Porträt Horst Schäfer

Kinotipps 2017

71 Besprechungen aus dem Jahr 2017.

Wertung:
Wertung: kann man sich ansehen

The Killing of a Sacred Deer

von Yorgos Lanthimos – GB/Irl 2917 – 121 Min,

Eine zunächst belanglose, beliebige Familiengeschichte, die sich zu einem Psychothriller steigert. Das überschaubare Gefüge einer perfekten Familie (Ehepaar und zwei Kinder aus einem Wohlstandsvorort von Cincinnati) gerät aus der Ordnung , als sich ein 16-Jähriger einmischt und den Mann um jeden Preis mit seiner Mutter verkuppeln will. Als der Plan misslingt, belegt er die Familie mit einem Fluch. Regisseur und Co-Drehbuchautor stammen beide aus Griechenland, was das Besondere dieses Films ausmacht. Entstanden ist eine Rachesaga, die den griechischen Mythos der Iphigenie aufnimmt und in Cannes mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet wurde.

Wertung: kann man sich ansehen

Oper. L’Opéra de Paris

von Jean-Stéphane Bron – F 2017 – 110 Min.

Szenen aus dem Innenleben der Pariser Oper. Detaillierte Beobachtungen, die sich mosaikartig zusammenfügen. Den nicht fachkundigen Kinobesuchern wird vieles rätselhaft und verstörend vorkommen, da auf einen Off-Kommentar verzichtet wird. Wer jedoch die Protagonisten – Direktor, Stars, Bühnenpersonal und Komparsen – kennt, erlebt hautnah das Leben hinter den Kulissen einer der berühmtesten Bühnen der Welt mit. Tanz-, Theater- und Opernfans kommen voll auf ihre Kosten.

Wertung: sollte man gesehen haben

Loving Vincent

von Hugh Welchman, Dorota Kobiela – GB 2017 – 95 Min.

Ein „film noir“ – gemalt wie von Vincent van Gogh. Was wie ein Widerspruch aussieht, löst sich überzeugend und zufriedenstellend auf. Keine konventionelle Künstlerbiographie wie sie in der letzten Zeit mehrfach zu sehen waren. Hier ist es der Kriminalfall van Gogh – um die rätselhaften Hintergründe seines Todes. Mord, Selbstmord oder Unfall? Protagonist ist ein junger Mann, Armand Roulin, der von seinem Vater, ein Postmeister, den Auftrag erhält, einen Brief van Goghs an dessen Bruder Theo zu überreichen. Doch der ist zwischenzeitlich ebenfalls verstorben. Und nun begibt sich Armand auf die Suche nach der Wahrheit über das Ableben des niederländischen Malers.

Der Film wurde vollständig als Realfilm gedreht. Anschließend wurden die Bilder per Hand in Öl übermalt, so dass der Film komplett im Stile von van Goghs Werken gehalten ist. Das ist anfangs noch gewöhnungsbedürftig. Doch schon nach kurzer Zeit kann man sich dem faszinierenden Sog der Bilder nicht entziehen. Ein großartiges und spannendes Kinoerlebnis!

Wertung: kann man sich ansehen

La Mélodie – Der Klang von Paris

von Rachid Hami – F 2017 – 102 Min.

Ein auf dem freien Markt nicht sonderlich erfolgreicher Geiger tritt in einem trostlosen Pariser Vorort eine neue Arbeitsstelle an. Er soll den Kindern der 6. Klasse das Geigenspielen beibringen. Es ist ein Integrationsprogramm für Familien mit Migrationshintergrund. Die Kinder sind davon wenig begeistert, doch dann schaffen alle gemeinsam – die Lehrer, die Schüler, die Eltern usw. – den Erfolg in der Philharmonie.

Alles löst sich am Ende in Wohlgefallen auf. Eine weichgestreichelte, schön geglättete Story ohne Ecken und Kanten. Eines von den vielen Feel-Good-Movies, die in den letzten Jahren aus Frankeich in unsere Kinos kommen. Ein dreimal aufgewärmtes Echo von „Die Kinder des Monsieur Mathieu“. Keinerlei Brüche – auch nicht in den Charakteren, die Modellfiguren gleichen und weder über Witz nach Charme verfügen. Die Frage ist, warum überhaupt die Kinder zu Spitzenleistungen in der Philharmonie herangezüchtet werden müssen. Wäre es nicht sinnvoller – ggf. auch mit Hilfe der Musik – ihnen ein Mehr an sozialer Kompetenz zu vermitteln und sie in ihrem kulturellen Selbstwertgefühl zu steigern?

Wertung: sollte man gesehen haben

Die kanadische Reise

von Philippe Lioret – F/Can 2017 – 98 Min.

Mathieu ist 33 Jahre alt und lebt in Frankreich. Von seiner Frau lebt er getrennt; beide kümmern sich um ihr gemeinsames Kind. Unerwartet erhält er aus Montreal eine Nachricht, dass sein dort lebender leiblicher Vater Jean verstorben ist und ihm ein Päckchen hinterlassen hat. Mathieu reist nach Kanada, um seine ihm bis dahin unbekannte Familie, zu der auch zwei Halbbrüder gehören, zu besuchen. Das gestaltet sich als schwierig, denn Pierre, der beste Freund seines Vaters und Überbringer der Nachricht, will geheim halten, dass es ihn gibt. Doch Mathieu will um jeden Preis das Familiengeheimnis lüften und erfährt nach und nach die ganze Wahrheit.

Eine subtile Familiengeschichte, konzentriert und atmosphärisch dicht inszeniert. Dem sich langsam entwickelnden Spannungsbogen kann man sich nicht entziehen

Wertung: kann man sich ansehen

Meine schöne innere Sonne

von Claire Denis – F/B 2017 – 94 Min.

Die atemberaubende Juliette Binoche spielt eine in Paris lebende alleinstehende Künstlerin, die ihr Privatleben nicht in den Griff bekommt. Ihre Suche nach der wahren Liebe scheitert immer wieder an der Diskrepanz zwischen ihren Ansprüchen und den Kompromissen, die sie eingehen müsste. Die zentrale Frage ist: gibt es die Liebe fürs Leben oder ist sie nur eine Utopie?

Im Alleingang sucht sie darauf eine Antwort; die sie umgebenden Männer bleiben Statisten oder Stichwortgeber. Eigentlich kommt sehr schnell Langeweile auf. Da sich aber die Regisseurin langer Einstellungen bedient, hat Juliette Binoche ausreichend Gelegenheit zu zeigen, welch großartige Darstellerin sie ist. Und nur deswegen lohnt es sich, den Film anzuschauen. Muss aber nicht unbedingt auf der Leinwand sein.

Ach so: Am Ende des Films taucht noch Gérard Depardieu auf. Er spielt einen Wahrsager, bei dem die Binoche Rat und Hilfe sucht. Geschickt vermeidet es die Regie, ihn in voller Körpergröße zu zeigen. Daher nur Großaufnahmen des Gesichts. Auch eine Lösung.

Wertung: nicht zu empfehlen

Zwischen zwei Leben

von Hany Ubu-Assad – USA 2017 – 107 Min.

Eine Fotojournalistin und ein Neurochirurg sitzen in einem Flughafen fest und mieten ein kleines Charterflugzeug, um ihre Ziele rechtzeitig zu erreichen. Unterwegs erleidet der Pilot einen Herzschlag, sie stürzen in einem abgelegenen Bergmassiv ab – weitab von jeglicher Zivilisation – und müssen fortan um ihr Leben kämpfen. Der Rest des Geschehens ist vorhersehbar. Ein Survival-Drama mit romantischen und sentimentalen Momenten. Die dünne, überraschungsarme Handlung wird durch eindrucksvolle Landschafts-Bilder kaschiert, die die Protagonisten – immerhin Kate Winslet und Idris Elba - als Nebendarsteller deklassiert.

Wertung: sollte man gesehen haben

Das Kongo Tribunal

von Milo Rau – D 2017 – 100 Min.

Nach der beispielhaften und international erfolgreichen Produktion eines politisch-engagierten Films „Die Moskauer Prozesse“ (2014) hat sich Milo Rau wieder eines brisanten und hochaktuellen Themas angenommen. In mehr als zwanzig Jahren hat der Kongo-Krieg bereits über 6 Millionen Tote gefordert. Die Bevölkerung leidet, die Verbrechen des Krieges wurden nie juristisch verfolgt. Viele sehen in dem Konflikt eine der entscheidenden wirtschaftlichen Verteilungsschlachten im Zeitalter der Globalisierung, liegen hier doch die wichtigsten Vorkommen vieler High-Tech-Rohstoffe.

Für diesen Film gelang dem Film- und Theaterregisseur, die Opfer, Täter, Zeugen und Analytiker des Kongokrieges zu einem einzigartigen zivilen Volkstribunal im Ostkongo zu versammeln. Er lässt erstmals in der Geschichte des Krieges drei Fälle exemplarisch verhandeln und entwirft ein unverschleiertes Porträt des größten und blutigsten Wirtschaftskriegs der Menschheitsgeschichte. Besonders bemerkenswert ist die szenische und filmische Umsetzung des Themas: Keine trockene, belehrende Dokumentation, sondern ein packender und aufschlussreicher Film, dessen Sog sich die Zuschauer nicht entziehen können.

Wertung: kann man sich ansehen

Mord im Orient-Express

von Kenneth Branagh – USA 2017 – 109 Min.

Einer der spektakulärsten Krimis der Filmgeschichte – nach dem Klassiker von Agatha Christie. Vor über vierzig Jahren bereits erfolgreich mit einem internationalen Staraufgebot verfilmt. Es ist schon mutig, den Stoff heute noch einmal anzugehen. Denn der Plot ist bekannt und kann nicht wesentlich variiert werden. Branagh – der auch die Hauptrolle des berühmten Meisterdetektivs Hercule Poirot übernahm - vertraut seiner Inszenierungs-Routine, seinem Gespür für Kino-Bilder und seinem Team werbewirksamer Darsteller, u.a. Penelope Cruz und Michelle Pfeiffer, Johnny Depp und Willem Dafoe.

Wertung: kann man sich ansehen

Mathilde

von Aleksey Uchitel – Russland 2017- 109 Min.

Prächtig ausgestattetes Historien-Spiel um den Thronerben Nikolaus, der die weltberühmte Primaballerina Mathilde leidenschaftlich liebt, aber zu einer Vernunftehe mit Prinzessin Alix von Hessen gezwungen wird.

Ein konventionell ins Bild gesetztes Liebesdrama mit beachtlichen Schauwerten. Freunde des opulenten Kostümfilms kommen voll auf ihre Kosten. Den Nikolaus spielt Lars Erdinger ohne größere Anstrengungen. Da der Film nach seiner Fertigstellung von konservativ-orthodoxen Kreisen stürmisch attackiert wurde, verzichtete er darauf, an der Premiere in Russland teilzunehmen. Die Proteste gegen den Film hatten eine größere Medienwirkung als seine künstlerische Qualität.

Wertung: sollte man gesehen haben

Die Unsichtbaren – Wir wollen leben

von Claus Räfle – D 2017 – 110 Min.

