Porträt Horst Schäfer

Kinotipps 2022

23 Besprechungen aus dem Jahr 2022.

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Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Schlafende Hunde

von Christoph Darnstädt – D 2023 – 6 x 50 Min. – netflix

Der Ex-Polizist Mike Atlas, der nach einem Nervenzusammenbruch als Obdachloser in einem abgelegenen Wohnwagen auf der Straße wohnt, wird von einem Clan-Mitglied überfallen und zusammengeschlagen. Dieser gibt Atlas die Schuld am Suizid des Bruders, den Atlas durch eine Zeugenaussage im Zusammenhang mit dem Mord an einem Richter ins Gefängnis gebracht hat. Atlas kann sich an die Ereignisse, die damals zur Verhaftung geführt haben nicht erinnern und beginnt, erneut Recherchen in dem Fall zu unternehmen. Gleichzeitig bekommt die beruflich noch unerfahreneAssessorin der Staatsanwältin, Jule Andergast, den Auftrag eben diesen Selbstmord zu untersuchen und stößt dabei ebenfalls auf Ungereimtheiten. Nach und nach finden beide unabhängig voneinander heraus, dass das Clan-Mitglied unschuldig im Gefängnis saß, Es verdichten sich die Hinweise, das Atlas und seine damaligen Kollegen in den Fall involviert waren. Das weitere Geschehen führt in einen Irrgarten mit diversen Spuren, die bis nach Russland zu reichen scheinen.

„Schlafende Hunde“ sollte man besser nicht wecken. Die nach der israelischen Vorlage „The Exchange Principle“ produzierte Serie folgt den Mustern des klassischen Krimis und konzentriert sich dabei auf die Vermeidung der üblichen Polizisten-Klischees zugunsten vielschichtiger, desillusionierter Charaktere mit individuellen Erfahrungen und Motivationen. Korruption in Polizei- und Justizkreisen spielen in der präzisen Narration eine gleichwertige Rolle wie Clankriminalität und Terrorismus. Die Entwicklung der Protagonisten ist dabei ebenso spannend wie die eigentlichen Handlungsstränge. Die Auflösung ist nicht nur überraschend, sondern auch emotional wirkungsvoll erzählt. Hervorzuheben ist die überragende Darstellung von Max Riemelt als nicht nur als äußerlich verwahrloster, sondern auch innerlich total aus der Spur geratener Ex-Cop.

Wertung: hervorragend

Paramount+

The Offer

von Adam Arkin u.a. - USA 2022 – 10 x 60 Min. – Paramount+

Eine atemberaubende Serie über die Produktion des Mafia-Epos “Der Pate” (1972). Hollywood über Hollywood vom Feinsten. Das Drehbuch entstand nach den Erinnerungen des Produzenten Albert S. Ruddy, der auch im Focus der Handlung steht. Robert Evans, der Produktionschef von Paramount-Studios, verschaffte dem noch unerfahrenen Ruddy die Chance, Maria Puzos Bestseller „Der Pate“ zu verfilmen. Dessen Roman ist in den italienisch-amerikanischen Mafia-Kreisen nicht gerade beliebt, und so ist es auch nicht verwunderlich, dass die Verfilmung verhindert werden sollte. Mit allen Mitteln, notfalls auch mit Gewalt. Wortführer der Widersachen war Frank Sinatra.

Wie es dennoch dazu kam, schildert „The Offer“ in spannungsgeladenen Folgen. Dabei spielen der Autor Mario Puzo, der Regisseur Coppola und der Studio-Chef Evans weitere zentrale Rollen. Mit taktischem Vorgehen schaffen sie es, aus dem Gegenspieler, dem Gangsterboss Joe Colombo, einen Freund und Förderer des Projektes zu machen. Aufschlussreich sind auch die emotional geladenen Wortgefechte um die Besetzung der Hauptrollen, die diversen Budgetprobleme mit den Geldgebern sowie die Auseinandersetzungen der Crew am Set.

Ein realistisch anmutender Blick hinter die Kulissen der Traumfabrik Hollywood, dem vor allen den Männern gilt. Einige Charaktere wirken überzeugend, vor allem Ruddy (Miles Teller) und Colombo (Giovanni Ribisi); während andere wie beispielsweise Evans (Matthew Goode) gängige Klischees bedienen. Als einzige Frau, deren Part im Verlaufe des Geschehens immer wichtiger wird, kann sich Bettye McCartt (Juno Temple) in dieser Männer-Domäne durchsetzen. Sie spielt eine selbstbewusste, risikofreudige Sekretärin, die bei zunehmenden Schwierigkeiten und Problemen immer mehr zur entscheidenden Chefin wird. Besonders erwähnenswert ist noch das Duo Patrick Gallo und Dan Fogler als Puzo und Coppola, deren kongeniales Zusammenspiel an die unvergesslichen klassischen Parts von Walter Matthau und Jack Lemmon erinnert.

Wertung: hervorragend

Netflix

Guillermo del Toros Pinocchio

von Guillermo del Toro und Mark Gustafson – USA u.a. 2022 – 114 Min. – netflix

Das der Name des Kultregisseurs im Titel auftaucht ist hier gerechtfertigt. Die Stop-Motion-Animation des bereits mehrfach verfilmten Klassikers der Weltliteratur von Carlo Collodi ist seit über 15 Jahren ein persönliches Projekt des Mexikaners. Die Geschichte der Holzpuppe, die zum Leben erwacht und ein richtiger Junge werden will, wurde ins faschistische Italiens der 1930er-Jahre verlegt. Das ist der passende zeitgeschichtliche Rahmen für Pinocchio, der nicht brav ist, sondern Unheil anrichtet und gemeine Streiche spielt. Sozusagen ein kleines Monster mir komplexer Persönlichkeit. Die leinwandfüllende, visuell atemberaubende Adaption wendet sich nachvollziehbar gegen eine traditionelle Kinderbuchbetulichkeit und wurde international mit Preisen und Auszeichnungen bedacht.

Del Toro: „Ich wollte eine Welt zeigen in der sich Menschen wie Marionetten verhalten – und in der es ausgerechnet eine Holzfigur ist, die Ungehorsam zeigt und sich für die Menschlichkeit entscheidet.“ Und genau das ist ihm hervorragend gelungen!

