Porträt Horst Schäfer

Kinotipps 2020

59 Besprechungen aus dem Jahr 2020.

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Wertung: hervorragend

Netflix

Ma Rainey’s Black Bottom

von George C. Wolfe – USA 2020 – 93 Min. – netflix

Die afroamerikanische Musikerin Gertrude „Ma“ Rainey (1886 – 1939) feierte als „Königin des Blues“ in den später 1920er Jahren ihre großen Erfolge. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von August Wilson aus dem Jahr 1982.

Ort des Geschehens ist ein Plattenstudio der Paramount Records auf der South Side in Chicago 1927. Hier sollen einige der bekanntesten Songs von Ma mit ihrer „Georgia Band“ aufgenommen werden. Dazu gehören die Mitglieder Cutler, Toledo, Slow Drag und Levee. Ma ist auf dem Höhepunkt ihres Erfolges; sie lässt die weißen Produzenten und ihre schwarze Band auf sich warten. Während sie auf ihre Ankunft warten, erzählen sie Geschichten, scherzen, philosophieren und streiten sich. Insbesondere zwischen dem jungen, hitzköpfigen und ehrgeizigen Trompeter Levee, der von einer eigenen Band träumt, und dem Veteranen Cutler und Toledo kommt es zu Spannungen. Als Ma im Studio ankommt, ist der Zeitplan erheblich überschritten, was die geldgierigen Produzenten wütend macht. Während die Band darauf wartet, dass verschiedene technische Probleme gelöst werden und die eigenwillige Ma für ein weiteres Chaos sorgt, kommt es zwischen Levee und Cutler zu einer folgenschweren Schlägerei.

Der Dramatiker August Wilson zählt zu den bedeutendsten afroamerikanischen Autoren. Ein zentrales Anliegen war ihm, Die Ungerechtigkeit gegenüber schwarzen Menschen zu thematisieren, sie aber nicht in ihrer Opferrolle verharren zu lassen. Sein auf einen einzigen Tag konzentriertes Bühnenstück und der Film beschäftigen sich neben der Frage der Rasse insbesondere mit der Ausbeutung schwarzer Künstler durch weiße Produzenten. Seine auf exemplarische Charaktere konzentrierte Handlung kann als ein Kondensat dessen gesehen werden, was in der Blues- und Jazz-Szene der 1920er vorgegangen ist.

Die Rolle der legendären Blues-Diva spielt Viola Davis; die Kritik feiert sie als sie faszinierendste und inspirierteste Transformation ihrer Karriere. Ihre Leistung wurde mit mehreren Preisen und Auszeichnungen bedacht; ebenso wie der „Black Panther“-Star Chadwick Boseman. Sein „Levee“ war für ihn die letzte Filmrolle. Er starb im Alter von 43 Jahren an einem lange im Geheimen bekämpften Krebsleiden und wurde zu einer Ikone der schwarzen Kultur.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Deine letzte Stunde

von Carlos Montero – Spanien 2020 – 8 x 40-50 Min. – netflix

Die junge Lehrerin Raquel zieht mit ihrem Mann German in eine galizische Kleinstadt, der Heimatstadt ihres Mannes. An der dortigen High School soll sie Literatur unterrichten. Sie gerät in eine undurchschaubare Situation, da einige Schüler ihr das Leben schwermachen. Ihre Vorgängerin Viruca hat sich vor einigen Wochen das Leben genommen. Doch ihr Mann Mauro, ebenfalls Lehrer, hat Zweifel an dieser Version.

Raquel erhält einen Zettel mit einer mysteriösen Todesdrohung. Das weckt in ihr den Verdacht, dass das Mobbing von Schülern daran vielleicht beteiligt war und dass nun sie selbst Opfer eines perfiden Plans ist. Fortan bestimmt die tote Viruca das Leben von Raquel. Sie recherchiert die Hintergründe und legt sich mit Schülern, Lehrern und sogar mit German an. Die Kleinstadt hat mehr Geheimnisse als vermutet.

Der vielschichtige Mysterythriller bezieht seine Spannung durch die raffiniert montierte Parallelhandlung. Die ersten Wochen nach Raquels Ankunft werden konfrontiert mit den letzten Wochen vor dem Tod ihrer Vorgängerin. Und nach und nach werden die dunklen Seiten der beschaulichen Provinzstadt deutlich.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Mank

von David Fincher - USA 2020 – 130 Min. – netflix

Filmbiographie über den Hollywood-Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz („Mank“) und dessen Auseinandersetzungen mit dem Regisseur Orson Welles über das Drehbuch zu „Citizen Kane“ (1941). Ein Jahr zuvor hatte Mank sich in eine abgelegene Ranch zurückgezogen. Er wurde von dem „Wunderknaben“ Orson Welles mit dem Schreiben des Drehbuches für den Film „Citizen Kane“ beauftragt. Der Charakter des Titelhelden ist an den Verleger und Zeitungsmagnat William Randolph Hearst angelehnt, den Mank zehn Jahre zuvor kennenlernte und mit dem er bis zu einem großen Crash befreundet war. Die Arbeit an dem Manuskript gestaltet sich außerordentlich schwierig, da der alkoholkranke und spielsüchtige, an den Folgen eines Unfalls leidenden Mank sich von den regelmäßigen Besuchen des Regisseurs unter Druck gesetzt fühlt. Es kommt immer wieder zu Streitigkeiten, aber dem Autor gelingt eine Drehbuchfassung, die zu seiner ganz persönlichen Abrechnung mit Hearst und einem anti-liberalen Hollywood wurde.

Ausgangspunkt der Filmhandlung ist das Jahr 1940 und die Arbeit an dem Filmstoff. Auf einer zweiten Zeitebene werden die zehn Jahre zuvor geschildert. Damit erklärt sich der Erfahrungshintergrund des brillanten, aber auch streitbaren Autors, der zu den profiliertesten und erfolgreichsten Persönlichkeiten der Filmbranche zählte. Der Film über ihn wurde in Schwarz-Weiß und mit den filmsprachlichen Stilmitteln des klassischen Hollywood-Films gedreht; eine Hommage an das Kino und dessen Visionäre schlechthin. Die Rezeption setzt filmgeschichtliche Kenntnisse über das Studiosystem und die bekannten Namen der Tycoons der 1940-Jahre voraus. Aufschlussreich vor allem ist der vielschichtige Konflikt zwischen Mank und Welles, dessen Name bei „dem größten Film aller Zeiten“ auch als Co-Autor im Vorspann genannt wird. Beide wurden 1941 für das Drehbuch mit einem Oscar ausgezeichnet. Eine Oscar-reife Leistung ist auch die kongeniale Verkörperung des widersprüchlichen, zynischen und unangepassten Autors durch den wandlungsfähigen Gary Oldman.

Wertung: kann man sich ansehen

Netflix

Wir können nicht anders

von Detlev Buck – D 2020 – 102 Min. – netflix

Erst sterben die blühenden Landschaften, dann die Dörfer und am Ende die Menschen. Buck hat einen Western gedreht, der im Wilden Osten spielt. Von dem Charme und dem Witz des

Films „Wir können auch anders“ ist nichts mehr vorhanden. Die raue, unwirtliche Alltagsrealität lässt dafür keine Spielräume. In einem heruntergekommenen LPG-Gelände haben es sich ein paar Typen eingerichtet. Ein selbst ernannter Gangsterboss führt eine Gruppe von gescheiterten Existenzen an, die als Freiwillige Feuerwehr nichts mehr zu löschen haben. Edda, die zu einem Familienfest in das marode Nest zurückkehrt. Begleitet wird sie von ihrem Zufallsfreund Samuel, der als Sprachwissenschaftler auf gewaltgeladene Aktionen nicht die richtigen Antworten findet.

Statt Aufbruch zeigt Buck hier Zusammenbruch. Eine verwurstete Gangster-Komödie, in der allein Peter Kurth im Bademantel und mit Kalaschnikow die nachhaltigen Akzente setzt. Der Rest ist beliebig. Die Fortsetzung des frühen Films mit den inzwischen gealterten Protagonisten Król und Krausse wäre aus meiner Sicht sinnvoller und ergiebiger gewesen.

Mehr Gehalt statt Gewalt.

Wertung: hervorragend

Das neue Evangelium

von Milo Rau – D/CH 2020 -107 Min. – Steaming

Eine Enzyklopädie der Bibelfilme hätte wahrscheinlich den Umfang einer Bibel. Nachhaltig in Erinnerung sind heute vor allem Pier Paolo Pasolinis Meisterwerk „Das erste Evangelium – Matthäus“ (Italien 1964) und Mel Gibsons eigenwillige, streitbare Passionsshow „Die Passion Christi“ (USA 2004)

Milo Raus sprengt die genrekonforme Spielfilm-Dramaturgie mit Sequenzen einer hybriden Semi-dokumentation unter Einbeziehung von Making-of-Szenen und liefert somit ein außergewöhnliches künstlerisch-politisches Experiment. In seiner Versuchsanordnung geht der Frage nach, wie Jesus sich in der heutigen Zeit zur Flüchtlingspolitik Europas und speziell Italiens positionieren würde. Was würde er im 21. Jahrhundert predigen? Wer wären seine Jünger? Wer sind in der heutigen Weltordnung die Vertriebenen und Ausgestoßenen? Und wie würden die heutigen Vertreter weltlicher und geistiger Macht auf ihn reagieren?

Der Film- und Theatermacher Milo Rau inszenierte sein Passionsspiel im süditalienischen Matera, dem Ort, in dem auch Pasolini seinen Film drehte. Im Focus des Geschehens stehen die Flüchtlinge aus Afrika, die in Italien als Erntehelfer ausgebeutet werde. Szenen aus deren Alltagsrealität konfrontiert Rau mit nachgespielten Kapiteln aus der Bibel.

Raus Hauptdarsteller ist der politische, charismatische Aktivist Yvan Sagnet; ein Rädelsführer und Streikaufrufer gegen die Minilöhne für die Arbeit in den trostlosen Tomatenfeldern. Er hat mit den Geflüchteten eine „Revolte der Würde“ organisiert und Mitstreiter um sich geschart wie Jesus seine Jünger.

Zu den weiteren Protagonisten des Films zählen die Bürger Materas sowie einige Darsteller, die bereits in den Filmen von Pasolini und GIbson mitgewirkt haben. Der engagierte, komplexe und innovative Film endet mit aktuellen Bildern von neuen und sauberen Unterkünften und Werkstätten in einer gut vernetzten Kooperative, die neue Absatzmärkte erreicht.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

La Mante

von Alexandre Laurent – F 2017 – 6 x 52 Min. – netflix

La Mante (frz. für: die Gottesanbeterin) ist der Spitzname von Jeanne Deber. Die inhaftierte Serienmörderin hat vor 25 Jahren in Paris acht Männer auf sehr brutale Weise getötet. Und nun beginnt eine neue Mordserie, dessen Verbrechen offensichtlich von ihr inspiriert sind. Aus ihrer Einzelhaft heraus bietet sie der Polizei ihre Mithilfe bei der Suche nach dem Nachahmungstäter an. Ihre Bedingung: ihr entfremdeter Sohn Damien Carrot, der für die Polizei als Undercover-Agent arbeitet, soll der einzige sein, mit dem sie redet. Damien übernimmt die Leitung eines Sonderkommandos und wird dadurch mit der Vergangenheit konfrontiert. Die Situation ist äußerst riskant, denn im Freundes- und Bekanntenkreis Damiens gilt seine Mutter als Opfer eines Flugzeugsabsturzes. Auch Damiens Frau Lucie hat keine Ahnung. Als dieser sich ihr gegenüber immer merkwürdiger verhält und von nächtlichen Alpträumen heimgesucht wird, beginnt sie auf eigene Faust mit Recherchen und gerät in eine für sie bedrohliche Situation.

Jeanne Deber hat seinerzeit Selbstjustiz verübt. Sie wollte die Menschen vor dem Bösen schützen; ihre Opfer waren Gewaltverbrecher, Vergewaltiger und Betrüger. Die neue Mordserie ist cool inszeniert und erreicht mit sich dramatisch zuspitzenden und vielschichtigen Handlungsebenen die erforderliche Spannung für einen Psychothriller. Alles stimmt: Plot, Charaktere, Schauplätze und Atmosphäre. Lediglich die Auflösung enttäuscht. Sie ist weder originell noch überzeugend.

Wertung: kann man sich ansehen

Netflix

Mosul

von Matthew Michael Carnohan – USA 2019 -102 Min, - netflix

Mossul, Iraks zweitgrößte Stadt, wurde zwischen 2014 und 2019 vom Islamischen Staat besetzt. Sie erklärten die Stadt zur Hauptstadt und errichteten ein blutiges Terrorregime. Im Mittelpunkt der Handlung steht das irakische Ninive-Swat-Team mit dem Auftrag, zum Hauptquartier der IS-Miliz vorzudringen. Der Häuserkampf in der zerstörten ist unerbittlich und schonungslos. Immer wieder werden Kämpfer durch Scharfschützen getötet. Gefangene werden nicht gemacht. Protagonist ist ein irakischer Polizist, der zwischen Regierungstruppen und Rebellen seinen Job machen will. Erst sehr spät erfährt er, dass die Aktion ein persönlicher Rachefeldzug des Anführers ist.

Brutaltes Kriegsgeschehen knallhart und auf engstem Raum. Die Kamera klebt dabei hautnah bei den Kämpfern. Einzelnen Charakteren wird keine Gelegenheit eingeräumt, sich zu profilieren. Motive werden nicht groß hinterfragt. Action pur. Der auf authentischen Vorlagen beruhende Film wurde ausschließlich mit Irakern und Kurden besetzt, was ihn von anderen Hollywood-Kriegsfilmen und deren Erzählmuster unterscheidet. Dem Kriegsfilm-Genre werden dabei allerdings keine erkenntnisreichen Facetten hinzugefügt.

