Porträt Horst Schäfer

Berichte & Notizen

Festivalberichte, Ausstellungen, Konzerte und Fundstücke – vor allem aus den Jahren 2008 bis 2014.

Bericht

FANTASY FILM FEST 2014

10. – 21. 09. 2014 Cinedom Köln

Der Eröffnungsfilm „The Rover“ (Australien 2014; Regie: David Michöd) hat es in sich. Er spielt irgendwo in Australien nach dem großen Gau. Nach welchem, wird nicht gesagt. Ein paar finstere Gestalten vermasseln einen Coup und müssen fliehen. Auf der Flucht klauen sie einem coolen, wortkargen Typen sein Auto. Er will es unbedingt wiederhaben und eine rasante Verfolgungsjagd durch ein unwirtliches Niemandsland beginnt. Der Protagonist verkrallt sich in seine kalte Wut; Leichen pflastern seinen Weg. „The Rover“ ist genau der Film, den vor X-Jahren Sam Peckinpah mit Warren Oates gedreht hätte. Und das ist das höchste Kompliment, das man dem Film machen kann. Und ganz nebenbei: Robert Pattinson in einer Nebenrolle als geistig etwas langsamer Junge ist Klasse. Er lässt seine Vampir-Vergangenheit schnell vergessen und man ist überrascht, wie er sich in neuen Rollen einfindet.

„Wer“ (USA 2013; Regie: William Brent Bell) ist da einfacher gestrickt. Ein wüster Unhold meuchelt Menschen und eine smarte, blonde und attraktive Anwältin will wissen, warum er so böse ist. Der Werwolf lebt, auch in Zeiten globaler Informations- und Nachrichtentechnik. Muss man nicht unbedingt sehen.

Das gilt nicht für „Under the Skin“ (GB 2013; Regie: Jonathan Glazer) mit Scarlett Johansson. Sie spielt ein Alien, das irgendwie in Schottland auf unsere Welt gerät. Woher und warum erfährt man nicht. Auch ist nicht klar, was genau sie vorhat, nachdem sie in den Körper einer toten Frau geschlüpft ist. Sie hat nur begrenzte Kenntnisse von dem, was sie erwartet und worauf sie trifft. Sie muss sich immer neu orientieren und dabei versuchen, die Menschen zu studieren und zu verstehen. Das hindert sie aber nicht daran, Männer zu verzehren. Der Film erklärt nichts, sondern zeigt nur, was passiert. Die Landschaft in Schottland, die nebelige Melancholie, das raue Ambiente, die harte Sprache und die typischen Sonderlinge machen den Reiz des Films aus, der nur von den hervorragenden Bildern und einer ebenso hervorragenden Protagonistin lebt.

„The Divine Move“ (Südkorea 2014; Regie: Beom-gu Cho) ist ein für dieses Land typisches Genre. Ein Rachethriller mit allen Zutaten. Viel Action, viel Blut, viel Aufwand. Neu und gewöhnungsbedürftig für uns ist lediglich das Ambiente. Hier geht es um das Milieu der Salons und Spielhallen, in denen Go gespielt wird. Wenn man nicht versteht, warum und wohin die schwarzen und weißen Steine gesetzt werden, der soll sich dabei ausmalen, es ginge um eine Poker-Partie oder um Billard-Kämpfe. Ach so: auch die Guten überleben. Wie immer.

„Suburban Gothic“ (USA 2014, Regie: Richard Bates jr.) ist eine erfrischende Gothic-Comedy, in der ein Student in seine alte, spießerische Kleinstadt zurückkehrt und es dort mit Spuk und einem jahrhundertealten Flucht zu tun hat. Die Story ist nicht der Rede wert, aber die Besetzung ist erstklassig.

Zombies auf Goa – das ist mal was Neues. Sonst aber nicht. Ein paar ausgeflippte Typen müssen sich gegen die Untoten wehren – und schaffen es auch. Interessant an „Go Goa Gone“ (Indien 2013) ist der schräge Humor. Einige gelungene Gags garantieren den Unterhaltungswert.

„The Strange Colour Of Your Body’s Tears“ aus Belgien/Frankreich/ Luxemburg ist ein verquastes Vexierspiel in einem düsteren Jugendstil-Gebäude in Brüssel. Kamera und Montage haben den Auftrag, keinen erkennbaren Handlungzusammenhang zuzulassen. Und so bleibt es nach wie vor ein Rätsel, warum ein Geschäftsmann, der von einer Reise nach Hause zurückkehrt, seine Frau nicht mehr findet. Verlorene Zeit.

Das gilt nicht für „The Treatment“ von Hans Herbots, der auch in Belgien spielt. In einer heruntergekommenen, unwirtlichen Gegend. Mit Typen, die am Rande der Gesellschaft leben und von denen einige auch noch einen beachtlichen Dachschaden haben. Ein Kriminalinspektor mit komplizierter Vergangenheit soll den „Beißer“ stellen, der es auf Kinder abgesehen hat, sie entführt, misshandelt und tötet. Ein Genre-Film der wieder einmal zeigt, warum ausgerechnet solche Geschichten in Belgien nicht ungewöhnlich sind.

„The Voices“ von Marjane Satrapi („Persepolis“) ist eine Psycho-Horror-Thriller-Komödie mit einem Serienkiller als Protagonisten, der Frauen zerkleinert und am Ende sogar den Himmel rockt. Bunt und schrill gemischt. Kurzweilig und amüsant. Der richtige Umgang mit einem düsteren Thema, auch wenn die abgeschnittenen Köpfe der Frauen im Kühlschrank ein bedauernswertes Schicksal erleiden. Dafür gibt es einen Hund und einen Kater, die sprechen können und aus ihrer Sicht das Geschehen kommentieren.

