Porträt Horst Schäfer

Kinotipps 2016

72 Besprechungen aus dem Jahr 2016.

Wertung:
Wertung: sollte man gesehen haben

Die Geschichte der Liebe

von Radu Mihaileanu – F/Can 2016 – 135 Min.

Bevor der Zweite Weltkrieg in Europa ausbricht, verliebt sich der junge polnische Jude Léo in seine Nachbarin Alma und widmet ihr sogar ein Buch, das er „Die Geschichte der Liebe“ nennt. Doch in den Wirren des Krieges werden die Liebenden voneinander getrennt. Von Polen aus geht das Manuskript auf eine lange Reise, bis es im New York von heute einem jungen Mädchen in die Hände fällt. Auch sie trägt den Namen Alma. Mit Léo scheint sie auf den ersten Blick nichts zu verbinden, doch „Die Geschichte der Liebe“ führt ihre Schicksale zusammen. Nach einem Roman von Nicole Krauss. Der Regisseur hat sich bereits mit Filmen wie „Zug des Lebens“ „Geh und lebe“ und „Das Konzert“ als hervorragender Experte in der Umsetzung komplizierter, facettenreicher Lebens- und Liebesgeschichten erwiesen.

Wertung: ärgerlich

Paris kann warten

von Eleanor Coppola – USA 2017 – 92 Min.

Die Ehefrau eines gestressten Hollywood-Produzenten und dessen französischer Geschäftspartner fahren mit dem Auto gemeinsam von Cannes nach Paris. Der Bonvivant hat es alles andere als eilig und lässt keine Gelegenheit aus, der attraktiven Amerikanerin die Vorzüge Südfrankreichs nahe zu bringen und sie mit feinsten kulinarischen Köstlichkeiten zu beeindrucken. Und folgerichtig lässt auch dieser Filme keine Gelegenheit aus, von einem Klischee ins andere zu verfallen. Das französische Kino hätte aus diesem Stoff ein charmantes Roadmovie gemachr; hier ist daraus nur eine die Fotokopie eines oberflächlichen amerikanischen Reiseführers geworden.

Wertung: kann man sich ansehen

Churchill

von Jonathan Teplitzky – GB 2016 – 94 Min.

Ein Ausschnitt aus dem Leben eines großen Staatsmannes. Der Film konzentriert sich auf die Zeitspanne, in der die alliierten Streitkräfte sich auf die D-Day-Operation vorbereiteten. Aufgearbeitet werden die unterschiedlichen, teilweise kontroversen Positionen der politischen und militärischen Führungskräfte. Ein Nebenschauplatz ist das Privatleben des Protagonisten; in erster Linie die Beziehung zu seiner Ehefrau Clementine, die als wichtige Ratgeberin fungierte.

Eigentlich ein Film, den die Welt nicht braucht. Die Beschränkung auf wenige Personen und Schauplätze kann auch auf dem Bildschirm bestehen. Da die Vorgänge um die Invasion hinreichend aufgearbeitet und dokumentiert sind, ist es mehr ein bebilderter Geschichtsunterricht als ein emotional ansprechendes Kinoporträt.

Eine andere Zeit, eine andere Gelegenheit: Mit „Young Winston“ gelang Richard Attenborough 1972 eine spannende Verfilmung der Autobiographie Churchills. Aber hier geht es in erster Linie um dessen Jugendabenteuer. Vielleicht an der Zeit, diesen Film mal wieder zu sehen.

Wertung: kann man sich ansehen

Berlin-Syndrom

von Cate Shortland – Australien 2017 – 116 Min.

Der Begriff „Stockholm-Syndrom“ ist auf eine Geiselnahme im August 1973 in Schweden zurückzuführen. Hier kam es zu einer außergewöhnlichen emotionalen Beziehung zwischen den Geiselnehmern und ihren Opfern. Den Filmtitel „Berlin-Syndrom“ kann man als eine Anspielung auf dieses Ereignis deuten. Hier gerät eine junge, australische Backpackerin, die Berlin erkundet, in die Gewalt eines zunächst harmlos und sympathisch auftretenden Englischlehrers, der sie in einem verlassenen Haus gefangen hält. Die Handlung orientiert sich mehr an den Gesetzen eines Genre-Drehbuchs als an einer möglichen Realität. Dafür aber wird die Geschichte von zwei intensiv präsenten Hauptdarstellern und einer berauschenden Kameraführung erzählt – die Außenwelt aus einer touristischen Perspektive heraus und das Innere mit den klaustrophobischen Stimmungen eines Thrillers.

Wertung: kann man sich ansehen

Alien: Covenant

von Ridley Scott – USA/GB 2016 – 122 Min.

Die Crew des Kolonisationsraumschiffs Covenant ist unterwegs zu einem abgelegenen Planeten am Rand der Galaxie. Durch einen unvorhergesehenen Zwischenfall ändern sie ihr Vorhaben und landen auf einem Planeten, der auf den ersten Blick einem unerforschten Paradies gleicht. Doch dann werden sie mit einer Gefahr konfrontiert. Blitzschnelle und hochintelligente Aliens überfallen die Crew und töten ein Mitglied nach dem anderen…

Futuristic-Horror ist aktuell angesagt, auch wenn die visuellen Reize kaum noch Überraschungen bieten. Dieser Film bietet daher nichts Neues fern der Sonne. Lediglich Michael Fassbender als Doppel-Androit ist ein interessanter Charakter. Es deutet sich an, dass mit ihm weitere Zukunftsreisen zu erwarten sind.

Wertung: hervorragend

You’ll Never Walk Alone

von André Schäfer – D 2017 – 99 Min.

Der exzellent aufbereitete Film geht den Spuren der weltbekannten Fußballhymne nach. Auch für den harten Kern der Fans bietet er Neuigkeiten: Es ist eine lange und spannende Geschichte, deren Wurzeln auf das Jahr 1909 zurückgehen. Der Weg führt von Ferenc Molnár und „Liliom“ über „Carousel“ von Rodgers und Hammerstein bis hinein in die Stadien von Liverpool und Dortmund. Entstanden ist ein überaus unterhaltsamer und aufschlussreicher Film nicht nur über den Song, sondern ein auch ein kulturgeschichtliches Porträt des 20. Jahrhunderts. Der BVB-Fan und Dauerkartenbesitzer Joachim Król hat die Rolle des Reiseleiters und Interviewpartners übernommen. Das überzeugt: er tritt nicht als VIP auf, sondern er ist einer von denen, die sich mitten unter die Stehplatz-Fans einreihen und möchte nicht mehr sein als einer von ihnen – weder Schauspieler noch Star. Weitere interessante Personen sind u.a. Jürgen Klopp, Campiono und Mavie Hörbiger.

Wer diesen Film im Kino sieht, der sollte seinen BVB-Schal nicht vergessen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Nocturama

von Bertrand Bonello – F 2016 – 130 Min.

Eine Handvoll Jugendlicher aus unterschiedlichen sozialen Schichten hält Paris in Atem. An verschiedenen Schauplätzen legen sie Bomben, die zeitgleich explodieren. Anschließend ziehen sich die Attentäter in ein Kaufhaus zurück und sehen der finalen Konfrontation mit der Staatsgewalt entgegen. Ihre Motive werden nicht hinterfragt oder moralisch bewertet; es geht dem Regisseur um die Aktion als solche. Die Protagonisten sind austauschbar. Minutiös und präzise werden dabei die Abläufe ins Bild gesetzt, ohne sie zu kommentieren. Auf der einen Seite gibt es den genreüblichen Spannungsbogen, auf der anderen den Verlauf eines gruppendynamischen Prozesses. Der klassische französische Kriminalfilm hat hier eine neue Qualitätsstufe erreicht.

Wertung: hervorragend

Einsamkeit und Sex und Mitleid

von Lars Montag – D 2017 -119 Min.

Ein Ensemble-Film im Stil einer Robert Altman-Komödie. Hervorragend besetzt, perfekt getimt und rasant montiert. Schauplatz der doppelbödigen, ironischen Story ist eine deutsche Großstadt. Zu den Protagonisten zählen u.a. ein frustrierter Ex-Lehrer, ein selbstgefälliger Supermarktleiter und eine extravagante Künstlerin; insgesamt ein wildes Kaleidoskop von Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen unterschiedlichen Großstadtmenschen, die hier lustvoll und spielfreudig wie in einem Spinnennetz zappeln. Vorlage ist der gleichnamige Roman von Helmut Krausser, der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat. Ein Film für die große Leinwand; das Kino-Langfilmdebüt von Lars Montag, der sich bislang durch starke Fernseh-Krimis ausgezeichnet hat.

Wertung: hervorragend

Lion

von Garth Davis – USA/Aus/GB 2016 – 120 Min.

Unglaublich, aber wahr! Eine authentische Lebensgeschichte wie aus einem perfekten Drehbuch. Der fünfjährige Saroo aus einer indischen Kleinstadt ist mit seinem Bruder unterwegs. In einer Bahnstation suchen sie in den leeren Wagons nach Münzen und Essensresten. Die beiden werden getrennt und Saroo wacht nach einer traumatischen Zugfahrt am anderen Ende des Kontinents in Kalkutta auf. Auf sich allein gestellt und ohne sich verständigen zu können irrt er wochenlang durch die gefährlichen Straßen der Stadt, bis er in einem Waisenhaus landet. Von dort aus wird er von einem australischen Ehepaar adoptiert. Seine Kindheit und Jugend verbringt er in der sicheren Obhut der Familie.

Zwanzig Jahre später macht er sich energisch auf die Suche nach seiner Herkunft. Nacht für Nacht fährt er mit Google Earth auf seinem Laptop das Zugnetz Indien ab und sucht nach Hinweisen auf seinen früheren Wohnort und seine leibliche Familie. Er hat die Hoffnung schon fast aufgegeben, als das Unglaubliche passiert und er im Internet auf ein Dorf stößt, das seiner Erinnerung entspricht.

Eine emotional tief bewegende Handlung über die Suche nach den eigenen Wurzeln, getragen von einem hervorragenden Darsteller-Ensemble und umrahmt von den wirkungsvollen Bildern des renommierten australischen Kameramannes Greig Fraser. Mitunter hat der Film mit einer Laufzeit von zwei Stunden einige Längen, aber eine so außergewöhnliche Geschichte lässt sich nicht im Zeitraffer erzählen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Neruda

von Pablo Larrain – Chile u.a. 2016 – 108 Min.

