Porträt Horst Schäfer
Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Das Wunder

von Sebastian Lelio – USA/GB/IR 2022 – 103 Min. – netflix

Ort des Geschehens sind die irischen Midlands im Jahr 1862; eine von Armut und religiösem Fanatismus geprägte Region. Die 11-jäjhrige Anna O’Donnell hat seit vier Monaten keine Nahrung mehr zu sich genommen, scheint aber munter und bei guter Gesundheit zu sein. Die resolute englische Krankenschwester Elizabeth soll das Mädchen zwei Wochen lang Tag und Nacht überwachen. Schwester Michael, eine Nonne, unterstützt sie dabei. Die Ergebnisse sollen sie einer lokalen Kommission vorlegen. Diese ist daran interessiert, sich ein „Wunder“ bestätigen zu lassen, um weiterhin Pilger anzulocken. Elizabeth gelingt es, ein Täuschungsmanöver von Annas Mutter aufzudecken und untersagt der Familie jeglichen Kontakt zu dem Mädchen. Die Ereignisse nehmen einen tragischen Verlauf, infolgedessen Anna stirbt. Doch die Legende um das sogenannte „Fastenmädchen“ ist damit nicht beendet, sondern verfestigt sich.

Vorlage des Films ist der Roman der irischstämmigen kanadischen Autorin Emma Donoghue, der auf überlieferte Ereignisse um die sogenannten „Fastenmädchen“ aus den letzten Jahrhunderten beruht. Der psychologische Thriller wurde zu einem Bestseller und – wie später auch die Verfilmung - mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Neben den überragenden Leistungen der Darsteller in Haupt- und Nebenrollen tragen Design und Kamera zu einer optischen Gesamtkonzeption bei: Die Weite und Schönheit der irischen Landschaft werden kontrastiert mit der Enge und Dunkelheit der Hütten und Räumlichkeiten mit eindrucksvollen Licht- und Schatteneffekten. Ein besonderer Clou ist der Rahmen der Handlung. Die erste Einstellung zeigt das Aufnahmeatelier in der Totalen. Die Kamera führt dann mit einem Schwenk in das Innere eines Hauses und leitet so die erste Szene ein. Und am Ende des Films geht die Kamera dann von der letzten Einstellung aus wieder zurück in den Großraum des Ateliers. Eine Art Brecht’scher Verfremdungseffekt verdeutlicht, dass es sich hier um ein fiktives Historiendrama und keineswegs um die dokumentarische Rekonstruktion von Authentizität handelt.