Porträt Horst Schäfer

Kinotipps 2013

75 Besprechungen aus dem Jahr 2013.

Wertung:
Wertung: sollte man gesehen haben

Der Medicus

von Philipp Stölzl – D/USA 2013 – 150 Min.

Die (unvermeidliche) Verfilmung des Welt-Bestsellers von Noah Gordon mit einem internationalen Star-Aufgebot. Der Medicus erzählt die Geschichte des Waisen Rob Cole, der aus dem mittelalterlichen England ins persische Isfahan reist, um dort bei dem ‚Arzt aller Ärzte’ Medizin zu studieren. Unterwegs begegnet er zahllosen Gefahren und Herausforderungen, muss Oper erbringen und sich seinen Weg bedingungslos erkämpfen. Für die darstellerischen Qualitäten sorgen Namen wie Tom Payne, Stellan Skarsgard, Olovier Martinez, Emma Rigby und Ben Kingsley. Gegenüber dieses geballten Kraft-Potentials wirkt der deutsche Regisseur Philipp Stölzl („Nordwand“, „Goethe!“) leider etwas überfordert. Immerhin präsentiert der Film eine spannende und interessante Geschichte, wechselnde Schauplätze und viele Attraktionen – Schauwerte über Schauwerte. Für solche Stoffe wurde das Kino gemacht.

Wertung: kann man sich ansehen

Machete Kills

von Robert Rodriguez – USA 2013 – 107 Min.

Man muss ihn schön mögen, um seine Filme zu ertragen: Danny Trejo, der stoische Kraftprotz mit der Hack-Fresse. Die Handlung ist nebensächlich. Hier geht es wieder einmal mehr darum, die Welt (oder einzelne Teile davon) zu retten, da ein mexikanischer Kartellboss die US-Hauptstadt mit einer Nuklearrakete bedroht. Und dann gibt es noch einen exzentrischen Waffendealer mit Allmachtsphantasien. Rodriguez und sein Team spielfreudiger Superstars machen daraus eine Story mit atemberaubendem Tempo und überbordenden Einfällen. Die Geschichte der B-Pictures wird gnadenlos geplündert und selbstironisch verwurstet. Wer diesen Film gesehen hat, der hat einen ausreichenden Vorrat an Action, Gags, Sex und Explosionen, die für ein Jahr reichen – bis zum nächsten Auftritt von Machete: „Machete in Space“. Versprochen!?

Wertung: sollte man gesehen haben

Belle und Sebastian

von Nicolas Vanier – Frankreich 2013 – 94 Min.

Die Geschichte einer Freundschaft zwischen einem kleinen Jungen und einem großen Hund ist nicht neu in der Literatur (und in den Filmen) für Kinder. Beruhend auf einem Jugendbuch-Bestseller von Cécile Aubry und einer französischen Fernsehserie aus den 1960er Jahren (sie wurde auch in der BRD und in der DDR ausgestrahlt) ist der Schauplatz hier ein idyllisches Bergdorf in den französischen Alpen nahe der Schweiz. Zwei Spannungsbögen kreuzen und verweben sich. Das ist zunächst einmal die Freundschaft zwischen dem Waisenjungen Sebastian und dem riesigen Hund, den die Bewohner des Dorfes für eine Bestie halten. Hinzu kommt noch die zeitgeschichtliche Ebene des Jahres 1943. Deutsche Soldaten besetzen das Dorf in der Absicht, diejenigen aufzufinden, die den Flüchtlingen über die Grenze helfen. Eine Treibjagd in doppeltem Sinne. Die Handlung spielt überwiegend in den schneebedeckten Bergen, was die ideale Kulisse für atemberaubende Szenen bildet. Ein emotional berührender Familien-Film, aber kein vordergründiges Family-Entertainment.

Wertung: kann man sich ansehen

Der Hobbit – Smaugs Einöde

von Peter Jackson – USA/NZ 2013 – 161 Min.

Der zweite Teil der Tolkien-Jackson-Fantasy-Odyssee. In allen Medien ausreichend beschrieben; die Fans wissen eh, worum es geht. Der Film dauert ca. 160 Min. Zieht man davon die endlos-langen Kampf- und Verfolgungsszenen ab, so bleiben nur noch gefühlte 10 Minuten, um das inhaltlich fortschreitende Geschehen zu verfolgen bzw. zu beschreiben. Gegenüber dem ersten Teil fehlen auch so originelle und eindrucksvoll-nachhaltige Charaktere wie beispielsweise „Gollum“. Orlando Bloom und Evangeline Lilly wirken demgegenüber blass und uninteressant. Gut nur, das in aller technischen Perfektion, die Jacksons Team wie kein anderes beherrscht, hin und wieder etwas Humor erkennbar ist.

Wertung: sollte man gesehen haben

Oldboy

von Spike Lee – USA 2013 – 104 Min.

OLDBOY ist Kult – bei den Lesern der Graphic Novel von Garon Tsuchiya/Nobuaki Minegishi und den Fans des Films von Park Chan Wook, der in Cannes und in aller Welt Preise abräumte. Und nun eine Neuverfilmung bei der man sich fragt: Muss das sein?

Aber siehe, es geht. Spike Lee hat den Stoff aufgefrischt und ihn unbeeindruckt von dem koreanischen Films neu und anders erzählt. Josh Brolin ist hervorragend; seine Gegenspieler haben kaum Chancen, dagegen zu halten.

In den freien, beschaulichen Tagen zum Jahreswechsel ist ausreichend Zeit, sich bei der Lektüre des vierbändigen Original-Mangas (Carlsen Comics) zu entspannen und den Rachefeldzug von Goto in den Straßen Tokios genüsslich zu verfolgen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Venezianische Freundschaft

von Andrea Segre – Italien 2011 – 98 Min.

In der Lagune von Venedig wird ein Café von Chinesen übernommen und nun soll die zarte Chinesin Chun Li die Fischer bedienen, für die das Café schon lange ein zweites Zuhause ist. Bepi ist einer dieser Fischer und selbst vor vielen Jahren als Migrant in die Lagune gekommen. Im Gegensatz zu seinen Kollegen zeigt er Verständnis und Einfühlungsvermögen für die Neue hinter dem Tresen. Ausgehend von einem beidseitigen Interesse an der Poesie entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen zwei außergewöhnlichen Menschen. Doch weder die chinesischen Arbeitgeber von Shun Li noch die italienischen Stammgäste sind von dieser Beziehung angetan. Vorurteile bauen sich schneller auf als gedacht. Und so bleibt diese „venezianische Freundschaft“ nur ein Traum. Und dafür ist die Kinoleinwand schon immer der geeignete Ort gewesen. Ausgehend von den Filmfestspielen in Venedig wurde dieser Film weltweit mit Preisen bedacht; u.a. 2012 den LUX-Preis des Europäischen Parlaments.

Wertung: sollte man gesehen haben

The Counselor

von Ridley Scott – USA,GB, Spanien 2013 – 124 Min.

Die Stoffe von Cormac McCarthy („No Country for Old Man“) bieten außergewöhnliches Personal, überraschende Handlungsverläufe, Witz, Sex, Action und viel Landschaft – diesmal das unwirtliche Grenzgelände zwischen Mexiko und den USA, aber auch Amsterdam, London etc. Der Protagonist ist es ein eloquenter, geld- und machtgeiler Anwalt, der sich auf einen lukrativen Drogenhandel einlässt und dabei nicht nur seine Existenz aufs Spiel setzt. Das hochkarätige Quartett im Bett besteht aus Michael Fassbender und Penélope Cruz, Javier Bardem und Cameron Diaz. Um sie herum schleicht noch Brad Pitt – wer will mehr? Und die visionären und magischen Bilderwelten von Ridley Scott garantieren den luxuriösen Hintergrund eines turbulenten Geschehens.

Wertung: sollte man gesehen haben

Blancanieves – Ein Märchen von Schwarz und Weiss

von Pablo Berger – Spanien/Frankreich 2012 – 104 Min.

Es war einmal vor langer Zeit ein kleines Mädchen im Süden Spaniens, das hatte seine Mutter bei der Geburt verloren. Sie lernte die Kunst ihres geliebten Vaters, einem einst berühmten Matators, der infolge eines Unfalls gelähmt ist. Sie sah ihn nur selten, weil ihre Stiefmutter sie mit tiefstem Hass verfolgte. Diese beseitigt den Vater und gab auch den Befehl, die Tochter zu ermorden, doch dem Mädchen gelingt die Flucht. Sie fand Zuflucht bei einer Truppe kleinwüchsiger Toreros, mit denen sie durch Andalusien zog. Sie wurde zur Königin der Stierkampfarena, bis ihr Ruhm die Stiefmutter wieder erreicht...

Eine in der Tat ‚märchenhafte’ Verfilmung in Schwarz-Weiß und mit Zwischentiteln. Stumm jedoch nicht, weil man hier exemplarisch studieren kann, welch wichtige Funktion für diese Erzählung die Filmmusik einnimmt. Auch an Kameraführung, Bildauswahl und Montage lassen sich beispielhaft die filmsprachlichen Mittel studieren, die sich hier zu einem Gesamtkunstwerk formen, wie man es selten sieht. Der Film findet auch eine ungewöhnliche Auflösung für die Geschichte: „Solange sie noch nicht gestorben ist, lebt sie noch heute“. Eine willkommene Erholung für die durch das SFX-Kino strapazierten Augen und Ohren. Äußerst empfehlenswert!

Wertung: sollte man gesehen haben

Inside Wikileaks

von Bill Condon – USA /Belgien 2013 – 128 Min.

Es geht um die weltweit bekannten Vorgänge in und um Wikileaks. Der Film über die Enthüllungs-Plattform ist aber keine dokumentarische Rekonstruktion im Stile eines Polit-Thrillers, sondern zeichnet in Nahaufnahme die Freundschaft/Feindschaft zweier unterschiedlicher Charaktere: Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg. In einer anderen Zeit und in einer anderen Welt wären es Fidel Castro und Che Guevara gewesen. Inhaltlich: Nichts Neues unter der Sonne. Aber sehenswert allein wegen der schauspielerischen Leistungen von Benedict Cumberbatch und Daniel Brühl. Interessant auch, mit welchen visuellen Metaphern der Film versucht, die nicht-sichtbaren Vorgänge im Netz mit Film- Bildern sichtbar zu machen.

Wertung: nicht zu empfehlen

Der Teufelsgeiger

von Bernard Rose – D/Österreich 2012 – 122 Min.

Eine deutsch-österreichische Koproduktion in bewährter Ufa-Tradition. Künstlerverehrung wie gehabt. Erzählt wird das Leben des von zahlreichen Skandalen und dunklen Geheimnissen umwitterten Teufelsgeigers Paganini auf der Höhe seiner Kunst.

Ca. 15 Beteiligte an der Erstellung eines Euro-Puddings; div. Fördergremien eingeschlossen. Zur besseren Vermarktung ihres Namens sind auch David Garrett (Hauptrolle) und Veronica Ferres (Nebenrolle) daran beteiligt. Viele Köche verderben den Brei bzw. die ästhetische und dramaturgische Qualität des Films über einen Abschnitt der Biografie des Teufelsgeigers Niccolò Paganini – gespielt von dem Geigenvirtuosen David Garrett. Ein Film über einen Pop-Star der ersten Stunde. Der Geigenspieler Garrett kann spielen, der Schauspieler Garrett leider nicht. Und so ist es wohl sinnvoller, das Geld für die Kinokarte zu sparen und es dafür als nachhaltiges Erlebnis in die CD „Stargeiger trifft Teufelsgeiger“ zu investieren. Oder aber sich Ken Russel-Filme auf DVD anzusehen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Die Nonne

von Guillaume Nicloux – F/D/B 2013 – 114 Min.