(01.12.20229

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Troll

von Roar Uthaug - Norwegen 2022 – 101 Min. –netflix

Ein Troll ist kein kleiner, amüsanter Kobold, sondern ein gigantisches, steinernes Wesen. Wir kennen ihn und seine Vorgeschichte aus den nordischen Sagen. Und nun wird er nach „King Kong“ und „Godzilla“ zum Star eines Monsterfilms, dessen Handlung schnell erzählt ist.

Bei Sprengarbeiten für einen umstrittenen Eisenbahntunnel in den Bergen im norwegischen Hinterland erwacht der steinerne Riese und verlässt das Gebirge. Dabei hinterlässt er eine Spur der Verwüstung, was die Sicherheitsorgane Norwegens mobilisiert. Er macht sich auf den Weg nach Oslo, was das Militär mit allen Kräften verhindern will. Das Monster muss vernichtet werden. Eine junge Wissenschaftlerin, deren Vater sich sein Leben lang mit nordischer Mythologie und der Historie der Trolle beschäftigt hatte, versucht den Einsatz atomarer Waffen abzuwenden. Ihr gelingt es mit Hilfe fachkundiger Kräfte die Vernichtung der Stadt zu verhindern und den Troll zur Rückkehr in die Berge zu bewegen. Doch der Tag bricht an und die Sonnenstrahlen lassen den Troll versteinern. Ganz am Ende des Films, im Nachspann, deutet sich eine Fortsetzung mit weiteren Troll-Storys an: die heimische Folklore und die grandiosen Landschaften bieten ausreichenden Stoff für leinwandfüllende Schauwerte.

Es gehört zur Genese der Fantasyfilme, dass alles, was fremd ist als bedrohlich empfindet wird und bekämpft oder gar vernichtet werden muss. Auch wenn es sich hier in der nordischen Variante um eine Kreatur aus der wunderschönen, wilden und zerklüfteten Landschaft handelt, folgt die Handlung den Gesetzen des Genres. Dafür überzeugt das Fantasy-Spektakel durch eine hervorragende, souveräne Darsteller-Crew und perfekte Action-Effekte.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Das Wunder

von Sebastian Lelio – USA/GB/IR 2022 – 103 Min. – netflix

Ort des Geschehens sind die irischen Midlands im Jahr 1862; eine von Armut und religiösem Fanatismus geprägte Region. Die 11-jäjhrige Anna O’Donnell hat seit vier Monaten keine Nahrung mehr zu sich genommen, scheint aber munter und bei guter Gesundheit zu sein. Die resolute englische Krankenschwester Elizabeth soll das Mädchen zwei Wochen lang Tag und Nacht überwachen. Schwester Michael, eine Nonne, unterstützt sie dabei. Die Ergebnisse sollen sie einer lokalen Kommission vorlegen. Diese ist daran interessiert, sich ein „Wunder“ bestätigen zu lassen, um weiterhin Pilger anzulocken. Elizabeth gelingt es, ein Täuschungsmanöver von Annas Mutter aufzudecken und untersagt der Familie jeglichen Kontakt zu dem Mädchen. Die Ereignisse nehmen einen tragischen Verlauf, infolgedessen Anna stirbt. Doch die Legende um das sogenannte „Fastenmädchen“ ist damit nicht beendet, sondern verfestigt sich.

Vorlage des Films ist der Roman der irischstämmigen kanadischen Autorin Emma Donoghue, der auf überlieferte Ereignisse um die sogenannten „Fastenmädchen“ aus den letzten Jahrhunderten beruht. Der psychologische Thriller wurde zu einem Bestseller und – wie später auch die Verfilmung - mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Neben den überragenden Leistungen der Darsteller in Haupt- und Nebenrollen tragen Design und Kamera zu einer optischen Gesamtkonzeption bei: Die Weite und Schönheit der irischen Landschaft werden kontrastiert mit der Enge und Dunkelheit der Hütten und Räumlichkeiten mit eindrucksvollen Licht- und Schatteneffekten. Ein besonderer Clou ist der Rahmen der Handlung. Die erste Einstellung zeigt das Aufnahmeatelier in der Totalen. Die Kamera führt dann mit einem Schwenk in das Innere eines Hauses und leitet so die erste Szene ein. Und am Ende des Films geht die Kamera dann von der letzten Einstellung aus wieder zurück in den Großraum des Ateliers. Eine Art Brecht’scher Verfremdungseffekt verdeutlicht, dass es sich hier um ein fiktives Historiendrama und keineswegs um die dokumentarische Rekonstruktion von Authentizität handelt.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Cabinet of Curiosities

von Guillermo del Toro – USA 2022 – 8 x ca. 60 Min. – Netflix

Die Horror- Anthologie-Serie präsentiert die Sammlung der höchstpersönlich eingeleiteten Geschichten des Meisters des Fantastischen und Oscar-Preisträgers („Pans Labyrinth“). Einige Folgen wurden auch von del Toro geschrieben, andere beruhen auf Kurzgeschichten: Bilder aus den unheimlichen Gefilden der Schattenlichter, u.a. von Robert Louis Stevenson, H. P. Lovecraft und Michal Shea.

In „Los 36“ geht es um ein Lager, in dem ein Kriegsveteran nach abgelaufener Zeit auf merkwürdige Gegenstände stößt, die er einem Händler, der sich auf schwarze Magie versteht, anbietet. Bei der Untersuchung wird ein Dämon freigelegt, der einen neuen Wirtskörper sucht. „Das Äußere“ handelt von einer unscheinbaren Frau, die so schön und attraktiv wie ihre aufgebrezelten Kolleginnen sein möchte und eine Lotion benutzt, die sie völlig verunstaltet. „Pickmans Modell“ zeigt einen Maler, der Monster malt, die sich aus seinen Gemälden befreien und in die Realität eindringen. „Träume im Hexenhaus“ ist reines Geisterbahnkino, ebenso wie „Die Besichtigung“; beide verlaufen vorhersehbar und ohne großen Spannungsbogen.

