Porträt Horst Schäfer

Kinotipps 2021

51 Besprechungen aus dem Jahr 2021.

Wertung:
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Wertung: hervorragend

arte

Tödliche Flucht

von David Caffrey – Irland 2018 – 6 x 50 Min. - arte

(auch: Taken Down – Überleben in Irland)

An einer Bushaltestelle nahe eines Flüchtlingsheims am Stadtrand von Dublin wird die Leiche der minderjährigen Nigerianerin Esme gefunden. Die smarte Inspectorin Jen Rooney von der Garda Siochana, der Polizei für Kapitalverbrechen, ermittelt mir ihrem Team in dem Mordfall und befragt die Mitarbeiter und Bewohner der Unterkunft. Etliche von ihnen sind traumatisiert und der Polizei gegenüber äußerst misstrauisch.

Die Ermittler erfahren, dass eine weitere unbegleitete Minderjährige aus dem Heim verschwunden ist. Die Recherchen führen zu einem Bordell, in dem mehrere junge Afrikanerinnen als Zwangsprostituierte beschäftigt sind. Es gibt eine personelle Verbindung zwischen dem Flüchtlingsheim und den Zuhältern, die vor kriminellen Machenschaften nicht zurückschrecken.

Die Serie startet mit authentischen Bildern von Bootsflüchtlingen, wie sie aktuell täglich in den News gesendet werden. Die fiktive Handlung dieses Sozialdramas zeigt die Hintergründe der kriminellen Ausbeutung der Geflüchteten und verdeutlicht die depressive Lebensrealität der Betroffenen, die sich oft jahrelang in den provisorischen Erstaufnahmeeinrichtungen aufhalten müssen. Die Angst vor der Abschiebung macht es den Menschenhändlern leicht, sie wie Ware zu behandeln. Dahinter steht eine irisch-nigerianische Connection mit Unterstützung aus ehrbaren gesellschaftlichen Kreisen.

„Taken Down“ ist eine aufschlussreiche Serie, die aus Unsichtbaren Gesehene macht und dabei bewusst auf vordergründige Spannungsmomente verzichtet. Sie verweist auf das Schicksal vieler Frauen, die mit unsicherem Aufenthaltsstatus aus Afrika nach Europa kommen.

Wertung: hervorragend

Netflix

Menschen in Angst

von Felix Herngren – Schweden 2021 - 6 x 30 Min. – netflix

In einer schwedischen Kleinstadt wird eine Bankfiliale überfallen. Die beiden Polizisten Jimmy und Jack Johansson, Vater und Sohn, halten sich zufällig auf dem Vorplatz auf und verhindern die Aktion. Der Bankräuber kann entkommen und flieht in ein nahegelegenes Wohnhaus. In einer zur Vermietung ausgeschriebenen Wohnung treffen sich mehrere Interessenten, die untereinander nicht in Beziehung stehen. Sie werden als Geiseln genommen. Die Polizei riegelt das Gelände ab und nimmt mit dem Geiselnehmer Kontakt auf. Er lässt die Geiseln frei. Als die Polizei die Wohnung stürmt, fehlt von ihm jede Spur. In den anschließenden Befragungen kommt es zu widersprüchlichen und irritierenden Aussagen.

Vorlage der Serie ist ein Roman von Fredrik Backman über menschliche Gefühle im Verhältnis zur Alltagsrealität. Die Handlung verzichtet auf vordergründige Spannungsmomente, sondern setzt mehr auf die sorgfältige Beschreibung der Charaktere. Von der ersten Folge an wird nach und nach den deren Profil geschraubt. Am Ende steht ein ausbalanciertes Ensemble von Personen, deren gemeinsam überstandene Ängste zu einer neuen Qualität des Miteinanders führen.

Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Beziehung der beiden Polizisten und deren private und berufliche Beziehung. Vater und Sohn mal als Kollegen und Partner und dann wieder als Konkurrenten.

Wertung: hervorragend

Don’t Look Up

von Adam McKay – USA 2021 – 138 Min. – neflix

Der Film von Adam McKay ist trotz holprigen Produktionsbedingungen eine brillante, mit hochkarätigen Stars besetzte, aktuell und nachhaltig wirkende Polit-, Gesellschafts- und Mediensatire. Jennifer Lawrence spielt eine astronomische Doktorantin an der Michigan State Universität; Leonardo DiCaprio ist ihr Professor und Mentor. Sie entdecken einen ungewöhnlichen Kometen, der auf die Erde zusteuert und die Weltbevölkerung in einem halben Jahr zerstören wird. Da ihre Versuche, die Präsidentin der USA (Meryl Streep) darüber zu informieren, scheitern, wenden sie sich über die Medien und eine abgebrühte TV-Moderatorin (Cate Blanchett) an die Öffentlichkeit. Infolge politischer und wirtschaftlicher Wirren der Meinungsbildner und Entscheidungsträger, die aus der Situation ihre Vorteile suchen, kommt es zu keinem gemeinsamen Vorgehen. Nur eine kleine auserwählte Gruppe von Menschen, darunter auch die US-Präsidentin, kann sich vor dem Planetenkiller mit einem Raumschiff retten. Sie entkommen der Katastrophe und landen nach 22.000 Jahren auf einem belebten Planeten. Dort werden sie von wilden Tieren angefallen und getötet.

Die Auseinandersetzungen und das Ringen um die Handlungshoheit über die richtigen Entscheidungen angesichts einer globalen Bedrohung treffen den Kern der gegenwärtigen Diskussionen. Die mitunter zynische Zustandsbeschreibung angesichts einer unabwendbaren Apokalypse verweist direkt auf die von Eitelkeiten durchwebte mangelnde Bereitschaft, die entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen. Eine pointierte, weltweit erfolgreiche Parabel auf Klimakrise, Pandemie und die Ignoranz und Arroganz der Menschen. „Schau nicht hoch, dann kommt auch nichts!“

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Das Mädchen aus Oslo

von Uri Barbash und Stian Kristiansen. Dänemark/Israel 2021 –10 x 30 Min. – netflix

Pia Bakke ist mit Freunden im Nahen Osten unterwegs. Sie werden von Mitgliedern des Islamischen Staates entführt. Diese wollen damit erreichen, dass die norwegische Regierung Gefangene freilässt. Sie weigert sich, mit ihnen zu verhandeln aus Angst vor weiteren Aktionen. Pias Mutter Axel, eine norwegische Diplomatin, reist daraufhin umgehend nach Israel, um mit Hilfe ihrer alten Bekannten Arik und Lyla alles zu versuchen, ihre Tochter zu retten. Sie kennen sich seit den Friedensverhandlungen 1993 in Oslo. Arik ist mittlerweile ein ranghoher Politiker und ausgerechnet er soll sich mit der Hamas verständigen, die eine Schlüsselrolle spielen. Die sich daraus ergebenen Probleme und Komplikationen werden dadurch erschwert, dass Arik der Vater von Pia ist – etwas, das Axel bislang allen anderen gegenüber verheimlicht hat.

Das auf dieser Grundlage beruhende Szenario verwebt dramaturgisch perfekt und mit anhaltendem Spannungsbogen die politischen mit den privaten Handlungsebenen. Je detaillierter sich der Film auf die kleinteiligen persönlichen Verstrickungen einlässt, desto mehr verliert er allerdings den großen Bogen der Erzählung. Neben der großartigen schauspielerischen Leistung von Anneke von der Lippe als Alex sind es vor allem die grandiosen, gegensätzlichen Schauplätze in den Metropolen und in der Wüste, die nachhaltig haften bleiben. Erwähnenswert ist auch die Leistung der Maskenbildnerin, die es schafft, Arik über alle Folgen hinweg bei seinen Einsätzen und Aktionen mit gleichbleibend gekonnt gestylter Frisur gut aussehen zu lassen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

VOIR – Die Filmkunst in der Moderne

von David Fincher und David Prior - USA 2021 – 6 x ca. 20 Min. – netflix

Filmgeschichte einmal anders. In Form sehr persönlich gestalteter visueller Essays reihen sich in dieser Serie unterschiedliche Annäherungen und Erinnerungen an spezielle Themen: Erste nachhaltige Kinoerlebnisse, Genre-Vorlieben, Klassiker, Stars, Schlüsselszenen etc. Es sind ausgesprochene Kino- und Filmexperten, Liebhaber, Kritiker und Aficionados, die ihre Ansichten und Eindrücke formulieren, reflektieren und analysieren – emotional und informativ. Darunter z.B. interessante und aufschlussreiche Beiträge wie „Die Ethik der Rache“ oder „Film kontra Serie“. Nicht alle Mitwirkende sind in Europa bekannt. Sehr oft sind die ausgewählten Filmausschnitte zu kurz und zu schnell aneinander montiert. Aber sie wecken ein Interesse an Mehr!

VOIR ist nicht nur eine Schule des Sehens, sondern eine intelligente Hommage an das Kino und sein Publikum. Am besten ’mal reinschauen und sich dann entscheiden.

Wertung: hervorragend

arte

Diener des Volkes

mit Wolodymyr Selenskyi – Ukraine 2015 – 23 x 30 Min. – arte

In dieser Serie sieht man den Schauspieler Selenskyi in der Rolle des Ukraine-Präsidenten. In der heutigen Alltagsrealität ist er ein Präsident, der früher ein Schauspieler und Komiker war.

Der unterbezahlte Geschichtslehrer Wassyl Petrowitsch Holoborodko, der an einer gewöhnlichen Schule in Kiew unterrichtet, hat sich vor seinen Schülern über die Korruption und Misswirtschaft aufgeregt. Einer hat seine Wutrede aufgenommen und das Video ins Netz gestellt. Es ist gerade Wahlkampf; der Lehrer wird zur Kandidatur ermutigt und gewinnt.

Und nun muss er nicht nur die Führungskräfte des Landes austauschen, sondern sich auch seinen Familienangehörigen und Freunden gegenüber durchsetzen, die sich von seiner Position ihre eigenen Vorteile versprechen. Im politischen Alltag hat er es mit diversen Oligarchen-Intrigen, den Gelüsten des Machtapparats und der Abwendung des Staatsbankrotts zu tun. Hinzu kommen noch die Begegnungen mit ausländischen Staatsgästen und die Auseinandersetzungen mit den kritischen Medien.

Die äußerst unterhaltsame, witzige und satirische Serie mit amüsanten Spitzen gegen Lukaschenko und Putin entstand als Reaktion auf die pro-europäischen Proteste auf dem Maidan in Kiew. „Diener des Volkes“ war dann auch der Name der Partei, die Selenskyi zum Präsidenten der Ukraine machte. Wobei die Förderer seiner Person und seine Hintermänner, nicht frei von eigenen Interessen sind. Eine unrühmliche Rolle spielt dabei der machtgierige Oligarch Ihor Kolomoiskij, der den Aufstieg Selenskyis finanzierte.

Die darauffolgenden Ereignisse sind hinreichend bekannt. Beklemmend ist der Vergleich der Bilder aus der Serie mit den tagesaktuellen Aufnahmen des Kriegsschauplatzes Kiew: hier das beschauliche, anschauliche und unbeschwerte Großstadtleben; dort die zerbombten Häuser mit Toten und Verletzen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Snow Angels

von Anna Zackrisson – Schweden/Dänemark 2021 – 6 x 55 Min. – One

Unmittelbar vor Weihnachten verschwindet im winterlichen Stockholm der fünf Wochen alte Säugling Lucas spurlos. Die überforderte Mutter Jenni ist drogenabhängig; Vater Salle bemüht sich mit allen Kräften, die Familie zu versorgen. Zu ihr gehören gehört noch die fünfjährige taube Tochter Nicole. Sie wohnen in einer tristen Hochhaussiedlung mitten in einer unwirtlichen Gegend.

Die mit der Ermittlung beauftragte Kommissarin Alice ist kinderlos, verbeißt sich hartnäckig in den Fall und muss sich nebenher mit privaten und beruflichen Problemen herumschlagen.

Verwickelt in dem weiteren Geschehen über die dunklen Seiten der Mutterschaft ist die einsame, sozial engagierte Kinderkrankenschwester Maria, der es zuvor nicht gelang, das Jugendamt zum Einschreiten zu überzeugen.

„Snow Angels – Spuren im Schnee“ ist weniger eine Krimi-Serie, sondern mehr ein spannendes, vielschichtiges Sozialdrama über drei widersprüchliche Frauen, ihrer Einsamkeit und ihren Selbstzweifeln. Im gesellschaftspolitischen Hintergrund spielen traditionelle Muster von Elternschaft, anerzogene Rollenbilder und Fragen nach Schuld und Verantwortung einen wesentlichen Teil der Handlung, in der die Suche nach dem verschwundenen Säugling akribisch und mit steigendem Spannungsbogen aufgearbeitet wird. Passend dazu das stimmige atmosphärische Ambiente der winterlich-düsteren Lichtverhältnisse als Kulisse für eine großangelegte Such- und Rettungsaktion, deren Ausgang und Auflösung überrascht.

Ein sozialkritischer skandinavischer Krimi in der Tradition von Sjöwall/Wahlöö bis Mankell.

Wertung: hervorragend

The Power oft he Dog

von Jane Campion – Neuseeland/Australien 2021 – 128 Min.