Berlin 1943. Das Nazi-Regime hat die Reichshauptstadt offiziell für „judenrein“ erklärt. Doch einigen Juden gelingt tatsächlich das Undenkbare. Sie werden unsichtbar für die Behörden. Oft ist es pures Glück und ihre jugendliche Unbekümmertheit, die sie vor dem gefürchteten Zugriff der Gestapo bewahrt. Der Film schildert ein weitgehend unbekanntes Kapitel des jüdischen Widerstands während der Zeit des Nationalsozialismus. Es sind authentische Personen und Begebenheiten. Das Drehbuch basiert auf Interviews, die mit Zeitzeugen geführt wurden. Einfühlsam, beklemmend und mitunter humorvoll verweben der Regisseur und seine Co-Autorin die Spielfilmhandlungen mit Interviewausschnitten und Archivaufnahmen zu einem dichten, emotional bewegenden Ensembledrama.

Es geht aber nicht nur um das Schicksal der Juden, sondern auch um den erstaunlichen Mut einiger Deutscher, die ihnen geholfen und sie versteckt haben. Der richtige Film zur richtigen Zeit also. Eine Geschichte von „Helden des Alltags“. Auch wenn es sich hier um eine historische Begebenheit handelt, so verweist sie doch schmerzlich treffend direkt in unsere Gegenwart. Angesichts der aktuellen Situation sind solche „Helden“ mehr denn je gefragt.

Wertung: hervorragend

The Square

von Ruben Östlund – Schweden, Deutschland, Frankreich, Dänemark 2017 – 145 Min.

Es geht um Christian, den smarten Kurator eines der größten Museen in Stockholm. Die nächste spektakuläre Ausstellung, die er vorbereitet, ist „The Square“. Es handelt sich um einen Platz, der als moralische Schutzzone fungieren und das schwindende Vertrauen in die Gemeinschaft hinterfragen soll. Als Christian durch Trickdiebe ausgeraubt wird und ihm kurz darauf die provokante und spektakuläre Mediakampagne zu der neuen Ausstellung um die Ohren fliegt, geraten sein Selbstverständnis wie auch sein Gesellschaftsbild schwer ins Wanken. Nichts ist mehr wie früher.

Eine bissige Satire über individuelle und gesellschaftliche Ängste. Es geht um die Widersprüche zwischen eigenem Selbst- und Gesellschaftsbild und den realen Verhältnissen. Mit feinem, ironisch-entlarvendem Humor sowie durch eine subtile Bildsprache wirft der Film brisante Fragen zum Zustand der heutigen Gesellschaft auf, wobei seine Protagonisten und deren Umfeld – die schillernde Welt der Kunstszene - als Mikromodell dienen. Nicht geradlinig erzählt, sondern mit Gespür für Details und Nebensächlichkeiten, die irgendwann, irgendwo bedeutsam werden – oder auch nicht.

„The Square“ wurde mit der Goldenen Palme der Filmfestspiele in Cannes 2017 ausgezeichnet.

Wertung: hervorragend

Happy End

von Michael Haneke – F/D/A 2017 – 110 Min.

Die Familie Laurent betreibt in Calais eine boomende Baufirma. Doch es läuft nicht mehr ganz so wie gewünscht. Die resolute Chefin Anne hat ihren Sohn Pierre zum Managing Director gemacht, doch er erweist sich als nicht kompetent genug für unternehmerische Entscheidungen. Ein verheerendes Unglück auf einer Baustelle wird zu einer folgenreichen Belastung. In der großbürgerlichen Mehrgenerationen-Villa leben außerdem noch Georges, der grantige und illusionslose alte Vater von Anne, sowie ihr Bruder Thomas, dessen Frau Anais und ein kleines Kind. Versorgt werden alle von einem marokkanischen Haushälterehepaar. Als Eve, die 12-jährige Tochter von Thomas aus erster Ehe, hinzukommt, gerät das ausbalancierte Zusammenleben aus den Fugen. Eves Mutter hat versucht, sich umzubringen. Neben den Sorgen um die Firma treten nun immer häufiger die innerfamiliären Konflikte in den Vordergrund. Bei einer Familienfeier mit vielen Gästen eskaliert die Situation. Eve hat ein besonderes Verhältnis zu Georges. Aus anfänglichen Feindseligkeiten entwickelte sich eine enge Beziehung. Eve versteht Georges immer besser, doch sie kann ihn nicht davon abhalten, einen Selbstmordversuch zu unternehmen.

Alle in dieser dysfunktionalen Familie haben in der Vergangenheit Schuld auf sich geladen. Das wird nach und nach offensichtlich. Hanekes Spezialität für messerscharfe Beobachtungen zeichnet auch diesen, einer Momentaufnahme gleichenden Film aus. Wie auf dem Seziertisch präsentiert er unterkühlt und ohne Empathie seine Charaktere und ihr Umfeld. Die Motive des Handelns sowie die Hintergründe werden nicht erklärt. Haneke: Mein Ziel ist, so wenig wie möglich zu sagen, damit die Imagination der Zuschauer absolute Freiheit hat.“ Er versucht zwar, Hinweise zu geben, aber die Zuschauer werden mit den Tatsachen konfrontiert und müssen die Antworten selbst finden.

Wertung: hervorragend

What happened to Monday?

von Tommy Wirkola – USA 2017 – 100 Min.

Ein spannender, bildgewaltiger Thriller über unsere nahe Zukunft. Überbevölkerung und Mangel an Nahrungsmitteln haben zu einer drastischen Ein-Kind-Politik geführt, die von einem an Orwell erinnernden Regime brutal kontrolliert wird. Nur einer schlüpfte durch die Maschen und ermöglichte seinen Nachkommen das Überleben in einer gut gesicherten Wohnung. Es sind sieben Frauen, die nach den Wochentagen benannt wurden, jeweils an diesem Tag die Adresse verlassen können und die Identität einer fiktiven Person annehmen. Sie sind Geschwister im gleichen Alter, aber unterschiedlichen Charakters. Und als eine von ihnen – Monday – abends nicht mehr zu ihnen zurückkehrt, gerät der ausbalancierte Alltag tüchtig durcheinander und löst eine blutige Kettenreaktion aus. Die hervorragende Noomi Rapace ist gleich in sieben Rollen zu sehen; mit dabei auch Willem Dafoe und Glenn Close.

Faszinierend gespielt und intelligent. Großes Kino!

Wertung: hervorragend

Die Nile Hilton Affäre

von Tarik Saleh – Schweden/Deutschland/Dänemark 2016 – 110 Min.

Es gelingt immer wieder mal einem Film, die Genre-Musters des Thrillers/Kriminalfilms zu erweitern. Es sind Filme, die außergewöhnliche Geschichten, Charaktere und Schauplätze bieten und deren Handlungen nicht so verlaufen wie erwartet. Dies hier ist es solcher Film. Zeit und Ort: Kairo 2011; eine Stadt voller Widersprüche. Es herrschen die Reichen und Mächtigen. Korruption, Dekadenz und die Gier nach Geld bestimmen den Alltag. Protagonist des Films ist der ganz gewöhnliche Polizist Noredin. Seit dessen Frau bei einem Autounfall ums Leben kam, sucht er Zuflucht in der Routine seines Jobs. Als in einer Luxussuite des Hotels Nile Hilton eine berühmte Sängerin tot aufgefunden wird, soll er ermitteln. Was auf den ersten Blick nach einem Verbrechen aus Leidenschaft aussieht, wandelt sich schnell in einen Fall, der die führende Elite Ägyptens bedroht. Der Tod des Stars soll als Selbstmord zu den Akten gelegt werden. Doch Noredin ermittelt auf eigene Faust weiter. Während die Unruhen am Tahir-Platz immer lauter werden, verfängt er sich zusehends in einem gefährlichen, engmaschigen Netz aus Macht, Leidenschaft und Korruption. Eine stimmungsvolle Kriminalgeschichte in der besonderen Atmosphäre des gesellschaftlichen Umbruchs.

Wertung: sollte man gesehen haben

Es

von Andrés Muschietti – USA 2017 – 135 Min.

Da gibt es den klassischen Horrorthriller „Es“, der vor über 25 Jahren gedreht wurde. Es war allerdings kein Kinofilm, sondern ein zweiteiliger Fernsehfilm, der mittlerweile einen Kult-Status erworben hat. Der Bestseller von Stephen King kommt nun als Neuverfilmung auf den Markt. Die Geschichte des Clubs der Loser, die gegen den Monster-Clown Pennywise antreten, ist nahezu unverändert geblieben. Die Charaktere haben an Profil verloren, alles ist glatter und beliebiger geworden. Herausgekommen ist ein Film, den man nicht empfehlen kann. Eigentlich sollte man nicht dazu raten, vom Kinobesuch abzusehen und sich dafür eine DVD mit dem Original aus dem Jahre 1990 anzusehen. Doch das ist hier weitaus sinnvoller, als sich über zwei Stunden lang zu ärgern.

Wertung: hervorragend

Schloss aus Glas

von Destin Daniel Cretton – USA 2017 – 120 Min.

Jeanette Walls, die Autorin der autobiographischen Romanvorlage und gleichzeitig die Protagonistin des Films, blickt auf eine außergewöhnliche, glückliche Kindheit zurück. Das Familienleben bestimmt ihr extrovertierter Vater Rex, der ihr die Sterne vom Himmel verspricht – als Ausgleich dafür, dass mitunter Hunger herrscht und oft der Wohnort gewechselt wird. Auf der einen Seite bekommt Rex seine Alkoholabhängigkeit nicht in den Griff, andererseits ist er rührend um seine Frau und seine Kinder besorgt. Doch mit der Zeit können auch die hoffnungsvollsten Geschichten nicht länger von der bitteren Armut ablenken, in der die Familie lebt. Mit zunehmenden Alter von Janette erweis sich das Lügengebäude der Eltern als ebenso zerbrechlich wie das Schloss aus Glass, das Rex seiner Tochter jahrelang verspricht zu brauen. Walls beschreibt in ihrem Roman ohne Larmoyanz von einer ungewöhnlichen Kindheit, die man sich verrückter nicht vorstellen kann. Der Focus des Films richtet sich ganz auf ihren Vater Rex, der trotz seines gewöhnungsbedürftigen Verhaltens dank der hervorragenden darstellerischen Leistung von Woody Harrelson zum Sympathieträger wird.

Wertung: hervorragend

Logan Lucky

von Steven Soderbergh – USA 2017 – 118 Min.

Seit über 100 Jahren ist in der Geschichte des Films der Traum vom großen Coup ein beliebtes Sujet. Erinnert sei nur an „The Great Train Robbery“ von Edwin S. Porter aus dem Jahre 1903, oder an „The Killing“ von Stanley Kubrick (1956). Mit seiner international erfolgreichen, hochspannenden und cleveren „Ocean’s Trilogie“ hat Soderbergh für das Genre Maßstäbe gesetzt, die eigentlich nicht zu toppen sind. Er selbst hat es mit diesem Film geschafft. Im Mittelpunkt stehen die Brüder Jimmy und Clyde Logan (Channing Tatum und Adam Driver),die sich im Alltag nicht zurechtfinden und unter Geldsorgen leiden. Was liegt näher als die brillante Idee, als einen Raubüberfall auf den Geldspeicher bei dem legendären NASCAR-Rennen. Die Brüder haben einen Plan, doch die brauchen Helfer und Verbündete. Und einer von denen, ein platinblonder Safeknacker (gespielt von Daniel Craig) sitzt allerdings noch im Gefängnis. Wie und ob der Plan aufgeht, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Soderbergh schafft es, mit wenigen, ausgewählten Kamerabildern in Zeit und Ort des Geschehens einzuführen. Mit wenigen Strichen zeichnet er seine unverwechselbaren Charaktere – von den Haupt- bis zu den Nebenrollen. Eine Actionkomödie zum Reinknien.

