Porträt Horst Schäfer

Kinotipps 2019

72 Besprechungen aus dem Jahr 2019.

Wertung:
Wertung: kann man sich ansehen

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl

von Caroline Link – BRD 2019 – 120 Min.

Aus der Perspektive der neunjährigen Anna Kemper wird die Fluchtgeschichte ihrer Familie erzählt. Diese mussten 1933 Nazi-Deutschland verlassen, zunächst in die Schweiz, dann nach Paris und letztendlich nach London. Immer wieder neu anzufangen, sich einzurichten, anzupassen und sich mit einem nicht immer freundlich gestimmten Umfeld zu arrangieren, bedeutet Herausforderungen anzunehmen und zu meistern.

Vorlage ist das erfolgreiche Jugendbuch der Autorin Judith Kerr, Tochter des berühmten Berliner Kritikers und Literaten Alfred Kerr. 1978 verfilmte es Ilse Hoffmann („Die Ilse ist weg“, 1975) bereits als Fernsehspiel für die ARD; es wurde von den Zuschauern und im Feuilleton mit großem Beifall aufgenommen; so beispielsweise von Hans C: Blumenberg in der ZEIT, der dem WDR zu diesem „eminent politischen Film“ gratulierte. Beide Filme halten sich eng an das Buch, wobei der erste Film auf dem Bildschirm dichter und geschlossener wirkt, da bei einem Kinofilm auch Erwartungen an entsprechende Bilder bestehen. Caroline Link löst dieses Versprechen nicht ein, nur hin und wieder kann die Kamera von Bella Halben die physische und psychische Enge der Flüchtenden überzeugend vermitteln.

Um den aktuellen Stellenwert des 1974 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichneten Werkes hervorzuheben, hätte es einer Neuverfilmung nicht bedurft. Erwähnenswert ist allerdings die schauspielerische Leistung der Protagonistin Riva Krymalowski, die als Identifikationsfigur auch für Erwachsene mit ihrer nuancenreichen Darstellung ihre persönliche Emigrationsgeschichte glaubwürdig und eindrucksvoll vermittelt.

Wertung: hervorragend

Die Sehnsucht der Schwestern Gusmao

von Karim Ainouz – B/D 2919 – 139 Min.

Gelegentlich überrascht das Kino mit außergewöhnlichen Filmen, mit eigentlich ganz einfachen Geschichten, die sich als hochspannend erweisen. In der Tradition der brasilianischen Telenovelas steht dieser Film, der international mit Preisen und Auszeichnungen bedacht wurde. Es ist ein Film voll unglaublicher Intensität und mit überwältigenden Bildern. Er spielt in Rio de Janeiro 1950. Die unzertrennlichen Schwestern Euridice und Guida sind voller Träume: Euridice will Konzertpianistin werden. Guida träumt von Liebe und Freiheit. Doch in der Enge des konservativen Elternhauses ist kein Platz für solche Pläne. Doch Guida, unsterblichen verliebt in einen Seemann, geht mit ihm heimlich nach Griechenland. Als sie Monate später zurückkehrt, verlassen und schwanger, weist ihr Vater die Tür und lässt sie glauben, Euridice sei zum Klavierstudium nach Wien gegangen und wolle keinen Kontakt mehr zu Guida. Ihr Vater hat sie mit einem Mann seiner Wahl verheiratet. So leben die Schwestern über Jahre in Rio, ohne voneinander zu wissen und in der Hoffnung, sich eines Tages wiederzufinden.

Die Regisseurin: „In meinem Film habe ich versucht, das Melodram als eine radikale ästhetische Strategie zu zelebrieren, um eine soziale Kritik unserer Zeit zu umreißen – gleichzeitig visuell strahlend und tragisch, prachtvoll und rauh. Ich wollte eine Geschichte erzählen, das ein unsichtbares Kapitel der Geschichte der Frauen zum Leuchten bringt. Einen Film voller Sinnlichkeit, Musik, Drama, Tränen, Schweiß und Mascara. Aber auch einen Film, der Härte, Gewalt und Sex in sich trägt.“ Großes, tolles Kino!

Wertung: sollte man gesehen haben

Der geheime Roman des Monsieur Pick

von Rémi Bezancon – F 2019 – 100 Min.

Auf einer Insel in der Bretagne liegt die geheimnisvolle Bibliothek der abgelehnten Bücher. Eine engagierte, junge Verlegerin entdeckt dort ein großartiges Manuskript und beschließt es zu publizieren. Der Roman wird ein Besteller. Doch der Autor, ein bretonischer Pizzabäcker, ist seit zwei Jahren tot. Ein berühmter Literaturkritiker ist überzeugt. Dass Betrüger am Werk sind. Sein detektivischer Ehrgeiz bleibt nicht folgenlos und er kommt dem Geheimnis immer näher.

Ein Film über die Liebe zu Büchern. Mit Intelligenz und Humor entwickelt der Regisseur ein amüsantes, abenteuerliches Versteckspiel voller Finten und Überraschungen. Eine Parodie auf den selbstgefälligen Literaturbetrieb als unterhaltsames Kino. Kein Reißer wie die Filme von Henri-Georges Clouzot, sondern eher im Maigret-Stil von Georges Simenon.

Wertung: sollte man gesehen haben

Pavarotti

von Ron Howard – GB/USA 2019 – 114 Min.

Ron Howard ist ein erfahrener Regisseur, der sich hier nach den vorausgegangenen Erfolgen zum dritten Mal einer Musik-Ikone widmet. Der größte Opernstar der Welt drängte sich als Sujet nicht gerade auf, aber sein Protagonist war ja auch einer, der leidenschaftlich die Brücke zwischen Hoch- und Popkultur schlug; so wie es ihm schon zu Beginn seiner Karriere daran gelegen war, die Oper aus der elitären Ecke zu holen und einem breiten Publikum nahe zu bringen. In Interviews kommen seine Familie, namhafte Kollegen sowie Fans aus aller Welt zu Wort. Anhang privater, bislang nie veröffentlichter Aufnahmen zeichnet Howard das unvoreingenommene Porträt eines faszinierenden Mannes voller Widersprüche und unvergesslichen Ausnahmekünstlers.

Wertung: sollte man gesehen haben

Jam

von SABU – Japan/D 2018 – 102 Min.

Der eitle, abgehalfterte Schnulzensänger Hiroshi muss sich eines zu enthusiastischen weiblichen Fans erwehren, die ihn entführt und zwingt, für sie einen Song zu schreiben. Ein gerade entlassener Häftling nimmt mit einem Hammer bewaffnet brutale Rache an seinen Ex-Kumpanen – mit seiner an den Rollstuhl gebundenen alten Mutter im Schlepptau. Und ein junger Mann versucht, durch gute Taten seine Freundin aus dem Koma zu erwecken, gerät dabei aber an falsche Freunde, die einen Überfall auf das nächste Konzert von Hiroshi planen.

„Jam“ ist eine schwarzhumorige Action-Komödie im klassischen Stil von SABU (Hiroyuki Tanaka), der mit ironischer Experimentierfreude gerne einfache und normale Menschen zeigt, die durch den Zufall geführt in persönliche Extremsituationen geraten. Hier sind es drei Geschichten, die zu einem fulminanten und aberwitzigen Finale verwoben werden. Er lässt das Leben seiner unwissenden Protagonisten wie Schnellzüge aufeinander zurasen. Nicht ohne dabei jeden von ihnen mit viel Respekt und einem Lächeln zu beschenken.

Wertung: hervorragend

Einsam, zweisam

von Cédric Klapisch – F 2019 – 110 Min.

Rémy und Mélanie sind 30 Jahre alt und leben im Gare du Nord Viertel in Paris, nur ein paar Schritte voneinander entfernt. Während Mélanie nach vielen Verabredungen den Glauben an die Liebe verloren hat, schafft es Rémy kaum, überhaupt erst ein Date zu bekommen. Sie leben nebeneinander her, ohne sich je zu begegnen – und das ausgerechnet in einer Zeit, in der jeder mit jedem verbunden zu sein scheint und ausgerechnet in einer Gegend zu wohnen, die von jungen und attraktiven Menschen nur so wimmelt. Rémy und Mélanie

verirren sich dabei immer mehr in den Untiefen des modernen Großstadtlebens – und ohne es zu ahnen, bewegen sich beide doch in eine gemeinsame Richtung.

Es klingt wie romantischer Kitsch über die Widersprüchlichkeit des Großstadtlebens – ist es aber nicht. Klapisch ist nahe dran an seinen Protagonisten und ihren Gefühlswelten, was den emotionalen Gehalt seines Films steigert. Ein Film, der hohe Konzentration erfordert ohne den Unterhaltungswert zu beeinträchtigen.

Wertung: kann man sich ansehen

Star Wars . Der Aufstieg Skywalkers

von J. J. Abrams - USA 2019 - 142 Min.

Das letzte (?) Kapitel der "Star Wars Saga", die vor 42 Jahren startete und eine Neverending Story zu einem epischen Ende führen soll. Eigentlich hat sich nicht viel verändert: opulente optische Weltraumschlachten und faszinierende Lichtschwertkampf-Duelle. Das Personal ist hingegen austauschbar: bekannte Charaktere in Neuauflage, neue Figuren, die irgendwann irgendwo möglicherweise ein Eigenleben führen.

Wer kein "Star Wars"-Fan ist und die Serie nicht kennt, verirrt sich im Handlungsverlauf und kann sich dafür ungestört einem eindrucksvollen Kinoerlebnis hingeben. Die anderen haben Tränen in den Augen und geben die Hoffnung auf eine Fortsetzung nicht auf; getreu dem Motto "Totgesagte leben länger!". Zurück in die Zukunft?

Wertung: kann man sich ansehen

Kleine Wunder unter Fremden

von Lone Scherfig – Kanada u.a. 2018 – 115 Min.

Clara flüchtet mit ihren beiden Söhnen nach New York, um ihrem gewalttätigen Ehemann, einem Polizisten, zu entkommen. Sie stehen mittellos auf der Straße und sind an ihrem absoluten Tiefpunkt angekommen. Sie machen die Bekanntschaft mit diversen Charakteren, die alle auf ihre eigene Art und Weise damit ringen, den New Yorker Winter zu überleben. Als sie aufeinandertreffen, finden sie Ausgelassenheit, Liebe und Zuwendung. Im Focus des Geschehens ein russisches Restaurant als Ort der unerwarteten Begegnungen von Menschen in Lebenskrisen, die auf der Suche nach ihrem Platz im Leben in schicksalhaften Wendungen zusammenfinden.

Wertung: kann man sich ansehen

A Rainy Day In New York

von Woody Allen – USA 2018 – 92 Min.

Eigentlich sollte es für das junge College Paar Ashleigh und Gatsby nur ein romantisches Wochenende in New York werden. Während Gatsby seiner Freundin seine Heimatstadt zeigen möchte, hat Ashleigh den Auftrag, für die College-Zeitung den berühmten Regisseur Roland Polland zu interviewen. Dieser lädt sie zu einem Screening seines neuen Films ein, an dem auch sein Drehbuchschreiber und der umschwärmte Filmstar Francisco Vega teilnehmen. Alle drei baggern sie an. Gatsby besucht alte Bekannte, u.a. trifft er die reizende Chan, die jüngere Schwester einer Ex-Freundin. Seine Mutter gibt eine große Party. Da Asheigh unterwegs ist, nimmt Gatsby an ihrer Stelle ein „Escort“-Girl mit, was aber nicht unbemerkt bleibt.

Eine typische Woody Allen-Komödie mit den bekannten und bewährten Schauplätzen in New York. Doch Witz und Charme halten sich in Grenzen; die Handlung ist vorhersehbar und die Gags sind schlapp. Gatsby ist der einzige junge Mann, alle anderen sind alte Säcke, umgeben von attraktiven jungen Frauen. Die Reichen und Schönen bleiben unter sich.

Der Film hatte infolge der „Me Too“-Debatte etliche Startschwierigkeiten. Man muss ihn auch nicht unbedingt auf der Leinwand sehen.

Wertung: sollte man gesehen haben

alles außer gewöhnlich

von Eric Toleando und Olivier Nakache – F 2019 – 113 Min.