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Netflix

Die Schergen des Midas

von Mateo Gill - Spanien 2020 – 6 x 50 Min. – netflix

Victor steht an der Spitze eines erfolgreichen Medienkonzerns. Zu seinem Unternehmen gehört auch eine einflussseiche Zeitung, in der die Investigativ-Journalistin Monica einen aufsehenerregenden Artikel über die Finanzierung syrischer Waffen durch spanische Banken veröffentlich hat. Die Folge sind diverse Verwerfungen zwischen politischen und wirtschaftlichen Interessen. Parallel dazu wird Victor von einer anonymen Gruppe, die sich als die Schergen von Midas bezeichnet, erpresst. Nur gegen Zahlung eines Betrages von 50 Millionen Euro kann er verhindern, dass in regelmäßigen Abständen wahllos ein Mensch umgebracht wird. Dieses spielt sich ab vor dem Hintergrund gewaltgeladener Demonstrationen auf den Straßen in Madrid, in der die Polizei rücksichtlos gegen die Protestierenden vorgeht. Als sich zwischen Victor, der getrennt von seiner Familie lebt, und der alleinstehenden Monica eine Liebesbeziehung anbahnt, geraten beide in einen Strudel unvorhergesehen und blutiger Ereignisse, denen auch der erfahrene Kommissar Luis und seine einsatzfreudige Crew nicht gewachsen ist.

Die Serie über menschliche Abgründe, Macht und Moral ist eine Adaption der 1901 veröffentlichten gleichnamigen Kurzgeschichte von Jack London. Ein genreübliches, spannend inszeniertes Erpressungsszenario entwickelt sich hier zu einem aufschlussreichen Porträt einer zwischen Arm und Reich gespaltenen Gesellschaft.

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Netflix

Du hast das Leben vor dir

von Edoardo Ponti - Italien 2020 – 94 Min. – netflix

Vorlage des Films ist der gleichnamige Roman von Romain Gary, der 1975 unter seinem Pseudonym Emile Ajar veröffentlicht wurde. 1977 entstand die mit mehreren Preisen und Auszeichnungen bedachte Verfilmung „Madame Rosa“ mit Simone Signoret in der Titelrolle. Es folgte eine Theaterinszenierung, die 2010 als Fernsehfilm adaptiert wurde.

In der aktuellen Verfilmung spielt Sophia Loren „Madame Rosa“. Der Ort der Handlung wurde vom Pariser Stadtviertel Belleville in die italienische Hafenstadt Bari verlegt. Dort lebt in bescheidenen Verhältnissen die Holocaust-Überlebende und ehemalige Prostituierte Madame Rosa. Sie kümmert sich für Geld um Kinder anderer Prostituierter, damit diese nicht in öffentlichen Einrichtungen untergebracht werden. Und so nimmt sie sich auch des 12—jährigen Momo aus dem Senegal an, obwohl er versucht hatte, sie zu bestehlen. Der muslimische Waisenjunge schlägt sich durch, so gut er kann. Madame Rosa zieht sich immer häufiger in einen mit Trödel gefüllten Keller zurück und leidet an ihrer traumatischen Vergangenheit. Als ihre körperliche Gesundheit weiter nachlässt und ihre Momente der Klarheit immer öfter von einer geistigen Abwesenheit unterbrochen werden, verspricht Momo, sie nicht in ein Krankenhaut zu bringen, was für Rosa aufgrund ihrer Erfahrungen mit Ärzten in der Vergangenheit mit großen Ängsten verbunden ist.

Regie führte Edoardo Ponti der Sohn von Sophia Loren, die auch im hohen Alter noch eine bestechend hervorragende schauspielerische Leistung zeigt. Nachteilig ist die gefühlvolle Filmmusik und das farbig-schöne Ambiente der Umgebung. Das heruntergekommene Belleville und die triste Alltagsrealität mit all seinen multikulturellen Problemen sind der passendere, authentische Rahmen. Ponti, der auch am Drehbuch beteiligt ist, setzt statt auf den scharfen Kontrast unterschiedlicher Biographien und Lebenswelten auf das emotional ergreifende, ausbalancierte Spiel zweier außergewöhnlicher Charaktere.

Wertung: kann man sich ansehen

Netflix

Der Befreier

von Grzegorz Jonkaijtys – USA/Polen 2020 – 4 x 50 Min. – netflix

Nach authentischen Begebenheiten wird hier die Geschichte des amerikanischen Soldaten Felix L. Sparks erzählt. Er und seine Infanterie-Einheit stehen im Focus eines der blutigsten Feldzüge des Zweiten Weltkrieges; von Italien über Frankreich und Aschaffenburg bis nach Dachau. Dank Tapferkeit, Männlichkeit, Ehre und Pflichtbewusstsein kehrt Sparks als Held zurück. Ein Großteil seiner Männer kam dabei auf tragische Weise zum Leben.

Was diesen Film von anderen seines Genres unterscheidet ist die Herkunft seiner Einheit, die sich überwiegend aus Cowboys, amerikanischen Ureinwohnern und mexikanischen Einwanderern zusammensetzt. Unter normalen Umständen wären sie das Ziel von Diskriminierungen. Gemeinsam kämpften sie sich hier durch ganz Europa und sind am Ende über 500 Tage im Einsatz. Ihre letzte Operation ist die Beteiligung an der Befreiung des Konzentrationslagers in Dachau.

Es ist die erste Serie, die mit der Trioscope-Technologie produziert wurde, in der eine neue Animationstechnologie Realverfilmung und Computeranimation kombiniert. Das ist zunächst gewöhnungsbedürftig, kann der Wirkung des Films aber keine neue Qualität verleihen.

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arte

The Pleasure Principle

von Darius Jablonski – PL/CZ/UA 2019 - 10 x 50 Min. – arte

Polizisten aus Odessa und Prag jagen gemeinsam mit einer Kollegin aus Warschau einen Serienkiller, der die Leichenteile getöteter Frauen wie Puzzleteile über diese Städte verteilt. So krass und unterschiedlich wie die Lebensrealität in diesen Ländern sind auch die Charaktere dieser spannenden Serie. Um die Lösung zu finden muss über internationale Grenzen hinweg ermittelt werden, denn das Geflecht aus Mafiosi, Waffenhändler und zwielichtiger Porno-Produzenten erstreckt sich über mehrere Länder incl. Deutschland. Die Herausforderung für Polizei und vor allem den Zuschauer besteht darin, sich durch ein Dickicht aus vielfachem Mord und weit verzweigten Verstrickungen zu arbeiten. Und diese reichen bis in die höchsten Machtsphären von Politik und Wirtschaft hinein. Erschwerend ist nur die Vielzahl der Vor- und Nachnamen der diversen Protagonisten aus Odessa, Warschau und Prag. Das verlangt volle Konzentration.

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ZDF

Schatten der Mörder – Shadowplay

von Mans Marlind - D/Kanada – 8 x 55 Min. – ZDF

Der Brooklyner Polizist Max McLaughin übernimmt den Auftrag, 1946 im zerstörten Nachkriegs-Berlin beim Aufbau einer Polizeieinheit zu helfen. Gleichzeitig sucht der dort nach seinem Bruder Moritz, der sich dort aufhalten soll. Gemeinsam mit der deutschen Polizistin Elsie jagt der einen skrupellosen Kriminellen, den man „Engelmacher“ nennt und die Wirren in der Sektoren-Stadt für seine Verbrechen nutzt. Max trifft Moritz – deren verstorbene Mutter eine Deutsche war – und muss erfahren, dass dieser sich als einer der Befreier von Dachau auf einem persönlichen Rachefeldzug befindet und undercover ehemalige, untergetauchte Nazis liquidiert. Als Vorlage für seine „Lausbubenstreiche“ dient das Bilderbuch von Wilhelm Busch.

Auch die politischen Gegebenheiten sind fragil und mitunter undurchschaubar. So z.B. lässt der amerikanische Vize-Konsul Nazi-Verbrecher illegal aus der Stadt ausfliegen und lässt sich dafür mit Beutekunst bestechen.

In erster Linie besticht diese Serie durch die virtuelle Rekonstruktion des Schauplatzes und das mit internationalen Darstellern besetzte Ensemble. Die Handlung selbst krankt an der wenig überzeugenden Konstruktion des Drehbuches, die die diversen Stränge nicht logisch verknüpft. Spannung geht vor Glaubwürdigkeit; eine lieblose Syncronisation der unterschiedlichen Sprachen und Kulturen ist mehr als ärgerlich.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Banden von Marseille

von Olivier Marchal – F 2020 – 116 Min. – netflix

Die Kriminellen in Marseille unterscheiden sich nur dadurch, dass die einen eine Polizeidienstmarke tragen und die anderen nicht. So auch in diesem Film, der in der Tradition des französischen Krimis steht, in dem die Grenzen zwischen korrupten Polizisten und Politikern und rivalisierenden Gangs fließend sind. Das hat sich in Schwarzweiß bewährt und besteht auch in Farbe. Hinzu dann noch ein hinreichend bewährter Schauplatz mit seinen malerischen Gassen und dem atmosphärischen Hafen sowie eine Crew ausgesuchter, genre-erfahrener Charaktere.

Hier steht der Polizist Vronsi, dessen umstrittene Einheit ein blutiges Massaker aufklären soll, im Mittelunkt des Geschehens. Er hat es dabei nicht nur mit skrupellosen Clans, sondern zusätzlich noch mit Konkurrenzkämpfen innerhalb der Polizei und dem zwielichtigen neuen Chef Leonetti zu tun; jeder gegen jeden. Loyalität, Ehre und Recht sind dehnbare Begriffe. Der Regisseur und Drehbuchautor Olivier Marchal hat all seine Erfahrungen als Schauspieler genutzt, um einen nicht gerade originellen Plot spannend und mit zahlreichen Wendungen aufzubereiten und zu inszenieren.

Wertung: hervorragend

Und Morgen die ganze Welt

von Julia von Heinz - D 2020 – 110 Min.

Der Eröffnungsfilm der diesjährigen Filmfestspiele in Venedig. Ein aktueller und brisanter Film über die deutsche Gegenwart. Aus der parteilichen Sicht einer Filmemacherin, die authentisch aus eigener Erfahrung heraus beinahe dokumentarisch einen aufschlussreichen Blick in das Innenleben zweier aufeinanderprallenden Kräfte erlaubt. Sie selbst war in ihrer Jugend selbst zehn Jahre lang bei der Antifa. Im Mittelpunkt ihres Films steht Luisa, eine Jurastudentin aus adeligem Milieu. Alarmiert vom Rechtsruck im Land und der zunehmenden Beliebtheit populistischer Parteien, tut sie sich mit ihren Freunden zusammen, um sich klar gegen die Faschos zu positionieren und Flüchtlingen zu helfen. Schnell findet sie Anschluss bei dem charismatischen Alfa und dessen besten Freund Lenor. Für die beiden ist auch der Einsatz von Gewalt ein legitimes Mittel, um Widerstand zu leisten. Bald schon überstürzen sich die Ereignisse und Luisa erfährt, welche Konsequenzen das für sie und ihre Freunde hat. Dem Film gelingt es sowohl die inneren Konflikte wie auch den gewaltgeladenen Zustand auf unseren Straßen hautnah zu visualisieren. Die Staatsmacht zeigt sich hier nicht von ihrer besten Seite. Der Widerspruch zwischen dem Lernstoff an der Uni zur Interpretation unserer Grundrechte und der realen Lebenswirklichkeit überträgt sich auf beklemmende und überzeugende Art und Weise auf die Zuschauer. Ein Film zur rechten Zeit!

Wertung: hervorragend

Prime Video

Borat Anschluss Moviefilm

von Jason Wolinger – USA 2020 – 96 Min – Amazon Prime

Da er mit seinem Film aus dem Jahre 2016 Schande über sein Land gebracht hat, muss Borat zur Strafe in einem Steinbruch schuften. Seinerzeit wurde er als fiktiver Reporter im Auftrage des Führers von Kasachstan ins Ausland geschickt, um die dortigen Sitten und Gewohnheiten zu studieren und dokumentieren. Die Ergebnisse seiner Reise sind legendär; kaum ein Thema wurde ausgelassen: Rassismus und Sexismus, Antisemitismus und Bigotterie.

Um die Beziehungen zwischen Kasachstan und den USA zu verbessern, soll er erneut in die Staaten reisen. Diesmal mit einem Gastgeschenk Mike Pence. Es handelt sich letztendlich um seine 15-jährige Tochter Tutar, von der er bislang nichts wusste. Um unerkannt zu bleiben, tritt Borat in unterschiedlichen Verkleidungen auf. Auf seiner Tour trifft er auf Menschen, die unverhüllt ihre Meinungen und Ansichten vertreten. Tutar muss gestylt werden. Der Weg führt u.a. zu einer Make-Up-Bar und zu einem Debütantinnen-Ball der High Society. Dort schockieren sie die Anwesenden mit einem aufreizenden traditionellen Fruchtbarkeitstanz anlässlich Tutars Mondblutungen. Auf einer Kundgebung der Republikaner treffen sie auf Pence. Aber Borat als Trump verkleidet fliegt auf. Bei einem Clubtreffen der Frauen der Republikaner erteilt Tutar den anwesenden Damen eine Lektion in Selbstbefriedigung.

Die Reise durch den alltäglichen Wahnsinn kommt kurz zur Besinnung bei einem Besuch der Synagoge. In einer Verkleidung als Karikatur eines Juden trifft er dort auf die Holocaust-Überlebende Judith Dim Evans (1932-2020). Sie geht nicht auf seine Provokationen ein, sondern entgegnet ihm mit Charme und Herzlichkeit. Das ist eine der Waffen, mit der man Borat besiegen kann. Diese Film-Sequenz hat mittlerweile Furore gemacht und führt in den Medien ein Eigenleben.

Höhepunkte von Borat und Tutars Auftritte sind der Besuch einer Wahlkundgebung der Republikaner, wo er als rechter Country-Sänger auftritt, sowie die Begegnung von Tutar als TV-Journalistin mit Rudy Giuliani in einer Hotelsuite in Manhattan. Vor ülaufender Kamera gelingt es ihr, den schillernden Trump-Anwalt und Berater in eine kompromittierende, delikate Situation zu locken. Borat unterbricht rechtzeitig. Er und Tuta freuen sich riesig und ausgelassen über den gelungenen Coup und tanzen ausgelassen auf den Straßen von NY. Auch diese Sequenz hat sich verselbständigt und im aktuellen Wahlkampf für Aufsehen gesorgt.