Wertung: sollte man gesehen haben

Mr. Long

von SABU – Japan u.a. 2017 – 128 Min

Ein taiwanesischer Auftragskiller strandet mittellos und angeschlagen in einer japanischen Vorstadt. Seine Mission ist missglückt und es bleiben ihm nur fünf Tage, um Geld für die geplante Rückreise aufzutreiben. Unvermittelt erhält er dabei Hilfe: der kleine Jun, Sohn einer Drogenabhängigen, weicht nicht von seiner Seite und ahnungslose Anwohner zeigen sich von seinen Kochkünsten so begeistert, dass sie ihm ein berufliches Standbein schaffen wollen. Eifrig organisieren sie dem schweigsamen „Mr. Long“, wie sie den Killer nennen, eine fahrbare Garküche, mit der er gemeinsam mit Jun seine chinesischen Spezialitäten unter die Leute bringen kann. Unheil droht, als Juns Mutter, die unter dem Einfluss des Fremden ein neues Leben versucht, von ihrem ehemaligen Dealer aufgesucht wird und dieser Mr. Longs Fährte aufnimmt. Er wird nun von allen Seiten gejagt und eingekreist …

Der japanische Regisseur SABU (Hiroyuki Tanaka) ist Routinier für das Aufeinandertreffen von Abwegigem und Normalem. Mit leichter Ironie schickt er seine Helden in fremde Gefilde, die deren Horizont erweitern. Auch hier muss sich der Protagonist in einem Labyrinth von Chancen und Gefahren bewegen, blitzschnell handeln und dabei cool bleiben. Ein interessanter Aspekt des Films sind dabei die geographischen, historischen und politischen Besonderheiten zwischen Japan und China.

Der Filmbesucher wird – so ganz nebenbei - über eine taiwanesische Spezialität ausführlich informiert: die Rindfleischnudelsuppe, mit deren Zubereitung Mr. Long so schnell Karriere machen konnte. Vor dem Kinoabend sollte man sich informieren, zu welchem Restaurant man anschließend gehen kann.

Wertung: sollte man gesehen haben

The Circle

von James Ponsoldt – USA 2017 – 110 Min.

Mae, eine junge, couragierte Frau (Emma Watson), bekommt einen Traumjob in einer der angesagtesten Firmen der Welt. Der Internetkonzern Circle hat das Ziel, alle Kunden mit einer einzigen Identität auszustatten, über die alles abgewickelt werden kann. Sie genießt das schrille Leben zwischen lichtdurchfluteten Büros und coolen Partys. Der charismatische Firmenchef Eamon (Tom Hanks) überredet sie, an einem bahnbrechenden Experiment teilzunehmen. Diese Entscheidung beeinflusst zunehmend das Leben und die Zukunft ihrer Freunde und Familie. Es droht die totale Kontrolle in allen Bereichen.

Adaption des Bestsellers von Dave Eggers. Ein packender Thriller über eine bestürzend nahe Zukunft, in der jeder ohne Privatsphäre ist, vollständig durchleuchtet und überwacht, und einen Konzern, dem keiner entkommen kann.

Welchen Preis sind wir bereit, für Wissen und Information zu bezahlen? Der Große Bruder lässt grüßen!

Wertung: sollte man gesehen haben

Barry Seal – Only in America

von Doug Liman – USA 2017 – 114 Min.

In den 1980er-Jahren im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der wagemutige TWA-Pilot Barry Seal pendelt als Schmuggler zwischen Nord- und Südamerika hin und her. Gleichzeitig verdingt er sich für die CIA zur Aufdeckung von politisch-militärischen Operationen. Schon bald verstrickt er sich immer tiefer in dubiose Machenschaften zwischen CIA, FBI, Guerilla-Kämpfern in Nicaragua und dem kolumbianischen Kartell und Pablo Escobar. Ein irrwitziges Abenteuer als Waffenschmuggler, Drogenhändler und verdeckter CIA-Agent beginnt, das Barry zu einem der reichsten Männer der USA macht. Als er das haufenweise einkassierte Geld verstecken muss und er zusätzlich noch zu einer Schlüsselfigur in der Iran-Contra-Affäre wird beginnen die Probleme.

Nach einer authentischen Vorlage. Eine Paraderolle für Tom Cruise. Actiongeladen, rasant und witzig. Schnelle Schnitte, wechselnde Schauplätze usw. – mit allen Genre-Zutaten für ein unterhaltsames, virtuell-erregendes Erlebnis auf der großen Leinwand.

Wertung: sollte man gesehen haben

On the Milky Road

von Emir Kusturica – Serbien/GB/USA – 125 Min.

Emir Kusturica ist bekannt für überdrehte und skurrile Filme. Sein Einfallsreichtum beweist sich in der Vorliebe für schräge Typen im bizarren Ambiente; jedes neue Bild bietet auch neue Überraschungen und unvorhergesehene Entwicklungen. Die nicht immer folgerichtig verlaufenden Handlungen sind schwer zu beschreiben da sich immer wieder neue Facetten auftun. Und so ist es auch in diesem Film. Kusturica spielt einen Milchmann, der auch in Kriegszeiten seinem Geschäft nachgeht und mit seinem Esel die feindlichen Linien der beiden Bürgerkriegsparteien durchkreuzt. Eigentlich soll er die hübsche Dorfbewohnerin Milena heiraten, doch dann lernt er eine mysteriöse, attraktive Italienerin kennen. Das ist der Beginn einer leidenschaftlichen Liebe – wäre da nicht ein extrem eifersüchtiger General, der mit allen Mitteln alte Ansprüche gelten machen will. Und aus der Liebesromanze wird ein kriegsähnlicher Schauplatz mit im wahrsten Sinne des Wortes ‚fabelhaftem’ Geschehen.

Wertung: kann man sich ansehen

Jugend ohne Gott

von Alain Gsponer – D 2017 – 114 Min.

Eine Geschichte über Anpassung und Widerstand, Eliten und Außenseiter. Der Jugendliche Zach verweigert sich dem Regelwerk und dem Druck, dem er in einem Hochleistungscamp seiner Abschlussklasse ausgesetzt ist. Im Gegensatz zu seinen Kommilitonen hat er kein Interesse daran, auf die renommierte Rowald Universität zu kommen. Er lernt ein geheimnisvolles Mädchen kennen, das im Wald lebt und sich mit Diebstählen über Wasser hält. Im Camp ereignen sich daraufhin rätselhafte Dinge. Und als dann ein Mord geschieht, gerät die Ordnung tüchtig durcheinander.

Vorlage des Films ist der gleichnamige Roman von Ödön von Horwárth, der 1937 veröffentlicht wurde. Der dystopische Ansatz schwimmt in Machart und Absicht auf der Welle vergleichbarer Filme, die in den letzten Jahren ins Kino kamen und unterscheidet sich so von den anderen Verfilmungen des Romans, die dicht am Original blieben; so z.B. die Version von Roland Gall „Wie ich ein Neger wurde“. Hier werden die Jugendlichen ein Opfer der nationalsozialistischen Verführung. Die aktuelle Verfilmung führt zu keinen neuen Erkenntnissen, ist jedoch akzeptable Unterhaltungs-Ware.

„Frank Lehmann“, der Protagonist des Kult-Autors Sven Regner, hat auch die Leinwand erobert. Doch diesmal warten seine Fans vergebens auf ihn. Im Mittelpunkt des Films steht dafür der seit Jahren verschwundene Karl Schmidt. Seine Freunde entdecken ihn in einer drogentherapeutischen Einrichtung in Hamburg und überreden ihn, sie bei einer Rave-Tour durch Deutschland zu begleiten. Bei den zu erwartenden Gelagen können sie einen nüchternen Fahrer gut gebrauchen. Und Karl kommt es gelegen, seine Adresse zu verlassen. Die Handlung spielt Mitte der Neunziger Jahre in einer noch ungeordneten Musik- und Clubszene. Insgesamt ist alles sehr wenig reizvoll, denn Filme, in denen Bands touren, hat es immer schon gegeben. Allerdings weitaus witziger und unterhaltsamer. Hier zieht es sich hin und langweilt. Überraschungsarm trotz der routinierten Darsteller. Eine konzentriertere Regie hätte dem Projekt gutgetan.

Wertung: sollte man gesehen haben

Auguste Rodin

von Jacques Doillon – F 2017 – 119 Min.

Porträt des eigenwilligen, weltkannten Künstlers: sein Leben, seine Arbeiten, seine Erfolge, seine Zweifel und Niederlagen. Dabei geht es weniger um seine Werke, sondern in erster Linie um die Frauen, die ihn umgeben und deren Beziehung zu ihnen sich immer auch in seinen Arbeiten widerspiegeln. Ausgangspunkt ist das Jahr 1880 in Paris. Im Alter von 40 Jahren erhält er den Staatsauftrag: „Das Höllentor“ soll als gigantisches Bronzeportal den Eingang des neuen Kunstgewerbemuseums im Pariser Louvre schmücken – eine alles verschlingende Herausforderung, die zu Rodins Lebenswerk wird. Eine Phase manischen Schaffens beginnt, die durch Rodins Begegnung mit der hochbegabten, weitaus jüngeren Camillie Claudel noch intensiver wird; eine Beziehung, die ebenso leidenschaftlich wie turbulent verläuft. Doillons Film ist kein Biopic im klassischen Sinne, er widmet dem rastlosen Schaffen des genialen Bildhauers ebenso viel Raum wie seinem von dramatischen Widersprüchen geprägten Privatleben. In interessanter Aspekt des Films ist Rodins Begegnung mit Zeitgenossen wie Victor Hugo, Rainer Maria Rilke, Claude Monet und Paul Cézanne.

Wertung: hervorragend

Das ist unser Land

von Lucas Belvaux – F/B 2017 – 128 Min.

Pauline arbeitet als Krankenschwester in einer Kleinstadt im strukturschwachen Norden Frankreichs. Sie kümmert sich um ihren Vater und zieht ihre beiden Kinder allein groß. Sympathisch und aufopferungsvoll wie sie ist, wird sie von allen gemocht. Ihre Glaubwürdigkeit will sich eine aufstrebende nationalistische Partei zu Nutze machen und wirbt sie als Kandidatin für die kommenden Bürgermeisterwahlen an. Der charismatische Arzt und Politiker Dr. Berthier umschmeichelt Pauline und überredet sie zu kandidieren. In ihrem Beruf täglich mit sozialen Missständen konfrontiert, lässt sie sich von seinen populistischen Ansichten mitreißen, in der Hoffnung, in der Lokalpolitik etwas bewirken zu können. Ihr sozialistisch geprägter Vater ist bestürzt über den Gesinnungswandel seiner Tochter. Und diese muss bald erkennen, dass sie nur als hübsches Gesicht und Sympathieträgerin der landesweiten Wahlkampagne der rechtsgerichteten Parteichefin dienen soll.

Aufgrund seiner deutlichen Anspielungen auf den rechtsextremen Front National und seine Vorsitzende Marine Le Pen hat der Film in Frankreich Furore gemacht und wird dort stark diskutiert. Das spannend inszenierte polemische Politdrama zeigt, wie sich aufrechte, engagierte Menschen allzu leicht vom Populismus einnehmen lassen. Belvaux legt die Arbeitsmethoden und Mechanismen rechtsextremer Parteien offen und liefert damit auch zum deutschen Wahlkampf einen aufschlussreichen Diskussionsbeitrag.