Der Name der Autoren/Drehbuchschreiber bürgt für attraktives Kino, u.a. kreierten sie Filme wie „Ziemlich beste Freunde“ und „Das Leben ist ein Fest“. Diesmal ist es ein Film mit Anspruch und hohem Unterhaltungswert. Er spielt in Paris und es geht um die authentisch verbürgte Geschichte von zwei Männern, die von dem Willen beseelt sind, die Welt für sich und für andere besser zu machen. Bei ihrer Arbeit mit autistischen jungen Menschen und ihren Betreuern vollbringen Bruno und Malik tagtäglich kleine Wunder. Mit viel Engagement, Feingefühl und Humor gelingt es den beiden, aus vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten eine Gemeinschaft zu formen, in der jeder Einzelne die Chance bekommt, über sich hinaus zu wachsen. Das emotional ergreifende Feelgood-Movie gibt zwei Helden des Alltags eine Bühne, die unter Beweis stellen, dass jeder Einzelne von uns seinen Beitrag dazu leisten kann, unsere Gesellschaft menschlicher zu machen.

Wertung: kann man sich ansehen

Hustlers

von Lorene Scafaria – USA 2019 – 110 Min.

Ramona, Star im angesagtesten Stripclub New Yorks, nimmt die neue, unerfahrene Destiny unter ihre Fittiche. Gemeinsam starten sie richtig durch und nehmen mehr Geld ein, als sie sich jemals hätten träumen lassen. Doch nach dem großen Crash von 2008 bleibt der Club leer. Mit einem gewagten Plan und einer erweiterten Crew beginnen sie ihre ehemaligen Kunden so richtig auszunehmen. Bis das Ganze außer Kontrolle gerät und die Grenze zur Kriminalität überschritten wird. Scharfe Bilder von schönen Frauen und geilen Männern – nach dem Tatsachen-Artikel „The Hustlers at Scores“ im New York Magazin.

Wertung: sollte man gesehen haben

Der Leuchtturm

von Robert Eggers – USA 2019 – 99 Min.

Klaustrophobisches Kino auf engstem Raum im klassischen 1.37:1 Format und in

Schwarzweiß. Schauplatz eines archaischen Duells zweier dem Wahnsinn naher Männer ist ein Leuchtturm-Außenposten an der Küste Nordenglands 1801. Sie werden auf eine einsame Insel gesandt, um eine marode Leuchtturmanlage zu warten und in Betrieb zuhalten. Zur Zeit der Jahrhundertwende an der rauen Atlantikküste eine wichtige Aufgabe, die sich mehr und mehr in einen Überlebenskampf wandelt. Die zwei extrem unterschiedlichen Charaktere – dargestellt von Willem Dafoe und Robert Pattinson – prallen ungebremst aufeinander, und als ein nicht enden wollender Sturm über sie hinwegzieht, wird aus psychologischen Sticheleien schon bald ein brutaler Nervenkrieg, der zu körperlichen Aggressionen eskaliert. Regisseur Eggers („The Witch“, 2015) schrieb auch das Drehbuch dieses stürmischen und aufbrausenden Psychodramas. Beeinflusst von literarischen Klassikern aus der Feder Herman Melvilles und Robert Louis Stevensons ebenso wie von übernatürlichen Märchenmerkwürdigkeiten H. P. Lovecrafts und Algernon Blackwoods vereint er Einflüsse und Referenzen auf seine unnachahmliche Art und Weise und findet dabei einen ureigenen Stil. Es könnte aber auch ein Film des jungen Ingmar Bergmans sein nach einer Vorlage von Jean-Paul Sartre.

Wertung: hervorragend

Die schönste Zeit unseres Lebens

von Nicolas Bedos – F 2019 – 115 Min.

… das war für den Comiczeichner Victor zweifellos das Jahr 1974, in dem er Marianne traf, das schönste, aufregendste und liebenswerteste Geschöpf, in das er sich sofort unsterblich verliebte. Heute fühlt er sich alt, frustriert und zynisch; er findet sich immer weniger in der schnelllebigen digitalen Welt mit seinen sozialen Netzwerken und automatisierten Vorgängen zurecht. Sein Leben gerät aus den Fugen. In seiner Verzweiflung greift er zu einem Gutschein, den sein Sohn ihm geschenkt hat. Dessen bester Freund Antonie erfüllt Herzenswünsche, indem er seine zahlungskräftigen Kunden mit seiner Eventagentur in eine Zeit ihrer Wahl zurückschickt. In ehemaligen Filmateliers rekonstruiert er Zeiten und Räume und inszeniert mit Schauspielern das dazugehörige Personal. Uns so trifft Victor in seinem Stammbistrot „La Belle Epoque“ in Paris erneut auf die junge Marianne, die ihn im wirklichen Leben gerade aus der Wohnung geschmissen hat. Und irgendwann verwischen sich die Wahrnehmungen und Gefühle zwischen Illusion und Realität.

Der Regisseur Nicolas Bedos ist auch für das Drehbuch, die Kamera und die Musik verantwortlich. Sein Film wurde mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ ausgezeichnet. Die Jury-Begründung trifft auf den Punkt: Das Paar, das sich im Laufe der Zeit im Alltag verloren hat, wird verkörpert von Daniel Auteuil und Fanny Ardant, die unter Beweis stellen, warum sie zu den Großen ihres Fachs gehören. Daniel Auteuil spielt Victor mit so viel Wärme und Wahrhaftigkeit, dass man seine Sehnsucht nach dem, was war, förmlich spüren kann. Und Fanny Ardant sprüht nicht nur vor Lebenslust, Charme und Charisma, sondern lässt hinter der scheinbar gefühllosen Fassade immer auch Sanftheit und Verletzlichkeit erkennen. Diese Ambivalenz macht alle Figuren authentisch und lebensecht. „Die schönste Zeit unseres Lebens“ ist romantisch, skurril, berührend und komisch. Französisches Kino zum Verlieben!

Wertung: hervorragend

Official Secrets

von Gavin Hood – USA/UK 2019 – 112 Min.

Eine fulminante Rolle für Keira Knightley. Sie spielt Katharine Gun, die als Übersetzerin im britischen Geheimdienst arbeitet. Kurz vor Beginn des Irak-Krieges 2003 entdeckt sie ein Memo aus der NSA in dem dokumentiert ist, dass einige Mitglieder des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen erpresset werden sollen, der Invasion zuzustimmen. Sie leitet diese Information an die Presse weiter und wird später von der Regierung als Verräterin angeklagt und inhaftiert. Sie gesteht, gegen den Official Secrets Act verstoßen zu haben. Ihrem kurdischen Mann droht daraufhin die Abschiebung. Ein Menschenrechtsanwalt nimm sich der Sache an und sucht nach einer politischen Finte, die Justiz auszubremsen.

Ein virtuelles Denkmal für alle ehemaligen und zukünftigen Whistleblower, die sich ohne Rücksicht auf die eigene Gefährdung der Wahrheit verpflichtet fühlen. Ein hochbrisanter, aktueller Film; eine Folie der gegenwärtigen amerikanischen Politik mit einem Präsidenten, der seine Macht missbraucht und sich aller Staatsgewalt bemächtigt. Der Film, der Mut macht, basiert auf wahren Begebenheiten. Ein richtiger Film zur richtigen Zeit!

Wertung: hervorragend

The Irishman

von Martin Scorsese – USA 2019 – 209 Min.

Eine dreieinhalbstündige Begegnung mit einer durch Kino und Film rekonstruierten authentischen Mafia-Story. Vorlage ist das 2004 erschienene Buch „I Heard You Paint Houses“ des ehemaligen Staatsanwaltes Charles Brandt, das auf der Lebensgeschichte eines Auftragskillers beruht. Es geht um das bis heute ungeklärte Verschwinden des allmächtigen LKW-Gewerkschaftsbosses Jimmy Hoffa. Zentrale Figur des Films ist der irischstämmige Lastwagenfahrer Frank Sheeran, der in den 1950er Jahren für einen Mafia-Clan zunächst als kleiner Gehilfe und Ausputzer, und später dann als Bodyguard, Geldeintreiber, Killer und Vertrauter an Hoffas Seite arbeitet. Dessen Macht und Einfluss schwindet, als Robert Kennedy als Justizminister die Jagd auf den korrupten Gewerkschaftler beginnt. In diesen Jahren verdichtet sich die Freundschaft zwischen Sheeran und Hoffa zu einer engen Familienbindung. Im Film deutet sich an, wie und mit welchen Folgen diese Beziehung Mitte der Siebzigerjahre endet.

Scorsese demontiert mit ungebrochen erzählerischer Kraft und mit glasklaren Sequenzen die Verklärung der Mafia-Legenden in- und außerhalb des Kinos. Anstelle aufgesetzter Actionszenen und dramaturgischem Spannungsaufbau bietet „The Irishman“ perfekt kalkulierte Bilder und Montageeffekte, die dem Starensemble den gebührenden Rahmen verleihen. An die im Vorfeld heiß diskutierte digitale Verjüngungstechnik gewöhnt man sich schnell; sie wirkt im Fluss des Films weder störend noch irritierend.

Neben den sensationell besetzen Hauptrollen des Films mit Robert des Niro, Al Pacino und Joe Pesci wirken so ganz nebenbei auch noch Ray Romano, Harvey Keitel und Jesse Plemons mit. Hinzu kommen noch vertraute und bewährte Stars aus Scorseses Mafia-Serie „Boardwalk Empire“. Ein personalaufwändiger, visuell berauschender Film mit alten, weißen Männern für ein Publikum aller Altersklassen. Dank an netflix für dieses starke Stück Kino!.

Wertung: sollte man gesehen haben

Morgen sind wir frei

von Hossein Pourseifi – D 2019 - 97 Min.

Iran, Februar 1979: Die Revolution hat das Land von der Monarchie befreit, der Schah tritt ab, die ‚Islamische Republik’ wird ausgerufen. Geflohene Dissidenten kehren zurück. Darunter auch Omid, der seit 12 Jahren in der DDR lebt und mit seiner deutschen Frau Beate und ihrer gemeinsamen Tochter Sarah glücklich ist. Zusammen mit seiner Familie möchte er nun helfen, den Iran zu einem stolzen und friedlichen Staat aufzubauen, doch ihre Hoffnung wird schon bald erschüttert. Denn während Beate schon früh feststellen muss, dass das dortige Leben eine Anpassung von ihr fordert, die sie nicht bewältigen kann, sieht auch bald Omid, dass die nun herrschenden radikal-islamischen Kräfte das Land nicht etwa stärken, sondern den Menschen genau das nehmen, was er sich so sehr wünscht: Freiheit!

Die Geschichte des Films beruht auf wahren Begebenheiten. Fern von Klischees oder überzeichneter Dramatik wird der Konflikt zweier Menschen deutlich, die aus verschiedenen Kulturen stammen und die sich ihren Werten und Grundsätzen nie ganz entziehen können. In einer fatalen Abwärtsspirale zeigt der Film konsequent die islamische Umformung des Staates zu einem totalitären Gottesstaat. Und in dieser Deutlichkeit verweist er auf die aktuelle Gegenwart. Da der Film nicht im Iran gedreht werden konnte, werden historische Originalaufnahmen eingesetzt, um den Zuschauern das Gefühl der Authentizität zu vermitteln.

Wertung: kann man sich ansehen

Zombieland 2: Doppelt hält besser

von Ruben Fleischer – USA 2019 – 100 Min.

Die Zombiefamilie Columbus, Wichita, Tallahassee und Little Rock ist zurück und schlägt sich weiter durch eine Welt, die nach einer Zombieapokalypse brachliegt. Als Little Rock den Kiffer Berkeley trifft und mit ihm durchbrennte, überredet Wichita die beiden Männer sie zu suchen. Dabei treffen sie nicht nur auf Zombies, die sich weiterentwickelt haben, sondern auch auf andere Überlebende. Zufluchtsort ist Babylon, eine zombie- sowie waffenfreie kleine Kommune, die aber schon bald von Zombies angegriffen wird. Genrekino mit Starensemble.

Wertung: hervorragend

Bis dann mein Sohn

von Wang Xiaoshuai –VR China 2019 – 175 Min.

Drei Jahrzehnte in drei Stunden. „Wir warten darauf, alt zu werden.“ Ein bitterer Satz, der die Lebensrealität von Yaojun und seiner Frau Liyun in knappen Worten zusammenfast. Einst waren sie eine glückliche Familie, bis ihr Sohn beim Spielen am Rückhaltebecken eines Staudamms ertrankt. Sie verlassen ihre Heimat im Norden Chinas, tauchen in eine große Stadt ein, wo sie niemand kennt und sie nicht einmal den Dialekt der Einwohner verstehen. Auch Adoptivsohn Liu Xing bringt nicht den erhofften Trost. Trotzig verweigert er sich den ‚fremden’ Eltern und verschwindet eines Tages ganz. Immer wieder werden die Eheleute von ihren Erinnerungen eingeholt und kehren schließlich an den Ort der verlorenen Hoffnungen und zu ihren alten Freunden und Familienmitgliedern zurück.

