Porträt Horst Schäfer
Wertung: hervorragend

Netflix

Der weiße Tiger

von Ramin Bahrani – Indien/USA 2021 – 125 Min.- netflix

Der Film erzählt von dem rasanten Aufstieg des indischen Dorfjungen Balram Halwai, der seinen „Weg aus der Finsternis ins Licht“ aus dem Off sarkastisch kommentiert. Er stammt aus dem Ort Bihar im Hinterland Indiens und wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Seine Familie gehört zu den untersten Kasten. Als er in der Schule von dem „weißen Tiger“ erfährt, den es in jeder Generation nur einmal gibt, beschließt er, aus dem „Hühnerkäfig der Armut“ seines Standes auszubrechen und sich hochzuarbeiten: entweder als Politiker oder Verbrecher. Mit Geschick lässt er sich von einer neureichen Tycoon-Familie als Fahrer anheuern und lernt schnell die Wege zur Welt der Reichen und Schönen. Loyalität und Gehorsam sind nicht länger gefragt, sondern Lug, Betrug, Korruption und Skrupellosigkeit. Im wahrsten Sinne des Wortes „geht er dabei auch über Leichen“. Empathie ist Schwäche. Am Ende der hintersinnigen Erfolgsstory ist er ein snobistischer Besitzer eines florierenden Taxiunternehmens ins Bangalore. Als der chinesische Ministerpräsident auf Staatsbesuch in seiner Stadt eintrifft, schmeißt er sich an ihn ran. Wirtschaftskontakte zu China sind das nächste Ziel.

Der Film ist eine Adaption des gleichnamigen Schelmenromans von Aravind Adiga, der 2008 mit dem britischen Brooker Prize ausgezeichnet wurde. Die Strukturen und Mechanismen der auf Unterdrückung basierenden traditionellen indischen Klassengesellschaft werden in Buch und Film mit bitterer Ironie und einem Schuss Zynismus genüsslich zelebriert und seziert. Neben den tausenden Kasten existiert auch der Raubtierkapitalismus einer Zweiklassengesellschaft aus Herren und Dienern, Reichen und den Armen.