hammond, ein Engländer, der in Dublin als einflussreicher Spitzenbeamter dient. Hinzu kommen noch Jimmy Mahon, Soldat der irischen Rebellion, und seine Familie, sowie Elizabeths englische Familie, die es zu Macht und Ansehen gebracht hat.

Die Serie beginnt am 3. Januar 1916 und endet am 31. Januar 1916. Während irische Nationalisten planen, die britische Herrschaft zu stürzen, gehen die Freundinnen getrennte Wege, um ihren Beitrag zu leisten. Dabei kreuzen sich mehrfach ihre Wege in der unübersichtlichen Situation in Dublin; ausgelöst durch den Kampf im Generalpostamt, der Kapitulation der Rebellen und deren Hinrichtung nach schnellen Kriegsgerichtsverfahren.

„Rebellion“ stieß in den englischen und irischen Medien auf unterschiedliche Resonanz. Das Miteinander der Protagonisten und der historischen Personen wie Pearse, Collins, Clarke und de Valera löste Widerspruch aus, während die Schauspieler und die Rekonstruktion des Ambientes und die atmosphärischen Elemente durchweg positiv beurteilt wurden.

Netflix

Rebellion Staffel 2

/ „Resistance“ von Colin Teevan – IRL 2019 – 5 x 50 Min. – netflix

Hintergrund dieser Serie ist der Blutsonntag im Jahr 1920. Die handelnden Personen konzentrieren sich gegenüber der Staffel 1 auf Jimmy Mahon, seine Familie und ihr Umfeld. Wobei Jimmys Bruder Patrick, ein Mitglied der Royal Irish Constabulary, als Gegner der IRA, einen führenden Part einnimmt. Hinzu kommen noch Ursula Sweeney, eine Codeknackerin von Dublin Castle und Jimmys Schwester Minnie. Als Protagonisten profilieren sich Michael Collins sowie Daniel Shea; wobei letzter ein einflussreicher irisch-amerikanischer US-Senator ist, der mit der Unabhängigkeitsbewegung sympathisiert. Der Bankier Harry Butler, ein feiger, zwielichtiger Charakter, gerät zwischen alle Fronten, da er ohne Wissen seiner Bank die Rebellenregierung finanziert.

Die familiäre Situation Jimmys konfrontiert die Handlung zunehmend mit den historischen Ereignissen, die zunehmend brutaler und blutiger werden. “Resistance“ ist mehr ein Spionagethriller als ein Actionfilm. Es geht nicht nur um Bruderkrieg, sondern auch um Schwesternliebe. Die Dramaturgie bedient souverän den Spannungsbogen zwischen Rat und Verrat, Flucht und Vertreibung, Niederlage und Sieg. Staffel 2 bietet kein happy end an, sondern zeigt wie sehr die ausgehandelten Friedenspläne erneut die Nation spalten.

Wertung: hervorragend

Paramount+

The Offer

von Adam Arkin u.a. - USA 2022 – 10 x 60 Min. – Paramount+

Eine atemberaubende Serie über die Produktion des Mafia-Epos “Der Pate” (1972). Hollywood über Hollywood vom Feinsten. Das Drehbuch entstand nach den Erinnerungen des Produzenten Albert S. Ruddy, der auch im Focus der Handlung steht. Robert Evans, der Produktionschef von Paramount-Studios, verschaffte dem noch unerfahrenen Ruddy die Chance, Maria Puzos Bestseller „Der Pate“ zu verfilmen. Dessen Roman ist in den italienisch-amerikanischen Mafia-Kreisen nicht gerade beliebt, und so ist es auch nicht verwunderlich, dass die Verfilmung verhindert werden sollte. Mit allen Mitteln, notfalls auch mit Gewalt. Wortführer der Widersachen war Frank Sinatra.

Wie es dennoch dazu kam, schildert „The Offer“ in spannungsgeladenen Folgen. Dabei spielen der Autor Mario Puzo, der Regisseur Coppola und der Studio-Chef Evans weitere zentrale Rollen. Mit taktischem Vorgehen schaffen sie es, aus dem Gegenspieler, dem Gangsterboss Joe Colombo, einen Freund und Förderer des Projektes zu machen. Aufschlussreich sind auch die emotional geladenen Wortgefechte um die Besetzung der Hauptrollen, die diversen Budgetprobleme mit den Geldgebern sowie die Auseinandersetzungen der Crew am Set.