Das Familiendrama umschließt drei Jahrzehnte chinesischer Geschichte. Privates und Politisches verschmelzen, das Individuum gerät ins Getriebe einer Gesellschaft im permanenten Wandel. So führt der Film vom Aufbruch nach der Kulturrevolution in den 1980er-Jahren bis in den prosperierenden Turbokapitalismus der Gegenwart und ist dabei Zeitkritik und Melodram zugleich. In großen Tableaus macht er die tiefen Narben unter der Oberfläche einer scheinbar bruchlosen Erfolgsstory sichtbar.

Wertung: hervorragend

Porträt einer jungen Frau in Flammen

von Céline Sciamma – F 2019 – 120 Min.

Ein ungewöhnlicher Auftrag führt die Pariser Malerin Marianne im Jahr 1770 auf eine einsame Insel an der Küste der Bretagne. Sie soll heimlich ein Gemälde von Héloise anfertigen, die gerade eine Klosterschule für junge adelige Frauen erlassen hat und bald verheiratet werden soll. Denn Héloise weigert sich, Modell zu sitzen, um gegen die von ihrer Mutter arrangierte Ehe zu protestieren. So beobachtet Marianne Héloise während ihrer Spaziergänge an die Küste und malt abends aus dem Gedächtnis heraus ihr Porträt. Langsam wächst zwischen den eindringlichen Blicken eine unwiderstehliche Anziehungskraft, die sich auf die Zuschauer überträgt und sie in Bann schlägt.

Für den Film muss man sich soviel Zeit nehmen wie für einen Besuch Alter Meister im Louvre. Die französische Filmemacherin Céline Sciamma inszeniert die Geschichte voller Intelligenz und Leidenschaft mit gemäldegleichen Bildern, die mehr aussagen als die sparsamen Dialoge. Es sind die bestechenden visuellen Eindrücke und die Blicke die zählen: die der Protagonisten miteinander und die der Zuschauer auf die Leinwand. Im Zeitalter überbordender Selbstdarstellungen und Selfies ist ein konzentrierter visueller Eindruck von der Entstehung des lebensnahen Porträts einer jungen Frau so etwas wie ein optischer Erholungsurlaub. In Cannes wurde der Film für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Jeder andere Preis wäre auch verdient.

Wertung: kann man sich ansehen

Terminator 6: Dark Fate

von Tim Miller –USA 2019 – 128 Min.

So wie sich der Protagonist des gleichnamigen Actionspektakels immer wieder aufs Neue mutiert und unkaputtbar aufersteht, ergeht es auch den Filmen. Der von James Cameron produzierte sechste Teil der Serie ist nicht mehr als eine Verwüstungsorgie – aber auch nicht weniger. Und wenn es einmal ruhigere Dialog-Sequenzen gibt, dann dienen sie nur der Vorbereitung des darauf folgenden Zerstörungswahns: wie in einer Zeitreise mit SF-Bildern oder als Rückblende fern logischer Abfolge. Es macht aber großen Spaß, Arnold Schwarzenegger als gereiften Alt-Terminator zu erleben, auch wenn er diesmal zur finalen Auflösung erheblicher Unterstützung bedarf. Die Frauen haben diesmal das Sagen und das Handeln übernommen.

Nicht vergessen: Totgesagte leben länger! T 7 wird kommen, wetten?

Wertung: hervorragend

Joker

von Todd Phillipps – USA 2019 – 122 Min.

Gotham City 1981: Der gesellschaftliche Außenseiter Arthur Fleck lebt zusammen mit seiner Mutter Penny in einem schäbigen Apartment. Arthur, der seit seiner Kindheit selbst in unpassendsten Situationen anfängt, laut zu lachen, arbeitet als Partyclown, träumt aber von einer Karriere als Stand-up-Comedian. Sein großes Vorbild ist Murray Franklin, der eine Late-Night-Show moderiert, in der er gerne auftreten würde. Für ihn ist es eine Art Vaterfigur, da er selbst ohne Vater aufgewachsen ist. In einer pflegebedürftigen Mutter sieht er seine beste Freundin Sie hat ihm auch den Kosenamen Happy gegeben. Arthur führt ein sozial isoliertes Leben und wird von seinen Mitmenschen verspottet oder diskriminiert. Als seine psychotherapeutische Behandlung gestrichen wird und er keine Medikamente mehr erhält, verliert er zunehmend den Verstand. Seine von Schmerz und Wut geprägten Aggressionen richten sich gegen sein Umfeld, da in den Straßen Rücksichtslosigkeit und Gewalt herrschen. Der Großindustrielle Thomas Wayne, der gerne Bürgermeister werden möchte, verhöhnt die Armen und Obdachlosen, die sich zusammentun, mit Clown-Masken durch die Stadt ziehen um zu plündern und sie in Brand setzen.

Der streitbare Film, dem eine stressige Produktionsgeschichte voranging, wurde bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, was vor allem dem souveränen Hauptdarsteller Joaquin Phoenix zu verdanken ist, der seinen prominenten Bösewicht zwischen Opfer- und Täterstatus von überlieferten Rollenvorbildern und Klischees befreien konnte.

Wertung: sollte man gesehen haben

Deutschstunde

von Christian Schwochow – D 2019 – 125 Min.

Deutschland, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Jugendliche Siggi Jepsen muss in einer Strafanstalt einen Aufsatz zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ schreiben. Er schreibt über seine Erinnerungen an seinen Vater Jens Ole Jepsen, der als Polizist zu den Autoritäten in einem kleinen norddeutschen Dorf zählte und den Pflichten seines Amtes rückhaltlos ergeben war. Während des Zweiten Weltkriegs muss er seinem Jugendfreund, dem expressionistischen Künstler Max Ludwig Nansen, ein Malverbot überbringen, dass die Nationalsozialisten gegen ihn verhängt haben. Er überwacht des penibel und Siggi, elf Jahre alt, soll ihm helfen. Doch Nansen widersetzt sich – und baut ebenfalls auf die Hilfe von Siggi, der für ihn wie ein Sohn ist. Der Konflikt zwischen den beiden Männern spitzt sich immer weiter zu – und Siggi steht zwischen ihnen.

50 Jahre nach dem Erscheinen des Romans von Siegfried Lenz über Schuld und Pflicht in der Zeit des Nationalsozialismus hat sich Christian Schwochow an eine Neuverfilmung gewagt. Dabei ist ihm nach einem Drehbuch seiner Mutter Heide Schwochow ein atmosphärisch dichtes und kraftvolles Werk gelungen, das den Widerspruch zwischen Pflichterfüllung und individueller Verantwortung klar herausarbeitet und daran appelliert, Stellung zu beziehen. Eine sorgfältige, einfühlsame Inszenierung, die im Gegensatz zu dem Fernsehfilm von 1971 das Kino mit Bildern beschenkt, die auch als ein Beitrag zu der aktuellen Diskussion über die Biographie des streitbaren Malers Emil Nolde gedeutet werden können.

Wertung: kann man sich ansehen

Zwischen uns die Mauer

von Norbert Lechner – D 2019 – 110 Min.

Zurück in das Jahr 1986. Die siebzehnjährige Anna aus der westdeutschen Provinz fährt mit einer Jugendgruppe zum Begegnungstreffen nach Ostberlin. Dort lernt sie den rebellischen Pfarrerssohn Philipp kennen. Es ist Liebe auf den ersten Blick – doch die schwer verliebten Teenager aus Ost und West werden getrennt durch die scharf bewachte deutsch-deutsche Grenze. Annas Eltern sind skeptisch; die heimlichen Besuche ihrer Tochter bleiben auch der Stasi nicht lange verborgen. Und so nehmen die Ereignisse einen höchst dramatischen Verlauf.

Die aus der Zeit gefallene Coming-Of-Age-Geschichte beruht auf dem gleichnamigen, autobiografischen Roman von Katja Hildebrand. Eine hautnahe, beklemmende Rekonstruktion der Situation rund um den Bahnhof Friedrichstraße. Die überragende Leistung der Hauptdarstellerin Lea Freund entschädigt dabei für einige Klischees und Unaufmerksamkeiten.

Wertung: kann man sich ansehen

Midsommar

von Ari Aster – USA 2019 - 143 Min.

Die amerikanischen Studenten Dani und Christian verbringen gemeinsam mit ihrer Clique die Sommersonnenwende in einem abgelegenen schwedischen Ort. Sie erwarten ein einmaliges Mittsommerfestival nach überlieferten Ritualen. Eingeladen hat eine illustre, versponnene Dorfgemeinschaft mit eigenwilligen Lebensformen und religiösem Gehabe

Eine auf den ersten Blick nette, hilfsbereite und überaus freundliche Kommune lebensbejahender Menschen, die gerne weißgekleidet auf grünem Grund umherhüpft,

verwandelt sich gegen Ende des Films zu einer geifernden, gaffenden, verzückt und verstört taumelnder Meute, die mit großer Begeisterung und Anteilnahme einer grotesken rituellen Opferverbrennung beiwohnt. Wer nicht in die Gemeinschaft passt, stirbt den Feuertod.

Nur eine Person überlebt; nicht schwer zu raten, wer es ist. Regisseur Asters alptraumhaftes filmisches Märchen zeigt viel, erklärt wenig.

Wertung: hervorragend

Gelobt sei Gott

von Francois Ozon – F/B 2019 – 137 Min.

Aktueller und brennender geht’s nicht! Noch sind nicht alle Fragen im Umfeld des Missbrauchsskandals in Lyon beantwortet. Francois Ozon hat sie noch einmal scharfgestellt und die tatsachengetreuen Ereignisse in einem fiktionalen Film verarbeitet. Ein atemberaubender Film, dessen emotionale Wucht man sich kaum entziehen kann. Ausgangspunkt und Auslöser der Geschichte ist Alexandre; er lebt mit Frau und Kindern in Lyon. Eines Tages erfährt er per Zufall, dass der Priester, von dem er in seiner Pfadfinderzeit missbraucht wurde, immer noch mit Kindern arbeitet. Er beschließt zu handeln und bekommt bald Unterstützung von zwei weiteren Opfern. Gegenseitig geben sie sich Kraft und kämpfen gemeinsam dafür, das Schweigen, das über ihrem Martyrium liegt, zu brechen. Ihr Widerstand formiert sich und wird zu einer Lawine, die am Ende nicht mehr aufzuhalten ist.

Der Film, der mit dem Großen Preis der Jury auf der Berlinale 2019 ausgezeichnet wurde, ist eine aufschlussreiche Bestandsaufnahme der Versäumnisse in der katholischen Kirche und zeichnet ein erschütterndes Bild von der Unverfrorenheit, mit der ihre „Würdenträger“ den Skandal vertuschen wollten.

Wertung: hervorragend

Nurejew – The White Crow

von Ralph Fiennes – UK/F/Serbien 2018 – 122 Min.

Der virtuose junge Tänzer Rudolf Nurejew ist der Star des Leningrader Kirow-Balletts, das im Paris in den 1960er Jahren die Zuschauer begeistert. Es ist die Zeit, in der sich der Kalte Krieg auf seinem Höhepunkt befand und die Sowjetunion ihre beste Tanzkompanie in den Westen schickte, um ihre künstlerische Stärke zu demonstrieren. Umschwärmt und vielbegehrt lässt sich der attraktive Tänzer vom kulturellen Leben der Stadt mitreißen und streift durch die Museen und Jazz-Clubs der Stadt. Den KGB-Agenten, die auf ihn aufpassen sollen, missfällt sein Verhalten. Als das Gastspiel in Paris endet und das Ensemble nach London weiterreist, will der sowjetische Geheimdienst ihn mit allen Mitteln nach Moskau zurückbringen. Doch Nurejew genießt den Geschmack der Freiheit und beschließt, in Frankreich politisches Asyl zu beantragen. Ein höchst riskantes Katz- und Mausspiel zwischen den KGB-Agenten und der französischen Polizei beginnt.

Der Ausgang ist bekannt. Die Szenen auf dem Flughafen Le Bourget stehen im Mittelpunkt der Handlung und verdeutlichen die innere Zerrissenheit des jungen Nurejews, mit seiner alten und vertrauten Welt zu brechen und den Neuanfang zu wagen. Durch diverse Rückblenden wird sichtbar, wie eng und unwirtlich sein Zuhause war. Mit wenigen Strichen gelingt es dem Regisseur, die Kindheit und Jugendzeit von Nurejew in Leningrad und Moskau zu zeigen. Der Zuschauer bekommt einen Eindruck von den Lebensverhältnissen und der Allmacht des Staatsapparats, die Bürger zu unterdrücken und zu kontrollieren. Auch wenn sich Nurejew nur schwer von seiner Mutter und seinem Freundeskreis trennen kann, so ist sein Schritt nachvollziehbar. Seine Rolle wird eindrucksvoll von dem ukrainischen Weltklasse-Balletttänzer Oleg Ivenko interpretiert. Wer Nurejew selbst auf der Leinwand oder dem Bildschirm sehen will, der sei auf seine Rolle als „Valentino“ in den gleichnamigen Film von Ken Russel (USA 1976) hingewiesen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Downton Abbey

von Michael Engler – GB 2019 -122 Min.