Der größte Fehlgriff des FantasyFilmFestivals ist die Aufführung der rekonstruierten Fassung von „The Fall of the House of Usher“ von Jean Epstein aus dem Jahr 1928. Es ist eigentlich eine gute Entscheidung, solchen Filmen in diesem Programm einen Platz zu gewähren. Filmgeschichtliche Bildungsarbeit ist immer willkommen. Hier aber hat man eine neue Musikfassung präsentiert, die einfach eine Zumutung ist. Ein Disco-Sound, der nur sich selbst verpflichtet ist und auf den Film keine Rücksicht nimmt. Er könnte zu jedem x-beliebigen Film abgespielt werden – oder besser auch nicht. Das nervt so, dass man aus dem Kino laufen möchte, da man als Zuschauer in dem Saal den Ton leider nicht abdrehen kann. Filmvorführungen diese Art machen verständlich, warum illegale Nutzungen mitunter als ein Akt der Notwehr begreiflich sind. Was hat man sich nur dabei gedacht?

Eine ausgesprochen schräge Geschichte, die wiederum gut in das Festival-Programm passt, erzählt der koreanische Film „Man on High Heels“. Protagonist ist ein Seouler Cop, der alles platt macht, was ihm in die Quere kommt. Er schreckt auch nicht davor zurück, sich mit den Großen der Unterwelt aufzunehmen. Sein größter Kampf findet jedoch in seinem Innern statt: Er sehnt sich danach, eine Frau zu sein. Und immer wieder gerät er in Rollenkonflikte, die dem Film überraschende Facetten ermöglichen. Ein genresprengendes Spektakel, das zudem auch noch mit einer hervorragenden Kamera eingefangen wurde.

Vergleichsweise düster und morbide ist „The Canal“, ein irischer Film von Ivan Kavanagh. Im Mittelpunkt steht ein Film-Archivar, der sich mit frühen Spuk-Geschichten beschäftigt. Als er mit Frau und Kind in ein düsteres Haus einzieht, das an einem Kanal liegt, vermischen sich für ihn die Ebenen. Er selbst wird das Opfer seiner eigenen Schauergeschichten. Interessant und subtil erzählt, mit unverbrauchten Charakteren und außergewöhnlichen Schauplätzen. Dem Protagonisten wird noch nicht einmal die Zeit gegönnt, sich bei einem Guinness im Pup den finsteren Mächten auszuweichen.

„White Bird in a Blizzard“ ist eigentlich kein Fantasy-Film, sondern mehr ein konventioneller Krimi mit einer verblüffenden Auflösung. Er geht zurück in die bunte, saubere Welt der 80er und zeigt die Doppelbödigkeit der gesellschaftlichen Moral jener Jahre. Ein 18-jähriger Teenager muss mit das plötzliche Verschwinden ihrer Mutter aufarbeiten und deckt nach und nach die verborgenen Schichten ihrer Familie auf. Die Mutter wird von der grandiosen Evan Green gespielt! Allein schon ein Grund, ins Kino zu gehen.

Die (film-)klassische Geschichte des psychopathischen Kannibalisten erzählt „Cannibal“ von Manuel Martin Cuenca aus Spanien/Rumänien/Russland/Frankreich 2013. Ein vornehmer, zurückgezogen lebender Herrenschneider in einer beschaulichen Altstadt von Granada ist der Protagonist eines ruhig, unspektakulär erzählen Genrefilms, in dem es mehr um innere Vorgänge als um äußeren Nervenkitzel geht. Antonio de la Torres pointierte Charakterdarstellung kommt ohne große Gestik und viel Worte aus; er ist ein Opfer seiner eigenen Triebe. Es ist mit Sicherheit kein Sympathieträger, aber ein Mensch, mit dem man sich gerne auseinandersetzen möchte. Nicht zuletzt, weil er wie ein typischer Normalbürger aussieht, mit dem wir es jeden Tag zu tun haben. Und was ist mit den Abgründen in uns? Und das ist es, was den Film nachhaltig macht.

Da es noch ein Leben außerhalb des FantasyFilmFestivals gibt, war es mir leider nicht möglich, alle Filme zu sehen. Aber das, was ich sehen konnte, hat mich überzeugt und ich werde mir auch im kommenden Jahr den Termin rechtzeitig vormerken.

Der sehr aufschlussreiche und gehaltvolle Vortrag (mit Filmausschnitten) über die neuesten Filmentwicklungen in Japan bot die beinahe sensationelle Information, dass der Regisseur Kaneto Shindo, geboren 1912 (!!) aktuell einen - vielleicht seinen letzten - Film gedreht hat, in dem er einen Teil seiner Kriegserfahrungen aufarbeitet: "A Postcard". Shindos Meisterwerke wie beispielsweise "Onibara" haben Generationen von Filmemachern und Filminteressierten bewegt. Ich hoffe, dass dieser Film zumindest in der DVD-Version nach Deutschland kommen wird.

Ansonsten folgen die aktuell erfolgreichen japanischen Filme dem bewährten Muster der Auswertungskette: Manga - TV-Serie - Kinofilm. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang "From Up On Poppy Hill" von Goro Miyazaki, ein Anime über den Alltag von Jugendlichen in Yokohama. Der Sohn von Hayao Miyazaki ist mit seinen Filmen kommerziell nicht ganz so erfolgreich wie sein Vater, dessen Filme immer noch zu den größten Kassenschlagern des japanischen Kinos zählen.