Wertung: hervorragend

Atomic Blonde

von David Leitch – USA 2017 – 115 Min.

Kurz vor dem Fall der Berliner Mauer wird die MI6-Agentin Lorraine Broughton nach Berlin geschickt. Zusammen mit David Percival, ihrem örtlichen Kontaktmann des britischen Geheimdienstes, soll sie den Tod eines Geheimagenten aufklären. Es geht um eine hochbrisante Liste mit Namen von Agenten, Doppelagenten, Überläufern und Verrätern, an der gleich mehrere Dienste ein Interesse haben. Die politischen Bezüge dienen nur der Dekoration und spielen eine Nebenrolle; interessanter sind der Schauplatz und die aktuelle Situation, in der sich alles auflöst, die Orientierung verlorengeht, alte Grenzen verschwinden und sich neue auftun.

Ein mit reichlich Action gepfeffertes Spionage-Thriller-Ragout; gekocht in Ost- und Westberlin in den wirren Zeiten des Mauerfalls und mit landestypischen Zutaten aus der russischen-amerikanischen-deutschen-englischen-französischen Genreküche angerichtet. Also mit vielen Köchen, die diesmal aber nicht den Brei verderben, sondern daraus ein schmackhaftes und sattes Kinoerlebnis bereiten. Dazu dann noch der Soundtrack mit den Klassikern der 1980er-Jahre. Eine (Sex-)Bombenrolle für Charlize Theron: allein gegen alle; cool und emotionslos. Vorlage des Films ist die Graphic Novel „The Coldest City“ von Anthony Johnson und Sam Hart.

Wertung: kann man sich ansehen

Hampstead Park – Aussicht auf Liebe

von Joel Hopkins – GB 2016 – 103 Min.

Die eigenwillige Amerikanerin Emily passt nicht so recht in die hochnäsige Nachbarschaft Hampsteads. Durch Zufall macht sie die Bekanntschaft des kauzigen Donald, der seit Jahren in einer selbstgezimmerten, schäbigen Hütte im weitläufigen Park lebt. Er soll daraus vertrieben werden und einem Luxusbauprojekt weichen. Entschlossen und zum großen Entsetzen ihrer Freunde stellt Emily sich im Kampf um sein Zuhause auf die Seite des Außenseiters. Für alle überraschend entwickelt sich daraus eine ungewöhnliche Liebesgeschichte fern aller gesellschaftlichen Konventionen, die den beiden den Weg in eine neue Welt eröffnet. Inspiriert wurde der Film von einer realen Figur: Dem im Februar 2016 verstorbenen Iren Henry Hallowes, der von 1987 bis zu seinem Tod in einer abgeschiedenen Ecke des Hampstead Parks lebte. Daraus wurde nun eine sozialromantische Komödie mit viel Zuckerguss überzogen. Diane Keaton führt die große Hollywood-Gefühlsskala vor; Brendan Gleeson kann sich glücklicherweise hinter einem großen struppigen Bart verstecken. Die anderen Rollen, wie die der zickigen, neureichen Nachbarinnen, die sich als Freundinnen ausgeben solange es ihrem Vorteil dient, bedienen alle Klischees. Was hätte Ken Loach aus so einer Geschichte gemacht?

Wertung: hervorragend

Ein Sack voll Murmeln

von Christian Dugay – FR/CAN 2017 – 113 Min.

Paris 1941. Weil es in der besetzten Hauptstadt zu gefährlich geworden ist, plant die jüdische Familie Joffo die Flucht nach Südfrankeich, das noch nicht in deutscher Hand ist. Eine gemeinsame Reise wäre zu gefährlich, daher schicken die Eltern den zehnjährigen Joseph und seinen älteren Bruder Maurice allein auf den Weg. Ein gefährliches Abenteuer erwartet die Jungen, denn niemand darf erfahren, dass sie Juden sind. Doch dank ihres Mutes und Einfallsreichtums schaffen sie es immer wieder, den Besatzern zu entkommen.

„Kinder auf der Flucht“ ist leider nicht nur ein aktuelles Thema. Zu allen Zeiten und an allen Orten zählten oder zählen sie zu den Opfern der Kriege oder kriegsähnlicher Konflikte. Daran erinnert dieser Film in treffender Weise, hervorragend besetzt und inszeniert. Ausgangspunkt ist die authentische Lebensgeschichte und der Bestseller von Joseph Joffo; eine inspirierende Geschichte aus der Sicht von Kindern und ihre Art, die Welt wahrzunehmen, bis die Realität sie einholt. Vor gut vierzig Jahren wurde das Buch unter der Regie von Jacques Doillon erstmals verfilmt. Diese Version ist aber in Deutschland nicht in die Kinos gekommen.

Wertung: kann man sich ansehen

Der dunkle Turm

von Nikolaj Arcel – USA 2017 – 95 Min.

Ein Versuch, die umfangreiche und ambitionierte Roman-Reihe von Stephen King filmisch in den Griff zu kriegen, muss zwangsläufig scheitern. Der Regisseur bezeichnete das Werk als „Inspiration“. Die Geschichte des Revolvermanns gegen den Mann in Schwarz, der mit der gebündelten Kraft von Kindergedanken den Dunklen Turm zu Fall bringen will, beschränkt sich auf Anspielungen und Verweise, demonstriert dafür die genreüblichen Effekte und Schauwerte. Entstanden ist ein kinotaugliches Fantasy-Abenteuer als Werbefilm für die Bestseller-Serie

Wertung: hervorragend

Der Stern von Indien

von Gurinder Chadha – GB/Indien 2017 – 106 Min.

1947 kommen Lord Mountbatten und seine Frau Edwina nach Delhi. Als Vizekönig soll Mountbatten die britische Kronkolonie in die Unabhängigkeit entlassen. In seinem Palast arbeiten nicht weniger als 500 indische Bedienstete, darunter der junge Hindu Jeet, der hier unverhofft seine einstige Flamme wiedertrifft, die schöne Muslima Aalia. Es ist eine verbotene Liebe, denn eine Verbindung zwischen Angehörigen der verfeindeten Religionen kommt nicht in Frage. Als Mountbatten die neuen Staaten Indien und Pakistan gründet, brechen schwere Unruhen aus.

Mit opulenter Ausstattung und mit großformatigen, leinwandfüllenden Bildern erzählt der Film die Geschichte einer (fast) unmöglichen Liebe vor dem Hintergrund der dramatischen und blutigen Umstände der Teilung Indien nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Handlung balanciert geschickt zwischen den emotionalen und kognitiven Ebenen. Die Protagonisten des Films – das britische und das indische Paar – dienen dabei als Identifikationsfiguren eines Films, der angesichts aktueller Ereignisse auf die Teilung des Landes hinweisen will, die eine der größten Fluchtbewegungen der Geschichte auslöste. Zehn Millionen Hindus und Sikhs wurden aus Pakistan vertrieben, etwa sieben Millionen aus Indien. Rund eine Million Menschen kamen dabei ums Leben.

Wertung: hervorragend

Der Wein und der Wind

von Cedric Klapisch – F 2016 -114 Min.

Es ist Spätsommer im Burgund und die Weinernte steht bevor. Die dreißigjährige Jean kehrt nach vielen Jahren der Funkstille auf das idyllische Familienweingut zurück. Sein Vater liegt im Sterben und seine Geschwister Juliette und Jérémie, die das Gut in der Zwischenzeit aufrechterhalten haben, können jede Unterstützung gebrauchen. So wie sich jedes Erntejahr nach den Jahreszeiten richtet, erkennen die Geschwister, dass manch offene Wunden auch über die Jahre hinweg nicht heilen. Gemeinsam müssen sie entscheiden, ob die Familientradition weitergeführt werden soll oder jeder seinen eigenen Weg geht.

Ein „Familienfilm“ wie ihn nur das französische Kino kennt: Anspruchsvoll, charmant, hervorragend besetzt und mit visueller Kraft umgesetzt. Er animiert zu einer Rundreise durch Burgund – Route des Grands Crus de Bourgogne - zu Zeiten der Weinlese incl. diversen Verkostungen. Aber auch ein Film, der zu allen Jahreszeiten gute Laune und Lust auf einen kleinen Weißen oder Roten verbreitet. Mein privater Einkaufs-Tipp: Die Winzergenossenschaft in Buxy.

Wertung: kann man sich ansehen

Planet der Affen: Survival

von Matt Reeves – USA 2017 – 133 Min.

Das dritte Kapitel der Blockbuster-Story. Die graugewordene und altersmilde Caesar und seine Affen werden von einer Menschenarmee unter der Leitung eines skrupellosen Colonels in einen tödlichen Konflikt gezwungen. Nach schweren Verlusten auf Seiten der Affen ringt Caesar mit seinen dunkleren Instinkten und beginnt seinen eigenen mystischen Kampf um Rache für die Seinen. Schließlich kommt es zwischen Caesar und dem Colonel zur epischen Entscheidung, die das Schicksal beider Spezies und die Zukunft des gesamten Planeten bestimmen wird.

Eine beachtliche Weiterentwicklung aufwändiger Spezialeffekte. Die Story ist als dystopischer Anti-Kriegsfilm angelegt, hat aber kein dynamisches Eigengewicht.

Wertung: sollte man gesehen haben

Das Gesetz der Familie

von Adam Smith – GB 2016 – 99 Min.

Seit Generationen leben die Familienmitglieder des berüchtigten Cutler-Clans als Outlaws in

Gloucestershire in England. Was sie zum Leben brauchen, stehlen sie von den reichen Bewohnern der Gegend und haben einen Mordsspaß dabei, die lokale Polizei an der Nase herumzuführen und fordern sie zu rasanten Verfolgungsjagden heraus. Chad bewundert seinen Vater, Clan-Oberhaupt Colby, dafür ein Freigeist zu sein und sein Leben in absoluter Unabhängigkeit verbracht zu haben. Doch ihre Unabhängigkeit hat ihren Preis. Chads Frau besteht darauf, die Kinder zur Schule zu schicken; Colby ist dagegen. Chad hängt dazwischen. Die Polizei liegt stets auf der Lauer, in der Gruppe herrscht Chaos und das Geld ist immer knapp. Als ein vielversprechender Einbruch ansteht, muss Chad sich entscheiden, ob er sein vorbestimmtes Erbe antritt oder ein eigenes Leben beginnt.

Adam Smith möchte mit seinem Film auf eine Familie von Outlaws aufmerksam machen, die sich jenseits jeglicher Gesellschaft befinden. Sympathieträger und Identifikationsfiguren für die emotionale Bindung sind dabei Michael Fassbender als Chad und Brendan Gleeson als Colby.

Der vitale Gleeson hat dabei als Vaterfigur den zentralen Part, wobei hingegen Fassbender vielleicht etwas zu smart für den aufbegehrenden Sohn ist.

Wertung: sollte man gesehen haben

Final Portrait

von Stanley Tucci – GB 2017 – 90 Min.

