PREISTRÄGER BERLINALE 2010
ALs Berlinale-Dauerbesucher (seit 40 Jahren als "Forum"-Fan dabei) und einziges Mitglied der von mir berufenen Jury vergebe ich in diesem Jahr folgende Preise:
Der "Goldene Bär" geht an den Film WINTER'S BONE (USA 2010).
Der "Silberne Bär" für die beste Regie geht an DEBRA GRANIK für "Winter's Bone"
Der "Silberne Bär" für die beste Darstellerin geht an JENNIFER LAWRENCE für ihre Hauptrolle in "Winter's Bone"
Der "silberne Bär" für eine herausragende künstlerische Leistung geht an MICHAEL MCDONOUGH für die Kamera in "Winter's Bone"
Der "Silberne Bär" für das beste Drehbuch" geht an DEBRA GRANIK und ANNE ROSELLINI für "Winter's Bone".
Der "Ärger Bär" geht an den Film JUD SÜSS - FILM OHNE GEWISSEN - und zwar an das gesamte Ensemble incl. Produktion und Filmförderer. Ich habe in der Berlinale-Vorberichterstattung einige Filmausschnitte gesehen und hatte dann das große Glück, mich gegen den Besuch der Vorführung entschieden zu haben. Die "Scheiße!"-Resonanz auf diesen Filme bedarf keines weiteren Kommentars. Schade; hier ist wieder mal ein interessanter Film(geschichts)stoff auf Jahrzehnte hinaus verbrannt worden.
Und nun zu anderen Themen:
In der DEUTSCHEN REIHE war ich von MEIN KAMPF besonders enttäuscht. Tom Schilling, den ich sehr schätze, tritt hier als Hitler-Karikatur wie in einem Komödienstadl auf. Ein unerträglicher Film. Auf der Bühne ist das eine ganz andere Sache. Die Theaterfarce von George Tabori hat wohl ihren eigenen Stellenwert mit einer besonderen Qualität. Das würde ich gerne 'mal sehen. SAME SAME BUT DIFFERENT von Detlev Buck hat bei mir den stärksten Eindruck hinterlassen. Ich finde es gut, dass sich der deutsche Film nicht nur der langwierigen und langweiligen Beziehungskisten in deutschen Großstädten annimmt, sondern auch einmal über die Landesgrenzen hinaus Themen sucht und findet. Schon bei DR. ALEMAN hat mich das überzeugt. Die beiden Hauptdarsteller sind stark; Kamera und Regie ebenfalls. Die beste Kamera sah ich in WAS DU NICHT SIEHST von Wolfgang Fischer. Der Kameramann Martin Gschlacht hat nachhaltig wirkende Kino-Bilder kreiert, die zu einem tragenden Element des Films wurden. Das gilt auch für die Kamera (Ulle Hadding) in PARKOUR von Marc Rensing. Für mich die Überraschung des Jahres. Endlich mal wieder ein Film, der für frischen Wind im deutschen Kino sorgt. Eine tolle Geschichte, furios umgesetzt. Lob und Anerkennung!
FILME AUS IRLAND gab es auch (im EFM). Der Psychotriller mit Horror-Elementen WAKE WOOD von David Keating ist Genrekino vom Feinsten; OUTCAST von Colm McCarthy bewegt sich ebenfalls sicher und gekonnt in diesem Gelände. Das sind keine 'irischen' Stories, wie man sie in den letzten Jahren oft sehen konnte; eher Filme für den Weltmarkt. Muss ja auch sein. SAVAGE von Brendan Muldowney ist hingegen realitätsnäher. EIne Art "Mann sieht rot"-Geschichte. Hier geht es um einen biederen Fotoreporter, der von Jugendlichen zusammengeschlagen wird. Langsam muss er sein Trauma überwinden. Er bringt sich - auch körperlich - in Form und schlägt zurück. Sieht man einmal von dem unausweichlich blutigen Ende ab, ist es eine interessante Studie über Gewalt in unseren Städten. Die aktuellen U-Bahn-Überfälle liefern in diesem Zusammenhang den Motivations-und Argumentationszusammenhang für solche Stoffe. Hoffentlich bald bei uns im Kino oder auf DVD!