Koki Mitani drehte mit "Once In A Blue Moon" ein komödiantisches Justiz- und Gerichts-Drama, in dem der einzige Zeuge ein Geist aus früheren Jahrhunderten ist. Und von Junij Sakamoto gibt es mit "Oshika Village" eine Komödie über ein dörfliches Kabuki-Theater.

Es ist bedauerlich, dass diese Filme uns nur über Festivals, über Arte oder DVD erreichen. Aber es ist sinnvoll, sich diese Titel zu merken.

Allein der Besuch des Museums - nahe beim Eiffelturm - mit seinem optisch attraktiven, herausforderndem Ambiente ist ein Besuch wert - nein: mehrere Besuche sind die bessere Lösung.

In dieser Sonderausstellung geht es um die "Zurschaustellung des Fremden", beginnend mit Gemälden von vor 500 Jahren und endend mit Filmen aus dem vergangenen Jahrhundert. Das Thema "Rassismus" bildet dabei ein durchgängiges Motiv. Die 600 (!) Exponate umfassen neben Gemälden, Filmen und Fotos auch Modelle, Kostüme und viele der aufreißerischen Plakate, die "Wildes" und "Exotisches" versprechen.

Die sich dem Betrachter aufdrängende Frage ist die, wo hören die "Informationspflichten" - zum Beispiel über die ersten Eindrücke aus den Übersee-Expeditionen - auf und wo fängt die "Sensationslüsternheit" - beispielsweise bei den "Völkerschauen" wie bei Carl Hagenbeck oder William Cody alias Buffalo Bill auf? Was genau unterscheidet ein wissenschaftliches Objekt von einer Quelle der Unterhaltung?

Und so ganz nebenbei spielt seit über 100 Jahren auch die Entwicklung der Filmindustrie eine nicht gerade nebensächliche Rolle. Provozierend wirken in diesem Zusammenhang auch Filmausschnitte mit der Tänzerin Josephine Baker - eine direkte, provokative Überleitung zu unserem heutigen Verhalten solchen "Sensationen" der exotischen Entertainment-Industrie gegenüber.

Den Katalog gibt es (leider) nur in französischer Sprache.

Ausgangspunkt der 9-Kanal-Video-Installation, an der Isaac Julien mehrere Jahre gearbeitet hat, ist die chinesische Legende über die Götting Mazu, deren besondere Fähigkeit darin bestand, auf hoher See in Gefahr geratene Seeleute wieder ans sichere Ufer zu geleiten. In einem seiner Erzählstränge geht es um den Tod von 23 Chinesen, die illegal nach England eingereist waren und sich als Muschelsammler verdingt hatten. Unerfahren mit den Gezeiten des atlantischen Ozeans kamen sie 2005 bei einer Springflut ums Leben. Mazu konnte hier nicht mehr helfen. Aber das ist nur ein Teil einer komplexen und faszinierenden Show, an der auch bekannte chinesische Schauspielerinnen wie Maggie Cheung mitgewirkt haben.

Mit "Ten Thousand Waves" setzt Julien konsequent die Linie seiner Arbeiten fort, für die besonders Themen wie ästhetische, soziale und psychische Aspekte unterschiedlicher Lebenswelten charakteristisch sind. "Kunstforum" schreibt dazu in Band 210: "Die Choreografie aus Filmschnitt und zeitversetzter Projektion auf den Leinwänden widersetzt sich einer linearen Lesbarkeit. Während der Vorführung kann und sollte sich der Betrachter frei im Raum bewegen. Ein suggestiver Sound aus traditioneller chinesischer und moderner Musik, Alltagsgeräuschen und Erzählerstimme verknüpft die filmischen Sequenzen zu einem nicht versiegenden Fluss aus Bildern, aus denen man nicht mehr auftauchen möchte." (Cornelia Gockel)

Abschiedsvorstellung der scheidenden Intendantin Amélie Niermeyer, die in unserer Nachbarstadt wohl nicht so recht angekommen ist. Nach Insider-informationen ist die Wahl dieses Stückes programmatisch zu deuten.

Der Abend jedenfalls ist gelungen. Im Gegensatz zu dem Film (mit der von mir hochverehrten Jane Fonda) werden hier andere Akzente gesetzt, was ja auch richtig und sinnvoll ist. Ein hochkarätiges Ensemble präsentiert sich hier in voller Besetzung mit einer respektablen Leistung. Über die Konzeption lässt sich streiten, aber sie ist so in dieser Form zu akzeptieren. Meine Empfehlung:Die Vorstellung im Central zu besuchen und ein paar Tage später sich die DVD mit dem Film ansehen. Das gibt ausreichend Diskussionsstoff für die kommenden Tage und Wochen.

Wie (fast) alle anderen Menschen auch, so schenkte ich (mir) in diesem Jahr ein Buch und eine DVD. Genauer gesagt:"Der Patagonische Hase" von Claude Lanzmann und die Gesamtausgabe aller seiner Filme, die vorzüglich zusammengestellt und kommentiert als eine arte-Edition von absolut medien auf den Markt gebracht wurde.