Eine mit großem europäischen Filmförderungsaufwand entstandene Verfilmung des Romans „La Religieuse“ von Denis Diderot. Frankreich 1765. Ein bürgerliches Mädchen wird von der Familie gezwungen, gegen ihren Willen ein klösterliches Gelübde abzulegen. Hinter den Klostermauern beginnt für die Novizin ein leidenschaftlicher Kampf für ihre Freiheit, gegen vorherrschende Konventionen und religiösen Fanatismus. Zuerst wird sie von der Mutter Oberin im Kloster Sainte Marie mit aller Strenge und sadistischer Härte erbarmungslos daran gehindert, dem Klosterleben zu entsagen; in einem zweiten Anlauf ist es zuviel Liebe: die obsessiven Zuneigungen der Mutter Oberin von St. Eutrope. Der Film ist ein eindringliches Plädoyer für ein unabhängiges Leben, für die Courage, einen eigenen Weg gehen zu wollen. Das Thema hat bis heute nicht an Aktualität verloren. In den Hauptrollen treffend besetzt; in einer Nebenrolle gibt es ein Wiedersehen mit der Ikone des wilden europäischen Kinos aus den 68er-Zeiten: Lou Castel.

Wertung: kann man sich ansehen

Ender’s Game

von Gavin Hood – USA 2013 – 113 Min.

In einer Welt der Zukunft, in der die Erde von Aliens bedroht wird, sucht das Militär verzweifelt nach einem Genie, dem es gelingen kann, die überlegene Flotte des Gegners zu besiegen. Dazu rekrutieren sie potentielle Kandidaten bereits im Kindesalter, um sie auf den Kampf vorzubereiten. Darunter auch Andrew „Ender“ Wiggin, der großes strategisches Geschick beweist und ... dann die Welt rettet.

Hochkarätig besetzte Verfilmung einer Science Fiction-Vorlage von Orson Scott Card. Vergleiche mit „Full Metal Jacket“ drängen sich auf – nur sind es hier schon die Kinder, die von den Militärs missbraucht werden. „Ender’s Game“ ist ein großaufgeblasenes Ballerspiel mit spekuliertem kommerziellem Erfolg. Inhaltlich und dramaturgisch aber leer und äußerst fragwürdig.

Wertung: hervorragend

Das große Heft

von Janos Szasz – Ungarn/Deutschland/Frankreich/Österreich 2012 – 100 Min.

Immer wieder überrascht das Kino mit außergewöhnlichen Geschichten; mit Filmen, die entgegen den Mainstream-Erwartungen verlaufen und sich nachhaltig als großartiges Kinoerlebnis einprägen. Der nach einem weltweit erfolgreichen Roman der ungarisch-schweizerischen Autorin Agota Kristof gedrehte Film spielt inmitten des Zweiten Weltkrieges in einer unwirtlichen Gegend in Ungarn nahe der streng bewachten Grenze. Zwei dreizehnjährige Zwillingsbrüder werden von ihrer Mutter zu ihrer verschrobenen Großmutter gebracht, zu der es bislang so gut wie keinen Kontakt gab. Widerwillig nimmt die Alte, im Dorf als Hexe verschrieen, die Jungen bei sich auf. Sie müssen hart arbeiten, um sich Brot und Obdach zu verdienen. Draußen behandelt man sie nicht besser. Schläge und Ungerechtigkeit sind an der Tagesordnung. Um zu überleben, beschließen die Jungen, sich in immer neuen Übungen abzuhärten: Gegen Schmerzen, gegen Beleidigungen, gegen Hunger, gegen die eigenen Skrupel nach Sehnsucht und Liebe. Sie lernen zu betteln, zu stehlen, zu schlagen, zu lügen und zu töten. Nur eines können sie nicht ertragen: getrennt zu werden. Doch auch dieser Prüfung müssen sie sich stellen.

Ein kraftvoller Film über eine bzw. zwei Kindheiten in allerhärtesten Zeiten; eine wütende Anklage gegen Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Unmenschlichkeit. In den Hauptrollen hervorragend besetzt, emotional einfühlsam inszeniert und mit der großartigen Kamera von Christian Berger („Das weiße Band“). „Bester Film“ beim diesjährigen Karlovy Vary International Film Festival.

Wertung: sollte man gesehen haben

Stein der Geduld

von Atiq Rahimi – F/D/Afghanistan 2012 – 102 Min.

Ein ausdrucksstarker, emotional ergreifender Film über das Innenleben in einer Burka. Hier wird für die Öffentlichkeit visualisiert, was ansonsten verborgen bleibt. Es herrscht ein kriegsähnlicher Zustand. Eine junge Frau pflegt ihren schwerverletzten Mann, der im Koma liegt. Sie erzählt ihm, was sie vorher nie sagen konnte, von dem Drama, das ihre Ehe für sie bedeutet, ihren Wünschen und Geheimnissen. Er wird zu ihrem „Stein der Geduld“, der ohne zu urteilen wie ein Schwamm alles in sich aufnimmt. Sie beschützt ihn vor den Einwirkungen von draußen. Und entdeckt dabei sich selbst. Dabei kommt heraus, dass Prostitution durchaus eine Möglichkeit zur Emanzipation sein kann.

Mit „Stein der Geduld“ verfilmte der Autor Atip Rahimi seinen gleichnamigen internationalen Besteller. Ihm ist ein ergreifender und visuell atemberaubender Film über Unterdrückung und Selbstbefreiung, die Liebe und den Krieg gelungen. Der Film liefert gleichzeitig auch ein außergewöhnlich dichtes Stimmungsbild über ein Afghanistan, das man so nur selten zu sehen bekommt.

Wertung: nicht zu empfehlen

Gravity

von Alfonso Cuarón – USA/GB 2013 – 90 Min.

Eine Shuttle-Mission wird von einer Medizintechnikerin (Sandra Bullock) und einem Astronauten (Geoerge Clooney) geleitet. Während eines scheinbar ganz normalen Weltraumspaziergangs kommt es zur Katastrophe: Der Shuttle wird zerstört – völlig haltlos bis auf das Band zwischen ihren trudeln die beiden mutterseelenallein in die Finsternis...

So wie die Spannung verliert sich auch das Interesse des Zuschauers an diesem Zwei-Personen-Drama schon bald in der Unendlichkeit des Alls – es sei denn, man bewundert ausschließlich die special effects. Kaum verständlich, dass dieser langatmige Film zur Eröffnung der Filmfestspiele Venedig eingeladen wurde.

Wertung: sollte man gesehen haben

Die andere Heimat

von Edgar Reitz – D 2013 – 230 Min.

Der Untertitel lautet „Chronik einer Sehnsucht“ und der Film erzählt in großen epischen Zeitbildern vom beginnenden Exodus deutscher Bauern und Handwerkern in die Neue Welt. Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts Hungersnöte, Armut und Willkür die Menschen niederdrückten, sind Hunderttausende aus Deutschland ins ferne Südamerika ausgewandert. Davon handelt der neue Kinofilm von Edgar Reitz: Die Geschichte zweier Brüder, die in ihrem Hunsrückdorf erkennen, dass nur ihre Träume sie retten können. Der Film wurde an Originalschauplätzen im Hunsrück und mit Unterstützung der regionalen Bevölkerung zwischen Rhein, Mosel und Nahe gedreht und folgt dem Geist der weltberühmt gewordenen HEIMAT TRILOGIE. Reitz und sein Kameramann Gernot Roll eröffnen ein filmisch überwältigendes Panorama, das dem Leben der einfachen Menschen und ihrer Sehnsucht nach einem besseren Leben gewidmet ist. Der Film dauert annähernd vier Stunden. Und Reitz nimmt sich genau die Zeit die er braucht, um seine Geschichte zu erzählen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Not Fade Away

von David Chase – USA 2012 – 103 Min.

Ein Coming-of-Age-Drama mit viel Musik. Zurück in die 60er/70er Jahre. In einem kleinen Vorort von New Yersey wollen ein paar Jungs, angespornt durch den Erfolg der Beatles und der Stones, eine Band gründen. Dieser Film weicht angenehm von dem üblichen Schema der Karriere/Erfolgsstorys ab; ihnen bleibt der Durchbruch verwehrt. Hier geht es in erster Linie um die Protagonisten und ihr Umfeld, um den Zeitgeist und um den Lebensstil dieser Zeit. Jugendkultur-Archäologie im stimmigen Ambiente. Für diejenigen, die diese Ära miterlebt haben, eine amüsante, nostalgische Zeitreise; für die anderen ein aufschlussreiches Porträt dieser Generation und einer Szene, in der noch geraucht wurde wie der Teufel.

Und als feste Größe in all dem Durcheinander der politisch und gesellschaftlich bewegten Zeiten: James Gandolfino als dominierender Familien-Klotz in bester Soprano-Tration. Schon seinetwegen ist dieser Film ein MUSS. Regisseur Daivd Chase ist auch der kreative Kopf der „Sopranos“.

(19.09.2013

Wertung: nicht zu empfehlen

Lost Place

von Thorsten Klein – D 2013 – 101 Min.

Vier Jugendliche bei einer Geocache-Schatzsuche in Pfälzer Wald. Sie finden einen gespenstisch verlassenen Campingplatz. Merkwürdige Dinge geschehen. Sie stoßen auf die Überreste einer Militär-Anlage, deren Zutritt streng verboten ist. Und schon bald gibt es die ersten Opfer...

Ein Film wie ein gutfinanzierter, ambitionierter Filmhochschul-Abschluss. Handwerklich überzeugend, genregetreu und auf Wirkung kalkuliert. Eine Beweisführung des Gelernten im Hinblick auf Regie, Kameraführung, Musik, Ausstattung und Visual Effects bis hin zu 3D. Leider hat man dabei vergessen, dass ein Film auch eine Story, eine Handlung, braucht. Hier wird nur behauptet und nichts bewiesen. Die Logik hat sich irgendwie in den tiefen Wäldern und im Labyrinth einer Militäranlage verirrt und verwirrt. Spannung kommt nicht auf. Der Versuch, einen Treffer zu landen, wie es seinerzeit mit „The Blair Witch Project“ gelungen ist, ist missglückt. Nun; Schwamm drüber und auf den nächsten Film warten. Immerhin: aus Fehlern kann man lernen.

Wertung: sollte man gesehen haben

The Congress

von Ari Folman – IL/D/PL/L/F/B 2013 – 122 Min.

Für diesen außergewöhnlichen Animationsfilm nach einer Vorlage von Stanislaw Lem („Der futurologische Kongress“) wählt Ari Folman („Waltz with Bashir“) einen eigenwilligen Weg. In einer Realfilmhandlung geht es um neue Produktionsverfahren der Filmindustrie. Bevor die Hollywood-Stars den Scheidepunkt ihrer Karriere überschreiten, wird von ihnen im Studio mittels „Scan“ ein digitalisiertes Duplikat erstellt, das fortan – nach vorhergehender detaillierter Vertragsverhandlung – in der medialen Welt ein Eigenleben führt. Parallel dazu geht es in dem animierten Teil der Geschichte um eine Lebensform in einer digitalen Zukunftswelt, in der beispielsweise die Gefühle und Wahrnehmungen beliebig manipuliert werden. Die permanente Show als Opium fürs Volk. Das muss man sehen, um es zu verstehen!