1927 herrscht auf Downton Abbey große Aufregung: Der König und die Königin erweisen dem Hause Grantham die Ehre. Es müssen ein royaler Lunch, eine Parade und ein Dinner organisiert werden – und das in einer Situation, in der sich die Herrschaft damit auseinandersetzt, ob der Erhalt von Downton überhaupt noch zeitgemäß ist. Als wäre diese Aufgabe nicht schon schwer genug zu bewältigen, muss sich das Personal mit dem arroganten royalen Haushalt herumärgern, und schon bald keimt eine kleine Revolte im unteren Teil des Hauses auf. Alle sehen dem königlichen Besuch mit gemischten Gefühlen entgegen.

Großes Kino! Ein gelungenes Konzentrat mit dem eingespielten Personal und dem wunderschönen Ambiente aus sechs preisgekrönten Staffeln; herausragend der Part von Maggie Smith, die als die Dowager Countess mit ihren scharfen Sprüchen das royale Gefolge aufmischt.

Wertung: sollte man gesehen haben

Ein Licht zwischen den Wolken

von Robert Budina – Albanien 2018 – 84 Min.

Gut zu wissen, dass es außerhalb des Marvel-Universum noch Filme gibt, die mit einer eigenen, unkonventionellen Handschrift kleine Geschichten erzählen, die auf größere Zusammenhänge verweisen. Schauplatz ist ein kleines, multikulturelles albanisches Bergdorf. Der Hirte Besnik ist ein frommer Muslim und dank der katholischen Mutter, dem kommunistischen Vater und den muslimischen und orthodoxen Familienangehörigen an Kompromisse gewöhnt. Als er zufällig in der Moschee hinter einem verborgenen Wandverputz eine christliche Heiligendarstellung entdeckt, erfährt er, dass die Moschee einst eine Kirche und für die Vorfahren ein gemeinsames Gotteshaus war. Was früher selbstverständlich war ist heute ein Frevel. Doch Besnik will an diese Tradition anknüpfen und löst damit heftige Diskussionen zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften und einen Aufruhr aus. Auch in seiner Familie gibt es Uneinigkeiten über die Vorgänge in der Moschee-Kirche. Besnik steht vor der Herausforderung, alle miteinander zu versöhnen.

Der Film konzentriert sich auf den Charakter von Besnik, seine innere Welt, seine Gefühle in Bezug auf seine Gemeinschaft, Familie, Religion, Liebe, Gott und die Natur. Mit einfühlsamer Subtilität rückt er dabei divergierende Aspekte der Religiösität in den Focus; ein ungewöhnlicher Beitrag zu einer aktuellen Debatte, der mit großer Poesie und einer klar kadrierten Bildsprache von Orten des Glaubens und vom Obdach der Gemeinschaft erzählt. Ein Film, für den man sich Zeit nehmen muss

Wertung: sollte man gesehen haben

Das Wunder im Meer von Sargasso

von Syllas Tzoumerkas – EU 2019 – 121 Min.

Produktionsländer sind Griechenland, Deutschland, Niederlande und Schweden. Ein Film über zwei Frauen. Elisabeth war eine vielversprechende, ehrgeizige Polizistin in Athen. Da sie sich nicht an korrupten Machenschaften beteiligen wollte, wurde sie als in das Provinznest Messolonghi versetzt. Sie ist einsam und meist verkatert. In der Lagunenstadt lebt schon immer die verschlossene Rita. Sie arbeitet in der örtlichen Fischzucht. Ihr Bruder Manolis ist eine lokale Größe im Showgeschäft und nutzt sie für seine Zwecke aus. Nach einer wilden Strandparty mit jeder Menge Drogen und Alkohol wird er am nächsten Morgen erhängt aufgefunden. Elisabeth, die ihrem Dienst nur widerwillig nachkommt, wird mit dem Fall betraut. Je weiter sie mit ihren Ermittlungen kommt, je mehr Details sie über Manolis mysteriösen Tod erfährt, desto klarer werden die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Frauen: beiden raus aus ihrem Milieu und wünschen sich einen Neuanfang in einer anderen Welt.

Die unterschiedlichen Lebenswelten der beiden Protagonistinnen werden zunächst detailliert aufbereitet, bevor sie sich verbinden und zu einem überraschenden Ende führen. Eine bislang unterdrückte Gewalt eruptiert und zeigt die hässliche Fratze einer idyllischen Küstenstadt. Das alles wird von hervorragenden Darstellerinnen in atmosphärisch berauschen Bildern präsentiert. Syllas Tzoumerkas: „Die Landschaft im Film spiegelt die Seele seiner Figuren, es gibt da diese Kombination aus Schönheit und Hässlichkeit.“

Wertung: kann man sich ansehen

Paradise Hills

von Alice Waddington – Spanien 2019 – 95 Min.

Ort der Handlung ist ein Therapiezentrum für emotionale Heilung auf einer abgelegenen Insel. Frauen, die es sich leisten können, werden hier innerhalb kürzester Zeit perfektioniert mit den Zielsetzungen „Schönheit“, „Benehmen“, „Stimme“ und „Fitness“. Schöne Frauen in schönem Ambiente. Zu schön, um wahr zu sein. Ein Fantasy-Thriller, in dem schöne Bilder das Böse verdecken. Langeweile statt Spannung.

Wertung: sollte man gesehen haben

Die Agentin

von Yuval Adler – D/F/Israel 2019 – 116 Min.

Eine Paraderolle für Diane Kruger: Sie spielt eine zwischen den Fronten balancierende israelische Agentin, die als Englischlehrerin in Teheran mit dazu beitragen soll, dem Iran fehlerhafte Bauteile für das Atomprogramm der Regierung unterzujubeln. Als Partner/Gegenspieler ist es Martin Freeman als ein in Großbritannien geborener Ex-Mossad-Agent. Gemeinsam ist beiden, dass sie keine Israelis sind, viele Sprachen aber kein Hebräisch sprechen und damit Außenseiter sind. Die Handlung ist kompliziert, mitunter verworren; sie zieht sich durch verschiedene Länder und Zeitebenen und wirkt, als sei eine Netflix-Serie zum Spielfilm-Format gekürzt worden. Auch die (wahren) Motive der Protagonisten bleiben rätselhaft. Aber spannend ist dieser Spionage-Thriller allemal. Für Atmosphäre und Authentizität sorgt die Romanvorlag, deren Autor Yiftach Reicher Atir ein ehemaliger israelischer Geheimdienstmitarbeiter war.

Wertung: sollte man gesehen haben

Endzeit

von Carolina Hellsgard – D 2018 – 90 Min.

Zwei Jahre nachdem Zombies die Erde überrannt haben, sind Weimar und Jena dank eines Schutzzauns die vermutlich letzten Orte menschlicher Zivilisation. Die beiden jungen Frauen Vivi und Eva müssen, als sie sich schutzlos zwischen den beiden Städten auf freiem Feld wiederfinden, wohl oder über gemeinsam den Kampf gegen die Untoten und den Dämonen ihrer Vergangenheit aufnehmen. Ihre Reise führt sie in die Apokalypse, in der die Abwesenheit der Menschen eine berauschend schöne Natur die Oberhand zurückerobert hat, was ihr einst gehörte.

Die Weimarer Autorin Olivia Vieweg, auf deren gleichnamiger Graphic Novel der Film basiert, gibt ihr beachtliches Drehbuchdebüt für einen Film, der von Frauen gespielt, inszeniert und produziert wurde. Thüringen mit seinen Burgen, Bergen und Wäldern ist der ideale Schauplatz für Märchen und Legenden – nicht zuletzt wegen der vielen Märchenfilme, die hier dank der Mitteldeutschen Medienförderung erfolgreich realisiert wurden. Die Produzentin Ingelore König hat sich besonders mit ihren ARD- und ZDF-Weihnachtsfilmen einen Namen gemacht. „Endzeit“ wird allerdings als „Horrorfilm“ angekündigt. Und da kann er keineswegs die Herausforderungen dieses Genres meistern. Etwas weniger Zombiemassaker und dafür mehr Psychothriller wäre angebracht. Denn „Endzeit“ ist mit seiner gruseligen Geschichte durchaus als Märchenfilm für Erwachsene annehmbar.

Wertung: hervorragend

Paranza – Der Clan der Kinder

von Claudio Giovannesi - Italien 2019 – 105 Min.

Da die Vorlage zu diesem Film ein Roman des italienischen Bestseller-Autors Roberto Saviani („Gomorrha“) stammt, sind Hochspannung und Authentizität verbürgt. In Neapel, wo die Mafia-Bosse der Camorra umgebracht oder verhaftet wurden, haben Nicola und die Jungs aus seiner Clique das Regiment übernommen. Die 15-jährien haben weder Angst vor dem Gefängnis noch vor dem Tod. Sie dealen mit Drogen und begehen Morde und wollen alles – und das am besten sofort.

Der mit jungen Laiendarstellern aus Neapel besetzte, trotz seiner fiktiven Story authentisch wirkende Film erzählt die Geschichte einer Gruppe Heranwachsender, die zwar der bürgerlichen Mittelschicht entstammt, aber aufgrund ihrer Faszination für die umgebende Gewalt zu einer leichten Beute für die Mafia-Clans wird. In einer vergangenen Zeit mit anderen Bildern und Schauplätzen wäre für die Identifikationsfigur des Protagonisten Nicola der Kampfhahn James Cagney die ideale Besetzung gewesen. So bleibt nur zu hoffen, dass dieser Film trotz fehlender zugkräftiger Stars ein Publikumserfolg wird.

Wertung: hervorragend

Once Upton A Time In Hollywood

von Quentin Tarantino USA 2019 – 160 Min.

Kinos sind Start- und Landeplätze für filmische Zeitreisen. Zeit und Ort in Tarantinos Film sind Hollywood 1969. Es geht um einen Tag im Leben des Westernhelden Rick Dalton und seinem Kumpel und Stuntdouble Cliff Booth. Die große Zeit des Western ist vorüber und in der Traumfabrik bastelt man an neuen Formaten und Karrieren.

Rick will nicht länger den Bösewicht vom Dienst spielen, der von aufstrebenden Jungstars regelmäßig vermöbelt wird, hat aber auch keinen Bock darauf, Spaghetti-Western zu drehen. Er besäuft sich lieber. Und bei Cliffs Bemühungen um eine neue Perspektive stehen ihm die rüden und ruppigen Zeiten aus seiner Vergangenheit im Wege.

Kinos sind auch die Orte, in denen zeitgeschichtliche Ereignisse umgeschrieben, gefälscht oder wie auch immer variiert werden. Tarantino beispielsweise hat in seinem Film „Inglourious Basterds“ die versammelte Nazi-Elite in einem Pariser Kino durch ein spektakuläres Attentat beseitigt. In diesem Film baut er als Parallelhandlung zur Geschichte der beiden Protagonisten die Ereignisse rund um das Geschehen der bestialischen Ermordung des Hollywood-Stars Sharon Tate durch die Manson-Familie ein. Und auch diesmal geht es anders aus als bekannt. Den Gesetzen der Logik sind ja im Drehbuch bekanntlich keine Grenzen gesetzt.

Eine mit vielen Stars des aktuellen Kinos besetzte Thriller-Groteske mit reichhaltigen, verwirrenden und überraschenden Rückkoppelungen, Rückblenden und Einschüben aus Vergangenheit und Gegenwart der Filmgeschichte. Eine souveräne. leidenschaftliche Hommage an die amerikanische Filmindustrie, die nur schwer zu überbieten ist. Eigentlich ein exemplarischer Fall für die Analyse am Schneidetisch. Aber dennoch ganz großes, rauschhaftes und leinwandsprengendes Kino!

Wertung: sollte man gesehen haben

So wie du mich willst

von Safy Nebbou – Frankreich 2019 - 101 Min.