Ein realistisch anmutender Blick hinter die Kulissen der Traumfabrik Hollywood, dem vor allen den Männern gilt. Einige Charaktere wirken überzeugend, vor allem Ruddy (Miles Teller) und Colombo (Giovanni Ribisi); während andere wie beispielsweise Evans (Matthew Goode) gängige Klischees bedienen. Als einzige Frau, deren Part im Verlaufe des Geschehens immer wichtiger wird, kann sich Bettye McCartt (Juno Temple) in dieser Männer-Domäne durchsetzen. Sie spielt eine selbstbewusste, risikofreudige Sekretärin, die bei zunehmenden Schwierigkeiten und Problemen immer mehr zur entscheidenden Chefin wird. Besonders erwähnenswert ist noch das Duo Patrick Gallo und Dan Fogler als Puzo und Coppola, deren kongeniales Zusammenspiel an die unvergesslichen klassischen Parts von Walter Matthau und Jack Lemmon erinnert.

Wertung: hervorragend

Netflix

Guillermo del Toros Pinocchio

von Guillermo del Toro und Mark Gustafson – USA u.a. 2022 – 114 Min. – netflix

Das der Name des Kultregisseurs im Titel auftaucht ist hier gerechtfertigt. Die Stop-Motion-Animation des bereits mehrfach verfilmten Klassikers der Weltliteratur von Carlo Collodi ist seit über 15 Jahren ein persönliches Projekt des Mexikaners. Die Geschichte der Holzpuppe, die zum Leben erwacht und ein richtiger Junge werden will, wurde ins faschistische Italiens der 1930er-Jahre verlegt. Das ist der passende zeitgeschichtliche Rahmen für Pinocchio, der nicht brav ist, sondern Unheil anrichtet und gemeine Streiche spielt. Sozusagen ein kleines Monster mir komplexer Persönlichkeit. Die leinwandfüllende, visuell atemberaubende Adaption wendet sich nachvollziehbar gegen eine traditionelle Kinderbuchbetulichkeit und wurde international mit Preisen und Auszeichnungen bedacht.

Del Toro: „Ich wollte eine Welt zeigen in der sich Menschen wie Marionetten verhalten – und in der es ausgerechnet eine Holzfigur ist, die Ungehorsam zeigt und sich für die Menschlichkeit entscheidet.“ Und genau das ist ihm hervorragend gelungen!

(01.12.20229

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Troll

von Roar Uthaug - Norwegen 2022 – 101 Min. –netflix

Ein Troll ist kein kleiner, amüsanter Kobold, sondern ein gigantisches, steinernes Wesen. Wir kennen ihn und seine Vorgeschichte aus den nordischen Sagen. Und nun wird er nach „King Kong“ und „Godzilla“ zum Star eines Monsterfilms, dessen Handlung schnell erzählt ist.

Bei Sprengarbeiten für einen umstrittenen Eisenbahntunnel in den Bergen im norwegischen Hinterland erwacht der steinerne Riese und verlässt das Gebirge. Dabei hinterlässt er eine Spur der Verwüstung, was die Sicherheitsorgane Norwegens mobilisiert. Er macht sich auf den Weg nach Oslo, was das Militär mit allen Kräften verhindern will. Das Monster muss vernichtet werden. Eine junge Wissenschaftlerin, deren Vater sich sein Leben lang mit nordischer Mythologie und der Historie der Trolle beschäftigt hatte, versucht den Einsatz atomarer Waffen abzuwenden. Ihr gelingt es mit Hilfe fachkundiger Kräfte die Vernichtung der Stadt zu verhindern und den Troll zur Rückkehr in die Berge zu bewegen. Doch der Tag bricht an und die Sonnenstrahlen lassen den Troll versteinern. Ganz am Ende des Films, im Nachspann, deutet sich eine Fortsetzung mit weiteren Troll-Storys an: die heimische Folklore und die grandiosen Landschaften bieten ausreichenden Stoff für leinwandfüllende Schauwerte.