Wer Alberto Giacomettis Arbeiten mag, der mag auch diesen Film. Die Handlung spielt 1964 in seinem Atelier in Paris. Die junge Schriftsteller und Kunstliebhaber James Lord will eigentlich zurück nach Amerika, doch er willigt ein, dem Künstler für ein Porträt Modell zu sitzen. Doch er hat keine Ahnung, worauf er sich da eingelassen hat. Schon bald erhält er Einblicke in den faszinierenden, intensiven und stellenweise völlig chaotischen und irritierenden Schaffensprozess des Künstlers. Das Bild will nicht fertig werden, und aus Tagen werden Wochen. Immer wieder werden Termine verschoben oder sie enden ohne konkretes Ergebnis, weil Giacometti gerade nicht in Stimmung ist oder lieber bei Rotwein im Bistro sitzt oder sich mit Frauen vergnügt.

Atmosphärisch dicht und äußerst unterhaltsam präsentiert der Film das Bild eines der wichtigsten Künstler der Moderne; so realistisch wie ein Dokumentarfilm und so komödiantisch wie ein Film von René Clair. Vor allem ein großes Kompliment an Geoffrey Rush für seine darstellerische Leistung. Nach „The King’s Speech“ ein weiterer Höhepunkt.

Wertung: sollte man gesehen haben

Die göttliche Ordnung

von Petra Volpe – Schweiz 2016 – 97 Min.

Die Schweiz im Jahr 1971. Die junge Hausfrau Nora lebt mit ihrem Mann Hans und ihren zwei Söhnen in einem friedlichen kleinen Dorf im Appenzell. Seit dem Mai 1968 ist ein Ruck durch die Gesellschaft gegangen, das soziale Gefüge ist im Wandel oder abseits der großen Städte ist davon noch nicht viel zu spüren. Das ruhige und harmonische Leben ändert sich, als Nora sich leidenschaftliche und in aller Öffentlichkeit für das Frauenwahlrecht einsetzt. Sie eckt damit im Dorf an, doch sie ist entschlossen, das Wahlrecht durchzusetzen. Doch dazu bedarf es der Zustimmung der Männer, denn nur sie können darüber abstimmen. Von Noras Engagement und ihren politischen Ambitionen werden auch die anderen Frauen angesteckt und proben gemeinsam den Aufstand. Beherzt kämpfen die züchtigen Dorfdamen bald nicht nur für ihre gesellschaftliche Gleichberechtigung, sondern auch gegen eine verstaubte Sexualmoral.

Als eines der letzten europäischen Länder führte die Schweiz erst 1971 das Wahlrecht für Frauen ein. Große Politik auf engstem Raum. Eine sorgfältig und detaillierte Beobachtung der Emanzipation einer Frau in der Schweiz der 70er Jahre; in eine Situation, in der chauvinistische Vorurteile und echte Frauen-Solidarität aufeinander treffen. Der Film wurde mit mehreren Preisen und Auszeichnungen bedacht.

Wertung: hervorragend

Spider-Man: Homecoming

von Jon Watts – USA 2017 – 133 Min.

Immer noch euphorisch von dem packenden Kampf mit den Avengers auf dem Leipziger Flughafen kehrt Peter Parker in seine Heimatstadt New York zurück, wo er mit seiner Tante May und unter den wachsamen Augen seines neuen Mentors Tony Stark lebt. Es fällt ihm jedoch nicht leicht, sich im Alltag zurechtzufinden. Die Highschool langweilt ihn; er will beweisen, dass mehr in ihm steckt als nur der sympathische, hilfsbereite Spider-Man aus der Nachbarschaft, der kleine Kriminelle für böse Taten bestraft.

Als ernsthafter Gegner kreuzt der größenwahnsinnige Entsorgungsunternehmer Adrian Toomes/The Vulture seine Wege. Aus den Trümmern, die bei einem Alien-Angriff auf New York zurückgeblieben sind, hat er sich die dazu erforderlichen Superwaffen gebaut. Sein Zerstörungswahn macht vor nichts halt; das Washington-Monument und die Fähre von Staten Island sind die nächsten Ziele. Peter macht sich auf eigene Faust auf die Jagd nach Superschurken.

Der Film geht zurück in die Flegeljahre Spider-Mans. Action und Humor sind gleichermaßen verteilt. Tom Holland, der schon den kurzer Part Spider-Mans in „The First Avenger: Civil War“ spielte, ist die ideale Identifikationsfigur für Jugendliche, die erstmals in Marvel Cinematic Universe eintauchen und (nach Ansicht der Produzenten) dort hoffentlich lange verweilen. Zwei weitere Filme sind geplant.

Wertung: sollte man gesehen haben

Paradies

von Andrei Konchalovsky – Russland/ D 2016 – 131 Min.

In Frankreich während des Zweiten Weltkriegs kreuzen sich die Wege von Olga, Jules und Helmut. Olga, eine aristokratische Immigrantin, arbeitet als Redakteurin für eine Modezeitschrift, gehört aber auch zur Résistance. Sie fliegt auf, als bei einer Razzia der Deutschen in ihrer Wohnung zwei jüdische Kinder entdeckt werden. Im Gefängnis trifft sie auf den Franzosen Jules, der mit den Nazis kollaboriert und ihr ein milderes Strafmaß im Austausch für sexuelle Gefälligkeiten anbietet. Doch eines Tages verschwindet Jules wegen Korruption und Olga landet in einem Konzentrationslager. Hier trifft sie ausgerechnet auf den SS-Offizier Helmut, der sich vor Beginn des Krieges in sie verliebt hatte…

Eine schwer zu beschreibende, intensive Handlung mit einer emotionalen Dichte, wie sie das filmische Oeuvre von Konchalowsky geprägt hat. Ein kraftvoller Film über den Raum zwischen der unstillbaren Sehnsucht nach Erlösung und den grausamen Realitäten des 20. Jahrhunderts, eine zeitlose Parabel aufs Menschsein im Holocaust. Er wurde mit mehreren Preisen und Auszeichnungen bedacht; leider nicht für die überragende Darstellerin Julia Vysotskaya (Olga), die dem Film im wahrsten Sinne des Wortes ihr ‚Gesicht’ verleiht.

Wertung: sollte man gesehen haben

Ein Chanson für dich

von Bavo Defurne – B/LUX/F 2016 – 90 Min.

Ein tolle, altersgerechte Rolle für die Leinwand-Ikone Isabelle Huppert. Sie spielt eine ehemals erfolgreiche französische Sängerin, die in einer Lebensmittel-Fabrik am Fließband arbeitet. Ihr Alltag ist öde und lethargisch; nach der Arbeit die Ratesendungen im TV und die obligatorische Flasche Wein. Ihr Leben ändert sich, als ein junger Hobby-Boxer für einige Zeit ihr Kollege wird. Er erkennt sie, da sein Vater früher ein glühender Verehrer der Künstlerin ‚Liliane’ war. Mit einer verwegenen Charme-Offensive gelingt es ihm, sie zu einem einmaligen Auftritt im Rahmen eines Club-Festes zu überreden. Doch die Medien sind informiert und weitere Auftritte folgen; ihr Kollege wird ihr Manager und Liebhaber. Doch das Comeback erweist sich als gewagtes, risikoreiches Unternehmen.

Ein Film, der sich Zeit nimmt, die unterschiedlichen Charaktere seiner Protagonisten glaubwürdig aufeinander abzustimmen und das Ambiente sorgfältig ins Bild zu setzen. Dank der schauspielerischen Souveränität ist der Film eine lockere, entspannte Komödie, obwohl sich die Story hart am Rand einer Seifenoper bewegt.

Wertung: sollte man gesehen haben

Ihre beste Stunde

von Lone Scherfig – GB 2017 – 117 Min.

London 1940. Die couragierte Werbetexterin Catrin Cole heuert beim Informationsministerium an. Hier soll ein Film gedreht werden, der der Nation in Kriegszeiten wieder Mut und Hoffnung gibt. Ihre Aufgabe ist es, dem Skript eine ‚weiblichere’ Note zu verleihen. Catrin landet in einem wild zusammengewürfeltem Team, das unter schwierigen Bedingungen arbeiten muss. Draußen fallen die Bomben und innerhalb der Produktion kommt es zu Reibereien und Kompetenzstreitigkeiten. Die Außenseiterin entwickelt sich zu einer zentralen Figur; sie erkennt, dass sich hinter der Kamera mindestens genauso viel an Komödie, Drama und Leidenschaft abspielt wie davor.

Ein Film, der das Zeitgeschehen mit einer Liebesgeschichte verknüpft – mit der typisch britischen Art, gekonnt Drama, Komödie und Romantik mit feinem Humor und einem Sinn für hintergründige Dramatik in Szene zu setzen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Die Verführten

von Sofia Coppola – USA 2017 – 94 Min.

Sofia Coppolas Adaption des Romans „The Beguiled“ von Thomas Cullinan spielt 1864 im amerikanischen Bürgerkrieg. Ort des Geschehens ist eine Mädchenschule, die während des tosenden Krieges eine sichere Zuflucht vor den Schrecken der Außenwelt bietet. Als in unmittelbarer Nähe ein verletzter Soldat entdeckt und zur Pflege in die Schule gebracht wird, gerät das geregelte Leben der Mädchen und Frauen durch seine Anwesenheit aus den Fugen. Schon nach kurzer Zeit erliegen die dem Charme des Soldaten. Eifersucht und Intrigen vergiften zunehmend das Zusammenleben. Es beginnt ein erotisch aufgeladenes Spiel mit unerwarteten Wendungen, das Opfer auf beiden Seiten fordert. War bei der aus maskuliner Perspektive heraus gedrehte Film „Betrogen“ (USA 1970, Regie: Don Siegel) der „Held“ noch der ambivalente Held (Clint Eastwood), so dominieren bei Coppolas gruppendynamischen Prozess eindeutig die Frauen. Das macht einen direkten Vergleich beider Filme zu einem reizvollen Unternehmen, denn die Machtspielchen zwischen Männern und Frauen sind zeitlos.

Wertung: ärgerlich

Transformers: The Last Knight

von Michael Bay – USA 2016 – 151 Min.

Eine endlos lange quälende Materialschlacht, die nun schon in die fünfte Runde geht. Inmitten der sich verselbständigten Monstermaschinen ein paar werbeträchtige Darsteller, denen aber nicht viel abverlangt wird. Schade um die Zeit. Sich im Internet ein Trailer anzusehen reicht völlig aus. Mehr ist nicht drin und hat der Film auch nicht zu bieten.

Wertung: sollte man gesehen haben

Born To Be Blue

von Robert Budreau – Canada/GB 2015 – 97 Min.

Ein biographisch verankerter Film über die Jazz-Legende Chet Baker – über Aufstieg und Fall. Anders als etwa wie in dem Charlie ‚Bird’ Parker-Film von Clint Eastwood (USA 1988) werden hier weniger die Jazz- und Club-Szene und die zeitgeschichtlichen Hintergründe mit einbezogen. Die Bebilderung des „King of Cool“ konzentriert sich auf die Beziehung zwischen dem Protagonisten und seiner Frau sowie auf wenige Personen aus dem Umfeld. Ethan Hawke liefert ein intensives und überzeugendes Porträt des Charakters. Geschickt montierte Rückblenden, die einen Eindruck von einzelnen Stationen seines Lebens vermitteln, und eine gehörige Portion Jazz garantieren einen aufschlussreichen und unterhaltsamen Film, den man aber nicht unbedingt im Kino sehen muss.

Wertung: sollte man gesehen haben

In Zeiten des abnehmenden Lichts

von Matti Geschonneck – D 2017 – 101 Min.

