Porträt Horst Schäfer

Kinotipps 2018

73 Besprechungen aus dem Jahr 2018.

Wertung:
Wertung: kann man sich ansehen

The Silence

von John R. Leonetti – USA 2018 – 91 Min.

Eine archäologische Expedition entdeckt in einem unzugänglichen Höhlensystem in Nordamerika eine bislang unbekannte Parasitenart. Man nennt sie Avispa; fledermausähnliche, blutrünstige Urzeitmonster, die sich wie ein wilder Wespenschwarm gebärden. Einmal freigesetzt, mutieren und vermehren sie sich rasend schnell und greifen bald auch die Menschen an. Sie sind blind und finden ihre Opfer dank ihres feinen Gehörs. Protagonistin des Films ist die gehörlose Teenagerin Ally, deren Familie sich in die Wälder zurückzieht und ein Leben in völliger Stille führen will. Dabei geht die eigentliche Gefahr von anderen Menschen aus, deren rücksichtsloser Überlebenskampf potentielle Todesgefahr bedeutet. Von Mitmenschlichkeit oder Solidarität keine Spur.

Ein perfekt funktionierender Genre-Film nach allen Regeln der Kino-Kunst. Der Handlung dieser bildgewaltigen Apokalypse fehlt es jedoch an einer logischen Abfolge. Aber Horror- und Fantasyfilm lassen sich davon nun einmal nicht beirren, sondern folgen den Vorgaben des Drehbuchs bzw. hier des Bestseller-Romans vom britischen Autors Tim Lebbon.

Wertung: sollte man gesehen haben

Greta

von Neil Jordan – Irland/USA 2018 – 98 Min.

Frances findet eine Handtasche in der New Yorker U-Bahn und zögert nicht, sie der rechtmäßigen Besitzerin nach Hause zu bringen. Die Tasche gehört der eleganten Witwe Greta, die sich sehr über den Besuch der jungen Frau freut. Schnell freundet sich Frances mit der älteren Dame an, denn das Schicksal scheint zwei einsame Seelen zusammengeführt zu haben. Doch schon bald findet sie heraus, dass Greta ihre Handtaschen nur als Köder auslegt, um die ehrlichen Finder zu sich zu locken. Frances wird für ihre Ehrlichkeit bitter bestraft, da sie in die Fänge einer psychopathischen Stalkerin gerät.

Neil Jordan ist ein Meister darin, Mysteriöses in entsprechende Bilder und Szenarien zu verpacken. Sein fintenreiches Katz-und-Maus-Spiel ist ein Thriller der am Schluss des Geschehens mit einem Horrortrip endet. Sieht man einmal ab von der nicht überzeugenden, eher enttäuschenden Auflösung, ist es die sehens- und bewundernswerte Leistung einer furiosen Isabelle Huppert, die den Film in allen Phasen souverän beherrscht; ist ihr Lächeln noch freundlich oder schon dämonisch?

Wertung: sollte man gesehen haben

Sibel

von Cagla Zenciri und Guillaume Giovanetti – Türkei u.a. 2018 – 95 Min.

Die 25-jährige Sibel lebt mit ihrem Vater, dem Bürgermeister, und ihrer jüngeren Schwester Fatma in einem kleinen Dorf in einer ländlichen Gegend der Türkei. Weil sie nicht sprechen kann, sondern sich nur durch Pfeiflaute verständigt, und kein Kopftuch trägt, sondern stattdessen mit einem Gewehr über die Schultern ihre Besorgungen erledigt, sieht sie sich tagtäglich Anfeindungen ausgesetzt. Als sie im nahegelegenen Wald einen Deserteur der türkischen Armee trifft und sich um ihn kümmert, verschlimmert sich ihre Situation. Den Mann halten die Dorfbewohner für einen Terroristen. Sibel wird bedroht und angegriffen, selbst ihr Vater wendet sich von ihr ab. Doch Sibel beugt sich nicht länger den traditionellen Konventionen und wächst über sich hinaus.

Immer wieder gelingt es dem Kino jenseits des Mainstreams außergewöhnliche und eindringliche Geschichten zu erzählen. Hier geht es um eine Selbstbehauptung in einer konservativen, nahezu archaischen Gesellschaft der heutigen Türkei. Ein Film mit großen, wunderschönen Kinobildern und betörend schönen Landschaften. Auf internationalen Festivals mit Preisen und Auszeichnungen bedacht.

Wertung: sollte man gesehen haben

Shoplifters – Familienbande

von Hirokazu Kore-Eda – Japan 2018 – 121 Min.

Mit diesem Film gelingt es dem japanischen Regisseur erneut das einfühlsame Porträt einer Familie am Rande der japanischen Gesellschaft. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen Osamu Shibata und sein Sohn Shota. Nach einer Diebestour in einer kalten Winternacht treffen sie das verwahrloste Mädchen Yuri und nehmen es mit zu sich nach Hause in die Enge ihrer nrühigen Behausung. Die anfänglichen Bedenken der anderen Familienmitglieder sind schnell verflogen. Umgeben von anonymen Wohnblöcken lebt die bunte Truppe mithilfe von kleinen Betrügereien, Ladendiebstählen und trotz widriger Umstände glücklich zusammen. Doch ein unvorhergesehener Vorfall enthüllt bisher gut geschützte Familiengeheimnisse und nun muss sich beweisen, ob diese Menschen mehr verbindet als ihr Dasein als Kleingauner und Lebenskünstler.

Das brüchige Glück der Familie Shibata zeichnet der Film mit fast fröhlicher Leichtigkeit. Statt dem düsteren Pathos sozialer Außenseiter stehen einprägsame Charaktere mit einfühlsamer Menschlichkeit voller Würde und Poesie im Vordergrund. In Cannes 2018 erhielt SHOPLIFTERS die „Goldene Palme“!

Wertung: hervorragend

Drei Gesichter

von Jafar Panahi – Iran 2018 – 100 Min.

Nach seinem Kinoerfolg TAXI TEHERAN ist es dem iranischen Regisseur Jafar Panahi trotz Berufsverbot erneut gelungen, einen Spielfilm zu drehen und außer Landes zu schmuggeln. In DREI GESICHTER reist Panahi in die Heimat seiner Eltern und Großeltern und lernt dabei einfache Dorfbewohner kennen. In humorvollen Episoden zeigt er die Widersprüche zwischen Stadt- und Landbevölkerung, zwischen Tradition und Aufbruch und porträtiert starke Frauen, die längst viel fortschrittlicher und mutiger denken als die Männer in ihrem Land.

Ausgangspunkt des Geschehens ist die Videobotschaft eines weiblichen Fans an eine bekannte iranische Schauspielerin. Gemeinsam mit ihrem Freund, dem Regisseur Jafar Pananhi, macht sie sich auf die Suche nach dem Mädchen. Die Reise in den Norden des Landes birgt überraschende Begegnungen. Im Bergdorf angekommen, versuchen die beiden das Geheimnis um das Video endlich zu lösen.

Für sein Plädoyer für Freiheit und Menschlichkeit nimmt sich der Regisseur alle Zeit dieser Welt. Umso mehr eine Gelegenheit für die Zuschauer, sich intensiv auf Land und Leute einzulassen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Der Junge muss an die frische Luft

von Caroline Link – D 2018 – 105 (?) Min.

Das Ruhrgebiet Anfang der 1970er-Jahre. Der pummelige neunjährige Hans-Peter beobachtet seine Familie und Nachbarn sehr genau, studiert, imitiert, improvisiert und unterhält sie mit immer perfekteren kleinen Shows. Sein großes Talent, andere zum Lachen zu bringen, trainiert er täglich im Krämerladen seiner Oma. Aber leider ist nicht alles rosig. Dunkle Schatten legen sich auf den Alltag des Jungen, als seine Mutter nach einer Operation immer bedrückter wird. Für Hans-Peter ein Ansporn, seine komödiantische Begabung immer weiter auszuleben.

Das Bild, das dieser Film von einer Ruhrgebiets-Familie zeigt, ist das einer immer fröhlichen, gut gelaunten Verwandtschaft, die gerne feiert und so gut wie keine Sorgen kennt. Die tragische Krankheit der Mutter des Jungen gehört in diesem Zusammenhang zu den wenigen Schicksalsschlägen, denen die Kerkelings ausgesetzt sind. Der Film basiert auf der gleichnamigen Autobiographie von Hape Kerkeling. Routiniert verfilmt von Caroline Link und treffend besetzt. Ein Glücksgriff ist die Besetzung des jungen Hans-Peter mit Julius Weckauf, dessen Ähnlichkeit mit dem erwachsenen Hape erstaunlich ist. Der richtige Film zur Weihnachtszeit. Er macht gute Laune und kann von Groß und Klein besucht werden. Für Kinder ist der Protagonist eine ideale Identifikationsfigur; für Erwachsene ist der Film eine nostalgische Zeitreise in ein gut rekonstruiertes Ambiente.

Wertung: kann man sich ansehen

Astrid

von Pernille Fischer Christensen – Schweden u.a. 2018 – 123 Min.

Anfang des 20. Jahrhunderts im ländlichen Schweden. Die junge Astrid wächst in einer streng religiösen Familie auf und wird Volontärin bei einem kleinen Lokalblatt in Smaland. Ihr Chefredakteur, der vom Alter her ihr Vater sein könnte, erkennt ihr Talent fürs Schreiben und fördert sie. Doch dabei bleibt es nicht. Die beiden verlieben sich und Astrid wird ungewollt schwanger. Ein Problem für den Mann, da er noch verheiratet ist, aber getrennt lebt. Um den sich anbahnenden Konflikten und Skandalen zu entkommen, bringt Astrid ihr Kind in Dänemark zur Welt, wo es bei einer Pflegemutter in Kopenhagen bleibt. Da dem Erzeuger ein Strafverfahren wegen Ehebruch und Unzucht mit einer Abhängigen droht, muss Astrid in den kommenden Jahren einen eigenen Weg finden, ihr Leben zu meistern. Hilfreich ist dabei ihr Talent fürs Geschichtenerzählen.

Eigentlich eine kleine, nachvollziehbare Geschichte, eher für den Bildschirm als für die große Leinwand. Da die Kamera dicht bei der Hauptdarstellerin bleibt und deren Gefühlswelten dem Publikum hautnah vermittelt, ist ASTRID ein aufschlussreicher, emotional ergreifender Film: Die Protagonistin wird später unter dem Namen Astrid Lindgren (1907 – 2002) eine weltberühmte Kinderbuchautorin. Klassisches Biopic demnach; der schwedische Originaltitel „Unga Astrid“ („Astrid werden“) trifft es genauer.

Wertung: sollte man gesehen haben

Climax

von Gaspar Noé – F 2018 – 95 Min.

21 junge Tänzer bereiten sich auf eine Tournee durch Frankreich und in den USA vor. Vor der Abreise haben sie sich versammelt, um zusammen zu tanzen, sich näher zu kommen. Reden und Feiern. Unablässig pumpt die Musik Beats in den Raum. Die Stimmung ist bestens. Sangria fließt in Strömen, doch jemand hat Drogen in die Drinks gemischt. Nach und nach beginnen sie zu wirken. Panik macht sich breit. Aus Angst wird Paranoia. Chaos und Anarchie brechen aus. Die Tänzer taumeln, stolpern und tanzen weiter in höchster Ekstase bis zum Morgengrauen als die Polizei eintrifft und das ganze Ausmaß entdeckt.

Ein Filmerlebnis mit körperlich spürbaren Erfahrungen. Kompromisslos, berauschend und faszinierend. Ein totaler Bruch mit allen gesellschaftlichen Konventionen, traditioneller Dramaturgie und den Regeln der stilgeschichtlichen und filmsprachlichen Mittel.

Wertung: kann man sich ansehen

The House That Jack Built

von Lars von Trier – Dänemark 2018 – 155 Min.

Lars von Trier erzählt bildreich die Geschichte eines hochintelligenten Serienkillers namens Jack im Zeitraum von zwölf Jahren aus seiner Perspektive. Jack betrachtet jeden einzelnen seiner Morde als Kunstwerk und tauscht sich mit seinen Gedanken regelmäßig mit einem mysteriösen Gesprächspartner namens Verge aus. Während die Polizei dem Killer über die Jahre immer dichtet auf den Fersen ist, geht Jack immer größere Risiken ein, denn er ist noch nicht zufrieden mit seinem Werk. Sein Ziel ist das ultimative Kunstwerk: eine Kollektion all seiner Morde, manifestiert in einem von ihm selbst gebauten Haus.