Die attraktive Literaturdozentin Claire ist 50, alleinerziehende Mutter und steckt in einer schwierigen Beziehung mit ihrem jüngeren Liebhaber Ludo. Um ihn auszuspionieren, legt sich Claire ein falsches Facebook-Profil an und wird so zu Clara, einer hübschen 24-jährigen. Alex, Ludos bester Freund, findet Clara online und verliebt sich in sie. Auch Claire findet Interesse an dem jungen Fotografen und es entwickelt sich ein intensiver Chat-Flirt. Obwohl sich alles in der virtuellen Welt abspielt, sind die Gefühle real. Claire gerät immer weiter in Bedrängnis und verliert die Kontrolle. Ihre virtuelle Identität entwickelt sich zu einer Gefahr für sie selbst. Mit atmosphärischen Bildern erzählt der Film vom Abdriften in eine unzuverlässige Zwischenwelt, in der Realität und Lüge verschwimmen. Eine großartige Juliette Binoche ist praktisch in jeder Szene des Films präsent; sie spielt nuanciert und gefühlvoll eine faszinierende Frau, die nicht nur mit ihren eigenen Verletzungen ringt, sondern auch mit universellen Themen wie Einsamkeit und der Angst vor dem Älterwerden.

Wertung: sollte man gesehen haben

Der unverhoffte Charme des Geldes

von Denys Arcand – Kanada 2018 – 129 Min.

Montreal. Der etwas lebensfremde, schüchterne Paketzusteller Pierre-Paul gerät in einen blutigen Geldüberfall und kommt so an zwei riesige Säcke mit Banknoten. Aber was tun? Denn nicht nur die Mafia und das Finanzamt, sondern auch zwei hartnäckige Cops haben ein verdächtig großes Interesse an dem neuen Reichtum. Doch mithilfe eines gerade aus dem Knast entlassenen Finanzgenies, eines Offshore-Bankers und einer neuen, anspruchsvollen Freundin, einem Luxus-Callgirl, gelingt es ihm, ein System auszutricksen, in dem alles nur auf Erfolg und Geld ausgerichtet ist. Wie von Denys Arcand gewohnt, verbindet er auch in dieser überaus amüsanten, fintenreichen Krimikomödie geschickt seine Kapitalismus- und Gesellschaftskritik mit einer großen Portion Humor.

Wertung: hervorragend

Leid und Herrlichkeit

von Pedro Almodóvar- Spanien 2019 – 114 Min.

Der erfolgsverwöhnte Regisseur Salvador Mallo steht an einem Wendepunkt seines Lebens und blickt zurück auf eine wilde Reise voller Höhen und Tiefen. Er hat seit Jahren keinen Film gedreht, den Tod seiner Mutter hat er noch nicht verkraftet, und er leidet an einer ganzen Reihe körperlicher Beschwerden. Aufgewachsen im Valencia der 60er Jahre, aufgezogen von seiner liebevollen Mutter, die sich ein besseres Leben für ihn wünscht, entdeckt er schon früh seine Leidenschaft für die Magie des Kinos und die Geschichten, die es erzählt. In den 80er Jahren zieht es ihn nach Madrid; es sind jene Jahre, in denen er große Erfolge feierte und zu einem der innovativsten Filmschaffenden in Spanien wurde, aber auch schmerzliche Verluste hinnehmen musste. Die Wiederaufführung eines seiner berühmtesten Filme führt zu einem Treffen mit Alberto, dem Hauptdarsteller des Films, mit dem er sich zerstritten hatte. Der abgehalfterte, drogensüchtige Schauspieler befindet sich ebenfalls in einer Krise und möchte einen Text von Salvador auf die Bühne bringen. Dadurch herausgefordert scheint Salvadors Kreativität wieder zu erwachen.

Almodóvar fügt in seinem Film Autobiografisches und Fiktion zu einer reifen Spätwerk, einer Reflexion über gelebtes und erträumtes Leben zusammen. Es ist das mosaikartige Porträt eines Mannes, dessen Leidenschaft für die Kunst noch nicht erloschen ist. Das reale Leid des alternden Mannes sublimiert sich in der Herrlichkeit der poetisch stilisierten filmischen Bilder. Antonio Banderas, mit dem Almodóvar befreundet ist und einige seiner Filme geprägt hat, spielt seinen Part mit glühender Intensität und wurde in Cannes mit dem Preis für den Besten Schauspieler ausgezeichnet.

Wertung: sollte man gesehen haben

Photograph

von Ritesh Batra – Indien/D/USA 2019 – 109 Min.

Rafi ist Straßenfotograf in Mumbai und lebt überwiegend davon, Touristen zu fotografieren. Mit seinem wenigen Einkommen unterstützt er noch seine Großmutter, die ihn drängt zu heiraten. Sie lebt außerhalb der Stadt und kündigt ihren Besuch an, um ihn zu kontrollieren. Rafi muss eine Verlobte herzeigen. Da er vor einigen Tagen die Vorzeigestudentin Miloni fotografiert hat, bittet er sie um Hilfe. Die Wirtschaftsschülerin stammt aus einer aufstrebenden Mittelklasse und willigt ein. Als sich die Wege der beiden erneut kreuzen, beginnt eine unwahrscheinliche Liebesgeschichte, die sich zu einer Reise mitten in Indiens Klassengesellschaft entwickelt. Rafi und Miloni trennt nicht nur ein extrem unterschiedlicher religiöser, ökonomischer und kultureller Hintergrund, sondern auch ihre Hautfarbe, beide kämpfen aber mit den gleich existentiellen Fragen.

Mit sympathischer Gelassenheit und Leichtigkeit erzählt der Film von einer eigentlich unmöglichen Liebe, die sich über die Grenzen von Tradition und Moderne, von sozialer Schicht und Familie hinaus entwickelt und dabei einen sensiblen Blick auf eine Gesellschaft im Wandel offenbart. Es ist auch ein Film mit ungewöhnlichen, aufschlussreichen Bildern aus Mumbai; auf spektakuläre Blicke in die Elendsviertel der Metropole wird verzichtet, dafür erfährt man (visuell) mehr aus dem Innenleben und über die Alltagsrealität unterschiedlicher Klassen.

Wertung: kann man sich ansehen

Kursk

von Thomas Vinterberg – B/F/N 2018 – 118 Min.

Es geht um das Schicksal der Besatzung des nuklear angetriebenen russischen U-Bootes K-141 „Kursk“, das im August 2000 an einem Manöver der russischen Nordflotte in der Barentssee teilnimmt. Es kommt zu einer Explosion eines Torpedos und die Kursk versinkt auf den Meeresboden. Von 118 Bordmitgliedern können sich nur 23 Männer in einen sicheren Abschnitt des Bootes retten. Die russische Marine ist marode und unterfinanziert. Trotzdem lehnen die Russen stur internationale Hilfe ab, obwohl britische Schiffe einsatzbereit vor Ort sind. Während die Zeit gegen die Überlebenden läuft, bemühen sich die Angehörigen der Besatzungsmitglieder vergeblich um Aufklärung.

Die realen Ereignisse werden von einem paneuropäisch besetzten Thriller unter der Regie des erfahrenen Regisseurs Vinterberg in beinahe dokumentarischer Weise inszeniert, ohne auf spektakuläre klaustrophobische Zuspitzungen zu setzen, da der Ausgang dieser Katastrophe hinreichend bekannt ist. Neben den dramatischen Ereignissen an Bord stehen gleichberechtigt die überwiegend fiktiven Teile der Handlung, die sich um die Situation der Angehörigen ranken. Hier werden auch die unwirtlichen Lebens-und Arbeitsbedingungen aller Betroffenen deutlich sichtbar.

Zu den Hauptdarstellern zählen neben Matthias Schoenaerts noch Colin Firth und auch Max von Sydow (!) – ihn zu sehen allein ist es wert, ins Kino zu gehen. Mit an Bord u.a. August Diehl, Pit Bukowski und Matthias Schweighöfer.

Wertung: kann man sich ansehen

Das melancholische Mädchen

von Susanne Heinrich – D/F 2019 – 80 Min.

Ein Film von Frauen aus dem Umfeld der DFFB. Es ist die Umsetzung bzw. Bebilderung einer Filmtheorie, die sich an Brecht orientiert. Die Protagonistin streift als melancholisches Mädchen durch die Großstadt und „erforscht in 15 komischen Begegnungen unsere postmoderne Gesellschaft zwischen Prekarisierung und Self Marketing, serieller Monogamie und Neo-Spiritualität, Ernüchterung und Glückszwang“. Nicht unbedingt ein Film für die Kino-Leinwand. Um ihn angemessen zu rezipieren ist es sinnvoll, vorab das von der Edition Salzgeber publizierte Presseheft zu lesen.

Wertung: nicht zu empfehlen

The Dead Don’t Die

von Jim Jarmusch – UDS 2019 – 109 Min.

Eine typisch beschauliche amerikanische Kleinstadt wird von Zombies buchstäblich aufgefressen. Und mittendrin zwei Sherriffs allein gegen alle. Trotz eines beachtlichen Staraufgebots erweist sich hier, dass Jarmusch kein Regisseur für Zombie-Horror-Komödien ist. Die Anzahl der geköpften und erschossenen Untoten reicht mindestens für drei B-Pictures, die George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ wiederaufbereiten. Einziger Lichtblick: Tilda Swinton als Samurai-Schwert schwingende Bestattungsunternehmerin. Es ist ihr leider nicht vergönnt auch diesen Film zu beerdigen.

Wertung: kann man sich ansehen

Zwischen den Zeilen

von Olivier Assayas – F 2019 – 107 Min.

Assayas hat spannende innovative Filme gedreht, zuletzt „Carlos“ und „Die Wolken von Sils Maria“. In diesem wird zwar viel geredet, aber wenig gezeigt. Es geht um die Auseinandersetzung einer Intellektuellen-Clique im Pariser Literaturbetrieb: ein mehr oder weniger erfolgreicher Autor, der seine Stoffe seiner eigenen Lebensrealität entnimmt, ein Verleger, der vor den Herausforderungen des kulturellen und digitalen Wandels steht, eine erfolgreiche Serienschauspielerin, die aussteigt, und eine engagierte Frau, die für einen umstrittenen Politiker arbeitet. Und dazu noch diverse Beziehungen und Affären untereinander. Langatmig und langweilig, wäre da nicht die herausragende Juliette Binoche, die mit ihrem Charme den Film über alte und neue Medien und Liebschaften dennoch sehenswert macht.

Wertung: hervorragend

Rocketman

von Dexter Fletcher – GB 2019 – 120 Min.

Die authentischen Biographien von Weltstars, deren Karrieren vom kometenhaften Aufstieg und tragischem Fall bis hin zur Wiederauferstehung, sind x-mal verfilmt worden. Showelemente vermengen sich in idealer Weise mit melodramatischen Handlungsverläufen; manchmal aber leider auch genial daneben und voll von Kitsch und Klischees. Besonders kritisch werden die Filme beurteilt, deren Protagonisten noch leben und auf der Bühne stehen. Dies ist hier der Fall. Zu einem Zeitpunkt, in dem Elton John seine großangelegte „Abschiedstournee“ angeht, kommt ein von ihm autorisiertes Biopic in die Kinos. Vorweg: eine großartige Produktion, die ebenso unterhaltsam ist wie ein Live-Konzert des großen Entertainers, der hier als ausführender Produzent involviert ist.

Als Rahmenhandlung dient eine Selbsthilfegruppe, der sich Elton anschließt, weil er seine Probleme wie Alkoholsucht, Drogenkonsum und exzentrischen Ausfällen nicht in den Griff bekommt und sich (erfolgreich) davon befreien will. Die einzelnen Stationen seines Lebens und seines Wirkens werden als kunterbuntes Musical in Form kongenial montierter Rückblenden miteinander verbunden; Songs wie „Don’t Go Breaking My Heart“ korrespondieren mit Stationen seiner biographisch verbürgten Lebensrealität. Dabei ist es keineswegs eine verblendete Hommage an die Kunstfigur Elton John, sondern ein überzeugendes (selbst-)kritisches Bild der Londoner Musikszene und des Popbusiness. Ein wahrer Glücksfall ist die Besetzung der Hauptrolle mit Taron Egerton, der alle Songs selber eingesungen hat und mit einer ekstatischen Performance überzeugt.

Wertung: sollte man gesehen haben

Der Flohmarkt von Madame Claire

von Julie Bertuccelli – F 2018 – 95 Min.