Die Brüder Phil und George Burbank besitzen in den 1920er Jahren gemeinsam eine große Ranch in Montana. Über vierzig Jahre lang haben sie sich ein Zimmer geteilt. Phil verachtet jegliche Schwäche, ist der intelligentere Bruder, ein brillanter Schachspieler, ein unersättlicher Leser und beredter Geschichtenerzähler. Er arbeitet hart und treibt seine Leute an, ist der Tradition verhaftet und hält an dem klassischen Männerbild fest. George träumt von einem anderen Leben und sehnt sich nach einer Frau und Familie. In ihrer Gegensätzlichkeit sind die Brüder gut aufeinander eingespielt. Phil ist der Mann fürs Grobe; der jüngere George erledigt die Geschäfte und hält die Außenkontakte. Dabei lernt er die Witwe Rose kennen, die ein Restaurant betreibt und dem von Männern, Whisky und Huren geprägten Umfeld gerne entkommen möchte. Als George sie heimlich heiratet und zu sich auf die Ranch nimmt, macht Phil ihr und ihrem heranwachsenden Sohn Peter mit sadistischen Spielchen das Leben so schwer wie möglich. Dabei benutzt er Peter als Schachfigur für seine Demütigungen und Intrigen. Er sucht dessen Freundschaft, nicht zuletzt um damit seine eigene Vergangenheit zu bewältigen. Aber der feinsinnige und zerbrechlich wirkende Peter entwickelt seine eigene Persönlichkeit und schafft es, das Kräfteverhältnis umzukehren.

Der Film entstand nach der Vorlage des gleichnamigen Romans von Thomas Savage aus dem Jahr 1967. Der Autor ist bekannt für seine Stoffe, die den Wilden Westen nicht romantisieren, sondern die unwirtliche und harte Lebenswirklichkeit in den Mittelpunkt stellen. Jane Campion betont in ihrem Neowestern den Ort der Handlung ebenfalls das Milieu und Ambiente als eine Art Urzustand der Gesellschaft. Ihre Kamera bleibt nahe an den Protagonisten und gewährt ihnen viel Raum und Präsenz. Besonders liebt sie Kameraeinstellungen aus dunklen Räumen wie etwa in Scheunen oder Ställen, die durch ein rechtwinkliges Fenster – einer Leinwand gleich – das Geschehen draußen davor zeigen; als Film im Film sozusagen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Seitenwechsel

von Rebecca Hall – USA 2021 – 98 Min. – netflix

Der Film basiert auf dem 1929 erschienen Roman „Passing“ von Nella Larsen, eine afroamerikanische Schriftstellerin, die der literarischen Bewegung der Harlem Renaissance angehörte. Im Mittelpunkt stehen Clare Bellow und Irene Redfield, zwei afroamerikanische Frauen, die beide wie Weiße aussehen und 1929 in New York leben. Die Jugendfreundinnen aus Harlem, die sich seit Jahren nicht mehr getroffen haben, begegnen sich zufällig in der Lounge eines vornehmen Hotels. Während Irene nur gelegentlich in die weiße Gesellschaft hinüberwechselt, um etwa beim Einkaufen nicht diskriminiert zu werden, hat die selbstbewusste Claire ihren Lebenslauf darauf aufgebaut. Ihr Mann, ein unverhohlener Rassist, und ihre Tochter wissen nichts von ihrer Herkunft. Inspiriert durch das Treffen zieht es Claire zurück ins Umfeld ihrer Kindheit. Irene ist mit einem Arzt verheiratet und gehört der schwarzen Elite Harlems an. Clare hingegen gilt als Verräterin, da sie sich ein komplett anderes Leben aufgebaut hat und ihre soziale Identität verleugnet.

„Seitenwechsel“ wirkt wie aus der Zeit gefallen. Das in formal strengem Schwarzweiß und dem Format der klassischen Hollywood-Filme mit dem passenden Jazz-Soundtrack gedrehte beindruckende Regiedebüt der Schauspielerin Rebecca Hall wurde mit mehreren Preisen und Auszeichnungen bedacht.

Wertung: hervorragend

Cry Macho

von Clint Eastwood – USA 2021 – 104 Min.

Clint Eastwood, Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller des Films, spielt Mike Milo, einen ehemaligen Rodeo-Star und gescheiterten Pferdezüchters. Die Handlung spielt 1979 in Texas und Mexiko. Da er seinem ehemaligen Boss noch einen Gefallen schuldet ist er bereit, für ihn nach Mexiko zu reisen und dessen dreizehnjährigen Sohn Rafo nach Hause zu bringen. Der Vater darf nicht einreisen, die Mutter ist neureich, Alkoholikerin und alles andere als eine geeignete Erziehungsberechtigte. Rafo ist auf sich allein gestellt, streunt herum und verdient sich etwas Geld mit Hahnenkämpfen. Nach anfänglichem Widerstand ist er bereit, an der Seite von Mike nach Texas zu reisen. Er besteht allerdings darauf, dass sein Kampfhahn Macho mit dabei ist. Uns dann entwickelt sich ein abwechslungsreiches und abenteuerliches Road-Movie quer durch Mexiko. Nicht nur die Polizei ist hinter Mike her, dem Kidnapping vorgeworfen wird, sondern auch die Leibwächter von Rafos Mutter, die den Jungen behalten will. Und in Momenten unmittelbarer Gefahr für Mike und Rafo greift auch Macho in die Auseinandersetzungen ein und erweist sich als idealer Kampfgefährte. Unterwegs machen sie für längere Zeit Station bei der verwitweten, attraktiven Marta, der Besitzerin eines kleinen Gasthauses in einem mexikanischen Wüstenkaff. Es ist ganz offensichtlich, dass sich zwischen ihr und Mike eine Beziehung anbahnt.

Der 91jährige Eastwood erzählt die auf eine Romanvorlage von N. Richard Nash beruhende Geschichte mit routinierter Gelassenheit und mit ruhiger Hand. Unverkennbar sein Gespür für Tempo und Atmosphäre, für die der BAFTA-nominierte Kameramann Ben Travis die stimmigen Bilder liefert.

Wertung: hervorragend

The Last Duel

von Ridley Scott – USA/UK 2021 – 153 Min.

Die alten Schlachten werden immer wieder aufs Neue geschlagen. Das Hauen und Stechen geht weiter; auf dem Bildschirm und auf der Leinwand. Aktuell erleben wir im Kino eine Geschichte aus dem Frankreich des 14. Jahrhunderts, die nach Angabe der Produktion auf wahren Begebenheiten beruht. Es geht um das letzte in Frankreich gerichtlich angeordnete Duell zwischen Jean de Carrouges und Jacques Le Gris; zwei Freunde, die zu erbitterten Rivalen werden. Carrouges ist ein angesehener Ritter, bekannt für seine Tapferkeit und sein Geschick auf dem Schlachtfeld. Le Gris ist ein normannischer Knappe, dessen Intelligenz und Eloquenz ihn zu einem der angesehensten Adeligen am Hof machen. Als Le Gris gegenüber Carrouges’ Frau Marguerite brutal übergriffig wird und dies vehement bestreitet, weigert sie sich, zu schweigen und bringt ihn vor Gericht –ein Akt der Tapferkeit und Willenssterke. Da Le Gris nach wie vor seine Unschuld beteurt, fordert de Carrouges ihn zu einem Duell im Rahmen eines Gottesurteils auf.

Der Historienfilm basiert auf einem Buch des US-Amerikaners Eric Jager. Die Realisierung des Projektes wurde aufgrund der COVID-19-Pandemie mehrfach verschoben. Die Handlung des mit gut aufgelegten Stars bestückten Films wird aus der unterschiedlichen Perspektive der drei Protagonisten geschildert. Das ist dramaturgisch so perfekt umgesetzt, dass es zu keinen ermüdenden Wiederholungen kommt. Solange man die Chance hat, den Film im Kino zu sehen, sollte man sie nutzen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Der Kastanienmann

von Kasper Barfoed – Dänemark 2021 – 6 x 55 Min. – netflix

Die bei Kindern beliebten Kastanienmännchen stehen in diesen Film für angsteinflößende Horrorfigürchen. Denn dort, wo sie auftauchen, stehen sie im Zusammenhang mit Gewaltverbrechen. Betroffen davon sind Frauen, die auf grausame Art ermordet und zur Schau gestellt wurden. Offenbar handelt es sich dabei um Mütter, die ihre Kinder schlecht behandelt haben. Die Fingerabdrücke auf den Kastanien gehören der vor einem Jahr entführten und spurlos verschwundenen Tochter der Politikerin Rosa Hartung, die sich mit dem Tod ihres Kindes auseinandersetzen muss. Zwei gegensätzliche Ermittler, beide unter Stress wegen privater und beruflicher Probleme, sollen die Hintergründe dieser mysteriösen Mordserie aufklären, deren Spuren auch in die Vergangenheit Rosas führen. Sie hatte sich als Sozialministerin vornehmlich um das Wohl von Kindern aus asozialen Familienverhältnissen gekümmert. Eine dubiose Rolle spielt dabei der Gerichtsmediziner und Forensiker Simon Genz. Dessen Part spielt der in zahlreichen einschlägigen Filmen und Serien bewährte, mit Preisen und Auszeichnungen bedachte schwedische Schauspieler David Gencik. Mal ist er der Gute, oft aber auch der Böse.

Die Stärke dieser mit „Kommissarin Lund“ vergleichbaren Serie liegen in der anschaulich aufgefächerten Alltagsrealität der Protagonisten und einem sich daraus entwickelnden ansteigendem Spannungsbogen. Die Romanvorlage stammt von Soeren Sveinstrup, der auch die Drehbücher der „Lund“-Serien, einem Meisterwerk des Nordic Noir, schrieb. Die atmosphärische Dichte und die überzeugende Charakteristik der Protagonisten sorgen auch diesmal für sechs Stunden exzellente Unterhaltung.

Wertung: hervorragend

Netflix

Midnight Mass

von Mike Flanagan - Kan/USA 2021 – 7 x 60 Min. - netflix

Crockett Island, eine kleine Insel vor der Küste Washingtons, ist von der Außenwelt nahezu abgeschottet. Die ca. 150 isolierten Bewohner leben vom Fischfang und führen einander ein beschauliches Gemeindeleben. In der ersten Folge werden die Zuschauer auf diesen Schauplatz eingestimmt. Mit Sorgfalt und Beschaulichkeit nähert man sich den Personen und ihrer Lebenswirklichkeit; die einzelnen Charaktere werden vertrauter und rücken näher. Parallel dazu wird ihre Abhängigkeit von der Natur mit eindrucksvollen Bildern beschrieben. Das Gefüge wird gestört, als Riley Flynn auf die Insel zu seinen strenggläuibgen Eltern zurückkehrt, nachdem er vier Jahre im Gefängnis saß. Er hatte im betrunkenen Zustand eine junge Frau überfahren, die nicht überlebte. Die Nachbarn nehmen ihn mit Zurückhaltung auf; seine Mutter versucht, ihn wieder in die Gemeinschaft zu integrieren. Das versucht auch seine frühere Freundin Erin, die als Jugendliche die Insel verließ und nun als Schwangere zurückkehrt und den Job als Aushilfslehrerin übernommen hat; eine Stelle, die früher ihre Mutter eingenommen hatte.

Neu auf der Insel ist auch der charismatische, sich jovialgebende Priester Paul Hill, der seinen Dienst in der kleinen Kirche St. Patrick antritt. Dank seiner Religiosität und Rhetorik zieht der die Gläubigen in seinen Bann. Mit seiner Ankunft geschehen in dem Ort merkwürdige Dinge, düstere Geheimnisse treten zutage und alte Narben brechen wieder auf. Und schon bald gerät die Kleinstadt in Aufruhr. Für die einen ist es ein Segen, für die anderen ein Fluch. Erin ist plötzlich nicht mehr schwanger, Gebreche werden geheilt und einige Personen werden immer jünger. Priester Paul ist eine Inkarnation seines verschwundenen Vorgängers Pruitt und entpuppt sich als ein Vampir des Glaubens. Nach und nach verwandeln sich auch die anderen Gemeindemitglieder in Vampire und Zombies. Eine Katastrophe von apokalyptischem Ausmaß kommt über alle. Rette sich wer kann, doch dem Sonnenaufgang ist nicht zu entgehen. Nur ein junges Pärchen überlebt das Inferno

Eine Horrorserie über Schuld, Religion, Sucht und Rache, die es in sich hat. Wie bei Stephen King geht es auch hier um eine kleine Gemeinde, über die das Böse hereinbricht. Nach und nach wird der neue Priester zur zentralen Figur der Handlung, dessen ambivalentes Verhalten der Schlüssel des Schreckens ist, der sich über alle und alles erstreckt.

Neben den großartigen Schauspielern und der auf Spannung konzentrierten Regie sind die traumhaft schönen Bilder von der Insel und die zum Ambiente des religiösen Umfeldes passende Musikauswahl nachhaltig erinnerlich.

Wertung: hervorragend

Netflix

Squid Game

von Hwang Dong-hyuk – Südkorea 2021 – 9 x ca. 60 Min. – netflix

Seong Gi-hun, der Protagonist der Serie, lebt in Seoul. Der sympathische Looser ist geschieden. Er kümmert sich um seine altersgebrechliche Mutter; den gewünschten Kontakt zu seiner kleinen Tochter verweigert ihm seine Exehefrau. Seong ist hochverschuldet, existentiell verkracht und glücksspielsüchtig. Er erhält eine mysteriöse Einladung zu einem Spiel, in dem es um viel Geld geht. Nachdem er zugesagt hat, wird er betäubt und mit 455 weiteren Spielern an einen geheimen Ort gebracht, wo sie von maskiertem und bewaffnetem Personal kommandiert werden. Der Wettbewerb ist eine Variante des bei Kindern beliebtes Spiels „Ojingeo Game“ (Tintenfischspiel) und umfasst sechs Spiele. „Squid Game“ ist ein virtuoses Spiel mit Spielern, deren Marsch in den Tod vom Donauwalzer begleitet wird; es sind harmlose Wettbewerbe, allerdings mit tödlichem Ausgang.