Einige Filme wie „Friedhofsratten“ (Mitarbeiter eines Leichenschauhauses graben nachts die Beerdigten aus und such nach Wertgegenständen) sind ‚rattenscharf’, makaber und witzig, andere hingegen überraschungsarm und langweilig wie z.B. „Das Rauschen“. Sehenswert vor allem ist das Solo von F. Murray Abraham als älterer forensischer Pathologe, der den mysteriösen Tod von zehn Bergarbeitern untersuchen soll. „Die Autopsie“ ist eine böse und blutige Episode mit einem furiosen Finale. Da die Reihenfolge der Filme beliebig ist und untereinander keinen Zusammenhang aufweisen, sollte man diese als letzte sehen – evtl. im Umfeld des Grusel-Festes Halloween! Das optisch eindrucksvolle „Intro“ kann man sich allerdings mehrfach ansehen. Es steckt voller Rätsel, Geheimnisse und Mehrdeutigkeiten.

Wertung: hervorragend

Netflix

Blond

von Andrew Dominik – USA 2022 – 166 Min. – netflix

Vom Pin-up-Girl zur Ikone des 20. Jahrhunderts. Kein Biopic über das Leben von Marilyn Monroe, sondern die Geschichte einer früh traumatisierten Frau namens Norma Jean Mortenson, die nicht ihr eignes Leben führen konnte, sondern unter ihrem Image als Sexsymbol litt. Als Vorlage diente der preisgekrönte Roman von Joyce Carol Oates (2000). Obwohl ausdrücklich als Fiktion bezeichnet, ergeben sich eindeutige Parallelen zum Aufstieg und Fall des Hollywood-Stars. Der Film ist eine eigenwillige Interpretation und keine bloße Reproduktion. Er verzichtet auf die Ausbreitung der bekannten Skandale und Affären, sondern erzählt einfühlsam aus der Perspektive der Protagonisten den Lebensweg einer Leinwand-Ikone zwischen Gebrauch und Missbrauch. Nach außen glamourös, nach innen zerrissen. Der Weg nach Oben erweist sich als Abstieg. Dabei tauchen viele der bekannten authentischen Personen aus ihrem Umfeld auf: Ehemänner, Produzenten, Schauspieler und Politiker. Als Hauptmotiv ihrer Suche nach der Selbstfindung dient dabei die große Sehnsucht nach ihrem Vater, den sie nie gekannt hat. Die Männerwelt, die „Marilyn“ erschaffen hat, hat sie letztendlich auch zerstört.

Wertung: hervorragend

arte

Lauchhammer – Tod in der Lausitz

von Till Franzen – D 20222 – 6 x 45 Min. – arte

Die Unwirtlichkeit des Ostelbischen Braunkohlenreviers der Lausitz ist die eindrucksvolle Kulisse für den Rahmen dieser Krimiserie. Der strukturelle, politische und kulturelle Wandel einer Region, die nachhaltig von den Spuren des Tagebaus geprägt ist, färbt sich nicht nur auf die Umwelt ab, sondern auch auf die Menschen, die es in Lauchhammrt noch aushalten. Die Kleinstadt ist schockiert über den Fund einer weiblichen Leiche am Seeufer. Für die Aufklärung des Falls kehrt der Kripo-Ermittler Mark Briegand in seine alte Heimat zurück. Gemeinsam mit der neuen, überaus ehrgeizigen Kollegin Annalena Gottknecht nimmt der die Ermittlungen auf. Sie stoßen auf weitere ungeklärte Verbrechen. Für Briegand ist es eine Reise in seine Vergangenheit. Als er 19 war, kam seine Freundin Kati unter ungeklärten Umständen ums Leben. Die Recherchen führen letztendlich zu einem Serientäter aus den Reihen der Polizei.

Die verblüffende Auflösung des Falles ist keineswegs eine abwegige Erfindung der Drehbuchautoren. In einer Dokumentation, die zeitgleich auf arte ausgestrahlt wurde, wird über vergleichbare Vorkommnisse aus der DDR und Polen berichtet. Darüber ist bislang wenig bekannt, da dies in den sozialistischen Ländern aus ideologischen Gründen nicht öffentlich thematisiert wurde.

Wertung: hervorragend

Komm mit mir in das Cinema – Die Gregors

von Alice Agneskirchner- D 2022 – 155 Min.

Ein Porträt von Erika und Ulrich Gregor, die seit 1957 überall in der Welt unterwegs sind, um historische und aktuelle Filme nach Berlin zu bringen. Das begann mit ersten Filmvorführungen in der FU Berlin, führte zum eigenen Kino „Arsenal“ und endete vorerst mit dem „Internationalen Forum des Jungen Films“. In einer assoziativen, einfühlsamen Montage verbinden sich Familiengeschichte mit Film- und Zeitgeschichte. Der informative und aufschlussreiche Film zeichnet ein lebhaftes Bild der Filmkultur von den 60er- und 70er-Jahren, dem neuen deutschen Film bis hin zu internationalen Independent-Klassikern. Es ist der Filmemacherin gelungen, das umfangreiche Material zu bändigen. Neben dem Archivmaterial gibt es Filmausschnitte aus über 40 Filmklassikern sowie noch Statements von Filmemacherinnen und Filmemachern. Ein Film über die Liebe zum Kino, die nicht blind macht, sondern die Augen öffnet.

Wertung: kann man sich ansehen

Netflix

Day Shift

von J.J. Perry – USA 2022 – 1113 Min. – Netflix

Bud Jablonski ist ein Vampirjäger der besonderen Art. Er betreibt eine kleine Poolreinigungs-Firma mittels der er sich seinen Opfern nähert. Er tötet sie und zieht ihnen die Zähne, die er zu Geld macht. Aber das reicht nicht aus, um die familiären Probleme zu lösen. Seine Gewerkschaft hat ihm wegen seiner unkontrollierten Vorgehensweise gekündigt. Er bekommt eine letzte Chance. Das ist der Auftakt zu einer furiosen Verfolgungsjagd mit spektakulären Kampfchoreografien. Da die Vampire von ausgebildeten, fantastischen Akrobaten vom Cirque du Soleil verkörpert werden, die sich extrem biegen und verbiegen können, nutzt der Film jede denkbare Gelegenheit aus, ihr atemberaubendes Können zu beweisen. Das führt zu einer Aneinanderreihung von Action- und Schlachtszenen, denen zuzuschauen langsam ermüdet. Die Starbesetzung und der Humor gleichen dieses Manko aus auch wenn hin und wieder die Grenzen zur Albernheit überschritten werden.