Mutter (Catherine Deneuve) und Tochter (Chiara Mastroianni) spielen in diesem Film Mutter und Tochter – unter der Regie von Julie Bertuccelli, die Tochter des Regisseurs Jean-Louis Bertucelli. Ein französischer Familienfilm also über eine französische Familie. Alles dreht sich um die exzentrische Madame Claire. Sie wacht an einem wunderschönen Sommertag in einem kleinen Dorf auf und ist davon überzeugt, dass es ihr letzter Tag auf Erden ist. Sie beschließt, ihr gesamtes Hab und Gut im Garten ihres großzügigen Landhauses zu verkaufen, von wertvollen Uhren, lieb gewordenen Antiquitäten bis hin zu handgefertigten Unikaten. Von einer alten Freundin alarmiert, kehrt Claires Tochter Marie zum ersten Mal nach 20 Jahren in ihr Zuhause zurück. Und damit beginnt eine aufregende und aufschlussreiche Reise ins Herz einer vergangenen Zeit, die eine versöhnliche Zukunft verspricht.

Mit betörender Eleganz und anmutiger Sinnlichkeit erobert die legendäre Grande Dame des französischen Kinos an der Seite ihrer Tochter die Kinoleinwand souverän zurück. Als Zuschauer möchte man gerne dieser Familie zugehören, auch wenn es sich hier nur eine detailliert aufbereitete Momentaufnahme handelt.

Wertung: hervorragend

Avengers 4: Endgame

von Joe und Anthony Russo – USA 2019 – 182 Min.

Die Helden der Vergangenheit retten unsere Zukunft. Die Vollversammlung des Marvel-Personals bereitet auf- und anregende, höchst unterhaltsame und spannungsgeladene (drei) Kinostunden. Die Avengers sind zur Zusammenarbeit gezwungen, um den finalen Sieg des perfiden Weltzerstörers Thanos zu verhindern. Die Solisten der letzten Blockbuster – von Captain America und Iron Man bis hin zu Thor, Hulk, Captain Marcel und Black Widow – treten selbstbewusst und selbstironisch auf und bündeln ihre individuellen Fähigkeiten zu gemeinsamen Kräften. Möglicherweise aber ist „Endgame“ doch noch nicht das Endspiel. Alle Beteiligten vor und hinter der Kamera verstehen etwas von Zeitreisen und der Bedienung einer „Time Machine“. Im Marvel Universum ist ausreichend Zeit und Raum für weitere Leinwand-Spektakel mit der erfolgreichsten Heldentruppe aller Zeiten.

Wertung: sollte man gesehen haben

Der Fall Collini

von Marco Kreuzpainter – D 2019 – 117 Min.

Ein Justiz-Thriller nach dem gleichnamigen Roman von Ferdinand von Schirach. Im Focus stehen die Folgen des sogenannten „Verjährungsskandals“ von 1968. Mit der schleichenden Verabschiedung eines Einführungsgesetzes zum Gesetz über Ordnungswidrigkeiten wurde praktisch eine Amnestie für NS-Verbrechen beschlossen. Es ist ratsam, sich vor dem Kinobesuch bei wikipedia über die zeitgeschichtlichen Hintergründe zu informieren.

Die Bestseller-Verfilmung bietet ein beachtliches Staraufgebot auf, das von Buch und Regie präzise und überzeugend ins Szene gesetzt wird. Im Mittelpunkt steht ein Anwalt, der als Pflichtverteidiger einen 70jährigen Italiener verteidigen muss, der offenbar grundlos einen angesehenen deutschen, 85 Jahre alten Großindustriellen getötet hat. Nach und nach kommen dabei Einzelheiten eines der größten deutschen Justizskandale ans Licht. Buchautor von Schirach und der Constantin Film Produktion ist es zu verdanken, an dieses unliebsame, hochkomplexe Kapitel deutscher Vergangenheit zu erinnern und aufzuarbeiten. „Collini“ ist eine fesselnde und bewegende Geschichte über Rache, Recht und Gerechtigkeit.

Wertung: hervorragend

Ayka

von Sergey Dvortsevoy –Russland u.a. 2018 – 100 Min.

Es gibt Filme mit einer so intensiven emotionalen Dichte und Nähe, die eine fast direkte, persönliche Bekanntschaft mit den Protagonisten bewirken. AYKA ist einer vor ihnen. Er zeigt einen Ausschnitt aus der Alltagsrealität einer jungen Frau aus Kirgisistan, die in Moskau als Schwarzarbeiterin lebt und dort irgendwie über die Runden kommen muss. Sie ist schwanger und weiß nicht, wie sie zusätzlich noch ein Kind ernähren kann. Kurz nach der Geburt verlässt sie panikartig das Krankenhaus und lässt das Neugeborene zurück. Sie muss innerhalb kürzester Zeit Geld auftreiben, um ihre Schulden bei brutalen Kreditgebern zu begleichen. Von allen Seiten unter Druck gesetzt entschließt sie sich zu einer letzten, verzweifelten Aktion.

Eine dokumentarisch wirkende schonungslose Situationsbeschreibung über den Überlebenskampf einer isolierten Frau in einem unwirtlichen Ambiente; hier ist es zusätzlich noch das Chaos in einer von einem gewaltigen Schneesturm überfallenen Stadt, in der überdimensionale, lärmende Räumfahrzeuge das Straßenbild durchpflügen. Eine Welt ohne Mitleid und Wärme, rücksichtslos und ohne Moral und Solidarität. Ein Bild prägt sich da besonders ein: die Menschen werden wie Tiere behandelt, in einer Tierklinik – einer der Zufluchtsorte für Ayka - hingegen werden die Tiere wie Menschen behandelt.

Wertung: kann man sich ansehen

Niemandsland

von James Kent – GB 2018 – 108 Min.

Eine eigentlich interessante, melodramatische Geschichte, die in der Nachkriegszeit in Hamburg spielt. Der britische Colonel Lewis Morgen soll beim Wiederaufbau helfen. Als seine Frau Rachael ihm folgt werden sie in die hochherrschaftliche, nicht zerstörte Villa des Architekten Stefan Lubert untergebracht. Dieser wohnt dort allein mit seiner heranwachsenden, traumatisierten Tochter und wartet auf das Ende seines Entnazifizierungs-Verfahrens. Das Ehepaar Morgan hat bei einem deutschen Luftangriff ihren kleinen Sohn verloren, und besonders Rachael kann sich schwer an die neue Umgebung gewöhnen. Da Lewin Morgan voll durch seinen Dienst beansprucht wird und kaum zuhause ist, baut sich zwischen seiner Frau und dem Deutschen ein Kontakt auf, der zu einer Liebesbeziehung führt. Und Rachael muss sich entscheiden zwischen einem Neuanfang mit Stefan oder ihrer Ehe.

Leider fährt der Film diese Handlung in Ausstattung und Besetzung voll gegen die Wand. Das Ambiente – die ausgebombte Stadt einerseits, die opulente Luxusvilla an der Elbe andererseits – sowie die starren, unbeweglichen Charaktere erwecken kein Interesse am Geschehen und den Protagonisten. Kaum ein Klischee wird ausgelassen, keine Figur interessiert wirklich. Vor allem aber ist es die nicht aufgeklärte Vergangenheit des deutschen Architekten, die den Vorgängen keine Glaubwürdigkeit verleiht.

Eigentlich sollte Ridley Scott die Regie übernehmen. Doch infolge von Terminüberlastung beschränkte er sich auf die Rolle des Produzenten. Schade. Das wäre ein anderer Film geworden.

Wertung: hervorragend

Border

von Ali Abbasi – Schweden/Dänemark 2018 – 110 Min.

Die schwedische Grenzbeamtin Tina besitzt eine für eine Zöllnerin besonders willkommene Gabe: Sie kann besser riechen als alle anderen Menschen und so etwa Schmuggelware oder auch die Emotionen der Menschen wahrnehmen; sie verfügt über die Fähigkeit, Scham, Schuld und Wut zu wittern. Dazu kommt noch ihr besonderes Aussehen: Tinas Gesicht ist seltsam geschwollen, sie hat einen Blick, der sich förmlich in ihr gegenüber bohrt. Außerdem ist sie für eine Frau besonders kräftig. All das verleiht Tinas Ausstrahlung etwas animalisches. Ihr Geruchssinn ist nahezu unfehlbar, aber einmal versagt er doch: Vore, der von ihr an der Grenze kontrolliert wird, hat wie Tina einen Chromosomenfehler, was bei ihm zu einer Deformation im Gesicht geführt hat. Die beiden Außenseiter kommen einander näher. Vore offenbart Tina ihre gemeinsame mystische Herkunft, was für Tina nicht nur eine vollkommen neue Freiheit bedeutet, sondern auch Herausforderungen, denen sie sich stellen muss.

„Border“ basiert auf einer Kurzgeschichte des schwedischen Horrorautors John Ajvide Lindqvist. Der in Cannes preisgekrönte Film des iranisch-schwedischen Regisseurs ist ein außergewöhnliches Meisterwerk und wurde von der FBW mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ ausgezeichnet. Der Jury-Begründung ist nichts hinzuzufügen: „Wie ein einziger Fluss bewegt sich der Film zwischen den Genres, ist Kriminalfilm, Drama und Mystery-Romanze zugleich, und bleibt doch immer ganz nah bei seiner Hauptfigur und im Realismus der Verhältnisse… In seiner Komplexität, seinen stetigen Überraschungen und Wendungen und dem Mut zu unkonventionellen Figuren ist „Border“ ein großes filmisches Wagnis. Und ein eben solcher Triumph.“

Wertung: sollte man gesehen haben

Unheimlich perfekte Freunde

von Marcus H. Rosenmüller – D 2019 – 92 Min.

Hier und heute in D. Emil und Frido sind beste Freunde. Als in einem Spiegelkabinett auf dem Jahrmarkt die Spiegelbilder der beiden zum Leben erweckt werden, glauben die zehnjährigen Jungs, das große Los gezogen zu haben. Die Doppelgänger können nämlich all das, was Frido und Emil selbst nicht so gut können, ihre ambitionierten Eltern aber von ihnen erwarten. Doch als ihre Abbilder plötzlich beginnen, eigene Ziele zu verfolgen, müssen die beiden Freunde einen Weg finden, die unheimlichen Geister, die sie riefen, wieder los zu werden. Das aber gestaltet sich schwieriger als gedacht.

Eine erfrischende und abwechslungsreiche Familienkomödie mit dem Charme eines modernen Märchens. Dank eines präzisen Drehbuchs funktioniert der Spiegel-Effekt über lange Zeit, je mehr Kinder aber dann direkt oder indirekt davon betroffen sind, desto verwirrender und kaum nachvollziehbarer wird die Handlung. Die Charaktere der Kinder sind treffend gezeichnet und von den Darstellern überzeugend umgesetzt; ideale Identifikationsfiguren fürs Publikum demnach. Ärgerlich hingegen sind einige alberne Szenen mit den Erwachsenen; sie wirken zappelig und bieten leider nur oft Anlass für aufgesetzte und unangebrachte Schadenfreude.

Wertung: ärgerlich

Dumbo

von Tim Burton – USA 2019 – 114 Min.

Eine Realverfilmung des Disney-Klassikers. Die Regie von Tim Burton erweckt hohe Erwartungen. Hinzu noch ein Staraufgebot u.a. mit Danny DeVito (als Zirkusdirektor), Colin Farrell und Michael Keaton. Doch der Charme der Vorlage erstickt in einem Überaufgebot an visuellen Effekten. Die Produktion greift tief in die Trickkiste. Man sieht viel, vielzuviel. Die Story geht unter. Insgesamt ein Zirkuserlebnis mit jeder Menge bunter Zuckerwatte. Und das verklebt bekanntlich den Magen und führt zu Hirnschäden.

Wertung: nicht zu empfehlen

Captive State

von Rupert Wyatt – USA 2018 – 109 Min.

Seit zehn Jahren ist die Erde von außerirdischen Invasoren besetzt. Es herrscht eine perfekte Welt ohne Armut und Verbrechen. Doch dahinter steht eine totale Kontrolle. Die meisten Menschen haben sich damit arrangiert und kollaborieren. In Chicago formiert sich eine kleine Widerstands-Gruppe, die sich gegen die Eindringlinge zur Wehr setzt. Damit legen sie sich nicht nur mit den Machthabern aus der fernen Galaxie, sondern auch mit deren Handlangern an. Ein erbarmungsloser Kampf steht bevor.

Eine SF-Story, wie sie bereits mehrfach variiert und verfilmt wurde. Doch selten so verwirrend und unverständlich. Es ist so, als sähe man die dritte Folge einer sechsteiligen Serie. Auch John Goodman als zentrale Figur zwischen Macht und Ohnmacht kann kein Interesse an dem Geschehen wecken. Und die Außerirdischen sehen aus wie überdimensionale Kakteen, die mit Glyphosat behandelt wurden.

Wertung: sollte man gesehen haben

Ein Gauner und Gentleman

von David Lowery – USA 2018 – 93 Min.