Vorlage des Films ist der gleichnamige, mit dem Deutschen Buchpreis 2011 ausgezeichnete Roman von Eugen Ruge; das Drehbuch schrieb Wolfgang Kohlhaase. Es geht um das Schicksal einer Familie in vier Generationen, die in den letzten Tagen der DDR zusammenkommt, um den 90. Geburtstag eines hochdekorierten SED-Funktionärs (Bruno Ganz) zu feiern. Das Treffen führt zum Zerfall der Familie.

Vergleichbar ist der Film mit dem Psychodrama „Das Fest“ von Thomas Winterberg (Dänemark 1998), der den Zusammenbruch einer Familien-Idylle nach den DOGMA 95-Regeln zeigt. In dem Film von Geschonneck zerfällt nicht nur eine Familie, sondern auch ein System und ein ganzer Staat. Neben den überzeugenden darstellerischen Leistungen des gesamten Ensembles ist es auch die minutiöse und detaillierte Rekonstruktion des DDR-Alltags, die den Gehalt des Films ausmachen.

Wertung: sollte man gesehen haben

Abgang mit Stil

von Zach Braff – USA 2016 – 96 Min.

Morgan Freeman, Michael Caine und Alan Arkin spielen drei lebenslang befreundete ehemalige Stahlarbeiter, die durch den Konkurs ihrer Firma vor dem finanziellen Ruin stehen. Sie setzen alles auf eine Karte und planen ein halsbrecherischen Coup um die Bank abzuzocken, die sich ihr Altenteil unter den Nagel gerissen hat.

Die Handlung ist voraussehbar und demnach nicht sonderlich spannend. Aber wer die drei

Protagonisten liebt und sie in Hochform erleben möchte, der ist hier gut bedient. Außerdem gibt es noch ein erfreuliches Wiedersehen mit Ann-Margret, Joey King, Matt Dillon und Christopher Lloyd.

Bei dem Film handelt sich um ein Remake der gleichnamigen Komödie aus dem Jahre 1979.

(„Die Rentnergang“; R: Martin Brest). Ein Vergleich der aktuellen Kinoversion mit dem Vorläufer (auf DVD) als authentische Belege der Film- und Zeitgeschichte ist äußerst reizvoll.

Wertung: ärgerlich

Free Fire

von Ben Wheatley – GB 2016 – 90 Min.

In einer verlassenen Lagerhalle in der Nähe von Boston treffen Waffenhändler, Dealer und andere zwielichtige Gestalten aufeinander. Eine große Ladung Waffen soll den Besitzer wechseln. Eigentlich ein simpler Deal. Doch dann geraten die Parteien in einen Streit, bei dem die verhandelten Knarren einem blutigen Härtetest unterzogen werden. Die Halle verwandelt sich in eine Kampfarena und ein gnadenloser Shootout (insgesamt 6000 Schuss Munition) um Leben und Tod beginnt – und der erstreckt sich über ca. 80 Minuten der Laufzeit des Films.

Wertung: kann man sich ansehen

Es war einmal in Deutschland ...

von Sam Garbarski – D/B/L 2016 – 102 Min.

Frankfurt am Main 1946. David Bermann und seine jüdischen Freunde sind dem Naziregime knapp entkommen und träumen von einer Ausreise nach Amerika. Um an das nötige Geld zu kommen, ziehen sie von Haus zu Haus und preisen mit viel Geschick und Chuzpe den Hausfrauen Wäschepakete an. Parallel dazu muss sich Bermann vor den amerikanischen Besatzern für seine Vergangenheit verantworten, in der es einige Unklarheiten gibt. War er ein Kollaborateur oder nicht? Und stimmen seine Geschichten, die er mit Charme und Witz der attraktiven US Special Agentin vorträgt?

Es ist in diesem Film um den berühmten jiddischen Witz, der bei den Lebenskünstlern und Überlebenskünstlern eine zentrale Rolle spielt. Leider ist die Inszenierung an dieser Vorlage gescheitert. Er gleicht mehr den Geschichts-Doku-Dramen, wie man sie aus diversen Fernsehfilmen kennt. Kein Vergleich mit dem hervorragenden, atmosphärisch-stimmungsvollen und pointensicheren Film „Alles auf Zucker!“ von Dani Levy (D 2004)

Wertung: sollte man gesehen haben

United Kingdom

von Amma Asante – UK/Tschechien 2016 – 111 Min.

Die außergewöhnlichsten Geschichten stammen nicht immer aus dem Drehbuch – viele davon haben einen realen Hintergrund. So auch dieser Film, der auf wahren Begebenheiten beruht. Im Jahr 1947 verliebte sich Sereste Khama, König von Bechuanaland (dem heutigen Botswana), in die Londoner Büroangesellte Ruth Williams. Ihre Heirat wurde nicht nur von ihren beiden Familien, sondern auch von den Regierungen Großbritanniens und Südafrika abgelehnt. Doch Sereste und Ruth trotzten ihren Familien, der Apartheid und dem Britischen Empire – ihre Liebe war stärker als jedes Hindernis, das sich ihnen in den Weg stellte. Sie veränderten die Geschichte einer Nation.

Ein unaufgeregter, sorgfältig inszenierter Film, der ein interessantes Kapitel Zeitgeschichte auffächert und den arroganten Herrschaftsanspruch der Briten kritisch hinterfragt. Der Regie von Amma Asante gelingt eine perfekte Balance zwischen Politik und Emotionen, zwischen historischen Fakten und einer großen, mitreißenden Lovestory.

Wertung: sollte man gesehen haben

Life

von Daniel Espinosa – USA 2017 – 103 Min.

Eine international zusammengesetzte, sechsköpfige Gruppe Wissenschaftler forscht auf einer Raumstation nach Spuren außerirdischen Lebens auf dem Mars. Sie haben eine Kapsel abgefangen, die von einer langjährigen Marsexpedition zurückkehrt und stoßen auf eine Sensation: In ihr befindet sich ein fremder Organismus, ein Tentakel-Alien, das rasend schnell heranwächst und sich schon bald gegen die Crewmitglieder wendet. Diese müssen nun ihr eigenes Überleben sichern, denn die hochintelligente Kreatur hat vor Millionen von Jahren bereits den gesamten Mars ausgelöscht und bedroht nun die Erde.

Ein klaustrophobischer SF-Thriller mit Horror-Sequenzen. Die Story ist nicht umwerfend neu, aber aufregend visualisiert mit Bildern, die eine große Leinwand fordern, um sich zu entfalten. Ein Film, der sich nur im Kino erleben lässt.

Wertung: sollte man gesehen haben

Storm und der verbotene Brief

von Dennis Bots – NL 2017 – 105 Min.

Ein historischer Kinderkrimi – rechtzeitig auf der Leinwand zum Lutherjahr. Die Handlung spielt im Antwerpen des 16. Jahrhunderts; in einer Zeit, in der die Katholische Kirche mit brutalen Mitteln und brachialen Methoden gegen die Verbreitung der Schriften des Reformators Martin Luther vorgeht. Im Mittelpunkt steht der 12-jährige Junge Storm, dessen Vater in seiner Druckerei einen Brief Luthers drucken und verbreiten will. Doch die Obrigkeit erfährt davon; der Vater kommt ins Gefängnis, wo ihm der Scheiterhaufen droht. Sein Sohn kann mit der Druckplatte fliehen und will seinen Vater retten. In dem in den Katakomben lebenden Waisenmädchen Marieke findet er eine Verbündete. Was als abenteuerliche Flucht beginnt, wird zu einem riskanten Kampf um die Freiheit. „Storm“ ist ein spannender, aufwändig inszenierter Bilderbogen; eine Zeitreise in die europäische Vergangenheit. „500 Jahre Reformation“ ist ein willkommener Anlass, diesen Film auch als Familienfilm zu betrachten – im wahrsten Sinne des Wortes.

Wertung: sollte man gesehen haben

Der Himmel wird warten

von Marie-Castille Mention-Schaar – F 2016 – 105 Min,

Ein Film zur aktuellen Diskussion. Es geht um junge Mädchen, die in wohlbehütetem Familienumfeld aufwachsen und sich dem Dschihad anschließen. Die 17-jährige Sonia ist bereit für einen Anschlag; ihre Eltern ahnen nichts und werden davon überrascht, als ihr Haus von der Polizei gestürmt wird und ihre Tochter unter Arrest gestellt wird. Aber sie wird nicht verhaftet, sondern bleibt bei der Familie, die sie kontrollieren muss. Die gleichaltrige Melanie lebt bei ihrer Mutter Sylvie. Die beiden verbringen viel Zeit miteinander. Sylvie ist stolz auf das enge Verhältnis, das sie zu ihrer Tochter hat. Aber sie ahnt nicht, dass Melanie im Internet eine Beziehung zu einem jungen Mann eingeht, der sie umschmeichelt, letztendlich aber als Kriegerin aktivieren und sie nach Syrien schicken will.

Der Film erzählt eindringlich und emotional ergreifend von den Gräben, die zwischen den Generationen liegen und von den Chancen, in das Schicksal der Mädchen einzugreifen. Eindrucksvoll und authentisch überzeugend zeichnet die Regisseurin das Porträt junger Mädchen, sie sich zur Selbstzerstörung entschieden haben.

Wertung: sollte man gesehen haben

Mit Siebzehn

von André Téchiné – F 2016 – 116 Min.

Damien und Thomas gehen in eine Klasse. Sie mögen sich nicht, streiten und raufen. Marianne, die Mutter von Damien, ist Landärztin. Sie wird zu einer Frau gerufen, die auf einem abgelegenen Berghof in den Pyrenäen lebt. Thomas ist ihr Adoptivsohn. Marianne kümmert sich um die Frau (sie ist schwanger) und auch um Thomas, den sie in ihre Familie aufnimmt. Die Konflikte zwischen Damien und Thomas eskalieren. Und es dauert eine Weile, bis die beiden Jungen herausfinden, was sie trennt und was sie verbindet.

Lange waren keine Filme von Téchiné in unseren Kinos mehr zu sehen – auch nicht seine Klassiker aus den 1970er-Jahren. Doch hier legt der mittlerweile 73 Jahre alt gewordene Regisseur einen frischen Jugendfilm vor, der Authentizität und Charme besitzt. Zur emotionalen Wirkung tragen in erster Linie die schauspielerischen Leistungen der beiden Hauptdarsteller Kacey Mottet Klein und Corotin Fila sowie die von Sandrine Kiberlain als Marianne bei. Eine Coming-of-age- Geschichte der besonderen Art.

Wertung: sollte man gesehen haben

Die Schöne und das Biest

von Bill Condon – USA 2017 – 130 Min.

Neuauflage des Disney-Klassikers als eine Mischung aus Real- und Animationsfilm mit viel Musik und Gesang. Trotz variierter Handlung und Schauplätze bleibt der Charme der Geschichte erhalten, wobei es die animierten Figuren wie beispielsweise der Kerzenleuchter, die Kaminuhr, die Teekanne, der Staubwedel oder das Cembalo weitaus spielfreudiger inszeniert werden als die realen Charaktere, die ihre Rollenklischees nicht verlassen können (dürfen?). Über alle Unebenheiten hinweg besticht die Präsenz der glänzend aufgelegten Emma Watson, mit der man begeistert mitfiebert. Unterhaltungskino pur für Jung und Alt. Dort, wie Disney draufsteht, ist auch Disney drin.