Wie immer, so spaltet Lars von Trier auch diesmal das Publikum, von der Kritik sogar als „halb psychologische Quatsch, halb philosophischer Kitsch“ (Zeit) abgetan. In den Gesprächen mit Verge spielen die eigenwilligen Reflexionen des Protagonisten zu verschiedenen Bereichen der Kultur- und Kunstgeschichte eine zentrale Rolle. Jack sieht sich als „Künstler“ und der Regisseur liefert dazu grelle passende Bilder und Filmausschnitte. U.a. zeigt er einen historischen Filmmitschnitt, der den jungen Glenn Gould zeigt, der virtuos am Klavier Bach interpretiert. Die Diskussionen zwischen Jack und Verge über den Mord als Kunstform sind als Gleichsetzung des Massenmörders mit einem großartigen Künstler einfach geschmacklos. Und davon hat der Film einiges zu bieten.

Wertung: kann man sich ansehen

Verschwörung

von Fede Alvarez – USA 2018 – 117 Min.

„Verschwörung“ ist der vierte Titel der Roman-Reihe um die Hackerin Lisbeth Salander und den Journalisten Mikael Blomkvist. Die Bestseller haben auch schon einige Verfilmungs-Versuche überstanden, von denen aber nur die ersten gelungen sind.

Lisbeth hackt den US-Abhördienst und findet Beweise für eine Verschwörung innerhalb des Auslandsgeheimdienstes. Blomkvist, dessen investigatives Gespür nachgelassen hat, recherchiert den Tod eines Experten für KI, der kurz zuvor versuchte, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Bei dem weiteren Vorgehen entdeckt er eine Verbindung zu Lisbeth – und nun haben sie wieder ein gemeinsames Ziel.

Horror-Spezialist Fede Alvarez, ein Fan von David Fincher, reichert diesen Polit-Krimi um einige Elemente der ihm geläufigen Psycho-Thriller an. Herausgekommen ist ein hochexplosives Genre-Kino, das sich leider immer weiter von der Intelligenz und den Ansprüchen der Romanvorlagen entfernt.

Wertung: sollte man gesehen haben

Suspiria

von Luca Guadagnino – I/USA 2918 – 152 Min.

Susie, eine junge, ehrgeizige amerikanische Tänzerin zieht nach Berlin der 1970er-Jahre, um dort bei der renommierten Marcos Dance Academy eine Ausbildung zu absolvieren. Unter der Anleitung der künstlerischen Aufsicht Madame Blanc macht sie schnell erstaunliche Fortschritte. Doch Susie merkt, dass in der Tanzschule seltsame Dinge vor sich gehen. Mädchen verschwinden. Dr. Klemperer, der hochbetagte Psychotherapeut der jungen Tanzschüler, kommt bald einem dunklen Geheimnis auf die Spur: Hinter der Fassade verbergen sich drei grausame Hexen!

Vor dem Hintergrund aktuellen politischen Zeitgeschehens der Nazivergangenheit, des Kalten Krieges und der RAF-Aktionen in der geteilten Stadt entfaltet sich ein verwirrendes, anstrengendes Panorama; ein mysteriöses Labyrinth verstörender Bilder und rätselhafter Charaktere. Was als choreografiertes Tanzritual beginnt, findet ein blutiges Ende; insgesamt aber eine grandiose Bühne für Damen (nur Frauen spielen mit) und Diven, u.a. Angela Winkler, Sylvie Testud, Renée Soutendijk und Ingrid Caven. Allen voran: die großartige Tilda Swinton in der Doppelrolle als zeitlose Madame Blanc und dem 82 Jahre alten Dr. Klemperer.

„Suspira“ ist ein Remake des gleichnamigen Films vom Horror-Regisseurs Daria Argento (I 1976). Doch bei Guadagnino wird dem Original nicht nachempfunden, sondern ins Gegenteil verkehrt.

Wertung: kann man sich ansehen

Aufbruch zum Mond

von Damien Chazelle – USA 2918 – 143 Min.

Rekonstruktion der hochdramatischen Ereignisse des amerikanischen Raumfahrtprogramms zwischen 1961 und 1969. Im Mittelpunkt steht Neil Armstrong, dessen Biografie auch die Vorlage für diesen Film liefert. Im Focus allerdings nicht atemberaubende Raumfahrt-Sequenzen, sondern die technischen Bedingungen sowie die psychischen und physischen Herausforderungen auf engstem Raum in den Kapseln. Hinzu dann die Ensemble-Leistung der Station Huston, die solche Einzelleistungen erst ermöglicht.

Die körperlichen Anstrengungen des „Helden“ werden den Kino-Zuschauern durch Bild- und Toneffekte direkt vermittelt: Wie in den Hollywood-Katastrophenfilmen von einst ruckelt und zuckelt es im Zuschauerraum, was Schauergefühlt auslösen soll – aber nur langweilt.

Für Ryan Gosling keine Chance, seiner eingeengten Rolle Tiefe zu verleihen.

Wertung: ärgerlich

Der Nussknacker und die vier Reiche

von Lasse Hallström und Joe Johnston – USA 2018 -105 Min.

Fantasyfilm auf den Grundlagen der Erzählung von E.T.A. Hoffmann und der Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowski. Die junge Clara erhält eine Kiste als Geschenk. Doch den dazu passenden Schlüssel muss sie noch finden. Sie gerät dabei in eine mysteriöse Parallelwelt mit allerlei seltsamen Bewohnern.

Wo Disney draufsteht ist auch Disney drin. Hier ist es jedoch ein Film, der einer überzuckerten Sahnetorte gleichkommt. Die überquellenden Schauwerte unterstützen nicht die Handlung, sondern sind eigenständige Zutaten, die selbst einem profilierten Darstellerensemble (u.a. mit Keira Knightley, Helen Mirren und Morgan Freeman) keinen Raum lassen. Von der Regie eines Lasse Hallström, dessen Filme sich bislang durch eine persönliche Handschrift auszeichneten, diesmal keine Spur.

Wertung: sollte man gesehen haben

Halloween

von David Gordon Green – USA 2018 – 109 Min.

„Halloween“ von John Carpenter aus dem Jahre 1978 ist exemplarisches Genre-Kino, das zu vielen mehr oder weniger gelungenen Horrorfilmen inspirierte. Der geisteskranke Psychopath Michael Myers, der in der Halloween-Nacht sein Unwesen treibt und junge Menschen ermordet, überlebte bislang sieben Sequels. Zwanzig Jahre nach dem ersten Film begegnete Jungstar Jamie Lee Curtis als mittlerweile erwachsene Laurie in „Halloween H20“ (USA 1998, R: Steve Miner) erneut ihrem Erzfeind. Und nun sind wieder zwanzig Jahre vergangen und erneut treffen sie aufeinander. Myers ist nicht tot, sondern lebt in einer psychiatrischen Anstalt in Haft. Als die Insassen verlegt werden sollen, verunglückt der Gefangentransporter und der blutrünstige Psychopath kann fliehen. Er macht sich auf den Weg nach Haddonfield und der entsetzliche Alptraum beginnt für die Bewohner aufs Neue. Nur Laurie ist vorbereitet, sich dem personifizierten Bösen entgegenzustellen.

Da in dieser Handlungskonstruktion bereits Raum ist für neue Charaktere wie Lauries Tochter Karen und Enkelin Allyson ist es durchaus denkbar, dass in zwanzig Jahren ein (schein-)toter Myers erneute Haddonfield heimsucht. Diesmal aber ist es ein Wiedersehen mit der großartigen Jamie Lee Curtis, die alle und alles an die Wand spielt und spektakuäre Auftritte hat.

Wertung: kann man sich ansehen

Werk ohne Autor

von Florian Henckel von Donnersmarck – D 2018 – 189 Min.

Florian Henckel von Donnersmarck ist ein überschätzter Regisseur. Den Oscar für sein Debütwerk „Das Leben der Anderen“ erhielt er m. E. nicht wegen seiner Regiekünste, sondern weil es ein verdammt gutes Drehbuch gab, das er mit hervorragenden Darstellern umsetzen konnte.

Der Film „Werk ohne Autir“ über einen ostdeutschen Künstler, der sich nach seiner Flucht in die BRD mit seinen Kindheits- und Jugenderlebnissen aus NS- und SED-Zeit herumschlagen muss, orientiert sich an der Biographie Gerhard Richters. Die gesamte Handlung wirkt hüftsteif; immer muss irgendwas bewiesen werden. So beispielsweise die Hintergrundinformationen zu einzelnen Werken von Richter. Besonders schade: die quirlige, mitunter chaotisch-kreative Szene der Düsseldorfer Kunstakademie gleicht einem Panoptikum mit den sprechenden Köpfen von Beuys, Uecker etc. Das hätte weitaus authentischer und interessanter vermittelt werden können – und unterhaltsamer! Aber das war und ist wahrscheinlich auch nicht die Welt des selbstgefälligen Regisseurs.

Wertung: sollte man gesehen haben

The Man Who Killed Don Quixote

von Terry Gilliam – Spanien u.a. 2018 – 133 Min.

Eine sehr eigenwillige Adaption der klassischen fantastischen Abenteuergeschichte von Miguel de Cervantes’ Roman “Don Quijote de la Mancha”.

Der zynische Werbefilmer Toby triff während der Dreharbeiten in Spanien auf einen alten spanischen Schuhmacher, der sich für Don Quixote hält. Die beiden erleben eine Reihe absurder Abenteuer, in deren Verlauf Toby sich den tragischen Auswirkungen eines Films stellen muss, den er in seiner Jugend gedreht hat – Ein Film, der die Hoffnungen und Träume eines kleinen spanischen Dorfes für immer verändert hat.

Ein surrealer, vielschichtiger Film – mitunter aber eine Geschichte und/oder eine Schicht zuviel. Von der Realitätsebene der Dreharbeiten aus zurück in die Vergangenheit und danach gleich in die nahe Zukunft. Erinnerungen, Visionen und Träume vermischen sich kontinuierlich. Ein opulentes, üppiges Visualisierungskonzept mit schrägem Humor, leichter Ironie, derber Komik und Albernheit irritiert, ist aber gleichzeitig auch äußerst unterhaltsam.

Der hyperaktive, überdrehte Film blickt auf eine der längsten und kompliziertesten Entstehungsgeschichten der Filmhistorie zurück. Dass diese Produktion fast 30 Jahre nach ihren Anfängen im zehnten Anlauf letztendlich fertiggestellt wurde, ist eine bemerkenswerte Leistung, die man sich auf der großen Leinwand im Kino nicht entgehen lassen sollte. Allein schon das Spiel des Star-Ensembles ist eine Kinokarte wert. So unbeirrt, wie Don Quixote sich den Herausforderungen stellte, kämpfte Terry Gilliam trotz seiner katastrophalen Produktionsgeschichte für diesen Film. Im wahrsten Sinne des Wortes ein „Wahnsinns-Unternehmen“. Der „Edle Ritter“ war bekanntlich im Kopf etwas verwirrt. Und das war auch der Ausgangspunkt für Chronologie und Dramaturgie des Films.

Wertung: sollte man gesehen haben

Ballon

von Michael Bully Herbig – D 2018 – 120 Min.

Aus einer wahren, weltweit bekannten Abenteuergeschichte einen Thriller für die große Leinwand zu machen, ist kein einfaches Unternehmen. Der Story über die beiden Familien, die 1979 mit einem selbstgefertigten Heißluftballon die Flucht aus der DDR in die Freiheit gewagt haben, sind keine neuen Aspekte abzugewinnen. Trotzdem hat sich der Komödienerfolgsverwöhnte Regisseur Michael Bully Herbig an diesen Stoff und an dieses Genre gewagt. Das verdient Anerkennung und ist macht den Film auch interessant. Da die Flucht bekanntlich gelingt, sind die Spannungseffekte nicht beeindruckend. Sie wirken aufgesetzt und mitunter auch ärgerlich. Die konzentrierte Leistung der ausgezeichneten Darsteller sowie die sorgfältige Rekonstruktion des DDR-Alltags machen den Film dennoch sehenswert.

Wertung: hervorragend

Wackersdorf

von Gernot Krää und Oliver Haffner – D 2018 – 123 Min.

