Porträt Horst Schäfer
Wertung: hervorragend

Nebel im August

von Kai Wessel – D/A 2016 – 126 Min.

Der Film entstand nach dem wahren Schicksal des 13-jährigen Jungen Ernst Lossa, das in dem gleichnamigen Tatsachenroman von Robert Dolmes (2008) dokumentiert ist. Die Handlung setzt ein Anfang der 1940er-Jahre in Süddeutschland. Ernst ist der Sohn eines fahrenden Händlers und Halbwaise – aufgeweckt, aber unangepasst. Die Kinder- und Erziehungsheime, in denen er bisher lebte, haben ihn als ‚nicht erziehbar’ eingestuft und schieben ihn schließlich wegen seiner rebellischen Art in eine Nervenheilanstalt ab. Nach kurzer Zeit bemerkt er, dass unter der Klinikleitung von Dr. Veithausen Insassen getötet werden. Er setzt sich zur Wehr und versucht, den behinderten Patienten und Mitgefangenen zu helfen. Schließlich plant er die Flucht, doch er befindet sich in großer Gefahr, denn Klinikleitung und Personal entscheiden über Leben und Tod der Insassen.

Ein gewagtes und gelungenes Unterfangen, einen Spielfilm über das „Euthanasie“-Programm der nationalsozialistischen Rassenideologie zu realisieren. Ein bewegendes Drama, das seine Zuschauer nicht unterhalten, sondern fordern will – die wohl bislang stärkste Kino-Regie von Kai Wessel. Er nimmt sich ausreichend Zeit bei der Charakterisierung seiner Protagonisten und verzichtet dabei auf die stereotypischen Nazi-Klischees. Überzeugend wirkt auch die visuelle Präsentation des Handlungsortes mitsamt den Details, die eine Klinik wie den Schauplatz eines Horrorfilms aussehen lässt.

Wessels Regie ist nah dran an seinen Figuren, für deren Glaubwürdigkeit und Überzeugung ein Darsteller-Ensemble steht – nahtlos zusammengefügt aus Profis und Laien. Dem Geschehen kann man sich nicht entziehen; zur emotionalen Betroffenheit trägt bei, dass Wessel schnelle Schnitte vermeidet, die Vorgänge und Abläufe verwischen oder verzerren.

Der Produzent Ulrich Wimmer hat mit seinen Kino-Erfolgs-Komödien (zum Beispiel die „Sams“-Filme) viel Geld verdient; es ist ihm hoch anzurechnen, es in diesen Film zu investieren: „Ich wusste, dass es ein steiniger Weg werden würde, diesen Film zu machen –aber ich wollte und musste diese Herausforderung annehmen.“ Hut ab! DER deutsche Film des Jahres!