Schnelle Schnitte, flotte Musik und ironisch-sarkastische Off-Kommentare bestimmen den Rhythmus des Films, der mit seinen frechen, frivolen und sarkastischen Szenen und geschmacklosen Sequenzen hat an die Grenze des Zumutbaren führt.

Neben dem Hauptdarsteller und Protagonisten des Films Sacha Baron Cohen hat die bulgarische Schauspielerin Maria Bakalova (24) den herausragenden Part des Films. Ihre Wandlung von der struppigen, frechen und verschmutzten Göre zur attraktiven, verführerischen Jungreporterin ist ganz einfach meisterhaft und die Entdeckung des Jahres.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Rebecca

von Ben Wheatley – GB 2020 – 122 Min. – netflix

Neben der Oscar-gekrönten Verfilmung von Alfred Hitchcock (1940) eine weitere Adaption des Romanklassikers von Daphne du Maurier. Nach einer Romanze in Monte Carlo mit dem Witwer Maxim de Winter, ein englischer Aristokrat, und einer schnellen Hochzeit kommt die frisch verheiratete junge Lily James im Landsitz an der windgepeitschten englischen Küste in Manderley in Cornwall an. Dort befindet sich der imposante Familienbesitz, ein gotischer Prachtbau ihres Mannes. Naiv und unerfahren beginnt sie, sich in ihr neues Leben einzugewöhnen, steht jedoch immer im Schatten von Maxims erster Frau, der eleganten Rebecca. Deren eindringliches Erbe wird von der strengen Haushälterin Mrs. Danvers am Leben erhalten. Der übermächtige Schatten der Verstorbenen zerstört das Leben des frischvermählten Paares.

Die Neuverfilmung folgt in Ablauf und Dramaturgie der Vorlage von Hitchcock, wobei Monte Carlos Glamour für die Farb-Kamera weitaus ergiebiger ist. Dafür besticht Schwarzweiß in Ambiente und Atmosphäre des Manderley-Anwesens. Hitchcock konnte in einem Studio nach eigenen Vorstellungen drehen; bei Wheatley diente Hatfield House in Hertfordshire als imposanter Drehort. Die Darstellung der Mrs. De Winter ist bei den beiden Schauspielerinnen Joan Fontaine und Lily James gleichwertig überzeugend und hervorragend, während der blasse Armie Hammer nicht an das Können des Schauspiel-Giganten Laurence Olivier anknüpfen kann. Die zentrale Figur des Films, Mrs. Danvers, ist bei Hitchcock eindimensional bedrohlich und geheimnisvoll, während es der sehr präsenten Kristin Scott Thomas gelingt, mit der ihr eigenenTiefenschärfe auch andere, überraschende Facetten ihres Charakters ins Spiel zu bringen. Deutlicher als in der ersten Adaption ist ihr Begehren nach der Schönheit und dem Stil von Rebecca herausgearbeitet; der queere Subtext ist erfreulich und auch in der Romanvorlage bereits angedeutet. Ihr finales Ende ist diesmal nicht der Tod in den Flammen des brennenden Schlosses, sondern ein Sturz von den Klippen. Angemessen. (16.10.2020)

Wertung: hervorragend

Netflix

The Trial of the Chicago 7

von Aaron Sorkin – USA 2020 -129 Min. – netflix

Ein ambitionierter, packender Gerichtsthriller nach einer authentischen Vorlage. Es geht um die Chicago Seven, gegen die 1969 ein Prozess wegen Verschwörung und Aufhetzung angestrengt wurde. Ohne sich zu kennen und mit sehr unterschiedlichen Beweggründen, aber mit einem gemeinsamen Ziel, begeben sich die politischen Aktivisten im Jahr 1968 nach Chicago, um an Großdemonstrationen gegen den Vietnamkrieg anlässlich des Parteitages der Demokratischen Partei teilzunehmen. Eigentlich sollten die von der Hippie-Kultur geprägten Demonstrationen friedlich verlaufen, doch aufgrund des Versagens der Polizei eskaliert die Veranstaltung, die eine Ausgangssperre verhängt. Es kommt fünf Tage und Nächte lang zu Krawallen, bei denen Hunderte Menschen, teils Demonstranten, teils aber auch Journalisten, die über die Vorfälle berichten wollen, durch Tränengas und die von den Polizisten eingesetzten Schlagstöcke verletzt wurden. Monate später sehen sich die sieben Männer vor Gericht wieder; Nixon und seine Law-and-Order-Fraktion haben die Wahl gewonnen und die Justiz neu besetzt. Fünf von ihnen wurden zur Abschreckung der Jugend zu harten Strafen verurteilt, die 1972 jedoch aufgehoben wurden.

Der von Oscarpreisträger Aaron Sorkin (Buch und Regie) exzellent inszenierte und hochkarätig besetzte Film ist ein längst überfälliger Rückblick auf einen Prozess, der seinerzeit für große mediale Aufmerksamkeit sorgte und ein dramatisches Kapitel der amerikanischen Geschichte darstellt. In kurzen Rückblenden mit authentischem und fiktivem Material verlässt die Kamera die bedrückende Atmosphäre des Gerichtssaals hin zu den bildgewaltigen Straßenschlachten zwischen der Polizei und den Demonstranten. Und genau das macht die Qualität des Films aus, der ein zutiefst gespaltenes Amerika zeigt und zum Zeitpunkt seines Starts an relevanter Aktualität gewinnt.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Jemand muss sterben

von Manolo Caro – Spanien/Mexiko 2020 – 3 x 50 Min. – netflix

Mitte der 1950er Jahre in Spanien. Die wohlhabende, konservative Familie Falcon hat es sich im gutbürgerlichen Milieu eingerichtet. Sie lebt liniengerecht und karriereorientiert. Sie holt den Sohn Gabino aus Mexiko zurück, wo er als junger Mann zehn Jahre verbrachte. Und nun soll er die von seinem Vater Gregorio auserwählte Cayetana heiraten, um die Macht der Familie zu erweitern. Begleitet wird Gabino von dem Balletttänzer Lazaro. Es wird ein homosexuelles Verhältnis vermutet, das gesellschaftlich verpönt und strafbar ist. Gabinos Mutter Mina ist Mexikanerin. Sie will ihrem Sohn beistehen, kann ihm aber nicht helfen. Sie lebt in einer abgekühlten Ehe mit Gregoro und wird von dessen Mutter Amparo unterdrückt. Denn diese ist das eigentliche Oberhaupt der Familie und hat alle Fäden in der Hand und lässt keine Gelegenheit aus, ihre Schwiegertochter und ihren Enkelsohn zu verhöhnen. Gregorio lässt seinen Sohn in einem Internierungslager für schwule Männer einweisen, so er gedemütigt und gefolgert wird, und Lazaro beginnt eine Affäre mit dessen Mutter Mina.

In dieser von Angst und Gewalt geprägten Atmosphäre kann sich Gabino, der sich der Tyrannei der Familie nicht beugen will, nicht behaupten. Eine unrühmlich, von allen verschwiegene Vergangenheit ist gegenwärtig und führt zu Verwerfungen und Gewalttaten. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Jagdleidenschaft der Familie und der selbstverständliche Umgang mit Schusswaffen, mit denen sich Probleme lösen lassen. Am Ende muss folglich nicht „jemand“, sondern es müssen mehrere sterben.

Das Familien- und Gesellschaftsdrama, dessen Spannung sich von Folge und Folge steigert, ist ein sorgfältig arrangiertes und stilvoll ausgestattetes Porträt eines homophoben Spaniens, das von dem strengen, diktatorischen Kurs Francos dominiert wird.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

La Revolution

von Aurélien Molas und Francois Lardenois . – F 2020 – 6 x 50 Min. – netflix

Es ist die Zeit vor der Revolution; Frankreich im Jahre 1787. Der ambitionierte Landarzt Joseph Guillotin (!) untersucht eine mysteriöse Mordserie. Ein Virus namens Blue Blood verleitet Mitflieder der Aristokratie dazu, Menschen aus dem Volk umzubringen. Bislang mussten sie für den Wohlstand und die Ernährung dieses Standes sorgen. Als sie sich weigerten verwandelten sich die Adeligen in Vampire und Zombies und ernährten sich von den infizierten Körpern. Das große Fressen fand standesgemäß in Gasthöfen statt. Guillotin sucht verzweifelt nach einem Gegenmittel. Das Volk rebelliert gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeiten. Es dauert nicht lange, bis der ausgesaugte Stand der Bauern und Bürgern die Kraft zu Revolution aufbringt. Das von dem Mediziner, Freimaurer und Politiker Joseph-Ignace Guillotin entwickelte Gerät zur mechanischen Enthauptung kommt ab 1792 zum Einsatz

Ein visuell berauschendes Historien-Spektakel mit ausreichendem Hauen und Stechen, mit Fantasy- und Horror-Elementen. Nur in der Phantasie werden die Toten nicht sterben. Und so erklärt sich auch der Genre-Mix dieser Serie. Eine überborgende Ausstattung in historischen Schlössern und Klöstern sorgt für eindrucksvoll Übergänge der Kontraste zwischen Glanz und Elend, Hell und Dunkel. Nur die Musik verlässt zu oft den zeitgemäßen historischen Rahmen und bedient sich des Sounds von heute gängigen Mustern.

(ab 03.10.2020)

Wertung: hervorragend

arte

A Young Doctor’s Notebook

von Axel Hardcastle – GB 2012 – 8 x 25 Min. – arte

Erste Staffel: Moskau 1934. Der Arzt Vladimir Bomgard blickt zurück auf das Jahr 1917 und auf seine ersten Berufserfahrungen. Nach dem Studium der Medizin wurde er in ein kleines Dorf geschickt, um das dortige Krankenhaus zu leiten. Sein Wissen hat er sich aus Büchen angeeignet; in der harten, blutenden Realität ist er überfordert und muss oft improvisieren. Vladimir hat Angst vor seinen Patienten und er flüchtet sich aus der Verantwortung wann immer es geht. Seine Morphiumsucht bereitet ihm zusätzliche Probleme. Und das alles in den Wirren kurz vor der russischen Revolution.

Ausgangspunkt der Handlung ist ein Kreuzverhör bolschewistischer Soldaten. Der alte Vladimir beamt sich mittels seiner Tagebuchaufzeichnung an die Seite seines jüngeren Ichs; er kommentiert sarkastisch dessen Verhalten und greift dort wo es angebracht ist auch in das Geschehen ein.

Zweite Staffel: 1918, Vladimir und sein illustres Krankenhauspersonal müssen verletzte Soldaten beider Parteien des Russischen Bürgerkrieges behandeln und versuchen beiden Seiten gerecht zu werden. Sein älteres Ich wird 1935 aus der Entzugsklinik entlassen und reist an den Ort seines früheren Schaffens zurück.

Der besondere Reiz der Serie liegt an dem unkonventionellen Pas de deux der beiden Protagonisten Daniel Radcliffe und Jon Hamm. Sie verschmelzen zu einer Person, die den biografischen und zeitgeschichtlichen Bruch der Handlungsebenen mühelos überspielt.

Das bereitet nicht nur mit den treffsicheren Pointen, sondern auch in einzelnen absurden Sequenzen großes Vergnügen; so z.B. teilen sie sich Bett und Badewanne. Dialoge wie von Loriot. Englischer Humor trifft auf russische Satire Das triste Dasein des überforderten Landarztes kontrastiert der Film mit Splatter, Slapstick und schwarzem Humor.

Die Vorlage der Serie ist der Roman des russischen Autors Michail Bulgakow. Nach Abschluss seines Medizinstudiums war er als freiwilliger Helfer des Roten Kreuzes in verschiedenen Frontlazaretten tätig. 1916 wurde er als Reserveoffizier der Russischen Armee als Landarzt in Smolensk beordert. 1918 eröffnete er in Kiew eine eigene Praxis als Venerologe. In seinen autobiographischen „Arztgeschichten“ (1926/27) erzählt er von den Erfolgen, Enttäuschungen, Gefahren und Ängsten eines Landarztes, von dessen Kampf gegen die eigene Unerfahrenheit und die Vorurteile der Bevölkerung. Die einzelnen Geschichten schildern diverse Episoden, die sich ideal für eine Satire-Serie eignen. Die blutigen Sequenzen beispielsweise bei improvisierten Amputationen werden in den Bildern genregemäß aufbereitet; im Text sind sie weniger schockierend. Hier trifft ein kommentierender Erzähler die treffende Tonart; ein Zusammenspiel des jungen und des alten Ichs gibt es nicht. Das ist die Besonderheit der britischen Adaption.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Enola Holmes

von Harry Bradbeer – USA 2020 – 123 Min. –netflix

Enola (= Alone) ist die jüngere Schwester der berühmten Brüder Sherlock und Mycroft Homes. An ihrem 16. Geburtstag verschwindet ihre feministisch aktive Mutter (scheinbar) spurlos. Der konservative Mycroft wird ihr Vormund und will sie in ein strenges Mädchen-Internat stecken. Sherlock ist zu sehr mit sich beschäftigt und kann ihr nicht helfen Die selbstbewusste, freche Enola entgeht diesem Schicksal, indem sie sich als Junge verkleidet und sich auf die Suche nach ihrer Mutter macht. Unterwegs stößt sie auf einen anderen Ausreißer, der ihre Pläne durchkreuzt. Es ist der junge Lord Viscount, der in London seinen Platz im House of Lords einnehmen soll. In London angekommen wechselt Enola mehrfach Identität und Aussehen, um allen Nachstellungen zu entgehen und hat gefährliche Situationen zu meistern, um ihr Ziel zu erreichen. Sie ist in allen Szenen des Films präsent und als Protagonistin wendet sich sie hin und wieder direkt an die Zuschauer und kommentiert mit Witz und Ironie das rasante und turbulente Geschehen. Die Atmosphäre des viktorianischen Zeitalters liefert einen visuell berauschenden Hintergrund der raffiniert konstruierten Detektivgeschichte. Ein Glücksfall ist die Besetzung dieser Rolle mit der überragenden Millie Bobby Brown, der es als smarter und umschwärmter Teenager schon jetzt zu weltweitem Starruhm gebracht hat. Sie ist auch die Ko-Produzentin des Films. Man darf gespannt sein auf ihre weiteren Karriereschritte.