Ein Ausschnitt aus dem Leben des berühmten chilenischen Dichters Pablo Neruda. Der Film konzentriert sich auf die Phase Ende der 1940er Jahre, in der sich Neruda als Senator und Kommunist mit der Regierung von Präsident Videla anlegte und er des Amtes enthoben wurde. Fortan befand er sich auf der Flucht. Besonders hartnäckig verfolgte ihn ein Polizist, der verhindern wollte, dass Neruda unbemerkt das Land verlassen wollte.

Die Handlung des Films fokussiert das Duell zwischen dem Flüchtenden und seinem Verfolger. Das wird auf eine literarische Ebene gehoben, die der bilderreichen Lyrik des späteren Nobelpreisträgers entspricht; erzählt mit einer unkonventionellen, außergewöhnlichen und eigenwilligen Bildsprache. Auch wenn man weder den Dichter noch seine Werke kennt, lässt sich der Film wie ein spannendes Road-Movie genießen.

Wertung: kann man sich ansehen

Hitlers Hollywood

von Rüdiger Suchsland – D 2017 – 105 Min.

„Hitlers Hollywood – Das deutsche Kino im Zeitalter der Propaganda 1933 – 1945“ – so der vollständige Titel dieses Kompilationsfilm über den NS-Film. Der Autor hat sich (zu) viel vorgenommen; über etliche der angeschnittenen Themen wie z.B. die Propagandafilme, die Revue- und Unterhaltungsfilme, die Dokumentarfilme von Riefenstahl, die Rolle der willigen und unwilligen Stars etc. hätte man eigene Filme machen können. Hier rauscht es schnell vorbei und dazu aus dem Off noch zugetextet.

Also nicht unbedingt ein Film fürs Kino, sondern eher für eine DVD, mir der man beliebig verfahren kann. Immerhin macht „Hitlers Hollywood“ Lust auf einige Filme, die man wieder man in Ruhe sehen möchte. „Große Freiheit Nr. 7“ beispielsweise gehört dazu.

Wertung: kann man sich ansehen

Assassin’s Creed

von Justin Kurzel – USA/F 2016 – 115 Min.

Kurz bevor er hingerichtet werden soll, wird Callum Lynch in ein Labor, wo unter Aufsicht von Wissenschaftlern Menschen mit hohem Gewaltpotential geheilt werden sollen. Dahinter steckt kein gemeinnütziges Ziel, sondern eine moderne Inkarnation des Templerordens. Und so werden die alten Schlachten aus der Zeit der spanischen Inquisition neu belebt. Die Waffen und technischen Möglichkeiten haben sich zwar geändert, aber nicht die dramaturgischen, vorhersehbaren Handlungsabläufe. Ein technisch-hocheffizientes Computerspiel das mit den Namen bekannter Schauspieler hochgejazzt wird, um Leute ins Kino zu locken. Dabei wird ihnen nicht viel Raum zugestanden, ihre darstellerischen Qualitäten unter Beweis zu stellen. Schade um die Namen von Fassbender, Cotillard oder Irons.

Wertung: hervorragend

Allied – Vertraute Fremde

von Robert Zemeckis – USA 2016 – 121 Min.

Inmitten der lauten und lärmenden Actionfilme einer, der konventionell daherkommt und sich angenehm zurückhält. Er setzt auf eine spannende Story und nicht auf aufgeregte Bilder. Ein Film, der in seiner Ästhetik einer anderen Zeit – den 40er-Jahren – gleicht. Und hier ist auch die Handlung eingebettet. Sie beginnt 1942 in Casablanca. Der frankoamerikanische Geheimdienstoffizier Max begegnet hier der französischen Résistance-Kämpferin Marianne. Beide wurden von den Alliierten darauf angesetzt, auf den deutschen Botschafter ein Attentat zu verüben. Zur Tarnung treten sie als Paar auf. Das Vorhaben gelingt. Aus der inszenierten Beziehung erwächst bald echte Zuneigung. Marianne folgt Max nach London, wo sie eine Familie gründen. Trotz der Kriegsjahre verbringen sie eine glückliche Zeit. Doch dann wird Marianne der Spionage bezichtigt. Max erhält den Auftrag, sie zu töten. Angeblich ist seine Frau und die Mutter seines Kindes eine Doppelagentin und arbeitet für die Deutschen...

Ein klassischer Spionage-Plot – eine klassische Liebesgeschichte. Brad Pitt und Marion Cotillard spielen alle und alles an die Wand. Ein Film für die große Leinwand! Mainstreamkino vom Feinsten.

Wertung: kann man sich ansehen

Gemeinsam wohnt man besser

von Francois Desagnat – F 2015 – 97 Min.

Eigentlich wollte der pensionierte Witwer Hubert Jacquin (André Dussollier) nur eine Putzfrau einstellen, doch durch ein Missverständnis nistet sich in seiner, für ihn viel zu großen Parier Altbauwohnung eine quirlige Studentin ein. Der Alltag des Alten wird tüchtig auf den Kopf gestellt, denn bald muss er seine Räume mit einer Wohngemeinschaft teilen. Wie die schrägen WG-Bewohner dann mit viel Einfallsreichtum das Zusammenleben meistern, zeigt der Film mit einem gut aufeinander eingespielten Schauspieler-Ensemble. Mitunter geht es zu wie auf der Bühne eines Volkstheaters – wirkungsvoll und unterhaltend, doch leider ohne Charme und Esprit.

Wertung: kann man sich ansehen

Rogue One: A Star Wars Story

von Gareth Edwards – USA 2016 – 133 Min.

Sozusagen der Urknall der Star Wars Galaxie. Es geht um Unterdrückung, Rebellion und Freiheit – Anlass für diverse Materialschlachten zwischen ausgestanzten Kriegern und schablonenhaften Charakteren. Bilder, die sich nicht abheben von den sattsam bekannten Teilen, und die von nun ab alle Jahre wieder künstlich beatmet werden. Auch mit neuen Namen als Darstellern ist keinerlei Wirkung verbunden, da ihnen kein Raum zur Profilierung zugestanden wird. Wie gut, dass Dank DVD und ständigem TV-Angebot ein Zugriff auf die frühen Filme möglich ist.

Wertung: sollte man gesehen haben

Deepwater Horizon

von Peter Berg – USA 2016 – 107 Min. d

Deepwater Horizon – seit dem 20. April 2010 steht dieser Name für eine Tragödie in der menschliches Versagen das Schicksal von elf Männern besiegelte: der Blowout der Ölbohrplattform im Golf von Mexiko. Der Film rekonstruiert die letzten, folgenschweren Stunden auf der Ölplattform und erzählt mit den Mitteln des Actionkinos die authentische Geschichte jener Männer, die bei dem Versuch, das Unvermeidliche abzuwenden, ihr Leben riskierten. Dabei werden auch ausführlich die komplizierten Zusammenhänge gezeigt, die diese Katastrophe verursacht haben. Dadurch unterscheidet sich dieser Film angenehm von anderen Filmen dieses Genres, die sich dafür nicht die Zeit nehmen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Arrival

von Denis Villeneuve – USA 2016 – 116 Min.

Die Begegnung zwischen Außerirdischen und Irdischen ist der Plot vieler Sci-Fi-Filme. Das erste Aufeinandertreffen endet meistens mit einer kriegerischen Auseinandersetzung. Doch wie ist es, wenn nicht sofort Waffen eingesetzt werden, sondern der Weg um Annäherung und Verständigung gesucht wird? Das ist der zentrale Punkt dieses unaufgeregten SF-Thrillers, der auf selbstgefällige Spezialeffekte verzichtet. Zwölf mysteriöse Raumschiffe landen zeitlich in unterschiedlichen Regionen der Welt. Ihre Besatzung und deren Intentionen stellen ein großes Rätsel dar. Um globale Paranoia und einen potentiellen Krieg zu verhindern, soll ein Elite um die Linguistin und Kommunikationsexpertin Louise Banks im Auftrag des Militärs Kontakt herstellen. Doch das unermüdliche Streben nach Antworten gerät bald zum Rennen gegen die Zeit, da die Regierungen anderer Staaten die außerirdischen Flugobjekte zunehmend als direkte Bedrohung sehen und militärische Maßnahmen erwägen.

„Arrival“ ist ein herausfordernder Film mit vielen Schauwerten, präzise kalkuliert und durch eine kraftvolle Bildsprache kongenial umgesetzt.

Wertung: hervorragend

Ich, Daniel Blake

von Ken Loach – GB/F/B 2016 – 100 Min.

Daniel Blake ist ein geradliniger und anständiger, zeitlebens Steuern zahlender Durchschnittsengländer – bis seine Gesundheit ihm einen Strich durch die Rechnung macht. Jetzt, im gesetzteren Alter, will ihm die willkürliche Staatsbürokratie den Bezug von Sozialhilfe verweigern. Ein sinnentleertes Punktesystem weist ihn als arbeitsfähig aus. Blake will dagegen angehen. Schnell gerät er dabei in einen Teufelskreis von Zuständigkeiten, Bestimmungen und Antragsformularen. Seine Wege kreuzen sich mit der ebenfalls arbeitslosen Katie und ihren beiden Kindern Daisy und Dylan. Sie raufen sich zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen und erfahren neben den ständigen Seitenhieben der Behörden auch viel Solidarität. Doch die bürokratischen Klippen des sogenannten Sozialstaates sind tückisch. Da wird Ohnmacht zur Wut.

Lakonisch und mit einer Prise Humor nimmt Ken Loach hier den selbstgefälligen Sozialstaat ins Visier und erzählt unaufgeregt und hochemotional von den Ungerechtigkeiten im System.

Sein langjähriger Drehbuchautor Paul Laverty wurde für diesen Film angeregt durch die in der britischen Boulevardpresse angefachte Hetze gegen sozial Schwache als Schmarotzer. Der Kampf gegen staatliche Willkür ist auch ein Kampf um die Würde des Einzelnen und dabei nicht nur auf die Insel beschränkt.

Wertung: kann man sich ansehen

Jack Reacher: Kein Weg zurück

von Edward Zwick – USA 2016 – 118 Min.

