Porträt Horst Schäfer

Kinotipps 2009

78 Besprechungen aus dem Jahr 2009.

Wertung:
Wertung: nicht zu empfehlen

Albert Schweitzer

von Gavin Millar - D 2009 - 114 Min.

"Es ist Mitternacht Dr. Schweitzer" (F 1952) war über Jahrzehnte hinweg ein Pflichtfilm in Schulen u.a. diversen Bildungseinrichtungen. Handlung und Schauplätze konzentrierten sich dabei auf Lambarene. Ein neuer Film setzt andere Akzente. Hier ist es die politische Seite: die Freundschaft mit Albert Einstein und das Engagement gegen gegen Kernwaffentests. Dieser Filmförderungs-Pudding ist ideal für die Weihnachtstage; ein Film für die ganze Familie. Schöne Bilder und schöne Menschen. EIn Hoch auf Maske und Kostüm, da dem blutigen Handwerk im Dschungel immer frisch geschminkt und gut geföhnt nachgegangen wird. Soetwas Unverfängliches hat Albert Schweitzer eigentlich nicht verdient. Ideal auch für die TV-Sendetermine mit anspruchsloser, seichter Unterhaltungsware. Schade!

Wertung: hervorragend

Avatar

von James Cameron - USA 2009 - 161 Min.

Mit den Spezialeffekten in SF-Filmen wurden früher die Phantasien der Zuschauer ausgelöst. AVATAR ist ein Film, der diese Phantasien einlöst. l

Wertung: kann man sich ansehen

Zombieland

von Ruben Fleischer - USA 2009 - 88 Min.

Ein rasanter Genrefilm für die harten Fans von menschen- und materialvernichtenden Horrorkomödien. Entscheidend und interessant ist allein der Unterhaltungswert; genauer: die Gags, mit denen eine vorhersehbare Handlung aufgemotzt wird. Und in diesen Film gibt es etliche davon - aber man muss es mögen. In diesem Film gibt es zusätzlich noch einen spektakulären Star mit Woody Harrelson als schießwütiger Cowboy, der Zombies jagt. Gaststar Bill Murray, als Ghostbuster eine Kultfigur, spielt sich selbst als Filmstar, der an seinen eigenen Witzen scheitert. "Mach dir ein paar schöne Stunden und geh ins Kino" ist hier nicht die richtige Empfehlung, aber der Film ist mit 88 Minuten angenehm kurz. .

Wertung: sollte man gesehen haben

Tulpan

von Sergey Dvortsevoy - D 2008 - 100 Min.

Das ist wieder so ein Film, der in den Festivals gefeiert wird, sich aber im Kino schwer tut. Die Story ist schnell erzählt und der Film kann nicht mit den Namen bekannter Stars beworben werden.

Die Handlung spielt in der kasachischen Steppe. Der Matrose Asa kehrt zu seiner Familie zurück, die aber nur aus seiner verheirateten Schwester besteht. Asa will sich dort bewähren, ist aber für eine eigene Existenz auf eine Ehefrau angewiesen. Weit und breit bietet sich nur das heiratsfähige Mädchen Tulpan an, die aber nichts von ihm wissen will und jedem Kontakt aus dem Wege geht. Rückhalt findet Asa nur bei seiner Schwester; mit seinem Schwager versteht er sich nicht gut. Was tun? Sich durchsetzen oder die Steppe verlassen und in der Großstadt sein Glück versuchen? Diese Frage beantwortet der Film mit Einfühlungsvermögen und Humor. Die Bilder sprechen für sich. "Tulpan" ist ein Film, der auf die große Leinwand angewiesen ist. Sie bietet den Zuschauern ausreichend Zeit und Raum, sich auf das (für uns ungewohnte) Leben in unendlichen Weiten einzulassen, den Rhythmus zu erspüren und sich der Natur und den Jahreszeiten hinzugeben. "Tulpan" ist ein außergewöhnlich intensiver Film; Kino pur!

Wertung: sollte man gesehen haben

Das Orangenmädchen

von Eva Dahl - N./D./S. 2008 - 88 Min.

Ein Film über die Liebe und über die Erinnerungen an die Liebe. Ein Jugendfilm nach einem Buch von Jostein Gaarder, der schon erfolgreich bewiesen hat (u.a. mit "Sophies Welt"), wie ausdrucksstark er die Gefühlswelten junger Menschen darstellen kann.

"Das Orangenmädchen" spielt auf verschiedenen Zeitebenen und ist etwas kompliziert konstruiert. Aber Gefühlswelten sind das doch auch, oder?

Empfehlenswert nicht zuletzt wegen des spielfreudigen Ensembles.

Wertung: hervorragend

2012

von Roland Emmerich - USA 2009 - 158 Min.

Emmerichs erster Film trug den Titel "Das Arche-Noah-Prinzip" (BRD 1983). Damals wurde er von der Kritik noch belächelt: "dilettantische Actionszenen und sentimentale Liebesgeschichte" usw. usf. Mittlerweile hat er es ihnen gezeigt. Um das Arche-Noah-Prinzip geht es denn auch jetzt in "2012" - hier allerdings treffender und ausdrucksstarker in Szene gesetzt.

Wieder einmal mehr naht das Ende der Welt. Diesmal allerdings sind einige Supermächte (bzw. deren Repräsentanten) besser darauf vorbereitet und haben für Auserwählte Überlebens-Strategien entwickelt. Die Mehrheit der Menschheit geht in der großen Sintflut unter; nur einige bleiben übrig: eine internationale Gemeinschaft; allen voran aber die typische amerikanische Kleinfamilie (als Identifikationsfiguren für das Publikum aller Altersschichten). Das ist ein riesiger Kinospaß, den man nicht versäumen sollte. Es braucht die große Leinwand und den entsprechenden Sound.

Wertung: sollte man gesehen haben

Die Tür

von Anno Saul - D 2009 - 103 Min.

Ein Psycho-Mystery-Thriller mit einem hervorragenden Mads Mikkelsen in der Hauptrolle. Er spielt einen erfolgreichen und wohlhabenden Maler, dessen Leben sich von einer Sekunde auf die andere völlig verändert. Durch seine Verfehlung stirbt seine Tochter. In der Folge scheitern seine Ehe und seine Karriere als Künstler. Völlig am Ende, will er sich umbringen. Unerwartet entdeckt er eine verborgene Tür in die Vergangenheit. Durch sie gelangt er zurück zu dem alles entscheidenden Augenblick und erhält so die Möglichkeit, seine Tochter zu retten. Doch seine alten und neuen Lebenswege kreuzen sich, was zu dramatischen Konflikten führt, die tödlich enden.

Vorlage des Films ist der Roman "Die Damalstür" von Akif Pirincci. Die Umsetzung ist gelungen, aber die Logik bleibt auf der Strecke, da die Auflösung nicht nachvollziehbar ist. Was bleibt ist ein beachtlicher deutscher (!) Genre-Film sowie die Begegnung mit Mads Mikkelsen, der zu den bekanntesten und erfolgreichsten Schauspielern Skandinaviens zählt. Ein Gewinn für das deutsche Kino!

Wertung: nicht zu empfehlen

Der Informant

von Steven Soderbergh - USA 2009 - 90 Min.

Ein Wirtschafts-Krimi mit Matt Damon in der Titelrolle. Er spielt einen Karrieristen, der seinen Arbeitgeber wegen illegaler Preisabsprachen an das FBI verrät und sich im eigenen Lügennetz verstrickt. Das ist dialoglastig und mit uninspirierten Bildern umgesetzt. Nach einer halben Stunde kommt Langeweile auf. Weder die Typen noch der Fortgang der Geschichte interessieren.

Wertung: hervorragend

Looking For Eric

von Ken Loach - GB u.a. 2009 - 116 Min.

Bei Ken Loach habe ich immer das Gefühl, keinen Film gesehen sondern eine Geschichte erlebt zu haben. So dicht sind die Stories, die Charaktere- Und so haunah an den Figuren bin ich bei kaum einem anderen Regisseur.

Ein in Manchester lebender und etwas aus Spur geratener Fan von Eric Cantona trifft (imaginär) sein Idol, bekommt von ihm die richtigen Lebensweisheiten und Lektionen vermittelt und meistert seine Probleme. Und wie bei Loach ist es kein individuelles Vorgehen, das zum Erfolg führt, sondern ein solidarischer Akt mit Freunden und Arbeitskollegen.

"Looking For Eric" ist ein Kinderfilm für Erwachsene. für große und kleine Jungs. Mit großem Vergnügen ist anzusehen, wie sich ein Star wie Cantona in ein Filmteam einfügt, ohne die Balance zu gefährden. i

Wertung: hervorragend

Eine Perle Ewigkeit

von Claudia Llosa - Spanien/Peru 2009 - 94 Min.

Es war DIE Überraschung in Berlin, dass dieser Film den Goldenen Bären bekommen hat. Ich hatte ihn nicht gesehen; viele meiner Kolleginnen und Kollegen auch nicht. Heute, nach dem Besuch der Pressevorführung, kann ich die Auszeichnung verstehen und akzeptieren. Wer die Romane von Mario Vargas Llosa liebt, der wird auch den Film seiner Nichte Claudia lieben. Die Erzählstrukturen sind identisch. Sie kümmern sich nicht um die Genre-Regeln des Hollywood-Kinos, sondern setzen die Phantasie der Zuschauer frei, zwischen den Zeilen, den Bildern, zu lesen und eigene Entdeckungen zu machen. Die Geschichte des geheimnisumwitterten Mädchens Fausta, die eine große Herausforderung meistert, handelt vom Erwachen und von der Suche nach Identität und Freizeit. Der Zuschauer sieht ihre Alltagsrealität - zu der auch Versatzstücke von Sagen und Mythen zählen. Ein großartiger Film mit unglaublichen Bildern und außergewöhnlich intensiven Darstellern.

Wertung: sollte man gesehen haben

Der Besucher

von Jukka-Pekka Valkeapää - Fin./D. u.a. 2008 - 99 Min.

Filme erzählen ihre Geschichten mit Bildern. Und wenn wenig geredet wird, dann gibt es eben auch keine oder nur sehr wenige Dialoge. Der Vorteil: man kann genau hinsehen, verpasst nichts und assoziiert über Ursachen und Folgen.

Dieser Film spielt in Finnland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein zehnjähriger, stummer Junge lebt mit seiner Mutter abgeschieden auf einem kleinen Hof inmitten der wilden finnischen Wälder. Sein Vater, ein brutaler Kerl, sitzt im Knast. Der Junge besucht in hin und wieder. Als plötzlich ein Fremder mit einer Notiz des Vaters und einer Schusswunde in der Seite auf dem Hof auftaucht, gerät alles aus den Fugen. Da die Geschichte aus der Wahrnehmungs-Perspektive des Jungen erzählt wird, werden nicht alle Rätsel gelöst, die zur Eskalation von Gewalt und zu einem finsteren Ende führen. Aber so ist es nun mal im Leben. Nicht alles wird aufgeklärt. Zurück bleiben irritierende, vereinnahmende Momente und Impressionen - eine Handvoll Menschen in einer dominierenden Naturlandschaft.