Ja, es gibt sie wirklich: Die Helden des Alltags! Der Landrat Hans Schuierer ist einer von ihnen. Leider haben die großen Ereignisse in der Oberpfalz in den 1980er-Jahren die Erinnerung an seinen Namen verdrängt. In seinem Wirkungskreis stiegen die Arbeitslosenzahlen und der SPD-Politiker bemühte sich, Perspektiven für die Bevölkerung zu schaffen. Da erschienen ihm die Pläne der Bayerischen Staatsregierung wie ein Geschenk: In der beschaulichen Gemeinde Wackersdorf soll eine atomare Wiederaufbereitungsanlage (WAA) gebaut werden, die wirtschaftlichen Aufschwung für die ganze Region verspricht. Doch als der Freistaat ohne rechtliche Grundlagen mit Gewalt gegen Proteste einer Bürgerinitiative vorgeht, die sich für den Erhalt der Natur in ihrer Heimat einsetzt, steigen in Schuierer Zweifel auf, die seine Karriere und seine Zukunft auf Spiel setzen, weil er kompromisslos für Recht und Gerechtigkeit kämpfte.

Ein Film über eine Epoche deutscher Zeitgeschichte, die für den Einsatz für demokratische Werte und Bürgerengagement seht. Wer diesen filmisch hervorragend gestalteten und emotional aufwühlenden „Unterrichtsfilm“ sieht, der spürt angesichts der aktuellen CSU-Politik, dass das „Lehrstück Wackersdorf“ ein Film zur rechten Zeit.

Wertung: kann man sich ansehen

Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm

von Joachim A. Lang – D/B 2018 – 130 Min.

Es beginnt mit der Generalprobe und der Uraufführung der „Dreigroschenoper am 31. August 1928 im Berliner Schiffbauerdamm-Theater und den Turbulenzen und Auseinandersetzung zwischen den Machern (Brecht, Weill, Schauspieler, Dramaturgen etc.) und der Theaterleitung. Doch das ist schnell vergessen, denn das Stück wird ein großer Erfolg. Das veranlasst Brecht, sein Werk für eine Filmadaption vorzubereiten. Da die Absichten des Autors bei der Produktionsfirma Nero-Film AG nicht durchzusetzen sind, kommt es zu dem historischen „Dreigroschenprozess“. Brecht wollte einen radikalen, politisch pointierten Film; die Firma war aber nur an einem Kassenerfolg interessiert.

Regie bei dem Film „Machie Messer“ führte der Brecht-Experte Prof. Dr. Joachim A. Lang, der sich in seiner Dissertation mit der Verfilmung von Brechts epischem Theater beschäftigte. In seinem Kinofilmdebüt lässt er Realität und Fiktion verschmelzen – das aber nicht mit den brechtschen Verfremdungseffekten, sondern mit bunten Bilder, Revue- und Showeinlagen. Das wirkt aufgesetzt und nicht schlüssig. Hinzu kommt, dass alles, was Brecht im Film sagt, auf Zitaten aus dessen gesamten Werk und Leben beruht. Und so ist der Protagonist seine eigene Karikatur, die in jeder Einstellung durch die halbangerauchte Zigarre beweisen will, dass man sich hier an einschlägige Fotos orientiert.

Der Regisseur ist an seinen eigenen, ambitionierten Ansprüchen gescheitert; u.a. will er (fast) das gesamte Theaterstück zeigen, die Auseinandersetzungen zwischen Generalprobe und Premiere, die Konflikte um die Verfilmung des Stoffes, parallel dazu einen Ausschnitt aus der Biographie Brechts und ein zeitgeschichtliches Porträt Ende der 20er- Anfang der 30er-Jahre.

Die Nebenrollen wie Mitarbeiterinnen, Freundinnen, Freunde und Kollegen sind mit Ausnahme der des Komponisten Kurt Weill nicht konturiert. Man muss schon sehr viel über Brecht wissen, um die Zusammenhänge zu verstehen. Der Versuch, mit einer eigenen Film-Dramaturgie der Chronologie des Theaterstückes gerecht zu werden, wirkt hüftsteif und angestrengt. Daran ändert auch nicht das Prädikat „besonders wertvoll“. Ein imposantes Darsteller-Ensemble hat sich umsonst zu Höchstleistungen aufgeschwungen.

Nein: Dieser Film würde dem großen Meister wahrscheinlich nicht gefallen.

Wertung: kann man sich ansehen

Asphaltgorillas

von Detlef Buck – D 2018 – 103 Min.

Zwei Typen aus dem (klein)kriminellen, rauen Berliner Straßenmilieu versuchen den großen Coup, um ihr Schicksal zu drehen und legen sich mit der Mafia an. Dabei übernehmen sie sich und die Sache eskaliert. Ein Genrefilm mit einem zuvieldesguten Stilmittelmix, deren Zutaten nicht aufeinander abgestimmt sind. Schrill, laut, überdreht, mitunter auch absurd und verworren. Kein Klischee wird ausgelassen – weder bei den Schauplätzen wie schummrige Nachtclubs, Luxusappartements, Chinaviertel oder kriminelle Autowerkstätten, noch bei den zwielichtigen Charakteren: Türken, Asiaten, Osteuropäer. Nichts mehr von dem Charme und Witz der frühen Buck-Filme. Aus einer Kurzgeschichte von Ferdinand von Schirach wurde leider keine stimmige Gangstergroteske für die große Leinwand.

Wertung: hervorragend

BLACKkKLANSMAN

von Spike Lee – USA 2018 – 135 Min.

Eine irre Geschichte – unglaublich aber wahr! In den frühen 1970er-Jahren tritt der junge Polizist Ron Stallworth als erster Afroafrikaner seinen Posten als Kriminalbeamter im Colorado Springs Police Department an. Entschlossen, sich einen Namen zu machen, startet er eine aberwitzige und gefährliche Mission: den Ku-Klux-Klan zu infiltrieren und bloßzustellen. Stallworth gibt vor, ein eingefleischter Extremist zu sein, nimmt telefonisch Kontakt zu der Vereinigung auf und kann schnell in den inneren Kreis vordringen. Als die Undercover-Mission zunehmend komplexer und brisanter wird, übernimmt ein Kollege seine Rolle in den persönlichen Treffen. Gemeinsam machen sie sich daran, die Organisation zu Fall zu bringen.

Der von Spike Lee souverän inszenierte Film basiert auf einer Bestandsaufnahme der ethischen Beziehungen im Amerika der 1970er-Jahre, die gerade in der turbulenten Gegenwart von mitreißender Aktualität ist. In den letzten Bildern ist es der amtierende amerikanische Präsident, der die aufkommenden Rassenunruhen arrogant herunterspielt.

Wertung: sollte man gesehen haben

Don’t Worry, weglaufen geht nicht

von Gus Van Sant – USA 2018 – 115 Min.

Ein Film nach der Autobiographie von John Callahan, der durch seine bissigen, urkomischen mit oft auch umstrittenen Cartoons bekannt wurde. Nach einem schweren Autounfall, der sein gesamtes Leben ändert, macht er sich auf den steinigen Weg, seine Alkoholsucht zu überwinden und lässt sich auf eine Entzugstherapie ein. Dabei entdeckt er sei Zeichentalent und wendet es für die respektlosen Cartoons an, die ihm ein neues Leben schenken und ihm Fans in vielen Ländern einbringen.

Gus Van Sant, dessen Filme sich durch emotionale schauspielerische Höchstleitungen auszeichnen, hat hier mit Joaquin Phoenix den idealen Protagonisten gefunden, der jede Sequenz des Films beherrscht und das Publikum fesselt. Van Sant erzählt die Geschichte des 2010 im Alter von 59 Jahren verstorbenen John Callahan nicht geradlinig und folgerichtig; er zerschmettert seine Biographie und setzt sie wie in einem zerbrochenen Spiegel neu zusammen. Und so baut er Spannung auf und zwingt er die Zuschauer dazu, sich auf die Nuancen und Facetten des Geschehens zu konzentrieren.

Wertung: hervorragend

Aus nächster Distanz

von Eran Riklis – D/F/Israel 2017 – 93 Min.

Mit Hilfe des israelischen Geheimdienstes Mossad flieht die Informantin Mona vor der Hisbollah aus dem Libanon nach Hamburg. Dort bekommt sie eine neue Identität und im wahrsten Sinne des Wortes ein neues Gesicht verpasst. Nach der Operation wird sie in einer gesicherten Wohnung untergebracht. Gesellschaft bekommt sich dabei von der Agentin Naomi, die der Geheimdienst als Beschützerin schickt. Dabei wird bald klar, dass die beiden Frauen weit mehr teilen, als nur das vermeintlich sichere Versteck – sie verbindet auch das Gefühl eines großen Verlustes. Ein Verwirrspiel aus Verrat, Freundschaft, Loyalität und Versprechen nimmt seinen Lauf, das die eigentlich nur zwei Wochen währende Unterkunft zu einer Belastungsprobe für beide Frauen und ihre Überzeugungen macht: Wofür lohnt es sich zu leben, und wem kann man am Ende noch trauen?

Buch und Regie bauen mittels eines komplexen, multidimensionalen Labyrinths einen Spannungsbogen auf, der zu Verwirrungen und überraschenden Wendungen führt. Dank bei beiden hervorragenden Hauptdarstellerinnen trotz des fast kammerspielähnlichen Ambientes des Films ein starkes Stück „großes Kino“ geworden.

Wertung: sollte man gesehen haben

Mission: Impossible – Fallout

von Christopher McQuarrie – USA 2018 - 148 Min.

Tom Cruise als Agent Ethan Hunt ist immer noch aktiv. Seine Gegenspieler sind diesmal die Weltuntergangsterroristen „Die Apostel“, die drei Plutonium-Kapseln in ihren Besitz bringen. Da ist Rettung in buchstäblich „letzter Sekunde“ angesagt.

Ein grandioser Genrefilm mit allen (bewährten) Zutaten; die üblichen Verfolgungsjagten incl. Eine davon in Paris mit alten und neuen Schauplätzen wie z.B. bei Gegenverkehr rund um den Arc de Triomphe. Atemberaubend dann auch das Finale: das Duell des Agenten gegen den Bösewicht. Ausgetragen in irrwitzigen Hubschrauberflügen in den zerklüfteten Himalaja-Bergregionen Kaschmirs. Großes Blockbuster-Kino! Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Wertung: kann man sich ansehen

Hotel Artemis

von Drew Peace – USA 2017 – 104 Min.

Jodie Foster spielt eine couragierte High-Tech-Ärztin, die im Los Angeles von 2028 ein geheimes Krankenhaus namens „Hotel Artemis“ für Schwerverbrecher managt. In den Straßen der Stadt tobt ein außer Kontrolle geratener Bürgeraufstand. Eine Bande nutzt die Gelegenheit, eine Bank zu überfallen. Als ihr Raubzug vom Kugelhagel der Polizei unterbrochen wird, bleibt der schwer angeschlagenen Gang nur noch die rettende Flucht ins Hotel Artemis. Doch eine weitere Gefahr droht nicht nur durch die Cops, sondern auch von anderen Outlaws, die ins Hotel eindringen. Für die Chefin ist es schwer, in diesem Chaos den Überblick zu behalten und die Kräfte zu bändigen.

Eine krude Mischung auf Action, Sci-Fi und Noir mit den bekannten Versatzstücken des Genres. Leider nicht inspiriert und spannend zusammengefügt, sondern langatmig und vorhersehbar. Schade, nach längerer Leinwand-Abstinenz hätte man Jodie Foster eine überzeugendere Rolle gegönnt.

Wertung: sollte man gesehen haben

Sicario 2

von Stefano Solima – USA 2017 – 122 Min.

Zwei Jahre nach ihrem letzten Einsatz sind FBI-Agent Matt Graver und Auftragskiller Alejandro Gillick erneut an der amerikanisch-mexikanischen Grenze unterwegs. Dort herrscht mittlerweile vollkommener Ausnahmezustand. IS-Terroristen schleusen ihre Leute massenweise unbemerkt in die USA, wo sie blutige Anschläge verüben. Das Geschäft erweist sich als einträglicher als der Drogenschmuggel und löst einen Krieg verfeindeter Drogenkartelle aus, den Matt anheizen soll. Um sein Ziel zu erreichen, will er Isabella, die Tochter des Kartellbosses und Terroristenschleusers Carlos Reyes, entführen. Außerdem hat Alejandro noch eine private Rechnung mit Reyes offen, die er in der Gunst der Stunde begleichen soll. In dem komplexen Kampf zwischen Macht und Gier verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse. Der passende Film zu den aktuell von Trump ausgelösten Diskussionen.

Perfekt konstruiertes und mit viel Action umgesetztes Genrekino mit bewährten, routiniert aufspielenden Protagonisten.

Wertung: kann man sich ansehen

Mamma Mia! Here We Go Again

von Ol Parker – USA/GB 2017 – 114 Min.