Schon einmal war Tom Cruise als Alleinreisender – als ehemaliger Militärpolizist – unterwegs. Der weltweite Erfolg des ‚Vaters’, des Autors Lee Child, hat wohl dazu beigetragen, ihn für ein Sequel zu reaktivieren. Reachers vermeintliche Tochter ist in Gefahr – und das ist Grund genug, gegen eine weltweite Verschwörung anzukämpfen. Die Handlung gleicht dem bekannten und bewährten Muster eines Schachspiels; hier werden aber innerhalb des Geschehens die weißen gegen die schwarzen Figuren munter ausgetauscht. Und da alles Action und Spezialeffekten eingebettet ist, ist für Freunde des Genres für ausreichend Unterhaltung gesorgt.

Wertung: sollte man gesehen haben

Soy Nero

von Rafi Pits – D,F,Mexiko 2016 – 118 Min.

Es geht um den jungen Mexikaner Nero, der in Kalifornien aufwuchs, dann aber nach Mexiko angeschoben wurde, da er keine Aufenthaltsgenehmigung bekam. Seine einzige Chance, in den USA zu leben, besteht in dem sogenannten Dream Act. Dazu muss der es schaffen, die schwerbewachte Grenze zu überwinden, um als ein Green-Card-Soldat für die USA in den Krieg zu ziehen. Nero wagt die lebensgefährliche Aktion und erreicht sein Ziel. Dann steht er nun als vollausgerüsteter G.I. irgendwo in der arabischen Wüste an einem Grenzposten und muss nun seinerseits verhindern, dass dieser illegal überschritten wird. Es kommt zu einem Gefecht und Nero bleibt allein und orientierungslos in der Wüste zurück.

Der Film beschränkt sich auf das Wesentliche und verzichtet auf überflüssiges Beiwerk. Er konzentriert sich auf die Emotionen seines Protagonisten, der alles über sich ergehen lässt, um ein Ziel zu erreichen, das er mittlerweile aus den Augen verloren hat.

Die grandiosen Kamerabilder, die aus der kleinen Story einen großen Kino-Film machen, entschädigen für einige Schwachstellen des Drehbuches, die der Logik des Geschehens entgegenstehen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Die Florence Foster Jenkins Story

von Ralf Pleger – D 2016 – 93 Min.

Florence Foster Jenkins – das ist die berühmte amerikanische Salon-Dame, die als „die schlechteste Sängerin aller Zeiten“ in die Geschichte eingegangen ist. Der Film über die selbsternannte Operndiva im New York der 1920er Jahre steht zu seiner Protagonistin; peinlich sind nur die selbsternannten Kritiker, die sich über sie lustig machten. Über eine Sängerin, die nicht singen kann, einen Film zu machen, ist zunächst mal ein Problem. Doch Ralf Pleger, ein renommierter Regisseur innovativer Musikfilme, schafft hier einen filmisch-attraktiven Rahmen, der optisch fasziniert. Bemerkenswert auch, dass er für die Titelrolle mit dem US-amerikanischen Opernstar Joyce DiDonata eine der besten Sängerinnen der Welt verpflichten konnte. So hört man und erlebt mit, wie sich Florence Foster Jenkins selbst wahrnahm.

Wertung: hervorragend

Doctor Strange

von Scott Derrickson – USA 2016 – 115 Min.

Adaption des gleichnamigen Marvel-Comics. Benedict Cumberbatch spielt den arroganten Neurochirurgen, der seiner Tätigkeit nach einem schweren Autounfall nicht mehr nachgehen kann. Da die klassische Medizin ihm nicht hilft, sucht er Heilung an einem ungewöhnlichen Ort – dem geheimnisvollen Kamar-Taj in Tibet. Schnell merkt er, dass es sich dabei nicht nur um ein Heilungszentrum handelt, sondern von hier der Kampf gegen unsichtbare dunkle Mächte gefochten wird, die unsere Realität zerstören wollen. Und so wird Doctor Stange zu einem mächtigen Magier, um die Welt (im Marvel Cinematic Universe) vor dem Untergang zu bewahren.

Der Film brennt ein berauschendes Feuerwerk an Visual Effetcs ab. Hinter der Kamera steht Regisseur Scott Derrickson ein Marvel-erfahrenes Kreativteam zur Seite. Inmitten dieser Schauwerte können sich die Protagonisten durchaus behaupten; zu dem bemerkenswerten Ensemble hervorragender Darsteller zählen u.a. Chiwetel Ejiofor, Rachel McAdams, Mads Mikkelsen und Tilda Swinton.

Wertung: sollte man gesehen haben

Girl on the Train

von Tate Taylor – USA 2016 – 105 Min.

Nach ihrer Scheidung ist Rachel am Boden zerstört. Obwohl sie ihren Job verloren hat, fährt sie jeden Tag mit dem Zug zur Arbeit und jedes Mal hält der Pendlerzug am selben Streckenabschnitt. In einem Haus an dieser Bahnstrecke beobachtet Rachel ein Pärchen. Die beiden, Megan und Scott, scheinen ein perfektes Leben zu führen, das sich Rachel detailreich in ihren Tagträumen ausmalt. Bis sie eines Tages eine schockierende Beobachtung macht und sich bald darauf immer tiefer in ein gefährliches Netz aus Lügen und Fantasien verstrickt. Denn ein paar Häuser weiter lebt ihr Ex-Ehemann mit seiner neuen Lebensgefährtin. Und als Megan plötzlich vermisst wird und von einem Verbrechen ausgegangen werden muss, will Rachel dem Mörder auf die Spur kommen.

Mit perfektem Timing und der hervorragenden Hauptdarstellerin Emily Blunt ist hier die perfekte Adaption eines international erfolgreichen Thriller-Bestellers gelungen. Früher wäre das ein Filmklassiker von Hitchcock nach einer Vorlage von Highsmith gewesen. Allerdings in Schwarzweiß und ohne verwuselte Rückblenden und irritierende Schnitte.

Wertung: kann man sich ansehen

The Accountant

von Gavin O’Connor – USA 2016 – 128 Min.

Ben Affleck spielt ein autistisches Mathematik-Genie. Nach Außen hin ein unscheinbarer kleinstädtischer Steuerberater, in Wirklichkeit jedoch ein Buchhalter für rücksichtslose und gefährliche Unterweltorganisationen; auch im Nahkampf und Waffengebrauch perfekt ausgebildet. Als ihm eine hartnäckige Steuerbehörde auf die Schliche kommt – grade als er für einen zwielichtigen Firmenchef, der Pionierarbeit im Bereich der Robotik leistet – bestimmt nicht mehr die Logik den weiteren Verlauf des Geschehens sondern der Einsatz von Schusswaffen jeglichen Kalibers. Die Handlung ist etwas verworren und es nicht immer ganz klar, wer auf welcher Seite steht und worum es – außer Steuerhinterziehung – eigentlich geht. Ein paar Stränge weniger und der Film wäre unterhaltsames, geschmeidiges Genre-Kino mit einem hervorragenden Darsteller-Ensemble und einer beeindruckenden Kamera.

Wertung: sollte man gesehen haben

Weiße Ritter

von Markus Mischkowski und Kai Maria Steinkühler – D 2015 – 81 Min.

Die 8. Episode des Kölner Westend-Zyklus hält was sie verspricht: Direkte Kommunikation zwischen Akteuren und Publikum, keine überflüssigen Bilder oder Spezialeffekte, lakonische Dialoge und (selbst-)ironischer Umgang der Protagonisten untereinander. Diesmal handelt es sich um ein Road-Movie, in dem die beiden langzeitlosen Freunde Mike und Alfred als Mitarbeiter eines Kurierdienstes einen Koffer diskret nach Luxemburg bringen sollen. ‚Diskret’ sagt alles zum Geschehen aus, denn die Aktion verläuft eben genau so nicht – und daraus entwickelt der Film seinen Witz und Charme. Man muss sie einfach mögen, diese beiden Typen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Auf einmal

von Asli Özge – D/NL/F 2016 – 112 Min,

Nach einer Party in seiner Wohnung und ohne seine abwesende Freundin bleiben der junge, karriereorientierte Banker Karsten und eine junge Frau alleine zurück. Plötzlich stirbt sie und Karsten gerät in den Verdacht, daran schuld zu sein. Es stellt sich heraus, dass niemand die Frau eingeladen hatte. Das alles ereignet sich in einer kleinen deutschen Stadt, die an diesem Ereignet lebhaft Anteil nimmt.

Der Plot ist wie in einem Hitchcock-Krimi: ein Unschuldiger wird plötzlich ein Verdächtiger und muss ohne Hilfe Dritter seine Unschuld beweisen. Das ist auch der gekonnte Spannungsbogen dieses Films, bei dem sich die Regisseurin voll auf das darstellerische Können ihres Protagonisten verlassen kann. Die Auflösung allerdings ist nicht übererzeugend: „Wie im Leben müssen wir auch im Kino nicht alles zu Ende erzählen“ – so die Regisseurin. Also bleibt das Ende offen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Frantz

von Francois Ozon – D/F 2016 – 113 Min.

Buch und Regie: Francois Ozon, frei nach „Broken Lullaby“ von Ernst Lubitsch. Ein Film wie aus der Zeit gefallen; es bedurfte das Zusammenwirken von einem Dutzend Firmen und Förder-Institutionen aus Frankreich und Deutschland, um ihn zu ermöglichen.

Kurzinhalt: Kurz nach dem Ersten Weltkrieg in einer deutschen Kleinstadt geht Anna jeden Tag zum Grab ihres Verlobten Frantz, der in Frankreich gefallen ist. Eines Tages legt Adrien, ein junger Franzose, ebenfalls Blumen auf das Grab von Fratz. Das Geheimnis um Adriens Anwesenheit im Ort nach der deutschen Niederlage entfacht unvorhergesehene Reaktionen.

Im Presseheft: „Eine herzliche Bitte des Regisseurs an alle Journalisten: Verraten Sie nicht Adriens Geheimnis!“. Dieser Bitte werde ich folgen – mit dem Empfehlung, sich den Film anzusehen.

Wertung: sollte man gesehen haben

The Infiltrator

von Brad Fuman – USA 2016 – 127 Min.

Ein Film über einen authentischen Fall. Es geht um einen Agenten der US-Drogenvollzugsbehörde, der in den 1980er-Jahren fünf Jahre lang als Undercover arbeitete und auf ein Drogenkartell angesetzt wurde. Dabei hat er es mit brutalen, rücksichtslosen Verbrechern, kriminellen Bankern und skrupellosen Geschäftsleuten zu tun. Durch persönliche Freundschaften will er in die Nähe des berühmt-berüchtigten Drogenbaron Pablo Escobar gelangen. Dafür muss er eine Schein-Verbindung mit einer attraktiven Agentin eingehen und sie als seine Verlobte ausgeben.