Neben dem psychedelischen Bilderrausch des animierten Films (gut die Hälfte) gibt es noch die schauspielerischen Leistungen von Robin Wright, Harvey Keitel, Jon Hamm u.a. zu bewundern. Diesen, in Cannes mit viel Jubel aufgenommenen Film sollte man sich nicht für den Monitor aufheben, sondern unmittelbar im Kino erleben.

Wertung: sollte man gesehen haben

R.E.D. 2

von Dean Parisot – USA 2013 – 116 Min.

Die Fortsetzung des Publikums-Hit von 2010. Schauplätze sind u.a. Montreal, Paris und London. Bruce Willis spielt erneut Frank Moses, einen CIA-Agenten im Ruhestand, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Seine Kenntnisse von einer geheimen Superbombe, deren Besitzer das Gleichgewicht der politischen Kräfte auf der Welt empfindlich stören könnte, macht ihn zur Zielscheibe machthungriger Schurken...

Bei dem Staraufgebot mit John Malkovich, Mary-Louise Parker, Helen Mirren, Anthony Hopkins und Catherine Zeta-Jones bedarf es eigentlich keiner Handlung mehr, denn diese spielwütigen Darsteller sind allein schon ein Grund, ins Kino zu gehen. Zwischendurch Action, Verfolgungsjagden und Zerstörungsorgien. Unverzeihlich allerdings, das dabei auch ein stilvolles französisches Restaurant zersägt und einige Bücherstände am Ufer der Seine zertrümmert werden.

Wertung: kann man sich ansehen

Choral des Todes

von Sylvain White – F/B/D 2013 – 106 Min.

Der sich zunehmend rundende Gérard Depardieu spielt einen pensionierten Polizeikommissar, der in seiner örtlichen Pfarre mit einem Kriminalfall konfrontiert wird. Die Todesursache ist rätselhaft. Noch rätselhafter ist das plötzliche Auftauchen eines vom Dienst suspendierten Interpol-Agenten, der in einem internationalen Fall von Kinderhandel ermittelt. Gespielt wird er von dem kratzbürstigen Star-Rapper Joey Starr. Die Spuren führen bis in höchste Kreise europäischer Politiker und in die tiefsten Abgründe deutscher Vergangenheit. Rüdiger Vogler ist der Böse! Das alles ist an den Haaren herbeigezogener Blödsinn, dem man sich nicht aussetzen sollte. Wäre da nicht das prickelnde Aufeinandertreffen zweier außergewöhnlicher Protagonisten. Das schreit förmlich nach Fortsetzungen. Ein glaubwürdigerer Plot und ein entschlacktes Drehbuch wären wünschenswert.

Wertung: sollte man gesehen haben

Michael Kohlhaas

von Arnaud des Pallières – FR/D 2013 – 122 Min.

Heinrich von Kleists Novelle aus dem Jahr 1810 erzählt eine universelle Geschichte vom Widerstand gegen Willkür und vom Kampf des Individuums gegen Obrigkeit und Ungerechtigkeit. Arnaud von Pallières verlegt die Handlung aus dem 16. Jahrhundert von Brandenburg und Sachsen in die Cévennen. Ein wortkarger Film, der von den faszinierenden Bildern einer kargen Landschaft (geprägt von wechselnden Jahreszeiten) und von den Charakteren und Typen (geprägt vom Oben und Unten) lebt, die hier um ihre Existenz und ums Überleben kämpfen. Viel wird nicht erklärt. Den Zuschauern bleibt ausreichend Zeit, sich einzusehen und einzufühlen. Und dann noch die hervorragende Leistung von Mads Mikkelsen als Michael Kohlhaas – nicht nur als Held und Vorbild vergangener Zeiten, sondern auch als Identifikationsfigur für heute und diejenigen, die sich nicht mehr drangsalieren und reglementieren lassen wollen.

Wertung: kann man sich ansehen

Wir die Wand

von Klaus Martens – D 2013 – 90 Min.

Ein WDR-Dokumentarfilm der zeigt, was während eines Heimspiels auf Europas größter Stehplatztribüne (für 25.000 Fußballfans) im Stadion von Borussia Dortmund abgeht. Klaus Martens und sein Team haben elf BVB-Fans begleitet: Von dem Zeitpunkt an, an dem sie ihren Platz in der ‚gelben Wand’ einnehmen bis kurz nach dem Schlusspfiff. Entstanden sind filmische Impressionen mit einer ungewöhnlichen Dichte zum Geschehen und der Dramatik auf der Tribüne, wie sie bisher noch nie in einem Fussballstadion gedreht wurden. Vom Spielgeschehen selbst (Dortmund gegen Mainz am 20.April 2013, 2:0) ist dabei nichts zu sehen. Ganz bewusst hat sich Martens für ein ‚ganz normales’ Spiel entschieden, da hier die Atmosphäre stimmig ist und nicht durch Begriffe wie „Ruhr-Derby“ oder „Spitzenspiel“ hochgejazzt wird. Ein Glücksgriff – nicht zuletzt auch durch die Dramaturgie und Spannung des Spiels, das lange Zeit nur 1:0 für die Borussia stand. „Wir die Wand“ ist aufschlussreich über den Stellenwert des Fußballs in der Region und in seiner Bedeutung für die Lebensstile und Lebensziele der Fans. Neben dem Mut des Regisseurs, ein solches Projekt beim WDR zu realisieren, der fantastischen Bilder-Konzeption (16 Kameras) ist vor allem die Leistung des Cutters zu würdigen, dessen Name im Presseheft leider nicht erwähnt wird. Der Name der Redakteurin dafür 6 x.

Wertung: kann man sich ansehen

König von Deutschland

von David Dietl – D 2012 – 97 Min.

Olli Dittrich in einer ganz auf ihn zugeschnittenen Rolle. Er spielt den „Durchschnittsbürger“ schlechthin. Er ist das perfekte, personifizierte Mittelmaß – so sehr der typische Stellvertreter für die breite Masse, dass eine Markt- und Meinungsforschungsagentur auf ihn aufmerksam wird, ihn engagiert und zunächst ohne sein Wissen zum Maßstabe aller Dinge macht. Es dauert ein wenig, bis ihm seine Funktion bewusst wird und er daraus seine Vorteile zieht. U.a. schafft er es, sich von seiner nervenden Ehefrau Veronica Ferres zu trennen und fortan sein Glück mit der reizenden und charmanten Kollegin Katrin Bauerfeind zu teilen.

Da u.a. die Parolen und Wahlkampf-Strategien politischer Parteien nicht unwesentlich sein, ist es genau der richtige Film zu den Bundestags-Wahlen im September. Es wird deutlich, wie sehr die Parteien auf eine alle Wünsche erfüllende Scheinwelt bedacht sind. Aber die gibt es nun einmal nicht in der Realität.

Ein Film? Nein, eher eine amüsante TV-Unterhaltung formatgerecht für den kleinen Bildschirm. Aber Dittrich beherrscht dieses Format und er ist auch diesmal richtig gut.

Wertung: nicht zu empfehlen

Der Fall Wilhelm Reich

von Antonin Svoboda – Österreich 2012 – 110 Min.

Thematischer Schwerpunkt sind die 40er- und 50er-Jahre, die Reich in den USA verbrachte, und die Hetzjagd der amerikanischen Behörden auf den unbequemen Psychiater und Marxisten. Eigentlich eine interessante und spannende Geschichte – und dazu noch mit

Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle. Doch der begnügt sich damit, mit getragener Stimme die Dialoge vorzulesen, die das Drehbuch für Wilhelm Reich vorgesehen hat. KMB spricht, aber er spielt ihn nicht. Ein stocksteifer, staubtrockener und stinklangweiliger Film.

„Der Fall Wilhelm Reich“ wäre sogar von Guido Knopp unterhaltsamer aufbereitet worden. Da ist es sinnvoller, sich stattdessen auf DVD den provokanten und explodierenden Film „WR – Mysterien des Organismus“ von Dusan Makavejev (Jugoslawien 1971) anzusehen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Portugal, mon amour

von Ruben Alves, Frankreich 2013 – 91 Min.

Die Concierge Maria, ihr Mann, der Vorarbeiter José, und ihre beiden fast erwachsenen Kinder Paula und Pedro führen in Paris ein angenehmes, beschauliches Leben. Die Ribeiros lieben es mit den anderen Exil-Portugiesen des Viertels ausgiebige Feste zu feiern, und sie sind bei ihren Arbeitgebern, Nachbarn und Freunden immer zur Stelle, sobald sie gebraucht werden. Maria und José sind vollkommen integriert. Doch irgendwie besteht bei ihnen immer noch ein kleiner Rest Sehnsucht nach der alten Heimat. Eines Tages werden sie von der Nachricht überrascht, in Portugal ein Haus mit dazugehörendem Weingut geerbt zu haben. Und das müssen sie nun den anderen beibringen...

„Portugal, mon amour“ ist eine sympathische und warmherzige Culture-Clash-Komödie über eine Familie auf der Suche nach dem großen Glück; ein emotional ansprechendes und überzeugendes Plädoyer für Freundschaft und Zusammenhalt.

Wertung: kann man sich ansehen

Feuchtgebiete

von David Wnendt – D 2013 – 109 Min.

Die unvermeidbare Verfilmung des „Skandal-Bestsellers“ von Charlotte Roche.

Gleich die ersten Bilder konfrontieren das Publikum mit dem Test, inwieweit es gewillt ist, Ekel erregende Szenen auszuhalten, die Ekelschwelle zu überwinden: In einem öffentlichen, versifften Pissoir, mit bis an die Knöchel reichendem Schmutzwasser, setzt sich die Protagonisten auf eine verdreckte Klobrille, um diese mit ihrem Hintern zu säubern. Wer das interessant und anschauenswert findet, wird im weiteren Verlauf der Filmlänge – von einer Handlung kann nicht die Rede sein – immer wieder mit solchen Sequenzen belohnt. Erregend oder provozierend - wie beabsichtigt - ist das nicht. Eher langweilig.

„Feuchtgebiete“ ist ein Film zum blättern - auf den Örtlichkeiten, die hier als Schauplätze besonders herausgestellt werden. Kein Film für das Kino, sondern für die TV-Kanäle, die nachts solche Spezialprogramme anbieten. Nicht verständlich, dass so eine Produktion mit den Mitteln der Kulturellen Filmförderung (BKM) subventioniert wurde.

Erwähnenswert allerdings die schauspielerische (mutige) Leistung der Hauptdarstellerin Carla Juri, die sich zwischen naivem und selbstironischem Spiel bewegt. Bei der diesjährigen Berlinale wurde sie mit dem European Shooting Star Award ausgezeichnet. Auf ihre weiteren Filme darf man gespannt sein.

Wertung: sollte man gesehen haben

Elysium

von Neill Blomkamp – USA 2013 – 100 Min.