Wertung: hervorragend

Netflix

Ratched

von Ryan Murphy u.a. – USA 2020 – 8 x 45-60 Min. – Netflix

Es geht um den Charakter der Mildred Ratched aus Ken Keseys “EIner flog über das Kuckucksnest”, die in der preisgekrönten Forman-Verfilmung von der grandiosen Louise Fletcher verkörpert wurde. Diesmal spielt Sarah Paulson die Haupt- und Titelrolle.

Sie kommt 1947 in Kalifornien unter falscher Identität als Krankenschwester in einer führenden psychiatrischen Anstalt unter. Der Klinikleiter Dr. Hanover führt an den Patienten neuartige und riskante Therapien durch. Mildret ist aufgeschlossen gegenüber seinen Experimenten und im Verlauf der Serie wird sie zu einer kalten und tyrannischen Frau, deren Aura und wahre Absichten nach und nach deutlich werden. In der Klinik befindet sich ihr Bruder, der als Serienmörder hingerichtet werden soll. Der machtgeile Gouverneur des Staates will die Exekution, um seine Wiederwahl zu sichern. Und Mildred will das mit zynischen und manipulativen Mitteln und unter Anwendung von Gewalt um jeden Preis verhindern.

Gefilmt wurde die Drama-Thriller-Serie im Hochglanz-Stil der Hollywood-Zeiten als film noir in Technicolor. Ein überwältigender FARBEN-Film – ein Farbfeuerwerk - deren Auswahl von rosarot bis giftgrün die Handlung und Atmosphäre beeinflusst. Hinzu kommen Motive aus der Filmmusik des Hitchcock-Komponisten Bernard Herrmann. Der Look und die Ausstattung der Serie sind bewusst aseptisch gehalten, um den Kontrast zwischen der morbiden Geschichte und den in Comic-Form gestalteten Szenenbildern zu halten. Die bonbonbunte Serie bewegt sich hart an der Grenze der Zumutbarkeiten und der Klischees, ist aber überaus unterhaltsam und frischt die eigenen Kenntnisse der Filmgeschichte auf. Das Finale deutet eine Fortsetzung an und man darf gespannt sein auf das Wiedersehen mit den extrem überspannten und ausgeflippten Charakteren.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

The Devil All the Time

von António Campos – USA 2020 – 138 Min. – Netflix

Die sich über Jahrzehnte ersteckende Familientragödie der Russels beginnt mit der Rückkehr des jungen US-Marines Willard von einem Einsatz auf einer Pazifikinsel. Dort erlebte er Gewalt und Grausamkeiten, die ihn sein Leben lang begleiten. Er hat seinen Glauben verloren und sucht neue Hoffnung und Orientierung. Und nun, in einem Kaff im Mittleren Westen, das von evangelikalem Fundamentalismus und Barbarei geprägt ist, landet er in unwirtlichen Verhältnissen. Da gibt es einen Sheriff, der das Gesetz in die eigene Hand nimmt, sowie einen durch und durch verdorbenen Prediger, der die Religion nach seiner Art auslegt und einen zwielichtigen Lebenswandel führt. Und in der Gegend treibt auch ein bigottes Serienkillerpärchen sein Unwesen. Es dauert nicht lange, bis Willard sich aus der erbärmlichen Ausweglosigkeit heraus das Leben nimmt. Sein Sohn Arvin – der eigentliche Protagonist des Films - sieht sich herausgefordert, fortan die bösen Mächte zu bekämpfen, die ihn und seine Familie bedrohen.

Der Film über die Abgründe eines ganz und gar gottverlassenen Glaubens basiert auf dem Roman Das Handwerk des Teufels des amerikanischen Schriftstellers Donald Ray Pollock. Die verschachtelte Handlungsebene der Familiengeschichte mitsamt aller finsteren Schicksalsschläge kontrastiert die Visualisierung mit der Schönheit und Ruhe des friedlichen Landlebens. Einen so ausgeprägten Sündenpfuhl kann man sich dort eigentlich nicht vorstellen. Die bild- und sprachgewaltige Romanverfilmung ist auch ein großes Schauspielkino und weist ein exzellentes Darstellerensemble auf, das die menschlichen Abgründe der Charaktere überzeugend meistert und die Zuschauer in den Bann zieht.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Der junge Wallander

von Ben Harris – Schweden 2020 – 6 x 50 Min. – netflix

Mankells Wallander-Romane aus den 1990er-Jahren sind Krimi-Klassiker; Kurt Wallander ist eine Hauptfigur, die gleich mehrmals verfilmt wurde. Geprägt wurde sie durch Rolf Lassgard. Nach eigenem Bekunden des Autors hat der hochkarätige Schauspieler den Charakter des Protagonisten um Facetten bereichert, die selbst ihm bislang noch nicht bekannt waren. Diese Leistung wurde in den darauffolgenden Filmen weder von den Routiniers Kenneth Branagh noch von Krister Henriksson erreicht.

Und nun also der Versuch, mit dem Namen „Wallander“ erneut Geld zu verdienen. Die Idee eines „jungen Wallanders“ stammt wohl noch von Mankell. Aber mit Sicherheit hätte er seine biographisch angelegte Serie nicht in die aktuelle Gegenwart übertragen.

Jetzt jedenfalls ist Kurt ein sehr junger und engagierter Polizist, der in der Nähe von Malmö als Single in einem tristen, sozial benachteiligten Hochhaus-Viertel lebt. Seinen Beruf kennt man dort nicht. Als sich in seinem Umfeld ein Hassverbrechen ereignet und er Augenzeuge ist, wird er von seinen Vorgesetzten als Ermittler in die Suche nach dem unbekannten Täter einbezogen. Er gerät dabei zwischen die Fronten rivalisierender Straßengangs, Staatsanwaltschaft, Politik und Polizei. Eine für ihn lebensgefährliche Situation. Die Entwicklung und Aufklärung des Falls wirft einen kritischen, realistischen Blick auf gesellschaftliche Probleme wie Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit.

Der eigenbrötlerische, noch nicht ausgereifte Protagonist dieser visuell und dramaturgisch überzeugenden Serie hat trotz einiger Unstimmigkeiten Substanz für eine Fortsetzung – aber als eigenständige Figur. An „Wallander“ erinnert nur eine kurze Sequenz, in der er von den später bekannten „Auerhahn“-Bilder seines Vaters erzählt.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Mignonnes

von Maimouna Doucouré – F 2019 - 95 Min. – Netflix

Die in Paris geborene und dort lebende Filmemacherin hatte vor fünf Jahren mit ihrem Kurzfilm ”Mother(s)” einen internationalen Erfolg. Mit dem autobiografisch inspirierten Film („Mignonnes“ /„Die Süßen“) schließt sich die aus dem Senegal stammende elfjährige Amy einer Gruppe hypersexualisierter Mädchen an und bereitet sich mit ihnen auf einen Tanzwettbewerb vor. Sie ist auf der Suche ihrer körperlichen und kulturellen Identität. In ihren Unsicherheiten und Konflikten drücken sich die Gegensätze aus, die sie in ihrem Umfeld wahrnimmt. Hier die konservative, polygame, senegalesische Großfamilie, die gerade nach Paris gezogen ist., da die Mitschülerinnen, die für den Tanzwettbewerb trainieren, um sich gegenüber den älteren Mädchen zu behaupten. Sie imitieren Bewegungen aus Musikvideos und inszenieren sich in stereotypen Posen, deren Wirkung ihnen noch kaum bewusst ist. Amys Versuch, in beiden Welten zu bestehen, führt zu Spannungen und Enttäuschungen und zwingt sie zu ständiger Verwandlung.

„Mignonnes“ / „Cuties“ wurde beim diesjährigen Sundance Film Festival mit einem Preis ausgezeichnet. Das Spielfilmdebüt von Maimouna Doucouré ist ein facettenreicher Coming-of-Age-Film über das Selbstbild junger Mädchen in unserer Gesellschaft. Er bietet einen aufschlussreichen Einblick in die Lebenswirklichkeit ethnisch diverser Jugendlicher. Die sich ergebenden Widersprüche aus der filmischen Darstellung der Hypersexualisierung junger Mädchen und der gleichzeitigen Distanz dazu lösen Buch und Regie überzeugend auf, wenn auch der Start beim Streamingdienst Netflix mit missverständlichen Fotos und Plakaten irritiert hat. Das wurde zwischenzeitlich korrigiert.

Wertung: hervorragend

Netflix

The Hater

von Jan Komasa – Polen 2020 – 135 Min. – netflix

Tomek, Jurastudent an der Universität Warschau, wird aus der juristischen Fakultät ausgeschlossen, weil er als Plagiator enttarnt wurde. Er beschließt, diese Tatsache vor der Welt zu verbergen. Auch gegenüber der Familie Krasucki, die ihn finanziell unterstützt und in dessen Tochter Gabi Tomek verliebt ist. Er bekommt einen Job bei einer zwielichtigen PR-Agentur, die gegen Bezahlung Prominente und Politiker diskreditiert oder auf Wunsch in den sozialen Medien Misstrauen gegenüber linksliberalen Flüchtlingshelfern schürt. So erhält er Zugang zu den neuesten Technologien und ist bestens über die Geheimnisse der Elite der Hauptstadt informiert. Als der ahnungslose Bürgermeisterkandidat Pawel ihn in sein Wahlkampfteam aufnimmt, gerät der skrupellose Tomek mit seinem doppelten Spiel in eine brisante Situation, die sich dramatisch zuspitzt und eskaliert. Tomek manipuliert einen hasserfüllten Killer zu einem Attentat auf Pawel, was zu einem blutigen Finale führt.

Der polnische Cyber-Thriller über den bezahlten Hass im Internet hätte in unseren Kinos keine Chance. Umso verdienstvoller, dass Netflix für die verdiente Anerkennung und Verbreitung sorgt. Der Film über die Entstehung und Wirkung von Fake News ist hochaktuell, macht den Vergleich zwischen realer und digitaler Welt anschaulich sichtbar und zeigt die Folgen von Manipulation und Überwachung über soziale Netzwerke.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Zeichen

von Marcin Ziebinski und Jakub Miszcak – Polen 2018 - 8 x 45 Min – netflix

Sowie Doly ist eine Kleinstadt im niederschlesischen Eulengebirge. Hier arbeiteten die Nationalsozialisten 1943 an dem Bau eines gigantischen Stollensystems, in dessen Zentrum ein Führerhauptquartier stehen sollte. Am Ende des Krieges wurden in den Höhlen die KZ-Häftlinge ermordet, die dort Zwangsarbeit leisten mussten.

Um diesen Ort haben sich zahlreiche Mythen gebildet, die den Hintergrund einer Krimiserie bilden. Im Mittelpunkt steht dabei der Kommissar Michal Trela, der mit seiner heranwachsenden Tochter dorthin versetzt wurde. Er soll den Mord an einer jungen Frau aufklären, der Gemeinsamkeiten zu einem jahrzehntealten, ungeklärten Mordfall aufweist. Bei seinen Ermittlungen stößt Trela auf divergierende politische und wirtschaftliche Interessen. Einerseits soll der triste, heruntergekommene Ort im großen Stil touristisch erschlossen werden, andererseits schlägt bei einer Sprengung der Stollen die nationalsozialistische Vergangenheit durch. Das behindert die Planungen mehr als erheblich. Die Aufklärung der Mordfälle erweist sich als äußerst kompliziert. Das an „Twin Peaks“ erinnernde Ensemble eigenwilliger, zwielichtiger Personen, von denen die meisten auch über eine Portion krimineller Energie verfügen, macht die Serie zu einer spannenden und aufschlussreichen Begegnung mit einer polnischen Alltagsrealität, die hierzulande unbekannt ist. In jeder Episode werden Themen aus Vergangenheit und Gegenwart angeschnitten und geschickt miteinander verknüpft. Für einen anhaltenden Spannungsbogen ist gesorgt.

Wertung: hervorragend

Netflix

Stateless

von Emma Freeman und Jocelyn Moorhouse – Australien 2019 – 6 x 50 Min. - Netflix

Eine von Cate Blanchett koproduzierte Mini-Serie. Schauplatz des Geschehens ist ein scharfbewachtes Detention Center in der glühenden Steppe Australiens. Die Protagonisten sind ein von Schleppern betrogener afghanischer Flüchtling mit seiner Tochter auf der Suche nach Asyl, ein junger Vater, der zum Wachpersonal zählt und an seinem Job zweifelt, sowie eine ehrgeizige Angestellte des Ministeriums, die gegen innere Widerstände die Verantwortung für das Lager und deren Insassen trägt. Im Mittelpunkt steht eine egozentrische australische Stewardess aus gutbürgerlichem Milieu, die den Machenschaften einer Selbstfindungssekte entflieht, unter falscher Identität in dem Lager landet und traumatisiert auf eine Ausreise hofft. Ihr psychologisch ergreifendes Schicksal sowie das der anderen beruht auf wahren Begebenheiten.

Die einzelnen, spannenden Episoden greifen ineinander über und zeichnen ein realistisches Bild unverantwortlicher Zustände in einem Ambiente, das mehr einer Strafanstalt als einem Einwanderungscamp gleicht. Das Lager ist voll von Menschen, die auf der Flucht von ihren Familien getrennt wurden und deren weiteres Schicksal unklar ist. Die Missstände im Umgang mit Asylbewerbern sind das Ergebnis eines willkürlichen, unmenschlichen Räderwerks aus Politik, Justiz und Verwaltung. Eine Öffentlichkeit gegen die Politik der Mitleidlosigkeit und Abschottung zu sensibilisieren war das Anliegen von Cate Blanchett. Sie spielt die selbstgefällige, unangreifbare Ehefrau des von Dominic West verkörperten dämonischen Life-Coach-Gurus.

Wertung: hervorragend

Netflix

Homemade

von Pablo Larrain u.a. Chile/Italy 2020 - 17 x 4-7 Min. - netflix

Der chilenische Regisseur Pablo Larrain hatte die Idee, die durch COVID-19 pandemic ausgelöste Zwangsauszeit für ein „Corona-Tagebuch“ zu nutzen und lud namhafte Kolleg*innen aus aller Welt mit dazu ein. Entstanden sind 18 Kurzfilme. Die meisten von ihnen sind ruhig erzählt und erkunden die Einsamkeitserfahrungen in einer Situation, in der die Zeit still steht und sich die Außenwelt auf wenige Kontakte beschränkt. Protagonisten sind die Filmemacher*innen und ihre Familie, wobei die Mitwirkung von Kindern die stärksten Eindrücke hinterlässt. Die Quarantäne-Situation inspiriert sie zu phantasievoll improvisierten Geschichten.