Der Film setzt in der Vielzahl der Drogen-Krimis einen eigenen, besonderen Akzent: Die emotionale Nähe zwischen den Undercover-Agenten und den Personen, auf die sie angesetzt werden. Es werden Verbindungen eingegangen und Freundschaften geschlossen, die nicht ohne Wirkung bleiben. Und das ist die Qualität des Films, der mit Bryan Cranston, Diane Kruger und Benjamin Bratt hochkarätig besetzt ist.

Wertung: hervorragend

Nebel im August

von Kai Wessel – D/A 2016 – 126 Min.

Der Film entstand nach dem wahren Schicksal des 13-jährigen Jungen Ernst Lossa, das in dem gleichnamigen Tatsachenroman von Robert Dolmes (2008) dokumentiert ist. Die Handlung setzt ein Anfang der 1940er-Jahre in Süddeutschland. Ernst ist der Sohn eines fahrenden Händlers und Halbwaise – aufgeweckt, aber unangepasst. Die Kinder- und Erziehungsheime, in denen er bisher lebte, haben ihn als ‚nicht erziehbar’ eingestuft und schieben ihn schließlich wegen seiner rebellischen Art in eine Nervenheilanstalt ab. Nach kurzer Zeit bemerkt er, dass unter der Klinikleitung von Dr. Veithausen Insassen getötet werden. Er setzt sich zur Wehr und versucht, den behinderten Patienten und Mitgefangenen zu helfen. Schließlich plant er die Flucht, doch er befindet sich in großer Gefahr, denn Klinikleitung und Personal entscheiden über Leben und Tod der Insassen.

Ein gewagtes und gelungenes Unterfangen, einen Spielfilm über das „Euthanasie“-Programm der nationalsozialistischen Rassenideologie zu realisieren. Ein bewegendes Drama, das seine Zuschauer nicht unterhalten, sondern fordern will – die wohl bislang stärkste Kino-Regie von Kai Wessel. Er nimmt sich ausreichend Zeit bei der Charakterisierung seiner Protagonisten und verzichtet dabei auf die stereotypischen Nazi-Klischees. Überzeugend wirkt auch die visuelle Präsentation des Handlungsortes mitsamt den Details, die eine Klinik wie den Schauplatz eines Horrorfilms aussehen lässt.

Wessels Regie ist nah dran an seinen Figuren, für deren Glaubwürdigkeit und Überzeugung ein Darsteller-Ensemble steht – nahtlos zusammengefügt aus Profis und Laien. Dem Geschehen kann man sich nicht entziehen; zur emotionalen Betroffenheit trägt bei, dass Wessel schnelle Schnitte vermeidet, die Vorgänge und Abläufe verwischen oder verzerren.

Der Produzent Ulrich Wimmer hat mit seinen Kino-Erfolgs-Komödien (zum Beispiel die „Sams“-Filme) viel Geld verdient; es ist ihm hoch anzurechnen, es in diesen Film zu investieren: „Ich wusste, dass es ein steiniger Weg werden würde, diesen Film zu machen –aber ich wollte und musste diese Herausforderung annehmen.“ Hut ab! DER deutsche Film des Jahres!

Wertung: sollte man gesehen haben

Snowden

von Oliver Stone – USA 2016 – 139 Min.

Filme über aktuell reale Personen oder Ereignisse müssen sich an den Kassen durchsetzen, obwohl sie eigentlich nichts Neues zeigen oder erzählen können. Um solche Stoffe attraktiv umzusetzen und wirkungsvoll zu inszenieren, bedarf es eines Könners wie den routinierten Oliver Stone, der hier das Leben des kontrovers diskutierten Whistleblowers Edward Snowden auf die große Leinwand bringt. Nah dran ein seinem Protagonisten zeigt er den Menschen hinter dem Mythos, der mit seinen Enthüllungen der Welt die Augen öffnete; die Geschichte eines Mannes, der es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, zu schweigen. Ein Name, der Vorbild sein sollte für alle, die gegen die wütenden Ausmaße der Überwachung und Manipulation unserer Gesellschaft aufmerksam machen können und wollen. Der Film „Snowden“ ist eine hervorragende, bildgewaltige Visualisierung eines politisch brisanten Stoffes – mit einem offenen Ende.

Wertung: nicht zu empfehlen

Tschick

von Fatih Akin – D 2016 – 93 Min.

Während die Mutter in der Entzugsklinik und der Vater mit seiner Geliebten unterwegs ist, verbringt der 14-jährige Außenseiter Maik die großen Ferien allein am Pool der elterlichen Villa. Doch dann kreuzt Tschick auf. Er stammt aus dem tiefsten Russland, kommt aus einem der Hochhäuser in Berlin-Marzahn und hat einen geklauten Lada dabei. Damit beginnt eine Reise ohne Karte und Kompass durch die sommerglühende ostdeutsche Provinz. Reiseziel ist der in der Walachei lebende Großvater von Tschick.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Wolfgang Herrndorf – aber Fatih Akin ist – bei allem Respekt – nicht der richtige Regisseur für diesen Jugend-Abenteuerfilm, der ein rasantes Road-Movie hätte werden können. Aber die spannungsarme Handlung ist ohne Witz und Drive. Würde man den Film in Schwarzweiss sehen und ohne die nervende Musik (u.a. Richard Clyderman!) so erinnert er an skandinavische Kinderfilme der 50er-Jahre.

Man merkt dem Film an, dass er kein ausgereiftes Konzept hat, obwohl Hark Bohm als Berater hinzugezogen wurde. Jedenfalls ist es kein Stoff für Akin, dem das Lebensgefühl der Jugend von heute ganz offensichtlich fremd ist. Buck wäre wohl die bessere Wahl gewesen.

Wertung: kann man sich ansehen

Dügün – Hochzeit auf Türkisch

von Marcel Kolvenbach & Ayse Kalmaz

D 2015 – 89 Min.

Ein Film über die türkische Gesellschaft in Duisburg-Marxloh, konzentriert auf die Szene der türkischen Hochzeiten. Hier bieten Geschäftsleute alles an, was zu einer Hochzeit dazugehört. Der Film gibt einen intimen Einblick in die Gefühlswelten junger Paare und ihrer Familien. Er versteht sich als ein „filmisches Manifest für einen weltoffenen, toleranten, europäischen Islam“. Aber er bleibt mit seinen Glanzbildern an der Oberfläche des Themas. Vorteilhaft ist, dass er sich auf das Umfeld der Hochzeiten – von den Vorbereitungen bis zur Feier - konzentriert und alle anderen Aspekte, die sich mit Duisburg-Marxloh verbinden - ausblendet. Nachteilig ist, dass den Protagonisten als Charaktere nicht ausreichend Raum bleibt. So ist „Dügün“ nicht mehr als ein focussierter Ausschnitt aus der Lebensrealität der türkischen Gemeinschaft in einer türkischen Diaspora.

Wertung: kann man sich ansehen

The Mechanic 2 – Resurrection

von Dennis Gansel – USA 2016 – 95 Min.

Der Elite-Auftragskiller Arthur Bishop muss ein riskanten Job erledigen: Seine Freundin wurde von seinem Erzfeind entführt. Dafür soll Bishop innerhalb kürzester Zeit einmal um die Welt reisen, drei Auftragsmorde begehen und sie dabei wie Unfälle aussehen lassen. Da sind Einfallsreichtum, Rücksichtslosigkeit und brutale Härte gefragt. Die Bilder voller leerer Action und endloser Verfolgungsjagden sind so schnell, dass nicht einmal die Zeit bleibt, die Leichen zu zählen.

Wertung: kann man sich ansehen

Die Unfassbaren 2

von Jon M. Chu – USA 2016 – 129 Min,

Ein Jahr nachdem die Unfassbaren das FBI überlistet haben sind sie zurück und beherrschen erneut die Szene; in leicht veränderter Formation allerdings, denn diesmal ist Serienstar Lizzy Caplan (Masters of Sex) als temperamentvolle und vorlaute Mitstreiterin der Vier Reiter mit dabei. Gegenspieler ist hier neben dem bekannten Personal auch ein zwielichtiger Unternehmer und Hobby-Zauberer: kongenial verkörpert durch Daniel Radcliffe, der sich als Ziehsohn des rachelüsternden Arthur Tressler erweist. Hinter der glitzernden Fassade eines hochkarätigen Ensembles verbirgt sich allerdings auch eine Menge fauler Zauber, denn es nervt mitunter mitanzusehen, wie die Illusionsmaschine Kino die Illusionisten entzaubern will. Dennoch ein attraktives, nie langweiliges Stück Kino.

Wertung: sollte man gesehen haben

Krieg und Spiele

von Karin Jurschick – D 2016 – 90 Min.

Die Filmemacherin spürt der technologischen Entwicklung nach, die mit den Drohnen beginnt und mit unbemannten Kriegsrobotern, futuristischen Waffen und künstlicher Intelligenz endet. Sie bewegt sich dabei in unterschiedlichen Parallelwelten: den Laboren der Forscher und Militärs, den Think Tanks, in denen Philosophen, Ethiker, Historiker und Militärwissenschaftler über Möglichkeiten und Moral der neuen Kriegswaffen nachdenken. Das Material ist ungeachtet der aufschlussreichen Interview-Sequenzen visuell anschaulich aufbereitet. Der Film klärt auf bewirkt Nachhaltigkeit.

Wertung: sollte man gesehen haben

Captain Fantastic

von Matt Ross – USA 2016 – 120 Min.

Der hochgebildete Ben lebt aus Überzeugung mit seinen sechs Kindern in der Einsamkeit der Berge im Nordwesten Amerikas. Er unterrichtet sie selbst und bringt ihnen mit eigenwilligen, unkonventionellen Methoden nicht nur ein überdurchschnittliches Wissen bei, sondern auch wie man jagt und in der Wildnis überlebt. Als seine Frau stirbt, ist er gezwungen mitsamt seinen Sprösslingen seine selbst geschaffene Aussteigeridylle zu verlassen und der realen Welt entgegenzutreten. In einem alten, klapprigen Bus macht sich die Familie auf den Weg quer durch die USA zur Beerdigung, die bei den Großeltern stattfinden soll. Diese sind konservativ und leben in einem gutbürgerlichen Ambiente. Ben und seine Kinder sehen sich nach jahrelanger, selbstgewählter Zurückgezogenheit mit der Zivilisation konfrontiert, was für alle Beteiligten nicht ohne Folgen bleibt.