UND SONST:
sah ich im FORUM den taiwanesischen Film AU REVOIR TAIPEI; eine Krimi-Actionkomödie, die in Taipei spielt, aber mit typisch französischem Charme die Geschichte erzählt. Eine Lovestory mit Spannung, Romantik und Humor; mit schrillen Figuren und originellen Schauplätzen. Eine amüsante Erholung vom stressigen Berlinale-Terminkalender.
Im PANORAMA dann noch WELCOME TO THE RILEYS mit Soprano-Star James Gandolfini in der Hauptrolle. Eine unkonventionelle, aber liebenswerte Figur mit dem berühmten weichen Kern in der harten Schale.
im EFM dann noch CARGO - SPACE IS COLD, ein Sience-Fiction aus der Schweiz von Ivan Engler & Ralph Etter. Der Film kann nachweisen, dass er technisch visuell mit dem Hollywood-Kino mithalten kann. Die Geschichte (Gefahr im Raumschiff mit tiefgefrorener Besatzung) aber bleibt belanglos und verliert sich schon nach kurzer Zeit in den Weiten des Alls.
KINDERFILME sind nun im Programm "Generation Kplus" zu sehen. Zwei Filme habe ich besucht:
IEP!, Niederlande/Belgien 2010. Es geht um ein kleines Wesen (ein Kind mit Flügeln!), dass von Pflegeeltern um- und versorgt wird, sich dann aber auf macht in den Süden...
Die Hauptrolle wurde mit einem sechsjährigen Kind besetzt, das an Minderwuchs leidet und nur erschwert Zugang zu seiner Umgebung findet und dem die Medienwelt daher völlig fremd sein dürfte. So etwas nenne ich verantwortungslos und sollte schon gar nicht durch eine Festivalaufführung legitimiert werden. Ich verstehe nicht, wie soetwas passieren kann. Die Regisseurin des Films wollte ihren Namen nicht mit dem Film verbinden, daher bleibt es bei "Ellen Smit". Eine inkompetente Presse (Berlin-Online-Stadtmagazin) sprach in diesem Zusammenhang allerdings von einer "Idealbesetzung in der Regie"!
Der andere Film war SUSA aus Georgien (Regie: Rusudan Pirveli). Protagonist ist der 12-jährige Susa, der bei einer illegalen Schnapsbrennerei arbeitet und der sich fast ausnahmslos in diesem Umwelt bewegt: Kleinkriminelle, Prostituierte, Alkoholiker etc. Ein düsterer Streifen, aber nicht für Kinder, sondern für diejenigen, die hier und heute oder dort und heute die gesellschaftliche und politische Verantwortung für Kinder tragen. Der Film ist in diesem Teil der Berlinale völlig falsch präsentiert, das FORUM wäre der geeignetere Ort für die erforderliche Zielgruppe.
Die Programmgestalter des ehemaligen "Kinderfilm"-Festivals verstehe ich immer weniger. Vielleicht bin ich aber ach u anspruchsvoll oder zu altmodisch. Wer weiß?
THEMBA von Stefanie Sycholt war leider nur auf dem EFM zu sehen. Die Handlung spielt in einem kleinen Dorf in Südafrika. Themba, der Junge, ist ein talentierter Fußballspieler, der trotz schwieriger familiärer Bedingungen seinen Weg gehen kann. Dieser führt ihn bis an die Spitze eines Junioren-Teams von nationaler Qualität. Im Gegensatz zu vergleichbaren Filmen wie BANDO geht es hier aber nicht um die Karriere des Jungen - und dem damit verbundenen Sprung zu europäischen Spitzenteams - , sondern um das Thema Aids, das auf diesem Wege - über den Fussball-Film und die sich damit verknüpfende Publizität - die Tabus aufbrechen soll, die in Südafrika immer noch vorhanden sind.
Ein unterhaltsamer Film für unsere Kinder - ein weitaus wichtigerer für die Kinder in Afrika. Die Fussball-Euphorie schafft die notwendige Plattform für die dringend notwendige Aufklärung.