Ein atemberaubender SF-Film mit unmittelbaren Bezügen und direkten Verweisen auf unsere aktuelle Gegenwart: Die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Masse und Elite, die Abtrennung von Wohnräumen für die Privilegierten und Anti-Immigrationsgesetze für den Rest der Bevölkerung. Auf der Erde sterben die Menschen wie die Fliegen, in einer Raumstation ist die Medizin soweit fortgeschritten, dass jede Krankheit sofort geheilt werden kann.

Die Handlung spielt im Jahr 2154. Die Menschheit ist in zwei Klassen aufgeteilt: Die wenigen Reichen, die in einer gigantischen, luxuriösen Raumstation namens Elysium leben, und den Rest, der auf der vollkommen ruinierten, überbevölkerten Erde dahinvegetiert. Bis sich der vorbestrafte, von radioaktiver Strahlung betroffene Arbeiter Max (Matt Damon) gezwungen sieht, sein Leben zu retten und in den Krieg gegen die anhaltende soziale Ungerechtigkeit zu ziehen. Seine Gegenspielerin ist die Verteidigungsministerin Rhodes; eine politische Hardlinerin, die von Jodie Foster gespielt wird und die hier ausnahmsweise einmal die „Böse“ ist.

Ein Film mit vielen Schauwerten (Design, Action etc.), aber auch von einer gewissen Nachhaltigkeit.

Wertung: sollte man gesehen haben

Lone Ranger

von Gore Verbinski – USA 2013 – 149 Min.

Für diesen Film haben sich die Schöpfer der „Pirates of the Caribbean“-Abenteuer, der Produzent Jerry Bruckheimer und der Regisseur Gore Verbinski, zusammengetan, um ihr bewährtes Erzähl- und Erfolgsmuster auf das Western-Genre zu übertragen. Entstanden ist wieder ’mal ein Kino-Spektakel mit Action, Humor und atemberaubenden Effekten. Als Vorlage dienen die klassischen Figuren von Lone Ranger und Tonto, die seit den 1930er-Jahren zu den Ikonen der amerikanischen Kulturlandschaft gehören. Der maskierte Texas-Ranger wird gespielt von dem Newcomer und aufstrebenden Hollywood-Star Armie Hamer.

Den gewitzten Indianer Tonto spielt Johnny Deep – und er allein macht den Besuch dieses Films zu einem grandiosen Vergnügen. Seine Spielfreude, sein Spaß an Kostümen und außergewöhnlichen Charakteren trägt die Handlung des Films über viele dramaturgisch bedingte Schwächen hinweg. „Lone Ranger“ bringt den Western auf den aktuellen Stand. Auf weitere Folgen sollte allerdings verzichtet werden, um Ermüdungserscheinungen und langatmige Wiederholungen zu vermeiden.

Wertung: kann man sich ansehen

Trance – Gefährliche Erinnerung

von Danny Boyle – GB 2012 – 101 Min.

Es geht wieder einmal mehr um den großen Coup; genauer: ein wertvolles Gemälde zu stehlen. Das sind willkommene Filmstoffe, da die Kunstdiebe fast immer sympathische Typen sind und streng darauf achten, dass sich niemand verletzt oder irgendwas Wertvolles beschädigt wird. Sie setzen den Kopf ein und keine Schusswaffen. Hier geht es um ein millionenschweres Goya-Gemälde. Das geht zunächst auch gut. Doch als der Auktionator und Komplize nach einem Schlag auf den Kopf sein Gedächtnis und damit auch seine Erinnerung an das Versteck des gestohlenen Goyas verliert, dreht sich die Geschichte hin zu einem Psycho-Krimi. Es entwickelt sich eine prickelnde Dreiecks-Beziehung, bestehend aus dem unter Gedächtnisverlust leidenden Dieb, seinem Partner und Bandenchef und einer verführerischen Hypnose-Therapeutin.

Eine bildgewaltige, visuell hochkarätige Reise in die verführerische und trügerische Sphäre des Unbewussten – zu schön, um wahr zu sein.

Wertung: nicht zu empfehlen

Die Möbius Affäre

von Eric Rochant – Frankeich 2013 – 103 Min.

Ein Film nach dem Rezept: Wie bastelte ich mir einen Spionage-, Krimi- und Actionfilm, der gleichzeitig auch ein Politthriller sein will und zusätzlich noch eine aufgehitzte Lovestory bietet? Dazu gehören schöne Frauen, echte Kerle, exotische Kulissen und charismatische Bösewichte. Es geht um die internationale Bankenkrise, Ost-West-Konflikte und innerstaatliche Machtkämpfe; Schauplätze sind u.a. Monaco, Moskau und Brüssel. Tim Roth ist der machtbesessene und skrupellose russische Oligarch, und Jean Dujardin spielt einen russischen Agenten, der einer CIA-Undercover-Agentin (Cécile de France) zu einem doppelten Orgasmus verhilft. Kruder geht’s nicht!

An der Produktion und Finanzierung sind über zehn europäische Firmen und Förderprogramme beteiligt. Das zeigt, dass niemand so recht an den Erfolg dieses Films glaubte und ihn zu seiner Sache gemacht hat. Herausgekommen ist ein ungenießbarer EuroPuddding.

Wertung: kann man sich ansehen

Pacific Rim

von Guillermo del Toro – USA 2013 – 130 Min.

In den Fünfziger Jahren tauchten sie in Japan aus dem Wasser auf: Monster, die Städte zertrampeln und die Zivilisation zerstören. Oft werden sie von Kampfrobotern gesellt. Diese Mecha-Monster sind eigentlich eine Domäne der Anime-Manga-Kultur. Ihre Geschichten sind einfach gestrickt; die Schauwerte überwiegen.

Die ersten Godzilla-Filme haben heute noch ihren Charme. Danach gibt es nur die fortschreitenden technischen Möglichkeiten des Films und des Kinos zu bestaunen. „Pacific Rim“ bringt das Genre auf den aktuellen Stand des 3-D-Kinos. Hier kämpfen ein heruntergekommener Ex-Pilot und eine junge Rekrutin als Roboter-Piloten gemeinsam gegen gigantische Ungeheuer, die aus dem Meer auftauchen und Millionen Menschen töten. Raten sie ’mal, wie dieses apokalyptische Inferno ausgeht! Hat man als Zuschauer die Bilderflut und den tosenden Lärm überstanden, so wundert man sich, das Abenteuer ohne Verletzungen überstanden zu haben.

Wertung: sollte man gesehen haben

Die Unfassbaren

von Louis Leterrier – USA 2013 – 116 Min.

Die Illusionsmaschine Kino präsentiert die Illusionsmaschine einer Magier-Show in Las Vegas. Wieder einmal geht es um den großen Coup. Hier sind es vier abgebrühte Illusionisten, die mit einer virtuosen Zaubershow in fremde und ferne Tresore eindringen und an das Geld anderer Leute kommen wollen. Verfolgt von FBI und Interpol jagt eine Finte die andere. Hochkarätig besetzt und mit Witz umgesetzt. Und so kann der Zuschauer diesen Kunststücken fasziniert zuschauen und sich glänzend unterhalten. In der Welt der Magier und Illusionisten ist nichts so, wie es scheint.

Wertung: kann man sich ansehen

Layla Fourie

von Pia Marais – D/Südafrika/F/NL 2013 – 105 Min.

Layla Fourie ist eine schwarze Südafrikanerin, die ihren kleinen Sohn Kane in Johannesburg alleine groß zieht. Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, nimmt sie einen neuen Job an, der sie in ein fernes Casino führt. Kane begleitet sie. Auf dem Weg dorthin überfährt Layla nachts versehentlich einen weißen Mann. Aus Angst vor den Folgen, entscheidet sie sich dafür, den Unfall zu vertuschen. Das führt zu verhängnisvollen Konsequenzen. Bald hat sich ein dichtes Netz aus Lügen und Täuschungen um Layla und Kane gesponnen und es ist nur eine Frage der Zeit, bis es reißt.

Was den Film sehenswert macht, ist in erster Linie das Ambiente, die Atmosphäre und das Personal. Rayna Campbell und Rapula Hendricks als Layla und Kane sind die alles überragenden Protagonisten in einem Handlungsgestrüpp, da wie an einem Reißbrett konstruiert wirkt und die Protagonisten erdrückt. Filmhandlungen folgen nicht der Logik der Wahrscheinlichkeit, sondern dem Drehbuch. Bei den vielen Fördergremien, die den Film finanziert haben, hätte trotzdem mal jemand genauer hinschauen müssen. Schade.

Wertung: kann man sich ansehen

The Grandmaster

von Wong Kar Wai – Hongkong, China 2012 – 120 Min.

Der Eröffnungsfilms der diesjährigen Berlinale erzählt die Karriere zweier Kung-Fu Meister: Er (Tony Leung) kommt aus dem Süden, sie (Zhang Ziyi) aus dem Norden. Sein Name ist IP Man, ihrer Gong Er. Ihre Wege kreuzen sich. Daraus entwickelt sich eine Geschichte um Herausforderung und Verrat, Ehre und Liebe, die vor dem Hintergrund von Kriegswirren und Besatzung spielt. Die äußere Action (unterschiedliche Kampfstile und Traditionen als Konflikte) ist nicht von den inneren Kämpfen der Protagonisten zu trennen. Gefühl wird zu Bewegung, motion zu emotion! Man erfährt sehr viel über den von Legenden umrankten Lebensweg des Kampfkunst-Meisters IP Man (1893-1972), der Bruce Lee Kung Fu beibrachte. Zu kurz und fragmentarisch gerät dabei der zeitgeschichtliche Hintergrund historischer Ereignisse in China während der kriegerischen Übergangszeit vom Kaiserreich zur Volksrepublik. Ein MUSS für die Fans des Martial-Arts-Genre; für andere Kinobesucher zu stark stilisiert, zu langatmig und daher wenig aufschlussreich. Die ursprüngliche Version soll über vier Stunden gedauert haben. Vielleicht wird sie alsbald als DVD nachgereicht. Dann wäre eine Neubewertung des Films von Wong Kar Wai wünschenswert; immerhin hat er dem internationalen Kino einige Meisterwerke geschenkt.

Wertung: kann man sich ansehen

Man of Steel

von Zack Snyder – USA 2013 – 140 Min.

So wie Superman hin und her fliegt, so pendelt auch die Handlung des Films zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her, um den Charakter des Superhelden zu erklären und zu verdeutlichen. Die Vorgeschichte auf dem Planeten Krypton nimmt einen breiten Raum ein. Danach geht es dann um einen Jungen, der zu einem Helden heranwächst, um die Welt vor der Vernichtung zu bewahren. Am Ende des Films hat er seine Identität gefunden und beginnt als Zeitungsreporter Clark Kent einen ordentlichen Beruf. Doch wir wissen, wie es dann weitergeht.

Charme und Charisma der Figur sind leider nicht gerettet worden. Alles geht in einem mordsmäßigen Getöse unter und die Brocken prasseln in 3D auf die Zuschauer ein. Immerhin regt der Film dazu an, wieder einmal zu einem der DC Comics zu greifen und sich in aller Ruhe entspannt auf den Kosmos von Superman und Batman einzulassen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Gambit

von Michael Hoffman – USA 2012 – 89 Min.