In den meisten Beiträgen dieser kurzweiligen Anthologie steht die aktuelle persönliche Alltagsrealität im Focus des Geschehens. Beispielhaft dafür ist der Franzose Ladj Ly, der sein Umfeld in den Pariser Banlieues mit Hilfe einer Drohne erforscht. Eine Ausnahme von diesen Gemeinsamkeiten bietet der italienische Regisseur Paolo Sorrentino, der mit Deko-Winke-Figuren in Miniaturkulissen eine absurde romantische Begegnung zwischen dem Papst und Queen Elizabeth inszeniert. Eine witzige Parodie auf Fake-News, in der auch „The Big Lebowski“ in einer Nebenrolle auftaucht. Als einziger Deutscher ist Sebastian Schipper mit dabei. Aus der Isolation heraus vervielfältigt er sich mehrfach, da er sich langweilt, sich nach Gesellschaft sehnt und zum Kartenspiel nun mal mehrere Personen gehören. Insgesamt ist „Homemade“ ein stimmungsvolles Zeitdokument kollektiven Erfahrungen in einer einzigartigen weltumfassenden Ausnahmesituation.

Wertung: sollte man gesehen haben

Wasp Network

von Olivier Assayas – F/B/S 2019 – 123 Min. – network

Der Film erinnert an ein fast vergessenes Ereignis aus den 1990er Jahren. Er handelt von den Miami Five, das sind fünf Kubaner, die vom Geheimdienst des Landes ausgebildet wurden und als Agenten das Netz „Wespen“ bildeten. Im Mittelpunkt steht der Pilot René Gonzáles, der seine Frau und Tochter verlässt und sich als Flüchtling von Havanna nach Miami absetzt. Er schließt sich dort einer Gruppe von Exilkubanern und Castro-Gegnernan, die von Florida aus agiert und durch militärische Operationen gegen das kubanische Regime vorgeht. Seit dem Zusammenbruch der UdSSR ist Kuba auf den Tourismus als Einkommensquelle angewiesen. Das Ziel der Gruppe ist die Zersetzung der kubanischen Tourismusindustrie. René und seine Gefährten sollten diese Pläne rechtzeitig nach Havanna übermitteln, um die Aktionen zu verhindern. Nach ihrer Enttarnung durch das FBI wurden sie festgenommen und mussten in den USA schwere Strafen absitzen.

In dem Roman „Die letzten Soldaten des Kalten Krieges“ hat der Brasilianer Fernando Morais die Geschichte der Miami Five erzählt, was die Vorlage für den Film von Olivier Assayas ist, der die Regie führte und auch das Drehbuch schrieb. Die mit internationalen Stars besetzten Rollen lehnen sich eng an die authentischen Personen an. Der Film vermeidet Klischees und Parteilichkeit. Vielmehr ist er ein Vexierspiel unterschiedlicher Perspektiven. Ein spannender, oft überraschender Polit- und Spionagethriller, der sich die Zeit nimmt, Personen und zeitgeschichtliche Hintergründe ausreichend ins Bild zu setzen. Die sonnendurchfluteten Schauplätze bieten dabei die idealen Voraussetzungen für atemberaubende Kino-Bilder, deren Dynamik eine netflix-Ausstrahlung immerhin noch erahnen lässt.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Verirrte Kugel

von Guillaume Pierret – F 2020 – 93 Min. – netflix

Beinahe ein französischer Krimi in bester Tradition. Nachteilig nur, dass es sich hier um einen Actionthriller handelt und die kantigen Protagonisten durch frisierte Autos ersetzt wurden. Es geht um den kleinkriminellen Mechaniker Lino, der sich darauf spezialisiert hat Autos zu Waffen umzubauen und den Cops dabei helfen soll, die besser ausgestatteten Drogendealer zu bekämpfen. Wie in diesem Genre üblich sind die Grenzen zwischen Recht und Unrecht verwaschen. Wer ist Kumpel, wer Verräter? Lino steht zwischen den Fronten und muss um sein Leben kämpfen. Dabei pflastern Leichen seinen Weg und eine unüberschaubare Anzahl von Autos kracht in- und gegeneinander. Eine konsequente, gradlinige Dramaturgie schafft das atmosphärische Umfeld für den wortkargen, gewaltbereiten Hauptdarsteller. Es ist der französische Stuntman Alban Lenoir, der hier das Zeug zum Serienhelden unter Beweis stellen kann.

Wertung: hervorragend

Netflix

Da 5 Bloods

von Spike Lee . USA 2020 – 155 Min. – netflix

Die vier gealterten Afroamerikaner und Kriegsveteranen Paul, Melvin, Otis und Eddie treffen sich in Ho-Chi-Minh-Stadt wieder. Sie sind nach Vietnam zurückgekehrt, um die sterblichen Überreste ihres damals gefallenen charismatischen Anführers Norman zu suchen und in die USA zurückzubringen. Ausgelöst durch eine Schlammlawine sind die Spuren des provisorischen Grabes durch Satellitenfotos sichtbar geworden. Dort ist auch eine Kiste mit Goldbarren vergraben. Damit wollte die CIA von ihren Verbündeten Informationen über den Vietcong erkaufen. Die Bloods wollen nun das Gold sichern und es der Bevölkerung zukommen lassen. Begleitet werden sie dabei von Pauls ehrgeizigem Sohn David.

Die Protagonisten des Films bilden ein Mikrobild der amerikanischen Zeit- und Gesellschaftsgeschichte. Die Lebenswege der traumatisierten Veteranen sind extrem unterschiedlich verlaufen. Ihr Weg über den Mekong und die Reisefelder in den Dschungel verdeutlicht exemplarisch die Gemeinsamkeiten und das Trennende, was zu Verwerfungen und Streitereien führt. Davon betroffen sind auch der Vietnamese Vinh Tran, den sie als Führer verpflichtet haben, sowie eine Handvoll Leute, die für eine Organisation zur Beseitigung von Landminen arbeiten und dabei mit einem zwielichtigen französischen Geschäftsmann zusammenarbeiten. Sie alle verfolgen eigene Interessen.

Wie immer bedient sich Spike Lee für seine gesellschaftskritische Analyse der Versatzstücke populärer Show- und Unterhaltungsmechanismen. Die fiktive Handlung wird eingeleitet mit dokumentarischen Bildern aus dem Umfeld der Ermordung von Martin Luther King - wie beispielswese der Erklärung von Muhammed Ali zu seiner Kriegsdienst-Verweigerung - und endet aktuell mit Reportagen über die Black Lives Matter-Proteste. Seine Spannung bezieht der Retro-Vietnam-Kriegsfilm aus der unkonventionellen Dramaturgie einer Kombination der Aufarbeitung des Rassismus in den USA und der genretypischen Schatzsuche in klassischen Abenteuerfilmen. Tragende Elemente sind neben der spektakulären Montage filmästhetisch unterschiedlicher Farb- und Bildformate sowie atemberaubender Kamerafahrten auch die Filmmusik, die frühere Vietnamkriegsfilme referenziert und auf „Apocalypse Now“ und vergleichbarer Blockbuster verweist. Das Kriegs-Abenteuer-Thriller-Drama „Da 5 Bloods“ bietet kraftvolles und mitreißendes Mainstream-Kino, dem Corona bedingt die große Bühne in Cannes leider verwehrt wurde.

Wertung: hervorragend

Netflix

Curon

von Fabio Mollo und Lyda Patitucci – Italien 2020 – 7 x 40 Min. Netflix

Authentischer Schauplatz der Handlung ist ein Ort in Südtirol nahe der Grenze zu Österreich und der Schweiz. Eine zentrale Bedeutung hat dabei der Reschensee und der aus dem See ragende Kirchturm der alten Grauner Pfarrkirche St. Katharina. Das Geschehen spielt vor dem Hintergrund mysteriöser Vorkommnisse, die mit der Geschichte und der Überflutung des alten Ortes zusammenhängen. Das geschah gegen den Widerstand der Einwohner gegen den riesigen Stausee, der den Norden des Landes mit Strom versorgen soll. Bei der in diesem Zusammenhang entstandenen Legende geht es in erster Linie um den Mythos, dass die aus dem Turm entfernten Glocken unter bestimmten Bedingungen läuten würden. Wer das hört, ist dem Tod geweiht.

Im Zentrum des Plots stehen die Teenager-Zwillinge Daria und Mauro, die von ihrer alleinerziehenden Mutter Anna aus Mailand in die alte Heimat verfrachtet werden. Anna selbst hatte Curon vor 17 Jahren als Schwangere überstürzt verlassen, kurz nach dem tragischen Tod ihrer Mutter. Sie will nun in dem alten Hotel, das ihrer Familie gehört und in dem ihr störrischer Vater noch immer lebt, wieder heimisch werden. Dieser will das unbedingt verhindern. Daria und Mauro merken schnell, dass sie in dem Dorf nicht willkommen sind und geraten in einige Konflikte. Währenddessen verschwindet Anna in den Bergen und ihre Kinder begeben sich auf die Suche. Dabei erfahren sie irritierende Einzelheiten aus der Vergangenheit ihrer Familie.

Curon ist der ideale Ort für diese italienische Mystery-, Fantasy- und Horror-Serie, deren dramatischer Verlauf noch Elemente eines Familiendramas und eines Kriminalfilms hinzufügt. In atmosphärischer Dichte und in angemessenem Erzählrhythmus orientiert sie sich filmästhetisch an internationale Standards wie beispielsweise „Dark“. Die eigenwilligen Zwillinge sind faszinierende Protagonisten und Identifikationspersonen. Ihre mitunter gegensätzlichen Positionen vereinen sich in extremen und riskanten Situationen zu gemeinsamem Vorgehen. Ausreichend Stoff für eine zweite Staffel.

Wertung: sollte man gesehen haben

Hidden Agenda

von Molly Hartleb –Schweden/D – zdf-neo - 8 Folgen a’ 50 Min.

Zwei extrem unterschiedliche Milieus treffen aufeinander: Die ehrgeizige Anwältin Emily, die in einer Stockholmer Anwaltskanzlei Karriere machen will, und der introvertierte Ex-Häftling Teddy, der ein neues Leben beginnen möchte, sich aber von seinem alten nicht befreien kann. Die Wege der beiden Protagonisten kreuzen sich als Philip, der Juniorchef und Erbe des elitären Familienkonzerns, entführt wird. Die Motive bleiben zunächst unklar. Aus unterschiedlichen Positionen heraus machen sich Emily und Teddy auf, die Hintergründe herauszufinden und Philip aufzuspüren. Die luxuriöse Welt der Stockholmer Finanzwelt und das Milieu der organisierten Bandenkriminalität in den Problemvierteln am Rande der schwedischen Metropole prallen frontal aufeinander.

„Hidden Agenda“ – Intrigen und Hinterhalt – ist konzentriert inszeniert. Mit hervorragenden Darstellern in den beiden Hauptrollen und mit einer Kamera, die vergessen lässt, dass es sich um einen TV-Mehrteiler und nicht um einen Leinwand-Thriller handelt. Lediglich in der Zeichnung der beiden unterschiedlichen sozialen Welten hätte man auf einige gängige Klischees verzichten können.

Wertung: hervorragend

Netflix

White Lines

von Alex Pina – Spanien/GB 2020 – netflix -10 Folgen a’ 50 Min,

Die Hippie-Insel Ibiza gestern und heute. Ende der neunziger Jahre machten sich einige unterprivilegierte Jugendliche aus Manchester auf, das „Mekka der Technoszene“, zu erobern. Angeführt von dem charismatischen DJ Axel. Bei einer ausufernden Feier zu seinem vierundzwanzigsten Geburtstag verschwindet er spurlos.

Seine jüngere Schwester Zoe war damals noch zu jung, um England zu verlassen. Sie arbeitet nun als gutbürgerliche Bibliothekarin in Manchester und hat zwanzig Jahre vergeblich versucht, den Vorfall zu verdrängen. Als Axel mumifizierte Leiche in der Wüste von Almeria auftaucht, macht sie sich auf, um die Wahrheit herauszufinden. Schon seinerzeit gab es auf Ibiza eine Mordermittlung, die ihr jedoch verheimlicht wurde. Sie begibt sich auf Spurensuche und sucht die alten Freunde auf. Dabei gerät sie in die zügellose, ausschweifende Nachtclub-Szene des Disco-, Party-, Sex- und Drogenmilieus.

Ein Stoff für das Große Kino. Mit einer atemberaubenden Montage zwischen den Zeiten und mit fantastischen Bildern kann sich diese Serie auch außerhalb der Leinwand beweisen. Dass sie über alle Folgen hinweg fesselt ist in erster Linie dem facettenreichen Spiel der Hauptdarstellerin Laura Haddock zu verdanken. Kreiert wird die Hybridserie - Mystery, Thriller und Drama zugleich - von Alex Pina („Haus des Geldes“); dessen Name hält, was er verspricht.

Wertung: hervorragend

Netflix

The Eddy

von Damien Chazelle und Jack Thorne – F/USA 2020 – 8 x 50 - 70 Min. Netflix

„The Eddy“ ist einer der schummerigen Musikclubs in Paris. Der amerikanische Jazz-Pianist Elliot Udo hat in der Musikszene New Yorks Karriere gemacht und ist Miteigentümer des Clubs. Sein Freund und Partner Farid gibt sich alle Mühe, geschäftlich erfolgreich zu sein und gerät dabei in undurchsichtige Machenschaften der Vorort-Gangster, die mit brachialen Mitteln das Gebiet und die Szene kontrollieren. Elliot will seiner Freundin, der Sängerin Maja, und ihrer Hausband zum Durchbruch zu einem Plattenvertrag verhelfen. Als Farid nach Ladenschluss auf der Straße ermordet wird, verschlechtert sich die Situation für den Club und sein Personal. Die Kriminalpolizei schaltet sich ein und Elliot sieht sich in seinem Überlebenskampf gleich mehreren Fronten gegenüber. Sein Stress nimmt zu, als er Besuch bekommt von seiner Tochter Julie. Ihre Mutter hat sie von New York weggeschickt, da Julie ein Drogenproblem hat. Der chaotische Teenager möchte bei ihm bleiben.