Das Buch ist eine Begegnung mit einem außergewöhnlichen Menschen, dessen Namen im Zusammenhang mit dem Leben und den Arbeiten von Sartre und Simone de Beauvoir weltweit bekannt ist. Seine "ERINNERUNGEN" sind ein literarisches Meisterwerk, das so ganz nebenbei die Politik der Nachkriegszeit aufrollt und aufschlussreiche Einblicke in Szenen und Ereignisse erlaubt, die aus der individuellen Perspektive des Protagonisten offen dargelegt werden. Es ist sinnvoll, das Buch möglichst ohne längere Pausen zu lesen, da es gerade in seiner Reichhaltigkeit eine Herausforderung für die Leser darstellt. Hin und wieder ist ein Abgleich mit dem eigenen Leben angebracht.

Direkt danach sollte man sich die Zeit für die DVD-Edition nehmen. Lanzmanns erster Film "WARUM ISRAEL" (1973) ist in seiner Fragestellung und Positionierung auch heute noch gültig.

Und dann "SHOAH", ein Film, der mit keinem anderen zu vergleichen ist und einmal bleiben wird. Gut zehn Stunden braucht man, um ihn zu sehen. Gegenüber den Kundigen, die das Werk vor Jahren auf der Berlinale sehen konnten, hat das Film nun den Vorteil, sorgfältig mit deutschen Untertiteln bedacht zu sein. Das erleichtert die Rezeption. SHOAH ist ein Film, den mindestens jeder Deutsche gesehen haben muss. In seinen "Erinnerungen" erzählt Lanzmann auch ausführlich über die problemgeladenen Dreharbeiten und die kontroversen Reaktionen, die SHOAH erfahren hat.

Claude Lanzmann, Buch und Filme, das sollte man sich jetzt vornehmen. Wenn nicht jetzt, wann denn?

Ein Konzert (Meisterregisseure und ihre Komponisten) in der Kölner Philharmonie. Es spielte das London Symphony Orchestra unter der Leitung von Frank Strobel. Auf dem Programm Musik von John WIlliams zu Filmen von Steven Spielberg ("Jurassic Park", "Jaws", "Schindlers Liste", "Indiana Jones", "Hook" etc. Filmmusik ohne Bilder und Dialoge erlaubt die ungestörte Konzentration auf die Kompositionen. Das ist ein Angebot bzw. ein Erlebnis, dem man sich nicht entziehen sollte. Es war ein 'großer Abend!', der Spuren und aufschlussreiche Erkenntnisse hinterlassen wird. Veranstaltet wurde er von der Europäischen FilmPhilharmonie, die Frank Strobel mitbegründete. Die kommenden Termine darf man auf keinen Fall verpassen: am 20.11.2010 "Bernard Herrmann - Alfred Hitchcok" und am 21.01.2011 "Nino Rota - Federico Fellini". DIe Reihe wird durch das Kuratorium KölnMusik e.V. gefördert.

Eine Ausstellung im Museum Ludwig: "Die Inszenierung des Künstlers in Fotografien des 19. und 20. Jahrhunderts"".

Fotos von und mit bekannten (oder mir) unbekanntes Künstlern. Sie dokumentieren, wie sich die Künstlers einem neuen Medium annähern, es ausprobieren und dann vereinnahmen. Dem spielerischen Umgang folgten erste Konzepte, auch wenn sie sie bewusst noch "anti" ausnahmen. In den Anfängen sieht man sehr statische Aufnahmen, die später dann mehr und mehr inszeniert und damit lebendiger wurden. Der nächste Schritt - in dieser Ausstellung folgerichtig ausgespart - war dann der FILM.

Wer die Ausstellung verpasst hat, kann sich mit dem überaus sehenswerten und anregenden Katalog (Steidl Verlag) trösten, der in jede Filmbibliothek gehört. Noch ist er zu teuer, aber vielleicht taucht er ja irgendwann bei 2001 auf. Dann aber sofort zugreifen.

Vor 400 Jahren, am 18. Juli 1610, starb Michelangelo Merisi da Caravaggio. Spätestens als ich vor vielen Jahren bei der Berlinale (Panorama) den Film von Derek Jarman gesehen habe, bin ich ein ausgesprochener Fan des Grossen Meisters. Anfang Juni war ich in Rom, um mir dort (Scuderei del Quirinale) die Ausstellung mit Arbeiten anzusehen, die nicht immer öffentlich zugänglich waren bzw. sind. WIe bedeutend seine szenischen Darstellungen waren, wurde mir klar, als ich ergänzend zu der Gesamtschau einige seiner Bilder mit Genreszenen in den römischen Kirchen sah und dort ein direkter Vergleich mit der zeitgenössischen Malerei möglich war. Seine Darstellungen sind dynamisch, organisch und dramatisch. Demgegenüber sah ich viel Statisches, Langweiliges.

Caravaggio hat den Ruf, ein Raufbold, Trinker und Schläger zu sein - ein Kleinkrimineller vielleicht. Was aber ist das im Vergleich zu den großen Schweinereien und Schurkereien, die in diesen Jahren im Vatikan und im Umfeld seiner Kardinäle getrieben wurde? DAS ist der eigentliche Skandal.

Caravaggio würde ich heute sehr gerne als Filmemacher erleben - so zwischen Pasolini, Jarman und Schlingensief. Immerhin gibt es ja den Jarman-Film auf DVD - ebenso wie das Ballett von Mauro Bigonzetti, Bruno Moretti und Claudio Monteverdi; Staatsoper Unter den Linden, Berlin, Dezember 2008. Über Caravaggio wurde viel geschrieben und es gibt ausgezeichnete Bildbände. Nennenswert in diesem Zusammenhang die vergleichsweise kleine, aber aufschlussreiche Publikation von Andrea Camilleri "Die Farbe der Sonne - EIn Caravaggio-Roman" (Rowohlt 2010).