Natur trifft auf Kultur! Das ist der mit leisem Humor erzählte Spannungsbogen. Eine interessante Versuchsanordnung, wobei die Struktur der Konfrontation wichtiger ist als die Logik des Drehbuches. Hinterfragen sollte man die Geschichte nicht – allenfalls das eigene Verhalten, sich einer solchen Situation ausgesetzt zu sehen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Jason Bourne

von Paul Greengrass – USA 2016 – 124 Min.

Bourne ist wieder unterwegs. Verfolgungsjagden von einem internationalen Schauplatz zum andern. Durch Hektik, Action und Stress lässt sich verdrängen, was Cyber-Kriminalität optisch unattraktiv macht. Hier geht es – wie so oft in Filmen dieses Genres – um Überwachungs- und Kommandozentralen, von denen aus Ereignisse und Orte in aller Welt betroffen sind. Natürlich ist die CIA beteiligt am Spiel mit dem doppelten Boden und Bourne hat es hier nicht nur mit den üblichen Gegenspielern zu tun sondern will nebenbei auch wieder einmal mehr herausfinden, woher er kommt und was er ist.

Die Story ist so fad wie ein mehrfach ausgekochter Teebeutel, aber das atemberaubende Tempo des Films und die Kamera von Barry Ackroyd garantieren beeindruckende Schauwerte. Und irgendwann wird die nächste Folge starten.

Wertung: sollte man gesehen haben

Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft

von Michael Grandage – USA/GB 2015 – 105 Min.

Es gibt unzählige Filme über erfolgreiche Schriftstellerinnen und Schriftsteller; einige wenige davon auch über bekannte Verleger oder Verlagshäuser. Aber einen Film über einen Lektor auf den Markt zu bringen, ist demgegenüber schon ein riskantes Vorgehen. Hier geht um den Lektor Maxwell Perkins, der seinerzeit noch unbekannte aber höchst talentierte Autoren wie Ernest Hemingway oder F. Scott Fitzgerald unter Vertrag nahm und ihre Bücher herausbrachte. Und so auch Thomas Wolfe, dessen „Schau heimwärts, Engel“ ein Riesenerfolg wurde. Das Aufeinandertreffen des strengen, buchhalterischen Lektors mit dem chaotischen und exzentrischen Künstler ist eine Zeitreise in das New York der Roaring Twenties mit den entsprechenden Bildern. Als FILM aber nur auszuhalten, weil hier auch zwei hervorragende Schauspieler agieren: Colin Firth als instinktsicherer Lektor und Jude Law als literarisches Genie!

Wertung: ärgerlich

Collide

von Eran Creevy“ – GB/D/USA 2016 – 100 Min.

Ein in Köln lebender vom rechten Weg abgekommener junger Amerikaner lässt sich zu einem finalen Coup überreden, um seiner heißgeliebten Freundin eine lebensnotwendige Operation zu finanzieren. Dabei gerät er zwischen die Fronten eines Schmugglerkrieges, der überwiegend auf den Autobahnen ausgetragen wird. Immerhin geht es um fünf Millionen Euro Drogengeld.

Was wie ein dünner Plot eines x-beliebigen TV-Actionfilms klingt, ist auch schon der gesamte Inhalt dieses Films. Der größte Teil der Handlung besteht aus Crashs und Stunts. Auch die Besetzung mit Ben Kingsley und Anthony Hopkins als konkurrierende Drogendealer kann den Film nicht retten, da von ihnen nicht mehr als die routiniert gespielten Klischee-Charaktere eingefordert wurde.

Der Film ist eine Fördergeld-Vernichtungsmaschine. Er wurde in NRW gedreht und u.a. auch von der Film- und Medienstiftung des Landes gefördert. Deren Aufgabe ist es nicht in erster Linie, zur Filmkunst beizutragen. Hier hat sie sich dafür entschieden, in Schrottplätze und Autofriedhöfe zu investieren.

Wertung: hervorragend

Julieta

von Pedro Almodóvar – Spanien 2016 – 100 Min.

Der 20. Film von Almodóvar spielt erneut in der Welt der Frauen, von denen niemand so feinfühlig zu erzählen vermag wie er. Auf dem Höhepunkt seiner Kunst kommt er bei seiner bewegenden Geschichte über die Suche einer Mutter nach ihrer verschwundenen Tochter ganz ohne die üblichen grelle Zwischentöne oder überzeichnete Charaktere aus. Vielmehr ist das lose von drei Erzählungen der kanadischen Nobelpreisträgerin Alice Mjunro inspirierte und raffiniert komponierte Drama die sensible und feinnervige Auseinandersetzung um familiäre Geheimnisse und das Schweigen über Vergangenes und uneingestandene Schuld, die einer Aussöhnung entgegensteht. Die inneren und äußeren Gefühls- und Beziehungswelten zwischen (allen) Frauen verweben sich mit visuell berauschenden Bildern zu einem engmaschigen Netz, mit dem die Zuschauer eingefangen werden – und nicht entkommen möchten. Ein großartiges Kinoerlebnis!

Wertung: hervorragend

Zeit für Legenden

von Stephen Kopkins – USA 2016 – 118 Min.

Es ist ein riskantes Vorgehen, einen Film über den weltbekannten Sportler Jesse Owens und ein historisches Ereignis wie die Olympiade 1936 in Berlin zu drehen. Schließlich – so meint man – ist alles hinreichend bekannt, beschrieben und gewürdigt. Dass „Zeit für Legenden“ dennoch nicht nur unterhaltsam, sondern sogar spannend und aufschlussreich ist, liegt an der Konzeption, sich nicht ausschließlich auf die Wettkämpfe zu konzentrieren. Hier nimmt der zeitgeschichtliche Hintergrund – die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen in den USA und im Nazi-Deutschland – einen ebenso gewichtigen Part ein wie das Aufeinandertreffen der Sportgrößen wie Jesse Owens und Luz Long.

Der ideale Film zum Olympia-Jahr 2016 und zum 80. Jubiläum der „Owens-Spiele“. Die Darsteller sind fast ausnahmslos in olympischer Bestform: Stephan James als Jesse Owens, Jason Sudeikis als eigenwillig-ehrgeiziger Coach Larry Snder und Jeremy Irons als windiger Sportfunktionär Avery Brundage. Blass hingegen die Nazi-Charaktere wie Joseph Goebbels oder Leni Riefenstahl, an deren Ausformung die amerikanischen Macher offensichtlich uninteressiert waren.

Wertung: kann man sich ansehen

Independence Day 2: Wiederkehr

von Roland Emmerich – USA 2016 – 120 Min.

20 Jahre nach der Alien-Invasion im Jahr 1996, bei der drei Milliarden Menschen ums Leben gekommen waren, bereiten sich die überlebenden Bewohner einer postapokalyptischen Erde auf einen neuen Kampf gegen die Außerirdischen vor. 2016 starten sie eine zweite Angriffswelle und wieder einmal müssen die Menschen – Wissenschaftler, Politiker und Militärs - die Erde verteidigen. Alte und neue Gesichter sind die Stars dieser Geldvernichtungs- und Vermehrungsmaschine: eine augen- und ohrenbetäubende Demonstration neuester Kinotechniken. Je mehr man sich auf die Handlung einlässt, desto auffälliger wird allerdings die glitzernde Hülle, die mehr verspricht als der Inhalt enthält. Hauptsache, am Ende stimmt die Kasse. Möglicherweise wird es dann eine Independence-Day-Trilogie geben.

Wertung: hervorragend

Toni Erdmann

von Maren Ade – D/A 2016 – 162 Min.

Der 65-jährige Winfried, ein sozialromantischer Alt-68er mit einem Hang zu gewöhnungsbedürftigen Scherzen, lebt allein mit seinem Hund. Seine Tochter Ines arbeitet weltweit als ehrgeizige Unternehmensberaterin. Als sein Hund stirbt reist Winfried spontan nach Bukarest, um den Kontakt zu Ines wieder aufzunehmen. Doch zwischen Meetings, Empfängen und Hotelbars bleibt wenig Raum für Persönliches. Da verwandelt sich Winfried in sein Alter Ego Toni Erdmann – mit schlechtsitzendem Anzug, Perücke und schiefem Gebiss mischt er die Szene auf und bringt seine Tochter in peinliche Situationen. Doch im weiteren Verlauf des Geschehens kommen Vater und Tochter sich einander näher.

Ein präzise beobachtender Film, der in erster Linie durch die herausragenden Leistungen der beiden Hauptdarsteller Peter Simonischek und Sandrfa Hüller besticht. Dazu noch ein Drehbuch, das auf Überflüssiges und Nebensächliches verzichtet. Über zweieinhalb Stunden lang ein großartiger, faszinierender Film, der leider irgendwann enden muss. Selten ist man im Kino den Protagonisten so nahe wie hier.

Wertung: nicht zu empfehlen

The Neon Demon

von Nicolas Winding Refn – USA/F/DK 2016 – 117 Min.

Durch seinen furiosen Action-Thriller „Drive“ wurde der dänische Regisseur NWR – so will er genannt werden – international bekannt. Da hat er es verstanden, eine rasante Handlung mit atemberaubenden Bildern zu erzählen. Auch diesmal setzt er auf die Wirkung der Bilder – allerdings unter Verzicht auf eine Handlung. Schauplatz ist Los Angeles. Hier will ein junges Model (16 J.) Karriere machen und gerät in die Fänge dreier schönheitsfanatischer Frauen. Der Aufstieg ist gleichzeitig ein Abstieg – ein kruder Horrortrip mit coolen, visionären Bildern.

Sehenswert macht diesen Film allerdings die beeindruckende schauspielerische Leistung von Jena Malone, die eine rätselhafte, undurchschaubare Makeup-Stylistin spielt. Seit „Donnie Darko“ (2001) wird sie von Film zu Film besser und wurde zu recht mit einer ganzen Reihe von internationalen Preisen und Anerkennungen ausgezeichnet. Beeindruckend hier, wie sie eine nekrophile Sexszene meistert.

Wertung: kann man sich ansehen

Die Frau mit der Kamera

von Claudia von Alemann D 2015 – 92 Min.