Erwähnenswert noch auf jeden Fall die schauspielerische Leistung von Vitali Bobrov, der als stummer Junge in allen Szenen gegenwärtig ist und in den Nahaufnahmen eine ungeheuere Präsenz zeigt. Inmitten der geschwätzigen Beziehungsdramen oder -komödien hat dieser Film eine Sonderstellung; ein Film für die Freunde von Kinobildern, die für sich sprechen. Kompliment an alle Förderer und Finanziers, die dieses Werk ermöglicht haben.

Wertung: nicht zu empfehlen

The Dust of Time

von Theo Angelopoulos - Div. 2008 - 125 Min.

Willem Dafoe, Bruno Ganz, Michel Piccolo, Irene Jacob und Christiane Paul als Wanderschauspieler im Nebel in einem fahrigen und zerfasertem Film eines einstmals großen Meisters. Hier wird demonstriert, wie diverse Fördermittel aus Deutschland, Griechenland, Russland, Italien u.a. öffentlich verbrannt werden.

Beim besten Willen: NEIN! Dafür die DVD von "O thiasos" ansehen.

Wertung: kann man sich ansehen

Das Grosse Rennen

von André F. Nebe - D/Irland 2009 - 84 Min.

Ein Kinderfilm, der es sich zu leicht macht. Mary, die auf einem Bauernhof in Irland lebt und nichts mehr liebt als ihre selbstgebaute Seifenkiste, nimmt trotz vieler Schwierigkeiten an einem Rennen teil und gewinnt Preisgeld und Pokal. Eine solche Story ist nicht wahnsinnig einfallsreich und schon oft variiert worden. Sieht man einmal ab von der schauspielerischen Leistung von Colm Meany, der Marys Vater spielt, so gibt es eigentlich keinen Grund, diesen Film zu empfehlen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Orphan - Das Waisenkind

von Jaume Collet-Serra - USA/Kanada 2009 - 123 Min.

Nach einer Fehlgeburt entschließen sich Kate und John, ihre Familie durch die Adoption eines Mädchens zu komplettieren. Die frühreife Ester erweist sich als das Böse schlechthin---

Eine dicht konstruierte Story mit einer überraschenden Auflösung. Ein Genre-Film über einen hinterhältigen und gemeinen Teufelsbraten, der schon beim diesjährigen Fantasy-Filmfestival den Besuchern schmeckte.

Wertung: hervorragend

Das weisse Band

von Michael Haneke - D/F/I/Österreich 2009 - 145 Min.

Eine deutsche Kindergeschichte - aber kein Film für Kinder. Schauplatz ist ein Dorf im protestantischen Norden Deutschlands in den Jahren 1913/1914. Es passieren seltsame, unerklärliche Unfälle. Und fast immer sind die Kinder darin verwickelt, die dem vom Dorflehrer geleiteten Schul- und Kirchenchor angehören. Gegen Ende des Films droht die Situation zu eskalieren. Eine Frau kennt die mysteriösen Zusammenhänge und will sie der Obrigkeit melden. Doch es ist der Vorabend des Ersten Weltkrieges und niemand ist an der Auflösung interessiert. Jetzt gibt es andere Sorgen und Themen.

Den Film habe ich 2 x gesehen, weil sich die eigentliche Geschichte hinter den Bildern - unter der Oberfläche des Gezeigten - abspielt. Faszinierend, herausfordernd. Ereignisse, die stattfinden, aber nicht zu sehen sind. Wie bei dem berühmten Eisberg, von dem auch nur 1/7 (?) ab der Oberfläche sichtbar ist.

DAS WEISSE BAND erhielt in Cannes die Goldene Palme, wurde mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet, als deutscher Beitrag für den Oscar (bester ausländischer Beitrag) und für den Golden-Globe nominiert.

Die Presse und Publikum sind begeistert. Ich auch.

Wertung: kann man sich ansehen

Unter Bauern

von Ludi Boeken - D 2009 - 95 Min.

Die einzig wahren Geschichten schreibt das Leben - und nicht das Drehbuch. Aber es gibt authentische Ereignisse, die auch ideale Filmstoffe sind bzw. sein könnten. Das Schicksal der Familie Spiegel aus Westfalen, die sich vor der Deportation in den Osten retten konnten und unter falschem Namen von Nachbarn und Freunden versteckt wurden, ist eine von den bewegenden Geschehnissen, die sich geradezu zu einer Verfilmung drängen.

Hier ist die filmische Umsetzung leider nicht gelungen. Erstens stimmen Atmosphäre und Ambiente nicht. (Wie so etwas inszeniert werden kann, hat soeben Michael Haneke mit "Das weisse Band" bewiesen.) Hinzu kommt zweitens die unerträgliche Selbstdarstellung von Veronica Ferres, die in jeder Szene auf sich aufmerksam macht und darauf hinweist, wie gut sie sich doch als Charakterdarstellerin präsentiert. Das nimmt dem Film seine Seele. (Das ist nicht das erste Mal; ich erinnere mich da noch an ihre Überflieger-Rolle in "Neger, Neger, Schornsteinfeger".)

"Unter Bauern" ist sehenswert allein der schauspielerischen Leistungen der Darsteller der Familie Aschoff wegen, die außergewöhnlichen Mut bewies und viele Risiken auf sich nahm; namentlich zu nennen Margarita Broich, Martin Horn und Lia Hoensbroech! Hier hat man es mit glaubhaften, überzeugenden Charakteren zu tun und nicht mit vermeintlichen TV-Stars, die für Quote sorgen sollen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Lippels Traum

von Lars Büchel - D 2009 - 101 Min.

Das erfolgreiche Kinderbuch von Paul Maar wurde bereits 1990 von Karl-Heinz Käfer verfilmt. Die Geschichte des Jungen, der alleingelassen von einer unbeliebten Haushälterin beaufsichtigt wird und in die orientalische Phantasiewelt von "1001" ausweicht, ist eine ideale Vorlage für eine Fantasy-Film. Seinerzeit wirkte der Film hölzern und sperrig, was in erster Linie der uninspirierten technisch-visuellen Umsetzung zuzuschreiben ist. Der Film von Lars Büchel setzt die heute gängigen Möglichkeiten zielgerichtet ein, um fließende Übergänge zwischen den beiden Ebenen zu schaffen. Für den gefälligen Gesamteindruck sorgen noch die Spielfreunde der Hauptdarsteller, die Kamera und das Production Design. Für Lars Büchel, der sich in einigen seiner Filme als "Meister auf engstem Raum" erwiesen hat, waren die Dreharbeiten im marokkanischen Quarzazate sicherlich der ersehnte und verdiente Befreiungsschlag.

Wertung: sollte man gesehen haben

Die Kinder der Seidenstrasse

von Roger Spottiswoode - D/Australien/China 2008 - 114 Min.

Roger Spottiswoode, bekannt durch politisch-engagierte Filme wie beispielsweise "Shake Hands with the Devil" und "Noriega" hat sich für diesen Film von einem historischen Ereignis inspirieren lassen. Der britische Reporter George Hogg lernt in China 1937 unter dramatischen Umständen in der von Japanern belagerten Stadt Nanking die amerikanische Krankenschwester Lee Pearson und den chinesischen Partisanenkämpfer Jack Chen kennen. Gemeinsam retten sie 60 Waisenjungen vor den herannahenden Besatzern, indem sie nach Westen fliehen - ein abenteuerlicher, über tausend Kilometer langer Marsch entlang der Seidenstrasse, durch unwegsames Gelände, gnadenlose Wüsten und schneebedeckte Berggipfel.

Ein verdienstvoller Film, der auf eine beinahe vergessene "Heldentat" verweist und von daher Aufmerksamkeit und breite Resonanz verdient - auch wenn der Titel etwas in die Irre führt. Im Focus des Films stehen die Erwachsenen als Protagonisten, während die Gruppe der Kinder demgegenüber anonym bleibt und nur Einzelne knapp charakterisiert werden. Neben den schauspielerischen Leistungen beeindruckt vor allem die Kamera von Zhao Xiaoding, der durch seine Zusammenarbeit mit Zhang Yimou bekannt wurde.

Wertung: hervorragend

Verblendung

von Niels Arden Oplev - Schweden/D 2009 - 152 Min.

Die Verfilmung des ersten Buches der "Millennium Triogie" von Stieg Larsson muss man gesehen haben, auch wenn man die Romane kennt. Stilsicher, atmosphärisch stimmig, spannend und in den Hauptrollen treffend besetzt. Die Figur des investigativen Journalisten ist in den nordischen Krimis nicht neu (= Jan Guillou); hier aber ist es die kongeniale Partnerin, die dem Film Brisanz und Schärfe verleiht. Die aufzuklärende Familiengeschichte ist zwar kompliziert, aber letztendlich plausibel erzählt. Noomi Rapace als Lisbeth Salander ist so atemberaubend, dass man sich schon jetzt nach den Fortsetzungen sehnt.

Wertung: hervorragend

Louise hires a Contract Killer

von Delépine & Kervern - F 2008 - 94 Min.

Eigentlich müsste dieser Film einige Wochen VOR den Wahlen starten...

Einmal angenommen, so eine Firma wie Opel im Ruhrpott macht dicht. Die Leute, die in einer Zulieferer-Fabrik arbeiten, werden nach Strich & Faden verarscht. Anstatt hoffnungsvoller Versprechungen erhalten sie eine lächerliche Abfindung. Das Geld reicht evtl. für eine gemeinsame Geschäfts-- bzw. Firmengründung. Doch in dieser rabenschwarzen Komödie beschließen eine frustrierte Frauengruppe: "lasst uns den Boss abknallen!".

Doch wer ist er und wo ist er? Wer ist letztendlich der Verantwortliche? Und wie finden wir einen Profi-Killer? Von diesem Plott lebt dieser schräge und provozierende Film, dessen anarchistische Perspektive über unser Finanz- und Wirtschaftssystem, über gierige Bosse und selbstgefällige Bankster vortrefflich amüsiert und schockiert.

Wertung: sollte man gesehen haben

Lila, Lila

von Alain Gsponer - D 209 - 104 Min.

Glänzte Henry Hübchen soeben noch in der Mediensatire "Whisky mit Wodka", so präsentiert er sich hier wieder in einem Film, der die Medien aufs Korn nimmt. Diesmal geht es um den Literatur-Rummel. Der Erstlingsroman eines hochgejazzten Jung-Autoren David Kern (Daniel Brühl) ist eigentlich die Arbeit eines abgehalfterten Herumtreibers (Henry Hübchen), der sich als Agent aufdrängt und David Kern in peinliche und unangenehme Situationen abringt. Das Motiv für den Jungen ist aber nicht sein Ehrgeiz, sondern die Liebe zu der schönen Marie, die ansonsten nicht auf die Anmache des Kellners David reagiert hätte. So ganz nebenbei nimmt der Film - wie auch schon der zugrunde liegende Roman von Martin Suter - sich viel Zeit für eine sanfte Satire auf das Verlags-und Messe-Business. Das ist stellenweise humorvoll, aber keineswegs so bissig und vital wie beispielsweise in dem Film über die gefälschten Hitler-Tagebücher im "stern".