Zehn Jahre nach dem großen Erfolg des Filmes “Mamma Mia!” ist es an der Zeit, das Erfolgsrezept neu aufzulegen. Doch diesmal stimmt die Zubereitung nicht so ganz. Aus den ABBA-Erfolgstiteln, die wie auf einer Perlenschnur aneinander aufgereiht sind, lässt sich nur mühsam eine überzeugende Rahmenhandlung entwickeln. Einerseits eine Fortschreibung des ersten Films, andererseits verzwickte Rückblenden auf dessen Vorgeschichte. Mit alten und neuen Gesichtern. Ansonsten nichts Neues unter griechischer Sonne. Nur das Finale, in dem alle Beteiligten gemeinsam agieren, singen und tanzen, versprüht so etwas die Gute Laune. Und einigen Altstars ist deutlich anzusehen, wie sehr es ihnen gefällt, gegen ihre Klischee-Rollen zu spielen. Man sagt umgangssprachlich auch dazu: Die Sau rauszulassen!

Aber dafür muss man sich den Rest des Films nicht antun.

Wertung: hervorragend

Foxtrot

von Samuel Madz – Israel u.a. 2018 – 13 Min.

Ein Film wie eine klassische griechische Tragödie in drei Akten. Im Mittelpunkt stehen der wohlsituierte Tel Aviver Architekt Michael Feldman, seine Ehefrau Dafna, ihre Tochter Alma und ihr Sohn Jonathan, der an einem abgelegenen Grenzposten seinen Wehrdient ableistet. Das Ehepaar bekommt unerwartet Besuch von zwei Soldaten: ihr Sohn sei im Einsatz gefallen. Diese Nachricht wirft Leben, Psyche und Ehe des Paares aus der Bahn. Getrieben von tiefer Trauer und Verständnislosigkeit entwickelt sich in Michael ein Sturm aus rasender Wut, geprägt von Unsicherheiten und Traumata. Doch dann nimmt die Geschichte eine unvorhersehbare Wendung, die das Schicksal der ganzen Familie in eine neue Richtung lenkt: Es handelt sich um eine Verwechslung – und das ist erst das Ende des ersten Aktes.

„Foxtrot“ ist eine radikale, schmerzhafte und emotional berührende Anti-Kriegs-Parabel, die auf den palästinensisch-israelischen Konflikt zielt, der die Seelen der Menschen beschädigt ihren Alltag bestimmt und wenig Hoffnung auf Frieden lässt. Es handelt sich um eine israelisch-deutsch-französische Koproduktion, die international mit Preisen und Auszeichnungen bedacht wurde.

Wertung: nicht zu empfehlen

Halaleljua - Iren sind menschlich

von Conor McDermottroe – I/D 2017 – 95 Min.

Ein Inder in Irland – der junge Ragdan hat schon vor einigen Jahren Reißaus genommen vor den traditionellen Heiratsplänen, die sich sein Vater für ihn ausgedacht hat. In Sligo hat er bei seinem Onkel ein neues Leben gefunden, neue Freunde, riesige Wellen zum Surfen und: Maeve, seine große Liebe. Als sein Vater ihn mit einem völlig absurden Geburtstagsgeschenk überrascht, steht seine ganze Welt auf dem Kopf: Es handelt sich um einen abgewrackten Schlachthof, den Radgan mit Vaters Hilfe in einen Halal-Betrieb verwandeln soll.

Eine Geschichte, die keine Klischees auslässt, um ein multikulturelles Wohlgefühl zu erreichen. Eine synthetische Dorfgemeinschaft mit strapazierenden Komplikationen, die sich in bunten Schlussbildern auflösen. Unverzeihlich: Ein Film aus Irland, der in Irland spielt und in dem nicht ein einziges Glas Guinness getrunken wird. Und das ausgerechnet mit einem so erfahrenen und präsenten Schauspieler wie Colm Meaney! Slainte!

Wertung: kann man sich ansehen

The Strangers 2: Opfernacht

von Johannes Roberts – USA 2017 - 85 Min.

Die „Strangers“ haben – nach zehn Jahren - wieder mal zugeschlagen. In einem abgelegenen Wohnwagenpark nach Ende der Saison haben sie es auf eine Familie (Vater, Mutter, Tochter, Sohn) abgesehen, die auf der Durchfahrt dort einen Zwischenstopp einlegt. Die Handlungsmuster sind bekannt; überraschungsarm plätschert der Film vor sich hin. Gut getroffen ist nur die düstere, nebelige Atmosphäre, die für interessante, genreübliche Bilder sorgt. Die fantastische Christina Hendricks spielt die Mutter, sie könnte aber auch die Rolle ihrer Tochter übernehmen. Hier sorgt allerdings Bailee Madison als rebellische, unangepasste Punkerin für einen scharfen Kontrast. Die Darsteller von Vater und Sohn haben keine große Chance sich gegen diese Damen zu profilieren.

Wertung: kann man sich ansehen

Hereditary – Das Vermächtnis

von Ari Aster – USA 2018 – 123 Min.

Eine Familie muss sich nach dem Tod des Oberhauptes mit mysteriösen und grauenhaften Ereignissen auseinandersetzen, bei denen auch furchterregende Geheimnisse ihrer Vorfahren ans Licht kommen. Stilsicherer Genrefilm im Stil von „Rosemaries Baby“ – ohne Mehrwert.

Wertung: nicht zu empfehlen

Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes

von Wim Wenders – D/ua 2018 – 96 Min.

Zwei Visionäre erklären die Welt: der eine mit Worten, der andere mit Bildern. Wenders Porträt des Papstes ist eine sehr persönliche, demutsvolle Annäherung mit ungewohnten Perspektiven. Verblüffend die Offenheit seines Protagonisten und seine schlichte Art, die Dinge beim Namen zu nennen. Ein Film zur rechten Zeit, in der das Misstrauen gegenüber den Herrschenden groß ist und in der Lügen, Korruption und ‚alternative Fakten’ den öffentlichen Diskurs bestimmen. Franziskus beweist sich als ein Mann, der lebt, was er predigt, und dem die Menschen aller Glaubensrichtungen, aus aller Welt und aus unterschiedlichen Kulturen ihr Vertrauen schenken.

Wenders Film ist das Ergebnis einer außergewöhnlichen Zusammenarbeit zwischen dem Vatikan und diversen Produktionsfirmen. Früher hielten sich die Päpste ihre Maler, heute muss ein Filmemacher dran glauben. Der Heilige Wim hat sich damit ein Fleißkärtchen verdient. Die SZ schrieb am 15.05.018 von einer „hemmungslosen Verehrung“. Stimmt! Hätte man so allerdings nicht erwartet.

Wertung: nicht zu empfehlen

Die brillante Mademoiselle Neila

von Yvan Attal – F 2018 – 95 Min.

Wieder einer von den weichgespülten, wohlmeinenden und warmherzigen Komödien, die seit einigen Jahren in unserem Nachbarland gedreht werden. Diesmal ist es ein griesgrämiger Professor, der seine in der Vorstadt lebende Studentin für einen Rhetorikwettbewerb gegen seinen Willen trainieren muss. Alles verläuft nach Plan – vorhersehbar und langweilig.

Wertung: sollte man gesehen haben

Feinde – Hostiles

von Scott Cooper – USA 2017 – 134 Min.

Es ist sehr schön, dass im Kino heute auch noch Geschichten erzählt werden, die aus der Zeit gefallen sind. Hier handelt es sich um einen Film, der zwar im „wilden Westen“ spielt, aber nicht eindeutig dem Western-Genre zugeordnet werden kann. Es ist das Jahr 1892 in New Mexico. Der verdiente Offizier Joseph Blocker erhält den Auftrag, den kranken Cheyenne-Häuptling Yellow Hawk, der die vergangenen sieben Jahre im Gefängnis verbrachte, in dessen Stammesland nach Montana zu begleiten. Der letzte Wunsch des als unerbittlich bekannten Indianer ist es, zu Hause zu sterben. Blocker und Yellow Hawk haben eine gemeinsame Vergangenheit, weswegen Blocker den Auftrag nur äußerst widerwillig annimmt. Gemeinsam mit einigen Soldaten und der Familie des Häuptlings bricht die Truppe auf. Unterwegs stoßen sie auf die junge Witwe Rosalie Quaid, deren Familie kaltblütig von Komantschen umgebracht wurde. Die traumatisierte Frau schließt sich ihnen an und die Gruppe setzt ihren gefährlichen Weg quer durch das unwegsame Land und eine extrem feindliche Umgebung fort. Nur als Gemeinschaft haben sie eine Chance, zu überleben. Der Film verzichtet auf die genreüblichen Klischees und besticht durch seine ausbalancierte Narration. Sehr genau beobachtet er die Zeitabläufe der Auflösungserscheinungen und Orientierungslosigkeit. Entstanden ist ein bildgewaltiges und intensives Epos über Liebe und Hass, Gnade und Vergebung, bei die Grenzen zwischen Feind und Verbündetem, Sieger und Besiegtem verschwimmen.

Wertung: nicht zu empfehlen

Solo – A Star Wars Story

von Ron Howard – USA 2018 -125 Min.

Nicht viel Neues unter den Sonnen. Daher zurück zu den Anfängen. Hier der Beginn der Freundschaft zwischen Han Solo und seinem späteren Co-Piloten Chewbacca. Die Kampfszenen und Raumflüge sind wie gewohnt visuell eindrucksvoll – ermüden aber mit der Zeit. Und mit Alden Ehrenreich als Han Solo hat man einen Protagonisten gefunden, dessen Ausdrucksfähigkeit von seinem Partner mühelos übertroffen wird.

Wertung: sollte man gesehen haben

Isle of Dogs – Ataris Reise

von Wes Anderson – USA 2017 – 101 Min.

Als in der Metropole Megasaki City eine Hundeseuche ausbricht, nutzt der korrupte, katzenliebende Bürgermeister die Chance, um alle Hunde der Stadt auf eine naheliegende Müllinsel zu verbannen. Nur sein Pflegesohn, der 12-jährige Atari, nimmt das nicht einfach so hin und fliegt nach Trash Island, um seinen geliebten Bodyguard-Hund Spots zurückzuholen. Dort freundet er sich mit einem Rudel streunender Mischlingshunde an und bricht gemeinsam mit seinen neugewonnenen, zotteligen Freunden zu einer epischen Abenteuerreise auf, die das Schicksal und die Zukunft der ganzen Präfektur entscheiden wird.

Wes Anderson erhielt bei der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären für die Beste Regie.

Sein Film ist eine “düster-dystopische Satire mit Anleihen beim Film noir, Samurai-Epen und klassischen Monsterfilmen, gespickt mit dem für Anderson typischen staubtrockenen Humor.“ (Fantasy Film Fest 2018).

Wertung: kann man sich ansehen

Rewind

von Johannes F. Sievert – D 2018 – 106 Min.

Tatort Köln. Kommissar Richard Lenders ermittelt in einer mysteriösen Mordsache und stößt auf eine Möglichkeit, durch Aktionen mittels Zeitreisen weitere Morde zu verhindern und auch seine eigene Vergangenheit zu ändern. Ein verquaster quantentheoretischer Zeitreisen-Thriller der mit der Möglichkeit einer Zeitumkehrung spielt. Dem Zuschauer wird ein Filmerlebnis geboten, dass dem Versuch gleicht, eine zerstörte Festplatte zu rekonstruieren. Der Regisseur Johannes F. Sievert hat im vergangenen Jahr gemeinsam mit Dominik Graf für Arte/WDR die sehenswerte, aufschlusseiche Dokumentation „Offene Wunde deutscher Film“ produziert. Die Wunde bleibt offen.

Wertung: sollte man gesehen haben

7 Tage in Entebbe

von José Padiha – USA/UK 107 Min.

27. Juni 1976 – eine Gruppe palästinensischer und deutscher Terroristen kapert die Air France Maschine 139 auf ihrem Flug von Tel Aviv nach Paris und erzwingt eine Landung in Entebbe, Uganda. An Bord sind über 250 Menschen, die in eine leerstehende Wartehalle untergebracht werden. Die israelischen Geiseln an Bord sollen gegen palästinensische Gefangene ausgetauscht werden. Mit einem Ultimatum von nur einer Woche muss die Regierung in Israel eine schwerwiegende Entscheidung treffen – durchbricht sie ihre bisherige Maxime, mit Terroristen nicht zu verhandeln? Es folgen 7 Tage in Entebbe, die sowohl die Politiker als auch die Kidnapper ans Äußerste bringen.

Obwohl das Ende dieses Dramas bekannt ist, gelingt es dem fesselnden, authentischen und intelligenten Film die Spannung zu halten. Er rekonstruiert die bedrückende Atmosphäre ohne genreübliche Klischees zu bedienen. „7 Tage in Entebbe“ ist ein überparteiliches, klares Plädoyer für das Verhandeln, das Reden und das Miteinander – und damit neben spannender Geschichtsaufarbeitung auch ein hochaktueller Film.