Unter Gambit versteht man einen überraschenden Eröffnungszug, bei dem ein Spieler seinem Gegner einen Punkt überlässt, um sich einen strategischen Vorteil zu verschaffen, den er später im Spiel nutzen kann. Hier spielen mit: Colin Firth, Cameron Diaz, Alan Rickman und Tom Courtenay. Es geht um ein gefälschtes Meisterwerk von Claude Monet und um den großen Coup, der sich mit diesem Sujet verbindet. Da die Gebrüder Joel und Ethan Coen das Drehbuch schrieben, darf man auf überraschende Finten und witzige Dialogszenen gespannt sein. Cameron Diaz ist eine texanische Rodeokönigin, die die snobistische Kunstszene in London gehörig durcheinanderwirbelt. Eine exzellente Show, die man nicht versäumen darf. Mit dem gleichnamigen Film „Gambit“ (USA 1966) mit Shirley MacLaine und Michael Caine hat dieser Filme nichts zu tun.

Wertung: hervorragend

The Place Beyond the Pines

von Derek Cianfrance – USA 2013 – 140 Min.

Eingefleischte Kinofans beklagen sich seit einigen Jahren, dass die Blockbuster-Produktionen immer austauschbarer und uninteressanter werden und die aufregenden und spannenden Erzählungen nur noch in den – überwiegend amerikanischen – TV-Serien zu finden sind. Das stimmt, aber es gibt auch hin und wieder Filme, die das Gegenteil beweisen und das Kino mit Geschichten beleben, die man sehen und hören muss. „The Place Beyond the Pines“ gehört mit dazu.

Als Leitmotiv durchzieht ein zerrissenes und dann zusammengeklebtes Familienfoto den Film. Die drei Personen sehen glücklich aus: der Vater, die Mutter und das ein Jahr alte Kind. Doch nichts an dieser Augenblicks-Idylle stimmt. Der Vater, der mit einer Motorradshow von Rummelplatz zu Rummelplatz zieht, hat die Mutter mit dem Kind vor einem Jahr sitzengelassen und diese lebt seit einiger Zeit mit einem anderen Mann zusammen. Der spontane Versuch der Mannes, daraus (s)eine Familie zu basteln, scheitert in jeder und in allen Beziehungen. Doch das ist erst der Anfang des Films, der wie ein Triptychon angelegt ist. Danach geht es um seinen Gegenspieler und fünfzehn Jahre später rückt die Generation der Herangewachsenen in den Focus des Geschehens.

Das alles hier wiederzugeben, führt zu weit. Ab ins Kino, um großartige Schauspielern wie Ryan Gosling, Eva Mendes und Bradley Cooper zu treffen und sich auf einen visuell erregenden Film von epischem Ausmaß einzulassen.

Wertung: kann man sich ansehen

Seelen

von Andrew Niccol – USA 2013 – 125 Min.

Eine nicht alltägliche SF-Love-Story nach dem Roman der Autorin der Twilight Saga. Und wo Stephenie Meyer drauf steht, ist auch Stephenie Meyer drin. In nicht allzu weit entfernter Zukunft gibt es nur noch eine schöne und heile Welt mit willenlosen, gefügigen Menschen. Sogenannte Seelen haben sich in den Körpern der Menschen eingenistet und kontrollieren sie. Nur noch wenige haben ein eignes Bewusstsein. Irgendwo haben sich Rebellen versteckt und leisten Widerstand. Im Mittelpunkt steht. eine junge Frau (Melanie), die von einer Außerirdischen (Wanda) in Besitz genommen wird und sich im gleichen Körper aufhält. Melanie hat einen Freund und Wanda verliebt sich in einen anderen Mann...

Eine ungewöhnliche Dreiecksgeschichte mit nur zwei Körpern, die hohe Anforderungen an die Hauptdarstellerin Saoirse Ronan stellt, die schon einige herausfordernde Rollen gemeistert hat und von der noch viel zu erwarten ist.

Wertung: ärgerlich

Berberian Sound Studio

von Peter Strickland – GB/D 2012 – 92 Min.

Das Berberian Sound Studio ist eines der billigsten und schäbigsten Post-Production-Studios im Italien der 1970er Jahre. Hier werden die miserabelsten Horrorfilme vertont und gemischt. Ein naiver und introvertierter englischer Tonmeister wird von einem selbstdarstellerischen, arroganten Regisseur engagiert und wird alsbald das Opfer seiner eigenen Arbeit: der alptraumhaften Klangwelt bizarrer Horrorstreifen voll von Gewalt und Erotik. Eigentlich könnte dieser Film eine Liebeserklärung an eine nur sparsam ausgeleuchtete Ecke der Filmgeschichte sein. Vom Plot her ist sogar an einen Kultfilm für die Fans des B-Pictures zu demlem. Aber Buch und Regie gehen schludrig mit der Vorlage um. Trash lässt sich durch Trash nicht überbieten. Schade.

Wertung: sollte man gesehen haben

Haus Tugendhat

von Dieter Reifarth – D 2013 – 116 Min.

Das Haus Tugendhat (1928/30) im tschechischen Brno ist ein Solitär moderner Architektur. Es verkörpert den sozialutopischen Anspruch des Architekten Mies van der Rohe und den weltoffenen großbürgerlichen Lebensentewurf seiner Auftraggeber Grete und Fritz Tugendhat. Der Film ist ein aufschlussreiches Dokument europäischer Familien-, Zeit- und Kulturgeschichte und erzählt die wechselvolle Geschichte(n) des Bauwerks, seiner Bewohner, Nutzer und Bewunderer. Dabei spielt neben den persönlichen Erfahrungen auch die Schönheit dieses einzigartigen Hauses und seine Ausstrahlung eine wesentlichen Rolle, da es bei Generationen von Menschen tiefe Spuren hinterlassen hat.

Wertung: hervorragend

Mutter und Sohn

von Calin Peter Netzer – Rumänien 2012 – 112 Min.

Cornelia will für ihren erwachsenen Sohn Barbu immer nur das Beste, doch der entzieht sich vehement der erdrückenden Liebe seiner Mutter. Als er einen Verkehrsunfall verschuldet – ein Junge wird überfahren und getötet - unternimmt die erfolgreiche Architektin alles in ihrer Macht stehende, ihn vor den Konsequenzen und einer Haftstrafe zu schützen. Denn in ihrer Welt ist vermeintlich alles und jeder zu kaufen, auch die Unschuld, Freiheit und Liebe ihres Sohnes.

Das Spielfilmdebüt des in Deutschland aufgewachsenen Rumänen Calin Peter Netzer zeigt eine von Eigenliebe besessene Mutter beim Kampf um ihren verlorenen Sohn und die eigene, längst zerrissene Familie. Der mit semidokumentarischen Mitteln minutiös rekonstruierte Ablauf einer Nacht und der folgenden Tage eröffnet nicht nur Einblicke in die moralische Verfassung der rumänischen Bourgeoisie, sondern wirft auch Schlaglichter auf den Zustand gesellschaftlicher Institutionen wie Polizei und Justiz.

Die beeindruckende Leistung der Hauptdarstellerin Luminita Gheorghiu gehört zu den Sternstunden europäischen Kinos; sie ist beinahe in allen Szenen präsent. Der Film erhielt in diesem Jahr in Berlin den Goldenen Bären!

Wertung: hervorragend

Der grosse Gatsby

von Baz Luhrmann – USA 2013 – 142 Min.

Aus heutiger Sicht ist nicht so recht nachvollziehbar, warum der 1925 geschriebene Roman von Francis Scott Fitzgerald seinerzeit so viel Aufsehen erregt hat. Die Story über die Reichen und die Schönen, vom amerikanischen Traum schlechthin – im Mittelpunkt der mysteriöse Aufsteiger Gatsby – wurde mehrfach verfilmt. Zuletzt ein heute noch berauschendes Melodram mit Robert Redford als Gatsby und Mia Farrow als seine Jugendliebe Daisy. Aktuell spielen Leonardo DiCaprio und Carey Mulligan die Hauptrollen, wobei sich hier ein Dritter (in einer erweiterten Rahmenhandlung Tobey Maguire als Erzähler und Beteiligter) deutlich in den Vordergrund geschoben hat. Wie nicht anders zu erwarten beeindruckt die irritierende 3D-Verfilmung von Baz Luhrmann, dem Meister des Overkills, in erster Linie durch die opulenten, überbordenden Party-Szenen und durch weitschweifige und weitstreifige Kamerafahrten durch das Anwesen (innen und außen), die Umgebung und die City von New York Anfang der 1920er-Jahre. Dieses ästhetische Konzept der Bildgestaltung lehnt sich sehr stark an seinen Film „Moulin Rouge“ an. Die Grundkonstruktion der Handlung wurde beibehalten; einige Charaktere wie beispielsweise Myrtle und George Wilson sind etwas verblasst. Deutlicher herausgearbeitet wurde dafür das Nebeneinander von Reichtum/Verschwendung und Armut/Not und Elend. Dafür findet die Kamera von Simon Duggan eindrucksvolle, turbo-getunte Bilder. Reichtum hin, Verschwendung her. Wer diesen Film sieht, verspürt unwillkürlich die Lust, bei einer der offenen Partys auf Long Island dabeigewesen zu sein. Interessant ist bei diesem Film neben den dekorativen Auftritten der Chorus Girls und des von Gin und Champagner geprägten Lebensstils auch die überzeugende Mischung der zeitgenössischen Jazz-Musik mit dem Hip-Hop von heute,

Wertung: nicht zu empfehlen

Evil Dead

von Fede Alvarenz – USA 2013 – 91 Min.

Fünf Jugendliche, drei Mädchen und zwei Jungen, in einer einsamen Waldhütte – wer kennt diesen Plot nicht aus vielen Teenhorror-Filmen? Und wenn dann – wie in diesem Film – in einem morbiden Keller das in Menschenhaut gebundene „Buch des Todes“ aufgefunden wird, dauert es nicht mehr lange, bis die Dämonen freigelassen werden. „Evil Dead“ ist ein Remake von „Tanz der Teufel“ und kann sich durchaus mit seiner Vorlage messen. Wer diesen Film sieht – und nicht wegschaut, wenn die Nagelpistole eingesetzt wird – kann auf ganze Programm-Teile des „Fantasy-Filmfestes“ verzichten. Mit einem elektrischen Brotmesser kann ein ebenso spritziges Blutbad angerichtet werden wie mit der hinreichend bekannten Kettensäge.

Wertung: sollte man gesehen haben

Stoker

von Park Chan-wook – USA 2012 – 100 Min.

Das ist der erste Film des südkoreanischen Regisseurs Park Chan-wook in den USA.

War sein „Oldboy“ ein hammerhartes Action-Drama mit wahnwitzigen Szenen und atemberaubender Kameraführung, so ist „Stoker“ eher in der Tradition der Hitchock- und Lynch-Filme zu sehen. Mit dem Autor von „Dracula“ hat dieser Film allerdings keine direkten Berührungspunkte. Der Filmtitel versteht sich als eine aufschlussreiche Denkanleitung zum Einstieg in ein faszinierendes Spiel mit Bildern aus Gegenwart und Vergangenheit. Dass ausgerechnet am 18. Geburtstag von India Stoker ihr Vater bei einem Autounfall ums Leben kommt und danach sein Bruder Charlie, dessen Existenz bis dahin nicht bekannt war, unerwartet bei der Beerdigung auftaucht, ist der Plot des Films. Indias Mutter Evie fühlt sich ebenso zu ihm hingezogen wie ihre Tochter – und damit ist der bis zur Auflösung anhaltende, sich steigernde Spannungsbogen umrissen, dessen Ende wieder sehr deutlich die schnörkellose Handschrift des „Oldboy“-Regisseurs trägt.