Paris zeigt hier nicht seine Postkartenseite. Es sind die quirligen Randbezirke, die Banlieus, die ein wirres und vielschichtiges Ambiente bieten.

Jazz ist nicht nur der Soundtrack der Serie, sondern gleichwertiger Beststandteil, er sorgt für die angemessene Atmosphäre und bestimmt den Rhythmus der Handlung. Jede Folge verfolgt einen anderen Protagonisten und dessen Schicksal. Die überwiegend schwarzen Musiker sind authentisch und kommen aus unterschiedlichen Milieus. Es sind eigenwillige Charaktere, die man gerne näher kennenlernen möchte.

Ein Problem ist die Sprachfassung, da im Original neben amerikanischem Englisch und milieutypischem Französisch auch Polnisch und Arabisch mit viel Slang gesprochen wird. Ein Tipp: den Nachspann ansehen und anhören!

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Hollywood

von Ryan Murphy – USA 2020 – netflix - 7 Folgen a’ 50 Min.

Diese Mini- Serie handelt von fiktiven und authentischen Personen, die Ende der 1940er Jahre in Hollywood das Sagen haben oder Karriere machen wollen. Mit dabei u.a. ein afroamerikanischer Drehbuchautor, ein Halb-Philippiner mit Schauspielambitionen, eine afroamerikanische Schauspielerin, eine sino-amerikanische Star-Schauspielerin, macht- und geldgierige Bosse, ehrgeizige und einflussreiche Gattinnen, windige Agenten und Anwälte, homosexuelle Schauspieler etc. Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist eine Tankstelle („Dreamland“), an der attraktive junge Männer nicht nur Sprit verkaufen, sondern auch einen Extraservice („Dreamland“) anbieten.

Das Gebräu aus Rassismus, Sexismus und Homophobie mischt sich mit diversen Träumen/Albträumen von „Hollywood“ vor dem Hintergrund der fetten Jahre der Filmindustrie. Es geht um die Machenschaften der Produzenten und deren Gefolge, wozu auch namentlich genannte Stars wie Anna May Wong, George Cukor, Lana Turner, Vivien Leigh und Rock Hudson zählen. Die Serie geht sehr behutsam mit ihren Protagonisten um, da sich am Ende alles in Wohlgefallen auflöst. Und damit verliert sie auch ihre Glaubwürdigkeit, denn im realen Hollywood hat es sich anders verhalten: Außenseiter wie Afroamerikaner hatten so gut wie keine Chance und Homosexualität wurde jahrzehntelang tabuisiert. Nun denn: wenn in Tarantinos Filmen die Zeitgeschichte umgeschrieben wird, Hitler bei einem Attentat in einem Pariser Kino getötet und Sharon Tate nicht das Opfer eines Massakers von Charles Manson wird – warum nicht auch hier aus dem Produktionsort Hollywood eine glamouröse „Traumfabrik“ im wahrsten Sinne des Wortes werden zu lassen.

(April 2020)

Wertung: hervorragend

Aus der Spur

von Ziad Doueiri – F 202019 – 6 x 50 Min.

Eine sechsteilige Serie in bester Tradition des französischen Krimis. Im Mittelpunkt des Geschehens steht der Mittfünfziger Alain Delambre, der sich nach langjähriger Arbeitslosigkeit aus Wut, Frust und Verzweiflung auf eine scheinbar aussichtslose Stellenbewerbung einlässt. Ein skrupelloser Rüstungskonzern sucht einen eiskalten, stressresistenten Top-Manager, der innerhalb weniger Monate mehr als 1.000 Leute entlassen soll. Um die geeignete, der Firma gegenüber loyale Person zu finden, wird als Selektion-Spiel eine fingierte Geiselnahme arrangiert. Delambre soll als Personalrecruiter ohne sein Wissen auch nur eine weitere Figur in dieser perfiden Aktion sein. Als der den Plan durchschaut, ändert er die Spielregeln und nimmt alle Beteiligten als Geisel. Aus dem gedemütigten Arbeitslosen, der die Existenz seiner Familie sichern möchte, wird ein zynischer Verbrecher wider Willen.

Alain Delambre wird gespielt von dem ehemaligen Fußballstar Eric Cantona, der schon in anderen Filmen sein Können als Schauspieler beweisen konnte. Die Rolle des Spielmachers gestaltet er überzeugend und - wie es sich für einen Vollprofi gehört - souverän in Sachen Strategie und Taktik. Er ist einer, der viel einstecken und hart austeilen kann: „Als ich begriffen habe, wie wütend ich bin, habe ich Angst bekommen!“ Gleichzeitig ist er gegenüber seiner Frau und seinen beiden erwachsenen Töchtern sehr feinfühlig und sensibel. Eine starke Leistung.

Wertung: hervorragend

Berlin Alexanderplatz

von Burhan Qurbani – D/N 2020 – 183 Min.

Der Film orientiert sich frei an dem gleichnamigen Roman von Alfred Döblin.

1931 wurde er erstmals verfilmt, von Phil Jutzi mit Heinrich George als Franz Biberkopf. 1980 von Rainer Werner Fassbinder mit Günter Lamprecht in der Hauptrolle. Aus Franz wird in der aktuellen Version der illegale afrikanische Immigrant Francis, der sich nach einer gefährlichen Überfahrt über das Mittelmeer in Berlin landet und ein geregeltes, anständiges Leben führen will. Doch das Berlin von heute geht mit einem Staatenlosen ohne Arbeitserlaubnis nicht weniger erbarmungslos um als es der Lohnarbeiter Franz Biberkopf in Döblins Klassiker erlebt hat. Wie seine literarische Vorlage handelt auch die zeitgenössische Adaption von Gesellschaft und Außenseitertum, Wunsch und Travestie. Fassbinders Version nicht unähnlich, ist Qurbanis Epos eine düstere Reise durch die „dunkle Nacht der Seele“ –und nicht zuletzt durch ein atmosphärisch authentisch eingefangenes Exil: Berlin.

Mit dem Wagnis einer grundlegenden Modernisierung mit einer eigenwilligen Bild- und Tonsprache (der Montagetechnik von Döblin folgend) hat die Produktion auch großen Mut bewiesen: Berlin von heute als überwältigendes „Gesamtkunstwerk“! Drei Stunden sattes, mitreißendes Kino das man nicht auslassen sollte.

Wertung: hervorragend

Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien

von Bettina Böhler – D 2020 – 120 Min.

2010 verstarb Schlingensief im Alter von nur 49 Jahren. Zehn Jahre danach nun die längst fällige filmische Hommage an Person und Wirken. Es ist kein Film über Schlingensief, sondern von ihm. Unter Verzicht auf Off-Kommentare bündelt der Kompilationsfilm aufschlussreiche und provozierende Bilder aus seinem Leben zu dem facettenreichen Mosaik eines Ausnahmekünstlers. Das intensive Porträt durchlebt die ganze Entwicklung Schlingensief von der Ruhrgebiets-Szene um Werner Nekes und Helge Schneider über den Bühnenrevoluzzer von Berlin und Bayreuth bis hin zu seinem visionären Theaterprojekt in Burkina Faso. Bettina Böhler gelingt dabei ein faszinierendes, eigenständiges Werk; sie montiert virtuos private Aufnahmen mit Dokumentationen seines künstlerischen Schaffens, das in seiner Art und Wirkung unvergleichbar ist und den kulturellen und politischen Diskurs in Deutschland mitprägte. Meisterhaft montiert Böhler, die auch an Schlingensiefs Filmen mitgearbeitet hat, Filmausschnitte und Privatvideos, Theatermitschnitte und viel bislang unveröffentlichtes, neu digitalisiertes Material zu einem erregenden Leinwanderlebnis und dem Wiedersehen mit einem der innovativsten deutschen Aktionskünstler.

Wertung: kann man sich ansehen

Netflix

Bis zum Untergang

von Patrice Laliberté - Kanada 2020 – 90 Min. - netflix

Ein zynischer Kommentar zu aktuellen News. Der Plot: es droht der bürgerlichen Gesellschaft eine Gefahr durch unberechenbare Klimaflüchtlinge. Es kann aber auch eine andere Seuche sein, vor der die Menschen flüchten. Im Focus stehen der charismatische Anführer Alain, der sich in einer abgelegenen Gegend in kanadischen Wäldern einen Ort geschaffen hat, der ihm und seinen Gefolgsleuten die Sicherheit bietet, sich selbst versorgen und verteidigen zu können. Bei einer mehrtägigen Übung für den Katastrophenfall tritt unvorhergesehen eine solche ein: einer der Prepper kommt durch einen selbstverursachten Unfall beim Bombenbasteln um und die anderen wollen daraufhin das Training beenden. Doch damit könnte das gesamte Unternehmen auffliegen. Die Folge: blutige Auseinandersetzungen bis zur finalen Frage des Überlebens.

Ein schlüssiges Drehbuch und eine Handvoll treffend besetzter Charaktere bieten eine sich langsam steigernde Spannungskurve in einem Survival-Thriller, der mit schockierenden Bildern nicht spart. Ein Genre-Film in beeindruckender Naturkulisse für Fans auf- und anregender Unterhaltung.

Wertung: hervorragend

Netflix

Curtiz

von Tamas Yvan Topolanszky – Ungarn 2018- 98 Min. - Netflix

Ein Film über die Entstehungsgeschichte des Klassikers „Casablanca“ aus dem Jahre 1942. Keine Verbeugung vor dem Kultfilm sondern eine nostalgisch-wehmütige Aufarbeitung der Dreharbeiten des Films über einen aktuellen Krieg inmitten der Kriegszeiten. Die Story in der heute, nach mehreren irritierenden Schnittfassungen bekanntgewordenen finalen Fassung ist bekannt. Seinerzeit aber wurde der Stoff von vielen divergierenden Seiten und Interessen mehrfach durchgeknetet. Viele hatten ihre Finger drin. Nicht zuletzt spielt hierbei auch der direkte Einfluss der Politik eine Rolle, die Hollywood, die Studios und die Produzenten gängeln wollte. In dem Film geht es aber auch um die komplizierte Familiengeschichte des allseits gestressten Regisseurs, verbunden mit dem Schicksal der Emigranten aus Europa, die in Hollywood Zuflucht fanden. Curtiz wird als sexbesessener egomanischer Charakter porträtiert, der autoritäre und mitunter auch despotische Züge trägt. Aber nur so war es ihm unter dem Druck unterschiedlicher Vorgaben wahrscheinlich möglich, seinen Film zu machen.

Bemerkenswert ist neben der authentisch wirkenden souveränen Leistung des Hauptdarstellers das nachgebaute Filmset von Rick’s Café in den Warner-Studios als Ambiente des Films und die Schwarzweiß-Bildgestaltung, die akzentuiert von dem Studio-Rotlicht unterbrochen wird.

„Curtiz“ ist eine ungarische Produktion. Im Nachspann wird so ganz nebenbei darauf verwiesen, das „Casablanca“ wesentlich dazu beigetragen hat, die USA zum Krieg gegen die Nazis zu motivieren. Was wohl das Verdienst eines Ungarn war, oder?

Den kunstvoll arrangierten Film zu sehen ist ein visueller Hochgenuss der dazu animiert, sich sofort im Anschluss daran das „Casablanca“-Original anzusehen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Undine

von Christian Petzold – D/F 2020 – 90 Min.

Undine ist der Legende nach die verratene Wasserfrau. In der alten Mythologie lebt sie in einem Wald, in einem See. Ein verzweifelter Mann, der eine Frau unglücklich liebt, dessen Liebe nicht erwidert wird und aussichtslos ist, der kann in den Wald an das Ufer des Sees gehen und ihren Namen rufen. Sie wird kommen und ihn lieben. Doch diese Liebe ist ein Vertrag. Wenn sie verraten wird, dann muss der Mann sterben.

In dem Film von Christian Petzold (Buch und Regie) ist Undine eine Stadthistorikerin in Berlin. Sie ist gerade von ihrem Freund verlassen worden. Eigentlich, so will es der Mythos, müsste sie sich in an ihm rächen und ihn töten. Doch dagegen wehrt sie sich; sie will nicht zurück in den Wald, in den See. Sie will leben und lernt einen anderen Mann kennen, einen Industrietaucher, und verliebt sich in ihn. Und nun muss sie sich dem Fluch stellen, denn diese Liebe will sie nicht verlieren.

„Undine“ ist eine faszinierende, visuell beklemmende Neuinterpretation des Mythos der geheimnisvollen Wasserfrau. Ein modernes Märchen in einer entzauberten Welt, die Geschichte einer Liebe auf Leben und Tod; hervorragend interpretiert durch Paula Beer und Franz Rogowski. Ihr Zusammenspiel ist grandios und emotional bewältigend. Ein reizvoller, aktueller gesellschaftspolitischer Aspekt des Films ist die Idee, die klassische Sage an die Stadtentwicklung der auf einen Sumpf errichteten Metropole Berlin zu koppeln.

Wertung: hervorragend

Jean Seberg – Against All Enemies

von Benedict Andrews – USA 2019 – 102 Min.

Jean Seberg war eine Ikone der Nouvelle Vague. Die in den USA geborene Schauspielerin siedelte nach einem missglückten Filmstart („Die heilige Johanna, Regie: Otto Preminger) 1958 nach Frankreich über. International berühmt wurde sie durch ihre Rolle an der Seite von Jean-Paul Belmondo in Jean-Luc Godards Regiedebüt „Außer Atem“. 1965 bis 1970 kehrte sie nach Hollywood zurück. In dieser Zeit unterstützt sie diverse Bürgerrechtsgruppen finanziell, u.a. auch die Black-Panther-Partei.

Der Film ist kein genreübliches Biopic, sondern eher ein Polit-Thriller. Es geht hier ausschließlich um ihre Affäre mit dem schwarzen Aktivisten Hakim Jamal, die ihr zum Verhängnis wird. Durch diese Verbindung gerät sie ins Visier des FBI, das Gegner des politischen Status Quo mit brutalen und illegalen Methoden unter Druck setzt. Ihr Gegenspieler wird der Überwachungsspezialist Jack Solomon, der speziell auf sie angesetzt wurde. Sein Auftrag ist, die Existenz der Schauspielerin, die sich offen zu ihrem politischen Engagement bekannte, zu zerstören.