Wertung: hervorragend

Netflix

Kleo

von Viviane Andereggen und Jano Ben Chaabane – D 2022 – 8 x 45 Min. - netflix

Die Handlung beginnt 1987 in Berlin. Kleo Straub ist die Enkelin eines einflussreichen Stasi-Funktionärs und führt als inoffizielle Undercover-Killerin für die Stasi riskante Auslands-Missionen durch. Nachdem sie in einem Westberliner Nachtclub einen feindlichen Agenten ermordet hat, wird sie am nächsten Tag ohne Begründung verhaftet und ins Gefängnis gesperrt, wo sie brutal behandelt wird. Nach drei Jahren kommt sie aufgrund der Generalamnestie für politische Gefangene nach dem Fall der Berliner Mauer frei.

Kleo will die Hintergründe ihrer „Deaktivierung“ herausfinden und entdeckt eine grenzübergreifende Geheimdienstverschwörung. Ihr unerbittlicher Rachefeldzug fordert viele Opfer und macht sie zur Zielscheibe östlicher und westlicher Personen. Einer davon ist der westdeutsche Polizist Sven Petzold, der Kleo bei ihrem letzten Einsatz zufällig gesehen und erkannt hat. Er erhofft sich durch die Lösung des Falls einen Karrieresprung und verfolgt Kleo bei ihrer Suche nach einem mysteriösen roten Koffer von Berlin bis nachMallorca und Chile.

Die Autoren geben an, dass die „Serie auf einer wahren Begebenheit beruht und doch sei nichts davon wirklich passiert“. Eine genaue Rekonstruktion der historischen Ereignisse ist daher auch nicht beabsichtigt, stattdessen ist die Handlung eine virtuose Vermischung realer und fiktiver Elemente und Personen, zu denen auch Erich Mielke und Margot Honecker gehören. Überraschende Winkelzüge und witzige Übergänge erzielen einen hohen Unterhaltungswert. Kein actionreicher Polit-Thriller, sondern mehr eine schrille, tarantinoeske Agenten-Komödie.

Auffallend ist die Ausstattung und Szenerie; ein „Buntfilm“ über die Zeit der Wendejahre im wahrsten Sinne des Wortes. Berlin ist mit poppigem Retro-Look frisch gestrichen. Der Mief ist weg, aber nicht in den Köpfen.

Die Hauptdarstellerin Jella Haase demonstriert fulminant die gesamte Skala der von ihr gespielten Killerin mit dem Kindergesicht von der Berliner Rotzgöre bis zur eleganten Femme Fatale. Eine Wandlungsfähigkeit, die sie direkt an die Seite ihr berühmten Rollen-Kolleginnen Angelina Jolie, Natalie Portman und Uma Thurman stellt -.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

The Gray Man

von Anthony und Joe Russo – USA 2022 – 129 Min. – netflix

Ein amerikanischer Action-Thriller, der ganz auf seinen Star und Hauptdarsteller Ryan Gosling zugeschnitten ist. In der bislang teuersten und aufwändigsten Netflix-Eigenproduktion spielt er den CIA-Killer Sierra Six, der aus dem Gefängnis rekrutiert wurde, um Auftragsmorde durchzuführen. Dabei soll er auch Leute aus den eigenen Reihen umbringen, die seinen Vorgesetzen unbequem geworden sind. Sie wissen zuviel und folglich müssen sie sterben – wie einst im klassischen Western. Agent Six wird plötzlich selbst zum Zielobjekt und muss eine Verschwörung gegen sich aufdecken. Einsatzorte sind spektakuläre Schauplätze wie Bangkok, Hongkong, Baku, Berlin, Wien und Prag. Wo auch immer Six agiert: stets lässt er eine Spur gewaltiger, materialvernichtender Zerstörungen zurück. Die Bilder sind genau so brutal wie die von ihr gezeigten Kampfszenen. Wenig Raum für differenzierte Charakter oder logische Handlungsabläufe.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Capitani

(Staffel 2) von Thierry Faber – Luxemburg 2022 – 12 x 30 Min. – netflix

In Staffel 1 (Oktober 2019) ging es um die Leiche der 15-jährigen Jenny Engel, die in einem Wald nahe dem nördlich gelegenen fiktiven Ort Manscheid gefunden wird. Um den mysteriösen Mordfall zu untersuchen, wird Inspektor Luc Capitani gerufen. Dieser kommt aus der im Süden liegenden Minette-Region und hat Schwierigkeiten im Umgang mit der Mentalität der verschwiegenen Dorfbewohner. Deshalb bekommt er Unterstützung von der jungen Polizistin Elsa Ley, die in Manscheid aufgewachsen ist. Bei den Ermittlungen dringen die beiden immer weiter in ein kompliziertes Netz von Intrigen ein. Sie müssen nicht nur einen Mörder aufspüren, sondern auch die Denkweise und Vergangenheit von jedem einzelnen Bewohner aufbrechen.

Die Ergebnisse entpuppen sich als ein aufwendiges Puzzlespiel. Capitani und Ley müssen erst die einzelnen Teile wieder zusammensetzen, bevor sie das Bild des Mörders zu sehen bekommen. Bei seinen Aktionen, das von den Dorfbewohnern gewebte Lügengeflecht zu zerschlagen, wird Capitani zusätzlich noch mit einem dunklen Kapitel seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert, was nach Abschluss des Falles zu seiner Suspendierung führt.

Die spannende Krimi-Serie zeichnet sich besonders durch die vielschichtige Bildebene eines unverbrauchten Schauplatzes auf. Beeindruckend auch das Figurenensemble, das ein breites Spektrum aus Persönlichkeiten und Autoritäten auffächert.

Staffel 2 ist nicht die direkte Fortsetzung der bisherigen Handlung. Sie setzt ein im Nachtclub- und Rotlichtmilieu einer Großstadt. Schauplatz ist eine Bahnhofsgegend mit Protagonisten unterschiedlicher Nationalität. Capitani hat den Polizeidienst verlassen und ist als Undercover-Agent mit der Observation der kriminellen Szene beauftragt. Er lebt in dem Viertel und tarnt sich als Privatermittler. Er wird beauftragt, das Verschwinden und dann den Tod einer jungen Prostituierten aufzuklären. Luc arbeitet für die Bordellchefin Valentina und soll den Schutz ihrer Frauen übernehmen. Auf der Gegenseite steht Elsa Ley, die als Kommissarin einer SoKo die Drogenszene observiert. Sie soll die Dealer verfolgen; den Chef der Bande ermitteln und verhaften. Beide geraten in ein Netzwerk konkurrierender Gangs: Albanische Banden, Nigerianische Mafia und Luxemburger Unterwelt kämpfen um die Macht und liefern sich knallharte Revierkämpfe. Die Fronten verlaufen je nach den unterschiedlichen Motiven der Beteiligten. Dazu zählen auch Personen aus Lucs unrühmlicher Vergangenheit.