Wertung: sollte man gesehen haben

Die Frau des Zeitreisenden

von Robert Schwentke - USA 2009 - 107 Min.

Wie schwierig (und reizvoll) es ist, sich in einen Zeitreisenden zu verlieben - und diese Liebe auch zu leben - zeigt dieser Film in unaufgeregten, atmosphärisch stimmigen Bildern. Wer den Bestseller von Audrey Niffenegger gelesen hat, erlebt hier eine gelungene Visualisierung. Die Story erhält eine neue Qualität. Der Regisseur Robert Schwentke und sein Kameramann Florian Ballhaus arbeiteten bereits bei "Flightplan" mit Jodie Foster zusammen. Ein Team mit Zukunft!

Wertung: sollte man gesehen haben

Oben

von Pete Docter und Bon Peterson - USA 2009 - 96 Min.

"Disney" und "Pixar" präsentieren den aktuellen Stand ihrer (film-)technischen Möglichkeiten. Die Story ist dabei nicht wahnsinnig originell: ein alter Mann und ein Pfadfinderjunge steigen mit einem Häuschen, dass von Luftballons getragen wird, in die Höhe in Richtung Amazonas-Gebiet. Damit erfüllt der Alte seinen Lebenstraum. Es ist sehr schnell klar, dass der grantige Kauz und der vorlaute Junge nach anfänglichem Missbehagen ein eingeschworenes Team werden. Ein Familienfilm im wahrsten Sinne des Wortes. Perfekt, aber mit der Ausstrahlung von Hochglanz-Bildern. Keineswegs so faszinierend wie "Das Schloss im Himmel" von Hayao Miyazaki, Japan 1986. Hier sind die Charaktere weitaus origineller und das Geschehen ist einfallsreicher und spannender.

Wertung: sollte man gesehen haben

Liebe und andere Verbrechen

von Stefan Arsenijevic - D/Serb/Österr - 105 Min.

Filme über soziale Probleme in Hochhaus-Zentren gehören mit zu den Spezialitäten des ehemals osteuropäischen Kinos. Egal, ob Komödien oder Dramen. Die Filme trafen den Punkt, waren spannend und aufschlussreich. Und immer waren es die Kleinen, die sich behaupten und durchsetzen mussten. Hier geht es um Anica - hervorragend charakterisiert und gespielt von der ebenfalls hervorragenden Anica Dobra - , die in Neu-Belgrad, einem tristen Stadtteil aus Hochhäusern und Beton, lebt. Sie ist gebunden an den Lokal-Ganoven Milutin, sieht aber für keine Perspektive und will das Land und ihre Freunde verlassen. Doch es ist nicht einfach, ein neues Leben anzufangen, wenn das alte noch nicht beendet ist.

Der Film hat wenig spektakuläre Szenen, dafür aber besticht er in den detailgetreuen

Rekonstruktion des Milieus und der Zeichnung der Protagonisten. Beispielsweise zieht ein grosser Konzern seine Kaufhausketten auf, aber die kleinen Ganoven, die ihre Bezirke verbittert behaupten, fackeln nach wie vor die "gegnerischen" kleinen Kioske ab. Ein kleines Modell für die großen Zusammenhänge in aller Welt. Anica kann dieser Szene entkommen, doch war erwartet sie?

Anschauen, sich konzentrieren und nachdenken!. EIn Film der wach (!) macht!

Wertung: hervorragend

Sturm

von Hans-Christian Schmid - D/DEN/NL 2009 - 105 Min.

Justizthriller haben in Deutschland leider keine Tradition. Politisch engagierte und handwerklich perfekte Regisseure wie beispielsweise André Cayatte - eine ehemaliger Rechtsanwalt und Journalist - gibt es bei uns nicht, auch wenn sich einige deutsche Regisseure wie beispielsweise Ottokar Runze und Reinhard Hauff immer wieder mal in diesem Genre bewegt haben. Um so erfreulicher ist, das sich Hans-Christian Schmid gewagt hat, das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag in den Mittelpunkt seines Thrillers zu stellen. Seiner Hauptfigur, die Anklägerin Hannah Maynard, gelingt es, die in Berlin lebende Bosnierin Mira zu überzeugen, als Zeugin gegen einen mutmaßlichen Kriegsverbrecher auszusagen. Im Spannungsfeld zwischen Wahrheitssuche, den Drohungen bosnisch-serbischer Nationalisten und den Interessen internationaler Politik beginnt Hannah zu begreifen, dass ihre Gegner nicht nur auf der Anklagebank, sondern auch in den eigenen Reihen zu finden sind. Für den Regisseur waren die Widersprüche einer Frau ausschlaggebend, für die die Pflichterfüllung innerhalb der Institutionen immer oberstes Gebot war und die nun durch ihre Unnachgiebigkeit zur Außenseiterin zu werden droht. Die mit dem Umstand konfrontiert wird, dass sich ein System gegen sie stellt, das sie immer überzeugt und mit Leidenschaft vertreten hat.

"Sturm" ist ein Film, der von allen Europäern mehrfach gesehen und analysiert werden muss, um die Tagesaktualitäten der politischen Realität besser zu verstehen, um eigene Handlungsanleitungen daraus zu ziehen. .

Wertung: kann man sich ansehen

Antichrist

von Lars von Trier - Eur 2009 - 104 Min.

In behandlungsbedürftigen Situationen gehen einige der Betroffenen zum Psychiater; andere kapitalisieren ihre Probleme und machen daraus Filme. Über "Antichrist" - der blutige Zweikampf eines angeschlagenen Paares inmitten düsterer Eifel-Landschaft - ist schon viel geschrieben worden. Trüge der Film nicht den Namen des Meisters, könnte er allenfalls noch im Fantasy-Filmfestival auf Interesse stoßen. Lässt man aus diesem Werk (bzw. der Handlung) die Luft raus, so bleibt nicht mehr viel übrig - abgesehen einmal von den wirklich beeindruckenden Leistungen der beiden Protagonisten Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg.

Der Regisseur will schockieren, provozieren, irritieren. Dazu braucht er aber ein Publikum, dass sich darauf einlassen möchte. In Frage kommen nur solche Personen, die mit Filmgeschichte nicht vertraut sind und sich erstmals in den dunklen Kinoraum wagen.

Wertung: kann man sich ansehen

Taking Woodstock

von Ang Lee - USA 2009 - 120 Min.

"Woodstock" einmal aus einer anderen Perspektive; der Film handelt von den Personen, die das Festival gemacht und erlebt haben; von den Leuten hinter der Bühne, von dem Zusammenprall ländlicher Charaktere mit ausgeflippten Gästen, die das Land überrollen.

Ang Lees Film ist wie die B-Seite der Lieblings-Platte. Man hört sie einmal, vergisst sie sofort und kehrt gerne wieder zur A-Seite zurück. Nichts anderes ist dieser Film, der immerhin dazu animiert, sich den Klassiker von Michael Wadleigh noch einmal anzusehen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Whisky mit Wodka

von Andreas Dresen - D 2009 - 104 Min.

Die Film im Film-Handlung spielt in einem feudalem Milieu in den 20er-Jahren. Ein umschwärmter Beau geht - unwissentlich - ein Verhältnis mit einer jungen Frau ein, die die Tochter einer früheren Geliebten ist. Sie stellen fest, es geht auch zu Dritt. Kompliziert wird es dann, als der eifersüchtige Verlobte der jungen Frau eintrifft.

Die Rolle des Mannes spielt ein alternder Leinwandstar, der ein Alkoholproblem hat. Es ist durchaus möglich, dass die Dreharbeiten platzen. Aus diesem Grunde verpflichtet die Produktion für ihn eine Zweitbesetzung mit einem jüngeren Bühnenschauspieler, der aber über keine Filmerfahrung verfügt. Man kann sich vorstellen, zu welchen Komplikationen das führen wird. Hinzu kommt, dass sich diverse Beziehungsprobleme der Filmhandlung auch mit denen des aktuellen Filmteams überkreuzen.

Für einen Komödianten wie Henry Hübchen ist das natürlich eine Paraderolle und Andreas Dresen musste schon sehr darauf aufpassen, dass Hübchen die anderen Darsteller nicht an die Wand spielt: u.a. mit Corinna Harfouch und Sylvester Groth eine Starbesetzung. Das Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase ist einfach große Klasse. Jede Szene endet mit einer Pointe und der 104 Min. lange Film ist amüsant, kurzweilig und so unterhaltsam wie die Erinnerung an einen schönen Sommerurlaub auf Rügen, wobei nicht die gesamte Zeit, sondern einzelne Episoden im Vordergrund sehen. Es sind die komischen, tragischen und tragi-komischen Momente, die diesen Film auszeichnen.

Wertung: kann man sich ansehen

Chéri

von Stephen Frears - GB/D/F 2009 - 93 Min.

Die Verfilmung eines Romans (und einer Fortsetzung) von Colette; geschrieben in den 20er Jahren. Eine in die Jahre gekommene Edelkurtisane verliebt sich in einen jungen Mann, den sie eigentlich nur in die Geheimnisse der Liebe einweihen sollte. Als dieser eine Geldheirat eingeht, versucht sie vergeblich, sich von dieser Beziehung zu lösen. Zentraler Schauplatz dieser Komödie der Eitelkeiten ist Paris um die Jahrhundertwende. Bemerkenswert sind Ambiente, Ausstattung und Kostüme sowie Dialogpassagen, die auf die Qualität der Vorlage verweisen. Handlungsarm ist der Film allemal, dafür unterhaltsam wie ein Schmöker in den Sommerferien. Michelle Pfeiffer ist immer für ein paar aufreizende Kinostunden gut, aber von Frears hat man schon interessantere Filme gesehen; ich erinnere mich da an "Mein wunderbarer Waschsalon", "Fish & Chips" und "Die Queen".

Wertung: hervorragend

Es kommt der Tag

von Susanne Schneider - D/F 2009 - 104 Min.

Noch ein Film über die RAF und die Folgen? Ja, aber diesmal kein thesenlastiger Geschichtsunterricht,, sondern eine hochdramatische Kinogeschichte mit zwei ausgezeichneten Darstellerinnen in den zentralen Rollen. Ende der 70er Jahre hat eine

politische Aktivistin ihre Tochter zur Adoption freigegeben, um in den Untergrund zu gehen. Sie lebt nun unterfalschem Namen mit ihrem Mann und zwei Kindern auf einem Weingut im Elsass . Eines Tages wird sie von ihrer Vergangenheit eingeholt, in Gestalt ihrer erwachsenen Tochter. Sie will wissen, warum ihre Mutter sie damals im Stich gelassen hat und verlangt von ihr, dass sie sich stellt. Ihr ist bewusst, dass sie damit auch die Existenz der gesamten Familie aufs Spiel setzt. Aber sie fordert vehement diesen Preis - der Tag der Wahrheit - ein. Mit allen Konsequenzen!