ALs Berlinale-Dauerbesucher (seit 40 Jahren als "Forum"-Fan dabei) und einziges Mitglied der von mir berufenen Jury vergebe ich in diesem Jahr folgende Preise:

Der "Goldene Bär" geht an den Film WINTER'S BONE (USA 2010).

Der "Silberne Bär" für die beste Regie geht an DEBRA GRANIK für "Winter's Bone"

Der "Silberne Bär" für die beste Darstellerin geht an JENNIFER LAWRENCE für ihre Hauptrolle in "Winter's Bone"

Der "silberne Bär" für eine herausragende künstlerische Leistung geht an MICHAEL MCDONOUGH für die Kamera in "Winter's Bone"

Der "Silberne Bär" für das beste Drehbuch" geht an DEBRA GRANIK und ANNE ROSELLINI für "Winter's Bone".

Der "Ärger Bär" geht an den Film JUD SÜSS - FILM OHNE GEWISSEN - und zwar an das gesamte Ensemble incl. Produktion und Filmförderer. Ich habe in der Berlinale-Vorberichterstattung einige Filmausschnitte gesehen und hatte dann das große Glück, mich gegen den Besuch der Vorführung entschieden zu haben. Die "Scheiße!"-Resonanz auf diesen Filme bedarf keines weiteren Kommentars. Schade; hier ist wieder mal ein interessanter Film(geschichts)stoff auf Jahrzehnte hinaus verbrannt worden.

Und nun zu anderen Themen:

In der DEUTSCHEN REIHE war ich von MEIN KAMPF besonders enttäuscht. Tom Schilling, den ich sehr schätze, tritt hier als Hitler-Karikatur wie in einem Komödienstadl auf. Ein unerträglicher Film. Auf der Bühne ist das eine ganz andere Sache. Die Theaterfarce von George Tabori hat wohl ihren eigenen Stellenwert mit einer besonderen Qualität. Das würde ich gerne 'mal sehen. SAME SAME BUT DIFFERENT von Detlev Buck hat bei mir den stärksten Eindruck hinterlassen. Ich finde es gut, dass sich der deutsche Film nicht nur der langwierigen und langweiligen Beziehungskisten in deutschen Großstädten annimmt, sondern auch einmal über die Landesgrenzen hinaus Themen sucht und findet. Schon bei DR. ALEMAN hat mich das überzeugt. Die beiden Hauptdarsteller sind stark; Kamera und Regie ebenfalls. Die beste Kamera sah ich in WAS DU NICHT SIEHST von Wolfgang Fischer. Der Kameramann Martin Gschlacht hat nachhaltig wirkende Kino-Bilder kreiert, die zu einem tragenden Element des Films wurden. Das gilt auch für die Kamera (Ulle Hadding) in PARKOUR von Marc Rensing. Für mich die Überraschung des Jahres. Endlich mal wieder ein Film, der für frischen Wind im deutschen Kino sorgt. Eine tolle Geschichte, furios umgesetzt. Lob und Anerkennung!

FILME AUS IRLAND gab es auch (im EFM). Der Psychotriller mit Horror-Elementen WAKE WOOD von David Keating ist Genrekino vom Feinsten; OUTCAST von Colm McCarthy bewegt sich ebenfalls sicher und gekonnt in diesem Gelände. Das sind keine 'irischen' Stories, wie man sie in den letzten Jahren oft sehen konnte; eher Filme für den Weltmarkt. Muss ja auch sein. SAVAGE von Brendan Muldowney ist hingegen realitätsnäher. EIne Art "Mann sieht rot"-Geschichte. Hier geht es um einen biederen Fotoreporter, der von Jugendlichen zusammengeschlagen wird. Langsam muss er sein Trauma überwinden. Er bringt sich - auch körperlich - in Form und schlägt zurück. Sieht man einmal von dem unausweichlich blutigen Ende ab, ist es eine interessante Studie über Gewalt in unseren Städten. Die aktuellen U-Bahn-Überfälle liefern in diesem Zusammenhang den Motivations-und Argumentationszusammenhang für solche Stoffe. Hoffentlich bald bei uns im Kino oder auf DVD!

UND SONST:

sah ich im FORUM den taiwanesischen Film AU REVOIR TAIPEI; eine Krimi-Actionkomödie, die in Taipei spielt, aber mit typisch französischem Charme die Geschichte erzählt. Eine Lovestory mit Spannung, Romantik und Humor; mit schrillen Figuren und originellen Schauplätzen. Eine amüsante Erholung vom stressigen Berlinale-Terminkalender.

Im PANORAMA dann noch WELCOME TO THE RILEYS mit Soprano-Star James Gandolfini in der Hauptrolle. Eine unkonventionelle, aber liebenswerte Figur mit dem berühmten weichen Kern in der harten Schale.

im EFM dann noch CARGO - SPACE IS COLD, ein Sience-Fiction aus der Schweiz von Ivan Engler & Ralph Etter. Der Film kann nachweisen, dass er technisch visuell mit dem Hollywood-Kino mithalten kann. Die Geschichte (Gefahr im Raumschiff mit tiefgefrorener Besatzung) aber bleibt belanglos und verliert sich schon nach kurzer Zeit in den Weiten des Alls.