Die Dramaturgie hat sich in den Maschen der eigenen Verstrickungen verheddert. Und so bleibt das Ende der Staffel unbefriedigend. Wer gegen wen und wogegen und wofür bilden ein nicht nachvollziehbares Geflecht von Verrat und Korruption. Die Bordellchefin und ein korrupter Bulle erweisen sich als die Drahtzieher. Sie und ein paar sonstige Figuren werden abgeräumt, andere überleben; Luc und Elsa auch. Das reicht aus, um eine dritte Staffel anzudeuten.

Wertung: hervorragend

Netflix

Peaky Blinders

(Staffel 6) – von Steven Knight - GB 2013-2022 – 36 x 60 Min. – netflix

„Peaky Blinders – Gangs of Birmingham“ ist eine überragende Fernsehsehserie, die das Kino mitunter (leider) vergessen lässt. Im Mittelpunkt steht die aus Birmingham stammende Familie Shelby. Sie ist irisch-katholischer Abstammung und bildet den Kern der Gangsterbande Peaky Blinders. Da die Shelbys Irish Travellers und Roma unter ihren Vorfahren haben, werden sie von ihren Kontrahenten häufig abfällig als Zigeuner beschimpft und unterschätzt.

Anfang der 1920er Jahre ist die Familie durch illegale Wetten auf Pferderennen nur eine gewisse lokale Unterweltgröße im Arbeiterslum Small Heath. Oberhaupt der Familie und Protagonist des Geschehens ist Thomas „Tommy“ Shelby (grandios dargestellt durch Cillian Murphy). In den ersten Staffeln geht es vorrangig um sein Bestreben, dem Milieu zu entkommen und seine Familienmitglieder und Gang-Genossen zu wirtschaftlich wohlhabenden Geschäftsleuten zu machen, die ihr Geld auf ehrliche Weise verdienen. Ihr Weg wird durch die Nachwehen des Weltkrieges erschwert; immer sind es verfeindete Clans und politische Intrigen in den unruhigen Zeiten, die es der Familie schwermachen, sich zu behaupten. In den Irren und Wirren jener Jahre kreuzen sich ihre Wege u.a. mit Angehörigen der British Army und der IRA, mit jüdischen und italienischen Gangs, mit russischen Monarchisten und Bolschewiken sowie mit der sizilianischen Mafia und der Chicagoer Mafia.

Tommy wird für die Labour Party Parlamentsabgeordneter. Er führt den Titel OBE und gilt als hervorragender Redner für die Interessen der Arbeiter. Oswald Mosley will mit ihm zusammen eine neue Partei gründen. Mit Zusicherung von Winston Churchill lässt er sich auf ein doppeltes Spiel ein und plant ein Attentat auf Mosley, das jedoch in allerletzter Sekunde scheitert. Der brüchig gewordene Familienzusammenhang scheitert endgültig. In dem Schusswechsel nach dem missglückten Attentat kommt auch Tante Polly, die Matriarchin der Familie, ums Leben. (*) Ihr Tod ist für Tommy der Anlass, eines neues Leben zu beginnen und mit dem Whiskytrinken aufzuhören. Pollys Sohn Michael kündigt an, Tommy zu töten.

Staffel 5 endet mit dem finalen Zusammenbruch der „altmodischen Rasiermesser-Bande“.

Vier Jahre später ändert sich durch die Aufhebung der Prohibition die Szene. Die Alkoholschmuggler suchen nach neuen Wegen, und Tommy will ihre Vertriebswege nutzen um Opium nach Nordamerika zu schaffen. Dabei sucht er neue Kontakte und verbündet sich dabei auch mit Widersachern aus alten Zeiten. Doch alle neuen Absprachen sind brüchig. Parallel arbeitet Tommy an seiner politischen Karriere innerhalb der Labour-Party. Gegenüber Oswald Mosley gibt er sich loyal, sieht aber in den Faschisten eine Bewegung, die er bekämpft.

Bei seinem Kampf um das Überleben seiner Familie und seiner Firma muss Tommy den Tod seiner kleinen Tochter Ruby überwinden. Sie starb an Tuberkulose und auch die traditionellen, alten Wege der Heilkunst, konnten ihr nicht helfen. Unerwartet taucht Tommys Sohn aus einer früheren Beziehung auf. Duke ist 20 Jahre alt und wird in die Familie integriert.

Tommy erfährt von seinem Arzt, dass er einen unheilbaren Tumor im Kopf hat und plant seinen Abschied. Zuvor will er seine Angelegenheiten ordnen und die Familienmitglieder finanziell absichern. Er beseitigt seine Widersacher mit brutalen Methoden. Auch Michael wird getötet. Am Ende stellt sich heraus, dass Tommy keineswegs tödlich erkrankt ist, sondern es sich um eine Intrige von Mosley handelte, der ihn ausschalten wollte. Tommy steht am Schluss der letzten Folge allein in weiter Flur. Nicht alles ist aufgelöst. Die alten Probleme sind beseitigt, dafür tauchen neue auf.

Steven Knight hat damit auch das Ende der Serie angekündigt. Er will aber die Mythologie der Peaky Blinders verfestigen und ihre Legende verewigen. 2023 soll das Crime-Drama dann mit einem Spielfilm zum Abschluss gebracht werden.

Inszenierung und Soundtrack

„Die aufwendige Gestaltung der Serie ist geprägt von minimalistischen Bildern und Zeitlupe. Die Stimmung der Serie erinnert an einen Western, und die Kampfszenen lassen in ihrer Ästhetik an Quentin Tarantino denken. Der modern klingende Soundtrack zur Serie verwendet die dunklen Balladen von Nick Cave, den rauen Gesang von PJ Harvey, Beats der White Stripes und Songs von Radiohead. Auch Tom Waits mit seiner röhrenden Stimme ist beteiligt. Drehorte waren Birmingham, Leeds und Liverpool. Anna Calvi ist veranwortlich für einen Großteil der Musik von Staffel 5.“ (wikipedia)

(*) Die Polly-Darstellerin Helen McCrory ist im April 2021 verstorben. Ihrem Andenken ist die Staffel 6 gewidmet.