Wertung: sollte man gesehen haben

Ein Leben

von Stéphane Brizé - F/B 2016 – 119 Min.

Nach einem Roman von Guy de Maupassant. Die Handlung spielt 1819 in der Normandie. Die junge Landadelige Jeanne kehrt nach ihrer Ausbildung in einem Convent auf das Landgut ihrer Eltern an der Küste der Normandie zurück. Die wohlbehütete Jeanne träumt von einer Liebe, die sie nur aus Büchern kennt. Voller romantischer Ideen willigt sie ein, den verarmten Viscount Julien de Lamare zu heiraten. Nach der Trauung überlassen die Eltern Jeannes Ehemann das Landgut der Familie. Jeanne muss schon bald erkennen, wie naiv sie die Welt bisher gesehen hat. Julien ist alles andere als ein treuer, fürsorglicher Gatte. Er betrügt sie nach Strich und Faden. Jeanne ist unfähig, sich mit einer Welt der Lüge und des Betrugs zu arrangieren. Die Beharrlichkeit, mit der sie sich wider alle Vernunft ihre Vorstellung von ihrer Welt zu bewahren versucht, macht sie zu einer faszinierenden wie verstörenden Heldin.

Die emotional ergreifende, intensiv erzählte Geschichte verzichtet in der filmischen Konzeption auf die überbordende Ausstattung herkömmlicher Kostümfilme. Dafür rückt die Kamera ausdrucksstarke Nahaufnahmen der Protagonisten in den Focus und schafft so eine zeitlos gültige Begegnung mit Charakteren, die der Vorlage des Romas entsprechen.

Wertung: sollte man gesehen haben

The Happy Prince

von Rupert Everett – D/B/I 2017 – 105 Min.

Filme über bekannte und berühmte Künstler folgen oft der Vorgabe von Aufstieg und Fall des Protagonisten. Das ist hier nicht der Fall. Ende des 19. Jahrhunderts ist Oscar Wilde noch Dandy und Darling der Londoner Gesellschaft – geistreich, humorvoll und skandalumwittert. Doch seine für die Zeit zu offen gelebten Liebesbeziehungen mit Männern bringen ihn ins Zuchthaus. Bei seiner Entlassung ist er verarmt und gesundheitlich angegriffen; ergeht ins Exil nach Paris.

Im Zentrum der Filmbiografie stehen seine letzten Jahre, der Verfall, der Ruin und das Ende. Rückblenden und assoziative Traumbilder zeigen ihn als exzentrischen Lebemann, der er zeitlebens war, und das Porträt öffnet sich zu einem Panorama der beginnenden Moderne. Rupert Everett ist Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller des Films. Als Schauspieler hat er auf der Bühne und im Film oft in Werken von Oscar Wilde mitgewirkt, was sein Interesse an dem Dichter erklärt. Sein melodramatischer Film bemüht sich um eine realitätsgetreue Rekonstruktion der Zeit und des Personals – mit dem Witz und der Ironie, die dem Protagonisten gebührt.

Wertung: hervorragend

Euphoria

von Lisa Langseth – S/D/GB 2017 – 104 Min.

Seit Jahren hatten die Schwestern Ines und Emilie keinen Kontakt mehr zueinander. Jetzt aber erhält Ines eine dringliche Einladung Emilies, sie auf einer mysteriösen Europareise zu begleiten. Sie willigt ein, wenn auch widerstrebend. Erst als sie ihr Ziel erreichen, ein geheimnisvolles Schloss inmitten einer abgelegenen Waldlichtung, begreift Ines, warum Emilie sie an genau diesen Ort geführt hat – hier kann man sich so von seinem Leben verabschieden, wie man es wünscht. Sechs Tage bleiben den Schwestern sich mit ihrer bewegten Vergangenheit, die sie auf völlig unterschiedliche Lebenswege geführt hat, mal temperamentvoll, mal melancholisch auseinanderzusetzen. Marina, die Leiterin des außergewöhnlichen Anwesens, wird dabei für die Schwestern zu einer vermittelnden Instanz.

EUPHORIA ist ein atmosphärisch dichter, emotionaler und spannender Film, in dem dunkle Geheimnisse, Lügen und Verrat dreier starker Frauen eine wichtige Rolle spielen. Ein feinnervig komponiertes Drama über Familie, Leben und Vergänglichkeit. Die Geschichte ist von zeitloser Qualität. Ort und Zeit spielen keine Rolle; die Protagonisten sind austauschbar. Wäre der Film in Schwarzweiß gedreht, so könnte man ihn für einen Ingmar Bergman-Klassiker aus den 1960er-Jahren halten.

Wertung: nicht zu empfehlen

Grain – Weizen

von Semih Kaplanoglu – EUR 2017 – 128 Min.

In einer dystopischen Zukunft hat ein drastischer Klimawandel die Erde nahezu unbewohnbar gemacht. Die Menschen leben entweder in verfallenen Ruinenstädten oder als Flüchtlinge in von unsichtbaren Elektrobarrieren abgetrennten ländlichen Gebieten. Ein Professor begibt sich auf die Suche nach einem berühmten Genetiker, der die Lösung für die Missernten bereithalten könnte, die die Menschheit in dieses Chaos gestürzt haben – aber dazu muss er sich in die verbotenen Zonen vorkämpfen.

Die Geschichte ich schnell erzählt: Ein anstrengender Road-Trip durch unwirtliche Landschaften. Verfilmt dauert es aber unendlich lange. Viel zu lang. Da kann man sich besser zwischenzeitlich einen Film von Tarkowski ansehen. „Stalker“ vielleicht.

Wertung: sollte man gesehen haben

A Beautiful Day

von Lynne Ramsey –USA 2017 – 90 Min.

Joaquin Phoenix spielt einen brutalen, am Alltagsleben gescheiterten Ex-Militär, der sich für heikle und oft mit Gewalt verbundene Aufträge engagieren lässt. Der Kriegsveteran ist ein emotionales und psychisches Wrack. Als er sich verpflichtet, ein junges Mädchen aufzuspüren, das entführt oder vermisst wird, ahnt er nicht, in welches Dickicht von Korruption, Macht und Vergeltung er gerät: in die skrupellosen Machenschaften eines Kinderhändlerrings. Die Grenzen zwischen den Kriminellen, den Politikern und den Cops, zwischen Freund und Feind, sind fließend. Es wird nicht lange und umständlich diskutiert, sondern gleich (mit dem Hammer) geschlagen oder geschossen.

Ein starkes und nur schwer zu ertragendes Stück ultrabrutales Kino. Wir lernen einen Typen kennen, den wir eigentlich nicht kennenlernen möchten. Der Actionheld rückt uns so nah auf die Pelle, dass man unwillkürlich zurückweicht, wenn er uns in Nahaufnahme näherkommt. Besonders intensiv und verstörend sind jene Momente, in denen der Film nicht nur die brutale und unwirtliche Alltagsrealität des Killers abbildet, sondern sie vermischt mit alptraumartigen Erinnerungen oder surrealem Wunschdenken.

Wertung: hervorragend

PAWO

von Marvin Litwak – D/Indien 2016 – 117 Min.

Eine in der aktuellen Filmlandschaft außergewöhnliche Produktion. Das Spielfilmdebüt des Dortmunder Regisseurs ist eine deutsch-indische Koproduktion und wurde in Indien gedreht, bei der nicht nur die Finanzierung abenteuerlich war. PAWO bedeutet auf Tibetisch „Held“ und basiert auf einer wahren Geschichte. Der Film zeichnet das Leben des jungen Tibeters Jamphel Yeshi nach, der sich 2012 aus Protest gegen die andauernde Besatzung Tibets durch China selbst anzündete. Die Dramaturgie räumt dem beschwerlichen, risikoreichen und gefährlichen Fluchtweg durch das Himalaya-Gebirge einen zentralen Part ein. Den Kontrast dazu bilden dann die engen, unüberschaubaren Gassen der tibetanischen Enklave in Delhi.

Martin Litwak wurde 2012 durch einen SPIEGEL-Artikel auf die erschütternde Geschichte seines Protagonisten aufmerksam. Zwei Jahre später begann er mit den Dreharbeiten auf der Grundlage einer Crowdfunding-Kampagne. Alle mitwirkenden Darsteller sind Laien. PAWO hat es international zu Festivalerfolgen gebracht. Dem Film ist zu wünschen, dass er im gängigen Mainstream-Kino den Platz findet, der ihm gebührt: Eine in jeder Hinsicht bemerkenswerte, herausragende Ensemble-Leistung von Buch und Regie, Darsteller und Kamera.

Wertung: hervorragend

Lady Bird

von Greta Gerwig – USA 2017 – 94 Min.

Eine in jeder Hinsicht gelungene und überzeugende Coming-of-Age-Geschichte. Im Mittelpunkt steht die 17-jährige Christine „Lady Bird“ McPherson aus Sacramento. Ihr Alltag im sonnigen Kalifornien besteht aus High-School-Routine, Familientrouble und ersten ernüchternden Erfahrungen mit Jungs. Kein Wunder also, dass sie davon träumt, flügge zu werden. In der Schule legt sie sich gerne mit den Autoritäten an und rebelliert mit Leidenschaft und Dickköpfigkeit gegen die Enge in ihrem Elternhaus. Doch allzu leicht macht ihre Mutter dem ebenso eigenwilligen wie aufgeweckten Teenager die Abnabelung nicht, und so ziehen alle beide zwischen Trotz, Wut und Resignation immer wieder sämtliche Gefühlsregister.

„Lady Bird“ streift die gesamte Klaviatur dieses Genres: das nicht ungetrübte Familienleben, der Stress in der Schule, die verzweifelte Suche nach dem idealen Studienplatz, die Bindungen an die ‚engste Freundin’ und die Erfahrungen mit dem ‚ersten mal’ bei den Jungs. Im Focus des Geschehens steht allerdings die emotional ergreifende, ungewöhnlich intensive Mutter-Tochter-Beziehung, die eine nachfühlbare Alltagsrealität widerspiegelt. Die umwerfende Leistung der Hauptdarstellerin und der persönliche und originelle Blick der Drehbuchautorin und Regisseurin wurden international mit mehreren Preisen und Anerkennungen bedacht.

Wertung: kann man sich ansehen

Ghost Stories

von Andy Nyman und Jeremy Dyson – GB 2017 – 98 Min.

Professor Philip Goodman glaubt nicht an übernatürliche Phänomene. Als der bekannte Skeptiker die Gelegenheit erhält, drei verblüffende paranormale Fälle zu untersuchen, sagt er deshalb zu, sie als Schwindel zu entlarven. Doch stattdessen kommt er Geheimnissen auf die Spur, die jenseits seiner Vorstellungskraft liegen und geradewegs in einen persönlichen Alptraum führen. Vorlage des Horror-Schockers des britischen Regie- und Autoren-Duos Nyman und Dyson ist ihr gleichnamiges Theaterstück, das weltweit erfolgreich aufgeführt wurde. Doch genau das ist die Schwäche des Films: Tricks, die auf der Bühne verblüffen, verblassen im Kino, da auf der Leinwand durch ausgereifter Spezialeffekte ahnungslose Zuschauer nicht mehr zu überraschen sind. Die medialen Voraussetzungen stimmten einfach nicht. Mit Geisterbahn- und Poltergeist-Effekten muss man heute im Mainstream-Kino psychologisch ausgeklügelt und pointiert umgehen, um nicht lächerlich zu wirken.

Wertung: hervorragend

Transit

von Christian Petzold – D/F 2018 – 102 Min.

Eine in die aktuelle Gegenwart adaptierte Geschichte von Anna Seghers aus dem Jahre 1940.

Die deutschen Truppen stehen vor Paris. Georg, ein deutscher Flüchtling, entkommt im letzten Moment nach Marseille. Im Gepäck hat er die Hinterlassenschaft des Schriftstellers Weidel, der sich aus Angst vor seinen Verfolgern das Leben genommen hat: Ein Manuskript, Briefe, die Zusicherung eines Visums durch die mexikanische Botschaft.

In Marseille darf nur bleiben, wer beweisen kann, dass er gehen wird. Georg braucht Visa für möglich Aufnahmeländer, um an ein Ticket für die Schiffspassage zu kommen. Er nimmt die Identität Weidels an und taucht ein in die unsichere Existenz des Transits. Er lernt unterschiedliche Leute kennen und richtet es sich ein. Wozu weiterreisen, wenn er hier ein neues Leben beginnen kann? Alles verändert sich, als Georg die geheimnisvolle Marie trifft, deren Schicksal sich mit seinem kreuzt.