Wertung: sollte man gesehen haben

I, Anna

von Barnaby Southcombe – F/GB/D – 2012 – 93 Min.

Ein illusionsloser Kriminalbeamter ermittelt gegen eine des Mordes verdächtigte Frau. Er verliebt sich in sie und verliert zunehmend die Kontrolle über sein Leben. Die Verfilmung des Psychothrillers von Elsa Lewin war bereits die Basis des Films „Solo für Klarinette“ von Nico Hofmann, D 1997. Seinerzeit spielten Corinna Harfouch und Götz George die Hauptrollen. Diesmal sind es Charlotte Rampling und Gabriel Byrne. Dominierte seinerzeit George das Geschehen, so ist es diesmal Charlotte Rampling, die fasziniert und herausfordert. Ein Spiel auf höchstem Niveau – unter der Regie ihres Sohnes. Es ist schade, dass der Film von Nico Hofmann seinerzeit nicht die gebührende Beachtung fand. Im Zuge der aktuellen Verfilmung wäre eine vorurteilsfreie Neubewertung des deutschen Films angebracht.

Wertung: nicht zu empfehlen

Passion

von Brian De Palma – F/D 2012 – 97 Min.

Drei schöne Frauen – Rachel McAdams, Noomi Rapace und Karoline Herfurth – in der Business-Branche. Sie lieben sich, sie streiten sich. Es geht um Macht, Geld und Eifersucht, um Streit und Mord. Das alles in gestyltem Ambiente. Mit viel Leerlauf und Langeweile. Das Erklärungsmuster für die Mordtat ist so schwach, dass es hier noch nicht einmal angedeutet werden kann. „Passion“ behauptet viel, beweist aber nichts! Besser ist, sich die De Palma-Klassiker aus den Jahren 1970 bis 190 auf DVD anzusehen.

Wertung: hervorragend

Iron Man 3

von Shane Black – USA/China 2013 – 130 Min.

Robert Downey Jr. als der zum ehernen Superhelden geläuterte Waffenhändler Tony Stark hat es diesmal mit einem Gegner (Ben Kingsley) zu tun, der die komplette Existenz des Düsenanzug-Bastlers auslöschen will. Die Marvel-Vorlage als intelligente Action-Thriller-Komödie, in der die beiden Frauen Gwyneth Paltrow und Rebecca Hall ganz besondere Akzente setzen. Eine glänzende Comic-Verfilmung, die über zwei Stunden hinweg Spannung, Humor und Staunen garantiert.

Wertung: sollte man gesehen haben

Side Effects

von Steven Soderbergh – USA 2013 – 105 Min.

Ein effektvoller Psychopharma-Thriller vom großen Suspense-Meister. Schauplatz ist New York. Es geht um ein erfolgreiches Ehepaar, dessen Leben aus der Spur gerät, als der Mann für einige Jahre wegen Insiderhandel hinter Gitter muss. Nach seiner Entlassung bedarf seine Frau wegen tiefer Depressionen der Betreuung durch einen renommierten Psychiater. Er verschreibt ihr ein neu entwickeltes Antidepressivum. Und das ist diesmal wortwörtlich ein Mittel „mit allen Risiken und Nebenwirkungen.“ Mehr sollte hier nicht aufgedeckt werden.

Für die emotionale Qualität des Films sorgen die hervorragenden Hauptdarsteller und eine pointierte Regie, die eine millimetergenaue Spannungskurve zeichnet.

Wertung: sollte man gesehen haben

Mama

von Andres Muschietti – Spanien/Canada 2013 – 100 Min.

Eine sichere Empfehlung für Horror-Thriller-Fans. Produziert von Guillermo Del Toro. Und wo Del Toro draufsteht, ist auch Del Toro drin. Erzählt wird die Geschichte zweier kleiner Mädchen, die an dem Tag, als ihre Eltern ermordet wurden, in den Tiefen des Waldes verschwanden. Als sie fünf Jahre später gerettet werden und ein neues Leben beginnen, muss ihre Umwelt erfahren, dass sie von einer bösartigen, tödlichen Macht begleitet werden. „Mama“ ist ein cooler, atmosphärisch-dichter Genrefilm, der mit archetypischen Urängsten jongliert und mit Jessica Chastain („Zero Dark Thirty“) eine herausragende Hauptdarstellerin hat.

Wertung: nicht zu empfehlen

Beautiful Creatures

von Richard LaGravenese – USA 2013 – 124 Min.

Fantasy-Love-Story im High-School-Milieu einer amerikanischen Kleinstadt. Junge liebt Mädchen – Mädchen liebt Jungen. Doch sie entstammt einer Hexenfamilie. Und da wundert es nicht, dass ihr Onkel (Jeremy Irons) darüber nicht sehr erfreut ist.

Ein von allen guten Geistern verlassenes Gespenster-Gedöns, das sehr schnell ins Leere läuft. Eine Geschichte, der man alljährlich beim Fantasy-Filmfestival in immer neuen Variationen begegnen kann – wenn man will. Schade, dass der aktuell in mehreren Filmen präsente Jeremy Irons sich hier nicht ’mal eine Pause gegönnt hat.

Wertung: hervorragend

Die Jagd

von Thomas Vinterberg – Dänemark/Schweden 2012 – 111 Min.

Eine unbedachte Äußerung eines kleinen Mädchens löst eine Katastrophe aus – nur noch vergleichbar mit dem Flügelschlag des Schmetterlings, der zu einem Erdbeben führt. Schauplatz ist eine dänische Kleinstadt mit überschaubarem Personal und gefestigtem Gefüge. Lucas (Mads Mikkelsen) arbeitet in einem Hort. Ausgerechnet Klara, die kleine Tochter seines besten Freundes, verguckt sich in ihn. Lucas weist sie zurecht, aber Klara vermischt die Zurückweisung mit willkürlich aufgeschnappten Wortfetzen aus einem anzüglichen Geschwätz ihres Bruders mit dessen Freunden. Grethe, die Leiterin des Kindergartens, geht dem merkwürdigen Verhalten der kleinen Klara nach und löst mit ihrem weiteren Vorgehen eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen aus, die zu einer Katastrophe führen. Zunächst sind es die Eltern der anderen Kinder, dann ist die gesamte Nachbarschaft involviert. Freundschaften zerbrechen. Die zunächst gutgemeinte Sorge um das Kind führt zu einer Hexenjagd unvorstellbaren Ausmaßes.

Dänemarks Superstar Mads Mikkelsen liefert hier eine seiner besten Leistungen. Und auf die Qualitäten des Regisseurs und dessen besonderer Sinn für raffiniert konstruierte Geschichten mit heiklen Themen muss hier nicht besonders hingewiesen werden. „Die Jagd“ ist kein Film nach den Dogma-Regeln, sondern ein beklemmender, atemberaubender Psychothriller, der genau das hinterlässt, was man unter Nachhaltigkeit versteht und für jede Menge Gesprächsstoff sorgt. Auch dort, wo „Kindesmissbrauch“ drauf steht, ist nicht immer „Kindesmissbrauch“ drinn. Ein wichtiger Film, der zu einem differenzierten und vorurteilsfreien Umgang mit dieser Problematik mahnt. Die vielen Preise und Auszeichnungen für „Die Jagd“ sprechen für sich.

Wertung: sollte man gesehen haben

Mitternachtskinder

von Deepa Mehta – Kanada 2012 – 148 Min.

Als ich vor etlichen Jahren den Roman von Salman Rushdie (begeistert) las, war ich der Ansicht, dass er nicht zu verfilmen sei. Das Kino im Kopf lässt sich so nicht auf der Leinwand realisieren. Und wenn es nun einen Film mit dem gleichnamigen Titel gibt, so muss ja auch nicht unbedingt ein Vergleich mit der Romanvorlage gezogen werden. Beide Werke stehen für sich und können sich sehen bzw. lesen lassen.

Der Film von Deepa Mehta orientiert sich an dem Roman (Drehbuch: Salman Rushdie) und ist ein opulentes Geschichts- und Schicksalsdrama mit allen Zutaten des indischen Kinos. Auch wenn auf die genreüblichen Zutaten des Bollywood-Kinos wie Musik, Gesang und Tanz verzichtet wird. Trotz der Länge von 2 ½ Stunden hinterlässt das mit 127 Sprechrollen besetzte und fünf Jahrzehnte umfassende Epos einen zwiespältigen Eindruck. Irgendwie macht sich das Gefühl breit, nicht alles gesehen bzw. verstanden zu haben; vieles bleibt fragmentarisch. Leider! Bei soviel inhaltlicher Kraft wäre es besser, den Film auf vier oder fünf Stunden hin anzulegen und den einzelnen Episoden bzw. Charakteren mehr Raum zur Entwicklung zu überlassen. Bollywood geizt ja auch sonst nicht mit den Filmlängen, aber die kanadischen Produzenten gehen wohl von anderen (internationalen) Vermarktungsgesetzen aus. Ansehen sollte man sich den Film auf alle Fälle!

Wertung: nicht zu empfehlen

On the Other Side of the Tracks

von David Charhon - F 2012 - 90 Min.

Ein versnobter (weißer) Cop aus Paris und ein unkonventioneller (schwarzer) Cop aus Bobigny werden unfreiwillig zu einem Duo. Es geht darum, einen Mord an der Gattin eines zwielichtigen Industriellen aufzuklären. Die Recherchen führen bis in die höchsten Kreise.

Ein Cop-Buddy-Movie - überdreht und überflüssig. Der französische Kriminalfilm leugnet hier seine Traditionen und versucht es mit lärmenden Actionfilmen, um sich an Hollywood-Klassikern dieses Genres zu erproben.

In einer Sequenz des Films ist kurz Jean-Paul Belmondo (im TV) in einem seiner frühen Filme zu sehen - auf diesen Hinweis hätte mann besser verzichten sollen. Das Klassenunterschied wird so nur um so deutlicher.

Omar Sy wurde durch "Ziemlich beste Freunde" zu einem internationalen Star. Hier versucht man wohl, ihn gemeinsam mit Laurent Lafitte zu

Serien-Helden aufzubauen. Das Nachtprogramm von RTL 2 wird sich freuen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Hitchcock

von Sacha Gervasi – USA 2012 – 98 Min.

Film im Film. Es geht um den Klassiker der Filmgeschichte: „Psycho“ (1960) und die Macher des Films. Drei Stars von heute spielen drei Stars von gestern: Anthony Hopkins = Alfred Hitchcock; Helen Mirren = Alma Reville; Scarlett Johansson = Janet Leigh. Neben einigen amüsanten und ironischen Sequenzen über die komplizierte Produktion des Films und die Resonanz auf diesen Schocker geht es in erster Linie um den Einfluss, den Alma auf die Arbeit ihres Mannes Alfred hatte. Um dem Film gerecht zu werden, müsste er eigentlich „Alma“ heißen. Helen Mirren ist (wie immer) umwerfend und steht im Focus des Geschehens, und Scarlett Johansson beweist einmal aufs Neue ihre nuanchierte Vielseitigkeit. Irgendwie enttäuschend in diesem Zusammenhang allerdings das Spiel von Anthony Hopkins. Eine aufwändige Maske versucht, der voluminösen Präsenz des großen Meisters nahezukommen. Aber dadurch ist der Schauspieler Hopkins so starr und unbeweglich geworden, dass ihm kaum ein Spielraum für eine differenzierte Charakterstudie bleibt. Unter dem Strich aber ein Film, der Filmgeschichte unterhaltsam vermittelt und dem master of suspense gerecht wird.