Zu den Regeln der ersten Runde gehört, dass alle Verlierer sofort getötet werden. Zwar wird der Wettbewerb daraufhin von den 201 überlebenden Spielern per Mehrheitsentscheidung abgebrochen, doch die meisten von ihnen kehren wieder zurück, da ihr Leben perspektivlos erscheint und sie das Preisgeld wollen. Von Spiel zu Spiel reduziert sich die Anzahl der Teilnehmer. Dafür rücken einzelne Akteure deutlicher in den Vordergrund und gewinnen an Profil. Sie werden uns immer vertrauter, was zu emotionalen Bindungen zu den jeweiligen Protagonisten führt. Es entwickeln sich Allianzen, es entstehen sogar Freundschaften, am Ende spielt jedoch jeder gegen jeden, auf Leben und Tod.

In einem der Spiele geht es um das Tauziehen, zehn gegen zehn. Bei der Teambildung kommt es in erster Linie nicht unbedingt auf die körperliche Stärke der Mitspieler an, sondern auch auf Geschicklichkeit und taktisches Verhalten.

Am Ende stehen sich drei Finalisten gegenüber: Außer Seong Gi-hun sein Jugendfreund Cho Sang-woo, ein korrupter Geschäftsmann, und die junge Kämpferin Sae-byeok, die für eine nordkoreanische Spionin gehalten wird. Doch mit dem Sieg allein ist das Spiel nicht beendet. Es kommt zu einer überraschenden Auflösung des Geschehens und seiner Hintergründe.

Hwang Dong-hyuk, der das Drehbuch schrieb und Regie führte, wurde von einem beliebten Kinderspiel im Südkorea der 1970er und 1980er Jahre inspiriert und will damit eine Allegorie über die moderne kapitalistische Gesellschaft erzählen. „Squid Game“ ist eine der weltweit erfolgreichsten netflix-Serien.

Wertung: kann man sich ansehen

Dune

von Denis Villeneuve – Kanada/Ungarn/USA 2021 – 155 Min.

Ein weiterer Versuch, den gleichnamigen Science-Fiktion-Bestseller von Frank Herbert für die große Leinwand zu adaptieren. Im Mittelpunkt einer actiongeladenen Handlung steht der brillante junge Held Paul Atreides, dem das Schicksal eine Rolle vorherbestimmt hat, von der er niemals geträumt hatte. Um die Zukunft seiner Familie und seines gesamten Volkes zu sichern, muss Paul auf den gefährlichsten Planeten des Universums reisen. Nur auf dieser Welt existiert das sogenannte Spice, ein wertvoller Rohstoff, der es der Menschheit ermöglichen könnte, ihr vollständiges geistiges Potenzial auszuschöpfen. Doch finstere Mächte wollen die Kontrolle über die kostbare Substanz an sich reißen. Es entbrennt ein erbitterter Kampf den nur diejenigen überleben werden, die ihre eigenen Ängste besiegen.

Nichts Neues unter den Sonnen. Das Geschehen ist den Genre-Fans hinreichend bekannt und die Charaktere bleiben trotz erlesener Besetzung eindimensional. Beeindruckend allein die visuell großartigen Welten-Bilder; die zahlreichen ermüdenden CGI- Kampf-Sequenzen könnten hingegen auch aus einer x-beliebigen Star Wars Folge stammen.

Im Abspann des Films noch der Hinweis, dass es sich hier um den ersten Teil des Weltraumepos handelt und eine Fortsetzung folgen wird. Vielleicht rückt dieser Teil näher an die aktuell gegenwärtigen Probleme des Umgangs mit unseren Ressourcen heran.

Wertung: kann man sich ansehen

Netflix

Kate

von Cedric Nicolas-Troyan – USA 2021 – 108 Min. – netflix

Action-Star Mary Elizabeth Winstead spielt eine Auftragskillerin, die in Tokio ein Mitglied der Yakuza erledigen soll. Ihr Anschlag misslingt und sie selbst wir zu einem Opfer: sie bekommt ein Serum verpasst, das sie innerhalb eines Tages qualvoll tötet. Von nun an hat sie es mit inneren und äußeren Feinden zu tun. Bei ihrem gnadenlosen Rachefeldzug quer durch die City wird sie von einem kleinen Mädchen begleitet. Sie ist die Tochter einer früheren Zielperson, die Kate ursprünglich als Geisel genommen hatte, nun aber an ihrer Seite kämpft und ihr hilft, ihre Mission zu erfüllen. Woody Harrelson spielt dabei die Rolle eines mysteriösen Drahtziehers im Hintergrund. Er gibt sich als Mentor von Kate aus, bewegt sich zwischen allen Fronten und so recht wird nie klar, wer und was er ist und welche Motive ihn bewegen.

Die Handlung ist einfach gestrickt; wirkungsvoll dafür die zahlreichen Actionsequenzen in den grellen Lichtern der nächtlichen Großstadt.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Brand New Cherry Flavor

von Nick Antosca und Lenore Zion – Kanada/USA 2021- 8 x 35-50 Min. – netflix

Dass in Hollywood Blutsauger, Vampire, Zombies und andere Untote nicht nur im Film, sondern auch in der Realität existieren sollen, ist durch zahlreiche Branchen-Berichte in diversen Medien hinreichend bekannt. Die Serie beweist und verstärkt diese Legenden; mit einer narrativen und visuellen Qualität, die stark an David Lynch erinnert.

Protagonistin ist die junge Filmemacherin Lisa Nova, die einen aufsehenerregenden Horror-Kurzfilm gedreht hat und nun – 1990 - in Los Angeles nach einer Chance sucht, daraus einen Spielfilm unter ihrer Regie zu machen. Sie trifft dabei auf einen windigen und übergriffigen Produzenten, der sie ausnützt und mit falschen Versprechungen hinhält. Er will den Horror-Thriller ohne sie realisieren. Aber Lisa lässt sich nicht abschütteln und versucht mit Hilfe der einflussreichen Agentin Boro ihr Vorhaben umzusetzen. Da sich immer neue Schwierigkeiten ergeben, verfluchen die rachesüchtige Lisa und Boro, die über Hexenkräfte verfügt, den verhassten Produzenten. Und von nun an entwickelt sich aus dem weiteren Vorgehen ein Horrortrip mit überraschenden Wendungen. Das Traumobjekt wird zu einem Albtraum mit bizarren Geisterbahnen und Poltergeistern.

Die Macher der Miniserie, die auf einer Romanvorlage von Todd Grimson beruht, haben mit anderen Arbeiten ihre genrekonforme Stilsicherheit bereits bewiesen. Hier kreieren sie eine der mutigsten und originellsten Hollywood-Satiren, die aktuell angeboten werden.

Wertung: hervorragend

Netflix

Beckett

von Fernando Cito Filomarino – I/USA u.a. – 108 Min. – netflix

Beckett und April, ein junges amerikanisches Paar, machen Urlaub in Griechenland. Doch der Traumurlaub wird zum Albtraum. In der urwüchsigen Berglandschaft in der Region Epirus nahe die Stadt Ioannina verursachen sie einen Autounfall. Beckett ist am Steuer eingeschlafen und sein Mietauto kracht in ein leerstehendes Gebäude. April überlebt den Unfall nicht. Beckett meint, am Unfallort eine Frau und ein Kind gesehen zu haben. Als er zu dem Ort zurückkehrt, wird auf ihn geschossen. Auch die örtliche Polizei ist an dem Anschlag beteiligt. Nur mit Mühe kann Beckett fliehen und die Amerikanische Botschaft in Athen verständigen. Seine Verfolger bleiben ihm dicht auf der Spur. Auf einem Fahndungsplakat sieht Beckett schließlich ein Foto des Jungen, dem er begegnet ist. Es handelt sich um den Sohn des Politikers Karas, Führer der Linkspartei. Fortan gerät Beckett zwischen alle Fronten, wobei auch Mitarbeiter der US-amerikanischen Botschaft eine zwielichtige Rolle spielen. Bei seinem Kampf ums Überleben weiß Beckett nicht mehr, wer zu welchem Netzwerk politischer und krimineller Intrigen und Konspirationen gehört und auf welcher Seite steht.

Ein klassischer Krimi-Plot wie in einem Hitchcock-Film. Aus einem kleinen Fehler entsteht ein großes Chaos. Ein ahnungsloser Amerikaner gerät in politische Unruhen und Ausschreitungen. Flucht und Verfolgung quer durch Griechenland sind hochspannend inszeniert und visuell eindrucksvoll illustriert, wobei die vielfältige Topografie Griechenlands eine reizvolle und attraktive Kulisse liefert. Dass der Protagonist trotz mehrfacher Kämpfe mit schweren Verwundungen alle Auseinandersetzungen übersteht, gerät gelegentlich an die Grenzen der Glaubwürdigkeit. Doch ein Thriller folgt genrekonform mehr den Vorgaben eines perfekten Drehbuchs als den Gesetzen der Logik.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

The Last Mercenary

von David Charhon – F 2021 – 110 Min – netflix

Der unverwüstliche Jean-Claude Van Damme als Söldner in eigener Sache. Als früherer französische Top-Geheimagent und international agierender Söldner kehrt Richard Brumère, genannt „La Brume“ (Der Nebel), nach Paris zurück. Die Immunität, die ihm vor 25 Jahren für seinen Sohn Archibald gewährt wurde, ist aufgehoben worden. Dieser gerät durch die illegalen Machenschaften der Mafia in Gefahr. Als Folge einer Intrige wurde er fälschlicherweise als Terrorist verhaftet. Um Archibald zu retten, muss La Brume seine alten Kontakte aufwärmen und sich mit ein paar Typen aus einem Pariser Vorort und einem vertrottelten Regierungsbeamten zusammentun, um seinen Sohn zu retten und die Schuldigen zu bestrafen. Vor allem aber muss er den Mut aufbringen, Archibald zu beichten, dass er sein Vater ist.

Eine perfekt getimte Actionkomödie mit dem Gespür für Selbstironie und mit bekannten Namen des französischen Krimis wie Philippe Morier-Genoud, Miou-Miou und Valerie Kapriski bestückt. Van Damme erinnert mit Aussehen und Auftritt aussehen stark an Eddi Constantine in den Agentenfilmen der 1950/60er Jahren; nur nicht mehr in Schwarz-weiß und auch mit mehr Action. Paris ist nun mal die Stadt, die zu endlosen Auto-Verfolgungsjagden einlädt. Diesmal sind auch zeitgemäß E-Scooter mit dabei.

Wertung: sollte man gesehen haben

Old

von M. Night Shyamalan – USA 2021 – 109 Min.

Es sollte eigentlich ein Traumurlaub werden für das Ehepaar Guy und Prisca und ihre Kinder Maddox (11) und Trent (6). Es gab ein online-Angebot, dem sie nicht widerstehen konnten.

Gleich nach ihrer Ankunft in einem feudalen Feriendomizil am türkisfarbenen Meer– eine Hotelanlage, die alle Wünsche erfüllt - erwartet sie eine besondere Überraschung: ein Ausflug mit dem Shuttlebus zu einem geheimen idyllischen Privatstrand. In dem Naturreservat erwartet sie ein unvergessliches Erlebnis. Doch sie sind nicht allein. Sie treffen eine kleine Gruppe von ebenfalls auserwählten Leuten, die sich merkwürdig verhalten. Irgendwie leiden alle an psychischen oder physischen Störungen. Die anfangs paradiesische Atmosphäre verwandelt sich mehr und mehr zu einem beängstigenden Ambiente. Die Besucher geraten in den Bann eines schockierenden Phänomens: Sie werden rasend schnell alt und am Ende des Tages wartet auf sie der Tod. Der Kampf ums Überleben beginnt und fordert die ersten Opfer.

Der Regisseur ausgewiesener außergewöhnlicher Spannungsszenarien wie The Sixth Sense ließ sich bei diesem Horror-Trip von der Graphic Novel Sandcastle von Lévy und Peeters inspirieren. Und die Auflösung folgt nicht den Gesetzen der Logik, sondern den Vorgaben des Fantasy-Comics. Die Film-Bilder des traumhaft schönen Urlaubsortes sind jedenfalls sehenswert und verlangen die große Leinwand.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Ragnarök

von Adam Price - Dänemark 2020 – 6 x 45 Min. – netflix

Die actiongeladenen Schlachten der Nordischen Mythologie dauern an. Hier werden sie neu belebt. Die Figuren und Schauplätze sind aktualisiert. Die unsterblichen Riesen, die seit Jahrtausenden unerkannt unter den Menschen leben und diesen und den Göttern feindlich gesinnt sind, sind hier die einflussreiche Familie der (fiktiven) Industriestadt Edda. Vidar ist der Chef der Firma Jutul. Seine Ehefrau Ran ist die Direktorin des Gymnasiums und deren Kinder Saxa und Fjor besuchen die gleiche Schulklasse wie die beiden Neuankömmlinge Magne und Laurits. Ihre verwitwete Mutter ist mit ihnen in ihren Heimatort in Westnorwegen gezogen, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Die Stadt leidet unter der Umweltverschmutzung und -zerstörung, für die die marktbeherrschende Firma verantwortlich ist. Deren Machenschaften werden von den örtlichen Politikern und der Polizei gedeckt. Nachdem Isolde, eine Mitschülerin, unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen ist, beginnt der mit ihr befreundete Magne mit seinen Nachforschungen. Sie war auf der Suche nach den Verursachern der Umweltschäden und verdächtigte Vidar und Jutil. Der introvertierte Magne entdeckt nach und nach seine übernatürlichen Fähigkeiten und Kräfte. Kein Wunder: er ist eine Inkarnation des Gottes Thor, dem Beschützer der Welt der Menschen. Zwischen Magne und Vidar beginnt ein unerbittlicher Zweikampf.