Es gehört zur Genese der Fantasyfilme, dass alles, was fremd ist als bedrohlich empfindet wird und bekämpft oder gar vernichtet werden muss. Auch wenn es sich hier in der nordischen Variante um eine Kreatur aus der wunderschönen, wilden und zerklüfteten Landschaft handelt, folgt die Handlung den Gesetzen des Genres. Dafür überzeugt das Fantasy-Spektakel durch eine hervorragende, souveräne Darsteller-Crew und perfekte Action-Effekte.

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Netflix

Das Wunder

von Sebastian Lelio – USA/GB/IR 2022 – 103 Min. – netflix

Ort des Geschehens sind die irischen Midlands im Jahr 1862; eine von Armut und religiösem Fanatismus geprägte Region. Die 11-jäjhrige Anna O’Donnell hat seit vier Monaten keine Nahrung mehr zu sich genommen, scheint aber munter und bei guter Gesundheit zu sein. Die resolute englische Krankenschwester Elizabeth soll das Mädchen zwei Wochen lang Tag und Nacht überwachen. Schwester Michael, eine Nonne, unterstützt sie dabei. Die Ergebnisse sollen sie einer lokalen Kommission vorlegen. Diese ist daran interessiert, sich ein „Wunder“ bestätigen zu lassen, um weiterhin Pilger anzulocken. Elizabeth gelingt es, ein Täuschungsmanöver von Annas Mutter aufzudecken und untersagt der Familie jeglichen Kontakt zu dem Mädchen. Die Ereignisse nehmen einen tragischen Verlauf, infolgedessen Anna stirbt. Doch die Legende um das sogenannte „Fastenmädchen“ ist damit nicht beendet, sondern verfestigt sich.

Vorlage des Films ist der Roman der irischstämmigen kanadischen Autorin Emma Donoghue, der auf überlieferte Ereignisse um die sogenannten „Fastenmädchen“ aus den letzten Jahrhunderten beruht. Der psychologische Thriller wurde zu einem Bestseller und – wie später auch die Verfilmung - mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Neben den überragenden Leistungen der Darsteller in Haupt- und Nebenrollen tragen Design und Kamera zu einer optischen Gesamtkonzeption bei: Die Weite und Schönheit der irischen Landschaft werden kontrastiert mit der Enge und Dunkelheit der Hütten und Räumlichkeiten mit eindrucksvollen Licht- und Schatteneffekten. Ein besonderer Clou ist der Rahmen der Handlung. Die erste Einstellung zeigt das Aufnahmeatelier in der Totalen. Die Kamera führt dann mit einem Schwenk in das Innere eines Hauses und leitet so die erste Szene ein. Und am Ende des Films geht die Kamera dann von der letzten Einstellung aus wieder zurück in den Großraum des Ateliers. Eine Art Brecht’scher Verfremdungseffekt verdeutlicht, dass es sich hier um ein fiktives Historiendrama und keineswegs um die dokumentarische Rekonstruktion von Authentizität handelt.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Cabinet of Curiosities

von Guillermo del Toro – USA 2022 – 8 x ca. 60 Min. – Netflix

Die Horror- Anthologie-Serie präsentiert die Sammlung der höchstpersönlich eingeleiteten Geschichten des Meisters des Fantastischen und Oscar-Preisträgers („Pans Labyrinth“). Einige Folgen wurden auch von del Toro geschrieben, andere beruhen auf Kurzgeschichten: Bilder aus den unheimlichen Gefilden der Schattenlichter, u.a. von Robert Louis Stevenson, H. P. Lovecraft und Michal Shea.

In „Los 36“ geht es um ein Lager, in dem ein Kriegsveteran nach abgelaufener Zeit auf merkwürdige Gegenstände stößt, die er einem Händler, der sich auf schwarze Magie versteht, anbietet. Bei der Untersuchung wird ein Dämon freigelegt, der einen neuen Wirtskörper sucht. „Das Äußere“ handelt von einer unscheinbaren Frau, die so schön und attraktiv wie ihre aufgebrezelten Kolleginnen sein möchte und eine Lotion benutzt, die sie völlig verunstaltet. „Pickmans Modell“ zeigt einen Maler, der Monster malt, die sich aus seinen Gemälden befreien und in die Realität eindringen. „Träume im Hexenhaus“ ist reines Geisterbahnkino, ebenso wie „Die Besichtigung“; beide verlaufen vorhersehbar und ohne großen Spannungsbogen.