Wertung: sollte man gesehen haben

Wilde Maus

von Josef Hader – Österreich 2016 – 103 Min.

Josef Hader spielt den Musikkritiker Georg, der von dem selbstgefälligen Chefradakteur einer Wiener Zeitung gekündigt wird. Seiner jüngeren Frau, deren Gedanken nur um das Kinderkriegen kreisen, verheimlicht er den Rausschmiss und sinnt auf Rache. Dabei steht ihm sein ehemaliger Mitschüler Erich zur Seite, dem Georg in seiner neu gewonnenen Freizeit hilft, eine marode Achterbahn („Wilde Maus“) im Wiener Prater wieder in Gang zu setzen. Georgs nächtliche Rachefeldzüge gegen seinen ehemaligen Chef beginnen als kleine Sachbeschädigungen und steigern sich zu immer größer werdendem Terror. Schnell gerät sein bürgerliches Leben völlig aus dem Ruder. Josef Hader (Buch, Regie und Hauptrolle) in einer Rolle als sympathischer Verlierertyp – nicht ganz so abgründig und bitterböse wie der Simon Brenner aus den Haas-Verfilmungen. Eine amüsante gesellschaftskritische Tragikomödie mit dem Hader eigenen Witz und Humor.

Wertung: sollte man gesehen haben

Kong: Skull Island

von Jordan Vogt-Roberts – USA 2017 – 118 Min.

Der Mythos um den Riesenaffen Kong hält an. Im Auftrag der Regierung erhält in den 1970er-Jahren ein Team aus Soldaten, Wissenschaftlern und Abenteurern den Auftrag, eine unerforschte Pazifikinsel zu erforschen. Ohne es zu ahnen, dringen sie in das Revier des gewalttätigen Kong ein. Von einem Amerikaner, der bereits vor längerer Zeit auf der Insel strandete, erfahren sie, dass dort neben dem Affen Kong noch viele weitere Monster leben. Weitab von der Zivilisation kommt es dort zur ultimativen Konfrontation zwischen Mensch und Natur.

Mit jeder neuen Filmtechnik kann „Kong“ als Fantasy-Abenteuer immer wieder neu erzählt und inszeniert werden. Die Geschichten variieren, das Ensemble neben dem „Star“ ist austauschbar. Dieser Film setzt wie seine Vorgänger ebenfalls auf die visuellen Schauwerte, die hier zu Höchstleitungen auflaufen und Kinounterhaltung pur servieren. Eine Wirkung, die sich nur in gut ausgestatteten Kinos entfaltet. Wer das mag, kommt auf seine Kosten.

Wertung: sollte man gesehen haben

Silence

von Martin Scorsese – USA 2016 – 161 Min.

Ein historisches Bilderbuch. Die Handlung beginnt 1638. Pater Sebastiao und Pater Francisco brechen von Portugal in das für die westliche Welt völlig abgeschottete Japan auf. Sie gehen den Spuren ihres Lehrers nach, der in Japan verschollen ist und seinem Glauben abgeschworen hat. Inn Japan treffen sie auf eine Gesellschaft, in der die Christen verfolgt und mit Foltermethoden dazu gezwungen werden, ihren Glauben zu verleugnen. Sebastiao und Francisco erleben ein von Gewalt und Terror zerrissenes Land, in dem sie sich ihrer persönlichen Glaubensfrage stellen müssen. Scorsese schreckt wie immer nicht vor brutalen Bildern nicht zurück. Die Frage aber ist, welche Bedeutung solch ein Rückblick auf vergangene Geschehnisse heute bewirken kann. Identifikationsfiguren sind die Protagonisten nicht und Parallelen zu aktuellen Situationen bieten sich nicht an. Was bleibt ist Kino für die große Leinwand.

Wertung: kann man sich ansehen

Der junge Karl Marx

von Raoul Peck – D/D/B 2016 – 118 Min.

Ein Film über die bewegte Jugendzeit zweier Männer, die man als historische Figuren kennt. Die Handlung beginnt in Paris im Jahre 1844, am Vorabend der industriellen Revolution, und endet mit dem Kommunistischen Manifest. Die Zeit danach und die Folgen werden nicht thematisiert. Hier steht die Freundschaft zwischen Marx und Engels im Mittelpunkt, ergänzt um den Einfluss von Jenny Marx auf das Denken und Handeln der beiden Geistesgrößen. Ein Porträt der Zeit und der Menschen wie in TV-Geschichtsserien. Von dem revolutionärem Atem ist nichts zu spüren. Der Film, bleibt auf Distanz, verheddert sich in wechselnden Schauplätzen und dem Arrangement von Protagonisten, die schemenhaft skizziert werden.

Wertung: nicht zu empfehlen

Tour de France

von Rachid Djaidani – F 2016 – 95 Min.

Ein Rap-Star, der sich wegen eines Streits mit einer rivalisierenden Gang aus Paris absetzen muss, verdingt sich als Chauffeur bei einem schlechtgelaunten Hobbykünstler. Es geht darum, den Spuren eines Landschaftsmalers zu folgen, um von dessen Hafen-Gemälden eigene Versionen anzufertigen. Die beiden unterschiedlichen Charaktere nähern sich einander an – wie auch nicht anders zu erwarten. Aber diese Partnerschaft ist ohne Charme und Witz arrangiert und überzeugt nicht. Müde Scherze und verbrauchte Klischees über aufgeschlossene Muslim und reaktionäre Franzosen. Ein mehr als übergewichtiger Depardieu schleppt sich durch die Handlung. „Tour de Qual“ wäre der passende Titel.

Wertung: sollte man gesehen haben

Fences

von Denzel Washington – USA 2016 – 138 Min.

Ein Familiendrama. Die Handlung spielt in den 1950er Jahren in Pittsburgh, Pennsylvania.

Im Mittelpunkt steht der Afroamerikaner Troy Maxson, der einen schlechtbezahlten Job bei der Städtischen Müllabfuhr hat. Er ist launisch und mit seinem Leben nicht zufrieden, auch wenn er das nicht wahrhaben will. Oft flüchtet er sich in Vergangenheits-Lügen, um sein überschaubares Dasein zu rechtfertigen. Zu seiner Familie zählen seine Ehefrau Rose, ihr gemeinsamer Sohn Cory und Lyons, ein Sohn aus Troys erster Ehe. Troys Bruder Gabriel leidet unter einer Kriegsverletzung am Kopf und ist psychisch schwer angeschlagen. Troy kümmert sich um ihn; nicht zuletzt deswegen, weil Gabriel als Kriegsveteran eine Entschädigung bekommt, von der sich Troy ein kleines Häuschen leisten kann. So gut wie zur Familie zählt noch Jim Bono, Troys alter Kumpel, den er bereits seit seiner Jugendzeit kennt und mit dem er einige gemeinsame Jahre im Knast verbracht hat.

Cory ist ein talentierter Baseballspieler und träumt von einer Profi-Karriere. Troy ist strikt dagegen und die beiden geraten öfters aneinander. Lyons möchte gerne in einer Jazzband spielen, doch entsprechende Engagements bleiben aus. Und Rose ist diejenige, die alles zusammenhält und sich für ihre Familie aufopfert.

Das Familien- und Nachbarschaftsgefüge gerät durcheinander, als Troy ein Verhältnis mit einer anderen Frau eingeht und aus dieser Beziehung ein Baby unterwegs ist. Da die Mutter bei der Geburt stirbt, muss Rose sich auch noch um das kleine Mädchen kümmern.

Vorlage des Films ist das erfolgreiche, gleichnamige Theaterstück von August Wilson. Die Rolle von Troy spielte Denzel Washington bereits am Broadway; hier hat er die Regie und Hauptrolle übernommen. Dem Film merkt man deutlich seine Bühnen-Herkunft an; eigene filmische Akzente – wie etwa die Ausdehnung der Handlung auf andere Spielräume – wurden nicht gesetzt. Eine emotionale Beziehung zwischen Schauspielern und Publikum im Theater ist das eine – sie mittels Nahaufnahmen im Kino zu suchen, das andere. Trotz faszinierender Leistungen aller Beteiligten bleibt der Zuschauer nur Zuschauer und nicht Teilnehmer an dem dramatischen Geschehen.

Wertung: hervorragend

Elle

von Paul Verhoeven – F/D/B 2016 – 130 Min.

Isabelle Huppert spielt die coole und resolute Chefin einer erfolgreichen Firma für Videospiele. Ihre Kindheit und Jugend standen unter keinem guten Stern, trotzdem hat sie es geschafft, sich zu behaupten und Karriere zu machen. Sie kann einstecken, aber auch knallhart austeilen. Als sie eines Tages in ihrem Haus von einem Unbekannten angegriffen und vergewaltigt wird, ändert sie ihr Leben. Resolut spürt sie den Angreifer auf und verstrickt sich mit ihm in ein gefährliches Spiel ...

Ein Verhoeven Film – wie immer einer über Grenzen und Abgründe. Wäre da nicht eine souveräne Hauptdarstellerin, so könnte der Film leicht ins Klischee-Fahrwasser abgleiten. Aber so ist es faszinierend, Isabelle Huppert dabei zu beobachten, wie sie ihrer Rolle eine absolute Glaubwürdigkeit verleiht. Dafür wurde sie für mehrere Preise nominiert.

Wertung: hervorragend

Sieben Minuten nach Mitternacht

von Juan Antonio Bayona – USA/E 2016 – 108 Min.

Es ist die Geschichte einer sterbenskranken Mutter und ihrem 13-jährigen Sohn Conor. In der Schule ist er ein Außenseiter, und in der Familie – es gibt noch eine Großmutter und einen Vater, der die Familie verlassen hat – hat er noch nicht seinen rechten Platz gefunden. In der Nacht wird er von Albträumen geplagt. Doch dann ändert sich sein Leben, seine Isolation. Punkt sieben Minuten nach Mitternacht hat sich der große, alte Baum vor seinem Fenster in ein riesiges Monster verwandelt uns spricht mit ihm. Das weise Monster beginnt, ihm Geschichten zu erzählen. Fortan kommt sein ungewöhnlicher Freund jede Nacht und hilft ihm, seine Situation zu bewältigen und sich neuen Erkenntnissen zu stellen.

Emotional bewegendes Gefühlskino über einen Jungen, der zu alt ist, um ein Kind und zu jung, um erwachsen zu sein. Die Gratwanderung der Handlung zwischen Realität und Phantasie gelingt dank behutsamer Regie, hervorragenden Darstellern und atmosphärischen, traumhaften Bildern. Die Spezialeffekte werden hier behutsam im Dienst des Geschehens und nicht als demonstrative Selbstdarstellung eingesetzt.

Ein Film für Erwachsene über die Tumulte der Kindheit; auch ein Film für Kinder ab ca. 12 Jahren.

Wertung: kann man sich ansehen

Split

von M. Night Shyamalan – USA 2016 – 115 Min.

Shyamalan: Der Name bürgt für Qualität, für thrill und suspense. In The Sixth Sense ging es um Hellseherei, in Unbreakable um übermenschliche Kräfte, und in The Visit um krankhafte Verwirrtheit. Hier hat er sich allerdings übernommen. Ein Mann entführt drei Mädchen und verschleppt sie in ein unterirdisches Kellersystem. Er entpuppt sich als ein gefährlicher Psychotiker mit multipler Persönlichkeitsstörung. 23 verschiedene Wesen lauern im Innern des Wahnsinnigen, bestimmen wechselseitig sein Verhalten und sorgen mit Psychoterror für blankes Entsetzen unter den geschockten Teenagern. Während die hilflosen Mädchen verzweifelt nach einer Möglichkeit zur Flucht suchen, ringt der Besessene mit seinen inneren Dämonen...