Man muss die nordischen Mythen und ihre Helden nicht kennen, um von dieser Serie überzeugt und begeistert zu sein. Und wer sich nicht auskennt, wird hier animiert, sich ausführlicher damit zu beschäftigen. Das Marvel-Universum holt sich hier die Vorlagen für grandiose Abenteuerfilme. Und von Ragnarök ist bereits die zweite Staffel produziert.

Wertung: sollte man gesehen haben

Nebenan

von Daniel Brühl – D 2021 – 94 Min.

Daniel spielt den erfolgreichen Filmstar Daniel, der in einer traumhaften Maisonette-Wohnung im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg lebt. Gemeinsam mit seiner Frau, zwei kleinen Söhnen und einem Kindermädchen. Sein Durchbruch in Hollywood scheint nicht mehr fern. Zuerst aber soll er in London für einen amerikanischen Superheldenfilm vorsprechen. Auf dem Weg zum Flughafen macht er in seiner Stammkneipe halt. Dort ist es vormittags ruhig; dort stören keine Fans und Daniel will noch einmal seine Rolle lernen. An der Theke sitzt ein Fremder Mann: Bruno verwickelt Daniel in einen Small Talk. Er kennt nicht nur alle Filme des Schauspielers, er kennt sich auch erschreckend gut in Daniels Privatleben aus. In jeder Minute dieses seltsamen Gesprächs wächst Daniels Verwunderung und Skepsis. Bruno ist sein Nachbar und hat einen direkten Einblick in seine Wohnung. Er hat Daniel ausspioniert. Und dieser will herausfinden, warum. Eine Begegnung, die das Leben aller Beteiligten verändern wird.

Drei Meister ihres Faches treffen perfekt abgestimmt aufeinander: Daniel Kehlmann (Wort),

Peter Kurth und Daniel Brühl (Spiel). Der Regisseur Brühl hat den Schauspieler Brühl gekonnt in Szene gesetzt und darauf geachtet, seinem Gegenüber einen gleichwertigen Part einzuräumen. In ihrer Auseinandersetzung geht es um die Urängste der Menschen, aber auch um brandaktuelle soziale und politische Themen, um Gentrifizierung und soziale Ungerechtigkeit, Leistungsdruck und Versagensängste.

Die Kamera folgt hautnah den beiden Protagonisten, die in diesem Eckkneipen-Kammerspiel punktgenau getimt agieren und reagieren, um Konzentration und Spannung zu halten. Großes Kino ist das nicht, aber ein unterhaltsames, sehenswertes Fernsehspiel allemal. Und das ist nicht abwertend gemeint.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Sophie: Ein Mord in West Cork

von John Dower – UK 2021 – 3 x 50 Min. – netflix

Am 23. Dezember 1996 - also vor ca. 25 Jahren – wurde die französische TV-Produzentin Sophie Toscan du Plantier im Alter von 39 Jahren auf dem Grundstück ihres abgelegenen Ferienhauses bei Schull in West Cork brutal ermordet, ihr Gesicht zertrümmert und bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Der bis heute nicht aufgeklärte Mordfall liegt wie eine dunkle Wolke auf der irischen Halbinsel. Verdächtigt wird seit 25 Jahren der Ex-Journalist Ian Bailey, der aber in Irland nicht verurteilt wurde und heute dort noch lebt. Ein vor zwei Jahren in seiner Abwesenheit ergangenes Verfahren vor einem französischen Gericht endete mit einem Schuldspruch und einem Urteil, das aus rechtlichen Gründen nicht vollstreckt werden kann.

Die Ermordung der attraktiven und erfolgreichen Frau hat das mediale Interesse an dem Fall bis heute wachgehalten. Neben dieser Serie hat sich auch der irische Regisseur Jim Sheridan mit dem Fünfteiler Murder at the Cottage des Stoffes angenommen. Widersprüchliche Zeugenaussagen und irreführende Indizien sowie das unprofessionelle Vorgehen der örtlichen irischen Polizei liefern sind hervorragend geeignet für einen spektakulären Krimi-Plot. Sophies brüchige Ehe mit einem Filmproduzenten und Liebesaffären in ihrem Ferienhaus gehören ebenso zum Bild eines Gesellschaftsdramas wie das schillernde Leben des englischen Investigativ-Journalisten Ian Bailey, der mit seinem Geltungsdrang und abgründigem Taktieren die Öffentlichkeit polarisiert. Der andauernde globale Hype lässt Land und Leute nicht zur Ruhe kommen. Das beschauliche Küstendorf ist mittlerweile zu einem begehrten Ort für Sensations-Touristen geworden; die Doku-Serien werden diesen Trend noch bestärken. Einen zusätzlichen Anreiz bietet die urbane Three Castle Head-Mythologie: eine beeindruckende, nahegelegene Schlossruine mit legendären Spukgestalten, denen Sophie begegnet sein soll.

Wertung: hervorragend

arte

Die Meute

von Juan de Dios Larrain und Pablo Larrain – Chile 2020 – 8 x 50 Min. – arte

Thema der chilenischen Drama-Serie ist die sexuelle und psychische Gewalt gegen Frauen. Konkret geht es hier um die Schülerinnen einer katholischen Privatschule in Santiago de Chile, die gegen das missbräuchliche Verhalten eines Lehrers protestieren. Ihre feministischen Forderungen provozieren einige Mitschüler, die einem Rugbyteam angehören und aus einflussreichen Familien stammen. Als Blanca, eine der Wortführerinnen der Schülerinnen plötzlich verschwindet, lenkt ihr Fall die polizeilichen Ermittlungen der Kommissarinnen Olivia Fernandez, Carla Farias und Elisa Murillo auf das Spiel des Wolfes: Ein Online-Spiel, das per Zufallsprinzip ausgesuchte junge Männer durch Mutproben dazu bringt, Frauen mit einem Wolf-Tattoo zu markieren und anschließend zu missbrauchen. Während sich Blancas Schwester Celeste eigenständig auf die riskante Suche nach der Verschwundenen macht, geraten auch die Ermittlerinnen immer mehr ins Visier der fanatischen Online-Spieler und Frauenhasser.

Nachhaltig erinnerlich bleiben die drei Protagonistinnen Olivia, Carla und Elisa, die im Verlaufe der vielschichtigen Handlung immer mehr Profil gewinnen. Ihre sehr unterschiedlichen Biographien, ihr nicht konfliktfreies Privatleben und ihre Energie bei den Ermittlungen und der Jagd nach dem Kopf des Online-Spiels stehen im Focus eines facettenreichen und spannenden Geschehens. Die Serie zeigt auch ein kritisches Bild einer sich im Umbruch befindenden chilenischen Gesellschaft, deren psychosoziale Fehlentwicklungen auf Spätfolgen der chilenischen Militärdiktatur unter Pinochet beruhen.

Enttäuschend ist die Auflösung. Der geübte Krimiserien-Fan ahnt schon ab ca. Folge 4 wer sich hinter der Maske des Drahtziehers verbirgt. Ist aber eigentlich auch egal, denn bei dem Online-Spiel der Wölfe ist diese Figur austauschbar. Weitere Folgen sind denkbar.

(17.06.20221)

Wertung: hervorragend

Netflix

Katla

von Baltasar Kormakur – Island 2021 – 8 x 45 Min. – netflix

Die Vielschichtigkeit dieser bildgewaltigen Serie zu ergründen und zu beschreiben, ist mir zu anstrengend. Daher zwei treffende Zitate aus der Fachpresse:

„In der Science-Fiction-Serie Katla bricht der gleichnamige Vulkan im Süden Islands aus, das Städtchen Vik an seinem Fuß wird unter einer dicken Ascheschicht begraben und ein Fluss aus Gletscherschmelzwasser hat die ganze Region von der Hauptstadt Reykjavik abgeschnitten. In dem eingeaschten Ort harrt nur noch eine Handvoll Bewohner aus, darunter ein Polizist, eine Ärztin und ein Vulkanvorscher. Lange bleiben sie aber nicht alleine: Erst eine Frau, dann immer mehr Menschen, bedeckt mit einer Schicht aus Asche und Schlamm, kommen herunter von dem Vulkan und dem Gletscher. Manche der Gäste sind längst verstorbene, andere Doppelgänger von Menschen aus der Gegend. Was ist da los? Die abergläubische Hotelbetreiberin meint, es handele sich bei den Besuchern um Gestaltwandler, Mitglieder des verborgenen Volkes aus der altnordischen Mythologie … Die isländische Mythologie kennt tatsächlich solche Gestalten, sie werden Fylgia genannt, was etwa mit ‚Folgewesen’ übersetzt werden kann… Die Serie spielt sehr geschickt mit solchen Symbolen aus der nordischen Mythologie, lässt sie aber nicht zum Selbstzweck werden.“ (SZ/19.06.2021)

„Katla erzählt von Wiedergängern, die unerfüllte Sehnsüchte und Konflikte leibhaftig verkörpern. Neu ist dieses Motiv nicht… Zu einem Ereignis wird die Serie dank ihrer gespenstischen Kulisse. Im Hintergrund prustet der Vulkan gigantische Dampfwolken in den Himmel. Die von einer Ascheschicht bedeckte Landschaft erstrahlt, teilweise schneebedeckt, in einem seltsamen schwarzweißen Zwielicht.“ (epd-film/7/21)

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Tragic Jungle

von Yulene Olaizola – Mexiko/Frankreich/Kolumbien 2020 – 96 Min. netflix

Ein mexikanisches Drama, das tief in die Mythenwelt der Maya führt; angesiedelt im grünen Niemandsland an der Grenze zwischen Mexiko und Belize in den 1920er Jahren. Eine Gruppe von Mexikanern zapft aus den Bäumen im Urwald Cicle, eine zähflüssige Substanz, die bereits von den Maya als Kaugummi genutzt wurde. Plötzlich stoßen die Männer auf eine bewusstlose junge Frau und bringen sie in ihr Camp Die Anwesenheit der mysteriösen Fremden führt zu Spannungen unter den Arbeitern und beflügelt ihre Fantasien. Sie ist auf der Flucht, weil sie sich nicht mit einem englischen Großgrundbesitzer verheiraten lassen will und wird von den Häschern ihres Zukünftigen verfolgt. Die Arbeiter verfallen ihrem Bann und merken zu spät, dass sie Xtabay geweckt haben, eine Maya-Dämonin, die im Herzen des Dschungels lauert.

Der von einem Roman von Rafael Bernal inspirierte Dschungel-Western bringt anthropologische und mythologische Elemente in Einklang und verlässt sich dabei weniger auf die Dialoge, sondern mehr auf die aussagestarken und beeindruckenden Bilder der Protagonisten in einem faszinierenden Ambiente.

Um die Hintergründe und Handlung des Films besser zu verstehen ist es sinnvoll, sich zuvor bei WikipediA über die Legende und Symbole der Dämonin Xtabay zu informieren.

Wertung: kann man sich ansehen

Netflix

Duisburg – Linea di sangue

von Enzo Monteleone – It 2019 – 100 Min. – netflix

Der Film thematisiert die Mafiamorde von Duisburg am 15. August 2007. Er zeigt die Ermittlungen der deutschen und italienischen Polizei, die bis zur Festnahme der Attentäter zusammengearbeitet haben. Protagonisten sind der kalabresische Polizist Michele Battaglia und der italienische sprechende introvertierte Ermittler Thomas Block. Sie recherchieren die Hintergründe der Tat, deren Ursprung eine alte Blutfehde zwischen zwei Familien aus San Luca, dem zentralen Sitz der ’Ndrangheta, ist. Da sich die Attentäter nach Amsterdam abgesetzt haben, überwachen sie ihre Familien, um sie dort aufzuspüren.

„Duisburg“ ist ein Mafia-ligth-Krimi voller Klischees. Zwischen Gut und Böse gibt es keinen Spielraum für eine überzeugende Zeichnung der Charaktere. Auch den Familienangehörigen wird keine Chance zur individuellen Ausformung eingeräumt. Die aufgetakelten Mafiabräute und deren Söhne folgen blind den überlieferten Gesetzen ihres Clans. Und aus dem anfänglich distanziertem Verhältnis zwischen Michele und Thomas wird sich wohl eine persönliche Freundschaft ergeben.

Wertung: hervorragend

Prime Video

The Underground Railroad

von Barry Jenkins – USA 2021 – 10 x ca. 55 Min. – Amazon Prime.