KINDERFILME sind nun im Programm "Generation Kplus" zu sehen. Zwei Filme habe ich besucht:

IEP!, Niederlande/Belgien 2010. Es geht um ein kleines Wesen (ein Kind mit Flügeln!), dass von Pflegeeltern um- und versorgt wird, sich dann aber auf macht in den Süden...

Die Hauptrolle wurde mit einem sechsjährigen Kind besetzt, das an Minderwuchs leidet und nur erschwert Zugang zu seiner Umgebung findet und dem die Medienwelt daher völlig fremd sein dürfte. So etwas nenne ich verantwortungslos und sollte schon gar nicht durch eine Festivalaufführung legitimiert werden. Ich verstehe nicht, wie soetwas passieren kann. Die Regisseurin des Films wollte ihren Namen nicht mit dem Film verbinden, daher bleibt es bei "Ellen Smit". Eine inkompetente Presse (Berlin-Online-Stadtmagazin) sprach in diesem Zusammenhang allerdings von einer "Idealbesetzung in der Regie"!

Der andere Film war SUSA aus Georgien (Regie: Rusudan Pirveli). Protagonist ist der 12-jährige Susa, der bei einer illegalen Schnapsbrennerei arbeitet und der sich fast ausnahmslos in diesem Umwelt bewegt: Kleinkriminelle, Prostituierte, Alkoholiker etc. Ein düsterer Streifen, aber nicht für Kinder, sondern für diejenigen, die hier und heute oder dort und heute die gesellschaftliche und politische Verantwortung für Kinder tragen. Der Film ist in diesem Teil der Berlinale völlig falsch präsentiert, das FORUM wäre der geeignetere Ort für die erforderliche Zielgruppe.

Die Programmgestalter des ehemaligen "Kinderfilm"-Festivals verstehe ich immer weniger. Vielleicht bin ich aber ach u anspruchsvoll oder zu altmodisch. Wer weiß?

THEMBA von Stefanie Sycholt war leider nur auf dem EFM zu sehen. Die Handlung spielt in einem kleinen Dorf in Südafrika. Themba, der Junge, ist ein talentierter Fußballspieler, der trotz schwieriger familiärer Bedingungen seinen Weg gehen kann. Dieser führt ihn bis an die Spitze eines Junioren-Teams von nationaler Qualität. Im Gegensatz zu vergleichbaren Filmen wie BANDO geht es hier aber nicht um die Karriere des Jungen - und dem damit verbundenen Sprung zu europäischen Spitzenteams - , sondern um das Thema Aids, das auf diesem Wege - über den Fussball-Film und die sich damit verknüpfende Publizität - die Tabus aufbrechen soll, die in Südafrika immer noch vorhanden sind.

Ein unterhaltsamer Film für unsere Kinder - ein weitaus wichtigerer für die Kinder in Afrika. Die Fussball-Euphorie schafft die notwendige Plattform für die dringend notwendige Aufklärung.

Neben der weltweit bekannten Cinématheque Francaise auf der Rue de Bercy in Paris gibt es noch eine - leider weniger bekannte - zweite Anlaufstelle für Cineasten, die mehr über Filme und Filmgeschichte wissen wollen, als das Kino aktuell anbietet. Im Forum des Halles / Porte Saint-Eustache (mit einem separaten Eingang auf der Rue du Cinéma) präsentiert sich das FORUM DES IMAGES mit vier Kinosälen unterschiedlicher Größe und einem "Salle des Collections" mit Monitor-Sichtplätzen für Einzelinteressen und Gruppen. Hier kann man aus einem Angebot von 6.500 Filmen aus und über Paris auswählen - ein filmhistorischer Schatz von besonderer Qualität. Da gibt es viel zu entdecken, nachzuholen oder wiederzusehen. Beim Angebot der Spielfilme besteht wohl noch eine (lizenzrechtlich begründete?) Einschränkung, die durch das Archiv der Cinematheque und deren Angebot begründet ist.

Für einen Eintrittspreis von 5 € kann man sich vier Stunden in den Räumen aufhalten; alternativ einen Film aus dem Tagesprogramm und zwei Stunden im Salle des collections oder vier Stunden im Salle des collections. Die Öffnungszeiten reichen von mittags bis abends um 22h00.

www.forumdesimages.fr informiert über das aktuelle Angebot. Es sind beispielsweise neben thematischen Filmreichen auch Seminare und Sonderveranstaltungen.

Ein Besuch der sich lohnt!

Eine Ausstellung im Max Ernst Museum Brühl. 22.11.09 - 21.03.10

Eine seltene Gelegenheit, bislang nicht so bekannte Facetten des Kult-Regisseurs ("Zar des BIZARREN") wahrzunehmen; erstmals in einem deutschen Museum als bildender Künstler - als Regisseur, Maler, Zeichner, Drucker und Fotograf. Das Gesamtangebot hält sich in überschaubaren Grenzen, was aber nicht nachteilig sein muss.

Georg Klein schreibt in der SZ vom 28./29.11.2009 "... Die Werke, die in Brühl gezeigt werden, sind eine heterogene Auswahl, aber gerade in ihrer schwankenden Qualität bilden sie einen trefflichen Prüfstein für das Gemüt desjenigen, der ihnen als naiver oder skeptischer Bewunderer von Lynch entgegentritt..."

Dem ist nichts hinzuzufügen. Erwähnenswert noch, das im Museum Vorführungen mit filmischen Frühwerken von Lynch angeboten werden. Neben dem unverzichtbaren "Eraserhead" noch "Six Men Getting Sick", "The Alphabet", "The Grandmother" und "The Aputee", alle aus den Jahren zwischen 1967 und 1973.