DREIUNDZWANZIG! Das blicken weder er selbst, noch seine Opfer, noch die Zuschauer durch. Wesentlich weniger wäre weitaus mehr gewesen.

Wertung: hervorragend

Suburra

von Stefano Sollima – It/F 2016 – 135 Min.

Andere Länder – andere (Un-)Sitten! HOUSE OF CARD zeigt, wie Politik in den USA funktioniert. SUBURRA zeigt, wie Politik in Italien funktioniert. Hier geht es um ein millionenschweres Bauvorhaben, das den Einfluss der Mafia in Rom endgültig zementieren könnte. Doch die ehrenwerte Gesellschaft hat nicht als einzige Organisation ihre schmutzigen Hände im Spiel. Hinter dem Projekt steht eine mächtige Allianz aus korrupten Staatsvertretern, überzeugten Neo-Faschisten und Würdenträgern des Vatikans. Im Mittelpunkt ein ehrgeiziger, rücksichtsloser Politiker, der wegen eines Vorfalls – nach einer ausschweifenden Partynacht stirbt eine minderjährige Prostituierte nach einer Überdosis – erpressbar ist. Eine gefährliche Spirale aus Erpressung, Korruption, Gewalt und Mord beginnt sich immer schneller zu drehen. Ein Film mit majestätischem Epos und gewaltigen Bildern; ein kompromissloser, atmosphärisch rasanter Thriller mit scharfer Gesellschaftskritik in der Tradition der italienischen Polit-Thriller aus den 70er-Jahren. Stefano Sollima beleuchtet virtuos die Verflechtungen der italienischen Gesellschaft im Schatten von organisiertem Verbrechen, marodem Staat und skrupellosen Politikern.

Wertung: ärgerlich

Die feine Gesellschaft

von Bruno Dumont – F/D 2016 – 122 Min.

Sommer 1910 an der französischen Normandieküste. Alljährlich findet sich hier der Landadel ein und trifft auf arme Fischer und verlumpte Muschelsammler. Was den Plot zu einer charmanten, amüsanten Filmkomödie liefern könnte, gerät hier zu einer nervenden Ansammlung platter, uninspirierter Witze. Der Film will mit allen Mitteln besonders originell sein – und erreicht das genaue Gegenteil. Nicht auszuhalten!

Wertung: sollte man gesehen haben

Manchester by the Sea

von Kenneth Lonergan – USA 2016 – 137 Min.

Casey Affleck in der Rolle eines schweigsamen Einzelgängers, der als Handwerker eines Wohnblocks in Boston arbeitet. Als er erfährt, dass sein Bruder plötzlich gestorben ist, verändert das sein Leben auf einen Schlag. Nun soll er die Verantwortung für seinen 16-jährigen Neffen übernehmen. Äußerst widerwillig kehrt er in seine Heimat, die Hafenstadt Manchester-by-the-Sea, zurück und gerät dabei in eine Situation, die ihn vor neue Herausforderungen stellt. Damit nicht genug: die alten Wunden einer bewegten Vergangenheit sind noch nicht verheilt und die wüsten Geschichten, von denen er Abstand nehmen wollte, holen ihn wieder ein.

Ein stimmungsvoller Film mit elegischen und spektakulären Bildern einer unwirtlichen, winterlichen Hafenstadt. So tiefgründig und aufbrausend wie der alles dominierende Ozean sind mitunter auch die Menschen, die dort leben. Und inmitten dieser Wirren entsteht aus einer nicht gewollten familiären Beziehung so etwas wie eine Freundschaft zwischen zwei äußerst unterschiedlichen Charakteren.

Wertung: kann man sich ansehen

Die Hölle – Inferno

von Stefan Ruziwitzky – A / D 2016 – 100 Min.

Ein Wien-Krimi mit allen Zutaten. Man nehme einen international agierenden Serienmörder, eine selbstbewußte, nahkampferfahrene Taxifahrerin mit Migrationshintergrund und kinderschändendem Vater, einen Kommissar, der seinen dahinvegetierenden Vater pflegt, das Rotlichtmilieu, schlechtgelaunte Polizisten, klischeegeprägte Gauner, Actionszenen, Verfolgungsfahrten durch Wien etc. Diese Wiener Melange ist fad und überraschungsarm. Zugegeben: Es ist auch schwer, nach „Kottan“ einen Nachfolger zu kreieren.

Wertung: sollte man gesehen haben

Personal Shopper

von Olivier Assayas – F 2016 – 105 Min.

Maureen verdient ihren Lebensunterhalt als persönliche Shoppping-Assistentin der international gefragten Modedesignerin Kyra. Gleichzeitig ist sie ein Medium, das mit dem Reich der Toten in Kontakt treten kann. Sie wartet auf ein Zeichen ihres Zwillingsbruders, der unerwartet an einer Herzkrankheit gestorben ist. Sie erhält Botschaften, aber es ist nicht eindeutig klar, von wem. Es wird kompliziert, als Kyra das Opfer eines Gewaltverbrechens wird und Maureen in Verdacht gerät.

Eine Schauer- und Kriminalgeschichte, die in der Fashionwelt angesiedelt ist. Es ist nicht die Handlung, die diesen Film sehenswert macht, sondern die schauspielerische Leistung von Kristen Stewart, die hier überzeugend gegen ihr „Twilight“-Image anspielt, die ganze Gefühlsskala beherrscht und in allen Phasen präsent ist.

Wertung: sollte man gesehen haben

Diamond Island

von Davy Chou – Frankreich, Kambodscha, Deutschland, Katar, Thailand – 99 Min.

Eigentlich ein Jugendfilm wie so viele andere auch: Die Alltagsrealität in einer großen Stadt, Herumhängen in Cliquen, Jungs interessieren sich für Girls, Girls interessieren sich für Jungs. Abends wohin? Wer etwas Geld hat, kann sich auch was leisten. Wonach sich alle sehnen: Mit dem Roller unterwegs, die Schöne hinten drauf, sichtbar und genüsslich langsam durch die Strassen fahren. Sehen und gesehen werden. Und dazu der Traum von einem besseren Leben, von einem guten Job, von der eigenen Familie.

Was diesen Film jedoch von anderen unterscheidet ist sein Schauplatz: Diamond Island, eine Insel an der Küste von Phnom Penh, die früher Fischereifamilien und Bauern beheimatete und heute ein luxuriöses Neubauprojekt ist für die, die sich den kambodschanischen Traum von Wachstum und Modernität erfüllen wollen. Die Insel – eine permanente Baustelle – zieht die Massen an; vor allem die Jugend von Phnom Penh hat die Insel zu einem ihrer Lieblingstreffpunkt erklärt. Der 18-jährige Bora, der Protagonist des Films, hat sein Dort verlassen, um hier Arbeit zu finden und eine Existenz aufzubauen. Um ihn herum zeichnet der Regisseur das Mosaik eines Landes im Wandel und das einer Generation, die lernen muss, sich neu zu verorten in einer unberechenbaren, veränderten Umwelt. Der Film besticht durch die Leistungen seiner (Laien-)Darsteller und den Kamerafahrten und -perspektiven, die immer wieder neue Facetten eines außergewöhnlichen Ambientes bieten. Davy Chou: „Diamond Island“ ist ein Ort, der mehr als jeder andere die leidenschaftliche und grausame Beziehung der Jugend und dem Mythos der Moderne in Kambodscha verkörpert.“

Wertung: kann man sich ansehen

Hacksaw Ridge – Die Entscheidung

von Mel Gibson – USA 2016 – 131 Min.

Die Handlung des Films beruht auf authentischen Ereignissen und spielt gegen Ende des Zweiten Weltkrieges im Frühling 1945. Desmond Doss ist Kriegsdienstverweigerer, da sich der Einsatz von Waffen sich mit seinen religiösen und moralischen Überzeugungen nicht vereinbaren lässt. Er wurde vor Gericht gestellt und musste zurück an die Front. Weil er von seinen Überzeugungen auch während seines Dienstes nicht abließ, war er permanenter Repressalien und massiven Verfolgungen ausgesetzt. Weder bei seinen Kameraden noch bei den Vorgesetzten fand er Verständnis. Während des Kampfes um die japanische Insel Okinawa sticht er jedoch als einziger Mann aus der Masse der US-Soldaten heraus. Er riskiert alles und kämpft unbewaffnet und unter starkem Beschuss bis zur völligen Erschöpfung für das Leben seiner verwundeten Kameraden; er rettete etwa 75 Schwerverwundeten das Leben.

Im Oktober 1945 wurde Doss von US-Präsident Harry Truman die Tapferkeitsmedaille Medal of Honor verliehen. Mel Gibson, der nach zehn Jahren wieder einmal als Regisseur wirkt, hat einen Kriegsfilm über einen außergewöhnlichen Soldaten gedreht. Dabei gerät das Porträt seines Protagonisten etwas in den Hintergrund gegenüber den lautmalerischen, spektakulären Bildern vom Kampf um Okinawa. Die emotionale Nähe zum Helden des Films geht unter in den endlos wirkenden Kriegsszenen, die mit Hilfe der Kamera und den Spezialeffekten ausführlich und detailliert zelebriert werden.

Wertung: kann man sich ansehen

Verborgene Schönheit

von David Frankel – USA 2016 – 94 Min.

Der deutsche Starttermin kommt zu spät für diesen Weihnachtsfilm. Ein New Yorker (Will Smith) gerät in eine Lebens- und Sinnkrise. Und dann kommen Freunde und Kollegen auf die Idee, ihn seiner Trauer zu überlassen. Sie lassen sich ein Spiel einfallen, um ihm zu helfen. U.a. kreieren sie Figuren wie den Tod (Helen Mirren) und die Liebe (Keira Kneightley). Das ist hohe Schauspielkunst auf engstem Raum. Aber die Handlung reicht über ein gutgemeintes Krippenspiel nicht hinaus.

Wertung: sollte man gesehen haben

Passengers

von Morten Tyldum – USA 2016 – 116 Min.

Jim und Aurora sind zwei Passagiere an Bord eines Raumschiffs, da sie zu einem neuen Leben in der Kolonie Homestead II auf einem weit entfernten Planeten bringen soll. Doch ihre Reise nimmt plötzlich eine lebensbedrohende Wendung. Denn die Schlafkammern, in denen sie liegen, wecken sie auf unerklärliche Weise viel zu früh auf – 90 Jahre bevor sie ihr Ziel erreicht haben. Und nun müssen sie herausfinden, was das Geheimnis der Fehlfunktion ist, denn es steht der endgültige Zusammenbruch des Raumschiffs unmittelbar bevor.

Eine romantische Science-Fiction-Lovestory. Kein Weltraum-Spektakel mit Kampfrobotern, Sternenkriegern, Aliens etc. Eher ein üppig ausgestattetes Kammerspiel in luxuriösem Ambiente mit viel Raum und wenigen Akteuren. Aber mit berauschend schönen Bildern und zwei Hauptdarstellern (Chris Pratt und Jennifer Lawrence), denen man bei der Bewältigung innerer und äußerer Konflikte gebannt und gespannt zusieht.