Die Miniserie über die Untergrundgruppierung von Sklaverei-Gegnern basiert auf den gleichnamigen Bestseller von Colson Whitehead, der 2017 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Die Underground Railroad war ein informelles Schleusernetzwerk und gleichzeitig ein Codewort, das für dunkelhäutige Sklaven die Flucht aus den Südstaaten der USA in die sicheren Nordstaaten oder in die Provinz Kanada organisierte. Über geheime Routen und mit Unterstützung von Fluchthelfern, darunter auch viele Weiße, gelang es, zwischen 1810 und 1850 etwa 100.000 von ihnen zu befreien. Als Transportmittel wurden unter anderem Pferdewagen mit doppelten Boden eingesetzt. Als Zwischenstationen boten ihnen teils bewohnte, teils verlassene Häuser und Scheunen Schutz. In manchen Fällen verfügten diese Häuser über Geheimgänge oder falschen Tapetenwänden.

Whiteheass Roman nimmt den authentischen Eisenbahner-Code wörtlich und erdachte echte Züge und ein unter den Südstaaten existierendes, weitverzweigtes Schienensetz mit unterirdischen Bahnstationen.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht die junge Sklavin Cora. Das Leben auf einer Baumwollplantage im Antebellum South in Georgia ist grausam. Sie kann die Misshandlungen und Brutalitäten der Besitzer nicht länger ertragen und will weg von dort. Als Caesar, ein Neuankömmling aus Virginia, ihr von der „Underground Railroad“ erzählt beschließt sie, ein großes risiko einzugehen und zu fliehen. Auf einer ständigen Flucht über Tennessee Richtung Norden wird Cora von dem Kopfgeldjäger Ridgeway verfolgt, den der „Amerikanische Imperativ“ und persönliche Rachegelüste antreiben. Begleitet wird er von dem Sklavenjungen Homer, der ihn als Freund ansieht und ihm loyal ergeben ist.

Die einzelnen Episoden der Serie folgen dem Verlauf einer außergewöhnlichen Reise, die von der Odyssee über Gulliver bis hin zu Alice im Wunderland führen. Ausgesuchte Bibelzitate dienen dabei als Wegweiser. Jede Folge wartet mit neuen Überraschungen auf; sei es bei den unterschiedlichen Protagonisten oder dem Ambiente der Schauplätze mit ihren harten Kontrasten von Dunkel und Hell sowie Kerzenlicht und Strombeleuchtung.

Überragend ist die schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerin Thuso Mbedu: sie ist fast in jeder Szene gegenwärtig und meistert souverän ihren Part von dem Heranwachsen eines duckmäuserischen und verängstigten kleinen Mädchens zu einer selbstbewussten, resoluten und handlungsstarken jungen Frau.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

The Woman in the Window

von Joe Wright – USA 2021 - 100 Min. – netflix

Die Frau am Fenster: das ist die alleinstehende ehemalige Kinderpsychologin Anna Fox. Sie lebt allein in ihrem feudalen Stadthaus in Harlem, das sie seit Jahren nicht mehr verlassen hat. Ihre Zeit verbringt sie damit, online mit Fremden zu chatten. Sie leidet an Agoraphobie, telefoniert mit ihrem ehemaligen Ehemann oder ihrer Tochter, trinkt viel, schluckt Antidepressiva und schaut sich alte Filme wie Noir-Klassiker an. Zu dem einzigen Mieter, dem eigenwilligen Single David, hat sie kaum Kontakt. Anna sitzt gerne am Fenster und beobachtet ihre Nachbarn im Haus gegenüber. Neu hinzugezogen ist die Familie Russel aus Boston. Der 15-jährige Ethan macht einen Antrittsbesuch; und zwischen den beiden entsteht spontan ein einvernehmliches Verhältnis. Wenig später taucht dann dessen Mutter Jane bei ihr auf. Kurz daraus folgt auch der Ehemann und Vater Alistair, der weitere Kontakte strikt unterbinden will und Anna unter Druck setzt. Daraufhin intensiviert sie ihre Beobachtung mittels einer Kamera, mit der sie sich direkt in die Wohnung der Russels zoomt und so zufällig Zeugin eines Gewaltverbrechens wird. Nach einem heftigen Streit tötet Alistair Jane mit einem Messer. Anna verständigt mit einem Notruf die Polizei, doch niemand will ihr glauben, da ihr psychischer Zustand durch häufige Panikanfälle äußerst labil, sie an Wahnvorstellungen leidet und in ihren Wahrnehmungen gestört ist. Anna sieht sich gezwungen, eigene Nachforschungen anzustellen und löst damit gewaltgeladene Folgeereignisse aus. Eine blutige Spur dieses paranoiden Höllentrips führt dabei auch unmittelbar in Annas Vergangenheit.

Der Plot des Films ist nahe der Grundkonstruktion des Klassikers von Alfred Hitchcock „Das Fenster zum Hof“. In einigen Kameraeinstellungen werden diese Bezüge virtuos zitiert. In anderen Szenen wird auf weitere Filme von ihm verwiesen. Der Film von Joe Wright gleicht einem Cocktail mit bekannten und bewährten Zutaten, der frisch gemixt bekömmlich serviert wird. Die düstere atmosphärische, expressionistische Stimmung sowie das effektvolle Sound-Design schaffen den beklemmenden Gesamteindruck eines filmgeschichtlich aufschlussreichen Thrillers, dessen Auflösung anders als erwartet verläuft. Eine sehenswerte starbesetzte Hitchcock-Hommage passend zu den aktuellen Lockdown-Albträumen.

Wertung: kann man sich ansehen

ARD

Goldjungs

von Christoph Schnee - D 2021 - 89 Min. - ARD/WDR

Die zeitgeschichtlich satirische Filmkomödie wurde durch die manipulativen Machenschaften der Herstatt-Bank in den 1970er Jahren in Köln inspiriert. Die Bankgeschäfte liefen zu dieser Zeit überaus erfolgreich. Eine Gruppe junger Devisenhändler, die „Goldjungs“, sorgte für glänzende Bilanzen.

Als die aus einfachen Verhältnissen stammende Marie Breuer dank der Fürsprache von Irene Gerling – Gattin von Herstatts finanzstarkem Jugendfreund Hans Gerling – in der Bank eine Stelle als Sekretärin bekommt, betritt sie eine für sie neue Welt. Ihr Chef ist der leitende Angestellte Baron Ferdinand von Broustin, der das blinde Vertrauen von Iwan Herstatt genießt. Marie Breuer ist fasziniert von den neuen Möglichkeiten; vor allem von dem glamourösen Mick, einem der Goldjungs, der sie mit seinem extravaganten Lebensstil in den Bann zieht.

Der Einzige, der dem Treiben der Goldjungs nicht tatenlos zusehen will, ist Buchhalter Uwe Lennartz. Fassungslos beobachtet er, wie die Spekulationen der Devisenhändler immer gewagter werden und einfache Angestellte der Bank immer größere Summen einsetzen. Seine Warnungen will jedoch niemand hören, auch Bankdirektor Herstatt nicht.

Schließlich beteiligt sich auch Marie an den Spekulationen und nimmt dafür nicht nur ihr eigenes Geld, sondern auch die gesamten Ersparnisse ihrer Mutter, die von ihrer Arbeit als Schneiderin lebt. Als sich der Kurs des US-Dollars wegen der Ölkrise nicht so entwickelt wie von den Goldjungs erwartet, erhofft und gewettet, hat das dramatische Konsequenzen.

Herstatts Sekretärin Birgit Pütz etwa verliert auf einen Schlag ihr Millionenvermögen und nimmt sich das Leben.

Buchhalter Lennartz kann sich bei Herstatt nicht durchsetzen und informiert schließlich das Bundesaufsichtsamt für Kreditwesen. Dessen Wirtschaftsprüfer gelingt es nicht, das betrügerische System zu durchdringen. Dafür werden die Vorgänge in der angesehenen Privatbank immer absurder und hektischer. Lennatz findet heraus, wie die Geschäftsvorgänge manipuliert werden, doch es ist zu spät. Die Bankpleite lässt sich nicht mehr abwenden.

Marie konnte noch rechtzeitig vor dem großen Crash ihre Einlagen in Sicherheit bringen. Sie schließt sich einer Hippie-Gruppe an und startet zu einem Trip, von dem sie sich Selbsterkenntnis und Spiritualität verspricht. Iwan Herstatt wird angeklagt und erhält eine Bewährungsstrafe. Hans Gerling entschädigt aus Teilen seines Privatvermögens die Kleinanleger der Herstatt-Bank, um sein gesellschaftliches Ansehen zu wahren.

Der Film wurde von der Fachpresse überwiegend positiv aufgenommen. TV-Spielfilm beschriebt ihn als „launig-skurrile und liebevoll ausgestattete Finanz-Farce, die wie ‚Wolf of Wall Street’ am beschaulichen Rhein rüberkommt“. Und für das Branchenportal kino.de ist er „ein mutiger, bemerkenswerter und aus dem Rahmen fallender Fernsehfilm.“

Die Familie Herstatt distanzierte sich nach der Ausstrahlung ausdrücklich von der Darstellung der Person des Iwan Herstatt im Film und hat dies in verschiedenen Gegendarstellungen zum Ausdruck gebracht. Die Frankfurter Allgemeine rezensierte den Film am 05.05.2021:

„Wie die Bank zum Casino wurde. Der ARD-Film ‚Goldjungs’ behandelt die legendäre Pleite der Herstatt-Bank erst als Satire, denn als Emanzipationsstory. Das rechnet sich leider überhaupt nicht.“

Die Reaktion wurde am folgenden Tag veröffentlicht: „Es ist schon sehr bedenklich, was man alles unter dem Deckmantel Satire und ‚Künstlerischer Freiheit’ heute an Fake News geboten bekommt. Wenn jemand sich erhofft, durch den Film etwas über die wahren Hintergründe des Zusammenbruchs der Herstatt-Bank zu erfahren, der wird sehr enttäuscht werden.“

Der Kölner Stadt Anzeiger veröffentlichte am 07.05.2021 ein ganzseitiges Interview von Tobias Christ mit Johann Herstatt, dem Sohn von Iwan Herstatt. Hier ging es u.a. auch um den Charakters seines Vaters, der in den Film so dargestellt wird, als hätte er sich mehr für Karneval und Golfen interessiert und weniger für die Bank. „Das stimmt überhaupt nicht… Natürlich liebte er als Rheinländer den Karneval, aber er hat eben auch erkannt, dass über den Karneval die besten Geschäfte zu machen sind. Im Film wird er fälschlicherweise als kranker Depp dargestellt, aber auch an vielen anderen Punkten geht der Film an der

Realität vorbei.“

Wertung: hervorragend

Netflix

Kein Friede den Toten

von Oriol Paolo – Spanien 2021 – 8 x 60 Min – netflix

Der Jurastudent Mateo Vidal will vor einem Nachtclub einen Streit schlichten und gerät dabei in die körperlichen Auseinandersetzungen. Er bringt versehentlich einen anderen jungen Mann um und wird zu einer Haftstrafe verurteilt. Neun Jahre später hat er sich ein neues Leben aufgebaut. Er ist mit Olivia verheiratet; die beiden erwarten ein Kind. Bei der Suche nach einem neuen Haus holt ihn seine Vergangenheit wieder ein. In unmittelbarer Nachbarschaft wohnen die Eltern des getöteten Jungen. Dessen Vater hat das tragische Ereignis noch nicht überwunden und will die Existenz von Mateo Vidal zerstören

Die junge, selbstbewusste Polizeikommissarin Lorena Ortiz, die den Tod einer Nonne ermittelt, der wie ein Selbstmord aussieht, stößt dabei auf Spuren der Vergangenheit von Mateo und Olivia. Die Handlungsstränge überkreuzen sich und es entsteht ein wirres, aber schlussendlich überzeugendes Bild von Vergangenheit und Gegenwart extrem unterschiedlicher Protagonisten.

Der spanische Thriller-Regisseur Oriol Paolo hat die Romanvorlage des amerikanischen Thriller-Autors Harlan Coben kongenial in Szene gesetzt. Er bewegt sich souverän zwischen den beiden labyrinthischen Handlungssträngen, die sich an einigen Stellen nicht logisch entwickeln, sondern genregemäß den Vorgaben des hochkonzentriert auf Spannung bedachten Drehbuchs folgen. Oriol Paolo ist auch dafür verantwortlich und verfügte auch das richtige Gespür für die Besetzung der ambivalenten Charaktere mit exzellenten, erfahrenen Darstellern. Neben der emotionalen Dichte des Zusammenwirkens dieses Ensembles tragen die abwechslungsreichen, optisch faszinierenden Schauplätze zum Gesamteindruck einer außergewöhnlichen Serie bei, die keiner Fortsetzung bedarf. Das wendungseiche Verwirrspiel ist aufgelöst und beendet.

Wertung: hervorragend

arte

Salamander

von Ward Hulselmans – Belgien 2013 – 12 x 45 Min. – arte

In einem raffinierten Coup erbeuten Räubert aus der Brüsseler Privatbank Jonkhere aus 66 Schließfächern hochsensible private Dokumente. Die Besitzer zählen zu den einflussreichsten Vertretern von Politik, Wirtschaft und Justiz in Belgien. Ihre Erpressung führt reihenweise zu Rücktritten und Selbstmorden. Bankdirektor Raymond Jonkhere setzt alles daran, den Raub zu vertuschen, damit die Informationen nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Als Hauptinspektor Paul Gerardi durch den Hinweis eines Informanten von dem Fall erfährt, beginnt er, auf eigene Faust zu ermitteln. Seine Hartnäckigkeit zahlt sich aus – unter Lebensgefahr kommt er einer komplexen Konspiration auf die Schliche, hinter der die elitäre Organisation „Salamander“ steckt. Seit Jahrzenten lenkt sie die Geschicke des Landes und hütet Geheimnisse, die bis zum Zweiten Weltkrieg und einer Widerstandsgruppe gegen die Deutschen zurückreichen.