Katharina Schüttler und Iris Berben liefern sich ein schauspielerisches Duell auf allerhöchstem Niveau. Hinzu kommt, dass auch die Darsteller der anderen Rollen überzeugen und das Drehbuch realitätsnah geschrieben wurde - mit Dialogen, die nicht nach Papier klingen, sondern sondern der Lebenswirklichkeit entsprechen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Inglourious Basterds

von Quentin Tarantino - USA/D 2009 - 140 Min.

Wenn der "Große Meister" einen Film über den Zweiten Weltkrieg dreht, in dem eine Gruppe jüdisch-amerikanischer Soldaten die Nazi-Elite (in einem Kino!) zur Strecke bringt, so darf man nicht erwarten, dass der Film irgendwie etwas mit Realität oder zeitgeschichtlicher Nähe zu tun hat. Dafür gibt es in dem Kapitel "Hollywood und die Nazis" bessere, beklemmendere Beispiele.

"Inglourious Basterds" ist Pulp Fiction pur! Ein Film, der sich an keine Genre-Regeln hält und mit vielen Schleifen immer wieder neue Themen findet. Das ist glänzende Unterhaltung und es ist ein Riesenvergnügen, einem Schauspiel-Ensemble zu begegnen, dem es eine Ehre war, in einem Tarantino-Film mitwirken zu dürfen. Ob die Erwartungen auf einen grossen Erfolg eingelöst werden, bleibt abzuwarten.

Wertung: sollte man gesehen haben

Das Massaker von Katyn

von Adrzej Waida - Polen 2007 - 120 Min.

Wajdas sehr persönlicher Film über das von der Roten Armee verübte Massaker von Katyn im April 1940. Mehr als 22.000 Polen wurden ermordet. Die Russen schoben den Nazis das Massaker die Schuld zu und es war ein langanhaltender Kampf, die Wahrheit über diese Gräueltaten öffentlich auszusprechen. Das Verbrechen belastet das russisch-polnische Verhältnis bis heute. Ein über jede Diskussion erhabener Film, der unbedingt in das Programmangebot der Schulkino-Wochen gehört.

Wertung: kann man sich ansehen

Public Enemies

von Michael Mann - USA 2009 - 143 Min.

Von Johnny Depp als John Dillinger und der Regie von Michael Mann("Heat") hatte ich mir mehr versprochen, aber der legendären (Film-)Figur kann dieser Film leider keine neuen Facetten hinzufügen. Das alles hat man schon gesehen und der Komödiant Johnny Depp ist halt kein so cooler Gangster wie Warren Oates (in "Dillinger" von John Miius).

Wertung: hervorragend

Ein Augenblick Freiheit

von Arash T. Riahi - A / F 2008 - 110 Min.

Flüchtlings-Schicksale machen heute keine Schlagzeilen mehr. In den Wochen-chroniken werden lediglich die Zahlen gemeldet, die von Tag und Tag, von Woche zu Woche ansteigen. Dieser Film hält gegen diesen Trend der Anonymität. Er konzentriert sich auf drei Flüchtlingsgruppen aus dem Iran: zwei ungleiche Freunde, eine dreiköpfige Familie und zwei junge Männer, die zwei Kinder aus dem Iran zu ihren Eltern nach Wien bringen sollen. Alle treffen sich in einem Hotel in Ankara, um dort auf den positiven Bescheid ihrer Asylanträge zu warten. Das ist authentisch und überzeugend. Es mangelt nicht an bewegenden, anrührenden Szenen, aber auch nicht an Humor und Selbstironie. Elegant wird die Gratwanderung zwischen Drama und Komödie gemeistert. Ein Film, der uns über seine Protagonisten die Menschen näher bringt und uns sensibilisiert, nicht nur die Zahlen wahrzunehmen, sondern sich für eine Verbesserung der Verhältnisse bzw. für schnellere politische Lösungen zu engagieren. Unbedingt ansehen und weiterempfehlen.

Wertung: nicht zu empfehlen

Maria, ihm schmeckt

s nicht" - von Neele Leana Vollmar - D 2009 - 96 Min.

Junger mann aus konservativem Haus verliebt sich in ein Mädchen. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater ein Italiener, der die Bundesrepublik aus der Sicht und mit den Erfahrungen eines frühen Gastarbeiters kennen gelernt hat. Obwohl die Temperamente und die Temperaturen sehr unterschiedlich sind, kommt es zu einer Hochzeit, die aber im touristisch-idyllischen Campobello, einer kleinen Stadt in Apulien, gefeiert werden soll. Falschverstandene Gastfreundschaft, die Klischees in den Köpfen und eine Reihe von Missverständnissen führen zu einem kleinen Chaos, das dann doch noch zu einem Happy end führt.

Diese Inhaltsbeschreibung könnte einem deutschen Filmlustspiel aus den Fünfzigern dienen. Ist es aber nicht. Es ist ein Film von heute, der weder in der Struktur der Geschichte, noch in der Führung der Schauspieler überzeugt. Die Protagonisten - vor allem Christian Ulmen als Bräutigam und Lino Banfi als Schwiegervater - finden nicht zueinander. Das Buch zu lesen und sich im Kopf zu amüsieren ist schöner, als sich auf diese Klamotte einzulassen. Die Filme aus den Fünfzigern waren immerhin noch noch so gut, dass einige von ihnen KULT werden konnten. Hier aber kommt Langeweile auf.

Wertung: sollte man gesehen haben

The God, the Bad, the Weird

von Kim Jee-Woon - Korea 2008 - 130 Min.

Wer noch nie einen Western gesehen hat, der sollte diesen Film unbedingt sehen. Er ersetzt ein ganzes Genre. Wer alle Western kennt, sollte sich auch diesen Film antun und danach raten, welche Filme hier zitiert, parodiert oder ironisiert werden. Da kommt einiges zusammen. Ein Italo-Eastern von Format. Hervorragend besetzt und mit einer vitalen Bildsprache umgesetzt.

Wertung: hervorragend

Salami Akeikum

von Ali Samadi Ahadi - D 2009 - 106 Min.

Eine iranisch-deutsch-deutsche Komödie der Irrungen: witzig, überraschend, schrill und (selbst-)ironisch. Der junge Mohsen lebt und arbeitet in der Fleischerei seiner Eltern in Köln. Er hat aber nicht das richtige Talent dazu, den Beruf seines Vaters auszuüben, da er Tiere nicht töten kann. Er will stattdessen geschlachtete Schafe aus Polen besorgen, die ihm ein dubioser Dealer in Aussicht gestellt hat. Das sein Auto eine Panne hat, landet er in einem heruntergekommenen Provinznest in Ostdeutschland. Oberniederwalde hat schon viel bessere Zeiten erlebt: als gefragte Textilfabrik, die nun allerdings stillgelegt ist. Mohsen verliebt sich hier in die Kfz-Mechanikerin Anna, eine ehemalige Kugelstößerin, die von ihren DDR-Trainern "aufgebaut" wurde. Da sie Vegetarierin ist, gibt Mohsen an, die Schafe für eine Textilfabrik in Köln zu benötigen. Und nun wittert Annas Vater seine Chance, da er in ihm einen Investor für die ehemalige Fabrik sieht. Die Mißverständnisse und Komplikationen nehmen zu, als Mohsens Eltern sich auf die Suche nach dem verlorenen Sohn machen und in Oberniederwalde auftauchen...

Da es sich um eine Komödie handelt, gibt es für alle Beteiligten ein Happy End - hier in Form eines bunten Bollywood-Finales. Das ist aber keineswegs aufgesetzt. Ali Samadi Ahadis Film spielt mit verschiedenen Genre-Formen, wobei er auf den Unterhaltungs-Wert setzt und damit beim Publikum punktet. "Salami Aleikum" erzählt eine Geschichte, der man gerne folgt. die Handlung und die Figuren stecken voller Klischees - hier aber werden sie bewusst genutzt, um sie als solche zu entlarven. Die Figuren werden nicht der Lächerlichkeit oder der Schadenfreude preissgegeben; man lacht nicht über sie, sondern mit ihnen und über seine eigenen Vorurteile.

Wertung: kann man sich ansehen

Brüno

von Larry Charles - USA 2009 - 90 Min.

Als "Borat"-Star ist er noch frisch in Erinnerung: Sascha Baron Cohen. Hier gilbt er sich als homosexueller Mode-Freak aus und fällt den Menschen aus seiner Umgebung tüchtig auf den Wecker. Das anzusehen ist amüsant und kurzweilig, obwohl einige Scherze ziemlich geschmacklos sind. Andere sind dafür urkomisch. Und nicht alle Provokationen zünden. Originell, schrill und bunt. Eine Schwulenkomödie; respektlos und selbstironisch.

Wertung: kann man sich ansehen

Harry Potter und der Halbblut-Prinz

von David Yates - Gb 2009 - 153 Min.

Ich bin kein Harry Potter-Fan! Habe nur den ersten Film gesehen und die Bücher nicht gelesen. Und nun die sechste Folge der Kinoserie. Trotz der visuellen Effekte keineswegs berauschend. Nach der Vorführung unterhalten sich die Fans über die opulente, facettenreiche Buchvorlage und darüber, was im Film davon übrig blieb.

War wohl auch nicht so besonders.

Wertung: kann man sich ansehen

Kommissar Bellamy

von Claude Chabrol - F 2009 - 110 Min.

Für einen Chabrol-Film oder einen mit Depardieu in der Hauptrolle wäre ich früher nachts aufgestanden. Doch diesmal hält sich meine Begeisterung in Grenzen. Die Geschichte des Pariser Kommissars, der seinen Sommerurlaub in Nimes verbringt und dem dort ein Fall aufgedrängt wird, in dem es um Mord und Versicherungsbetrug geht, ist ohne Höhen und Tiefen. Chabrol inszeniert (als Hommage) den Film so, wie es bei den Simenon-Stoffen üblich ist. Aber Depardieu ist Kein Kommissar Maigret.

Immerhin macht der Film Lust, wieder einmal nach Südfrankreich zu reisen und die Weine zu kosten. Und damit liegt der Filmstart zum Sommerbeginn genau richtig!

Wertung: kann man sich ansehen

Das Mädchen aus Monaco

von Anne Fontaine -F 2008 - 95 Min.

Ein Film wie ein Kurzurlaub. Schauplatz Monaco. Mit dabei reiche und schöne Menschen in edlem Ambiente. Ein Staranwalt aus Paris (Fabrice Luchini), der eine vornehme Dame (Stephane Audran) in einem Mordprozess verteidigen muss, bekommt einen Bodyguard (Roschdy Zem) zugeteilt. Eine seiner Pflichten ist, ihn vor der Anmache der schönen und sexy Audrey (Louise Bourgoin) zu bewahren, was ihm aber nicht gelingt. Und daraus entwickeln sich dann Beziehungsgeflechte, die tragisch enden. Das ist amüsant und kurzweilige. Und wer den Film gesehen hat und hinterher nicht von Louise Bourgoin schwärmt, dem ist nicht zu helfen. Mehr aber ist nicht.