Wertung: kann man sich ansehen

Netflix

Ein MordsTeam ermittelt wieder

von Louis Leterrier – F 1922 – 121 Min. – netflix

Eine Actionkomödie, ein Buddy-Cop-Movie nach bewährtem Muster. Der eine ist ein unangepasster, eigenwilliger Typ, den die Pariser Kriminalpolizei als Protagonist einer Image-Kampagne ausgewählt hat. Der andere ist ein windiger Einzelgänger, dem mehr an schnellen Erfolgen bei den Damen als an der Auflösung der ihm anvertrauten Fälle gelegen ist. Sie arbeiten in unterschiedlichen Abteilungen. Als zwei Hälften einer männlichen Leiche an weit auseinandergelegen Stelle gefunden werden, kommen sie wieder zusammen. Ausgangspunkt ist eine Stadt in den französischen Alpen, von wo aus der rechtsradikale Bürgermeister seine politische Karriere ausbauen will. Er plant mit dem Kern seiner Anhänger eine Anschlagserie, um die Republic zu verunsichern.

Vor zehn Jahren gelang dem charismatischen Duo Omar Sy und Laurent Lafitte mit „Ein Mordsteam“ ein beachtlicher Kinoerfolg. Auch hier setzen sie auf die richtige Mischung aus Actionszenen, Humor und pointierten Dialogen, wobei sie vor billigen Klischees über die französische Multikulti-Gesellschaft leider nicht zurückschrecken. Rasant gefilmte Verfolgungsjagden durch Stadt und Land entschädigen für einen schwachen Plot, der die Ultrarechten dem Spott ausliefert und somit verharmlost.

Wertung: sollte man gesehen haben

ZDF

Bloodlands – Die Goliath Morde

von Chris Brandon – GB 2021 – 4 x 55 Min. – ZDF

Die Entführung eines ehemaligen IRA-Aktivisten erinnert DCI Tom Brannick an eine Reihe ungelöster Fälle von Vermissten aus den 90er Jahren, weshalb er mit seinen Kollegen nach weiteren Indizien sucht und sich eine mögliche Verbindung erhofft. Bald beginnen die Ereignisse sich jedoch zu überschlagen, als sich herausstellt, dass ein polizeiinterner Verräter und Serienmörder namens „Goliath“ wieder aktiv geworden ist, wodurch der Fall zu einem Rennen gegen die Zeit wird. Abseits der politischen Sprengkraft, die der Fall mit sich bringt, wird Adam Corry – Bruder des vermissten David Corry – zum Mittelpunkt der Ermittlungen. Der mutmaßliche Täter verfügte über Erkenntnisse, die eigentlich nur die Polizei besitzen kann. Somit verschärft sich die Lage noch weiter und wird für Brannick, den ein dunkles Geheimnis umgibt, zunehmend persönlicher.

„Goliath“, so lautet der Name der riesigen Belfaster Werftkräne auf der Postkarte, die zur Verabredung des Ermittlers Brannick mit seinem Vorgesetzten dient. Dort besprechen sie an Ort und Stelle unter Umgehung des Dienstweges ihr weiteres Vorgehen. Goliath ist eine Chiffre, die auf die Geschichte Nordirlands verweist, aber auch in die Vergangenheit der Personen, mit der sie sich aktuell beschäftigen. Brannick und sein Chef hatten schon einmal mit einem ähnlichen Fall zu tun, damals im Jahr 1998, als der Waffenstillstand mit der IRA verhandelt wurde. Auf beiden Seiten des Konflikts waren damals Menschen verschwunden, die dem Frieden im Wege standen. Betroffen davon war auch Brannicks Frau, die zu der Zeit für den Geheimdienst arbeitete. Auch seinerzeit vermutete man einen Polizei-Insider hinter den Taten, den die Ermittelnden Goliath tauften. „Bloodlands“ verbindet den historischen Hintergrund mit der aktuellen Situation in Nordirland. Authentisch umgesetzt und mit einem hervorragenden Darsteller-Ensemble besetzt, u.a. mit dem Berlinale-Preisträger James Nesbitt, bietet Bloodlands“ einen spannenden und aufschlussreichen Serienstoff, der in eine zweite Staffel geht.

Wertung: hervorragend

Netflix

Anatomie eines Skandals

von S. J. Clarkson – GB/USA 2022 – 6 x 45 Min.- netflix

Eine Psychothriller-Serie im Ambiente eines Gerichtsdramas. Ein hochangesehener Politiker, der als Westminster-Abgeordneter und Innenminister im Mittelpunkt der Medien-Interessen steht, gesteht eine Affäre mit einer jungen Mitarbeiterin. Der familiäre und politische Schaden kann begrenzt werden. Doch als diese ihn der Vergewaltigung beschuldigt und es zu einem Prozess kommt, eskaliert die Situation. Ein Skandal ist nicht zu vermeiden. Dass der Premierminister ein alter Freund aus gemeinsamen Studienzeiten ist, ändert daran nichts. Denn die beiden verbindet auch ein dunkles Kapitel aus den Zeiten an der Oxford-Universität.

Die ermittelnde Kronanwältin ihrerseits hat ebenfalls keine lupenreine Vergangenheit. Es gibt Vorkommnisse, die ihrer Karriere schaden könnten. Während der Gerichtsverhandlung werden die alten Zeiten unerwartet gegenwärtig und bei der Suche nach der Wahrheit zwischen Gerechtigkeit und Privileg kommt es zu einer emotional hochkarätigen Abrechnung.

Die nach dem gleichnamigen Roman der Gerichtsreporterin Sarah Vaughan produzierte Serie ist spannend und hochkarätig besetzt. Die schauspielerischen Leistungen der Hauptdarsteller werden durch Ausstattung und Kamera kongenial ergänzt. Im Focus stehen Personen des öffentlichen Lebens, die von den Medien gejagt und gepeinigt werden. Die Inszenierung gleicht einer Sportreportage, bei der die Nähe zum Geschehen und zu den Protagonisten nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch in den Umkleidekabinen gesucht wird. Der Skandal ist virtuos inszeniert als eine Art Zwiebelschälung, bei der am Ende nicht nur die Tränen fließen.