Unsere legendären (Leinwand-)Helden sind wieder da: vor einigen Monaten noch Clint Eastwood in THE MULE als ein wortkarger Hochbetagter, der wider Willen in kriminelle Machenschaften verwickelt wird, und nun Robert Redford in der Rolle eines alten, coolen Gauners und Gentleman, der Banken ausraubt und aus hochgesicherten Haftanstalten flieht. Paraderollen für erfahrene, gestandene Darsteller, denen ihre Fans gerne folgen, auch wenn es sich – wie hier – nicht gerade um eine atemberaubende Kinogeschichte handelt. Für Redford als lässiger und charmanter Forrest Tucker, der bei seinen Überfällen keine Schusswaffen einsetzte, sondern seiner verbalen Überzeugungskraft vertraute, gibt es ebenfalls eine reale Figur. Das nimmt dem Geschehen zwar die Spannung, aber großartige schauspielerische Leistungen des gesamten Ensembles (u.a. Casey Affleck, Sissy Spacek, Danny Glover und Tom Waits) garantieren ungetrübte Kinostunden. Soweit mir erinnerlich, gibt es keinen gemeinsamen Film der beiden Stars. Vielleicht können sie ja in naher Zukunft ein gemeinsames Ding drehen. Das Publikum wird's ihnen danken!

Wertung: kann man sich ansehen

Weil Du nur einmal lebst – die Toten Hosen auf Tour

von Cordula Kablitz-Post – D 2019 – 107 Min.

Reisebericht über die Tour der Toten Hosen 2018; ein Zusammenschnitt aus mehreren hundert Stunden Videomaterial: Proben, Rituale, Auftritte, Hintergrundgeschichten, Interviews. Sie spielen auf Mega-Bühnen und liefern grandiose Chows in kleinen Clubs – ob im legendären Berliner SO36 oder vor ihren Fans in Buenos Aires. Konventionell gemacht. Spannend wird es nur an der Stelle, als Campino einen Hörsturz erleidet und die Tournee abgebrochen werden muss. Was das bedeutet – für die Band, die Veranstalter, die Fans – das wird erschreckend deutlich. Denn von dem Ausgang dieser plötzlichen Erkrankung hängt das Schicksal vieler Beteiligten ab. Denn abgesehen von dem gesellschaftlichen und politischen Engagement bestimmt nun mal der Kommerz die Spielregeln der Kunst.

Wertung: kann man sich ansehen

Wir

von Jordan Peele – USA 2019 – 117 Min.

Adelaide und Gabe Wilson wollen gemeinsam mit ihren Kindern Zora und Jason den Sommer in einem Strandhaus in Santa Cruz verbringen, in dem Adelaide ihre eigene Kindheit verbracht hat. Doch als die Nacht hereinbricht, verwandelt sich ihre Ferienstimmung in Anspannung und Chaos, da einige ungebetene Besucher auftauchen. Vier Gestalten, die sich an den Händen halten, stehen plötzlich stumm in ihrer Einfahrt. Sie stellen sich als die Doppelgänger der Familie heraus, wollen sie verdrängen und ihre Plätze einnehmen. Adelaide wird bei dem alptraumhaften Zusammentreffen von ihrer Vergangenheit eingeholt, da sie als junges Mädchen verstörende und nie aufgelöste Erfahrungen in einem Spiegelkabinett gemacht hat.

Was als intelligentes Vexierspiel und Herausforderung an die Zuschauer beginnt, endet leider in einem kruden Zombie-Verschnitt. Hinzu noch eine selbst für Genrefilme wirre, unlogische und willkürlich zusammengewürfelte kryptische Auflösung, die bitter nachschmeckt und den furiosen, bildgewaltigen Auftakt verdrängt. Denn was diesen Horrorthriller trotz der Story sehenswert macht ist die Kameraarbeit von Mike Gioulakis (GLASS), der eine ästhetisch visuell atemberaubende Atmosphäre in Innen- und Außenräumen kreiert.

Wertung: sollte man gesehen haben

Iron Sky 2: „The Coming Race

von Timo Vuorensola – Finnland/Deutschland/Belgien 2018 – 105 Min.

Nach der nuklearen Zerstörung der Erde ist diese unbewohnbar. Der Rest der Menschheit lebt auf dem Mond, der sich aber langsam auflöst. Eine Möglichkeit zum Überleben bietet eine verborgene Stadt im Innern der Erde. Diejenigen, die sich auf die heikle Mission begeben, treffen dort auf allerlei merkwürdige prähistorische und historische Wesen. Unter ihnen auch frühere Weltherrscher, die die totale Herrschaft anstreben. Einige der Wahnsinnigen amtieren allerdings noch aktuell und der Wettstreit beginnt.

Eine skurrile, bitterböse Science-Fiction-Satire mit spektakulären Effekten und vorder- und hintergründigem Humor. Und inmitten des Geschehens der unverwüstliche Udo Kier in einer Nazi-Doppelrolle. Großes Kino.

Wertung: sollte man gesehen haben

Das Haus am Meer

von Robert Guédiguian – F 2018 – 107 Min.

Es geht um den Fortbestand der großzügigen elterlichen Villa in einem Küstenort in der Nähe von Marseille. Das Haus ist mit einem kleinen Restaurant verbunden. Nach einem Schlaganfall des Familienoberhauptes treffen sich dort seine Angehörigen, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Das Aufeinandertreffen so unterschiedlicher Charaktere wie eine berühmte Theaterschauspielerin und ein idealistischer Gewerkschaftler verläuft nicht konfliktfrei und alle Beteiligten stehen vor schweren Herausforderungen.

Eine unaufgeregt erzählte, sympathische Familiengeschichte – mit Charme und Witz inszeniert. Das Tempo lässt ausreichend Zeit, sich mit den Protagonisten vertraut zu machen und ihnen nahe zu kommen. Am Ende des Films hat man das Gefühl, Teil ihrer Familie und des Freundeskreises zu sein. Nicht alle Probleme werden gelöst, aber es zeichnen sich Lösungsmöglichkeiten an

Wertung: hervorragend

Destroyer

von Karyn Kusama – USA 2019 – 123 Min.

Superstar Nicole Kidman in der Rolle einer etwas verwahrlosten und unkonzentrierten Polizistin in Los Angeles. Auf dem ersten Blick ein Mordfall wie jeder andere. Als Erin Bell zum Tatort gerufen wird deutet alles darauf hin, dass eine verschollene Person aus ihrer Vergangenheit wieder zurück ist. Der Bankräuber und Mörder Silas ist der Grund, warum Erin heute ein Schatten ihrer selbst ist. Eine gebrochene, innerlich wie äußerlich zerstörte Frau, die durch ihr Leben stolpert wie eine Untote. 17 Jahre sind vergangen, seit Erin als verdeckt arbeitende FBI-Agentin Silas zum ersten Mal auf der Spur war. Damals endete die Ermittlung in einer Katstrophe. Jetzt sieht Erin die Gelegenheit gekommen, ihre Fehler und Sünden von einst wieder gut zu machen und Silas zur Strecke zu bringen. Koste es, was es wolle.

Ein packender L.A. Noir Thriller im atmosphärisch düsteren Stil von „Chinatown“ und „L.A. Confidential“ mit Nicole Kidman als vielschichtige weibliche Copfigur; verletzlich und hart, gebrochen und unerbittlich zugleich liefert sie einen intimen Einblick in die Gefühlswelt der Protagonistin. Eine abgehalfterte Ermittlerin in der Stadt der Engel, die nach Jahren in der Verdammnis die Chance auf Erlösung erhält. Tolles Genre-Kino!

Wertung: sollte man gesehen haben

The Sisters Brothers

von Jacques Audiard – F/USA u.a. 2018 – 121 Min.

Der klassische Western ist im aktuellen Hollywood-Kino nicht mehr präsent oder gefragt.

Uns so bedurfte es einer gemeinsamen Kraftanstrengung europäischer Produktionsfirmen und/oder Finanzgeber, das Genre neu zu beleben. Die Handlung spielt 1851 in Oregon. Die berühmt-berüchtigten Sisters Brothers Eli und Charlie sind skrupellose Auftragskiller im Dienst eines ominösen Commodore. Und nun haben sie den Auftrag, einen gewissen Hermann Warm aufzuspüren. Dieser hat angeblich eine Wunderformel zum einfachen Goldwaschen erfunden; ein Wissen, das ein Vermögen einbringen kann. Doch auch andere sind hinter dem Chemiker her. Es geht um Leben oder Tod.

Eine Geschichte, die sich viel Zeit nimmt zur Ausformung individueller Charaktere, eingebettet in betörenden Bildern einer atemberaubenden Landschaft. In dieser Männergesellschaft gibt es aber nicht nur Gewalt und Machtansprüche, sondern auch Träume von einer gerechteren Welt und Sehnsucht nach bürgerlichem Leben. Ein überaus unterhaltsamer und aufschlussreicher Film, der den Gründungsmythos Amerikas hinterfragt. Er wurde beim Filmfestival Venedig für die „Beste Regie“ ausgezeichnet.

Wertung: sollte man gesehen haben

Escape Room

von Adam Robitel – USA 2018 – 100 Min.

Eine Handvoll Leute trifft sich nach einer mysteriösen Einladung zu einem Escape-Room-Wettbewerb. Wer gewinnt, erhält 10 000 Dollar. Es stelle sich heraus, dass es keineswegs ein harmloses Abenteuer ist. Die Story ist schnell erzählt und die Charaktere sind perfekt gestylt.

Der Film besticht durch sein exzellentes, ausgeklügeltes Setdesign und den vielen Überraschungen in den in- und nebeneinander verschachtelten Actionräumen. Eine Orgie optischer Überfälle, die neben dem Spannungsbogen einen einzigartigen Schauwert bieten, der die Zuschauer fesselt. Unbedingt auf einer großen Leinwand sehen.

Wertung: kann man sich ansehen

Der goldene Handschuh

von Fatih Akin – D/F 2018 -110 Min.

Hamburg-St.Pauli in den 1970er Jahren, die Amüsiermeile und ihre Nachtgestalten: Gewohnheitstrinker und Prostituierte, Spielsüchtige und andere einsame Seelen.

Wer sich auf dieses Milieu einlassen und die Typen näher kennenlernen möchte, der kann sich diesen Film ansehen. Wenn nicht: erst gar nicht darauf einlassen.

Basierend auf dem realen Fall des Serienmörders Fritz „Fiete“ Honka, der in der Kiezkaschemme „Zum goldenen Handschuh“ Stammgast war, entwirft Fatih Akin das Porträt eines sozial verkommenen Gewaltverbrechers, der von Frauenhass, sexueller Gier und Sentimentalität getrieben ist. In der Kneipe schleppt er ältere, sozial verwahrloste, allein trinkende Frauen ab, die er dann in seiner Dachgeschosswohnung erschlägt und erwürgt. Seine Opfer zerstückelt er und entsorgt ihre Überreste hinter der Wand zum Dachboden. Die Schuld an dem Verwesungsgestank schiebt er der benachbarten griechischen Familie in die Schuhe.

Fatih denunziert das Personal seines Films und nimmt auch den Opfern ihre Würde. In anderen Filmen hat er bewiesen, dass er Klischees nutzt, um sie danach aufzulösen. Hier nicht, hier werden sie verstärkt und kommentarlos ausgestellt.

Wertung: kann man sich ansehen

Der verlorene Sohn

von Joel Edgerton – USA/Australien 2018 – 115 Min.

Ein Film nach einer wahren Begebenheit. Schauplatz ist eine Kleinstadt in Arkansas.

Hier lebt die Familie eines Baptistenpredigers. Im Mittelpunkt des Geschehens steht der neunzehnjährige Jared. Als sein strenggläubiger Vater von der Homosexualität seines Sohnes erfährt, drängt er ihn zur Teilnahme an einer fragwürdigen Reorientierungstherapie. Vor die Wahl gestellt, entweder seine Identität oder seine Familie und seinen Glauben zu riskieren, lässt er sich notgedrungen auf die absurde Behandlung ein. Seine Mutter begleitet ihn zu der abgeschotteten Einrichtung, deren selbst ernannter Therapeut ein entwürdigendes, qualvolles und unmenschliches Umerziehungsprogramm leitet. Er ist weniger an seinen Patienten sondern mehr an dem Geld finanzkräftiger Eltern interessiert. Letztendlich ist es seine Mutter, die sich emanzipiert und ihren Sohn von allen Zwängen freisetzt.

Es ist interessant, diese Geschichte zu verfolgen; sie verläuft allerdings eindimensional und spannungslos. Außerdem ist es kein Film für die große Leinwand, auch wenn vorzügliche Darsteller wie Russel Crowe und Nicole Kidman als Elternpaar eine glaubwürdige Leistung bieten.