Ostermontag nachmittags im Filmforum NRW. Als bekennender Netrebo-Fan für mich der Höhepunkt der Feiertage. Da sich der Film ganz auf die Aufführung und die Sänger konzentriert - also auf überflüssige Kamera-Mätzchen verzichtet - hat sich der Besuch gelehnt.

22. April 1938 in Wien. Sigmund Freud wartet in seiner Wohnung auf seine Tochter Anna, die von der Gestapo festgenommen wurde. Sie drängt ihn, das Land zu verlassen und legte sich mit einem der Nazibonzen an. Unerwartet taucht ein Besucher auf. Eine spannende Auseinandersetzung beginnt, denn es könnte sich möglicherweise um IHN persönlich handeln.

Das ist für den Atheisten Freud eine Herausforderung; vielleicht aber ist es auch nur ein Irrer oder ein Witzbold...

In der Inszenierung von Paul Bäcker kommt es zu einem hochkonzentrierten Zweikampf zwischen den beiden Protagonisten, dargestellt von Volker K. Bauer und Steffen Laube. In weiteren Rollen: Lisa Adler als Freuds Tochter Anna und Eugen May als Nazi.

Ein lohnenswerter Abend. Schauspiel live! Allen Kino- und Oscar-Müden/Frustrierten wärmstens empfohlen.

Bericht

PREISTRÄGER BERLINALE 2009

Als Berlinale-Dauerbesucher und einziges Jury-Mitglied des von mir berufenen Gremiums vergebe ich hiermit folgende Preise:

"Der goldene Bär" für den besten Spielfilm geht an

"Envoyes tres speciaux / Special Correspondents" von Frédéric Auburtin, F. 2008

Gérard Jugnot und Gérard Lanvin spielen zwei Mitarbeiter eines populären Radio-Senders, die aus einer individuellen Notlage heraus von Paris(!) aus "live" aus dem Kriegsgebiet Irak berichten. Um die Sache zu beenden, beschließen sie ihre eigene Entführung. Doch damit werden sie erst recht zu nationalen Helden und die Situation gerät außer Kontrolle...

Eine Komödie über Realität, Fiktion und Fälschung in unseren Massenmedien, die es in sich hat.

Der silberne Bär" für die bester Darstellerin geht an

Franziska Petri in dem Film "Schattenwelt" von Connie Walther, D. 2008.

Ein Film, der weitaus mehr aussagt als der hochgehandelte RAF-Film von Uli Edel und Bernd Eichinger. Franziska Petri, u.a. die herausragende Protagonistin in "Memory" von Matthias Luthardt (D 2008), spielt die Tochter eines Opfers der RAF, die die Nähe zu einem aus der Haft entlassenen Terroristen (Ulrich Noethen) sucht, um sich zu rächen. Drehbuch: Connie Walther und Peter-Jürgen Boock.

Der "silberne Bär" für den besten Darsteller geht an

Liam Neeson in dem Film "Five Minutes Of Heaven" von Oliver Hirschbiegel, Irl 2009).

Hier geht es um ein Attentat aus dem Jahre 1975. In einem "Versöhnungs-Programm" stehen sich 30 Jahre später der Täter (Liam Neeson) und der jüngere Bruder des Opfers (James Nesbitt) gegenüber - doch der will keine Aussöhnung, sondern Rache. Eine großartige Rolle für Neeson: Ein Mann, der als Jugendlicher einen Terror-Akt verantwortlich inszeniert hat und sich nun zu seiner Tat bekennen muss. EIne ebenso herausragende Leistung des deutschen (!) Regisseurs Oliver Hirschbiegel.

Der "Spezialpreis" der Jury geht an

John Hurt in "An Englishman in New York" von Richard Laxton, GB 2009

John Hurt spielt (wieder) den gay writer Quentin Crisp - so hautnah, beklemmend und faszinierend, dass man ihm stundenlang zusehen und zuhören könnte. Eine kongeniale Erweiterung des Films "The Naked Civil Servant" von Jack Gold aus dem Jahre 1975.

Das ist meine Auslese aus dem Berlinale-Programm 2009. Die (offiziellen) Wettbewerbs-Filme habe ich nicht gesehen.

Bericht

Zeitreise in den Underground

Die sehr übersichtliche Ausstellung der "Abstrakten Bilder" von Gerhard Richter mit Museum Ludwig am Dom in Köln nimmt nicht einen ganzen Tag in Anspruch und animiert dazu, sich auch in den Nebenräumen umzusehen. Dort ist seit einigen Wochen eine Ausstellung über JONAS MEKAS zu sehen, die durch ein Filmprogramm im Filmforum ergänzt wird. Über ihn ist sehr viel geschrieben worden; seine Filme fesseln nach wie vor...

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine weitere Ausstellung LOOKING FOR MUSHROOMS. AUF DER SUCHE NACH... über Beat Poets, Hippies, Funk und Minimal Art in San Francisco 1955 - 1968. Das ist eine wahre Fundgrube an zeitgeschichtlichen, politischen und subkulturellen Schätzen mit unmittelbaren Bezügen zur eigenen Vergangenheit. Entsprechendes Alter vorausgesetzt.