Einige Filme wie „Friedhofsratten“ (Mitarbeiter eines Leichenschauhauses graben nachts die Beerdigten aus und such nach Wertgegenständen) sind ‚rattenscharf’, makaber und witzig, andere hingegen überraschungsarm und langweilig wie z.B. „Das Rauschen“. Sehenswert vor allem ist das Solo von F. Murray Abraham als älterer forensischer Pathologe, der den mysteriösen Tod von zehn Bergarbeitern untersuchen soll. „Die Autopsie“ ist eine böse und blutige Episode mit einem furiosen Finale. Da die Reihenfolge der Filme beliebig ist und untereinander keinen Zusammenhang aufweisen, sollte man diese als letzte sehen – evtl. im Umfeld des Grusel-Festes Halloween! Das optisch eindrucksvolle „Intro“ kann man sich allerdings mehrfach ansehen. Es steckt voller Rätsel, Geheimnisse und Mehrdeutigkeiten.

Wertung: hervorragend

Netflix

Blond

von Andrew Dominik – USA 2022 – 166 Min. – netflix

Vom Pin-up-Girl zur Ikone des 20. Jahrhunderts. Kein Biopic über das Leben von Marilyn Monroe, sondern die Geschichte einer früh traumatisierten Frau namens Norma Jean Mortenson, die nicht ihr eignes Leben führen konnte, sondern unter ihrem Image als Sexsymbol litt. Als Vorlage diente der preisgekrönte Roman von Joyce Carol Oates (2000). Obwohl ausdrücklich als Fiktion bezeichnet, ergeben sich eindeutige Parallelen zum Aufstieg und Fall des Hollywood-Stars. Der Film ist eine eigenwillige Interpretation und keine bloße Reproduktion. Er verzichtet auf die Ausbreitung der bekannten Skandale und Affären, sondern erzählt einfühlsam aus der Perspektive der Protagonisten den Lebensweg einer Leinwand-Ikone zwischen Gebrauch und Missbrauch. Nach außen glamourös, nach innen zerrissen. Der Weg nach Oben erweist sich als Abstieg. Dabei tauchen viele der bekannten authentischen Personen aus ihrem Umfeld auf: Ehemänner, Produzenten, Schauspieler und Politiker. Als Hauptmotiv ihrer Suche nach der Selbstfindung dient dabei die große Sehnsucht nach ihrem Vater, den sie nie gekannt hat. Die Männerwelt, die „Marilyn“ erschaffen hat, hat sie letztendlich auch zerstört.

Wertung: hervorragend

arte

Lauchhammer – Tod in der Lausitz

von Till Franzen – D 20222 – 6 x 45 Min. – arte

Die Unwirtlichkeit des Ostelbischen Braunkohlenreviers der Lausitz ist die eindrucksvolle Kulisse für den Rahmen dieser Krimiserie. Der strukturelle, politische und kulturelle Wandel einer Region, die nachhaltig von den Spuren des Tagebaus geprägt ist, färbt sich nicht nur auf die Umwelt ab, sondern auch auf die Menschen, die es in Lauchhammrt noch aushalten. Die Kleinstadt ist schockiert über den Fund einer weiblichen Leiche am Seeufer. Für die Aufklärung des Falls kehrt der Kripo-Ermittler Mark Briegand in seine alte Heimat zurück. Gemeinsam mit der neuen, überaus ehrgeizigen Kollegin Annalena Gottknecht nimmt der die Ermittlungen auf. Sie stoßen auf weitere ungeklärte Verbrechen. Für Briegand ist es eine Reise in seine Vergangenheit. Als er 19 war, kam seine Freundin Kati unter ungeklärten Umständen ums Leben. Die Recherchen führen letztendlich zu einem Serientäter aus den Reihen der Polizei.

Die verblüffende Auflösung des Falles ist keineswegs eine abwegige Erfindung der Drehbuchautoren. In einer Dokumentation, die zeitgleich auf arte ausgestrahlt wurde, wird über vergleichbare Vorkommnisse aus der DDR und Polen berichtet. Darüber ist bislang wenig bekannt, da dies in den sozialistischen Ländern aus ideologischen Gründen nicht öffentlich thematisiert wurde.

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