Die Titelrolle hätte mit Kristen Stewart nicht besser besetzt werden können. Sie liefert in allen Phasen überzeugend das faszinierende Psychogramm einer sensiblen und kämpferischen Frau, die trotz aller Anfeindungen und Überwachungsmaßnahmen nie den Glauben an die gute Sache verliert.

Mögen die Methoden des FBI aus heutiger Sicht altmodisch erscheinen, so ist die politische Haltung dahinter nach wie vor aktuell. Angesichts neuer Techniken ist sie noch allgegenwärtiger und bedrohlicher. Insofern ist „Jean Seberg“ auch ein hochaktueller Film.

Wertung: kann man sich ansehen

Freud

von Marvin Ken – Österreich/Tschechien/Deutschland 2020 – 8 x 55 Min.

Die achtteilige Gemeinschaftsproduktion erzählt von einem fiktiven Kriminalfall im Wien des Jahres 1886, der zum Auftakt einer spektakulären Verschwörung wird. Im Mittelpunkt steht der 30-jährige Sigmund Freud, der von einer Studienreise aus Frankreich zurückgekehrt ist. Er strebt nach gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Anerkennung und setzt sich für Hypnose ein. Seine Theorien und Thesen stoßen in der Wiener Ärzteschaft auf Ablehnung.

An der Seite des traumatisierten Kriegsveteranen undeigenwilligen Inspektors Alfred Kiss und des stadtbekannten, umschwärmten Mediums Fleur Salome findet sich Freud bald inmitten einer mörderischen Intrige.

Zu dem Personal einer überladenen und konfusen Narration gehören neben historischen Figuren wie Arthur Schnitzler und Kronprinz Rudolf auch fiktive Charaktere wie illustre Militärs, dubiose ungarische Adelige, ein mordender Opernsänger, eine resolute Haushälterin sowie diverses untertäniges Personal im Schloss Schönbrunn. Das ist nur einer der bekannten Schauplätze. Selbstverständlich spielt in dieser Handlung neben einer furchterregenden Nervenklinik, den unwirtlichen, engen Wohnblöcken und morbiden Heurigen-Spelunken auch die düstere Wiener Kanalisation eine zentrale Rolle.

„Freud“ ist Geisterbahn-Kino pur; eine für Wien typische Melange aus grellem Klischee, morbidem Mystery-Thriller und süffisantem Gesellschaftsporträt. Buch und Regie zeigen sich inspiriert von Freuds Thesen, die sich in halluzinogen Rausch- und Traumsequenzen entladen. Das mit einer kognitiven Handlung zu verknüpfen ist gänzlich misslungen. Entstanden ist ein mitunter ärgerliches Schauermärchen auf dem Niveau einer Laienspielbühne. Viel unfreiwillige Komik statt Horror.

Wertung: hervorragend

Follow The Money – Die Spur des Geldes

von Soeren Balle – DK 2019 – 10 x 55 Min.

Schauplatz der dritten Staffel der preisgekrönten dänischen Erfolgsserie ist die Drogenszene in Kopenhagen. Der Plot startet damit, dass in einem Lagerraum die Leichen von mehreren Rumänen gefunden werden, die sich allesamt als Geschäftsführer millionenschwerer Scheinfirmen erweisen. Im Mittelpunkt einer dramaturgisch souverän verwebten Handlung stehen drei verschlossene, emotional gehemmte Protagonisten, die Jean-Pierre Melvilles Charaktere in klassischen französischen Krimis – beispielsweise „Le Cercle rouge“ - gleichen.

Zunächst einmal ist es der drogenabhängige Ermittler Alf Rybjerk, der verbissen und wie ein einsamer Wolf durch das verminte Gelände zwischen Wirtschaftskripo und Kriminalität streift. Eine fragile Stabilität in seiner durch psychologische Belastung verursachten Orientierungslosigkeit bietet die heimliche Beziehung zu einer Staatsanwältin, die mit einem ehrgeizigen liberalen Politiker verheiratet ist.

Sein Gegenspieler ist Nicky, ein Kleinkrimineller und aufstrebender Drogendealer, der mit Finesse und Selbstdisziplin inmitten rivalisierender Drogenclans ein eigenes Netzwerk aufbaut. Er hofft, später einmal mit seinem in einer Pflegefamilie untergebrachten fünfjährigen Sohn eine finanziell gesicherte, bürgerliche Existenz führen zu können.

Dritte im Bunde ist die Bankangestellte Anna, die bei der anstehenden Beförderung von einer jüngeren, inkompetenten Kollegin ausgestochen wird. Frustriert und verärgert überschreitet sie die rote Linie und lässt sich darauf ein, mit fragwürdigen, gewaltbereiten Kunden aus der Branche der suspekten Reisebüros und Wechselstuben ein System von Drogenhandel und Geldwäsche zu unterstützen. Aus der grauen Maus am Bankschalter wird eine eiskalte Lady in Designerkleidern und mit Killerinstinkt.

Die Schauspielerin Maria Rich in dieser Rolle liefert eine herausragende, nachhaltige Leistung. Buch und Regie ermöglichen ihr mit ihrem eigenwilligen Emanzipationsprozess ein außergewöhnlich profiliertes Frauenporträt: ein unscheinbares angepasstes Duckmäuschen, das zu einer Drahtzieherin krimineller Machenschaften mutiert. Ein Highlight in einer hochspannenden und atmosphärisch dichten Serie.

Der Fall Richard Jewell

von Clint Eastwood – USA 2020 – 120 Min.

Eine Story, die auf wahren Ereignissen beruht. Ein hochaktueller Film über eine Geschichte die zeigt was passiert, wenn staatliche Institutionen und meinungsbildende Medien die Wahrheit verschleiern. Inszeniert von dem „Altmeister“ (ein passenderes Wort für ihn fällt mir jetzt nicht ein) Clint Eastwood geradlinig mit Routine und scharfem Blick für Charaktere und Ambiente.

Der Vorfall ereignete sich während der Olympischen Spiele 1996 in Atlanta. Der Wachmann Richard Jewell hat durch sein schnelles, eigenmächtiges Eingreifen bei einem Bombenanschlag das Leben vieler Menschen gerettet. Doch der Ruhm des Helden verkehrt sich schon einige Tage danach ins Gegenteil. Der übereifrige Möchtegern-Gesetzeshüter wird zum Hauptverdächtigen des FBI, gleichermaßen diffamiert durch die Presse und Öffentlichkeit, die ihn als einen einsamen und frustrierten Einzeltäter diffamieren. Hilfe findet er bei dem unabhängigen Anti-Establishment-Anwalt Watson Bryant, der es mit dem FBI und dem Atlanta Police Department zu tun hat und gleichzeitig den autoritätsgläubigen Richard davon abhalten muss, den Menschen Vertrauen zu schenken, die ihn zerstören wollen. Emotional ergreifend gespielt wird er von Walter Hauser, bekannt aus „I, Tonya“. Sam Rockwell als Anwalt und Jon Hamm als leitender FBI-Ermittler liefern sich ein hochspannendes Duell auf dem höchsten Niveau ihres darstellerischen Könnens.

Wertung: hervorragend

Über die Unendlichkeit

von Roy Andersson – S/D/N 2019 – 78 Min.

Eugéne Ionescos absurdes Theater auf der Leinwand. Zu sehen sind episodenhaft aufbereitete Reflexionen aus dem alltäglichen Leben. Ein originelles Spiel mit den Erwartungshaltungen der Betrachter. Gezeigt werden, scheinbar ohne jeden Zusammenhang, Miniaturszenen aus Vergangenheit und Gegenwart. Man muss es sich so vorstellen: es beginnt jeweils mit beinahe eingefrorenen Bildern, in denen die Akteure wortkarg agieren. Nur eine Kameraperspektive ohne Schnitte und Montage. Und wenn mal was passiert, dann ist es banal oder belanglos. Aber meistens passiert nicht mehr als das, was ohnehin zu sehen ist: also nichts, was darüber hinausdeutet. Roy Andersons Revue ist eine willkürliche Auswahl und Aneinanderreihung von Szenen aus dem Leben verschiedener Menschen. Wie beispielsweise die mit einem katholischen Priester mittleren Alters, der seinen Glauben verloren hat und einen Psychiater konsultiert. Der aber hat keine Zeit für ihn, da er seinen Bus erreichen muss. Oder die Sequenz, in der ein Vater mit seiner kleinen Tochter auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier ist und er ihr mitten in einem Wolkenbruch die Schuhe zubindet. Und dann schwebt da noch ein eng umschlungenes Liebespaar über das vom Krieg zerstörte Köln. Im letzten Bild bleibt ein Mann mitten in einer öden Landschaft mit seinem alten Renault am Straßenland liegen. Hilfe ist nicht zu erwarten.

Eigene Interpretationen sind möglich, aber nicht erforderlich. Hat man sich auf das Konzept und Andersons schwarzen Humor eingelassen, so wird man mit überraschenden Begegnungen belohnt – abseits des Mainstreams und den Bildern des Marvel-Universums, dafür aber von einer sehr individuellen, eigenwilligen Unendlichkeit.

Wertung: sollte man gesehen haben

Narziss und Goldmund

von Stefan Ruzowitzky – D/A 2020 – 118 Min.

Eine zeitlose Geschichte über Freundschaft, Liebe, Verzicht und Verrat. Vorlage ist die gleichnamige Novelle von Hermann Hesse aus dem Jahr 1930. Die Handlung spielt im Mittelalter. Goldmund und Narziss lernten sich als Knaben im Kloster Mariabronn kennen. Der schöne und intelligente Goldmund fand in dem frommen Klosterschüler Narziss seinen Förderer und Lehrer. Goldmund konnte sich in das Klosterleben nicht einfügen und suchte immer wieder, die engen Grenzen zu überwinden. Als Narziss bemerkte, dass sich Goldmund nach mehr als nur Freundschaft sehnte, zog er sich zurück. Während Narziss asketisch lebte und handelte, machte sich Goldmund auf die Suche nach seiner Mutter. Er verbrachte die nächsten Jahre auf Wanderschaft, erlebte allerlei Abenteuer und lernte seine große Liebe, Lene, kennen. Doch als es etliche Jahre später unter dramatischen Umständen zu einem Wiedersehen mit Narziss kommt, wird ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt.

Hermann Hesses biographisch gefärbtes Werk war weltweit erfolgreich und ist heute Kult. Bei der Adaption für die Leinwand musste die Handlung in einem anderen Rhythmus erzählt werden als im Buch. Entsprechend lange war auch die Vorbereitungszeit. Die erste Drehbuchfassung schrieb Stefan Ruzowitzky bereits 2014. An der Finanzierung der Produktion haben sich diverse Fördergremien aus Deutschland und Österreich beteiligt.; mehr als zehn insgesamt. Das ist oft ein Anzeichen dafür, dass niemand so recht an den Film glaubte, obwohl es sich bei der Vorlage um populäre deutsche Erbauungskultur handelt. Entstanden ist immerhin ein opulentes Ausstattungskino mit reizvollen Schauwerten.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Spenser Confidential

von Peter Berg – USA2020 – 110 Min. – netflix

Schauplatz ist Boston. Spenser ist einer, der einstecken aber auch gut und gerne austeilen kann. Besonders dann, wenn er Ungerechtigkeiten spürt. Wie bei seinem Boss Captain Boylan, den der der Korruption verdächtigt und den er in dem Moment erwischt, als dieser seine Frau verprügelt. Spenser schlägt ihn brutal zusammen und muss dafür fünf Jahre in den Knast. Und Ex-Cops sind dort bekanntermaßen nicht gerne gesehen. Danach will Spenser eine neue Existenz als Fernfahrer aufbauen. Sein ehemaliger Boxmentor Henry will ihm dabei helfen. Ebenso sein neuer Kumpel Hawk, ein aufstrebender MMA-Kämpfer. Doch als Boylan ermordet wird und Terrence, der ehemalige und unschuldige Kollege von Spenser der Tat verdächtigt wird, holt ihn sein früheres Leben wieder ein. Auch Terrence wird ermordet, was als Selbstmord und Geständnis arrangiert wird. Spenser stellt eigene Ermittlungen an und deckt dabei ein riesiges Komplott auf, in das ein Drogenkartell und die Polizei verwickelt sind. Es geht um den Bau eines Casinos, das mit Drogengeldern finanziert werden soll.

„Spenser“ ist Held einer mehrmals verfilmten Romanreihe. Erstmals mit Mark Wahlberg in der Titelrolle. Die solide, perfekt inszenierte und leicht selbstironische Actionkomödie ist die fünfte Zusammenarbeit mit dem auf „harte Männer“ spezialisierten Regisseur Peter Berg.

Wertung: hervorragend

Der Unsichtbare

von Leigh Whannell – USA /Australien 2020 – 124 Min.

Der gleichnamige Roman von H. G. Wells wurde bereits 1933 von dem „Frankenstein“-Regisseur James Whale erfolgreich verfilmt. Seine Filme zählen heute zu den Meisterwerken des Phantastischen Films. Neuauflagen solcher „Classic Universal Monsters“ entsprechen allerdings nicht immer den künstlerischen und/oder finanziellen Erwartungen; wie beispielsweise „Die Mumie“ aus dem Jahre 2017.

An der Entwicklung des „Invisible Man“- Films hat man bereits vor mehr als zehn Jahren begonnen. Nach langem hin und her wurde die Vorlage als eigenständige Geschichte neu und anders erzählt. Im Mittelpunkt des Geschehens steht Cecilia, eine Frau, die vor ihrem gewalttätigen Ehemann – ein wohlhabender, brillanter Wissenschaftler – flieht. Als dieser Selbstmord begeht, beginnt für Cecilia eine beklemmende, lebensbedrohliche Situation. Sie wird von jemandem gejagt, kann es aber nicht beweisen, da ihn niemand sehen kann.

Allein die schauspielerische Leistung der Emmy-Preisträgerin Elisabeth Moss lohnt den Besuch dieses Psychothrillers, den man sich unbedingt im Kino auf einer großen Leinwand ansehen muss.