In einer atemberaubenden, fast schwebenden Begegnung des historischen Stoffs mit der Gegenwart des heutigen Marseille erzählt Christian Petzold (Buch und Regie) die Geschichte einer Liebe zwischen Flucht, Exil und der Sehnsucht nach einem Ort, der ein Zuhause ist. Ein intensiver, komplexer Film mit starken Charakteren und emotional bewegenden Bildern aus Erinnerung und Gegenwart.

Wertung: kann man sich ansehen

Film Stars Don’t Die in Liverpool

von Paul McGuigan – GB 2017 – 105 Min.

Ein Ausschnitt aus dem Leben der US-amerikanischen Filmschauspielerin und Musicaldarstellerin Gloria Grahame (1923 – 1981). Bei einem Gastspiel in Liverpool 1978 verliebt sich der junge britische Schauspieler Peter Turner in die deutlich ältere Leinwanddiva und Oscarpreisträgerin. Aus einer leidenschaftlichen Affäre wird eine ernsthafte Beziehung. Ihre Liebe wird auf eine besonders harte Probe gestellt, als Gloria schwer erkrankt und sich nicht in ein Krankenhaus einweisen lässt.

Ein Melodram, das vor allem in der sorgfältigen und milieugerechten Rekonstruktion der Zeit und der Orte des Geschehens überzeugt. Die insgesamt viermal verheiratete und überaus freizügige Gloria Grahame starb 1981 an den Folgen einer Krebserkrankung. Die Hauptdarstellerin Annette Bening hat die Herausforderung, sie in den diversen Facetten ihres Lebens authentisch wirken zu lassen, überzeugend gelöst. Der Film, der auf den Memoiren von Peter Turner beruht, wurde international mit Preisen und Auszeichnungen bedacht.

Wertung: kann man sich ansehen

Vor uns das Meer

von James Marsh – GB 2017 – 112 Min.

Erzählt wird die außergewöhnliche Geschichte von Donald Crowhurst, einem Amateursegler, der 1968 beim Sunday Times Golden Globe Race angetreten ist, um der schnellste Mensch zu werden, der allein und ohne Zwischenstopp die Welt umsegelt. Mit seinem unfertigen, selbst entworfenen Boot und mit der Hoffnung durch das Preisgeld seine Firma zu retten um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen, sticht Crowhurst schließlich in See. Er lässt seine Frau und die gemeinsamen Kinder zurück und begibt sich Hals über Kopf in ein Abenteuer, das Geschichte geschrieben hat. Sein Vorhaben scheiterte. Um sich nicht lächerlich zu machen, beschließt er, zu betrügen und gibt eine falsche Position an. Das Boot kehrte ohne ihn in den Heimathafen Teignmouth zurück.

Es ist die Geschichte eines ehrgeizigen Mannes, der sich übernommen hat und mit dieser Schande nicht leben kann. Zu groß sind die Enttäuschungen, die auf seine Familie, Freunde und Geschäftspartner zukommen. Obwohl es eine lange einsame Reise einmal um die Welt ist, kommt in der Filmhandlung keine Langeweile auf, da immer wieder Zwischenschnitte zu den örtlichen Ereignissen und Rückblenden mit Filmaufnahmen von der Familie eingefügt werden. Colin Firth meistert diese Rolle ebenso autark wie vor wenigen Jahre seine meisterhafte Leistung in „The King’s Speech“. Als Donald Crowhurst verwandet er sich von einem smarten Business-Mann mit typisch englischer Haltung in einen Abenteurer, der nach und nach verwahrlost und sich absondert.

Wertung: sollte man gesehen haben

Zwei Herren im Anzug

von Josef Bierbichler – D 2018 – 139 Min.

Wo Bierbichler draufsteht ist auch Bierbichler drin. Hier als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller in einer Geschichte, die sehr viel mit ihm und seiner Familie zu tun hat.

Mehr geht nicht! Die Handlung setzt ein im Jahr 1984, am Ende des Sommers. Im ausgedienten Tanzsaal eines ehemals traditionsreichen Gasthauses am See, haben der Wirt und Bauer Pankraz und sein 35-jährier Sohn gerade die letzten Gäste verabschiedet, die zum Leichenschmaus zu Ehren der verstorbenen Frau und Mutter Theres erschienen waren. Nun sitzen Vater und Sohn in erzwungener Gemeinschaft beisammen und unterhalten sich nach Jahren des Schweigens über die Vergangenheit: 1. und 2. Weltkrieg, alliierte Besatzung, der erste Traktor, Kalter Krieg, Wirtschaftswunder, Flüchtlinge, Studentenunruhen, die Familie. Alles kommt stockend und sehr persönlich zur Sprache und (für den Zuschauer) ins Bild. Es sind Selfies dreier Generationen. Aufschlussreich, streitbar und von einer unglaublichen Offenheit. Vorlage des epischen Familiendramas ist die gestraffte Version von Bierbichlers Romandebüt, der Heimat- und Familiensaga „Mittelreich“, ein heimatverbundenes bodenständiges Werk. Großes, gewaltiges, vitales Kinos! Genau: ein Bierbichler-Film.

Wertung: kann man sich ansehen

Die Schi’tis in Paris

von Dany Boon – F 2017 – 107 Min.

Ein erfolgreicher, selbstgefälliger Pariser Architekt wird mit einer großen Retrospektive geehrt. Da er sich seiner Herkunft schämt – seine Sch’ti-Herkunft aus dem Arbeitermilieu – hat er seine Biografie gefälscht. Nun ist es aber so, dass seine ahnungslose Familie aus Nordfrankreich – sie leben auf einem Schrottplatz und in einem Wohnwagen - von der Ehrung erfährt, sich nach Paris aufmacht und die Veranstaltung sprengt. Die unterschiedlichen Welten treffen aufeinander und die Situation droht zu explodieren.

Die Charaktere und der eigenwillige Humor der Sch’tis sorgten vor zehn Jahren für einen Millionenerfolg in Frankreich und auch in Deutschland. Es war klar, dass dieses Konzept kommerziell ausgereizt wird. Nun ist es hier aber so wie bei einem Teebeutel, der nach erneutem Gebrauch seinen Geschmack und seine Farbe verliert. Die Story und auch die aus der Sprache abzuleitenden Witzchen funktionieren nicht so recht. Amüsant einzelne Sequenzen, in denen sich Dany Boon als Hauptdarsteller und Regisseur wie einst Jaques Tati bravourös in Szene setzt.

Wertung: kann man sich ansehen

Maria Magdalena

von Garth Davis – GB 2017 – 130 Min.

Das mit den Bibelverfilmungen ist so eine Sache: früher waren es einfach Monumentalfilme mit reichlich Action und üppigen Schauwerten. Gespannt verfolgte man, wie sich in der ersten CInemascope-Produktion der Filmgeschichte, in THE ROBE (1953), Stars wie Richard Burton, Jean Simmons und Victor Mature auf der Kolossal-Film-Leinwand präsentierten. Und später gab es dann den Skandal um einen Film, in dem die biblische Geschichte von Scorsese in THE LAST TEMPTATION OF CHRIST als provozierende Liebesgeschichte inszeniert wurde. Die hier bereits angedeutete intensive Beziehung – oder aber eine Vision davon - zwischen Jesus (Willem Dafoe) und Maria Magdalena (Barbara Hershey) wird in dem aktuellen Film neu interpretiert und zu einer (unerfüllten) Liebesromanze. Rooney Mara spielt Maria als schmachtende, hingebungsvolle junge Frau, die sich zu einem attraktiven Mann (Joaquin Phoenix als Jesus) hingezogen fühlt, mit der patriarchalischen Enge ihrer Familie bricht und nicht mehr von seiner Seite weicht. Es gibt keine imposanten Massenszenen mehr wie früher in den Fünfzigern, sondern eine Kamera-Bild-Komposition wie in dem Stummfilm-Klassiker LA PASSION DE JEANNE D’ARC (1928): emotional ergreifende Großaufnahmen und sparsame, mathematisch kalkulierte Kamerabewegungen. Da der Vatikan uns alle Jahrhunderte mit neuen Wahrheiten überrascht (aus der Hure Maria wurde jetzt eine Heilige) bleibt abzuwarten, was demnächst noch auf uns zukommt – eine TV-Serie vielleicht.

Wertung: hervorragend

Loveless

von Andrej Zvyagintsev – SU/F/B/D 2017 – 127 Min.

Schauplatz ist eines der unwirtlichen Hochhaus-Viertel am Rande von einer Großstadt. Die Handlung spielt überwiegend in den dunklen Monaten des Jahres, was das Ambiente umso trostloser aussehen lässt. Es geht um den 12-jährigen Jungen Alyosha, der von seinen sich im hasserfüllten Scheidungsstreit befindenden Eltern nicht beachtet wird. Beide haben eine neue Beziehung und das Schicksal des Jungen ist ihren egal. Unbemerkt verschwindet er eines Tages auf dem Heimweg von der Schule. Erst einen Tag später werden die Behörden, Jugendamt und Polizei, eingeschaltet. Denen ist offensichtlich mehr an der Suche des Jungen gelegen als den Eltern. Eine großangelegte, öffentliche Aktion eines Freiwilligentrupps bringt keinen Erfolg. Der Junge bleibt verschwunden.

Eine kleine, dichte Geschichte, die emotional aufrührt und bewegt. Die verstörende Handlung führt in das Innere der modernen russischen Mittelschicht, die sich angepasst hat und auf eigene Vorteile bedacht ist. Die stellvertretend ausgesuchten Charaktere versinnbildlichen dabei ein eindrucksvolles, universelles Bild von Isolation, Lieblosigkeit, Gleichgültigkeit und Hoffnungslosigkeit. Die Lebensenttäuschungen und der oberflächliche Materialismus, dem die Protagonisten verfallen sind, machen den Film über das Familienporträt hinaus zu einem intensiven Dokument emotionalen Rückzugs, dem vor allem Unbeteiligte zum Opfer fallen. Der Film wurde mit internationalen Preisen und Auszeichnungen bedacht.

Wertung: nicht zu empfehlen

Winchester

von Michael und Peter Spierig – USA 2017 – 95 Min.

Nach einer wahren Geschichte: Die Witwe und Erbin des Waffen-Imperiums von William Winchester lässt in jahrzehntelanger, ununterbrochener Bautätigkeit ein gigantisches und unübersichtliches Anwesen in einer verlassenen Gegend von San Jose, 50 Meilen von San Francisco entfernt, errichten. Das Gebäude wirkt wie das exzentrische Denkmal einer wahnsinnigen Frau. Daher wird ein bekannter Psychologe damit beauftragt, den Geisteszustand der Millionenerbin zu untersuchen. Er stellt fest, dass es in der Villa nicht mit rechten Dingen zugeht und sucht nach einem Weg, das Haus von den Verdammten zu erlösen – es sind rachsüchtige Geister und gequälte Seelen, die durch Winchester-Waffen zu Tode kamen und nun Vergeltung suchen.

Der Stoff bietet eine Steilvorlage für einen Psychothriller und hätte mit Helen Mirren als exzentrische, undurchschaubare Herrin der Gruselkammern ihres Anwesens die ideale Interpretin. Doch leider kam die Regie nicht aus dem Baukasten für Poltergeist- und/oder Geisterbahnfilme hinaus. Alle Effekte sind bekannt und vorhersehbar. Die Handlung erregt nicht die Nerven, sondern nervt. Ein Film wie aus den Anfängen des Genres. Schade für die Hauptdarstellerin. Sehenswert allein nur die Kamerafahrten durch das Labyrinth der verwirrenden Gänge und über die Treppen, die im Nichts enden – so wie der Film auch.

Wertung: kann man sich ansehen

Der Hauptmann

von Robert Schwentke – D/F/P 2017 – 119 Min.

Es sind die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs. Der Gefreite Willi Herold – abgehetzt und halb verhungert – findet einen verlassenen Wagen. Er entwendet die Uniform eines Offiziers. Als er in dieser Aufmachung auf weitere Gefreite stößt, bitten diese, sich dem „Hauptmann“ anschließen zu dürfen. Am 1. April 1945 betreten Herold und seine Gefolgsleute das Strafgefangenenlager Aschendorfermoor. Mit der Behauptung, der Führer hätte ihm persönlich die Verantwortung übergeben, übernimmt er die Leitung des Lagers und beginnt, die Gefangenen mittels Massenhinrichtungen, willkürliche und sadistiche Gewaltakte auf brutale Art zu töten. Als das Lager von britischen Bomben zerstört wird, ziehen Herold und seine Leute weiter und hinterlassen eine blutige Spur.