Das sehr persönliche Porträt der Fotografin Abisag Tüllmann (1935-1996), die zu den großen Fotografinnen Deutschlands zählt. Der Film ist das Dokument einer außergewöhnlichen Freundschaft und ein nuancenreiches Zeitporträt. Die eindrucksvolle Hommage dokumentiert in mehr als 500 schwarz-weiß Fotografien Leben, Werk und den Zeitkontext der 1960er bis 1990er Jahre. Ergänzt wird das Material durch Filmausschnitte, Briefe und Erinnerungen von Freundinnen und Kolleginnen.

Wertung: kann man sich ansehen

Bastille Day

von James Watkins – USA/F 2016 – 92 Min.

Der in Paris lebende junge amerikanische Taschendieb Michael klaut der Aktivistin Zoe eine Tasche, in der sich eine Bombe befindet. Sie explodiert am falschen Ort und tötet mehrere Menschen. Michael gerät nun ins Visier des Geheimdienstes. Doch zwischen dem CIA-Agenten Sean Briar und seinen französischen Kollegen herrscht Misstrauen. Sean will wissen, von wem die Bombe kommt und erfährt, dass ein zweiter, noch größerer Anschlag geplant ist. Gemeinsam mit Michael will er herausfinden, wer die Hintermänner sind und was sie planen.

Ein Film mit einem Spannungsbogen, der sich wie ein Hitchcock-Thriller gibt: der falsche Mann zur falschen Zeit am falschen Platz. Doch die Kombination des französischen Kriminalfilms mit einem amerikanischen Action-Thriller geht völlig daneben. Von dem Charme des Schauplatzes und seiner Charaktere bleibt nicht viel übrig; immer wieder verdrängen vordergründige Action-Szenen, die üblichen Auto-Verfolgungsfahrten und endlose Schießereien den Plot des eigentlichen Geschehens. Schade, denn die so gegensätzliche und aufgezwungene Partnerschaft zwischen dem jungen, fintenreichen Amerikaner (Richard Madden) und dem coolen, abgebrühten Agenten (Idris Elba) ist überaus unterhaltsam; es sind zwei sympathische Protagonisten, die man gerne wiedersehen möchte. Doch dann unter einer Regie, die mehr Wert auf Suspense als auf atemloses Tempo legt.

Wertung: nicht zu empfehlen

Himmelskind

von Patricia Riggen – USA 2015 – 109 Min.

Ein 10-jähriges Mädchen, das an einer seltenen, unheilbaren Krankheit leidet,

wird durch den Sturz in einen hohlen Baum geheilt. Bei dieser Geschichte über „ihre Reise in den Himmel und die unglaubliche Heilung“ soll es sich um einen authentischen Vorfall handeln. Wer’s glaubt, wird selig.

Wertung: kann man sich ansehen

Stolz und Vorurteil & Zombies

von Burr Steers – USA/GB 2016 – 108 Min.

Nach Buchvorlagen von Seth Grahame-Smith und Jane Austen. Englang 1811. Mrs. Bennet will ihre fünf heiratsfähigen Töchter unter die Haube bringen. Und das in einer Zeit, in der das Land im Begriff ist, von einer neuen Zombie-Welle überrannt zu werden. Schöne Frauen in erlesenen Räumen und Gewändern treffen auf stumpfe, ausgehungerte Zombies. Den Rest kann man sich denken. Zwei Filme – Verfilmung eines Literatur-Klassikers und Darbietung von Martial-Arts-Action – zum Preis von einem.

Wertung: kann man sich ansehen

Hannas schlafende Hunde

von Andreas Gruber – D/A 2016 – 120 Min.

Verfilmung des gleichnamigen Romans von Elisabeth Escher. Ort der Handlung ist das naziverseuchte Wels in Oberösterreich 1967. Die neunjährige Johanna erfährt erst nach und nach von ihrer jüdischen Abstammung, die ihre Mutter Katharina nicht ansprechen will. Ihr Schicksal ist verknüpft mit einigen Nachbarn und die Erinnerungen an eine demütigende Zeit sind noch frisch. Sie will keine schlafenden Hunde wecken. Erst Johannas resolute Großmutter (Hannelore Elsner) durchbricht die Mauern des Schweigens und hilft ihrer Enkelin bei der Identitätsfindung.

Drei Generationen, drei Schicksale. Konventionell in Szene gesetzt und in den Rollen treffend besetzt. Leider nicht ganz frei von Klischees, wenn es um die „alten Nazis“ geht. Kein Film für die große Leinwand; eher ein Kammerspiel für den Bildschirm, was sich durch die Produktionsgelder deutscher und österreichischer Fernsehanstalten erklärt.

Wertung: kann man sich ansehen

Der Moment der Wahrheit

von James Vanderbilt – USA 2015 -125 Min.

Mary Mapes ist die renommierte Produzentin des TV-Nachrichtenmagazins „60 Minutes“. Mitten im Präsidentschaftswahlkampf „Bush vs. Kerry“ wird ihr Material zugespielt, das George W. Bush belastet: Er soll sich mit Hilfe seiner Familie vor einem Militäreinsatz in Vietnam gedrückt haben. Mapes und der angesehene CBS-Anchorman Dan Rather recherchieren gründlich und enthüllen die Informationen im Rahmen eines investigativen Beitrags in „60 Minutes“. Doch die Gegenseite schlägt zurück. Mapes, Rather und ihr Team sehen sich schärfsten Attacken von Medien und Öffentlichkeit gegenüber. Es beginnt ein Kampf um persönliche und journalistische Integrität und politische Unabhängigkeit.

Auf wahren Ereignissen beruhend erzählt der Film vom hochaktuellen Kampf um Wahrheit und vom Einfluss politischer Seilschaften auf die Pressefreiheit. Das ist nicht immer besonders spannend umgesetzt – kein Polit-Thriller, aber ein klassisches Journalistendrama mit zwei bestechenden Identifikationsfiguren in den Hauptrollen: Cate Blanchett und (der unverzichtbare) Robert Redford.

Wertung: kann man sich ansehen

Mein Praktikum in Kanada

von Philippe Falardeau – Kanada 2015 – 108 Min.

Im Mittelpunkt dieser Politsatire steht ein unanhängiger Abgeordneter, der einen großen Wahlkreis im Norden Québecs vertritt. Bei einer nationalen Abstimmung darüber, ob sich Kanada an einem Kriegseinsatz im Nahen Osten beteiligen soll oder nicht, kommt es auf seine entscheidende Stimme an. Er unternimmt eine Tour durch seinen Bezirk, um sich mit seinen Wählern zu beratschlagen. Begleitet wird er dabei von einem Praktikanten aus Haiti, aus dessen Sicht das Geschehen erzählt und kommentiert wird.

Locker und leicht erzählt, mit amüsanten Seitenhieben auf Politiker, Lobbyisten und Wähler. Polit-Rummel als Unterhaltung ohne Tiefgang.

Wertung: kann man sich ansehen

Erlösung

von Hans Peter Moland – DK 2016 – 112 Min.

Nach „Erbarmen“ (2013) und „Schändung“ (2014) nun die dritte Folge mit den Ermittlern des dänischen Sonderdezernats, das sich mit unaufgeklärten Verbrechen beschäftigt. Die Kriminalromane des Vielschreibers Jussi Adler Olsen verkaufen sich weltweit ausgezeichnet; die bisherigen Verfilmungen konnten da nicht ganz mithalten.

Diesmal startet die Handlung mit einer Flaschenpost, die offensichtlich die letzten Lebenszeichen zweier Jungen enthält, die vor Jahren entführt wurden. Eine besondere Rolle kommt dabei einem in seiner Kindheit traumatisierten Soziopathen zu, der sich zwischen religiösen Motiven und krimineller Erpressung austobt.

Diese Schwedenkrimis laufen sich wund. „Erlösung“ hat vor allem nicht das Format für die Kinoleinwand, da man deutlich erkennt, welche Handlungslücken, Anschlußfehler und Ungereimtheiten der Film enthält. Eher etwas für den nachmitternächtlichen TV-Konsum für die Kenner des Romans, die sich ein paar (überflüssige) Bilder gönnen möchten.

Wertung: kann man sich ansehen

Nur Fliegen ist schöner

von Bruno Podalydès - F 2015 – 104 Min.

In ein täglicher Routine verstrickter Mittfünfziger, Designer von Beruf, erfüllt sich seinen Traum: eine Auszeit zu nehmen und mit einem selbstgebauten Kajak entspannt auf einem Fluss zu paddeln bis vor die Tore von Paris. Die Tour verläuft anders als geplant, da er schon bei der ersten Rast im Ausfluglokal einer attraktiven Wirtin landet. Gefangen von der Romanik einer idyllischen Provinz bleibt er einfach dort. Seiner Ehefrau gaukelt er eine Flussfahrt vor, doch sie hat sein Geheimnis längst entdeckt.

Eine Anti-Stress-Komödie über die Leichtigkeit des Seins; die beste Einstimmung für den Sommer und eine Einladung an die Zuschauer, im reizvollen Burgund Ferien zu machen – Mit Kajak, Fahrrad oder Wanderschuhen.

Wertung: hervorragend

Junges Licht

von Adolf Winkelmann – D 2016 – 122 Min.

Im Mittelpunkt des Films steht der 12-jährige Julian, der Ende der 50er-/Anfang der 60er in einer Dortmunder Bergbausiedlung aufwächst; es sind die Jahre des Wirtschaftwunders, in denen das Ruhrgebiet noch eine entscheidende Rolle spielte. Sein Vater schuftet unter Tage. Das Umfeld ist geprägt von Dreck, Enge, Armut und Brutalität. Als Julians kranke Mutter mit der kleinen Schwester ans Meer fährt, verbringen Julian und sein Vater die Sommerwochen allein zu hause. Und in dieser Zeit passiert so einiges, u.a. fühlt er sich stark zu der 15-jährigen Nachbarin Marusha hingezogen, ahnt aber nicht, dass sie auch seinem Vater den Kopf verdreht hat.

In diesem Film stimmt einfach alles: Winkelmann beschwört mit intensiven, authentisch wirkenden Bildern vom kohleschwarzen Himmel bis zum faszinierenden Hochofenabstich den Ruhrpott wie es ihn einmal gab. Das detailverliebt-rekonstruierte Bergbau-Milieu spielt dabei ebenso eine tragende Rolle wie das Spiel der Hauptdarsteller: Oscar Brose, Charly Hübner, Lina Beckmann, Greta Sophie Schmidt, Peter Lohmeyer und Ludger Pistor. Adolf Winkelmann sieht sich selbst wohl in der Rolle des Jungen, der seine Welt erkundet: vom Spielen auf Schlackebergen bis hin zu ersten zaghaften, erotischen Begegnungen mit einem frühreifen Mädchen.