(Starttermin offen)

Wertung: hervorragend

Weltstadt

von Christian Klandt - D 2008 - 104 Min.

Jugenddrama. Es geht um den authentischen Vorfall in einer Kleinstadt in Brandenburg. Zwei Jugendliche überfielen einen schlafenden Obdachlosen und zündeten ihn in Brand. Der Film porträtiert fünf Personen, die direkt oder indirekt mit dieser Tat in Verbindung gebracht werden können: Drei Jugendliche (Till, Karsten und Steffi) und zwei Erwachsene, die ebenfalls in einer tristen und ausweglosen Situation stecken.

"Weltstadt" erzählt die Geschichte von Till, der seine Malerlehre schmeißt und keine Ahnung hat, was er mit seinem Leben anfangen will. Es ist die Geschichte von Karsten, der aufgehört hat zu träumen. Er wohnt im Plattenbau am Rande der Stadt. Die Schule hat er nie beendet. Respekt verschafft er sich durch Gewalt. Und es sind die Geschichten von Steffi (Freundin von TIll), Heinrich und Günther (zwei gescheiterte Ossis), die an einem Punkt in ihrem Leben angelangt sind, wo sich etwas verändern muss oder wird. Was sie alle verbindet: Angst, Resignation, Frust und Aggression.

Der Film überzeugt durch seine Milieudichte und die Perfektion der Inszenierung; mittlerweile hat er auf vielen Festivals die verdiente Anerkennung gefunden und wurde mehrfach ausgezeichnet.

Vergleichsfilme: "Der Kick" von Andreas Veiel (D 2006) und "Elephant" von Gus Van Sant (U 2003)

Am 20.10.2008 lief bei "arte" eine kürzere Version des Films "Weltstadt" unter dem Titel "Heimatfilm". (70 Min.) Hier konzentriert sich die Handlung nur auf die drei Jugendlichen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Drag me to Hell

von Sam Raimi - USA 2009 - 100 Min. (?)

Das gute alte Geisterbahn-Kino lebt noch. Der Meister hat wieder zugeschlagen. Ein nettes Mädchen, das in einer Bankfiliale arbeitet und dort gerne Karriere machen möchte, schlägt einer skurrilen Alten die Verlängerung ihres Kredits ab. Zur Strafe gerät sie dann in Teufels Küche...

Der Film bedient alle Erwartungen, die sich an einen Horrorthriller richten. Und wie immer bei Raimi kommt auch der Humor nicht zu kurz. Innovativ ist dieser Film nicht gerade, aber das Besondere ist hier die Hauptdarstellerin Alison Lohman, die das alles aushalten muss und sich dabei überzeugend wandlungsfähig zeigt: sie wird verflucht und verhauen, angespuckt und getreten, herumgewirbelt und durchknetet. Ihr Widerstand gegen einen Höllendämon und die ewige Verdammnis ist wirklich sehenswert.

Wertung: sollte man gesehen haben

Che - Revolution

USA 2008 - 131 Min.

Wertung: sollte man gesehen haben

Che - Guerilla

USA 2008 - 131 Min.

Steven Soderberghs Porträt ist keine leichte Kost, aber die Anstrengungen, Che über mehr als vier Stunden zu begleiten lohnen sich letztendlich doch. Der erste Teil zeigt seinen Weg während der kubanischen Revolution und seinen Aufstieg vom Arzt zum Kommandeur und schließlich zum Helden der Revolution. Dieser Part verlangt hohe Konzentration, da die Zeitebenen und Handlungsorte schnell wechseln und viel zeitgeschichtliches Wissen erfordert. Es ist sinnvoll, zuvor Ches "Kubanisches Tagebuch" zu lesen und sich eine gute Übersichtskarte von Kuba daneben zu legen. Der zweite Teil basiert auf dem "Bolivianischen Tagebuch" und geht chronologisch vor, was Aussenstehenden die Orientierung erleichtert. Dafür ist aber aber weniger fesselnd, da sehr oft nur bärtige Männer gezeigt werden, die sich irgendwo im Grünen treffen und sich umarmen. Selbstverständlich muss der Zuschauer wissen, wer Tanja ist und welche Rolle Regis Debray spielt. Das und vieles andere mehr wird vorausgesetzt und kann auch in einer solchen Langfassung nicht weiter erklärt werden.

Aber Kino muss ja nicht nur unterhalten, sondern auch anregen. Und das leistet "Che" auf alle Fälle!

Wertung: ärgerlich

Contact High

Österreich 2009 - 95 Min.

Eine Co-Produktion Österreich, Deutschland, England, Polen. Der Film von Michael Glawogger bezeichnet sich als eine "Psychedelic Road Movie Komödie". Es geht um einen "bewusstseinserweiternden Trip von Wien nach Drogomysl (Polen)". Dabei werden die untersten Schubladen eines niveaulosen Humors gezogen. Und wenn man sich mit Mitteln der deutschen Filmförderung über "polnische Polizistenschweine" lustig macht, ist für mich eine Grenze erreicht, in der ein solcher Tiefgang auch nicht mehr als gewöhnungsbedürftig bezeichnet werden kann.

Schade. Denn die österreichischen Autoren und Regisseure haben in den letzten Jahren hervorragend bewiesen, was Sprache und Komödianten leisten können.

Wertung: kann man sich ansehen

My Bloody Valentine

USA 2009 - 100 Min. FSK: ab 18!

"My Bloody Valentinstag" / "Blutiger Valentinstag" von George Mihalka (USA 1981) gehört zu den Klassikern des Horrorfilms. Es geht um eine Tragödie in einem Bergwerk und um einen Mörder, der mit der Spitzhacke Menschen tötet. Dieses Mordwerkzeug ist ideal für die 3D-Digitaltechnik - und so glänzt dieses Remake in erster Linie durch die Effekte. Die Präsentation der Bilder ist eindrucksvoll, doch die 3D-Technik bedeutet nicht gleichermaßen, dass auch die Handlungen und die Dialoge besser werden. Immerhin kann das "Kino" hier mit einer neuen (altbewährten und oft erprobten) Jahrmarkts-Attraktion aufwarten. Ein Splatter Movie für Fans.

Wertung: nicht zu empfehlen

Der Junge im gestreiften Pyjama

GB 2009 - 90 Min.

Der achtjährige Bruno ist der Sohn eines strammen Nazioffiziers, der befördert und von Berlin aus zu einem neuen Posten versetzt wird. Seine Familie muss mit. Das Haus, in dem sie einziehen, steht nicht weit von einem Konzentrationslager entfernt. Bruno ist es nicht erlaubt, sich dorthin zu begeben. Er vermutet einen Bauernhof mit merkwürdigen Menschen. Bruno ist phantasiereich und abenteuerlustig. Da seine Neugier stärker ist als seine Angst vor Strafe, erkundet er die Umgebung und lernt den gleichaltrigen Shmuel kennen, der sich hinter dem Stacheldrahtzaun aufhält. Die beiden Jungen nähern sich an. Auch wenn die Leben der Jungen durch den Zaun physisch voneinander getrennt sind, so verflechten sie sich doch auf unausweichliche Weise. Brunos Mutter erfährt von dem bislang geheimgehaltenen Kommando ihres Mannes. Die Familie löst sich auf. Bruno sucht die letzte Begegnung mit Shmuel und schmuggelt sich in das Lager ein - sein letztes Abenteuer.

Dem Film zugrunde liegt das gleichnamige Buch von John Boyne. Hier wird das Geschehen aus der Perspektive des Jungen beschrieben. Der Regisseur Mark Herman war auf Authentizität bedacht, was den Film sehr konstruiert wirken lässt und die Handlung unglaubwürdig macht. Im Roman setzt sich die Erlebniswelt des Jungen im Kopf des Lesers zusammen; im Kino sieht man die (vorgegebenen) Bilder. Und das kommt einfach nicht zusammen!

Wertung: sollte man gesehen haben

Das Neuss Testament

von Rüdiger Daniel - D 2008 - 72 Min.

Es ist unmöglich, in so kurzer Zeit dem Protagonisten Wolfgang Neuss gerecht zu werden. Dazu ist das, was er geleistet hat, zu umfangreich: die Filme, die Texte, die Bühnenprogramme, die Aktionen usw. usf. Der Film schafft es aber, auf die vielen Aspekte seines Lebens hinzuweisen und macht neugierig, mehr von ihm zu erfahren oder sich wieder einmal mit ihm zu beschäftigen - die alten Filme sehen, die CDs hören, vor allen der Mitschnitt seines Solos in der Theater-Kantine des BE im Januar 1965. Die Begegnung mit Wolfgang Neuss in dem Film von Rüdiger Daniel - ein Fan von ihm, und nur ein solcher konnte den Films machen - macht schmerzlich klar, dass uns heute so einer wie er fehlt. Und daher ist es gut, so oft wie möglich an ihn zu erinnern. (Ich selbst kenne seine Filme, habe auch seine Programme im Domizil am Lützow-Platz besucht und hatte selbstverständlich "Neuss Deutschland" abonniert.)

Wertung: sollte man gesehen haben

Die Frau des Anarchisten

von Marie Noelle/Peter Sehr - D/S/F 2009 - 115 Min.

"Europäisches Kino" ist oft verschmäht als "Euro-Pudding", weil die Finanzierungssuche oft zu abenteuerlichen Konstruktionen hinsichtlich der Drehorte und Besetzungen führt. Es gibt aber auch Stoffe, die sich ideal für einen "europäischen" Film eignen. "Die Frau des Anarchisten" hat dieses besondere Format.

Es geht um das Schicksal einer spanischen Familie zwischen 1937 und 1952. Der Mann, Justo, ist aktiv im Kampf gegen die Faschisten. Sein Weg führt vom Bürgerkrieg in Spanien über die Résistance in Frankreich bis ins Konzentrationslager Mauthausen und wieder nach Frankreich. Dieses Schicksal wird erzählt im Spiegelbild der Leidensjahre seiner Frau Manuela, die an ihn glaubt und die Hoffnung auf ein Wiedersehen nicht aufgibt. Der Lebensweg dieses Paares steht für eine Epoche europäischer Zeitgeschichte, deren Spuren bis heute sichtbar sind. Der Film wurde mit dem "Friedenspreis des deutschen Films" 2008 ausgezeichnet. Das allein ist schon ist ein Grund, ins Kino zu gehen!

Wertung: sollte man gesehen haben

Duplicity - Gemeinsame Geheimsache

USA 2009 - Regie: Tony Gilroy - 125 Min.

Julia Roberts und Clive Owen als rivalisierende und sich liebende Agenten. Agentenfilm-Parodie mit Witz und Tempo. Es geht um NICHTS; aber das ist sehr gut und unterhaltsam verpackt. Kino.

Wertung: kann man sich ansehen

Dorfpunks

von Lars Jessen - D 2009 - 93 Min.

Mit seinem Kinodebüt "Am Tag, als Bobby Ewing starb" (2005) hat Lars Jessen sein Gespür für amüsante Provinzstories bewiesen. Seine Typen sind originell und originär. Man amüsiert sich über sie, aber sie werden nicht der Lächerlichkeit preisgegeben.