Wertung: kann man sich ansehen

Bombshell – Das Ende des Schweigens

von Jay Roach – USA/Kanada 2019 – 109 Min.

Ein Film über die Macht der Medien und die der Politik, über Trennendes und Gemeinsamkeiten, über Sieger und Verlierer, Täter und Opfer. Die Absicht, dies in Form eines Polit-Thrillers zu vermitteln, scheitert. Statt cooler Analyse werden Hochglanz-Bilder gezeigt, wie aus den Illustrierten, die in den Wartezimmern herumliegen.

Im Focus des Geschehens stehen drei blonde, attraktive, sexy Frauen, wobei Megyn Kelly, das Aushängeschild von Fos News, den Ausgangspunkt bildet. Ihr Typ ist beim konservativen Nachrichtensender gefragter als investigativer Journalismus und unbequeme Fragen. Als sie sich vor laufenden Kameras mit dem Präsidentschaftsbewerber Donald Trump anlegt, hat sie keine Rückendeckung ihres Senderchefs zu erwarten, denn dieser ist mit Trump befreundet.

Weitere Protagonistinnen sind Kellys gestandene Kollegin Gretchen Carlson, die sich weigert, noch länger die „TV-Barbie“ zu geben, sowie die ehrgeizige Redakteurin Kayla Pospisil, die ihrem Aufstieg ihrer Bereitschaft verdankt, nach einem Meeting hinter verschlossenen Bürotüren zu bleiben.

Insgesamt ein unentschlossener Film, der mit Tempo die mangelnde Logik des Geschehens kaschiert. Denn gerade dieser Film, der auf Vorgängen beruht, die einige Jahre zurückliegen, hätte mit seiner Starbesetzung Charlize Theron, Nicole Kidman und Margot Robbie die Chance gehabt, mit konzentrierter Dramaturgie und aus der Distanz heraus die Mechanismen zu entlarven, die in unseren aktuellen Alltag hineinreichen. Für ein kinotaugliches Spektakel reicht es jedoch allemal.

Wertung: kann man sich ansehen

The Royal Train

von Johannes Holzhausen – Österreich/Rumänien 2019 – 94 Min.

Margareta von Rumänien (geb. 1949) gilt als die „Hüterin der Krone“, einer Monarchie, die es längst nicht mehr gibt. Seit Jahren betreibt sie in der Republik Rumänien mit großem, manchmal komischen, meist bierernstem Protokoll Lobbyarbeit für eine Rückkehr ihres Hauses an die Staatsspitze.

Der „Königliche Zug“ spielt dabei eine wesentliche Rolle. Nach historischem Vorbild fährt Margareta mit ihrer Entourage im Salonwagen durch das Land und wird von den Menschen gefeiert, für die das Königshaus ein bedeutender Identitätsfaktor ist. Johannes Holzhausens Dokumentation zeigt mit leiser Ironie die Anstrengungen, die rund um die Reise in die Vergangenheit gemacht werden. Auf den Routen des königlichen Zugs macht sein Film die Bruchlinien europäischer Geschichte der Moderne erkennbar und erzählt davon auf aufschlussreiche und unterhaltsame Weise.

Ohne Geschichtskenntnisse sind die Zusammenhänge des Films allerdings nicht verständlich. Da sind die Zuschauer vorab gefordert. Noch besser wäre es, das im Presseheft abgedruckte „Regiestatement“ zu lesen, denn erst dadurch vermitteln sich die Feinheiten der Montage. „The Royal Train“ ist ein Film über die europäische Zeitgeschichte, wobei die Beobachtungen aus der Gegenwart nicht nur in die Vergangenheit zurückführen, sondern auch auf zukünftige Ereignisse.

Wertung: kann man sich ansehen

La Gomera

von Corneliu Porumboiu – Rum/F/D 2019 – 98 Min.

Im Mittelpunkt einer verworrenen Handlung steht der korrupte rumänische Polizist Cristi, der sich vom organisierten Verbrechen einspannen lässt. Er soll einem Vertrauten eines Gangsterbosses zur der Flucht aus dem Gefängnis verhelfen, der als einziger weiß, wo eine Millionen Euro Beute aus einem Raubzug versteckt ist. Dazu wird ihm auf La Gomera die dort traditionell beheimatete Pfeifsprache beigebracht. Cristi, der sich auf der Insel in die attraktive Geliebte des obersten Drogenbosses verliebt, weiß nicht, dass man ihm längst auf der Spur ist, da seine Vorgesetzte Magda ihn überwachen lässt. Sie verfolgt damit aber eigene, kriminelle Pläne. Alles verknäult sich zu einem irrwitzigen Finale – so wie es nur im Kino passiert: in einer grellbunten Lichtershow eines Luxushotels in Singapur. Dass man nicht alles glauben soll unterstreichen die zahlreichen Filmzitate und nicht zuletzt auch der Ort, in dem das Geld versteckt sein soll: eine alte Filmkulisse.

„La Gomera“ ist ein fader Euro-Filmpudding mit willkürlich hinzugefügten Zutaten aus diversen Fördertöpfen und Senderbeteiligungen.

Wertung: kann man sich ansehen

21 Bridged

von Brian Kirk – USA 2019 – 101 Min.

„Black Panther“- Star Chadwick Boseman als Andrey Davis; ein gnadenloser NYPD-Cop, der gerne alleine agiert, Recht und Gesetz auf eigenwillige Art interpretiert und vollstreckt. Da die City voller böser Buben ist, hat er wenig Freunde und viele Feinde. Hier jagt er zwei Kleingangster, die bei einem Einbruch hereingelegt wurden. Eigentlich sollte es nur um 30 Kilogramm Kokain gehen, doch die finden 300 Kilo und werden dabei von einer Streifenbesatzung überrascht. Es kommt zu einer Schießerei, bei der etliche Polizisten erschossen werden. Davis übernimmt das Kommando, lässt ganz Manhattan abriegeln und alle 21 Brücken sperren. Die beiden Einbrecher sind aber nur kleine Rädchen im Zusammenspiel brutaler Drogendealer und korrupter Cops.

Vor der TV-Serie „NYPD“, also vor etlichen Jahren, wäre das ein überzeugender, actiongeladener Genrefilm gewesen. Jetzt aber sind keine dramaturgischen Finten oder Überraschungen mehr möglich. Und um die 21 Brücken geht es nur am Rande; sie spielen so gut wie keine Rolle. Eindrucksvoll sind nur die großformatigen Bilder und Kamerafahrten durch und über das nächtliche Manhattan. Das allein kann nur das Kino bieten und entschädigt für ein uninspiriertes Geschehen.

Wertung: hervorragend

Intrige

von Roman Polanski – F/I 2019 – 132 Min.

Die Affäre Dreyfus ist eine der düstersten Seiten der französischen Geschichte. Das Schicksal des jüdischen Artillerie-Hauptmanns im französischen Generalstab von seiner ungerechten Verurteilung wegen Landesverrats im Jahre 1894 bis zu seiner – Zola zu verdankenden – vollkommenen Rehabilitierung zwölf Jahre später, wurde mehrmals verfilmt. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang die Filme von Georges Méliès von 1899 und die deutsche Version von 1930 mit Fritz Kortner in der Titelrolle und Heinrich George als Emile Zola.

Polanskis Film nach dem Bestseller von Robert Harris spiegelt das Geschehen aus der Sicht des Leiters des Auslandnachrichtendienstes Marie-Georges Picquart wider und setzt damit einen neuen Akzent. Picquart war Zeuge der erniedrigenden Zeremonie des zu lebenslanger Haft Verurteilten (eine spektakuläre, eindrucksvolle Eröffnungssequenz des Films). Anfänglich überzeugt von dessen Schuld kommen ihm immer mehr Zweifel daran, als weiterhin militärische Geheimnisse an die Deutschen verraten werden. Doch seine Vorgesetzten hindern ihn bei seinem Vorgehen und er gerät in ein gefährliches Labyrinth aus Verrat und Korruption, das nicht nur seine Ehre, sondern auch sein Leben in Gefahr bringt. Die akribischen Recherchen stehen im Focus dieses Films; ein weiterer, nicht unwesentlicher Handlungsstrang ist der offene Antisemitismus der Franzosen. Und damit hat der Film auch eine aktuelle Bedeutung und wird zumindest in Frankreich dementsprechend auch kontrovers diskutiert. Für den Kinostart ist sicherlich der Festivalerfolg in Venedig 2019 hilfreich, doch ohne tieferes Wissen um den politischen Skandal, der die französische Gesellschaft zutiefst erschütterte und das Land an den Rand einer Staatskrise brachte, bleibt einiges unklar.

Wertung: hervorragend

Sorry We Missed You

von Ken Loach – GB 100 Min.

Ein emotional erregender Report über die gegenwärtige Arbeits- und Sozialpolitik der Briten; Zustandsbeschreibung und Anklage zugleich. In einer direkten, ungeschminkten Art zeigt das Sozialdrama des mittlerweile über achtzigjährigen Filmemachers eine Familie der unteren Mittelschicht in Newcastle, die von ihren Arbeitgebern ausgebeutet und an den Rand des finanziellen Ruins getrieben wird. Ricky Turner möchte der Arbeitslosigkeit und der Suche nach Gelegenheitsjobs dadurch entkommen, indem er einen Franchise-Vertrag bei dem Paketdienstleister PDF (Parcels Delivered Fast) abschließt und sich selbstständig macht. Dazu muss er sich erst einmal verschulden. Seine Frau Abby arbeitet als mobile Altenpflegerin zu menschenunwürdigen Bedingungen und ist auf das Familienauto angewiesen. Trotzdem wird es verkauft, um die Anschaffung eines Kleinlastwagens zu ermöglichen. Abby ist nun auf das marode Bussystem angewiesen. Das Familiengefüge gerät auseinander, da die Zeitpläne durcheinandergeraten. Der pubertierende Sohn Jeb hat Probleme in der Schule und legt sich mit seinem überarbeiteten Vater an. Die jüngere Tochter Liza Jane versucht vergeblich zu vermitteln. Der permanente Druck, dem Ricky von allen Seiten ausgesetzt ist, führt zu unzumutbaren und riskanten Einsätzen. Für ein Privatleben bleibt keine Zeit mehr. Die Verschuldung sprengt die Familie noch weiter auseinander; die Katastrophe ist unausweichlich. Am (offenen) Ende sieht man einen von einem brutalen Überfall gezeichneten Ricky, der verzweifelt nach einem Ausweg sucht.

Es ist zum Heulen – auf der Leinwand und im Zuschauerraum. Und es ist erstaunlich und bewundernswert, wie es Ken Loach immer wieder gelingt, das Personal seiner Filme mit authentisch agierenden Charakteren zu besetzen. Wie wirken hautnah wie Bekannte aus der Nachbarschaft, die schleichend dem Turbo-Kapitalismus zum Opfer fallen. Man möchte ihnen helfen, weiß aber nicht wie.

Wertung: nicht zu empfehlen

Lindenberg! Mach dein Ding

von Hermine Huntgeburth – D 2018/19 – 135 Min.

Nach Freddy Mercury („Bohemian Rhapsody“, 2018) und Elton John („Rocketman“, 2019)

nun also Udo Lindenberg! Eine dramaturgisch uninspiriert zusammengestückelte Folge von Szenen aus Kindheit und Jugendzeit des Stars, der auf dem Weg nach Oben etliche Hindernisse und Rückschläge überwinden muss. Die durch viele Rückblenden konfuse Handlung beginnt mit seiner Kindheit im westfälischen Gronau und endet mit dem ersten, alles entscheidenden Bühnenauftritt in Hamburg 1973. Zu sehen sind u.a. die Klischeebilder von der Reeperbahn und aufgesetzt wilde, orgiastische Szenen aus dem Leben in der Kommune.

Trotz einer Riege hochprominenter Darsteller kann der Film nicht überzeugen, da mit der Regisseurin Hermine Huntgeburth zwar eine qualifizierte Filmemacherin verpflichtet wurde, die jedoch in anderen Bereichen wie Kinder- und Jugendfilm und Literaturverfilmungen mit Preisen und Auszeichnungen bedacht wurde. Für ein erfolgreiches Biopic als musikalische Hommage an einen Glamour-Star werden Spezialisten benötigt, die jeweils eine adäquate Filmsprache und Montagetechnik beherrschen müssen, wie beispielsweise Dexter Fletcher. Das ist hier leider nicht der Fall.

Wertung: hervorragend

Queen & Slim

von Melina Matsoukas - USA 2019 – 132 Min.

Für solche Filme wurde das Kino erfunden: Fesselnde Handlung in grandioser optischer Aufbereitung. Wie kein anderes Genre sind Roadmovies nur auf einer großen Leinwand zu genießen. Und dieser Film gehört unbedingt ins Kino. Auf dem Rückweg nach seinem ersten Date wird in junges schwarzes Paar wegen einer Nichtigkeit von einem Polizisten angehalten. Als die Situation aus dem Ruder gerät, erschießt Slim den Polizisten in Notwehr, um die junge Anwältin Queen zu retten, die diesen Polizeiübergriff nicht einfach hinnehmen will. Die Dashcam-Aufnahme des Vorfalls macht die beiden für die Staatsgewalt zu eindeutigen Polizistenmördern, aber gleichzeitig auch zu heldenhaften Symbolfiguren, während das Video zum viralen Hit wird. Slim und Queen müssen flüchten, haben aber keinen Plan. All der Schmerz über unschuldig getötete Schwarze, das Trauma andauernder Polizeiwillkür und die anhaltende Wut über ein noch rassistisches System entladen sich in einer Welle der Proteste und Solidarität für die beiden Flüchtenden. Für die beiden, die sich eigentlich nicht für ein zweites Treffen entschieden hatten, beginnt nun eine verzweifelte und gefährliche Odyssee, eine aufwühlende Jagd nach Gerechtigkeit.

Melina Matsoukas ist eine hochqualifizierte, mit Grammys ausgezeichnete Regisseurin von Musikvideos. Ihr Kinodebüt ist perfekt. Bemerkenswert vor allem die Dramaturgie der Flucht und die dazu passenden, atmosphärisch und emotional bewegenden Kameraperspektiven zwischen Nähe und Totale.