Ein streitbarer, irritierender Film, der auf einer wahren Begebenheit basiert. Es ist die Geschichte des 19-jährigen Gefreiten Willi Herold, der als „Henker vom Emsland“ bekannt wurde. Er wurde im Mai 1945 von der Royal Navy verhaftet, wegen Kriegsverbrechen angeklagt und im November 1946 hingerichtet. In den Hauptrollen ist der Film hervorragend besetzt. Die Regie übernahm Robert Schwentke, 1968 in Stuttgart geboren. Es hat in Hollywood durch einige aufwendige, starträchtige Actionfilme von sich Reden gemacht, muss hier allerdings mit reduzierten Mitteln Vorlieb nehmen. Die Verfilmung der abgründigen Geschichte um einen einfachen Soldaten, der dem Rausch der Macht verfällt, was ihm ein besonderes Anliegen. Was zu sehen ist, überzeugt nicht immer, da die Handlung unterschiedliche, sich widersprechende Akzente setzt und rasch aufeinander folgende Sequenzen aufgesetzt und unglaubwürdig bleiben. Es sind Assoziationen, Zitate und Anspielungen, die einer dokumentarischen Rekonstruktion eines authentischen Vorfalls im Wege stehen.

Wertung: kann man sich ansehen

Tomb Raider

von Roar Uthaug – USA 2018 – 118 Min.

Lara Croft muss man gar nicht erst vorstellen, wer kennt sie nicht? Hier erlebt man eine Neuauflage mit rasanten Abenteuern der Jägerin des verschollenen Vaters. Letzte Station ist ein legendäres Grabmal auf einer mythischen Insel irgendwo vor der japanischen Küste. Die Versatzstücke des Films sind bekannt, die Actionelemente ebenso beliebig wie austauschbar. Dennoch ist Lara immer wieder sehens- und bewundernswert. Sie könnte an allen olympischen Disziplinen teilnehmen und würde auch alle Gold-Medaillen gewinnen. Bildgewaltiges Kino mit überwältigenden Effekten für die große Leinwand mit entsprechendem Soundsystem.

Wertung: kann man sich ansehen

Death Wish

von Eli Roth – USA 2017 -108 Min.

Der Chirurg Dr. Paul Kersey erlebt die Folgen der Gewalt auf den Straßen Chicagos jeden Tag in der Notaufnahme – bis seine Frau und seine Tochter in den eigenen vier Wänden brutal attackiert werden. Die Frau stirb, die Tochter liegt im Koma. Da die örtliche Polizei der Ermittlungen nicht vorantreibt und generell von der Verbrechensflut in der Stadt überfordert scheint, beschließt Paul das Gesetz kurzerhand selbst in die Hand zu nehmen. Er begibt sich auf nächtliche Streifzüge und bringt gnadenlos einen Kriminellen nach dem anderen zur Strecke. Bald schon gerät er dadurch in den Fokus der Medien und die Öffentlichkeit beginnt sich zu fragen, wer eigentlich hinter dem unbekannten Rächer steckt.

Ein Film als Kommentar zu einem hochbrisanten politisch-gesellschaftlichen Thema. Die USA-Waffenlobby hätte ihr Wohlgefallen. Zeigt er doch, wie wichtig die Wahl der richtigen Waffen ist. In der ersten Verfilmung (USA 1974; Regie: Michael Winner) war Charles Bronson ein erfolgreicher und gutsituierter Architekt; hier ist es ein Unfallchirurg, was Bruce Willis einige Vorteile beschert: er kann mit Schussverletzungen umgehen, er weiß, wie man bewusst Schmerzen zufügen kann und verfügt über auseichendes Wissen, seine eigenen Wunden zu versorgen. Außerdem kann er mit den Waffen ebenso passgenau und zielführend umgehen wie mit dem Operationsbesteck.

Wertung: kann man sich ansehen

Operation: 12 Strong

von Nicolai Fuglsig – USA 2017 – 130 Min.

Unter dem Eindruck des Terroranschlags vom 11. September 2001 bildet sich eine nur ein Dutzend starke Elitetruppe als erste US-Aufklärungsmission in Afghanistan. Ihr Auftrag: die das Hindukusch-Gebirge kontrollierende afghanische Nordallianz zu einem Bündnis gegen die gemeinsamen Gegner aus Taliban- und Al-Kaida-Kämpfern zu bewegen. Die ungewohnten, archaischen Kampfstrategien der zahlenmäßig weit überlegenen afghanischen Reiterkrieger stellen die hochtechnisiert ausgebildeten US-Eliteeinheiten vor gefährliche Herausforderungen. Der Vormarsch durch das Bergland ist nur mit Pferden möglich. Die zwölf Green Berets besinnen sich auf die Cowboy-Tradition ihrer Heimat und kämpfen zu Pferd gegen Selbstmordattentäter, Panzer und Raketenwerfer…

Die Geschichte basiert auf Berichten amerikanischer Eliteeinheiten, die in den USA unter dem (passenderen) Titel „Horse Soldiers“ veröffentlicht wurden. Der Film ist in erster Linie ein heroisch aufgebauschter, materialverschlingender Kriegsfilm – produziert vom einschlägigen Blockbustergaranten Jerry Bruckheimer - , könnte sich aber auch als Western behaupten. Und hier gewinnen ja auch (fast) immer die Cowboys.

Wertung: hervorragend

Lucky

von John Carroll Lynch – USA 2017 – 88 Min.

Lucky ist ein 90-jähriger, wortkarger Eigenbrötler, Atheist und Freigeist. Er lebt in einem verschlafenen Wüstenstädtchen im amerikanischen Nirgendwo und verbringt seine Tage mit bewährten Ritualen – Yoga und Eiskaffee am Morgen, philosophische Gespräche bei Bloody Mary am Abend. Er liebt Kreuzworträtsel und Game Shows und ist stolz darauf, für sich selbst zu sorgen. Bis er sich nach einem leichten Schwächeanfall seiner Vergänglichkeit bewusst wird. Zeit, dem Leben noch einmal auf den Zahn zu fühlen.

Ein Film über Leben und Tod, Alter und Einsamkeit – und ein Film mit und über den unvergleichlichen, hervorragenden Harry Dean Stanton. Er ist Kult, steht im Focus und die Kamera ist dicht bei ihm. Man könnte stundenlang mit ihm zusammen sein, aber das wäre das Letzte, was er wollte. Als Protagonist verkörpert er einen Charakter, der sich ohne Umwege zur Identifikation anbietet. So oder so. Ein Leben voller Country-Song-Melancholie mit lakonischem Humor und von einer direkten Lebensqualität: „Es besteht ein Unterschied zwischen allein sein und einsam sein.“

In einer Nebenrolle glänzt David Lynch (nicht verwandt mit dem Regisseur) als Barkumpel, der verzweifelt seine hundertjährige Schildkröte Präsident Roosevelt sucht, die durch ein geöffnetes Gartentor entwischen konnte. In der Eingangssequenz ist die Flucht zu sehen, am Ende des Films kehrt sie zurück.

Harry Dean Stanton ist im September 2017 im Alter von 91 Jahren verstorben. „Lucky“ ist sein letzter Film und fasst noch einmal alles zusammen, was ihn seine gesamte Karriere über geprägt und ausgezeichnet hat. Den Film zu sehen, ist ihm eine letzte Ehre zu erweisen!

Wertung: kann man sich ansehen

Arthur & Claire

von Miguel Alexandre – D/A/NL 2017 – 99 Min.

In einem Hotel in Amsterdam begegnen sich zwei Menschen, von denen jeder für sich bereits mit dem Leben abgeschlossen hatte. Doch dann vereitelt Arthur, der nur ein letztes stilvolles und vor allem einsames Dinner im Sinn hatte, durch Zufall den Plan der jungen Claire. Aus den beiden Lebensmüden wird eine unerwartete Schicksalsgemeinschaft, die gemeinsam in die Amsterdamer Nacht aufbricht und zwischen Grachten, Coffee Shops, bestem Whiskey und vorsichtiger neuer Freundschaft beginnt, die Pläne des Anderen gehörig zu durchkreuzen. Eine vorhersehbare Geschichte. Sie endet so, wie man es sich als Zuschauer wünscht, da die Protagonisten eigentlich sehr sympathisch sind. Aber das alles zieht sich hin – so wie die lange Nacht in Amsterdam mit viel Leerlauf und leichten Ermüdungserscheinungen. Der Story merkt man an, dass die Vorlage ein gleichnamiges Theaterstück ist, da der (eigentlich visuell aufregende) Schauplatz Amsterdam von der Kamera so gut wie völlig ignoriert wird. Und nicht überall wo Hader draufsteht ist auch Hader drin. Sein schwarzer Humor und sein Gespür für Selbstironie und Lakonie sind in die Grachten gefallen.

Wertung: nicht zu empfehlen

Game Night

von John Francis Daley und Jonathan Goldstein – USA 2017 -95 Min.

Eine Gruppe von Pärchen unterschiedlicher Art trifft sich regelmäßig zu Spieleabenden, um der Eintönigkeit und Langeweile ihres Alltags zu entgehen. Irgendwann wird ein ganz besonderer Abend versprochen: sie sollen einen Entführungsfall aufklären. Und der ereignet sich dann tatsächlich vor ihren Augen. Aber was ist dabei noch Spiel und was ist Realität? Aus scheinbar harmlosem Spiel wird blutiger Ernst. Oder doch nicht? Von dieser Doppeldeutigkeit, vom Spiel im Spiel, leben Spannung und Tempo des Films. Eine unterhaltsame Action-Komödie ohne Ansprüche oder Tiefgang.

Wertung: sollte man gesehen haben

Red Sparrow

von Francis Lawrence – USA 2018 – 141 Min.

Alle Jahre wieder: die Russen gegen die Amerikaner; Politiker und Agenten aus Ost und West spielen hochkomplexes Spionage-Schach auf bewährtem Spielfeld. Wie immer in Moskau, in Budapest, in Wien und London. Auf dem Brett bewegt sich die ebenso attraktive wie mutige Dominika Egorowa hin und her. Mal so, mal anders. Nennenswerte Gegenspieler hat sie dabei nicht, obwohl diese an Skrupellosigkeit, Grausamkeit und Brutalität nicht zu überbieten sind. Jennifer Lawrence als Protagonistin spielt eine ehemalige Primaballerina, die nach einer ihr mutwillig zugefügten Verletzung nicht mehr auftreten kann. Um ihre Privilegien nicht zu verlieren, lässt sie sich als Geheimagentin ausbilden und wird auf einen amerikanischen CIA-Agenten angesetzt. Es gibt herauszufinden, zu welchem Maulwurf in der russischen Politik er Kontakt hat. Ein facettenreicher Film für das große Kino! Jennifer Lawrence zeigt eine beeindruckende Leistung. Die Logik des Geschehens sollte man dabei nicht kritisch hinterfragen. Nicht die Realitätsbezüge sind entscheidend. Es kommt darauf an, wie sich Jennifer Lawrence in Szene setzt bzw. effektvoll gesetzt wird. Fazit: Zu schön, um wahr zu sein.

Wertung: hervorragend

Call My by Your Name

von Luca Guadagnino – I/F/USA 2017 – 133 Min.

Norditalien im Jahr 1983: Der 17-jährige Elio, jüdisch-amerikanischer Abstammung, verbringt den Sommer auf dem in der Nähe des Gardasees gelegenen Landsitz seiner Eltern. Sein Vater ist Archäologieprofessor und forscht vor Ort über antike Skulpturen, während sich seine südländische Mutter für deutsche Literatur begeistert. Nach außen hin wirkt Elio wie ein Erwachsener, doch besonders in Herzensangelegenheiten ist er noch sehr unerfahren.

Eines Tages trifft der attraktive 24-jährige amerikanische Doktorand Olivier als neuer Sommerpraktikant seines Vaters auf der Villa ein. Inmitten jener prächtigen, sonnengetränkten Szenerie entdecken Elio und Olivier die berauschende Schönheit aufblühenden Verlangens im Verlauf eines Sommers, der ihre Leben für immer verändern wird.

Eine berührende, sinnlich-transzendentale Liebesgeschichte in visuell berauschendem Ambiente – von der Kamera eindrucksvoll in Szene gesetzt. Guadagnio: „Es ist ein Film über die unerbittliche Kraft des Verlangens und der Liebe, und auf welchen Wegen er oder sie diese finden können.“ Ein herausragender Film mit zwei beeindruckenden Protagonisten, deren Intensität im emotionalem Zusammenspiel sich der Zuschauer nicht entziehen kann. Weltweit mit Festival-Anerkennungen und Auszeichnungen bedacht.