"Dorfpunks" ist eine Schmalspurausgabe einer solchen Geschichte. Es geht um vier Jungs aus einer verschlafenen Kleinstadt in der Holsteinischen Schweiz, die Mitte der 80er-Jahre im Punk ihre Identität suchen und werweißwo enden. Ein Film mit der Amateurband, die ihren Weg gehen will, kurz vor dem Karrieresprung eine Krise und dann doch ein ein finales Happy end hat, ist im Kino wahrlich nicht neu oder außergewöhnlich. Doch darauf kommt es in "Dorfpunks" nicht an. Wir erleben eine Coming-of-age-story mit unverbrauchten Gesichtern, einer authentischen Milieuskizze (Rocko Schamini) und einem selbstironischen Inszenierungsstil.

Nicht das ganz große Kino, aber locker, leicht und bekömmlich.

Wertung: hervorragend

John Rabe

von Florian Gallenberger - D 2009 - 130 Min.

Die Geschichte des Hamburger Kaufmanns John Rabe, der 1937 in Nanking die dortige Siemens-Niederlassung leitete und bei der Einnahme der Stadt durch die Japaner die Tore seiner Fabrik für schutzsuchende Familien öffnete und sich danach für eine Sicherheitszone für Zivilisten engagiert, ist ein hervorragender Filmstoff für das deutsche Kino. Zwei Dinge machen diesen Film besonders bemerkenswert:

Zunächst einmal ist es gelungen, ein vergessenes Stück deutscher Vergangenheit öffentlich zu machen;

und dann ist daraus auch noch eine Produktion geworden, die sich mit internationalen Maßstäben messen kann - in Besetzung, Dramaturgie und Ausstattung. Und das ist für das deutsche Kino der Befindlichkeiten und Beziehungskrisen schon eine Seltenheit.

So ganz nebenbei ist "John Rabe" auch ein - aus meiner Sicht willkommener - Beitrag zu der seit Jahren laufenden Debatte über das Verhalten von Deutschen während der Nazizeit. Hier lernt man einen nicht ganz unwichtigen Unterschied kennen: ob man sich 1937 - im Nachhall der Olympischen Spiele - als Nazi bekannte, oder ob man Jahre später freiwillig der Waffen-SS beitrat.

Wertung: ärgerlich

Deutschland 09

von Fatih Akin u.a. - D 2009 - 140 Min.

Der Anspruch war "aus individuellen Blickwinkeln ein Panoramabild der gesellschaftlichen und politischen Situation der heutigen Bundesrepublik zusammenzusetzen." U.a. sollte der Film "Deutschland im Herbst" dazu als Vorbild dienen.

Es ist vermessen, diese beiden Filme miteinander zu vergleichen. Vor 30 Jahren zeichnete sich die Produktion aus durch Betroffenheit, Engagement, Wut und Provokation. Diesmal ist nicht mehr als eine belanglose Beliebigkeit zu erkennen. Das sagt zwar auch etwas aus, interessiert aber zumindest kein Kinopublikum, das dafür auch noch Eintritt zahlen soll. Jede Kurzfilmrolle, die zum Semester-Abschluss auf den

Veranstaltungen der Filmhochschulen präsentiert wird, ist gehaltvoller, unterhaltsamer und aufschlussreicher.

Einzig und allein der Beitrag von Wolfgang Becker "Krankes Haus" hat das Prädikat "Film" verdient.

Wertung: kann man sich ansehen

Die Herzogin

von Saul Dibb -GB 2009 - 110 Min.

Genregetreue Verfilmung gepflegter Unterhaltungsliteratur, die in romantischer Landschaft und großzügigen Häusern mit eleganten Menschen in schönen Kostümen angesiedelt ist. Eine lebensbejahende junge Frau wird durch Ehevertrag zu einer Herzogin und scheitert an den Konventionen der Gesellschaft. Ihr Ehemann, ein mächtiger, steifer Aristokrat, ist ebenfalls ein Gefangener eines Systems, das permanent seine Außenfassaden putzt. Die Geschichte dieser "Herzogin" beginnt 1774. Bis heute hat sich da beim englischen Adel nicht sehr viel verändert.

(ab 19.03.2009)

Wertung: hervorragend

Slumdog Millionär

von Danny Boyle - US/USA 2008 - 120 Min.

Danny Boyle ("Trainspotting") ist ein großer Junge, der gerne einmal einen Bollywood-Filme machen wollte. Es ist ihm gelungen. Sein Film wurde über nacht zu einem Publikums- und Kritikererfolg. In der Geschichte geht es drarum, dass ein June aus den Slums von Mumbai bei der TV-Show "Wer wird Millionär?" alle Fragen richtig beantworten kann. Nicht die klassische Bildung (Schule, Uni etc.) hat ihm dazu verholfen, sondern die Lebenserfahrungen, die er auf der Strasse machtge. Und da es sich hier nicht um eine us-amerikanische Karriere handelt sondern um eine indische Story, geht es hier nicht um das große Geld, sondern allein um die Liebe. Für den glücklichen Jungen ist die Sendung nur ein Zweck, seine verlorene große Liebe wiederzufinden. Und das sei ihm gegönnt.

(12.03.2009 / 09.04.2009)

o Public Enemy No. 1 - Mordinstinkt

o Public Enemy No. 1 - Todestrieb

Zwei Filme um und über den französischen Gewaltverbrecher Jacques Mesrine (1936 - 1979). Seine spektakulären Aktionen sind der ideale Filmstoff; die aufsehenerregenden Fluchten aus den Gefängnismauern hielten die Öffentlichkeit lange Zeit in Atem. Mesrine suchte den Kontakt zu den Medien und wurde ein Star. Kanada und Frankreich erklärten ihn zum "Staatsfeind Nr. 1".

Legendär: seine "Hinrichtung" durch die französische Polizei mitten am Place de Clignancourt in Paris.

Die Filme von Jean-Francois Richet mit Vincent Cassel in der Titelrolle sind französische Kriminalfilme in bester (und bewährter) Tradition. Allerdings gibt es keinen überzeugenden Grund, daraus zwei Teile zu machen, da Filme mit Überlänge heute nicht gerade ungewöhnlich sind.

Nebenbei bemerkt: 1983/84 gab es schon einmal einen Film "Mesrine - Staatsfeind Nr. 1" (Regie: André Génovès), den ich aber nicht in allzu guter Erinnerung habe, da er sehr vordergründig die Kriminalgeschichte erzählt und wenig zum Charakter aussagte. Darauf wird in dem Presseheft von "senator" nicht eingegangen.

Die Autobiographie von Mesrine "Todestrieb" habe ich seinerzeit mit großem Vergnügen gelesen. Wahrscheinlich auch heute noch lesenswert.

Wertung: sollte man gesehen haben

Die Reise zum Mittelpunkt der Erde

von Eric Brevic - USA 2008 - 92 Min.

Die klassische Vorlage von Jules Verne mit den Mitteln des Kinos von heute aufbereitet. Ein (sympathischer) Geologie-Professor, sein (mutiger) Neffe und eine (attraktive) Bergführerin gelangen durch einen isländischen Vulkan in das Innere der Erde. Es tut sich auf eine fantastische Welt voll menschenfressender Pflanzen, gigantischer Flug-Piranhas und grausiger Dinosaurier... Die Story ist weiter nicht weltbewegend, aber wenn man sie mit den Mitteln des digitalen 3-D-Verfahrens verfilmt, kommt es in erster Linie auf die Effekte an. Und die sind hier gelungen. Da man dazu auch keinen erfahrenen Regisseur braucht, hat Eric Brevic, mehrfach ausgezeichnet für seine innovativen Leistungen als Verantwortlicher im Bereich Visuelle Effekte, hier sein Regiedebüt abgeliefert. Herausgekommen ist ein beeindruckendes Fantasy-Abenteuer - ideal geeignet als Kinobesuch für den Kindergeburtstag. Für Kinder egal welchen Alters.

Wertung: kann man sich ansehen

Defiance

von Edward Zwick - USA 2008 - 120 Min.

Ein Kriegsfilm. 1941 in Osteuropa. Die drei Bielski-Brüder suchen Zuflucht vor den Nazis in einem Wald, den sie seit ihrer Kindheit kennen. Sie leisten Widerstand; nach und nach treffen immer mehr jüdische Landsleute ein, die sich ihnen anschließen..

Verfilmung eines Romans von Nechama Tec, der auf authentischen Fakten beruht.

Der Film hat mich nicht angesprochen. Wahrscheinlich, weil es sich um ein "Star"-Kino handelt und mit dem Namen des Hauptdarstellers Daniel Craig herausgebracht wird. Das sieht dann doch sehr nach Action aus. Ich musste immerzu an KOMM UND SIEHE (IDI I SMOTRI) von Elem Klimov denken. Von der beklemmenden Dichte und der brutalen Härte dieses Meisterwerks ist "Definance" meilenweit entfernt.

Wertung: hervorragend

Gran Torino

von Clint Eastwood - USA 2008 - 115 Min.

Sein 1972er Gran Torino ist der ganze Stolz des ehemaligen Auto-Fließbandarbeiters Walt Kowalski. Beide stammen aus einer vergangenen Zeit; Ruhm und Ansehen von gestern zählt heute nicht mehr.

Walt wohnt in einem typisch amerikanischen Vororthäuschen. Er ist verwitwet; zu den Kindern hat er kaum Kontakt. Er könnte ein angenehmes und beschauliches Leben führen, hätte sich nicht seine Umgebung total verändert. Statt netter, ordnunsliebender Nachbarschaft mit Fahnenschmuck und Grillparties wohnt er mitten unter Migranten des Hmong-Volks aus Südostasien. Während des Vietnamkriegs stand es auf Seiten der USA. Viele von Ihnen kamen nach Kriegsende als Flüchtlinge in die Staaten.

Walt Kowalski hat am Koreakrieg teilgenommen, von dem er verbittert zurückkehrte. Sein Bild von den Asiaten ist seit dieser Zeit nachhaltig geprägt. Wider Willen gerät er jetzt in eine Situation, in der er seinen Nachbarn hilft, die von einer Jugendgang gemobbt und bedroht wird. Er überwindet seine rassistischen Vorurteile und stellt sich auf ihre Seite. Die Situation eskaliert. Es kommt zu brutalen Übergriffen. Walt sieht nur eine Möglichkeit, gegeben vorzugehen. Doch anders als etwa bei "Dirty Harry" muss er dafür einen viel zu hohen Preis bezahlen.

Letzteres entspricht nicht mehr dem Typ und dem Image der frühen Eastwood-Charaktere. Dennoch ist es nicht nachvollziehbar, dass solche Konflikte nur durch die Aufopferung der eigenen Person gelöst werden können. Das ist der einzige Schönheitsfehler in einem Film, der allein schon durch die Präsenz seines Protagonisten besticht. Eastwood glänzt auch mit minimalen Mitteln - wie etwa dann, wenn er sich knurrend wie sein altersschwacher Hund missbilligend zu dem ihm unverständlichen Verhalten der jungen Generation äußert.

