Intrige
von Roman Polanski – F/I 2019 – 132 Min.
Die Affäre Dreyfus ist eine der düstersten Seiten der französischen Geschichte. Das Schicksal des jüdischen Artillerie-Hauptmanns im französischen Generalstab von seiner ungerechten Verurteilung wegen Landesverrats im Jahre 1894 bis zu seiner – Zola zu verdankenden – vollkommenen Rehabilitierung zwölf Jahre später, wurde mehrmals verfilmt. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang die Filme von Georges Méliès von 1899 und die deutsche Version von 1930 mit Fritz Kortner in der Titelrolle und Heinrich George als Emile Zola.
Polanskis Film nach dem Bestseller von Robert Harris spiegelt das Geschehen aus der Sicht des Leiters des Auslandnachrichtendienstes Marie-Georges Picquart wider und setzt damit einen neuen Akzent. Picquart war Zeuge der erniedrigenden Zeremonie des zu lebenslanger Haft Verurteilten (eine spektakuläre, eindrucksvolle Eröffnungssequenz des Films). Anfänglich überzeugt von dessen Schuld kommen ihm immer mehr Zweifel daran, als weiterhin militärische Geheimnisse an die Deutschen verraten werden. Doch seine Vorgesetzten hindern ihn bei seinem Vorgehen und er gerät in ein gefährliches Labyrinth aus Verrat und Korruption, das nicht nur seine Ehre, sondern auch sein Leben in Gefahr bringt. Die akribischen Recherchen stehen im Focus dieses Films; ein weiterer, nicht unwesentlicher Handlungsstrang ist der offene Antisemitismus der Franzosen. Und damit hat der Film auch eine aktuelle Bedeutung und wird zumindest in Frankreich dementsprechend auch kontrovers diskutiert. Für den Kinostart ist sicherlich der Festivalerfolg in Venedig 2019 hilfreich, doch ohne tieferes Wissen um den politischen Skandal, der die französische Gesellschaft zutiefst erschütterte und das Land an den Rand einer Staatskrise brachte, bleibt einiges unklar.