Der überzeugend konstruierte und spannend inszenierte Polit-Thriller führt in die feudalen Hinterzimmer einer arroganten politisch-wirtschaftlichen Kaste, die das ganze Land manipuliert und kontrolliert. Rückblenden auf die 1940er Jahre erklären die Zusammenhänge von heute. Recherchen sind nicht erwünscht und werden vertuscht oder

mit legalen und illegalen Mitteln unterdrückt. Protagonist ist der Einzelkämpfer Gerardi, verkörpert durch den belgisch-flämischen Schauspieler Filip Peeters, der mit seiner hochkonzentrierten Leistung eine veritable tour des force hinlegt.

Wertung: sollte man gesehen haben

arte

Bagdad nach dem Sturm

von Alice Troughton – GB 2019 – 6 x 50 Min. - arte

Eine beklemmende und emotional eindrucksvolle Serie über untergegangene Kulturen, zerstörte Städte und zerbrochene Menschen. Bagdad 2003: Die US-amerikanische Invasion und der Sturz von Diktator Saddam Hussein bestimmen das Leben im Irak. Der alleinerziehende Ex-Polizist Muhsin al-Khafaji beginnt als Ermittler für die Briten und US-Amerikaner in der gesperrten Innenstadt zu arbeiten, da ihm die nötige medizinische Versorgung für seine nierenkranke Tochter Mrouj versprochen wird. Parallel sucht er nach Hinweisen auf seine verschollene Tochter Sawsan. Doch das Risiko ist groß: Muhsin, ehemals

ein Inspektor der irakischen Geheimpolizei, ist einer Verschwörung auf der Spur, in die auch eine seiner Töchter verwickelt ist. Bei der Suche nach ihr gerät er in ein Netz von Widerstandsaktionen, politischen Intrigen und kriminellen Machenschaften. Er kommt mehrfach in riskante Konfliktsituationen und hat es dabei nicht nur mit seinen eigenen Leuten und Kollaborateuren, sondern auch mit Kriegsverbrechern und skrupellosen Mitarbeitern der Militärpolizei samt ihren Söldnern zu tun.

Das Geschehen vermittelt sich aus dem Blickwinkel der Iraker – mit viel Sympathie und Selbstironie. Die zentrale Figur des Inspektors bewegt sich zwischen der Arroganz der Amerikaner, dem Überlegenheitsgefühl der Briten, den kriminellen Dschihadisten und dem Idealismus seiner Töchter, die sich von den Amerikanern Freiheit und Demokratie versprachen. In der Alltagsrealität herrschen allerdings Chaos und Willkür.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Night in Paradise

von Park Hoon-jung – Südkorea 2020 – 130 Min. – netflix

Tae-gu ist ein Killer, der für die Gang von Mr. Yang arbeitet. Als er sich um seine kranke Schwester und deren kleine Tochter kümmern will, beendet er sein bisheriges Leben. Doch die Vergangenheit holt ihn ein, da seine beiden Schützlinge Opfer eines Anschlages werden, der eigentlich ihm gegolten hat. Tae-gu startet einen unerbittlichen Rachefeldzug gegen die verfeindete Gang und flüchtet danach auf die Vulkaninsel Jeju. Von dort aus soll es nach Wladiwostok gehen. Doch die Insel bietet alles andere als ein beschauliches Dasein. Er begegnet der jungen, sterbenskranken Jae-Yeon. Sie ist die Nichte eines skrupellosen Waffenhändlers, bei dem Tae-gu Zuflucht und Schutz finden wollte. Beide geraten dann allerdings in die Fortsetzung des Kampfes zwischen den Banden.

Eine Kugelhagen-Ballade wie man sie aus vergleichbaren südkoreanischen Filmen kennt. Es ist erstaunlich, wie oft sich der Held oder die Heldin allein und in zunächst aussichtsloser Position gegen eine Anzahl übermächtigen Gegner behaupten kann. Scheinbar unverwundbar stecken sie alles ein. So auch hier in einem perfekt gestylten und choreografierten, melancholischen Neo-Noir-Thriller mit dem vorhersehbaren Ende. Erwähnenswert ist allerdings das außergewöhnliche Profil der Charaktere sowie der eindrucksvolle visuelle Kontrast zwischen der hektischen, unwirtlichen Großstadt und der reizvollen, beschaulichen Ferieninsel.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Die Schlange

von Tom Shankland - GB 2021 – 8 x 55 Min. – netflix

Die Serie basiert auf wahren Begebenheiten und handelt von dem französischen Serienmörder Charles Sobhraj, genannt die Schlange, der im Südostasien der 1970er Jahre zahlreiche Morde beging. Opfer waren vor allem westliche Touristen, die sich auf dem sogenannten Hippie-Trail befanden. Mithilfe seiner Lebensgefährtin, der Franko-Kanadierin Marie-Andrée Leclerc, und des Inders Ajay lockte er gezielt Rucksacktouristen an, setzte sie unter Drogen, beraubte und tötete sie. Er stahl ihre Pässe und nahm ihre Identität an, um getarnt als Edelsteinhändler oder Drogendealer seinem Machtrausch nachgehen zu können.

Parallel dazu schildert die Serie die Bemühungen des in Bangkok akkreditierten niederländischen Diplomaten Herman Knippenberg und seiner Frau Angela, dem Verbrecher auf die Schliche zu kommen. Von der örtlichen Bürokratie und seinen eigenen Vorgesetzten behindert, kann Knippenberg mit seinen Recherchen jedoch letztendlich dazu beitragen, dass Sobhraj am Ende gefasst wird.

Neben dem schillernden, eiskalten und skrupellosen Sobhraj mit seinem extravaganten Lebensstil ist der junge pflichtbewusste Attaché Knippenberg der eigentliche Protagonist der Serie: ein integrer Botschaftssekretär, der sich hartnäckig und unbeirrt trotz diverser Schwierigkeiten und Rückschläge nicht davon abbringen lässt, den narzistischen Psychopathen aufzuspüren. Dessen wechselnde Identitäten und häufiges Überschreiten der Landesgrenzen zwischen Thailand, Pakistan, Indien und Nepal erschweren die Jagd auf ihn. Mit Hilfe von Interpol kann das Verbrecherpaar 1976 gestellt werden. Aber damit sind die Akten bis heute noch nicht geschlossen.

Die einzelnen Folgen der Serie zeigen keinen chronologischen Ablauf des Geschehens, sondern setzen sich zusammen wie Mosaiksteinchen einer mühsamen, zähen Ermittlungsarbeit oder Ausgrabung. Dem konzentrierten Zuschauer wird trotz mitunter umständlicher Zeitsprünge eine spannende Reise in buntschillernde exotische Städte und Landschaften einer untergegangenen Hippie-und Aussteigerkultur geboten. In Pandemie-Zeiten bietet der rauschhafte, durchgestylte Look eine faszinierende, optisch abwechslungsreiche und abenteuerlich Entspannungs- und Erlebniswelt.

Wertung: kann man sich ansehen

Netflix

Die Bande aus der Baker Street

von Tom Bidwell u.a. – GB 2021 – 8 x 60 Min. – netflix

Oder: „Es waren einmal Fünf Freunde“. Die britische Fernsehserie ist ein Coming-of-Age-Drama als Kinderbandenfilm für Erwachsene. Zur Gang gehören die Londoner Straßenkids Bea, ihre jüngere Schwester Jessie und die beiden Freunde Spike und Billy. Die Teenager kennen sich aus dem Waisenhaus und leben in einem unwirtlichen Kellergewölbe unter einem Pub in einem Problemviertel. Von außen kommt der piekfeine Leopold hinzu. Er ist ein Prinz und der jüngste Sohn der Königin. Er ist wegen seiner Bluterkrankheit im Palast eingesperrt und nutzt eine Chance, unerkannt unter Sherlocks jungen Helfern zu sich selbst finden. Es ist allerdings nicht einfach, sich zu integrieren.

In dem literarischen Kosmos des „Sherlock“-Gesamtwerks tauchten die „schmutzigen kleinen Schurken“ hin und wieder mal als Ermittlungs- und Erfüllungsgehilfen auf. Hier aber sind sie unmittelbar präsent und haben es mit realen und übernatürlichen Gegenspielern zu tun. Ein Riss in der Welt droht alles Sein zu verschlingen. Düstere Mächte beherrschen mehr und mehr die Menschen und ihre Umgebung. Die Gewalt macht sich auf den Straßen breit. Nur das konzentrierte Vorgehen Sherlocks der coolen und furchtlosen kann das verhindern.

Entstanden ist ein Psycho-Horror-Krimi-Mystery-Zombie-Gothic-Grusel-Gemischtwarenangebot. Die Zutaten könnten von Edgar Allen Poe, Bram Stoker, Arthur Conan Doyle und Agatha Christie kommen; am Arrangement waren Alfred Hitchcock, George A. Romero und M. Nigth Shyamalan beteiligt. Ein rasanter und aufschlussreicher Ritt durch Stile und Epochen der Filmgeschichte sozusagen

Die der heutigen Zeit angepasste Musik ist irritierend für einen Film der im viktorianischen London spielt. Dafür treffend in Atmosphäre und Ausstattung. Stilsicher und milieudicht wie “Peaky Blinders“. Das Geschehen ist spannend inszeniert, witzig und fintenreich. Harte Schnitte beschleunigen das Geschehen, bieten allerdings nur eine uninspirierte Gegenüberstellung von Adel und Armut.

Über Holmes wird viel geredet. Er ist ein kaputter Heroin-Junkie mit unangenehmem Auftreten; eine fiktive Figur, die beliebig geformt und deformiert werden kann. In Folge Fünf taucht er erstmals persönlich auf mit einer Rückblende auf einen alten Fall. Danach wird er immer präsenter und dominanter. Doktor Watson ist ein Dandy, elegant und schwarz. Erst am Ende erfährt man, warum er sich bislang so rätselhaft und widersprüchlich verhalten hat.

Die überbordenden visuellen Bilder bleiben nachhaltig in Erinnerung, die einzelnen Charaktere hingegen nicht. Der Gesamteindruck der Serie ist zwiespältig.

Wertung: kann man sich ansehen

Netflix

Wer hat Sara ermordet?

von David Ruiz - Mexiko 2021 – 10 x ca. 40 Min. – netflix

Der zu Unrecht verurteilte Alex wird nach 18 Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Er soll seine Schwester Sara ermordet haben. Erneut gerät er in die Machenschaften der einflussreichen und wohlhabenden Familie Lazcano. Er will nicht nur ihre schmutzigen Geheimnisse aufdecken, sondern auch den Mörder seiner Schwester Sara enttarnen. Alex startet einen gewaltgeladenen Rachefeldzug, um den oder die Schuldigen zu vernichten.

Von Folge zu Folge erweitert sich der Kreis der Verdächtigen bis hin zu einem vielschichtigen Familiendrama. Die Serie erweist sich mit überraschungsarmen Volten und trotz etlicher schöner Bilderbuch-Szenen als Schwachstrom-Krimi auf mittlerem Niveau.

Bei dem illustren Ensemble klischeebeladener Tatverdächtiger ist es am Ende auch egal, wer Sara ermordet hat. Vielleicht war es ja auch der Gärtner, der möglicherweise in der zweiten Staffel auftaucht.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Das Leben ist wie ein Stück Papier

von Can Ulkay - Türkei 2021 - 96 Min. – netflix

Mehmet kommt aus der Gosse und kümmert sich als Erwachsener um die obdachlosen Kinder, die dort leben und aufwachsen. Schauplatz des Geschehens ist der Istanbuler Stadtteil Tarlabasi, ein heruntergekommenes, marodes Viertel mit Menschen unterschiedlicher Herkunft. Gemeinsam ist ihre unwirtliche Lebensrealität, zu der neben der Armut auch die Drogenszene zählt. Einige von ihnen leben von dem Müll aus den besseren Vierteln. Mit Sackkarren ziehen sie durch die Straßen von Cihangir und sammeln alles Verwertbare ein: Papier, Pappe, Flaschen, Altkleider und Essensreste.

Mehmet organisiert den Transport und die Verwertung des Abfalls. Er ist schwerkrank, spart seinen Anteil auf für eine Operation; ein Traum, der sich wohl nicht erfüllen wird. Als er den sechsjährigen Ali in einem großen Müllsack findet, nimmt er sich seiner an. Der Junge ist von zuhause geflohen, sein Stiefvater verprügelt ihn und seine Mutter will ihn davor bewahren. Alis Schicksal erinnert Mehmet an seine eigene Kindheit. Trotz aller Probleme, die mit der Zuwendung zu Ali verbunden sind, lässt sich Mehmet nicht davon abhalten, ihm ein sicheres Dasein zu ermöglichen. Durch den permanenten Medikamentenkonsum geschwächten Körper vermischen sich bei Mehmet zunehmend Realität und Traumwelt, was zu einem tragischen Ausgang der Freundschaft zwischen Mehmet und Ali führt.

Die melodramatische Filmhandlung wird durch hautnahe, stylische Bilder und eine emotional einstimmende Musik kongenial begleitet. Eine harte, kontrastreiche Milieustudie mit anrührenden, märchenhaften Momenten. Und eigentlich auch ein Film für die große Leinwand.