Wertung: sollte man gesehen haben

Der Knochenmann

von Wolfgang Murnberger - A 2009 - 121 Min.

Die Simon-Brenner-Krimis von Wolf Haas sind Bestseller. Seine Fans sind auch begeisterte Zuschauer der Filme, in denen (kongenial) der Kabarettist Josef Hader den etwas eigenwilligen, skurrilen Protagonisten spielt. Seine Person ist in "Der Knochenmann" ebenso gewöhnungsbedürftig wie die seines Antagonisten, der durch den in darstellerischer Leistung ebenbürtigen Josef Bierbichler verkörpert wird. Wenn die beiden aufeinanderprallen, - Hader als lustloser Schuldeneintreiber und Bierbichler als vitaler Gastwirt, der sich auf dunkle Machenschaften eingelassen hat und sich unkonventioneller Methoden bedient, seine Widersacher zu beseitigen - bleibt einem das Lachen fast im Halse stecken. Regie und Buch sorgen darüber hinaus für witzige

Lichtblicke in einer rabenschwarzen Komödie, die über die volle Distanz hin fesselt und amüsiert.

Wertung: sollte man gesehen haben

Inside Hollywood

von Barry Levinson - USA 2008 - 107 Min.

"Film im Film" ist ein beliebtes Genre - nicht nur bei Inside. Mitunter wird es aus Frust über das System zur Abrechnung mit den Bossen benutzt; manchmal ist es auch der pure Spaß oder die Freude an der Selbstironie. "Inside Hollywood" gehört zu den Filmen, die sich durch die Spielfreude ihrer Protagonisten auszeichnen und dabei auch noch Aussenstehende glänzend unterhalten. Hier sind es Stars wie De Niro, Willis und Penn, die sich über ihre Branche amüsieren. Und das machen sie so gut, dass die Filmindustrie - die sie hier auf die auf die Schippe nehmen - auch daran gut verdienen wird. Ein Kinofilm für die Fans!

Wertung: sollte man gesehen haben

Ein Leben für ein Leben

von Paul Schrader - D / Israel 2008 - 102 Min.

"Adam Resurrected" - so der Originaltitel - ist ein Film, der sich nicht in wenigen Worten beschreiben läßt. Der Stoff geht zurück auf einen Roman von Yoram Kaniuk (1969 erschienen), den "man eigentlich nicht verfilmen kann." Erzählt wird die Geschichte eines Mannes (Jeff Goldblum), der im Konzentrationslager der Hund eines sadistischen Lagerkommandanten (Willem Dafoe) war und später in einem Sanatorium für Holocaust-Opfer einem Jungen (Tudor Rapiteanu) begegnet, der glaubt, ein Hund zu sein.

Allein die Geschichte dieses Projektes vom Roman zum Film ist eine große Story. Einen verrückten KZ-Überlebenden zum Helden zu machen, den Stoff mit Prisen surrealistischen schwarzen Humors zu brechen - das ging und geht vielen zu weit.

"Ein Leben für ein Leben" ist ein Film, der irritiert, nachhaltig wirkt und sich einer schnellen Bewertung entzieht. Es lädt zum Meinungsaustausch ein und macht neugierig auf den Roman, der hoffentlich ebenfalls Aufmerksamkeit findet.

Also: Buch lesen und ins Kino gehen!

(ab 05.02.2009)

Wertung: sollte man gesehen haben

Glaubensfragen

von John Patrick Shanley - USA 2008 - 103 Min.

Die Bronx Mitte der 60er-Jahre. Ein modernen Methoden aufgeschlossener Priester wird an eine katholische Schule versetzt, die von einer strengen Direktorin geleitet wird. Die Konflikte sind vorprogrammiert. Es dauert nicht lange, bis aus einem geringen Anlass und aus einem Missverständnis heraus ein Konflikt entsteht, der mit einer Tragödie endet. Großes Kino der Gefühle. Wenn zwei so herausragende Darsteller wie Meryl Streep und Philip Seymour Hoffmann - als Gegenspieler - aufeinandertreffen, bleibt dem Zuschauer der Atem stocken. Der Autor und Regisseur John Patrick Shanley adaptierte sein mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnetes Broadwaqy-Stück selbst für die Leinwand.

(ab 29.01.2009)

Wertung: hervorragend

Benjamin Button

von David Fincher - USA 2008 - 165 Min.

("The Curios Case of Benjamin Button") Es ist erstaunlich, dass bei all dem Schrott, den die Filmindustrie in jedem Jahr auf den Markt wirft, auch Filme entstehen, die verblüffen, beeindrucken und faszinieren. "Benjamin Button" ist eine dieser Produktionen. Die Geschichte des Mannes, der als Greis auf die Welt kommt und als Säugling stirbt, geht zurück auf eine Story von F. Scott Fitzgerald und erweist sich als ein Kinostoff von Format. Und dabei ist es noch nicht einmal die Technik von heute, die es dazu braucht. Es sind das Drehbuch und das Können zweier Stars, die geschickt getimt aufeinandertreffen und uns über mehrere Jahrzehnte hinweg begegnen. Und wenn dazu noch präzise geformte Charaktere in den Nebenrollen und eine beeindruckende Ausstattung hinzukommen, ist das große Kino ferfekt. Um diesen Film richtig genießen zu können, sollte man nicht bis zum DVD-Start warten, sondern sofort - und mindestens ein mal - ins Multiplex gehen.

Wertung: sollte man gesehen haben

The Spirit

von Frank Miller - USA 2009 - 102 Min.

Die legendäre Comic-Figur von Will Eisner aus den Vierzigern in die Jetztzeit bzw. ins Zeitlose animiert. Bei der Kino-Adaption von Comicstrips kein außergewöhnlicher Vorgang. Dafür, dass die Handlung nicht mehr im klassischen Ambiente stattfindet, sorgen Leinwand-Stars wie Scarlett Johansson, Gabriel Macht und Samuel L. Jackson als Entschädigung. Aber die Story ist ja eigentlich auch nicht so wichtig. Entscheidend sind die Bilder. Und die sind in "The Spirit" wirklich fesselnd und mitunter atemberaubend.

Grund genug, wieder in die originale Welt der Graphic Novel einzutauchen. Den Film sollte man aber nicht später auf dem Monitor, sondern nach Möglichkeit jetzt schon auf einer sehr großen Leinwand genießen.

(ab 29.01.2009)

Wertung: sollte man gesehen haben

Stilles Chaos

von Antonello Grimaldi - Italien 2008 - 112 Min.

Zugegeben: ich bin ein Fan von Nanni Moretti. Auch wenn er in diesem Film (nur) die Hauptrolle spielt und am Buch mitgearbeitet hat, trägt er seine Handschrift und ich schaue ihm gut und gerne beinahe zwei Stunden lang zu.

Es geht darum, dass das geordnete Leben eines Business-Typen plötzlich durch den Unfalltod seiner Ehefrau aus der Bahn gerät. Als es Herbst wird, muss seine kleine Tochter wieder zur Schule. Pietro, der vielbeschäftigte TV-Manager, bringt sie selbst bis zum Schultor. Er bleibt einfach da, setzt sich auf eine Bank im Park und passt auf. Tag für Tag. Damit verändert er auch das Leben einiger seiner Mitmenschen. Seine Kollegen besuchen ihn ebenso regelmäßig wie Bekannte und Verwandte.

Es gibt auch ein Leben außerhalb des Büros. DAS ist die Botschaft! Und um das zu erkennen, bedarf es eigentlich keines tragischen Unfalls im persönlichen Umfeld. EIn Kinobesuch reicht aus.

(Ab 22.01.2009)

Wertung: kann man sich ansehen

Operation Walküre

von Bryan Singer - USA 2008 - 125 Min.

Die Zuschauer gehen ins Kino, weil sie den Action-Star Tom Cruise lieben. Wenn er der Protagonist in "Mission Impossible" ist, so wissen sie vorher schon, wie es ausgeht. Hier auch. Seine "Operation Walküre", sein Attentat auf Hitler, geht er an wie der Stratege Ethan Hunt; diesmal überlebt er zwar nicht, aber am Ende ist er doch der Sieger. Mehr ist nicht!

Wertung: kann man sich ansehen

Das Gesetz der Ehre

von Gavin O'Connor - USA 2008 - 125 Min.

In Nordamerika haben sich - historisch gesehen - viele eingewanderten Iren für den Polizeidienst oder zur Feuerwehr gemeldet. Zu tun hatten Sie es dabei oft mit den Italienern, die sich für die Mafia entschieden haben. Großartig und exemplarisch wird das in dem Film "Gangs of New York" von Martin Scorsese beschrieben und dargestellt.

Auch heute noch gibt es diese "Cop"-Familien - in diesem Film mit Jon Voight, Edward Norton, Colin Farrell und Noah Emmerich vortrefflich besetzt. Für die Frauen bleibt da nicht viel "Spiel"-Raum. Die Cops gegen die Drogenhändler - und der Riss geht quer durch die eigene Familie. Das ist nicht neu, aber unterhaltsam. Streicht man aus dem Drehbuch das Buch "Fucking!", so bleiben allerdings nicht sehr viele Dialoge übrig.

(Ab 15.01.2009)

Wertung: hervorragend

Die Klasse

von Laurent Cantet - F 2008 - (Im Original: "entre les murs = innerhalb der Mauern.) Wir lernen über ein Schuljahr lang den Lehrer Francois und seine 13- bis 14-jährigen Schüler an einer Pariser Vorort-Schule kennen. Es ist ein sozialer Brennpunkt und die meisten seiner Schüler stammen aus Einwandererfamiiien. Thematisiert wird alles das, was NICHT auf dem Stundenplan steht: Leistungsverweigerung, Frust, Aggression, kulturelle Identität, Ausgrenzung, Integration und Geduld.

Hier wird das Wort M u l t i k u l t i in einzelne Buchstaben aufgelöst, hinterfragt und neu zusammengesetzt. Aus einer Schulklasse werden Individuen mit dem Recht auf Eigenständigkeit und Selbstdarstellung. Interessant ist dabei auch der Rollentausch in einigen Sequenzen: die Lehrer benehmen sich kindisch und die Schüler handeln wie Erwachsene.

Nah dran, konzentriert und aufschlussreich - das wirkt authentisch, auch wenn es sich hier um einen speziellen und arrangierten Ausschnitt aus der Alltagsrealität handelt. "Die Klasse" hat die Überzeugungskraft eines Dokumentarfilms und bringt uns die Protagonisten so nahe, dass wir gespannt deren weiteres Schicksal erwarten.

Der Film war in Cannes (Goldene Palme 2008) und beim Filmfest München zu sehen; er wurde mehrfach ausgezeichnet und es ist schon sehr viel über ihn geschrieben worden. Also: nicht mehr länger darüber lesen, sondern einfach ins Kino gehen ...

(Ab 08.01.2009)

Wertung: kann man sich ansehen

The Warlords

von Peter Ho-Sun Chan - China/Hong Kong 2007 - 110 Min.

