Das neue Evangelium
von Milo Rau – D/CH 2020 -107 Min. – Steaming
Eine Enzyklopädie der Bibelfilme hätte wahrscheinlich den Umfang einer Bibel. Nachhaltig in Erinnerung sind heute vor allem Pier Paolo Pasolinis Meisterwerk „Das erste Evangelium – Matthäus“ (Italien 1964) und Mel Gibsons eigenwillige, streitbare Passionsshow „Die Passion Christi“ (USA 2004)
Milo Raus sprengt die genrekonforme Spielfilm-Dramaturgie mit Sequenzen einer hybriden Semi-dokumentation unter Einbeziehung von Making-of-Szenen und liefert somit ein außergewöhnliches künstlerisch-politisches Experiment. In seiner Versuchsanordnung geht der Frage nach, wie Jesus sich in der heutigen Zeit zur Flüchtlingspolitik Europas und speziell Italiens positionieren würde. Was würde er im 21. Jahrhundert predigen? Wer wären seine Jünger? Wer sind in der heutigen Weltordnung die Vertriebenen und Ausgestoßenen? Und wie würden die heutigen Vertreter weltlicher und geistiger Macht auf ihn reagieren?
Der Film- und Theatermacher Milo Rau inszenierte sein Passionsspiel im süditalienischen Matera, dem Ort, in dem auch Pasolini seinen Film drehte. Im Focus des Geschehens stehen die Flüchtlinge aus Afrika, die in Italien als Erntehelfer ausgebeutet werde. Szenen aus deren Alltagsrealität konfrontiert Rau mit nachgespielten Kapiteln aus der Bibel.
Raus Hauptdarsteller ist der politische, charismatische Aktivist Yvan Sagnet; ein Rädelsführer und Streikaufrufer gegen die Minilöhne für die Arbeit in den trostlosen Tomatenfeldern. Er hat mit den Geflüchteten eine „Revolte der Würde“ organisiert und Mitstreiter um sich geschart wie Jesus seine Jünger.
Zu den weiteren Protagonisten des Films zählen die Bürger Materas sowie einige Darsteller, die bereits in den Filmen von Pasolini und GIbson mitgewirkt haben. Der engagierte, komplexe und innovative Film endet mit aktuellen Bildern von neuen und sauberen Unterkünften und Werkstätten in einer gut vernetzten Kooperative, die neue Absatzmärkte erreicht.