Wertung: hervorragend

Prime Video

Outer Range

von Brian Watkins – USA 2022 – 8 x 40 Min. – prime video

Eine bizarre Western-Mystery-Serie mit einem ungewöhnlichen Plot. Produziert wurde sie von Brad Pitt und Josh Brolin, der auch der Protagonist der Handlung ist. Er spielt einen Wyoming-Rancher, der mit seinen beiden Söhnen um seine Farm kämpft. Auf die haben es seine machtbesessenen Nachbarn abgesehen. Gefahr droht auch durch ein mysteriöses großes schwarzes Loch auf seinem Land, das sich zu einer zentrifugalen Kraft entwickelt, für massive Verunsicherung sorgt und den Lauf der Zeit durcheinanderwirbelt. Bei dem Machkampf der beiden Familien handelt es sich um einen traditionellen Konflikt zwischen der ökologischen Landwirtschaft der Rinderzucht und dem modernen Kapitalismus. Das bodenlose „Loch“ steht dabei sinngemäß als ein Zeitportal für offene Fragen und ungelöste Probleme.

Die Geschichte kennt keine Haupt- und Nebenrollen; das Personal ist ein gleichgewichtiges, ausbalanciertes Ensemble, wobei der knorrige Josh Brolin auffällig ist. Sein Gesicht ist so grob und zerklüftet wie eine passgenaue Karte des Landes, auf dem er lebt.

Neben der Dramatik und Spannung des Geschehens sind es die große Optik des Schauplatzes Wyoming mit seinen atemberaubenden, unendlich weiten Panoramen und die eklektischen Filmkompositionen von Danny Bensi und Saunder Jurriaans, die zu einem nachhaltigen, audiovisuellen Erlebnis beitragen.

Wertung: hervorragend

arte

Red Light

von Anke Blondé und Wouter Bouvijn – B 2020 – 10 x 50 Min, - arte

Orte des Geschehens sind die Rotlicht-Szenen in Antwerpen und Amsterdam, die hier zu einem einheitlichen Milieu verschmelzen. Im Mittelpunkt stehen drei Frauen, die unterschiedlicher kaum sein können: die Prostituierte Sylvia, die Kommissarin Evi und die Opernsängerin Esther. Sie müssen sich plötzlich existentiellen Fragen stellen und bewegen sich in einem Zirkel, dessen Kreise immer enger und bedrohlicher werden. Die abgebrühte Sylvia und ihr gewalttätiger Zuhälterfreund Ingmar betreiben in Antwerpen eine Bar und ein Bordell mit Prostituierten aus Osteuropa. Als eine von ihnen misshandelt und tot aufgefunden wird, ermitteln Evi und ihr Kollege Sam gegen die zwei, die ihre Unschuld bezeugen. In Amsterdam feiert die erfolgreiche Opernsängerin Ester einen ihrer grandiosen Auftritte, als sie die Nachricht bekommt, dass ihr Vater einem Herzinfarkt erlegen ist. Da sich ihr Mann Eric in Antwerpen aufhält, versucht sie ihn zu erreichen. Doch er ist verschwunden. Es stellt sich heraus, dass er ein Doppelleben führte und sich mit Sylvia nach Spanien absetzen wollte. Bei ihrer Suche nach Eric gerät Esther in ein toxisches Gewirr von gesellschaftlicher Doppelmoral, Menschenhandel, Prostitution, Gewalt und Korruption. Dabei kreuzen sich die Pfade der drei Frauen, die eine fragile Zweckgemeinschaft eingehen, wobei die Grenzen zwischen Opfer- und Täterrollen mitunter schwimmen.

Der Erfolg der eindrucksvoll gefilmten, mehrfach preisgekrönten Serie beruht einerseits auf die authentische, dokumentarisch wirkende Zeichnung des Rotlichtmilieus, andererseits durch die hervorragenden Leistungen der drei Schauspielerinnen. Halina Reijin überzeugt als Starsängerin Esther, die sich mit einer Lebenslüge konfrontiert sieht und ihr Leben neu ordnen muss. Maaike Neuville spielt die alkoholabhängige Kripo-Beamtin Evi die neben ihren aufreibenden Job bei der Mordkommission noch ihre Mutterrolle in einer kriselnden Beziehung meistern muss. Und Carice van Houten („Game of Thrones“) ist die Bordellchefin Sylvia, die dominant und herrisch auftritt, gleichzeitig aber schwach und schutzbedürftig ist, weil der brutale Ingmar jeden ihrer Schritte kontrolliert.

Wertung: sollte man gesehen haben

arte

Algiers Confidential – Ein paar Tage Licht

von Frédéric Jardin – D/F 2021 – 4 x 45 Min. – arte

„Die Schlacht um Algier“ von Gillo Pontecorvo aus dem Jahr 1965, die erste umfassende, um Objektivität bemühte Darstellung der Realität des Algerienkrieges, ist zum Klassiker der Filmgeschichte und des Polit-Thrillers geworden. Der mit mehreren internationalen Preisen ausgezeichnete Film war Vorbild für Regisseure wie beispielsweise Costa-Gavras oder Francesco Rosi. Die Fernsehserie von Frédéric Jardin steht in der Tradition dieses Genres. Er adaptierte Oliver Bottinis Roman „Ein paar Tage Licht“, der die Problematik deutscher Rüstungsexporte mit einer Kriminalgeschichte verknüpft. Protagonist des Geschehens ist ein deutscher Waffenhändler, der nach Nordafrika entsandt und in Algerien kurz nach seiner Ankunft gekidnappt wird. Ein Verbindungsbeamter des Bundeskriminalamtes versucht ihn zu befreien. Er muss die Hintergründe der Tat ermitteln und herausfinden, ob der Deutsche tatsächlich von Islamisten entführt wurde oder ob nicht eine Inszenierung eines weitverzweigten Netzwerkes von korrupten Waffenhändlern und Politikern dahintersteckt.

Die mit hochkarätigen Schauspielern aus Frankreich und Deutschland besetzte Miniserie ist trotz einiger Stereotypen dramaturgisch überzeugend, da neben dem Spannungsbogen auch einige Nebenrollen an Profil gewinnen; so beispielsweise Anna Schudt als energische deutsche Diplomatin, der sich unbeirrbar über die Konventionen ihres Amtes hinwegsetzt und damit deutsche Politiker und Lobbyisten verärgert.