Wertung: kann man sich ansehen

Nachtzug nach Lissabon

von Bille August - D 2013 - 111 Min.

Bille August, der so vitale und bewegende Filme wie „Pelle der Eroberer“ und „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ inszeniert hat, stellt sich hier ganz in den Dienst der Literaturvorlage. Er verfilmt den Bestseller so, wie es die Leser erwarten: getragen und ehrfurchtsvoll umgesetzt, mit einer hochkarätigen internationalen Besetzung garniert. Die Recherche nach einem geheimnisumwitterten Portugiesen, der in den siebziger Jahren gegen den Diktator Salazar kämpfe, bebildert einen Roman, dessen philosophische Fragestellungen sich im Kopf und nicht auf der Leinwand bewegen. Eine uninspirierte filmische Reise ins Innere, die zur Anschaulichkeit viele touristische Bilder bietet. Den Plot des Films hätte Costa-Gavras zu einem mitreißenden Polit-Thriller entwickelt, der sich als eigenständiges Kunstwerk neben einem Millionen Mal verkauften Buch behauptet hätte. Wer einige führende europäische Filmstars bei der Arbeit sehen möchte, der ist mit diesem Film gut bedient. Immerhin mussten sich gleich mehrere Förderungsinstanzen in Europa zusammentun, um dieses Ensemble angemessen zu finanzieren. Ein Europudding mit beschränkter Haltbarkeitsdauer.

Wertung: kann man sich ansehen

3096 Tage

von Sherry Hormann - D 2013 - 109 Min.

Kinofilme über spektakuläre Kriminalfälle, deren Ausgang bekannt und deren Protagonisten eine enorme Medienpopularität besitzen, müssen schon einen besonderen Kick haben, um die Leute zusätzlich zur Kasse zu bitten. „3096 Tage“ gleicht einem Fotoroman in einer zerblätterten Illustrierten, die man im Wartezimmer in die Hand nimmt und hofft, bald aufgerufen zu werden. Es war wohl ein Fehler, den Film zu dicht an die authentischen Vorgänge und an Autobiografie von Natascha K. anzudocken. Das Geschehen wird lediglich bebildert, die Charaktere und ihre Entwicklung bleiben spannungsarm; eine emotionale Betroffenheit stellt sich nicht ein. Es wäre sinnvoller gewesen, den „Fall Kampusch“ als entfernte Vorlage für einen Psychothriller zu nehmen und daraus ein eigenständiges, genregerechtes Drehbuch zu entwickeln. Der in diesen Wochen anlaufende Film „Die Jagd“ zeigt perfekt, was einen Psychothriller ausmacht. An den Hauptdarstellern von „3096 Tage“ liegt es allerdings nicht, sie bringen bemerkenswerte Leistungen in einem von der Dramaturgie vernachlässigten Umfeld. An der Produktion des Films haben sich mehrere Sender und Filmförderungsinstitutionen beteiligt. Das deutet immer darauf hin, dass eigentlich niemand so recht dem Vorhaben traute. Vor dem Start des Films gab es nur wenige Pressevorführungen, dafür aber einen Medienrummel, dem man nicht entgehen konnte. Dank dieser Vermarktungsstrategie wird die Kasse schon stimmen.

Wertung: nicht zu empfehlen

Hänsel und Gretel: Hexenjäger

von Tommy Wirkola – D/USA 2013 – 83 Min.

Die 3D-Technik kann aus einer bekannten Uralt-Geschichte ein atemberaubendes Kinoerlebnis machen – oder auch nicht. Hier läuft sie vollends ins Leere und demonstriert nicht mehr als einen bombastisches Überfall auf die Sinne des Zuschauers. Auch die Tatsache, dass der Film in deutschen Wäldern gedreht wurde und in Augsburg spielt, kann ihm keinen besonderen Reiz verleihen. Wenn es stimmt, dass die Produktion 60 Millionen Dollar gekostet hat, so hätte man dafür besser viele, viele Pfefferhäuschen bauen sollen, die Geschmack und Nachhaltigkeit garantieren.

Vielleicht ist es angebracht, sich wieder einmal den Klassiker anzusehen: „Der Hexenjäger“ von Michael Reeves, GB 1968, mit Vincent Price in der Titelrolle. Allein die Geschichten um diesen Film herum sind spannender als der Auftritt von Hänsel und Gretel als Hexenjäger. Ab in den Ofen!

Wertung: sollte man gesehen haben

The Crime

von Nick Love - GB 2012 - 112 Min.

Ein perfekter, hammerharter Cop-Thriller mit einem Bullen (Way Winstone), der im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Dickkopf voran durch Wände geht. Er gehört einer Eliteeinheit von Scotland Yard an, die mit unorthodoxen Methoden und oftmals außerhalb des gesetzlichen Spielraums in der Londoner Unterwelt aufräumt. Diesmal ist es eine osteuropäische Bankräuberbande, gegen die sie vorgehen.

Das Schema: die engagierten Bullen mit nervenden Chefs samt ihren hinderlichen Vorschriften und als Gegenspieler austauschbare, profillose Gangster aus Serbien. Das ist wahrlich nicht neu. Was "The Crime" dennoch sehenswert macht ist der Schauplatz (incl. Traflgar Square) und der rustikale Protagonist mit dicken Eiern, der ebensoviel einstecken wie austeilen kann.

Vorbild für den Film ist übrigens die englische TV-Serie aus den 70er-Jahren "The Sweeney" / "Die Füchse".

Wertung: sollte man gesehen haben

Les Misérables

von Tom Hooper – GB 2012 – 158 Min.

Romanklassiker als Original-Bühnen-Musical trifft Großes Kino. Wer’s mag, warum nicht! Der hochkarätig (u.a. Hugh Jackman, Russell Crowe, Anne Hathaway) und originell (Helene Bonham Carter und Sacha Baron Cohen als Wirtspaar Thénardier) besetzte Film setzt auf Schauwerte, die nur die Leinwand bieten kann; die aufwändig inszenierten Barrikaden-Kämpfe sind dafür ein typisches Beispiel. Trotz der Länge von zweieinhalb Stunden für die Fans des Genres ein unterhaltsames Spektakel.

Doch es gibt einen Nachteil. Bei dem in englischer Sprache gedrehten Film werden die Songs deutsch untertitelt, die (wenigen) Dialoge hingegen deutsch synchronisiert. Das ist ein unverzeihlicher, überaus ärgerlicher Stilbruch, der permanent den Fluss der Handlung stört und irritiert. Also: Nur in Originalfassung bitte oder in OmU ohne deutsche Sprachschnipsel.

Wertung: sollte man gesehen haben

Warm Bodies

von Jonathan Levine – USA 2013 – 97 Min.

Liebe überwindet alle Schranken – besonders im Kino, wo seit einigen Jahren die Trennungslinie zwischen den normal Sterblichen und den nicht-normal sterbenden Vampiren erfolgreich und publikumsträchtig aufgehoben ist. In dieser postapokalyptischen Geschichte geht es um die morbide Liebesgeschichte zwischen dem sensiblen Zombie „R“ und dem hinreißenden menschlichen Teenager Julie. Eine romantische Zombie-Komödie, die ihren Parcours inmitten verwüsteter Stadtlandschaften und verfeindeter Clans souverän meistert. Die Analogie zu „Romeo und Julia“ liegt auf der Hand und wird in der bekannten Balkon-Szene genüsslich-ironisch aufbereitet. Für die Freunde des Genres ein vergnüglicher Abend.

Wertung: nicht zu empfehlen

Der Hypnotiseur

von Lasse Hallström – Schweden 2012 – 122 Min.

Schweden ist bekannt für außergewöhnliche Krimis und/oder Psycho-Thriller. Also sind die Erwartungen sehr hoch, wenn sich Lasse Hallström nach längerer Abwesenheit an die Verfilmung eines bekannten Thrillers begibt und seine Titelfigur mit Mikael Persbrandt als Protagonisten besetzen kann. Diese Qualitäts-Merkmale bleiben ungenutzt, weil keine Spannung aufkommt. Es geht um einen geächteten Hypnotiseur, der einem Kriminalkommissar bei dessen Ermittlungen in einem Mordfall behilflich ist. Die Sache eskaliert, als der kleine Sohn des Hypnotiseurs entführt wird.

Den Kinoabend kann man sich sparen. Ein Tipp als kleine Entschädigung: mal wieder die Glotze einschalten und eine der immer wiederholten Folgen von „Kommissar Beck“ ansehen. Hier erlebt man einen Mikael Persbrandt als Gunvald Larsson in Hochform – immer sehenswert!

Wertung: kann man sich ansehen

Stirb langsam 5

von John Moore - USA 2012 - 97 Min.

"Ich hab' dich lieb, Jack." "Ich dich auch, John." Das ist der emotionale Höhepunkt eines ansonsten dialogarmen Spektakels. Vater (Bruce Willis) und Sohn (Jai Courtney) gemeinsam gegen korrupte Wissenschaftlicher und Politiker in Russland. Sie haben es dabei nicht nur mit einem brutalen Killerkommando, sondern auch mit Oligarchen und Schweinebacken aller Nationalitäten zu tun. Erst legen sie den Straßenverkehr in und um Moskau herum lahm, um danach Tschernobyl ein zweites Mal zu zerstören. Der finstere Gegenspieler von Vater-und Sohn ist übrigens - gut versteckt hinter seinem Bart - Sebastian Koch.

Wertung: nicht zu empfehlen

Parker

von Taylor Hackford – USA 2012 – 118 Min.

Es geht um einen Überfall auf die Zentralkasse eines Vergnügungsparks in Columbis, Ohio, der nicht so verläuft wie geplant. Danach geht es um den Streit um die Beute, um Verrat etc. Im Mittelpunkt Jason Stratham als supercooler Parker, der sich auf einen Rachefeldzug begibt und es dabei mit einer betörenden und rätselhaften Immobilienmaklerin zu tun hat, die von Jennifer Lopez gespielt wird. Finaler Schauplatz ist Palm Beach, was ausgesprochen schöne Kameraeinstellungen garantiert. Nichts neues – auch nicht unter dieser Sonne. Ein Film, der die Zuschauer nicht überfordert und in den Nachprogrammzeiten der Privatsender gut placiert ist. Parker ist der Bad Boy der hardboiled-Romane von Donald E. Westlake; eine Serie, die 1962 startete, und es darf unterstellt werden, dass auch dieser Film auf Serie angelegt ist. In der bewundernswerten Filmografie des Regisseurs (u.a. „When we were Kings“ und „Ray“) ist dieser Film leider kein Highlight.

Wertung: nicht zu empfehlen

Inuk

von Mike Magidson - Grönland/Frankreich 2010 - 90 Min.