In den ersten Bildern beschwört der Regisseur in großformatigen Bildern die Wucht und Kraft der Maschinen, die in einer Zeche den Betrieb ausmachen. Aber anders als etwa in METROPOLIS werden sie nicht von einer stumpfen, entpersönlichten Arbeitermasse bedient, sondern von Arbeitern, die auch unter den harten Bedingungen der Arbeit und des nicht immer komfortablen Alltaglebens in den Familien individuelle Freiräume suchen und finden. Ein Kino-Film!

Wertung: kann man sich ansehen

Happy Hour

von Franz Müller - D 2015 – 95 Min.

Drei Freunde – Mitte 40 - verbringen ein paar Tage in einem Cottage in Irland. Einer von ihnen wurde von seiner Frau betrogen und die anderen versuchen ihn darüber hinwegzubringen. Doch aus einem kurzweiligen Tripp wird nichts, da eine in fester Rollenverteilung erstarrte Freundschaft zu zerreißen droht. Was als Entspannung angedacht war wird Stress.

Der Film konzentriert auf engstem Raum alle gängigen Irland-Klischees – ohne sie zu brechen: Saufen & Singen. Und die Frauen (Typ alleinerziehende Mütter) warten nur darauf, nach „Last Order“ von den Männern abgeschleppt zu werden. So einfach geht das. Ärgerlich ist, dass drei hochkarätige Schauspieler (Alexander Hörbe, Simon Licht und Mehdi Nebbou) in den Hauptrollen platte, unglaubwürdige Charaktere spielen müssen. Das ist weit unter ihrem Niveau. Die Fördergelder, die in den Film eingeflossen sind, reichten zumindest wohl für einen Urlaub des Teams auf der Grünen Insel. Darauf ein Guinness. Slainte!

Wertung: sollte man gesehen haben

Die Poesie des Unendlichen

von Matthew Brown – USA/GB 2015 – 114 Min.

Es geht um die historisch verbürgte Freundschaft zwischen zwei Mathematikern: dem Inder Srinivasa Ramanujan (1887-2920) und dem Briten Godfrey Harold Hardy (1877-1947). Ramanujans einzigartige Theorien brachten das Zahlengenie aus Südindien kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs von einfachsten Verhältnissen zu höchsten akademischen Ehren der Universität von Cambridge. Der Film beschreibt den schwierigen Weg eines brillanten jungen Mannes in eine Kultur, die ohne Beweise nicht zu glauben bereit ist. Mathematik ist für Außenstehende nicht sonderlich spannend – und das darf man von diesem Film auch nicht erwarten. Er ist ein Zeit- und Personenporträt mit ruhigen, konzentrierten Bildern und zwei Hauptdarstellern, denen man gerne zuschaut, auch wenn die endlosen Zahlenreihen auf den Kreidetafeln unverständlich bleiben. Ein wenig Fachkenntnisse beim Publikum wären nicht schlecht.

Wertung: kann man sich ansehen

Ein Hologramm für den König

von Tom Tykwer – D/USA 2016 – 98 Min.

Tom Hanks als gescheiterter Geschäftsmann hat eine letzte Chance. Er erhält den Auftrag, dem König von Saudi-Arabien innovative Hologramm-Kommunikationstechnologie verkaufen. Inmitten der arabischen Wüste soll eine strahlende Wirtschaftsmetropole errichtet werden. Also macht er sich auf, um den Deal einzufädeln. Dabei gerät er in eine bizarre Welt, in der alles anders ist als erwartet. Die Kulturen prallen aufeinander, und der Salesman muss eine eigene Überlebensstrategie entwickeln.

Anstatt leiser Ironie wird hier mit den traditionellen Mitteln des deutschen Filmlustspiels eine Handlung vorangetrieben, die sich nicht zwischen Realität und Fiktion entscheiden kann. Hanks ist der ideale Protagonist für die Hauptrolle, doch der Rest bleibt verzerrt oder verwaschen. Klischees und Vorurteile sollen für Lacher sorgen. Besonders peinlich ist es, wenn Besonderheiten des Landes wie Alkoholverbot oder öffentliche Hinrichtungen den Anlass für billige Witzchen sind.

Wertung: nicht zu empfehlen

Visions

von Kevin Greutert – USA 2015 – 88 Min.

Ein Jahr nach einem Autounfall, bei dem eine andere Frau ihr Baby verloren hat, zieht die schwangere Eveleigh mit ihrem Ehemann David in ein romantisches Weingut in Agoura Hills, Kalifornien. Sie will dem hektischen Stadtleben entkommen. Doch schon bald wird sie von schrecklichen Geräuschen und Visionen geplagt. Niemand sonst kann ihre Halluzinationen wahrnehmen. Verzweifelt sucht sie zu beweisen, dass sie nicht wahnsinnig ist. Sie stellt auf eigene Faust Nachforschungen an, ob das neu erworbene Weingut mit einem Fluch belastet ist.

Poltergeist-Kino – diesmal allerdings in einer Weingut-Idylle, was immerhin den Schauplatz interessant macht. Ansonsten ist „Visions“ keine Bereicherung des Psychothriller-Genres. Eine matte, sich dahinschleppende Handlung gepaart mit – bis auf Isla Fisher in der Hauptrolle - lustlosen Schauspielern.

Wertung: ärgerlich

Hardcore

von Ilya Naishuller – SU/USA 1016 – 90 Min.

Kybernetisch aufgemotzte Kampfmaschinen gegen biotechnisch aufgerüstete Soldaten. Schon in den ersten Bildern bleiben viele auf der Strecke, leider auch die Logik und die Handlung.

Wertung: sollte man gesehen haben

Beti und Amare

von Andy Siege – D 2014 – 94 Min.

Ein deutscher Film, der eine historisch-surreale Geschichte erzählt, die im Äthiopien des Jahres 1936 spielt. Aus einer von Mussolinis Okkupationstruppen eingenommenen Stadt flieht eine junge, traumatisierte Frau (Beti) in die Abgeschiedenheit der Wüste zu ihrem Großvater. Als dieser abwesend ist, droht sie in die Fänge marodierender Milizionäre zu geraten. Im letzten Moment wird Beti von einem fremden Wesen gerettet, das scheinbar aus einer anderen Welt kommt. Amare erinnert an denn „Wolfsjungen“ – und verhält sich manchmal auch so – allerdings wie ein „Werwolfsjunge“.

Mit den Stilmitteln des europäischen Films und der Erzählweise des afrikanischen Kinos ist hier eine überaus eigenwillige visuelle Komposition entstanden, auf die sich einzulassen lohnt. Die Handlung entzieht sich traditionellen Sehgewohnheiten und ist mit einem Fantasy-Film und einem Manga vergleichbar. Und versteht man den Film so, dann ist es keineswegs ungewöhnlich, wenn auch in einem deutschen Spielfilm die Normalsterblichen mit Göttern, Dämonen und Geistern zusammenleben.

„Beti und Amare“ ist ein Film, der auf internationalen Festivals anerkannt und ausgezeichnet wurde, der aber wohl auf der deutschen Kinoleinwand (leider) nicht viel Chancen hat.

Wertung: kann man sich ansehen

The Jungle Book

von Jon Favreau – USA 2015 – 106 Min.

Neuauflage des Disney-. Ein Stoff, der sich hervorragend für die fotorealistische CGI-Technik (Disney Digital 3D) eignet. Bis auf Mogli (Neel Sethi aus New York) sind alle Bewohner des Dschungels bis ins kleinste Detail naturgetreu animiert. Um den Verkaufswert des Films zu erhöhen, sind in der OV die Namen der Hollywood-Stars (Bill Murray, Ben Kingsley, Christopher Walken und Scarlett Johansson) als Tier-Stimmen groß herausgestellt.

Kinder, die andere Verfilmungen nicht kennen, werden mit Sicherheit großen Spaß an einem Kinobesuch haben. Für Cineasten ist nur interessant, mit welcher Lässigkeit Disney Disney zitiert und Szenen und Charaktere aus früheren Filmen schamlos übernimmt.

„The Jungle Book“ aus dem Jahr 2016 animiert immerhin dazu, sich den (bis heute unerreichten) Klassiker von Zoltan Korda (GB 1942) noch einmal anzusehen. Eine neue Stufe der Qualität könnte möglicherweise nach der Konzeption von „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger" erreicht werden.

Wertung: kann man sich ansehen

Batman v Superman: Dawn of Justice

von Zack Snyder – USA 2016 – 151 Min.

Aus dem mit Spannung erwartetem – und von der Branche entsprechend aufbereitetes - Gipfeltreffen zweier Superhelden wurde nicht mehr als ein spektakuläres, dröhnenden Hauen & Stechen von zwei seelenlosen Kampfrobotern – so, wie man solche Plots aus zahlreichen Actionfilmen und Comicverfilmungen kennt: Der eine will die Welt beherrschen, der andere will das verhindern. Nicht mehr und nicht weniger. Da sich die Werbung für diesen Film auf die visuelle Kraft pompöser Schauwerte konzentriert, dürfte ein Kinoerfolg programmiert sein.

Wertung: nicht zu empfehlen

Sex & Crime

von Paul Florian Müller – D 2016 – 82 Min.

Vier Personen – ein Schriftsteller, seine Ehefrau, sein Freund und eine Kellnerin – verwickeln sich gegenseitig in ein Mordkomplott mit falschen und echten Leichen. Eine Handlungskonstruktion, der es an Witz und Charme fehlt. Wer sich an einen solchen Stoff herantraut, der muss etwas von Timing verstehen und sich auf ein dialogsicheres Drehbuch verlassen können. In dieser „blutigen Beziehungskomödie“ fehlten alle Voraussetzungen. Schade um die Qualität der Hauptdarsteller, die völlig unter Wert verramscht werden.

Die Weydemann Bros-Produktion hat sich der „Vision eines gleichermaßen politischen und unterhaltsamen Kinos“ verschrieben. Hier bewegt sie sich völlig außerhalb der Spur – und KINO ist das auf gar keinen Fall. Es fehlen auch die Bilder für eine Leinwand!

