Porträt Horst Schäfer
Wertung: hervorragend

Son of Saul

von László Nemes – Ungardn 2015 – 107 Min.

Ort der Handlung ist das Vernichtungslager Auschwitz im Oktober 1944; angesichts der herannahenden sowjetrussischen Einheiten herrschen Chaos und Auflösung. Protagonist des Geschehens ist der Jude Saul Ausländer. Er arbeitet in einem Sonderkommando, das die Verbrennung der Toten vollzieht. Eines Tages entdeckt den Leichnam eines Jungen, in dem er seinen Sohn zu erkennen glaubt. Da es die Religion untersagt, die Toten einzuäschern, versucht Saul, ihn zu verstecken und gemeinem mit einem Rabbiner eine heimliche Bestattung zu ermöglichen. Für seinen Plan, dem Jungen die letzte Ehre zu erweisen, riskiert er sein eigenes Leben und das seiner Schicksalsgenossen.

Spielfilme über Auschwitz oder andere Vernichtungslager sind eine große Herausforderung für Macher und Publikum. Wie kann man das Unvorstellbare durch Kinobilder darstellen? Diesen Film gelingt es durch eine klare, stringent durchgezogene Konzeption: Nicht das Grauen (Lager, Verbrennungsöfen etc.) ist vordergründig zu sehen, sondern ein Mann, der das mit ansehen (und handeln) muss. Die Kamera bleibt dicht an seiner Person; es wird nicht viel erklärt und mit Worten schon gar nicht. Vieles bleibt unausgesprochen und unverständlich. Emotionen sind mehr zu erahnen als zu spüren. Der Film fordert die Zuschauer heraus, Saul zu folgen und seinen Weg mit ihm zu gehen. Und mehr kann ein Film über den Holocaust nicht leisten.

Der Film wurde 2015 auf führenden internationalen Filmfestivals (Cannes, Toronto, New York) mit Preisen ausgezeichnet; weitere Anerkennungen werden in diesem Jahr wohl folgen. Kein Mainstream-Kino, sondern ein aufschlussreicher und nachhaltiger Film, für den die Kinematographie erfunden wurde.