(13./14.03.2021)

Wertung: sollte man gesehen haben

ARD

Beforeigners – Mörderische Zeiten

von Jens Lien – N 2019 - 6 x 45 Min. – ARD

Der Serientitel ist ein Hybrid aus „before“ und „foreigners“, von der ARD treffend mit „Zeitmigranten“ übersetzt. In den aktuellen Diskussionen über Migranten, Integration,

und kulturelle Identität spielt oft die Voreingenommenheit gegenüber Fremden Kulturen eine entscheidende Rolle. Wie ist es aber, wenn die Migranten Teile der eigenen Kultur- und Geschichte sind? Ausgehend von dieser Prämisse entfaltet die Serie einen eigenen, spannenden Reiz. Neben dem emotionalen Handlungsgeschehen besitzt sie eine kognitive Erlebnisqualität, die sie von anderen Krimiserien mit Science-Fiction-Charakter oder Mysterythrillern unterscheidet.

In Norwegen existieren Parallelwelten. Tausende von Menschen aus der Steinzeit und der Wikingerzeit sowie Bürgerliche aus dem 19 Jahrhundert stellen als Einwanderer die Toleranz der Gesellschaft auf eine Belastungsprobe. Sie kommen unter dramatischen Umständen aus dem Meer, werden von helfenden Händen aus dem Wasser gezogen und in Auffanglager gesteckt. Der norwegische Sozialstaat kümmert sich um sie und arbeitet an ihrer Integration. Aber viele von ihnen bringen ihre speziellen Geschichten mit und Gewohnheiten, die sie nicht abstreifen wollen.

Als im Hafen von Oslo die Leiche einer Frau mit steinzeitähnlichen Tätowierungen gefunden wird, erscheint das zunächst als gezielter Angriff auf die Zeitmigranten. Der eigenwillige, introvertierte Kommissar Lars Haaland wird mit dem Fall betraut. Ihm wird als Assistentin Alfhildr Enginnsdottir zugeteilt, die gerade die Polizeischule abgeschlossen hat. Sie gehört zu den Neuankömmlingen, wurde eigentlich im 11. Jahrhundert geboren und hatte dort ein Leben als Schildmaid geführt. Nun ist die erste Polizeimitarbeiterin mit „multitemporalem Hintergrund“. Und in ihrem ersten Fall mit sie mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert, was sie zu unkonventionellen, nicht allgemeinverständlichen Ermittlungsmethoden zwingt. Nicht gelöste Konflikte aus der Geschichte und Rachegelüste erschweren die Routine der Polizeiarbeit ebenso wie alltägliche Probleme mit Cyberattacken und kriminellen Drohneneinsätzen. Ausgangspunkt ist die „Schlacht von Stikklestad“ (1030), die heute als Meilenstein der Einführung des Christentums gilt.

Eine zweite Staffel ist in Vorbereitung und man darf gespannt sein auf einen weiteren schrägen „Culture Clash“ mit dem ungewohnten Cop-Duo Lars und Alfhildr.

Wertung: kann man sich ansehen

Netflix

Red Dot

von Alain Darborg – Schweden 2020 – 86 Min. – netflix

Ein junges Paar, David und Nadja, allein unterwegs in Schnee und Eis zum Nordlicht. Der „Red Dot“, der rote Punkt, der nachts auf der Zeltwand auftaucht, stammt von einem Laservisier und kündet Gefahr an. Der romantische Teil des Kurzurlaubs ist vorbei. Jetzt geht es nur noch ums Überleben. Die Auflösung enttäuscht, da es dafür keine den Zuschauer überzeugende Anhaltspunkte gab. Der Survivalthriller bedient sich aller Klischees des Genres und ist daher nur mäßig unterhaltsam. Wer die Landschaft mag, wird durch die eindrucksvollen Bilder von den Reizen des Nordens entschädigt.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

The English Game

von Julian Fellowes – GB 2020 – 6 x 50 Min - netflix

Die 1880er-Jahre in England. Der Fußball ist noch eine rudimentäre Sportart auf holprigem Rasen, dient dem Freizeitvergnügen der College-Boys und ist Anlass gesellschaftlichen Zusammenseins. Männer unter sich. Parallel dazu entwickelt sich die neue Sportart zu einem kampfbetonten Spiel von Fabrikarbeitern, denen es ein Ausgleich zu den menschenunwürdigen Bedingungen der Arbeit in der Baumwollindustrie ist. Im Mittelpunkt des sich auf authentischen Vorlagen beruhenden Geschehens steht der schottische Spieler Fergus Sutter als Spielführer seines Arbeitervereins Darwen FC, der zum Blackburn FC wechselt, weil ihm fußballbegeisterte Fabrikbesitzer und Clubeigner dafür bezahlen. Das gilt in dem noch reinen Amateurbetrieb als Verrat an den Regeln und dem Selbstverständnis. Sein Gegenspieler Arthur Kinnaird ist Kapitän der Old Etonians, der „First Lord of Football“. Er ist der Sohn eines erfolgreichen Geschäftsmannes und bewegt sich in den Kreisen der höheren Gesellschaft. Arthur ist ein fairer Sportsmann und setzt sich für ein festes Regelwerk des Fußballspiels ein, das sich zunehmender Beliebtheit in allen Teilen Großbritanniens erfreut. Fußball ist für alle da.

Der Fußball wandelt sich vom Sport der Oberschicht zu einem Spiel für die Massen und ist gleichzeitig auch Austragungsfeld des Klassenkampfes. Aus heutiger Sicht sind bei den Anfängen der Entwicklung des modernden Fußballs besonders die Diskussionen und Auseinandersetzungen über die Bezahlung der Spieler besonders interessant und aufschlussreich.

„The English Game“ ist eine sehr, sehr englische Serie; kreiert von Julian Fellowes (u.a. „Gosford Park“ und „Downton Abbey“). In der Zeichnung des Milieus und der Charaktere daher stimmig und überaus unterhaltsam. In den inszenierten Szenen auf dem Platz ist - wie in vergleichbaren Filmen - noch Luft nach oben. Aber darauf kommt es hier auch nicht an.

Wertung: kann man sich ansehen

Sky

Wonder Woman 1984

von Patty Jenkins – USA 2020 – 152 Min. – Sky Cinema

Genaue Vorkenntnisse über die Superheldin Wonder Woman, der Amazonenprinzessin Diana Prince, sind die Voraussetzung dafür, ins DC Extended Universe einzusteigen. Diesmal rettet sie anfangs einzelne Menschen aus gefährlichen Situationen und schließlich die ganze Welt vor der Verschwörung der Bösen. Die Aneinanderreihung diverser Actionszenen, die überbordenden Spezial Effects sowie die verwirrenden wechselnden Identitäten der Protagonisten erschweren die Konzentration auf den Kern und die Hintergründe des Geschehens. Einziger Lichtblick – im wahrsten Sinne des Wortes – ist die bonbonfarbene Rekonstruktion der Lebenswelt der 1980er Jahre. Das kann nur das Kino!

Wertung: hervorragend

Netflix

Neues aus der Welt

von Paul Greengrass – USA 2020 - 119 Min. - netflix

Vor 150 Jahren tingelte Captain Jefferson Kyle Kidd, ein Veteran der Konföderierten, als „Nachrichtenmann“ mit Pferd, Wagen und einem Packen aktueller Zeitungen von einem Kaff zum nächsten durch Texas. Der Sezessionskrieg ist seit fünf Jahren beendet, doch in den Köpfen der Männer ist er längst noch nicht vorüber. Entsprechend auch die Kommentare und Reaktionen auf die Zeitungsshow mit den Nachrichten von nah und fern. Vorurteile und Rassismus geben den Ton an; „Texas zuerst:“

Kidds Weg kreuzt sich mit dem eines zehnjährigen Mädchens, ein flachsblondes Mädchen in Squawkleidern. Das Waisenkind gehört zu einer deutschstämmigen Siedlerfamilie, wurde aber vor etlichen Jahren von dem Indianerstamm Kiowa entführt, nennt sich Cicadia und spricht nur deren Sprache. Ihre indianische Ziehfamilie wurde von Weißen umgebracht und nun ist sie völlig auf sich allein gestellt. Kidd will das traumatisierte Kind zu ihrer Familie zurückbringen. Was folgt ist ein atemberaubendes Roadmovie über 400 Meilen durch ein gefährliches Gebiet mit allen Ingredienzien des Western-Genres inclusive Lagerfeuerromantik, Verfolgungsjagden, Überfällen und Schießereien inmitten einer grandios gefilmten Landschaft. Kidd und Zikade brauchen einander und es entwickelt sich so etwas wie eine melodramatische Liebesgeschichte mit Happy End.

Allein das emotionsgeladene, intensive Zusammenspiel der beiden Protagonisten Tom Hanks und Helena Zengel macht diesen Film zu einem Erlebnis der besonderen Art. Dies wird besonders deutlich in der Sequenz, in der sie sich gegenseitig Sprachunterricht erteilen. Die Berlinerin wurde von der Kritik allseits gelobt und auch mit Auszeichnungen bedacht. In deutschen Medien wird sie schon jetzt als kommender Hollywood-Star hochgejazzt. Doch damit tut man ihr wohl keinen Gefallen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Capitani

von Thierry Faber – Luxemburg 2019 -12 x 30 Min. – netflix

In dem (fiktiven) Ort Manscheid wird im Wald die Leiche der15-jährigen Jenny Engel gefunden. Daraufhin wird Inspektor Luc Capitani in die Region entsandt, um den mysteriösen Mordfall zu untersuchen. Unterstützt wird er bei seinen Ermittlungen von der jungen ortsansässigen Polizistin Elsa Ley. Der schroffe, energische Capitani hat Schwierigkeiten im Umgang mit ihr und der Mentalität der Dorfbewohner. Während der Ermittlungen dringen die beiden immer weiter in ein kompliziertes Netz aus Intrigen ein, in welchem nichts so ist, wie es scheint. Und sehr schnell zeichnet sich das Bild ab, dass die Dorfbewohner mehr wissen, als sie zugeben. Das trifft auch auf Jennys Zwillingsschwester und andere Familienangehörige zu. Capitani muss nicht nur den Mordfall aufklären, sondern zuvor auch die Denkweise von jedem einzelnen Bewohner nachvollziehen und ein System aufbrechen, in dem viele Menschen für das Gemeinwohl manipuliert werden. Die Liste der verdächtigen Personen reicht vom Bürgermeister bis hin zum Dorftrottel. Und dann stellt sich auch heraus, dass es Capitani nicht zufällig nach Manscheid verschlagen hat. Die Hotelchefin ist eine Bekannte aus früheren Zeiten und beide sind in ein ungeklärtes Verbrechen verwickelt.

Eine überzeugend konstruierte Story mit immer neuen Überraschungen, deren Auflösung leider enttäuscht. Dafür ein Ensemble eigenwilliger Charaktere und eine merkwürdig beklemmende Atmosphäre. Die erste Staffel war so erfolgreich, dass nicht nur die Luxemburger sich eine Fortsetzung wünschten. Die besten Voraussetzungen sind gegeben, da das Potential des Personals noch nicht verbraucht ist.

Wertung: kann man sich ansehen

Netflix

Unsichtbare Stadt

von Carlos Salhanha – Brasilien 2020 – 7 x 40 Min. – netflix

Im Mittelpunkt der Handlung steht der Polizist und Umweltschützer Eric. Seine Ehefrau Gabriela ist Anthropologin und setzt sich dafür ein, das der Wald um den Ort Toré ein Reservat wird. Doch Bodenspekulanten wollen das mit allen Mitteln verhindern und die Dorfbewohner vertreiben. Bei einer ihrer Feiern bricht plötzlich ein gewaltiges Feuer aus, Bei dem Versuch, ihre Tochter Luna vor den Flammen zu retten, kommt Gabriela um, das Mädchen bleibt unversehrt. Eric möchte die Umstände ihres Todes genauer ermitteln, wird jedoch von seinem Chef daran gehindert. Er recherchiert auf eigene Faust die Hintergründe und stößt dabei auf mythische Wesen die sich zwischen einem Dasein als Mensch und als Tier hin und her bewegen können. Eric muss sich den Herausforderungen stellen und gerät dabei in lebensgefährliche Situationen. Er erkennt, dass seine Tochter Luna dabei eine wesentliche Rolle spielt.

Die Mystery-Serie mit hochkarätigen Schauwerten erzählt zwei übereinander geschichtete Geschehen, wobei im Grunde genommen nichts erklärt, sondern nur behauptet wird. Optisch reizvoll das Ensemble mit der Natur verbundener Figuren und das Ambiente aus Erde und Wasser, Feuer und Luft. Hier nicht nur als bildgewaltige Kulisse, sondern als eigenwillige Handlungselemente.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Bajocero

von Lluis Quilez – Spanien 2020 – 106 Min. – netflix

Ein Gefangenentransport im Winter bei Nacht und Nebel in einsamer Landschaft. An Bord sehr unterschiedliche Charaktere; angefangen von Leicht- und Schwerkriminellen und endend mit korrupten Politikern. Ein hochexplosives Gemisch gewaltbereiter Männer. Der kleinste Funken kann jederzeit eine Katastrophe auslösen. Der Transporter wird überfallen, da einer der Insassen befreit werden soll. Aber nicht um ihn zu retten, sondern ihn als Racheakt umzubringen.