Wertung: sollte man gesehen haben

arte

Sacha

von Léa Fazer – CH/F 2021 – 6 x 50 Min. – arte

In Genf steht die angesehene Staatsanwältin Anne Dupraz unter dringendem Tatverdacht, auf einen Mann geschossen zu haben. Der Fall ist heikel, denn dem Opfer Philippe Teissier eilt in der Genfer Unterwelt ein Ruf voraus. Bei ihren Ermittlungen erfahren Jasna Shaqiri und Thomas Hoffmann überraschende Vorgänge aus der Vergangenheit der Staatsanwältin. Die Kommissare wollen herausfinden was sie dazu brachte, ihre Karriere aufs Spiel zu setzen. Dupraz leugnet die Tat nicht; sie selbst hat die Polizei gerufen und lässt sich festnehmen. Ihr Ex-Mann und dessen Frau, eine TV-Journalistin, kennen das Motiv. Mit Rücksicht auf ihre Tochter Elsa schweigt sie. Bei ihren Recherchen kommen Shaqiri und Hoffmann der Wahrheit näher: als junge Frau unterhielt Dupraz eine toxische Beziehung mit Teissier, der sie mit der Aussicht auf eine Filmrolle bei Godard nach Paris gelockt und sie dort fünf Jahre lang zur Prostitution gezwungen hatte.

„Sacha“ ist eine elegante, stille Miniserie über sexuelle Ausbeutung und weibliche Selbstbestimmung. Die dramaturgisch intelligent konstruierte, auf Chronologie verzichtende Narration mit parallel verlaufenden Handlungssträngen sorgt für immer neue Erkenntnisse, die von den Tatmotiven ausgehend auf die gesellschaftlichen Zusammenhänge eines globalen Kapitalismus verweisen. Hierbei besonders wirkungsvoll ist die Aufsplitterung der gebrochenen Protagonistin als Erwachsene, junge Frau und kleines Mädchen, die alle drei zunehmend präsent sind und es schaffen, die Vergangenheit zu bewältigen. Dupraz Handeln wurde wesentlich von düsteren Geheimnissen aus ihrer Familiengeschichte beeinflusst. Sophie Broustal liefert als Hauptdarstellerin eine grandiose, in allen Facetten überzeugende Leistung.

Wertung: hervorragend

Netflix

Pflicht und Schande

von Joe Barton – GB 2019 – 8 x 50 Min. – netflix

Der Tokioter Kommissar Kenzo Mori reist nach für ihn vollkommen fremdes London um seinen totgeglaubten Bruder Yuto zu suchen. Yuto soll in England den Neffen eines Yakuza-Bosses ermordet haben, dadurch droht nun in Tokio ein Mafia-Krieg. Bei seiner Suche trifft Kenzo, die Polizistin Sarah Weitzmann und den britisch-japanischen Sexarbeiter Rodney Yamaguchi und gefährliche Mächte aus der Londoner Unterwelt.

Die exzellent umgesetzte Serie ist eine visuell und dramaturgisch spannende Mischung eines britischen Polizeikrimis und eines japanischen Mafia-Rache-Thrillers. Eine melodramatische Familiengeschichte, die in Tokio beginnt, endet im britischen Gangsterkino, wobei sich die Wege der unterschiedlichen Protagonisten aus zwei Kulturkreisen mehrfach kreuzen und variieren. Der besondere Reiz der Serie liegt in der Genre-Stilmischung und der Einbeziehung von Manga-Elementen. Besonders eindrucksvoll und nachhaltig ist eine Sequenz gegen Ende des Geschehens: auf einem Hochdach-Parkplatz treffen sich alle Beteiligten in einer poetischen Ballett- Choreographie wieder, die einer emotional hochgeradigen „was bisher geschah“ Szenenfolge gleicht; eine ungewöhnliche, überraschend und nachhaltige Idee.

Wertung: sollte man gesehen haben

Netflix

Die Einöde

von David Casademunt – Spanien 2021 – 92 Min – netflix

(spanisch: El páramo; deutsch auch: Das Ödland)

Ort der Handlung ist eine öde Steppe irgendwo in Spanien im 19. Jahrhundert. In einem einsam gelegenen Haus leben Salvador, Lucia und ihr gemeinsamer Sohn Diego. Der Junge darf die Grenzen des Grundstücks nicht überschreiten, denn draußen herrscht Krieg. Außerdem lauert dort eine grausame Bestie, die sich langsam den Menschen nähert und sie töten will. Das Monster ist unsichtbar und ernährt sich von der Angst der Opfer. Salvador erzählt Diego von seiner Schwester, die einst so in den Tod getrieben wurde. „Nur wenn man etwas nicht sehen kann, heißt das ja noch lange nicht, dass da nichts ist.“

Salvador findet in einem Boot einen schwerverletzten, traumatisierten Soldaten und will sich um ihn kümmern. Doch dieser bringt sich um. Salvador findet in seinen Habseligkeiten ein Familienfoto und beschließt, die Familie des Mannes auf eigene Faust zu finden. Er verlässt das Haus; Frau und Kind bleiben allein zurück.

In den folgenden Tagen und Wochen nähert sich mehr und mehr eine Gefahr in Form einer unsichtbaren Präsenz. Lucia gibt die Hoffnung auf die Rückkehr Salvadors auf und ist davon überzeugt, dass das Biest es auf sie abgesehen hat. Während sie unberechenbar und geistig verwirrt ihrem unausweichlichen Schicksal entgegensieht, überwindet Diego seine Ängste. Er, der von seinem Vater oft als Feigling beschimpft wurde, handelt und findet den Mut, sich dem Biest zu stellen.

Neben der Regie und der großartigen Leistung des zehnjährigen Hauptdarsteller Asier Flores ist die Kamera von Isaak Vila besonders erwähnenswert. Beeindruckend sind die Aufnahmen der kargen Ödnis, in der ein paar aufgestellte Vogelscheuchen immer wieder für beunruhigende und irritierende Momente sorgen. Die Stimmung ist geprägt von Licht und Schatten, Angst und Schrecken. Trotz der sonnendurchfluteten Weite des Landes wird es für die Protagonisten draußen und drinnen immer enger und finsterer. Eine Horror-Story, die man nicht mit Worten erzählen kann, sondern nur mit Bildern.