Wertung: sollte man gesehen haben

Frühes Versprechen

von Eric Barbier – F 2018 - 131 Min.

Der Film schildert das bunte, abwechslungsreiche und spannende Leben des berühmten französischen Schriftstellers, Regisseurs und Diplomaten Romain Gary. Von seiner schweren Kindheit in Polen über seine Jugend unter der Sonne von Nizza bis hin zu den Heldentaten seiner Flüge in Afrika während des Zweiten Weltkrieges und seiner Ehe mit der Schauspielerin Jean Seberg – Gary lebte ein außergewöhnliches Leben. Ein Leben, dessen Wirklichkeit das mütterliche Wunschdenken noch übertrifft. Denn es ist die unerschütterliche Zuneigung seiner liebenswerten wie exzentrischen Mutter Nina, die ihn fordert und antreibt. Von diesem einzigartigen Band zwischen Mutter und Sohn erzählt der Autor in seinem autobiografischen Buch „Frühes Versprechen“ – eine Hommage an eine anstrengende, verrückte und gleichwohl liebevolle Mutter und eine Paraderolle für die brillante, alles dominierende Charlotte Gainsbourg, die alle Zeitebenen mühelos meistert.

Wertung: kann man sich ansehen

The Prodigy

von Nicholas McCarthy – USA 2018 – 90 Min.

In den ersten Jahren sind die Eltern von Miles noch stolz auf ihr Wunderkind und dessen Auffassungsgabe, Doch mit zunehmenden Alter verändert Miles sein Verhalten auf abschreckende Weise. Sarah, seine Mutter, versucht die Ursachen herauszufinden. Ganz offensichtlich ist ihr Sohn von einer finsteren Macht besessen. Sie stößt dabei auf mysteriöse Ereignisse aus der Vergangenheit und muss sich entscheiden zwischen ihrem Mutterinstinkt und dem Kampf gegen das Böse.

Ein typischer Genre-Film eines erfahrenen Teams, der emotional gefällig daherkommt und auf vordergründige Schockwirkungen verzichtet. Die Auflösung überzeugt und das Finale überrascht. Wer’s liebt kommt voll auf seine Kosten.

Wertung: sollte man gesehen haben

Asi mit Niwoh – die Jürgen Zeltinger Geschichte

von Oliver Schwabe – D 2018 – 90 Min.

Er gehört zu Kölle wie der FC und der Dom; er war Straßenmusiker, Prolet, Spinner und Rebell: Jürgen Zeltinger, die Ikone! Der Film zeigt den Altrocker auf Tour, taucht in die Archive und befragt Weggefährten die Freunde wie Dennis Kleimann, Arno Steffen, Wolfgang Niedecken und Heiner Lauterbach zu „de Plaat“, wie Zeltinger in der Szene genannt. „Ais mit Niwoh“ ist gleichzeitig auch ein Film über das Kölner Lebensgefühl in den 80er- und 90er-Jahren in der Underground-Szene und im Milieu. Regisseur Oliver Schwabe, der in Dutzenden von Musik-Dokumentationen seine Souveränität bewiesen hat, nähert sich seinem Protagonisten respektvoll, aber nicht unkritisch an. Er streichelt seine Borsten und glättet seine Falten. Wer den Film gesehen hat verfolgt neugierig die Ankündigungen von Zeltinger Konzerten in Köln und Umgebung. Nichts wie hin!

Wertung: hervorragend

The Mule

von Clint Eastwood – USA 2018 – 117 Min.

Die Handlung des Films orientiert sich an dem New York Times Magazine-Artikel „The Sinaloa Cartels’ 90-Year-Old-Drug Mule“. Es geht um Earl Stone, einen Mann in den Achtzigern, der als Florist viel gearbeitet hat, permanent unterwegs war und darüber seine Familie vernachlässigt hat. Durch den zunehmenden Internet-Handel steht sein Unternehmen vor der Zwangsvollstreckung. In dieser Situation erhält er ein Jobangebot, bei dem er lediglich Auto fahren soll. Doch ohne es zu wissen, hat Earl als Drogenkurier für ein mexikanisches Kartell angeheuert. Er macht seinen Job so gut, dass seine Fracht immer wertvoller und er einem Aufpasser des Kartells zugeteilt wird. Aber er ist nicht der Einzige, der Earl beobachtet: Der mysteriöse neue Drogenkurier ist ebenfalls auf dem Radar des ehrgeizigen DEA-Agenten Colin Bates aufgetaucht.

Der weit über 80 Jahre alte Eastwood autorisiert diesen Film als Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller- souverän, stilsicher, mit dem richtigen Gespür für Timing und leichter Ironie. Es ist ein Hochgenuss, ihn spielen zu sehen. Präsent wie eh und je beherrscht er seinen Part zwischen Starrsinn und Hilfslosigkeit in allen Facetten. Jede Szene ist genauesten inszeniert, jede Kameraeinstellung zeugt von dem kontrollierten Umgang mit den Bildern. Und dazu dann die passende Musik. Um ihn herum ein Ensemble ausgezeichneter Darsteller. „The Mule“ ist so spannend und überzeugend wie die „Narcos“-Serien, nur dass hier weitaus weniger Action eingesetzt wird. Braucht man auch nicht, wenn es einen so faszinierenden Protagonisten gibt.

Wertung: hervorragend

Green Book

von Peter Farrelly – USA 2018 – 130 Min.

Der Filmuntertitel lautet: „Eine besondere Freundschaft“! Und genau davon handelt dieser Film. Der hochgebildete und erfolgreiche afroamerikanische Pianist Dr. Don Shirley geht 1962 auf eine Konzert-Tournee von New York bis in die Südstaaten. Sein Fahrer ist der prollige Italo-Amerikaner Tony Lip, der seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsjobs und als Türsteher verdient. Der Gegensatz zwischen den beiden könnte nicht größer sein. Dennoch entwickelt sich eine enge Freundschaft. Gemeinsam erleben sie eine Zeit, die von wahrer Menschlichkeit, aber auch Gewalt und Rassentrennung geprägt ist. So müssen sie ihre Reise nach dem „Negro Motorist Green Book“ planen, einem Reiseführer für afroamerikanische Autofahrer, der die wenigen Unterkünfte und Restaurants auflistet, die auch schwarze Gäste bedienen. Und bei diesen Bedingungen sind Konflikte und handgreifliche Auseinandersetzungen vorprogrammiert.

„Green Book“ hat reale biografische und zeitgeschichtliche Bezüge. Eine beeindruckende filmische Rekonstruktion, bei der die Leistung der beiden Hauptdarsteller jede nostalgische Klischeehaftigkeit durch überzeugende Authentizität vermeidet. Ein Film, der zu recht mit mehreren Preisen und Auszeichnungen bedacht wurde.

Wertung: kann man sich ansehen

Die Blüte des Einklangs

von Naomi Kawase – Japan/Frankreich 2018 – 110 Min.

Die Französin Jeanne reist nach Japan auf der Suche nach einer seltenen Heilpflanze. In den tiefen, undurchdringlichen Wäldern der Yoshino-Berge soll sich die geheimnisvolle Pflanze Vision befinden. Sie blüht der Legende nach nur einmal alle 997 Jahre und befreit den Menschen von seinen Ängsten und Schwächen. Während ihrer Reise trifft sie auf Tomo, der die Wälder sein Zuhause nennt und spürt, dass in den Bergen eine beunruhigende Veränderung vor sich geht. Ein Jahrtausendereignis kündigt sich an.

Der Film ist eine Reise durch Zeit und Raum und erzählt mit einer assoziativen Montage zwischen den Bildern mehr als es die eigentliche Handlung angeht. In einer einzigartigen Atmosphäre entsteht eine unbeschreibliche Mystik, in der Natur und Leben ihren Einklang finden. Eine ideale Projektionsfläche für die Ausnahme-Schauspielerin Juliette Binoche!

Wertung: kann man sich ansehen

Creed 2

von Steven Caple Jr. – USA 2018 – 130 Min.

Das Treffen der Generation nach “Rocky”. Es kämpfen gegeneinander die von Ivan Drago (Dolph Lundgren) zwischen tristen Plattenbauten trainierte Kampfmaschine aus der ehemaligen Sowjetunion und der von Rocky Balboa (Sylvester Stallone) mit modernen Trainingsmethoden gestylte Adonis Creed. Und zwischen den Treffen im Ring noch etwas zähe, sparsame Dialoge, an denen sich auch Brigitte Nielsen (die Ex-Frau von Stallone) als Ex-Frau von Ivan Drago beteiligt. Minimale schauspielerische Leistungen gegen maximale Actionszenen – insgesamt die ideale Mixtur um die „Rocky“-Vermarktungsmaschine anzuwerfen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Maria Stuart, Königin von Schottland

von Josie Rourke – GB 2018 – 125 Min.

Maria, Königin von Schottland, wurde am 8. Dezember 1542 geboren. Den größten Teil ihrer Kindheit verbrachte sie in Frankreich, dem Geburtsland ihrer Mutter. Nach dem Tod ihres jungen Ehemannes kehrt sie im Alter von 18 Jahren nach Schottland zurück, um rechtmäßig den Thron zu beanspruchen. Dadurch tritt sie in einen Machtkampf mit Königin Elisabeth I., die bis dahin Alleinherrscherin über das englische Königreich ist und sich herausgefordert fühlt. Der Ausgang der erbitterten Rivalität inmitten einer männerdominierten Welt ist bekannt und Geschichte.

Der Film der erfolgreichen Theaterregisseurin Josie Rourke konzentriert sich auf die beiden Protagonisten, die mit Saoirse Ronan und Margot Robbie hervorragend besetzt sind. Es gibt ausreichend Hauen und Stechen und wunderbare Landschaftsaufnahmen. Großes Kino! In dem Bemühen um eine Rekonstruktion des historisch verbürgen Geschehens aus heutiger Sicht sind bei der Zeichnung einzelner Charaktere aus dem Umfeld der Regentinnen allerdings einige leichtfertige Fehler unterlaufen.

Wertung: kann man sich ansehen

Glass

von M. Night Shyamalan - USA 2018 – 129 Min.

Hier treffen sie noch einmal aufeinander und gegeneinander: Die Super-Helden als Protagonisten der Psycho-Horrorthriller „Unbreakable“ und „Split“. Um diesen Film zu entschlüsseln sollte man die beiden voraufgegangenen noch einmal sehen. „Glass“ ist so bekömmlich wie ein Teebeutel nach dem dritten Aufguss: fade und fadenscheinig.

Mein Vorschlag: die drei Filme neu montieren und zu einer Mini-Serie formatieren.

Wertung: sollte man gesehen haben

Das Mädchen, das lesen konnte

von Marine Francen – F 2017 – 98 Min.

Schauplatz des Films ist ein abgelegenes Bergdorf in der Provence in den Jahren 1851 bis 1855. Protagonistin ist die südfranzösische Bäuerin Violette Ailhaud. Wie ihre Freundinnen, ist sie im heiratsfähigen Alter, als plötzlich die Auswirkungen der großen Politik unmittelbar Einzug im Dorf halten. Alle Männer des Ortes werden von Louis Napoléons Soldaten verschleppt, als dieser die Zweite Republik stürzt, um sich als Napoléon III. zum Kaiser der Franzosen zu krönen.

Mit vereinten Kräften gelingt es den zurückgebliebenen Frauen, die Arbeiten des Jahreslaufs zu bewältigen. Trotz der Sorge um die verlorenen Männer, sind die Frauen stolz auf ihre Unabhängigkeit. Nach einem Jahr vergeblichen Wartens auf ein Lebenszeichen der Männer fassen Violette und ihre Freundinnen einen Entschluss: Wenn eines Tages ein Mann ins Dorf kommt, soll er für alle Frauen da sein, damit das Dorf weiter existieren kann. Als der umherreisende, heimatlose Schmied Jean zufällig auftaucht, verliert das Gefüge seine Balance, denn er und Violette verlieben sich ineinander. Und dann tauchen auch einige der verschwundenen Männer auf, die überlebt haben…

Der Debütfilm von Marine Francen nach der autobiographischen Erzählung von Violette Ailhaud ist eine einfache und klare filmische Umsetzung ihrer Lebensgeschichte, die sich überwiegend durch Bilder und weniger durch Dialoge vermittelt. Die „fein geschnittene Miniatur mit sich leise aufbauendem emotionalem Höhepunkt“ (Hollywood Reporter) wurde auf internationalen Festivals mit Preisen und Auszeichnungen bedacht.