Porträt Horst Schäfer
Wertung: hervorragend

Über die Unendlichkeit

von Roy Andersson – S/D/N 2019 – 78 Min.

Eugéne Ionescos absurdes Theater auf der Leinwand. Zu sehen sind episodenhaft aufbereitete Reflexionen aus dem alltäglichen Leben. Ein originelles Spiel mit den Erwartungshaltungen der Betrachter. Gezeigt werden, scheinbar ohne jeden Zusammenhang, Miniaturszenen aus Vergangenheit und Gegenwart. Man muss es sich so vorstellen: es beginnt jeweils mit beinahe eingefrorenen Bildern, in denen die Akteure wortkarg agieren. Nur eine Kameraperspektive ohne Schnitte und Montage. Und wenn mal was passiert, dann ist es banal oder belanglos. Aber meistens passiert nicht mehr als das, was ohnehin zu sehen ist: also nichts, was darüber hinausdeutet. Roy Andersons Revue ist eine willkürliche Auswahl und Aneinanderreihung von Szenen aus dem Leben verschiedener Menschen. Wie beispielsweise die mit einem katholischen Priester mittleren Alters, der seinen Glauben verloren hat und einen Psychiater konsultiert. Der aber hat keine Zeit für ihn, da er seinen Bus erreichen muss. Oder die Sequenz, in der ein Vater mit seiner kleinen Tochter auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier ist und er ihr mitten in einem Wolkenbruch die Schuhe zubindet. Und dann schwebt da noch ein eng umschlungenes Liebespaar über das vom Krieg zerstörte Köln. Im letzten Bild bleibt ein Mann mitten in einer öden Landschaft mit seinem alten Renault am Straßenland liegen. Hilfe ist nicht zu erwarten.

Eigene Interpretationen sind möglich, aber nicht erforderlich. Hat man sich auf das Konzept und Andersons schwarzen Humor eingelassen, so wird man mit überraschenden Begegnungen belohnt – abseits des Mainstreams und den Bildern des Marvel-Universums, dafür aber von einer sehr individuellen, eigenwilligen Unendlichkeit.