Der Film beginnt mit Hauen & Stechen und endet mit Hauen & Stechen. Dazwischen liegen ausufernde Kampfszenen, die der Karriere des General Pang dienlich sind. Nach einer verlorenen Schlacht (1870) gibt er sich nicht geschlagen, sondern verbündet sich mit Banditen und Rebellen. Er schließt Blutsbrüderschaften als Zweckgemeinschaft und wechselt auch mal die Fronten, um seine Ziele zu verfolgen...

Tausende von Männern - lebendig oder tot - bevölkern die Leinwand. Darunter auch eine (!) Frau, die mit einem der Blutsbrüder verheiratet ist und und ein Verhältnis mit General Pang eingeht. Keine Chance zum Überleben.

Wertung: sollte man gesehen haben

La Zona

von Rodrigo Plá - Mexiko 2007

Eine außergewöhnlicher Film. In Mexiko-City - so unterstellt es die Handlung - gibt es ein Villenviertel, das sich von der Stadt abgetrennt hat, streng bewacht wird und das Gemeinwesen in die eigenen Hände genommen hat. Solche Orte gibt es in der Tat sehr oft in Mittel- und Südamerkia; vornehmlich wohnen hier nicht nur die Reichen, sondern auch die gut betuchten Ausländer wie Diplomaten etc.

Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist weniger real, sondern mehr ein Modell. Drei Jugendlichen gelingt es, über die Mauern zu kommen. Ein spontaner Einbruch geht schief, es gibt Tote...

Die Bewohner von "La Zona" wollen aber keine Polizei auf ihrem Gelände und versuchen, in eigener Regie diese Situation zu meistern - die Besonnenen auf der einen, der Mob auf der anderen Seite. Die sich dann daraus ergebende Frage ist die, ob Menschen das Recht in die eigene Hand nehmen dürfen - besonders dann, wenn die Polizei korrupt ist und an einer Klärung des wahren Sachverhaltes niemand so richtig interessiert ist. Eine Jugendlicher, der in dem Villenviertel lebt, beschützt einen der Eindringliche und gerät dabei in Widersprüche und Gewissenskonflikte.

Die Film wirft viele Fragen auf - und beantwortet sie nicht!

Das muss der Zuschauer leisten.

"La Zona" ist ein Film, der auf internationalen Festivals mit Preisen und Anerkennungen ausgezeichnet wurde.

Wertung: kann man sich ansehen

Die Perlmutterfarbe

von Marcus H. Rosenmüller - D 2008

Meine Erwartungen an diesen Kinder/Jugendfilm von Rosenmüller waren nach "Wer früher stirbt, ist länger tot" sehr hoch, denn auch hier geht in erster Linie um die Milieuzeichnung bzw. -dichte und die unverfälschte und originäre Perspektive aus der Sicht der Protagonisten. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Anna Maria Jokl und spielt 1931 in einer bayerischen Kleinstadt. Zwei Schulklassen können nicht miteinander - und daraus entwickelt sich eine Geschichte um Freundschaft und Verrat, Wahrheit und Lüge.

Vielleicht haben sich die originellen Ideen für die filmische Umsetzung seiner Stoffe zu schnell verbraucht; Rosenmüller drehte in den vergangenen zwei Jahren auch noch "Beste Zeit" und "Beste Gegend", "Beste Chance" ist in Vorbereitung. Jedenfalls ist diese Filmhandlung vergleichsweise überraschungsarm, was aber durch die darstellerischen Leistungen von Marcus Krojer und Zoe Mannhardt ausgeglichen wird. Erwähnenswert noch die Rollen der Erwachsenen, die mit Brigitte Hobmeier, Josef Hader, Gustav-Peter Wöhler und Johannes Silberschneider treffend besetzt sind.

Wertung: kann man sich ansehen

Warten auf Angelina

von Hans-Christoph Blumenberg - D 2008

Nach seinen anstrengenden Projekten zur deutschen Zeitgeschichte hat sich Blumenberg mit dieser Komödie eine verdiente Auszeit genommen. Eine Low-Budget-Produktionen, die in seiner eigenen Dachgeschoss-Wohnung in Berlin-Mitte gedreht wurde. Hier treffen sich unfreiwillig ein abgeklärter Paparazzi und ein naiver Fan aus Pellworm. Beide sind auf der Jagd nach "Brangelina", dem heißesten Paar des Jahres. Es heißt, dass die Promis in unmittelbarer Nachbarschaft eine Wohnung gekauft haben und nach Berlin ziehen wollen. Obwohl die Motive, davon die ersten Fotos zu schießen, sehr unterschiedlich sind, erwächst aus der Schicksalsgemeinschaft der beiden Männer eine Freundschaft der besonderen Art. Hinzu kommt, daß das Appartement einem reichen Zahnarzt gehört, der die Schlüssel dazu an diverse Damen verteilt hat, die nach und nach eintreffen...

Aus solchen Stoffen werden erfolgreiche Kino-Komödien gemacht. Ob es auch hier gelingt, ist abhängig von der Annahme- und Aufnahmebereitschaft des Publikums. Der Film endet mit dem (sinngemäßen) Zitat von Groucho Marx "Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie so beleidigt worden wie heute." "Warte nur ab, der Tag hat gerade erst angefangen."

Blumenberg war früher ein Filmkritiker von Format.

Wertung: kann man sich ansehen

Lulu & JIM

von Oskar Roehler - D 2008

Eine Hommage und Parodie auf die Filme der 60er-Jahre. Es ist die Zeit des Rock'n'Roll und der Ami-Sender. Lulu (Jennifer Decker) ist eine Tochter aus gutem Hause - doch leider ist die Familie bankrott und auf die Finanzen eines blasierten Snobs (Bastian Pastewska) angewiesen. Lulu aber verliebt sich in den gut aussehenden, aber mittellosen Schwarzen Jimi (Ray Fearon), der auf dem Skooter der Dorfkirmes die Attraktion aller Mädchen ist. Dieser "unmöglichen" Liebe stehen entgegen u.a. eine selbstsüchtige, bösartige Mutter (Katrin Sass) mit ihrem sehr dienstwilligen Chauffeur (Udo Kier) und ein Spritzen-Arzt wie aus den Mabuse-Filmen (Hans-Michael Rehberg). Was wie eine zuckersüße Liebesromanze in knallbunten Bildern und mit viele Musik beginnt, endet melodramatisch mit Mord und Totschlag. Lulus Vater (Rolf Zacher) - "Daddy Cool" genannt - spielt dabei zunächst gar keine, doch am Ende eine entscheidende Rolle.

"Lulu & Jim" ist ein Trivial-Film - und das muss man können. Roehler kann es und schafft hier eine faszinierende Bilder-Komposition; angereichert durch ein spielfreudiges, genreerfahrenes Ensemble, das gut gelaunt diese Melange aus Lovestory und Gangsterfilm meistert.

(Ab 25.12.2008)

Wertung: kann man sich ansehen

Australia

von Baz Luhrmann - Australien 2008 - 166 Min.

Eine junge britische Aristokratin muss in Australien die Rinderfarm ihres Mannes retten. Allein gegen Alle - wären da nicht ein ruppiger, struppiger Viehtreiber und ein heimatloser Aborigine-Junge auf ihrer Seite.

Der Film beginnt wie "Spiel mir das Lied vom Tod", geht über in "Vom Winde verweht" und endet mit "Pearl Harbor". Also: Drei Filme zu einem Preis! Und dazu dann noch kostenlos "Somewhere Over the Rainbow" gesungen von Judy Garland.

Der Film verweist kurz auf die Rolle der Aborigines im Zweiten Weltkrieg. "Mehr als 3000 von ihnen sollen daran teilgenommen haben" schreibt das Rheinische JournalistInnenbüro in dem Buch "Unsere Opfer zählen nicht. Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg". ISBN 3-935936-26-5. Dort erfährt man mehr zu diesem Thema von kompetenter Stelle.

(Ab 11.12.2008)

Wertung: kann man sich ansehen

Der Tag, an dem die Erde stillstand

von Scott Derrickson - USA 2008 - 103 Min.

Der gleichnamige Film aus dem Jahre 1951 unter der Regie von Robert Wise ist ein Sci-Fi-Klassiker, der auch heute noch wegen seiner klaren Struktur und dem bewussten Einsatz seiner Spezialeffekte überzeugt. In der Zeit des Kalten Krieges, in der dieses Genre für politische Botschaften missbraucht wurde - "die Angst vor dem Kommunismus" -, setzte er neues Denken frei. Damals ging es um die Folgen der Wettrüstung. Noch vor einiger Zeit habe ich diesen Film in einem Uni-Seminar eingesetzt. Er fand in der Generation der 20-jährigen eine beachtliche Resonanz.

In der aktuellen Verfilmung haben sich die Akzente verschoben. Technisch glänzt er durch die heute vorführbaren Effekte sowie durch den Verzicht auf überflüssige Rahmen- bzw. Nebenhandlungen. Zentrales Thema ist diesmal die globale Katastrophe, die durch den rücksichtslosen Umgang der Menschheit mit den Ressourcen der Natur droht.

Der richtige Film zur richtigen Zeit, denn heute - am 08.12.2008, dem Tag der Pressevorführung - wird in den Tageszeitungen auf die Welt-Klimakonferenz im polnischen Posen hingewiesen. Im Kern geht es um das globale Miteinander, um den zivilisatorischen Stand der Welt. Eine Vorführung dieses Films als Rahmenprogramm wäre äußerst sinnvoll.

Nebenbei bemerkt: Der Film von heute animiert dazu, sich noch einmal die klassische Version anzusehen, die es auf einer wirklich empfehlenswerten DVD gibt.

(Ab 04.12.2008)

Wertung: ärgerlich

Geliebte Clara

von Helma Sanders-Brahms - D 2008 - 107 Min.

Beziehungsdrama. Clara und Robert Schumann und Johannes Brahms in Düsseldorf. Von rheinischer Lebensart keine Spur. Verbissen werkelt der Film am Denkmal der Großen. Das ganze Ensemble erinnert an eine Muppet-Show mit Loriot als Dialogschreiber.

Es gibt nur eine wirklich interessante Szene in diesem Film. Der mittellose Musiker Brahms verdient sein Geld in einer Hamburger Kneipe. "Der große Brahms als Kneipenmusiker!" - das wäre eine Geschichte und ein Film, der ihn uns näher bringt und sympathisch macht.

(Ab 20.11.2008)

Wertung: ärgerlich

Die osmanische Republik

von Gani Müjde - Türkei 2008 - 94 Min.

Die Idee ist eigentlich bestechend: Gäbe es Kemal Atatürk nicht, wie sähe dann die Türkei heute aus? Vielleicht so wie in diesem Film, in der die Türkei von den USA regiert wird und der Sultan mehr oder weniger nur ein Lakai und/oder eine Witzfigur ist . Doch was der Film großsprecherisch als "hinreißende Satire" ankündigt, gleicht einer riesigen Portion knallbunter Zuckerwatte, mit der man sich schnell den Magen verderben kann. Länger als eine Viertelstunde habe ich jedenfalls nicht ausgehalten ...