Sozialarbeiterfilm in der Machart der 80er-Jahre. Gutgemeint, aber wirkungslos - auch in filmischer Hinsicht. Der junge Inuk findet in der grönländischen Hauptstadt Nuuk keinen rechten Halt und ist ein Fall für die Jugendbehörde. Er wird zur Bewährung in den hohen Norden geschickt, wo er durch den wortkargen Eisbären-Jäger Ikuma umgemodelt wird. Inuk hat keinen Vater mehr; Ikuma hat seinen Sohn verloren. Welch gute Fügung des Schicksals. Eine schlichte, vorhersehbare Story - leider auch wenig aufschlussreich über die Lebensbedingungen und Alltagsrealität im Hohen Norden.

The Last Stand

von Kim Jee-woon – USA 2012 – 122 Min.

Arnie is back! Und das beeindruckend und furios. Er spielt einen ehemaligen Cop des LAPD, der nun als Sheriff in einem verschlafenen Grenzstädtchen an der mexikanischen Grenze eine beschauliche Zeit erlebt. Das ändert sich, als ein berüchtigter Drogenboss aus einem FBI-Gefängnistransport entkommen kann und mit Mitgliedern seiner schwer bewaffneten Gangstertruppe in Richtung mexikanische Grenze flieht. Und dort trifft er auf einen Sheriff, der sich – unterstützt von wenigen unausgebildeten Helfern – ihm entgegenstellt und ihn aufhalten will. Eine Paraderolle für einen abgehangenen, wortkargen Schwarzenegger, der noch einmal draufhaut wie in alten Zeiten und mit leichter Ironie seinem Job nachkommt. In diesem hochkarätig besetzten Film (u.a. noch Forest Whitaker und Peter Stormare) wird viel Material vernichtet. Die Autoindustrie in Detroit kann nachrüsten.

Inszeniert wurde „The Last Stand“ von dem koreanischen Action-Regisseur Kim Jee-Woon wie ein klassischer Western. Die Pferde wurden Autos ausgetauscht, die Colts gegen schwere Kaliber. Ansonsten hat sich nichts verändert – auch nicht das finale Duell Mann gegen Mann. Aber sehen sollte man Arnies Rückkehr auf die Leinwand auf jeden Fall.

Wertung: hervorragend

Zero Dark Thirty

von Katryn Bigelow und Mark Boal - USA 2013 - 156 Min.

Ein Polit-Thriller wie es ihn lange nicht mehr gegeben hat. Es geht um die (erfolgreiche) Jagd nach Osama bin Laden. Der Film verbindet die Mittel des Actionfilms mit investigativem Drama und wirft ein neues Licht auf die geheimen, dunklen Korridore des Krieges gegen die Terror. Die Geschichte, die aus der Sicht einer jungen CIA-Agentin erzählt wird, führt in die Schaltzentralen der Macht und an die Frontlinien einer riskanten und umstrittenen Mission. Sie handelt von außergewöhnlichem Mut sowie von Grenzsituationen, in denen übliche Moralregeln nicht mehr gelten. Wegen der ungeschönten und erbarmungslos harten Folter-Szenen wurde der Film von vielen Seiten kritisiert und angegriffen. Aber was wäre ein Polit-Thriller, wenn er KEINE Aufregung verursacht?

Wertung: sollte man gesehen haben

Gangster Squard

von Ruben Fleischer – USA 2012 – 110 Min.

1949 in Los Angeles. Ein skrupelloser Gangsterboss beherrscht die Stadt und führt die illegalen Geschäfte an: Drogen, Waffenhandel und Prostitution. Eine üble Schlägertruppe schützt ihn und sein Einfluss reicht bis in Politik und Polizei hinein. Doch dann rauft sich eine kleine Einheit von Außenseitern des LAPD zusammen, um ihn zu stoppen...

Eigentlich das klassische Muster des Gangsterfilms, der nicht von der Logik her sondern von der Dramaturgie des Genres lebt. Dieses Film hat man schon oft gesehen: „The Untouchables“ von Brian De Palma bis zu „The Blue Dahlia“ von George Marshall (1946) und „The Black Dahlia“ von Brian De Palma (2006). Das muss aber kein Nachteil sein. Es drängen sich nur jede Mange Vergleiche auf; beispielsweise ist es überaus reizvoll, den Typ und die Rollen-Charaktere von Alan Ladd und Ryan Gosling gegenüber zu stellen und zu vergleichen. Was stört ist allerdings die zu aufdringlich dröhnende Musik und die endlose Ballerei, die nur dazu dient, die technischen Möglichkeiten zu präsentieren. Der Handlung erweist die Ohrenfolter der Zuschauer jedenfalls keinen Dienst.

Wertung: sollte man gesehen haben

Quartett

von Dustin Hoffman - US 2012 - 98 Min.

Schauplatz und Herzstück des Films ist eine Residenz für ehemalige Opernsänger - eingebettet in einen wundervollen Park in englischer Landschaft. Einmal im Jahr findet zu Ehren von Verdis Geburtstag ein Konzert statt. Nicht zuletzt dient es dazu, von Sponsoren Geld einzusammeln zur Rettung der Seniorenresidenz. Klar, dass alle Bewohner des Hauses diesem Tag mit Eifer und großer Erwartung entgegensehen. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, als die Ankunft einer neuen Mitbewohnerin das Gefüge mächtig erschüttert: eine unnahbare Diva; gespielt von Maggie Smith. Alle Charaktere in diesem Film sind gleichgewichtig verteilt und hervorragend besetzt; bis in die kleinsten Rollen hinein überwiegend mit ehemaligen professionellen Musikern und Sängern. Ein Augen- und Ohrenschmaus. Als Vorbild für diesen Film diente die Dokumentation "Il Bacio di Tosca" von Daniel Schmid. Der eine Film fürs Kino - der andere für den DVD-Abend.

Erwähnenswert noch, dass es die erste Regiearbeit von Dustin Hoffmann ist. Aber das war ja nun überall schon zu lesen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Lincoln

von Steven Spielberg - USA 2012 - 145 Min.

Spielberg beweist mit diesem Film, daß er auch Polit-Thriller produzieren und inszenieren kann. Es geht um den DEN amerikanischen Politiker, der für die Abschaffung der Sklaverei kämpfte und einer durch den Bürgerkrieg zerrissenen Nation den Weg in eine humanere Zukunft ebnete. Der Film konzentriert sich dabei auf die politische Vorgehensweise - samt Tricks und Intrigen - , um im Repräsentantenhaus die erforderliche Mehrheit für den 13. Zusatzartikel zu bekommen. Ein zeitloses Lehrstück über Politik und Politiker, Rassisten und Lobbyisten. Es dauerte eine Zeit, bevor Spielberg Daniel Day-Lewis als Hauptdarsteller verpflichten konnte - nun eine seiner besten, eindrucksvollsten Rollen. Der Film basiert auf dem vielschichtigen Drehbuch des mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Tony Kushner, mit dem Spielberg bereits bei "München" (2005) zusammenarbeitete.

Wertung: kann man sich ansehen

Flight

vo Robert Zemeckis - USA 2012 - 138 Min.

Denzel Washington spielt einen Piloten, dessen Passagierflugzeug durch schlechtes Wetter in eine Notlage gerät und abzustürzen droht. Mit einem schier unglaublichen Manöver gelingt ihm eine Notlandung, mit der er vielen Menschen das rettet. Doch dann stellt sich heraus, dass der als Held gefeierte Captain ein Alkoholproblem hat.

"Flight" lebt von dem Hochleistungs-Darsteller Denzel Washington, der fast immer im Bild ist und die schwierige Marathon-Strecke von 2 1/2 Stunden souverän absolviert. Bereits mit "Cast Away - Verschollen" (mit Tom Hanks) hat Robert Zemeckis bewiesen, zu welchen Spitzenleistungen er seine Solisten führen kann.

Wertung: ärgerlich

Blank City

von Céline Danhier - USA 2009 - 94 Min.

Eine "Dokumentation" der Film-, Musik- und Kunstszene im New York der 1970er-Jahre. Es waren die Underground-Zeiten, die spannende, spektakuläre und innovative Erlebnisse und/oder Produktionen hervorgebracht haben. Dieser Film zeigt allerdings mehr Personen und Filmfragmente, als hier aufgezählt werden kann. Es beginnt und Amos Poe und endet mit Susan Seidelmann. Noch dabei sind u.a. Beth B und Scott B, Eric Mitchell, Jim Jarmusch, John Lurie. John Waters und Steve Buscemi. Das alles regnet wie Konfetti auf die Zuschauer herunter. Der Film ist gutgemeint, leidet aber unter der Konzeption, sich als Underground-Film zu verkleiden. Das, was früher verstört, wird hier zerstört. Diejenigen, die diese Zeit miterlebt haben - zu denen ich mich auch zähle - sind ziemlich sauer; andere sind ratlos und frustriert, weil möglichst viel gezeigt, aber nichts nachvollziehbar oder erinnerlich bleibt.

Besser sind Fachbücher über diese Jahre und diese Szene und parallel dazu eine DVD mit den Filmen. Alles problemlos zu beschaffen z.B. bei Facet Cinema in Chicago.

Wertung: kann man sich ansehen

Renoir

von Gilles Bourdos - F 2011 - 110 Min.

Schöne, emotional bewegende Bilder aus dem Lebensabend des Alten Meisters. Ein junges, überaus ansehnliches Mädchen wird sein Modell und mischt mit ihrer Lebensfreude den weiblichen Hofstaat des Alten kräftig durcheinander. Als Renoirs Sohn Jean aus dem Krieg zurückkehrt, um eine Verletzung auszuheilen, wird sie dessen Geliebte und ermutigt ihn, sich von der Malerei und der Bürde seines Vaters zu verabschieden und seinen eigenen Weg beim Film zu suchen.

Von der Handlung her nicht gerade umwerfend. Interessant ist nur die Kameraarbeit, die immer wieder einen Vergleich zu den bekannten Bildern Renoirs herausarbeiten will.

Ein Kinobesuch lohnt nur, wenn man ausreichend Zeit für eine Postkartenlandschaft mit Akt aufbringen möchte. Ansonsten ist dieser Film besser als DVD im Museum-Shop aufgehoben.

Wertung: sollte man gesehen haben

Der Geschmack von Rost und Knochen

von Jacques Audiard - F 2012 - 120 Min.

Ein sehr eigenwilliger Film. Schauplatz ist die Cote d'Azur. Ali, der mit seinem Sohn Sam bei seiner Schwester Anna untergekommen ist, verdient sein Geld als Türsteher und mit illegalen Boxkämpfen. Er verliebt sich in Stéphanie, die als Trainerin von Killerwalen im Marineland arbeitet. Die sportlich durchgestylte Frau verliert bei einem Arbeitsunfall beide Beine. Doch das ist nicht das Ende einer Beziehung, sondern erst der Anfang.

Das Kino schafft es immer wieder Geschichten zu erzählen, die sich gängiger Erwartungen und Handlungsklischees entziehen. Dieser Film ist einer davon. Es dauert ein wenig, bis man sich darin zurechtgefunden hat. Aber dann ist man nachhaltig fasziniert von zwei hervorragenden Hauptdarstellern und einer hautnahen Inszenierung knallharter Lebensrealität im ansonsten sonnigen Urlaubsambiente.