Auch dazu gibt es Filme; bis zum 1. März 2009 noch zu sehen und zu erleben! Das dazu erstellte Materialbuch als Katalog hat seine eigene Qualität und ist ebenfalls empfehlenswert. Dann noch zu lesen: "on the Road" von Hans-Christian Kirsch (rororo 13584) über die Beat-Poeten Burroughs, Ginsberg und Kerouac - und selbstverständlich auch "Unterwegs" von Jack Kerouac (rororo 2225) in einer neuen Übersetzung.

Wieder 'mal hat sich der Erfolgsautor das kleine Deutschland als zentralen Ort internationaler Intrigen und Spionagegeschichten ausgesucht. Wer regelmäßig die Süddeutsche Zeitung und die Beiträge von Hans Leyendecker liest, den wundert DAS nicht!

Schlüsselfigur ist ein muslimischer Terrorverdächtiger, der sich illegal in Hamburg aufhält. Eine couragierte Anwältin, die sich im Fluchthafen Hamburg engagiert sowie ein englischer Bankier mit zweifelhaften Ruf und ein in Deutschland lebender berühmter islamischer Gelehrter sind weitere Figuren in einem Schachspiel der Geheimdienste, in dem Regelverletzungen mit zu den Gepflogenheiten zählen. Während die "Betroffenen" als Charaktere Profil besitzen und vom Autor mit überzeugenden Hintergrundinformationen und Handlungsmotivationen ausgestattet werden, bleiben die "Schlapphüte" blass, gewissenlos und austauschbar. Aber so ist es wohl auch, oder?

Am 22.11. 2008 gastierte die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Frank Strobel im T-Mobile Forum Bonn.

Das Programm galt dem großen Meister Alfred Hitchcock; genauer: der Musik zu seinen Filmen. Im ersten Teil gab es Auszüge aus "Psycho", "Vertigo" und "Das Fenster zum Hof". Dazu auf der Leinwand ("Europas größter Indoor LED-Wand") Stills aus den Filmen. Das war anregend; konnte man sich ohne Mühe im Kopf doch die Szenen aus den Filmen abrufen.

Der zweite Teil hatte es in sich: "Der Mieter" aus dem Jahre 1926; ein Film, der seinerzeit als bester englischer Film gefeiert wurde. Bis heute ein Klassiker des Genres. Der Emmy Award-Gewinner und erfolgreiche Hollywood-Komponist Ashley Irwin schrieb 1999 die Filmmusik für Sinfonieorchester dazu. Ein gewaltiges Werk! Immerhin sind es 90 Minuten. Eine Menge "Arbeit" für Frank Strobel, der sich auf solche Herausforderung spezialisiert hat.

Diese Musik- & Filmnacht war ein besonderes Erlebnis. Schade, dass solche Highlights sehr aufwändig sind und sich nicht beliebig multiplizieren lassen. Um so mehr Dank den Veranstaltern und den Mitwirkenden, dass sie sich auf diese Präsentation eingelassen haben.

Zurück in Köln wurde dann eine DVD mit einem "Hitch" eingeschoben.

Bericht

Peter W. Jansen ist gestorben

Der Filmkritiker und Kulturredakteur Peter W. Jansen (1930 geboren) ist wenige Tage nach seinem 78. Geburtstag gestorben. Er war in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für mich; er hat in seinen Beurteilungen und Einschätzungen Maßstäbe gesetzt, die für meine Generation prägend waren. Ich erinnere mich gerne an die leidenschaftlichen Jury-Diskussionen in den lebhaften Zeiten der Westdeutschen Kurzfilmtage Oberhausen - Ende der 60er- Anfang der 70er-Jahre. Seine gemeinsam mit Wolfram Schütte herausgegebene "Reihe Film" im Hanser-Verlag ist bis heute unübertroffen.

Wer sich speziell für die Geschichte des Neuen Deutschen Films interesssiert, muss Peter W. Jansen lesen!

- oder "Ein Prost auf die Pleite" ...

... so jedenfalls die Artikelüberschrift im Kölner Stadtanzeiger vom 13.10.2008. Weiter heißt es: "Zwei angeschlagene Banken haben in Monaco rauschende Bankette gefeiert... Rund 50 Manager der Finanzgruppe Fortis und 200 Manager der belgisch-französischen Finanzgruppe Dexia haben es sich nach Informationen der belgischen Zeitung De Morgen in den vergangenen Tagen im Hotel des Paris so richtig gut gehen lassen. Sie haben geprasst, während die Anleger in aller Welt litten. Getafelt wurde im Dreisternerestaurant des Hotel de Paris 'Louis XV' von Meisterkoch Alain Ducasse oder im Salle Empire, wo Ducasse-Kollege Frank Cerutti kocht. Die exakten Kosten der Fortis- und Dexia-Manager-Meetings in Monaco sind nicht bekannt. Sie dürften nach vorsichtigen Schätzungen aber um die 400 000 Euro betragen haben."

Dazu fällt mir eine Szene aus dem Bunuel-Film DER DISKRETE CHARME DER BOURGEOISIE ein. Die dort porträtierte Clique hat auch nichts anderes im Sinn, als angesichts diverser politischer und gesellschaftlicher Krisen ausgiebig zu tafeln. Im Gegensatz zur aktuellen Realität - siehe oben - werden sie dabei allerdings immer unterbrochen - und in einer Szene des Films bereitet eine Gruppe von Terroristen der Bourgeoisie das finale Ende. Schütte nannte diese Schlüsselszene "Appetitus interruptus" - welch treffendes Wort. Doch die Frage bleibt: Wer befreit UNS von diesen Spukgestalten?