Wertung: hervorragend

Herbert

von Thomas Stuber – D 2015 – 109 Min.

Einst war der Boxer Herbert der „Stolz von Leipzig“; heute schlägt er sich durch als Trainer in einem Club, als Türsteher oder Geldeintreiber. Sein Privatleben ist völlig daneben. Seine längst erwachsene Tochter hat er nicht mehr gesehen, seitdem sie sechs Jahre alt war und er eine längere Gefängnisstrafe absitzen musste. Herberts Freundin Marlene hält Abstand zu ihm, da der Umgang mit dem sperrigen und eigenwilligen Typen kompliziert ist. Kurz: Herbert steht vor den Trümmern seines Lebens. Und dann stellt die Diagnose ALS sein bisheriges Leben völlig auf den Kopf. Er muss sich auf den letzten Kampf seines Lebens einstellen...

„Herbert“ ist keiner der genreüblichen Boxerfilm über Aufstieg und Niederlage, sondern ein feinfühliges Porträt eines Mannes, der sich seinem Schicksal stellen muss und die Herausforderung (unfreiwilllig) annimmt. Das ist bei einem so schwerfälligen Menschen nicht ganz einfach.

Der Film verbindet Realismus und persönliches Drama mit Versatzstücken des Genres und vermeidet dabei die Charakter- und Milieuklischees. Die herausragende Leistung des Schauspielers Peter Kurth verleiht dem Titelhelden eine Präsenz, der der Verfall des Körpers nichts anhaben kann. Allein seine Leistung ist es wert, ins KINO zu gehen!

Wertung: hervorragend

Son of Saul

von László Nemes – Ungardn 2015 – 107 Min.

Ort der Handlung ist das Vernichtungslager Auschwitz im Oktober 1944; angesichts der herannahenden sowjetrussischen Einheiten herrschen Chaos und Auflösung. Protagonist des Geschehens ist der Jude Saul Ausländer. Er arbeitet in einem Sonderkommando, das die Verbrennung der Toten vollzieht. Eines Tages entdeckt den Leichnam eines Jungen, in dem er seinen Sohn zu erkennen glaubt. Da es die Religion untersagt, die Toten einzuäschern, versucht Saul, ihn zu verstecken und gemeinem mit einem Rabbiner eine heimliche Bestattung zu ermöglichen. Für seinen Plan, dem Jungen die letzte Ehre zu erweisen, riskiert er sein eigenes Leben und das seiner Schicksalsgenossen.

Spielfilme über Auschwitz oder andere Vernichtungslager sind eine große Herausforderung für Macher und Publikum. Wie kann man das Unvorstellbare durch Kinobilder darstellen? Diesen Film gelingt es durch eine klare, stringent durchgezogene Konzeption: Nicht das Grauen (Lager, Verbrennungsöfen etc.) ist vordergründig zu sehen, sondern ein Mann, der das mit ansehen (und handeln) muss. Die Kamera bleibt dicht an seiner Person; es wird nicht viel erklärt und mit Worten schon gar nicht. Vieles bleibt unausgesprochen und unverständlich. Emotionen sind mehr zu erahnen als zu spüren. Der Film fordert die Zuschauer heraus, Saul zu folgen und seinen Weg mit ihm zu gehen. Und mehr kann ein Film über den Holocaust nicht leisten.

Der Film wurde 2015 auf führenden internationalen Filmfestivals (Cannes, Toronto, New York) mit Preisen ausgezeichnet; weitere Anerkennungen werden in diesem Jahr wohl folgen. Kein Mainstream-Kino, sondern ein aufschlussreicher und nachhaltiger Film, für den die Kinematographie erfunden wurde.

Wertung: kann man sich ansehen

Midnight Special

von Jeff Nichols – USA 215 – 112 Min

Ein Vater und sein achtjähriger Sohn unterwegs auf der Flucht vor religiösen Fanatikern, der Polizei und dem FBI – und vielleicht auch noch ein paar Außerirdischen. Der Junge verfügt über außergewöhnliche Fähigkeiten – aber nichts Genaues weiß man nicht. Behauptet wird viel, erklärt so gut wie nichts. Abgesehen von einigen eindrucksvollen Kinobildern hat man das alles schon oft gesehen. Keine Bereicherung des Science-Fiction-Genres. Schade um die Leistung der Darsteller, auch wenn Michael Shannon den väterlich-besorgten Part so gewohnt wie immer spielt.

Wertung: hervorragend

Hail, Caesar!

von Joel & Ethan Coen – USA/GB 2015 – 105 Min.

Hollywood, frühe Fünfzigerjahre. In einem der großen Filmstudios ist Eddie Mannix der Mann fürs Grobe. Auch als der Star des Monumentalschinkens „Hail, Caesar!“ entführt wird, behält er die Nerven, obwohl die Dreharbeiten unterbrochen werden und ihm zwei sensationshungrige Klatschreporterinnen auf den Fersen sind.

Eine bitterböse und gleichzeitig charmant-liebevolle Satire auf Stars und Macher – eine Hommage an das Goldene Zeitalter der Studio-Ära mit zahlreichen Szenen aus Musicals, Western und Krimis der Schwarzen Serie. Auch ohne detaillierte Kenntnisse der Branche und Filmgeschichte eine vergnügliche Unterhaltung. Joel & Ethan Cohen (Buch und Regie) und das Darsteller-Ensemble mit Josh Brolin, Alden Ehrenreich, George Clooney, Ralph Fiennes und Tilda Swinton haben alles fest im Griff.

Wertung: hervorragend

Suffragette

von Sarah Gavron – GB 2015 – 105 Min.

Ein Film über die Anfänge der Frauenrechtsbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Großbritannien. Im Mittelpunkt steht das Schicksal einer jungen Arbeiterin, die sich erst zögernd, danach vehement den „Suffragetten“ anschließt. Beeindruckend die Atmosphäre und das Ambiente um sie herum: die Arbeitskolleginnen, die Nachbarn und ihr Ehemann. Sie wird zur Außenseiterin, die von den anderen gemieden wird. Im Kreis der gleichgesinnten Frauen, die mit abenteuerlichen und spektakulären Aktionen für die Gleichstellung der Frauen kämpfen, findet sie ein neues Zuhause, auch wenn viele von ihnen im Untergrund leben. Es ist der Vorteil des Films, die Geschichte einer ganz normalen Arbeiterfrau im Jahr 1912 zu erzählen und nicht die von Emmeline Pankhurst, der Gründerin der bürgerlichen Frauenbewegung. Ihr kommt hier nur eine Nebenrolle zu.

Wertung: kann man sich ansehen

Dope

von Rick Famuyiwa – USA 2015 – 103 Min.

Jugendliche aus einem Vorort von L.A. geraten unbeabsichtigt in eine Auseinandersetzung zwischen rivalisierenden Drogenhändlern und den Cops. Hip Hop und Punk-Rock können über die uninspirierte Handlung nicht hinwegtäuschen. Die Handlung läuft ins Leere und die Protagonisten sind so gestrickt, wie sie in vielen vergleichbaren Campus-Filmen anzutreffen sind.

Wertung: sollte man gesehen haben

Alaaf You

von Baris Aladag – D 2015 – 90 Min.

Karneval von Innen! Kein gewöhnlicher (herkömmlicher) Dokumentarfilm über den Kölner Karneval. Keine Abarbeitung bekannter Versatzstücke, Vorurteile oder Klischees, sondern emotional miterlebt und nah dran. Das filmisch überzeugende Ergebnis eines Projektes, an dem sich viele bekannte und noch mehr unbekannte Kölner mittels Smartphone-Filmchen beteiligt haben. Der erste user-generated Kinofilm; ein Puzzle, das sich aus vielen unterschiedlichen Teilen zu einem eindruckvollen Gesamtbild zusammenfügt und die Leinwand-Zuschauer in den Bann schlägt. Ein gelungenes, innovatives Experiment. Rechtzeitig fertig geworden für die fünfte Jahreszeit 2015/16.

Wertung: hervorragend

Der Bunker

von Nikias Shryssos – D 2015 – 85 Min.

Der kleine Klaus wird von seinen Eltern zuhause in einem unterirdischen Bunker unterrichtet, der im tiefsten Wald gelegen ist. Der Vater fungiert als Hauslehrer und verteilt Strafen, die Mutter die Belohnungen. In diese etwas bizarre Idylle quartiert sich ein junger Student als Untermieter ein, um sich in Ruhe und Abgeschiedenscheit auf eine höchst wichtige wissenschaftliche Arbeit zu konzentrieren. Nach einer Weile spannen die Eltern von Klaus den Studenten mehr und mehr als Hauslehrer ein. Wie zu erwarten kommt es zu Konflikten und Auseinandersetzungen, die zu einer Katastrophe eskalieren.

Surreale, phantastische und absurde Geschichten sind nicht unbedingt eine Domäne des deutschen Kinos. Doch was der griechisch-deutsche Filmemacher Chryssos hier vorlegt, ist bewundernswert mutig und überzeugend in jedem Detail. Es ist ein verstörend-witziger Film mit überbordenden Einfällen, der vom Zuschauer allerhöchste Konzentration verlangt. Man muss ihn unbedingt im Kino sehen. Einfach große Klasse! Der Film wurde auf internationalen Festivals mehrfach ausgezeichnet.

Wertung: hervorragend

The Revenant

von Alejandro Gonzáles Inárritu – USA 2015 – 151 Min.

Ein in jeder Hinsicht großformatiges Survival-Abenteuer aus einem unerforschten Gebiet, wo Menschen aus verschiedenen Kulturen, die Natur und alle Geschöpfe sich gegeneinander im Kampf ums Überleben befinden. Die Geschichte ist inspiriert von wahren Begebenheiten um den Ex-Soldaten, Jäger und Fallensteller Hugh Glass, der von seinen eigenen Leuten verraten und im Stich gelassen wurde. Leonardo DiCaprio hier in der Oscar reifen Rolle eines Mannes, der das Unvorstellbare überlebt und sich auf die lange Reise nach der Suche auf Rache begibt. Der Film wurde mitten in dem felsigen Terrain der abgelegenen kanadischen Wildnis gedreht. Ein Schauplatz, der die Zuschauer fasziniert und mit Handlungssequenzen, die im wahrsten Sinne des Wortes nahtnah miterlebt werden. Hier stimmt einfach alles: Darsteller, Buch und Regie, Kamera und Musik. Ein hervorragender Start des Filmjahres 2016.