Wertung: nicht zu empfehlen

Docteur Knock

von Lorraine Lévy – F 2017 – 113 Min.

Superstar Omar Sy als betrügerischer Arzt in der Provinz, wo er, um Geld zu verdienen, die Dorfbewohner davon überzeugt, imaginäre Krankheiten zu haben. Vorlage ist das Bühnenstück von Jules Domains, das im Dezember 1923 in Paris uraufgeführt wurde. Es wurde in der Vergangenheit bereits mehrfach verfilmt. Der Charakter des Protagonisten wandelt sich in dem aktuellen Film vom zynischen Karrieristen (Theater) zu einem sympathischen Schwindler. Leider ist vom Charme der französischen Komödie hier nichts zu spüren. Die Witze sind platt, die Figuren sind Klischees und werden der Lächerlichkeit preisgegeben.

Vor zwanzig Jahren inszenierte Dominik Graf für die ARD eine gelungenere Version des Stückes. Die Handlung verlegte er in ein beschauliches bayerisches Dorf; und der unvergessene Gert Voss spielte einen Preußen, der die Bewohner aufmischt. Die Produktion wurde 1998 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Parallel zum Filmstart wäre eine Wiederholung in irgendeinem Dritten äußerst sinnvoll und wünschenswert.

Wertung: hervorragend

Shape of Water

von Guillermo del Toro – USA 2017 – 123 Min.

Für Filme wie dieser wurde das Kino erfunden! Es geht um die ungewöhnliche, poetische und romantische Liebesbeziehung zwischen einer einsamen, stummen Frau (gespielt von der großartigen Sally Hawkins) und einem Wesen, das aus den Sümpfen kommt und in einem versteckten Hochsicherheitslabor der US-Regierung für Experimente gefangen gehalten wird. Und da die Geschichte vor dem Hintergrund des Kalten Krieges spielt, ist neben Witz und Ironie auch für Spannung und Action gesorgt. Der Regisseur ist einer der kreativsten, visionärsten Geschichtenerzählerde gegenwärtigen Hollywood; sein Film – ein faszinierender Genre- und Stilmix - wurde international mit zahlreichen Preisen und Anerkennungen bedacht. „Wasser kann jede erdenkliche Form annehmen, je nachdem, welches Gefäß es hält. Für die Liebe gilt das auch, oder?“ (Guillermo del Toro)

Wertung: hervorragend

Alles Geld der Welt

von Ridley Scott – USA 2017 – 132 Min.

Es geht um einen der aufsehenerregendsten Fälle der Kriminalgeschichte: 1973 wird der 16-jährige Paul, Enkel des milliardenschweren Öl-Magnaten J. Paul Getty, in Rom entführt. Die Kidnapper verlangen 17 Millionen Dollar Lösegeld, doch der reichste Mann der Welt denkt gar nichts ans Bezahlen. Gemeinsam mit dem Sicherheitsberater des Alten kämpft die Mutter des Jungen um seine Freilassung. Obwohl der Ausgang des Entführungsfalles bekannt ist, baut der Film einen fesselnden Spannungsbogen auf. Getragen wird er von einem hervorragenden Darsteller-Ensemble, das in einem detail- und designverliebten Ambiente agiert. Dem Regisseur Ridley Scott gelingt es meisterhaft, das Zeitgefühl der frühen 1970er Jahre zu evozieren. Großes Ausstattungskino.

Wertung: sollte man gesehen haben

Freiheit

von Jan Speckenbach – D 2017 – 102 Min.

Eine Frau steigt aus. Ohne weitere Erklärung verläßt Nora ihren Mann Philip und die beiden gemeinsamen Kinder. Ein konkretes Ziel hat sie nicht. Irgendwie/irgendwo will sie dem Familienstress entkommen und neu anfangen. Zuerst landet sie in Wien, dann in Bratislava. Nora lernt neue Menschen kennen und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Ihre Gedanken umkreisen immer noch ihre Familie, die sich nur langsam mit einem veränderten Alltagsleben abfinden kann. Nora merkt, dass sie zwar äußerlich, aber nicht innerlich „Freiheit“ finden kann.

Eine kleine Geschichte, die sich aber weit vom beliebigen Durchschnitt entfernt. Da ist einmal die großartige Hauptdarstellerin Johanna Wokalek, die ihre Figur mit den sich wandelnden Identitäten und Namen bedingungslos intensiv verkörpert und dabei die Balance zwischen mitfühlender Empathie und entfremdender Distanz souverän meistert. Und dann ist da noch die hervorragende Kamera von Tilo Hauke, die die Protagonistin auf ihrem Weg mit gebührender Distanz und Nähe begleitet.

Ko-Produzent des Films ist das ZDF – Das kleine Fernsehspiel. Und das ist auch das entsprechende Format für „Freiheit“, das der großen Kinoleinwand nicht bedarf.

Wertung: hervorragend

Das Leben ist ein Fest

von Eric Toledano und Oliviers Nakache – F 2017 – 116 Min.

Seit Jahrzehnten richtet Max luxuriöse Hochzeiten aus – routiniert und professionell. Doch sein aktuelles Projekt, eine Traumhochzeit in einem herrschaftlichen Landschloss vor den Toren Paris, droht zum Fiasko zu werden. Und das, obwohl es eigentlich ein ganz normaler Auftrag werden sollte. Doch dann läuft es nicht mehr so wie erwartet: Das Buffet ist verdorben, die Hochzeitsgesellschaft steht im Stau, der Fotograf benimmt sich daneben, die vorgesehene Band sagt kurzfristig ab und das Team reduziert sich durch eine Lebensmittelvergiftung. Wie man aus dem Schlamassel raus kommt und sich alles zu Guten wendet, zeigt der Film mit Herz und Humor. Keine Figur wird der Lächerlichkeit preisgegeben. Eine französische Gesellschaftskomödie mit Eleganz und Charme, mit der die Regisseure an ihren großen Erfolg „Ziemlich beste Freunde“ nahtlos anknüpfen.

Wertung: hervorragend

Three Billboards Autside Ebbing, Missouri

von Martin McDonagh – USA /GB 2017 – 116 Min.

Schauplatz ist ein Provinznest in Missouri. Die Tochter von Mildred Hayes wurde vor Monaten ganz in der Nähe ihres Zuhauses vergewaltigt und ermordet, aber noch immer tut sich in dem Fall nichts. Mildred ist der Ansicht, dass die örtliche Polizei ihre Arbeit nicht richtig macht. Darum lässt sie eines Tages an der Straße, die in den Ort führen, drei Werbetafeln mit provokanten Sprüchen aufstellen die sich gegen den Polizeichef richten. Und damit wirbelt sie alles und alle in dem Kaff tüchtig durcheinander.

Wer nach den ersten Szenen meint, dass es sich um eine der üblichen Rache- und Selbstjustizfilme handelt, irrt sich gewaltig. Immerhin hat sich der Regisseur mit dem schwarzhumorigen Thriller „Brügge sehen … und sterben“ einen Namen gemacht. Hier ist er für Drehbuch und Regie verantwortlich und mit Fances McDormand, Woody Harrelson und Sam Rockwell hat er die idealen Protagonisten für eine außergewöhnliche, ruhig und konzentriert inszenierte Geschichte gefunden, die alle traditionellen Muster und Erwartungen sprengt. Ein vielschichtiger Film mit vielen Überraschungen, bei dem man jedes Bild genießen kann.

Wertung: kann man sich ansehen

Nur Gott kann mich richten

von Özgür Yildirim – D 2017 – 100 Min.

Ein Actionkrimi, der im Drogenmilieu in Frankfurt am Main spielt. Ricky wird aus dem Knast entlassen. Bei einem misslungenen Coup hat er seine Freunde nicht verraten. Dafür soll er nun entschädigt werden. Auf ein Neues. Doch das Ding läuft nicht so, wie vorgesehen.

Der Versuch eines Genrefilms scheitert an der Anhäufung von Klischees. Alle Typen sind so besetzt, wie sie den Erwartungs- und Verhaltensmustern entsprechen. Aus irgendwelchen Gründen brauchen alle Geld – sogar eine Polizistin, weil sie für ihr sterbenskrankes Kind eine illegale Organspende finanzieren muss. Erwähnungswert ist eigentlich nur die Kameraführung, die für einen deutschen Kinokrimi außergewöhnliche Bilder bietet. Dahinter aber ist nichts Nennenswertes zu entdecken.

Wertung: sollte man gesehen haben

Das Milan Protokoll

von Peter Ott – D 2017 – 100 Min.

Die deutsche Ärztin Martina arbeitet für eine deutsche Hilfsorganisation in der kurdischen Region im Norden Iraks an der Grenze zum „Islamischen Staat“. Bei einer Grenzfahrt wird sie von einer mit dem IS verbundenen sunnitischen Gruppe gekidnappt, weil diese einen Waffentransport vermutet. Die Geiselnahme entwickelt sich zu einem packenden, verwirrenden Wechselspiel, in dem alle Akteure – IS, PKK, die sunnitischen Stämme und die deutschen und die türkischen Geheimdienste – ihre eigenen politischen Interessen verfolgen und versuchen irgendwie durchzusetzen. Unklar bleibt dabei die Rolle des BND und der deutschen Geheimdienstmitarbeiter – aber wen wunderts?

Der Handlungsverlauf ist unvorhersehbar und unübersichtlich – und entspricht somit den realen Bedingungen. Der Entführungsfall – hier konzentriert auf eine deutsche Ärztin, die von Catrin Striebeck emotional überzeigend und beklemmend dicht gespielt wird – ist nur eine von den vielen Nachrichten, die uns täglich erreichen. Und so gesehen ist es sinnvoll, sich einmal die Zeit für einen Kinobesuch zu nehmen. Nicht zuletzt ist dafür ein Grund die Kamera des großartigen Jürgen Jürges, der für seine distanzierte, semidokumentarische Darstellungstechnik mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde.

Wertung: sollte man gesehen haben

Your Name

von Makoto Shinkai – Japan 2016 – 107 Min.

Dieser Animefilm hat sich in den vergangenen zwei Jahren zu einem der national und international erfolgreichsten Produktionen entwickelt. Der deutsche Ergänzungstitel „Gestern, heute und für immer“ deutet schon auf die Vielschichtigkeit des Geschehens hin. Es geht um den Geschlechtertausch zwischen einem japanischen Schulmädchen vom Lande, das sich nach einem aufregenden Leben in Tokio sehnt, und um einen Jungen aus Tokio, der seinen hektischen Alltag gegen ein beschauliches Leben auf dem Land eintauschen möchte. Das klingt zunächst noch sehr geradlinig und überschaubar. Doch kompliziert werden die Zusammenhänge durch diverse Nebenstränge, die sich mit einem Kometen verbindet, dessen Erdlandung eine Katastrophe auslöste. Dem sorgfältig und liebevoll gestalteten Film

kann man besser folgen, wenn man sich zuvor mit der Handlung vertraut gemacht hat. Die Manga-Vorlage des Regisseurs ist hierfür besonders geeignet. Seine emotional anrührenden Protagonisten – es ist natürlich auch eine Liebesgeschichte – sind typische Charaktere, aber leider nicht so originell und faszinierend wie die von Hayao Miyazaki.

Wertung: kann man sich ansehen

Das Leuchten der Erinnerung

von Paolo Virzi – I/USA 2017 – 113 Min.

Ella und John, seit vielen Jahren verheiratet, machen ihr altes Oldtimer-Wohnmobil flott und verlassen stillschweigend ihr Zuhause in Wellesley, Massachusetts. Beide sind krank und wollen ein letztes richtiges Abenteuer erleben. Ihre Kinder informieren sie nicht. Ihre Tour führt sie über die Route 66 die US-Ostküste hinunter, bis zum Hemingway-Haus in Key West. Unterwegs begegnen sie dem amerikanischen Alltag in amüsanten oder riskanten Situationen.

Der italienische Regisseur bereichert das amerikanische Roadmovie-Genre mit der ihm eigenen Poesie, mit Ironie und Gefühl, wie man das nur aus seinen italienische Filmen wie „Die süße Gier“ (2013) oder „Die Überglücklichen“ (2016). Etliche Schwächen der Dramaturgie und Brüche im Handlungsverlauf gleichen sich aus durch die emotional bewegende Präsenz oder beiden Hauptdarsteller Helen Mirren und Donald Sutherland als ältliches Ehepaar, das sich in eine gemeinsame Flucht stürzt, statt den Umzug ins Pflegeheim anzutreten. Tragödie und Komödie zugleich.