Die einen wollen raus und andere wollen rein; beide Wege sind versperrt. Zwischen allen Fronten dann der Fahrer, der ganz auf sich allein gestellt ist und in entscheidenden Situationen einen klaren Kopf bewahrt. Daraus entsteht eine atmosphärische Spannung, die mit „Lohn der Angst“ und „Con Air“ vergleichbar ist und überraschende Auflösungs-Variationen bietet. Die Handlung folgt dabei nicht den Gesetzen der Logik, sondern denen des Genres. Trotz aller Kritik daran ein Thriller zum Wachwerden.

Wertung: kann man sich ansehen

Netflix

50 qm

von Selcuk Aydemir und Burak Aksak – Türkei 2021 – 8 x 50 Min. – netflix

Gölge ist ein Auftragskiller des allmächtigen Servet Nadir. Als es zu einem Bruch zwischen den beiden kommt, flüchtet er in eine 50 qm große Schneiderei, die im Viertel Güzelce in Istanbul liegt. Er erinnert sich nicht an seine Herkunft und Kindheit; nur Servet kennt das Geheimnis. In Güzelce vermuten seine neuen Nachbarn, dass er Adem, der Sohn des kürzlich verstorbenen Schneiders Adil ist. Gölge entschließt sich, die Identität von Adem anzunehmen und sich zu integrieren. Er will ein neues Leben beginnen. Doch den Schatten seiner Vergangenheit kann er nicht entfliehen. Als Spekulanten die Häuser des Viertels abreißen wollen ist es Adem, der das verhindern will und sich dabei mit ihnen anlegt. Diese scheuen vor kriminellen Machenschaften nicht zurück und setzen Auftragskiller ein, um ihr Ziel zu erreichen. Adem, immer noch auf der Suche nach seiner wahren Identität, muss sich an mehreren Fronten bewähren. Einerseits sind es die Männer, die ihn töten wollen; andererseits sind es die misstrauischen Nachbarn, die seine Absichten nicht durchschauen. In den ersten Folgen der Serie werden die Bewohner des Viertels und deren Lebensrealität anschaulich präsentiert. Darunter befinden sich originelle und skurrile Typen aber auch tragische Existenzen. Die Handlung folgt keinem bestimmten Genre-Schema. Den klassischen Thriller-Elementen wird eine ordentliche Portion schwarzer Humor hinzugefügt. Die Charakteristik des Helden Adem ist zu perfekt, um glaubhaft zu sein. Die letzte Folge endet mit einem Cliffhanger, doch der Vorrat an Interesse an dem weiteren Geschehen ist verbraucht.

Wertung: hervorragend

Netflix

Der weiße Tiger

von Ramin Bahrani – Indien/USA 2021 – 125 Min.- netflix

Der Film erzählt von dem rasanten Aufstieg des indischen Dorfjungen Balram Halwai, der seinen „Weg aus der Finsternis ins Licht“ aus dem Off sarkastisch kommentiert. Er stammt aus dem Ort Bihar im Hinterland Indiens und wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Seine Familie gehört zu den untersten Kasten. Als er in der Schule von dem „weißen Tiger“ erfährt, den es in jeder Generation nur einmal gibt, beschließt er, aus dem „Hühnerkäfig der Armut“ seines Standes auszubrechen und sich hochzuarbeiten: entweder als Politiker oder Verbrecher. Mit Geschick lässt er sich von einer neureichen Tycoon-Familie als Fahrer anheuern und lernt schnell die Wege zur Welt der Reichen und Schönen. Loyalität und Gehorsam sind nicht länger gefragt, sondern Lug, Betrug, Korruption und Skrupellosigkeit. Im wahrsten Sinne des Wortes „geht er dabei auch über Leichen“. Empathie ist Schwäche. Am Ende der hintersinnigen Erfolgsstory ist er ein snobistischer Besitzer eines florierenden Taxiunternehmens ins Bangalore. Als der chinesische Ministerpräsident auf Staatsbesuch in seiner Stadt eintrifft, schmeißt er sich an ihn ran. Wirtschaftskontakte zu China sind das nächste Ziel.

Der Film ist eine Adaption des gleichnamigen Schelmenromans von Aravind Adiga, der 2008 mit dem britischen Brooker Prize ausgezeichnet wurde. Die Strukturen und Mechanismen der auf Unterdrückung basierenden traditionellen indischen Klassengesellschaft werden in Buch und Film mit bitterer Ironie und einem Schuss Zynismus genüsslich zelebriert und seziert. Neben den tausenden Kasten existiert auch der Raubtierkapitalismus einer Zweiklassengesellschaft aus Herren und Dienern, Reichen und den Armen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Die Ausgrabung

von Simon Stone – GB 2021 – 112 Min. – netflix

Auf dem Anwesen der vermögenden Witwe Edith Pretty in der Grafschaft Suffolk an der englischen Ostküste fand 1939 der Amateurarchäologe und Astronom Basil John Wait Brown (1888 – 1977) ein angelsächsisches Schiffsgrab aus dem 7. Jahrhundert. Ein ganzes Schiff, das als Grabkammer eines Herrschers mit Rüstungen und Schmuck vergraben wurde. Die Ausgrabung gilt heute als eine der bedeutendsten archäologischen Entdeckungen aller Zeiten. Seinerzeit – inmitten des Kriegsbeginns zwischen den Briten und den Deutschen – erhoben gleich mehrere staatliche Institutionen den Anspruch auf die kostbaren Grabbeigaben. Das für die Insel typisch britische Wetter erschwerten die Arbeiten ebenso wie die düsteren Schatten des Luftkrieges, der eine Atmosphäre allgemeiner Verunsicherung hervorruft und die Ausgrabungen gefährdet.

In der Erde zu buddeln kann spannend sein – wie hier in dem bittersüßen britischen Melodram mit einem herausragenden Ralph Finnes, der mit Haltung und Aussehen einen Gentleman verkörpert, der sich in erster Linie seiner Arbeit verpflichtet sieht und alle Widrigkeiten überwindet. Er handelt vergangenheitsbewusst und zukunftsorientiert. Die einzigartige Carey Mulligan spielt die zerbrechliche, doch selbstbewusste Lady Pretty mit faszinierender Eleganz und Charme. Einen hohen Anteil am ästhetischen Genuss des Films sind die majestätischen Landschaftsbilder der Kamera von Mike Eley (u.a. „Jane Eyre“). Es sind Stills zum Niederknien und Einrahmen.

Wertung: kann man sich ansehen

Netflix

Lupin

von Louis Leterrier – F 2020 – 5 x 50 Min. – netflix

Omar Sy, einer der „ziemlich besten Freunde“, spielt Assane Diop, der unter dem Namen „Lupin“ seinen Vater rächen will. 25 Jahre zuvor war dieser eines Verbrechens beschuldigt worden, das er nach Ansicht seines Sohnes nicht begangen hat. Er wurde verdächtigt, bei seinem Arbeitgeber Pellegrini das Collier der Königin Marie-Antoinette gestohlen zu haben. Kurz nach seiner Verhaftung stirbt er im Gefängnis. Als Jahre später der Schmuck wieder auftaucht und bei einer Auktion im Louvre versteigert werden soll, schlüpft Diop in die Rolle des Meisterdiebs, stiehlt die wertvolle Halskette und startet seinen Rachefeldzug gegen die Familie Pellegrini, die in der französischen Gesellschaft eine führende Rolle einnimmt. Parallel dazu kommt ihm ein Polizist, ein Kenner der Bücher Maurice Leblancs, auf die Spur, doch seine Kollegen schenken seinen Lupin-Theorien keinen Glauben.

Was wie ein intelligenter, optisch beeindruckender französischer Krimi in bester Tradition beginnt, mündet ab Folge 2 in ein ideenarmes „ein Mann sieht rot“–Schema. Schade, denn die Besetzung der Rolle des Gentleman-Diebs Arsène Lupin mit Omar Sy hätte die legendären Figur um neue und außergewöhnliche Facetten bereichern können. Immerhin bietet die Serie einen Kurzurlaub in Paris an, was in den Corona-Zeiten eine Bereicherung darstellt: z.B. ein ausführlicher Aufenthalt in Louvre und eine Fahrrad-Verfolgungsjagd im Jardin du Luxembourg. Danke.

(Januar 2021)

arte

Mystery Road. Verschwunden im Outback

von Rachel Perkins u.a. – Australien 2018 /2020 – Staffel 1 und 2 mit jeweils sechs Folgen a’ 50 Min.- arte

Es gibt Serien, die ohne ihren Schauplatz und das dazugehörige Ambiente nicht denkbar sind. „NYPD“ zum Beispiel. Da denkt man sofort an die Straßen von Manhattan, an die Gesetze der multikulturellen Großstadt und auf Aufeinandertreffen von Cops und Verbrechern, an Rassenhass und Gang-Kämpfe. Oder „Mord in Mittsommer“, deren Handlung ohne die Besonderheiten der Fährverbindungen von Sandhamn aus, der äußeren Schäreninsel Sandön östlich von Stockholm, nicht denkbar wäre.

In diese Serie spielt die Weite des Landes, die endlos langen Wege durch unwirtliche Landschaften, die verstreuten, dünn besiedelten Wohnsiedlungen, die Abgeschiedenheit der Leute, deren Wortkargheit und das Misstrauen gegenüber Fremden eine bedeutende Rolle.

Protagonist der Serie ist der indigene Detective Jay Swan. Aus der Großstadt kommend soll er gemeinsam mit der weißen Polizeichefin Emma James in Patterson, einer abgelegenen Kleinstadt im Nordwesten Australiens, das Verschwinden zweier Arbeiter auf einer Viehzuchtstation aufklären. Was zunächst wie ein Routinefall aussieht, entpuppt sich als ein undurchdringliches Geflecht aus Familienzwist, Drogenhandelt und Pädophilie. Und das alles vor dem Hintergrund von Wirtschaftskriminalität um Wassermangel. Für zusätzlichen Konflikte sorgen die ständigen Auseinandersetzungen mit den Vertretern der Aborigines-Gemeindevertretung. Trotz diverser Spannungen gelingt es Swan und James, den Fall aufzuklären; mit einer nicht erwartenden Auflösung.

Spannend auch die Beziehung zwischen dem unbequemen, wortkargen Jay Swan und der eigenwilligen, sarkastischen Emma James, deren spröder Charakter im Verlaufe des Geschehens mehr und mehr in den Mittelpunkt der Handlung gerät und zum eigentlichen Star einer emotional fesselnden Miniserie mit grandiosen Darstellern in einem atemberaubenden Ambiente.

Erwähnenswert noch sind zwei Nebenfiguren: Mary Swan, die geschiedene Frau, und Crystal Swan, ihre gemeinsame, heranwachsende Tochter. Das Gefüge zwischen den Dreien verleiht dem elliptisch konstruierten Spannungsbogen einen eigenwilligen Reiz, denn Jay ist ein schroffer Lonesome-Detective, ein Held wie aus einem Italo-Western, dem der Job immer wichtige war als seine Rolle als Ehemann und Vater.

Die zweite Staffel führt Swan wiederum in eine abgelegene Kleinstadt; diesmal nach Gideon, eine Kleinstadt im äußersten Nordwesten Australiens, wo eine kopflose Leiche gefunden wurde. Swan vermutet, dass der Mord auf das Konto der Drogenkartelle geht, gegen die er ermittelt. Im Ort herrscht eine Krisenstimmung. Die schwedische Archäologin Sandra Elmquist führt dort Ausgrabungen durch, gegen die die Aborigine ein Protestcamp errichtet haben. Fran Davis, die Polizistin des Ortes, soll Jay bei seinen Recherchen unterstützen. Als Die Archäologin eine Tasche mit menschlichen Knochen entdeckt legt sie diese vor einer Kirche ab, da der Fund das Ende ihrer Arbeit bedeuten könnte. Fran vermutet, dass es sich bei der Toten um ihre seit Jahren verschwundene Freundin Zoe handeln könnte.

Swan geht währenddessen gegen das örtliche Transportunternehmen und deren Betreiber vor. Unter der Deckung des örtlichen Polizeichefs hat dort die Drogenmafia eine Zentrale errichtet. Einer der Beteiligten hat ausgerechnet ein Verhältnis zu Swans geschiedener Frau Mary, die dort lebt und ein neues Leben beginnen will.

Alles hat mit allem zu tun. Es ist nicht einfach für Swan, da er von allen Seiten bedrängt und behindert wird. Fran Davis erweist sich dabei als eine zuverlässige Partnerin, auch wenn sie anfangs mit dem unbequemen, wortkargen Swan ihre Probleme hatte. Dessen doppelte Identität als Polizist und Aborigine führt immer wieder zu Spannungen zwischen den Einheimischen und den außenstehenden Farmern.

Der australische Schauspieler Aaron Pedersen ist die ideale Besetzung des Protagonisten der Mystery Road-Serie. Zuvor hatte er diesen Charakter bereits 2013 in dem gleichnamigen Spielfilm verkörpert. Im Part 1 hat eine gleichgewichtige Partnerin/Gegenspielerin Judy Davis, eine der vielseitigsten Schauspielerinnen des Landes. Sie wurde mehrfach mit nationalen und internationalen Preisen und Auszeichnungen bedacht.

In Part 2 gibt es ein überraschendes Wiedersehen mit der Schwedin Sofia Helin, die in der TV-Krimiserie „Die Brücke – Transit in den Tod“ die Hauptrolle einer Kommissarin mit autistischen Zügen spiele. Eine Rolle, die nachhaltig in Erinnerung ist. Hier spielt sie die Archäologin, die sich gegen viele Widerstände erfolgreich behaupten muss. In einer Sequenz sieht man sie sogar unbeschwert lachen.